Schlagwort-Archive: Flüchtlinge

Bestimmt wird alles gut

 

 

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Kirsten Boie, Jan Birck, Bestimmt wird alles gut, Klett Kinderbuch 2016, ISBN 978-3-95470-134-6

 

Kirsten Boie hat sich in ihrer langen Geschichte als Autorin von Büchern für Kinder schon des Öfteren schwieriger Themen angenommen. In ihrem neuen Buch versucht sie Kindern im Grundschulalter zu erklären und verständlich zu machen, was doch die Erwachsenen und auch die Medien nicht richtig fassen können. Das Drama der Flüchtlinge, die vor dem Krieg in Syrien und anderswo flüchten und unter Einsatz ihres Lebens in Europa Schutz, Rettung und ein neues, sicheres Leben sich erträumen. Sie macht das so, dass sie das komplexe Thema am Beispiel einer einzelnen Familie erzählt. Es ist die Geschichte der 10-jährigen Rahaf. Früher einmal lebte sie mit ihrer Familie in einem großen Haus. Und dann sieht sie plötzlich Menschen sterben in einem fürchterlichen Krieg, in dem Bombenangriffe den Alltag schon von Kindern bestimmen.

Als ihre Familie beschließt, nach Europa zu fliehen, muss Rahaf ihre Oma und ihre beste Freundin zurücklassen. Ohne Feinzeichner erzählt Boie von der Flucht, der schwierigen Ankunft in Deutschland und den Sorgen der Familie um ihre Zukunft. Der Vater findet keine Arbeit und in der Schule fühlt sich Rahaf fremd.

„Bestimmt wird alles gut.“ So denkt auch Rahaf, verliert ihre Hoffnung nicht, lernt bald Deutsch und findet in Emma auch eine gute Freundin. Obwohl das Buch vieles besser und einfacher darstellt, als es wohl in der Realität für die meisten Flüchtlingen aussieht, kann das Buch Kindern auf eine gute Weise die Flüchtlingsproblematik erklären, die in diesen Tagen und Monaten die gesamte öffentliche Debatte bestimmt.

Nach einer Welle der Begeisterung auch über die eigene Willkommenskultur beherrscht die Angst zunehmend die Köpfe und Herzen auch von den Menschen, die gerne helfen wollen. Besseres Verständnis statt schneller Abwehr – dazu kann dieses kleine Buch beitragen.

 

 

Exodus

 

 

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Paul Collier, Exodus. Warum wir die Einwanderung neu regeln müssen, Pantheon 2016 ISBN 978-3-570-55287-2

Kurz nach Erscheinen der Hardcoverausgabe dieses Buches schrieb ich Ende September 2014 in einer Rezension:

„In diesen Wochen und Monaten beginnen die Kommunen und Landkreise unseres Landes laut und öffentlich zu stöhnen über die großen Belastungen, die eine immer größer werdende Zahl an Flüchtlingen mit sich bringt, denen sie sich nicht gewachsen zeigen. Tatsächlich sind sie allein mit der guten Betreuung dieser traumatisierten Menschen überlastet.

Gleichzeitig aber, und das ist wohl der große Unterschied zu der letzten großen Flüchtlingswelle vor allem aus dem Balkan in den neunziger Jahren: es gibt in der Bevölkerung eine große und nachhaltige Hilfsbereitschaft, die man damals schmerzlich vermisste.

Bislang sind fremdenfeindliche Stimmen erfreulich selten. Die Menschen sehen ein, dass es den Flüchtlingen und Emigranten bis auf wenige Ausnahme um ihren Leib und ihr Leben geht und nicht um das „Erschleichen“ von bundesdeutschen Sozialleistungen.

Dennoch: die Einwanderung von Flüchtlingen aus instabilen Ländern in die Länder der EU, aber auch andere, wird noch weiter zunehmen. Das ist ein unumkehrbarer Prozess, auf den man sich einstellen und auf den man klug reagieren muss.“

Wie haben sich die Zeiten  seither verändert! Wie mächtig ist das Problem geworden und wie groß die Ängste und Befürchtungen in der Bevölkerung. Die Politik in Deutschland und erst recht in Europa bekommt das Probleme einfach nicht den Griff. Immer mehr Abschottungsmaßnahem auch von Gesellschaften, die im vergangenen Jahr sich noch sehr offen zeigten für die Aufnahme von Migranten, greifen Platz und die Aggression steigt. Gerade deshalb ist der Ansatz von Paul Collier so wichtig.

Paul Collier, der mit seinen Büchern über die „unterste  Milliarde“ und den „hungrigen Planeten“ gezeigt hat, wie man globale Probleme scharfsichtig analysieren kann ohne den nötigen begründeten Optimismus für ihre gerechte Lösung zu verlieren, beschreibt in seinem neuen Buch „Exodus“, „warum wir Einwanderung neu regeln müssen“. Es geht ihm dabei zum einen um die Aufnahmegesellschaften, die von einer reinen Abwehrhaltung zu einer Begrüßungskultur kommen müssen, aber auch um die Zurückgebliebenen in den Heimatländern der Flüchtlinge, die nicht abgehängt werden dürfen vom allgemeinen Wohlstand.

Unaufgeregt und sachlich diskutiert Collier die nötigen Maßnahmen und hat am Ende einen wohltuenden, optimistischen, hoffnungsvollen und weiten Blick in die Zukunft. Seine konkrete Utopie hat mich dermaßen angesprochen, dass ich sie hier länger zitiere:
„Internationale Massenmigration ist eine Folge extremer globaler Ungleichheit. Wie nie zuvor sind sich junge Menschen in den ärmsten Ländern bewusst, welche Chancen sich ihnen anderswo bieten. Die Ungleichheit ist in den letzten zwei Jahrhunderten entstanden und wird im kommenden Jahrhundert beseitigt werden (!). Heute schließen die meisten Entwicklungsländer rasch zu den einkommensstarken Ländern auf. Diese Annäherung ist die große Geschichte unserer Zeit. Massenmigration ist daher kein dauerhaftes Merkmal der Globalisierung. Ganz im Gegenteil ist sie eine vorübergehenden Reaktion auf eine hässliche Phase, in welcher der Wohlstand noch nicht globalisiert ist.“

Auch in den Ländern, aus den die Emigranten kommen wird sich viel ändern: „Die Loyalität verlagert sich immer mehr von Clans zu Nationen.“
„Im Zuge der schrittweisen Umgestaltung ihrer Sozialmodelle werden sich die Identitäten von der Zersplitterung der Clan-Zugehörigkeit zum vereinigenden Nationalgefühl ausweiten, und indem diese Länder die gutartigen Seiten des Nationalismus nutzen, werden sie in zunehmendem Maße den alten einkommensstarken Ländern vorn der Migration gleichen.“

Vielleicht es dieser langfristige und weite Blick, der die zunächst gefeierte, mittlerweile aber immer stärker in die Kritik im In- und Ausland geratene Haltung von Angela Merkel zu dieser Frage leitet.

Der sehr skeptisch gewordene Rezensent fragt sich allerdings, ob den europäischen Staaten angesichts der innenpolitischen und großen gesellschaftlichen Widerstände die Zeit bleibt, auf eine solche Entwicklung zu setzen.

Wie auch immer: jeder, der sich mit dieser Frage ernsthaft und nicht populistisch beschäftigt, sollte dieses Buch lesen und seinen Ansatz prüfen.

Der rote Mantel

 

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Heinz Janisch, Brigitta Heiskel, Der rote Mantel. Die Geschichte vom heiligen Martin, Tyrolia 2015, ISBN 978-3-7022-3489-8

 

Seit 1700 Jahren erzählt man sich die Geschichten vom heiligen Martin, der seinen Mantel teilte, vom Soldat zum Einsiedler und Mönche wurde und schließlich zum Bischof von Myra ernannt wurde. Selten war diese Geschichte in den letzten Jahrzehnten auch und gerade für Kinder so aktuell wie heute. Millionen Menschen sind auf der Flucht und Unzählige von ihnen glauben, dass sie in unserem Land Schutz finden.

Eine riesige Zahl von ehrenamtlichen Helfern engagiert sich in der Unterstützung dieser Flüchtlinge, die zunächst nur in Hallen und anderen Notunterkünften notdürftig auch mit Kleidung und Decken versorgt werden. Von einem dieser Menschen, einer freundliche Frau wird, in diesem Buch von Heinz Janisch, das Brigitta Heiskel sensibel und zart illustriert hat, erzählt.

In einer Notunterkunft, in die der kleine Amir mit seinem Vater nach einer langen Flucht untergekommen ist, bietet ihm eine warme Suppe an. „Das ist eine Suppe, damit wird dir schon warm“, sagt sie, denn sie kann seine Sprache. Und Amir berichtet ihr von einem Mann, der ihm die Hälfte seiner roten Decke geschenkt habe.

Und, der Zusammenhang könnte gar nicht deutlicher sein, erzählt sie ihm und allen Kindern, denen dieses schöne Buch vorgelesen wird, die alte Geschichte von heiligen Martin und warum die Kinder bis auf den heutigen Tag in Erinnerung an ihn und seine tiefe Menschlichkeit am Martinstag Lichter anzünden.

Doch nichts wärmt so sehr wie die Umarmung, in der sich Amir und die freundliche Frau am Ende des Buches befinden, dankbar, dass sie sich begegnet sind.

Schon lange war die Botschaft des heiligen Martin nicht mehr so aktuell wie heute. Dieses Buch eignet sich hervorragend, das aktuelle Schicksal der vielen Flüchtlingen in unserem Land mit seiner alten Botschaft zu verbinden.