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Die einsamen Liebenden

 

 

 

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Eshkol Nevo, Die einsamen Liebenden, DTV 2016, ISBN 978-3-423-26088-6

 

Eshkol Nevo zählt mittlerweile zu den auch weit über die israelischen Grenzen hinaus bekannten Schriftstellern. In allen seinen Büchern, insbesondere dem letzten „Neuland“, sind seine Figuren beseelt von einer großen Sehnsucht. Sie suchen nach dem Sinn ihres Lebens, wagen Neuanfänge und sehen sich doch immer wieder eingebunden in ein Netz von Familie und Freunden.

Auch in seinem neuen Roman, einer Art Realsatire geht es um Menschen, die nach Liebe und nach so etwas wie einer Heimat suchen. Angesiedelt hat er die Handlung in einem fiktiven Pilgerort, einer frommen Provinzstadt. Sie wird „Stadt der Gerechten“ genannt und ist Anziehungspunkt für viele „religiosniks“.

Gerade in diesem Ort, in einem Stadtteil namens „Ehrenquell“ sind vor einiger Zeit eine große Anzahl atheistischer russischer Rentner angesiedelt worden. Sie haben keine Idee vom Judentum., aber sie haben so wie fast alle Menschen in Nevos Romanen Träume von einem Neuanfang von einer neuen Heimat, von Zugehörigkeit.  Da sie weder Hebräisch sprechen noch irgendeine Art von Verständnis haben für das, was nach dem Brief eines amerikanischen Juden namens Mandelsturm an den Bürgermeister der Stadt geschieht kommt es in der Folge zu Missverständnis, die Nevo mit viel Komik witzig schildert. Mandelsturm will der Stadt nach dem Tod seiner geliebten Frau eine Mikwe, ein rituelles Tauchbad stiften.

Moshe, ehemaliger Kibbuznik und Eliteoffizier der israelischen Armee, ist nach schwerer Lebenskrise ultraorthodox geworden  und hat eine Familie gegründet. Nun arbeitet er als Berater des Bürgermeisters und wird von diesem mit dem Auftrag betraut, den Bau der Mikwe zu beaufsichtigen. Da es schon sehr viele Mikwes in der Stadt der Gerechten gibt, man aber die großzügige Spende aus Amerika nicht ausschlagen will, wird beschlossen, sie im Stadtteil Ehrenquell zu bauen. In direkter Nachbarschaft eines Armeestützpunktes, um den ein großes Geheimnis gemacht wird.,

Die russischen Rentner bekommen natürlich die Bauaktivitäten mit und glauben fälschlicherweise, für sie würde eine Art Clubhaus gebaut. Schneller als man denkt, haben sie einen Schachclub gegründet, und nehmen bei der ersten Gelegenheit dafür die Mikwe in Besitz.

Baumeister der Mikve ist ein arabischer Israeli, Ben Zuk. Man wirft ihn wegen Militärspionage ins Gefängnis. Mutig wehrt er sich solange, bis er frei gelassen wird. Schon immer beobachtet er Zugvögel. Er ist vielleicht der freieste Charakter des Romans. Seine Entschlossenheit, Israel zu verlassen  ähnelt den unerklärlichen Abirrungen von Vögeln, die „plötzlich allein weit ab von ihrer normalen Zugroute in einem Teil der Welt auftauchen, in den sie gar nicht gehören“, den sogenannten „Lost solos“

Moshe begegnet im Rahmen seiner Arbeit seiner alten Jugendliebe Ayelet, was ihn  sehr durcheinander bringt. Doch auch andere Liebende hoffen auf neue Impulse ihres Liebeslebens.

Verschiedene Stränge der Handlung werden von Eshkol Nevo gut miteinander verbunden. Kritik an der Arroganz des Militärs hat genauso ihren Platz wie eine Fülle von in Israel bekannten Klischees über das russische Volk.  Moshe und Ayelet sind zwei einsam Liebende, die von einer gemeinsame Zukunft träumen, aber immer wieder scheitern.

Doch so wie anderen Menschen in dieser märchenhaften Komödie geben sie nicht auf, sich zu sehen nach Veränderung, nach eine Art Wunder, das ihrem Leben Sinn und Erdung gibt.

Vielleicht ein starkes Symbol für eine Haltung vieler Menschen im heutigen  krisengeschüttelten Israel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Land der Verzweiflung

 

 

 

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Nir Baram, Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25046-8

 

Der mittlerweile 40 Jahre alte israelische Schriftsteller und Intellektuelle Nir Baram hat sich in den letzten Jahren nicht nur zu einem der schärfsten Kritiker der israelischen Besatzung des Westjordanlandes entwickelt, sondern zählt mittlerweile auch international zu den Schriftstellern, die in einem Atemzug mit Amos Oz oder David Grossmann genannt werden.

Doch ähnlich hart wie mit der israelischen Regierungspolitik geht er um mit der israelischen Linken und der liberalen Boheme in Tel Aviv. Sie, so sagt er, halten an überkommenen Friedensplänen fest, die vielleicht in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts so etwas wie Hoffnung versprachen, mittlerweile aber völlig obsolet geworden sind.

Dies zeigen sehr überzeugend seine Reportagen, die er bei Besuchen 2014 und 2015 in den besetzten Gebieten Westjordanlands geschrieben hat und die hier in einem Band gesammelt sind. Er kommt zu dem Schluss, „dass die überwiegende Mehrheit aller Israelis keine Ahnung hat, wie das Leben auf der Westbank aussieht. Die meisten sind noch niemals dort gewesen. Man könnte meinen, wir reden über einen theoretischen, nebulösen Ort, der in unserer politischen Vorstellung nur vage existiert, so, wie wir über die Bürgerkriegsschauplätze in Syrien oder Kongo reden.“

Auch direkt in Ost-Jerusalem, nur wenige hundert Meter entfernt von den Orten, an denen die Touristen sich gegenseitig auf die Füße treten, hinter einer 12 Meter hohen Mauer, sieht er sich in Ras Khamis mit einer Welt konfrontiert, die man in Israel nicht vermutet hätte:

„Ich habe bei meinen Recherchen Orte in Jerusalem gesehen, die waren schrecklicher als jeder andere Ort, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Schlimmer als in jedem Drittweltland, das ich besucht habe. Vor allem in jenen Teilen Ost-Jerusalems, die hinter der Sperrmauer liegen. Niemand im restlichen Israel glaubt, dass Menschen dort unter solch grauenvollen Bedingungen leben müssen.“

In den Dörfern der Palästinenser begegnet er sowohl Menschen, die eine Versöhnung für illusionär halten, als auch welchen, die genau dafür arbeiten. Er erzählt davon, wie eng auf diesem Gebiet schon lange zusammengewachsen ist, was doch nach der Ideologie beider Seiten nie zusammengehören sollte. Ohne die wirtschaftlichen Verbindungen der Palästinensergebiete zu Israel würden diese binnen weniger Wochen kollabieren. Genauso verhält es sich mit den jüdischen Siedlungen:

„Sie sind überall, nicht nur in den großen Siedlungsblöcken, sie sind einfach überall, egal, über welche Straße man durch das Westjordanland fährt, überall sieht man die Siedlungen. Wir sind also nicht mehr in den 1990er-Jahren, wir haben es 2016 mit einer neuen Realität zu tun, in der sich hunderte und aberhunderte Siedlungen überall im Westjordanland finden. Und in denen leben hunderttausende Siedler. Juden und Palästinenser leben dort also miteinander total vermischt. Und ich kenne einfach keine politisch umsetzbare Idee, wie man diese Siedler aus dem Westjordanland wieder herausbekommen könnte.“

Zwei Völker, eine Heimat. Das ist eine Initiative in Israel, bei der Nir Baram mitarbeitet, und die auf kleine Modellprojekte für das gleichberechtigte Miteinander von Juden und Palästinensern baut und sie fördert und unterstützt. Eine hoffnungsvolle Alternative zu jener anderen Dystopie eines Apartheidmodells, von dem manche Hardliner träumen.

 

 

 

 

 

 

 

Chuzpe, Anarchie und koschere Muslime

 

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Johannes C. Bockenheimer, Chuzpe, Anarchie und koschere Muslime, Pantheon 2015, ISBN 978-3-570-55276-6

 

In vielen in den vergangenen Jahren erschienen Büchern haben Autoren versucht zu verstehen und zu beschreiben, was in Israel innenpolitisch und gesellschaftlich vor sich geht. Sie haben Ursprünge lebendig gemacht und Perspektiven für die Zukunft aufgezeigt. Von all diesen Büchern sei Carlo Strengers 2011 erschienenes Buch „Israel“ genannt. Darin wurde folgendes deutlich:

Israel geht seit einigen Jahren durch eine der schwersten Krisen seit der Staatsgründung 1948. Nach außen ist das Land isoliert, selbst bei wohlwollenden Politikern und Intellektuellen in Europa rufen die Entscheidungen der Regierung nicht nur großes Unverständnis, sondern mehr und mehr unverhohlene Ablehnung hervor.

Vom Friedensprozess mit den Palästinensern ist keine Rede mehr, Araber und Juden leben im Alltag mit gegenseitiger Verachtung nebeneinander her und der eskalierende, hier in Europa kaum wahrgenommene Kampf zwischen den religiösen und den säkularen Juden nimmt Formen an, die nicht erst seit gestern die Grundfesten der israelischen Gesellschaft bedrohen, die innerlich mehr und mehr zerreißt.

Mit Hilfe der Psychohistorie und mit unzähligen Beobachtungen aus dem Alltag versuchte Carlo Strenger in diesem nach wie vor lesenswerten Buch den deutschen Lesern Einsichten zu vermitteln in die auch historisch gewachsene Mentalität des Landes und sich damit jenseits der weltweit eingefahrenen Wahrnehmungen Israels zwischen Dämonisierung und Idealisierung zu verorten.

Er plädiert für die mentale Abrüstung der Projektionen auf allen Seiten, die er nachvollziehbar und transparent darstellt. Dabei versucht er, das menschliche Bedürfnis nach Sinnsuche nicht zu übersehen. Diese Kategorie taucht in seinem Buch immer wieder auf. Er kommt zu dem Schluss, dass nur eine Politik jenseits des Erlösungsbedürfnisses, die mit der Unvollständigkeit der menschlichen Existenz Frieden geschlossen hat, Israel und dem Nahen Osten Frieden bringen kann.

Ganz anders, aber mit dem gleichen leidenschaftlichen Impetus, Israel, das er durchaus auch als sein Land versteht, versucht der deutsche Journalist Johannes C. Bockenheimer das aktuelle Israel zu beschreiben und zu einem persönlichen, für den Leser nachvollziehbaren Verständnis zu kommen. Er begegnet Schriftstellern wie Amos Oz, führt Gespräche mit Politikern, Rabbis und Managern, aber auch mit ganz normalen Menschen, die sonst niemand um ihre Meinung bittet über ihr Land.

Er konfrontiert diese ernüchternden Bestandsaufnahmen immer wieder mit der Gründungsidee von Theodor Herzl und mit dem, was die vielen Menschen bewegte, die teilweise schon vor dem Zweiten Weltkrieg in Palästina einwanderten und vor und nach der Staatsgründung das Land trotz immer stärker werdenden militärischen Bedrohungen durch die Araber und Kriege mit ihnen das Land zum Blühen brachten.

Doch Bockenheimer resümiert: „Der Staat Israel existiert zwar, Herzls Versprechen aber, dass mit dem Judenstaat auch der Judenhass Geschichte sein würde, hat sich als Märchen erwiesen. Herzl ist nicht an den Zionisten gescheitert, sondern an den Antisemiten.“

Johannes Bockenheimer ist mit einer lockeren Sprache ein Buch gelungen, das nicht nur ein wichtiges Panorama der gegenwärtigen israelischen Gesellschaft liefert, sondern auch eine unterhaltsame und stellenweise regelrecht witzige Lektüre ist.

 

Jerusalem. Menschen und Geschichten einer wundersamen Stadt

 

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Iris Berben, Tom Krausz, Jerusalem,. Menschen und Geschichten einer wundersamen Stadt, Corso 2015, ISBN 978-3-7374-0715-1

 

Jerusalem – für die drei abrahamitischen Religionen heilige und umkämpfte Stadt. Im Augenblick regiert dort wieder einmal die nackte Angst. Es herrscht wieder einmal Krieg zwischen den Israelis und den Palästinensern, und nur noch wenige Menschen dort glauben daran, dass dieser Konflikt jemals mit einem dauerhaften Friedenschluss gelöst werden könnte. Zuviel Blut ist geflossen, zu viele Männer und Frauen haben ihr Leben gelassen in den Kriegen und bei den Anschlägen, die die Bevölkerung immer wieder in Angst und Schrecken versetzen.

Zeruya Shalev, selbst vor Jahren Opfer eines solchen palästinensischen Anschlags geworden, hat in ihrem neuen Roman „Schmerz“ auf eine beeindruckende literarische Weise gezeigt, wie Menschen in Israel mit diesem Schmerz, dieser Wunde, dieser Angst umgehen.

Iris Berben, die für dieses Buch die Texte geschrieben hat, ist seit 1968, als sie ihre Liebe für dieses Land und seine Menschen entdeckte, immer wieder auch in Jerusalem gewesen, hat auch einmal längere Zeit dort gelebt. Mittlerweile ist sie eine der bekanntesten Förderinnen des deutsch-jüdischen Verhältnisses und wurde für ihr Engagement 2002 mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet.

Sie lässt in ihren Texten Jerusalem als den spirituellen Ort lebendig werden für den Leser, als der er von den meisten Menschen geliebt wird. Man glaubt regelrecht mit ihr durch die engen Gassen zu gehen und die Gerüche und Geräusche wahrzunehmen, von denen sie berichtet.

Der Krieg und der Terror sind wenig präsent in ihren Texten, genauso wie in den beeindruckenden Fotografien von Tom Krausz, spontane Notizen in Bildern, die neben den Texten von Iris Berben ihre eigene Faszination ausstrahlen.

Zwei subjektive Blicke auf „eine wundersame Stadt“, wie es im Untertitel des Buches heißt. In Jerusalem, schreibt Iris Berben, „denken wir nach über den Ursprung der Menschheit, der Religion, über unsere Wurzeln.“

Ein schönes, ernsthaftes Buch über eine Stadt, die auch die jüngsten Auseinandersetzungen überleben wird, weil sie etwas in sich trägt, was ewig ist.

 

Skip

 

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Katharina Hacker, Skip, S. Fischer 2015, ISBN 978-3-10030065-2

 

Im Jahr 2006 gewann sie mit ihrem Buch „Die Habenichtse“ den Deutschen Buchpreis. Nun legt Katharina Hacker, die von 1990 bis 1996 in Israel gelebt hat, einen neue Roman vor mit dem Titel „Skip“. Skip ist der Nickname des israelischen Architekten Jonathan Landau, ein Mann mit europäischen Wurzeln in der Mitte seines Lebens. Er, der sich bisher als einen soliden Zeitgenossen gesehen hatte, ein Architekt der das Sichtbare mag („Mein Leben besteht aus Zimmern, aus Mauern, Wänden, Fußböden, Türen. Aus Sachen, die ich anfasse und die ich genau kenne“.), ist plötzlich mit Dingen konfrontiert, die nur er wahrnimmt und über die er mit keinem Menschen sprechen kann. Mit einem übersinnlichen Phänomen einer inneren Stimme, die ihn mehrmals innerhalb mehrerer Jahre an Orte ruft, an denen wenig später eine Katastrophe geschieht: ein Zugunglück in Paris, ein Flugzeugabsturz in Amsterdam, ein Attentat auf ein Hotel in Ägyptens Hauptstadt. An jedem der Orte gibt es viele Opfer, darunter stets ein Mensch, dem Skip sich besonders verbunden fühlt. Seiner Seele leistet er solange Gesellschaft, bis sie sich daran gewöhnt hat, tot zu sein.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich Menschen, die mit einem Bein im Grab stehen, Hilfe suchend an Skip wenden. Denn Skip steht mit nur einem Bein im Leben. „Vor allem bin ich nicht“, sagt er. Kein richtiger Architekt, weil er keine neuen Häuser entwirft, sondern nur alte Häuser umbaut. Kein richtiger Jude, weil seine Mutter keine Jüdin war. Kein richtiger Mann, weil er unfruchtbar zu sein scheint. Die beiden Söhne, die er mit seiner Frau Shira in Israel großzieht, hat wohl ein anderer Mann gezeugt – mit Skips Einverständnis. Der Gedanke daran quält ihn jahrelang.

Skip steckt in einer veritablen Identitätskrise. Dazu gehört, dass er sich immer weiter von seiner Frau entfernt. So nahe ihm die fremden Sterbenden kommen, so hypersensibel er auf ihr Leiden reagiert, so distanziert geht er mit ihr um, als sie unheilbar an Krebs erkrankt. Er spricht kaum mit ihr, nicht über ihre Krankheit und nicht über den Tod. Während sie stirbt, hat er sogar noch eine Affäre.

Immer wieder beschreibt Katharina Hacker historische Ereignisse, die in den neunziger Jahre (als sie selbst dort lebte) den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern geprägt haben. Attentate und immer wieder Tote. Der Tod ist in Israel bis auf den heutigen Tag nie abstrakt. Immer wieder denkt Skip über den Tod und seien mystischen Erlebnisse nach, doch mehr noch quält seine Gedanken das Leben: „Ich denke über den Tod nach, um über das Leben nachzudenken“, weil es mir noch schwieriger erscheint, über das Leben nachzudenken“.

„Wir wollen unser Leben, unsere Geschichte wie ein Haus“, sagt der Architekt Skip. „Von Zimmer zu Zimmer wollen wir gehen und begreifen, wo die Türen sind, aus den Fenstern wollen wir hinausschauen, um zu sehen, in welcher Stadt das Haus ist und wer vorübergeht“.

Doch während er durchaus erfolgreich, zuerst in Tel Aviv, später dann in Berlin, Häuser und Wohnungen baut und umbaut, bekommt er die Statik seines eigenen Lebens nicht recht in den Griff. Er ist sich selbst abhandengekommen.

„Vielleicht versucht man mit jedem Erzählen überhaupt herauszufinden, was der innere Zusammenhang von Dingen ist“, sagt er. Es ist ein Versuch, der scheitert.

Mit einem Stil, der dem Leser allerhöchste Konzentration abfordert, dringt Katharina Hacker mitten in den Kern Israels vor. Sie verbindet eine persönliche Geschichte mit selbst erlebter Zeitgeschichte der neunziger Jahre, und ist dennoch aktuell. Denn es hat sich nicht viel verändert in diesem Land. Zusammen mit Sheruya Shalevs „Schmerz“ ist „Skip“ das Buch in diesem Herbst, das die mörderische Gegenwart Israels spiegelt und wie sie den Menschen zu schaffen macht.

„Skip“ ist auch meines Wissens der erste Roman einer deutschen Schriftstellerin, der in Israel spielt. Wenn man das Buch lesen würde, ohne die Autorin zu kennen, würde man sicher sein, der Roman stammte von einem israelischen Autor oder Autorin.

Ein wichtiges Buch von hoher literarischer Qualität.

 

 

Die Möglichkeit eines Verbrechens

 

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Dror Mishani, Die Möglichkeit eines Verbrechens, Zsolnay 2015, ISBN 978-3-552-05737-1

 

Henning Mankell, der nun wirklich Ahnung hat von guter Kriminalliteratur, hat den vor zwei Jahren erschienenen Debütroman „Vermisst“ des israelischen Literaturprofessors und Lektors Dror Mishani „originell und beeindruckend“ genannt und war insbesondere angetan von Avi Avraham, mit dem ein neuer, sehr spezieller Ermittler die Krimibühne betrat.

Auch sein neuer, hier vorliegender Roman „Die Möglichkeit eines Verbrechens“ spielt in Cholon, einem Vorort der israelischen Metropole Tel Aviv. Dort ist der alleinstehende, ziemlich schrullige Kommissar Avi Avraham zuständig für allerlei kleinere und größere Delikte. Mal ist es eine Schulhofprügelei, mal ein Diebstahl. Nichts Weltbewegendes und vor allen Dingen nichts, was Avi aus der Ruhe bringen könnte. Er strahlt zunächst etwas aus wie Langeweile und eine subtile Form von Inkompetenz, und man fragt sich als Leser, wie ein solcher Ermittler erfolgreich sein kann.

Nach seinem letzten Fall, als er beim Verschwinden eines 16- jährigen Jungen insbesondere zu dessen Eltern die nötige Distanz vermissen ließ, leidet Avi Avraham unter diesen Fehlern. Während einer Auszeit in Belgien hat er eine Frau kennengelernt und auch neuen Mut für sein eigenes, eher einsames Leben geschöpft. Neben der spannenden Handlung des zu lösenden Falles, verfolgt Dror Mishani auch sensibel die beginnende Geschichte dieser nicht ganz unproblematischen Beziehung.

Im neuen Fall wird vor einem Kindergarten in Cholon eine Bombenattrappe gefunden. Ein am Tatort Festgenommener muss wieder freigelassen werden. Als Avraham mit der Betreiberin spricht, spürt, dass die nicht die Wahrheit sagt und irgendetwas zu verbergen hat. Als wenig später die Betreiberin des Kindergartens auch noch Opfer einer gewalttätigen Attacke wird, und ins Koma fällt, gerät der Cateringunternehmer Chaim Sara schnell in Tatverdacht. Denn der hatte, wie er auch zugibt, vor kurzem mit Frau einen heftigen Streit um die Qualität ihrer Arbeit. Und er verwickelt sich in Widersprüche, insbesondere über seine philippinische Frau, die angeblich zu ihren Eltern auf die Philippinnen geflogen ist.

Dror Mishani fängt sehr sensibel das Leben und den Alltag in Cholon ein, von den „typischen“ israelischen Themen ist kaum die Rede, wohl aber vom Alltag und den Sorgen der auftretenden Personen. So entsteht nicht nur eine faszinierende Milieustudie, sondern auch ein spannender Psychothriller, dessen Handlung sich zuspitzt und am Ende mit einem völlig unerwarteten Höhepunkt glänzt.

Avi Avraham ist ein Ermittler ganz anderer Art. Er will keine Fehler machen und entscheidet dennoch fast nur aus dem Bauch. Aus seiner Sicht ist der ganze Roman erzählt und auch Chaim Saras Perspektive wird immer wieder dargestellt. Erst allmählich löst sich die Verwirrung beim Leser und die Fäden einer wieder nicht ganz fehlerfreien Ermittlung laufen zusammen.

Die Bücher Dror Mishani und seine Hauptfigur Avi Avraham sind nichts für Freunde von Actionthrillern und toughen Kommissaren. Dieser hier macht Fehler, ist absolut menschlich und wird vielleicht durch die Beziehung zu seiner neue Partnerin die persönliche Bodenhaftung bekommen, die im noch fehlt. Sind wir auf den dritten Band mal gespannt.

Mir jedenfalls hat auch das neue Buch ausgesprochen gut gefallen.

 

 

 

Alles andere als ein Kinderspiel

 

 

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Yishai Sarid, Alles andere als ein Kinderspiel, Kein & Aber 2014, ISBN 978-3-0369-5703-6

 

Der vorliegende Roman des 1965 in Tel Aviv geborenen Yishai Sarid ist nach „Limassol“, ebenfalls bei kein & Aber sein zweiter, in seiner israelischen Heimat strak beachteter Roman. Sarid war als Nachrichtenoffizier der israelischen Armee tätig, hat dann Jura studiert und arbeitet als Rechtsanwalt in Tel Aviv.

Die ich-erzählende Hauptfigur ist eine Naomi. Seit sie vor etwa fünfundzwanzig Jahren mit ihrem Sohn den Kibbuz und ihren Mann verlassen hat ( die Gründe dafür sind entscheidend, und werden erst im Laufe des Buches deutlich) leitet sie mit viel Herzblut und heiligem Ernst einen Kindergarten im Norden Israels. Sie ist stolz auf ihre Einrichtung und ihre Arbeit: „Mein Kindergarten ist der kultivierteste Ort in dieser Stadt… Er ist wichtiger als der Kulturpalast und das Museum zusammen, die Oper noch dazu genommen.“

Beim Spazierengehen hat sie vor Jahren den Kindergarten entdeckt und damals eine sichtlich überforderte Kindergärtnerin über den Zaun hinweg beobachtet. Sie fragt, ob sie helfen könne, und lässt dann nicht locker.

Später wird die ältere Kindergärtnerin aufhören und Naomi den Kindergarten übergeben inklusive Wohnrecht im selben Haus. Das Haus ist in wenig gutem Zustand, aber das stört Naomi nicht. Sein Eigentümer ein vor Jahren nach Amerika ausgewanderter Überlebender des Holocaust, schließt sie bei seinen Stippvisiten ebenfalls in Herz und verspricht Naomi lebenslanges Wohnrecht und Platz für die Kinder in der inzwischen hochbegehrten Immobilie.

Doch dann stirbt er und hat offenbar kein entsprechendes Testament hinterlassen oder Naomi wurde betrogen. Ein von Erfolg und Selbstbewusstsein strotzender Architekt hat das Grundstück gekauft, will das Haus abreißen lassen und Nobelwohnungen bauen.

„Ein Rechtsanwalt teilte mir mit, … das Grundstück… gehöre jetzt einer Firma mit dem schönen Namen Via Maris GmbH, die die Immobilie aus dem Nachlass von Herschel Kaplan erworben habe. Via Maris verlangte von mir, das Grundstück zu räumen und innerhalb von dreißig Tagen auf dieses Schreiben zu reagieren.“

Naomi beginnt um ihren Kindergarten zu kämpfen und auch um ihren Sohn Noam, der nach langer Zeit sich ihr langsam wieder öffnet und sich in einer Kindergartenhelferin verliebt hat. Die Eltern der Kinder reagieren auf die drohende Schließung mit wenig Verständnis.

Der Roman ist ein intensiv erzähltes Porträt des gegenwärtigen Lebens in Tel Aviv. Geprägt von traumatisierten Vergangenheiten und bedrohlicher Gegenwart. Doch seine Figuren gegen die Hoffnung nicht auf. Sie stellen sich ihrem schweren Leben, öffnen sich langsam ihrem Glück und werden am Ende erschöpft, aber glücklich, nach einem gelungenen Kampf wissen, dass in Israel schon der nächste Tag neue Herausforderungen und Lebensbedrohungen bereithalten kann.

 

 

 

 

 

Unter den Lebenden

 

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Eyal Megged, Unter den Lebenden, Berlin Verlag 2015, ISBN 978-3-8270-1242-5

 

Was ist das Wesen einer echten Freundschaft unter zwei Männern? Was hält sie zusammen und was trennt sie. Der israelische Schriftsteller Eyal Megged, Ehemann der in Deutschland bekannteren Zeruya Shalev erzählt in seinem von Ruth Achlama sensibel und lebendig übersetzten Roman „Unter den Lebenden“ von einer sehr außergewöhnlichen Freundschaft und von dem was, der Tod des einen aus dem überlebenden Anderen und aus der Freundschaft macht.

Der Ich-Erzähler des Buches ist ein berühmter Chirurg und als solcher mit dem Alltag des Todes vertraut. Doch während er in der Klinik diese Sterblichkeit seiner Patienten abspalten kann und sich auf seine kühle Kunst als Operateur, der sich nach der erfolgten Operation für nichts mehr verantwortlich glaubt, verlässt, ist der frühe und plötzliche Tod seines Freundes Boas Masor für ihn ein Schock, von dem er sich das ganze Buch über nicht zu erholen scheint. Boas` Tod ist für ihn unfassbar, er hält ihn für einen Skandal, der sein ganzes Leben aus dem Gleichgewicht bringt. Nichts ist mehr so wie früher. Er kann sich nicht mehr auf seine medizinische Routine zurückziehen und bekommt kaum noch OPs zugeteilt.

Der Ich-Erzähler reflektiert nicht nur seine eigenen Gefühle und erinnert sich an unzählige Begebenheiten einer langen gemeinsamen Freundschaft. Er versucht sie auch, gegen die, wie er glaubt, vernichtende Kraft und Macht des Todes am Leben zu erhalten. Was er nie für möglich gehalten hätte, der Tod des Freundes bedroht sein Leben, schient seinen eigenen Tod vorwegzunehmen, raubt ihm jegliche Kraft und jeglichen Lebensmut.

Er erzählt von Liebe, von Streit und Versöhnung und nicht nur an einer Stelle erinnert die Beziehung der beiden Freunde jedenfalls aus der Sicht der Erzählers an die alte Rivalität zwischen Kain und seinem Bruder Abel. Denn auch Boas wollte Arzt werden, beugte sich aber dem vernichtenden Diktum seines Vaters. Nun, da er tot ist, wird sich der Erzähler dieser immer zwischen ihn stehenden Konkurrenz bewusst. Immer wieder geht es um Neid auf den Erfolg des anderen, gerade auch bei den Frauen.

Eyal Megged zwingt seinen Leser, tief in die Reflexionen seines Erzählers einzutauchen über das, was der „die verfluchten Fragen des Lebens“ nennt. Sein Roman ist auf der einen Seite eine zornige Abrechnung mit dem Tod, aber auch ein psalmenartiger Lobgesang auf das Leben.