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Grenzgänger

 

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Eugen Drewermann, Grenzgänger, Patmos 2015, ISBN 978-3-8436-0663-9

Was ein Rebell ist, ein Verbrecher oder Held, entscheidet oft genug die Gunst der Umstände oder die Ungunst der Verhältnisse; doch was ein Mensch ist, darf nicht abhängen von Glück oder Unglück, es muss sich entscheiden an der Art seiner Persönlichkeit.

Wer also war, wer ist dann zum Beispiel Prometheus?

Aus Mitleid mit dem Leid der Menschen lehnte er sich auf gegen die Grausamkeit des Gottes

Zeus, und der warf ihn hinunter in den Tartaros, – die Vorstellung des Teufels und der Hölle stammt aus solchen Bildern. Doch darf sich das Christentum bei derartigen Anschauungen beruhigen? War Jesus selbst nicht ein Rebell, der hingerichtet wurde im Namen Gottes als ein am Holz Verfluchter? Dass jemand furchtbar leidet, spricht ihn nicht auch schon schuldig.

Der Geist der Aufklärung, doch auch der Titanismus des Industriezeitalters im 19. Jahrhundert, erkannte sich in der Gestalt eines Prometheus wieder. In Sisyphos sah der französische Existentialismus die Grundbefindlichkeit des Daseins im Absurden dargestellt. In Tantalos könnte die heutige Konsumgesellschaft ihren Spiegel vorgehalten finden.

Alle in den Tartaros Geworfenen warten darauf, erlöst zu werden, indem man versteht, woran sie leiden. Ihre Konflikte sind uneingeschränkt die unseren, und sie ergeben sich, solange dieSphäre des Göttlichen sich im unendlichen Abstand zu den Menschen hält.

Das Rad des Ixion, der Fluch des Sisyhos– sie sind die unvermeidbare Folge einer verzweifelten Suche des Unendlichen im Endlichen. All die Gestalten der griechischen Mythen sind Fragen an unser eigenes Leben und die Art unseres Umgangs mit menschlicher Not.

Welche Wege gibt es, sie von ihrem Unglück zu befreien? Diese Frage führt Drewermann zum Kern der christlichen Botschaft: „das Verlangen nach einem Leben ewiger Liebe und ewigen Glücks ist erfüllbar einzig in der Gnade und in der Treue eines Gottes, der den Menschen Unsterblichkeit schenkt. Der Mythos der Heiligen Hochzeit hat recht: Menschen besitzen Unsterblichkeit nicht als Zustand des Seins, doch wird sie ihnen zuteil als Gabe des Himmels. Gerade vor der dunklen Folie antiker Mythen erscheint so zu glauben als die wichtigste Voraussetzung eines gelingenden Daseins. Die Unsterblichkeit der Liebe und die Ewigkeit Gottes – sie beide schließen sich zur Gestalt eines Schlüssels zusammen, der allein die ehernen Tote des Tartaros für immer zu öffnen vermag.“