Schlagwort-Archive: Holocaust

Und du bist nicht zurückgekommen

 

 

42766709z

Marceline Loridan-Ivens, Und du bist nicht zurückgekommen, Insel 2015, ISBN 978-3-458-17660-2

 

Fünfzehn Jahre alt ist Marceline Rozenberg, als sie 1944 zusammenmit ihrem Vater von den Nazis festgenommen wird und deportiert wird. Sie kommt nach Birkenau und überlebt dort wie durch ein Wunder, der Vater kommt in Auschwitz ums Leben. Kurz vor seinem Tod gelingt es dem Vater auf einem kleinen Zettel eine Botschaft an seine Tochter aus dem Lager zu schmuggeln. Doch Marceline kann sich nur noch an die Anrede („Mein liebes kleines Mädchen“) und an die Unterschrift des Vaters. Den Rest hat sie vergessen, worunter sie ein Leben lang leidet.

Siebzig Jahre nach ihrer Befreiung aus Auschwitz schreibt sie mit Hilfe von Judith Perrignon ihrem Vater einen langen Brief. Der Brief ist eine Liebeserklärung an den Vater und gleichzeitig ein letzter Versuch, die furchtbaren Geschehnisse aus der Vergangenheit zu verarbeiten. Grauenvolle und unmenschliche Ereignisse, die das normale Vorstellungsvermögen übersteigen, und die Marceline für ihr ganzes Leben prägen sollten.

Doch sie erzählt auch von dem Leben danach, als niemand hören wollte von „dort“ und als sie unter einem stummen Vorwurf gelitten hat: warum bist du zurückgekommen und nicht der Vater, den die Familie nötiger gebraucht hätte.

Das kleine Buch ist ein bewegendes Zeugnis einer Überlebenden, die wie vieler andere, die ein ähnliche Schicksal hatten, ihr ganzes Leben lang damit hadern, überlebt zu haben und das Lager nie ehr aus ihrer Seele bekommen:

„Die Wörter hatten uns verlassen. Wir hatten Hunger. Das Massaker war in vollem Gange. Ich hatte sogar Mamas Gesicht vergessen. Und da war deine Botschaft vielleicht plötzlich zu viel Wärme, zu viel Liebe, ich habe sie nach dem Lesen sofort geschluckt, wie eine Maschine, die Hunger und Durst hat. Und dann habe ich sie ausgelöscht. Zu viel daran denken hieß, den Mangel zuzulassen, es macht verwundbar, es weckt die Erinnerungen, es schwächt und es tötet. Im Leben, dem richtigen, vergisst man auch, man geht darüber hinweg, man verlässt sich auf die Gefühle. Dort ist es das Gegenteil, zuerst verliert man die Bezugspunkte der Liebe und der Sensibilität. Man erfriert von innen her, um nicht zu sterben.“

 

 

 

 

 

Provokateure

 

 

41762691n

Martin Walker, Provokateure, Diogenes Verlag 2015, ISBN 978-3-257-80363-1

 

In seinen bisherigen Büchern mit dem sympathischen Bruno Courreges, dem Chef de Police in dem kleinen Städtchen St. Denis im Perigord ist es dem Engländer Martin Walker jedes Mal sehr gut gelungen, ein aktuelles Thema in einem konkreten Kriminalfall zu verbinden mit sehr aufschlussreichen Rückblicken in die dunklen Kapitel der französischen Geschichte.

 

In seinem neuen Buch, dem siebten Fall Brunos, hat er sich dabei allerdings leicht verhoben und sein Buch mit zu viel thematischer Fracht beladen.

 

Da ist im ersten Strang die Geschichte eines in St. Denis aufgewachsenen durch ein Massaker in seiner früheren Heimat Algerien zum Autisten mutierten muslimischen Jungen, der durch radikale Elemente in der Moschee von Toulouse in den Dschihad nach Afghanistan geschickt wurde und nun mit Hilfe des französischen Militär wieder nach Hause geholt wird. Da er durch seinen Autismus jede Nummer und Einzelheit im Kopf hat, wird er sofort zum Objekt nicht nur der französischen, sondern auch der amerikanischen Geheimdienste.

 

Die mit Brunos ehemaliger Geliebten Isabelle (dass sie das gemeinsame Kind hat abtreiben lassen, quält Bruno immer noch und wird auch in diesem Buch wieder erwähnt) bekannte amerikanische Geheimdienstmitarbeiterin löst in Bruno schon bei der ersten Begegnung eine ungeheure sexuelle Anziehungskraft aus, die über das ganze Buch anhält, und wieder einmal nicht ihre wirkliche Erfüllung findet. Dass Bruno immer noch von einer Familie mit eigenen Kindern träumt, und sich dennoch immer wieder in die Nähe von Frauen begibt, die das nicht wollen oder können, beginnt langsam langweilig zu werden.

 

In einem dritten Strang verwebt Martin Walker die Geschichte der in Südfrankreich während der Nazi-Besatzung versteckten jüdischen Kinder ein, indem er eine alte in Israel lebenden Überlebende dem Städtchen St. Denis eine große Donation zukommen lassen will.

 

Die aktuelle Bedrohung Frankreichs durch seine radikalen Muslime (da nimmt Walker kein Blatt vor den Mund ist politisch wohltuend unkorrekt) mit der Geschichte der geretteten jüdischen Kinder 1943 ff. zu verbinden, hat seinen eigenen Charme, doch die ganze Geschichte zieht sich zu sehr in die Länge und auch der sehr überraschende Schluss wirkt wie an den Haaren herbeigezogen.

 

Für mich steckt die Reihe in einer Krise. Mein Vorschlag: aus der Krise herauskommen, in dem man den alerten Bruno, der nie einen Fehler zu machen scheint, mal in eine richtige Lebenskrise kommen lässt.

 

Johannes Steck hat in der Einspielung der Hörbuchfassung des Buches sein Bestes gegeben, den Eindruck der inhaltlichen Überfrachtung aber konnte auch er nicht verwischen.