Schlagwort-Archive: Jugendroman

Am Ende des Alphabets

 

 

 

41901515z

 

Fleur Beale, Am Ende des Alphabets, Knesebeck 2015, ISBN 978-3-86873-795-0

 

Ruby ist die gute Seele der Familie, sie hilft, wo sie kann. Dabei hat sie gelernt und geradezu verinnerlicht, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und den »Fußabtreter zu spielen« wie ihre Freundin Tia das manchmal nennt.

Ruby leidet unter einer Lese-und Rechtschreibschwäche und hat deshalb auch in der Schule wenig bis gar keine Gelegenheit ihr familiäres Schattendasein etwas aufzuhellen. Eigentlich keine guten Voraussetzung dafür, sich für den großen Schüleraustausch mit einer Schule in Brasilien zu qualifizieren.

Doch Ruby ist ehrgeizig. Sie nimmt all ihre Kraft und Energie zusammen und zeigt mutig Rückgrat. Es stellt sich heraus, auch für sie selbst überraschend, dass sie mehr Talente hat, als sie dachte. Und sie schafft es, bewältigt alle Widerstände und überrascht damit nicht nur ihre Familie, in der danach nichts mehr so ist wie vorher.

Ein einfühlsames und glaubhaft geschriebenes Buch (nicht nur) für Jugendliche. Ein Buch, das voller Optimismus dazu ermutigt, sich von Widerständen oder eigenen Schwächen niemals entmutigen zu lassen, sondern tapfer und aufrecht auch über große Hürden an seinem Ziel festzuhalten und es nicht aus den Augen zu verlieren.

Die junge Mutter Maria wird Ruby im Laufe der Geschichte zu einer Freundin, die ihr vermittelt, dass sie wegen ihrer Schwäche beim Lesen und Schreiben noch lange keine dumme Schülerin ist. Das, was sie an einer Stelle zu ihr sagt, zieht sich als Ermutigung durch das ganze Buch:

„Und jetzt gehst du vor die Tür, kommst wieder rein und sagst: Maria, es gibt da etwas, das Sie wissen sollten. Und dann erzählst du es mir. Ich möchte, dass dir bewusst wird, wie unwichtig das ist. Dass du trotzdem ein kluges, kompetentes Mädchen bist.“

 

 

 

 

 

 

F.E.A.R.

 

 

42715990z

 

Elisabeth Zöller, F.E.A.R., Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24937-0

 

„Fear“, Angst, hat Elisabeth Zöller ihren neuen Jugendroman genannt, der aber auch für Erwachsene unbedingt zu empfehlen ist. In Zeiten, in denen Grenzen wieder geschlossen werden, immer mehr Länder nach einer ersten Welle des Willkommens bzw., Durchwinkens (je nachdem) sich gegen die Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und dem Süden abschotten, und Brandstiftungen und Gewalt gegen Unterkünfte dieser Menschen bei uns fast schon zum Polizeialltag zählen – dieses Gefühl scheint sich zu verstärken. Angst greift um sich und droht unsere Gesellschaft zu spalten.

Es ist eine fiktive, wenngleich hervorragend auf dem Hintergrund realer Ereignisse unserer Gegenwart recherchierte Geschichte, die von der 16- jährigen Clara handelt. Ihr Alltag ist eher trist, die Eltern haben sich getrennt, ihre Mutter hat ein Verhältnis mit Claras eher linkem Geschichtslehrer, der so tut, als wäre er ihr Vater. Clara widert das alles an.

Umso offener ist sie für die Avancen von Joonas, einem etwa 18 – jährigen, gut aussehenden und unglaublich redegewandten Finnen, in den sie sich verliebt. Genervt von dem linken Einheitsbrei ihres Lehrers und ihrer Mutter, gefällt ihr die nationale Gesinnung von Joonas, die bald schon zu Tage kommt, nicht schlecht.

Doch bald schon streiten sich ihre Faszination für diesen Jungen und ihre Angst vor seinen Schatten in ihr heftig. Joonas wohnt bei einem alten Nazi, und spricht immer wieder von seinem Traum von einer Neuen Finnischen Armee. Um alles besser zu verstehen, recherchiert Clara in Netz. Dabei setzt sie ungewollt einen Journalisten auf seine Spur. Joonas flieht nach Finnland, nimmt Clara mit. Bald schon kommt es zu einer Katastrophe, als er mit zwei Freunden das Haus einer linken Gastronomin im Brand setzt.

Elisabeth Zöller erzählt von hinten und lässt den Leser durch den Polizeibericht, der erhebliche Teile des Romas einnimmt, an Claras Sichtweise, an ihren Gefühlen und Empfindungen teilhaben. Man kann sich gut in dieses Mädchen hineinversetzen, die nach der Trennung der Eltern nach einem Halt sucht und ihn zunächst in Joonas findet. Lange lässt Zöller dessen wahre Beweggründe im Dunkeln, sodass sich der erwachsene Leser mehr als einmal fragt, was man selbst als junger Mensch in sich einer Situation wohl getan hätte. Man erinnert sich an eigene Radikalisierungen, nur damals nach links, die einem heute die Schamröte ins Gesicht treiben.

Für Jugendliche ist Elisabeths Zöllers Roman eine Einladung zum Nachdenken. Es ist ein engagiertes Buch mit Ecken und Kanten, das sie stark machen möchte, den schnellen und leichten Erklärungen fremdenfeindlicher Gesinnungen Widerstand entgegenzusetzen. Von diesem wird die Generation der heutigen Jugendlichen in den ihres Erwachsenwerdens noch eine ganze Menge brauchen.

 

 

Ich hätte es wissen müssen

 

42715845z

 

Tom Leveen, Ich hätte es wissen müssen, Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24931-8

Auf eine spannende und literarisch hochwertige Weise hat sich der aus Arizona stammende und dort auch mit seiner Familie lebende Autor Tom Leveen mit dem für Jugendliche überaus wichtigen Thema des Mobbings im Internet befasst. Hier im Speziellen geht es um die Kommunikation bei Facebook.

Die 16-jährige Ich-Erzählerin Viktoria wird nach einem sensationsgierigen Artikel einer Journalistin  zusammen mit anderen Jugendlichen aus ihrem Collage    verdächtigt, ihren Mitschüler Kevin durch abfällige und verletzende Kommentare auf ihrem Facebook-Account in den Selbstmord getrieben zu haben.

Morgen früh soll die Verhandlung stattfinden. Viktoria will; nachdem sie den Leser mit ersten wichtigen Informationen versorgt hat, gerade schlafen gehen, als ihr altersschwaches Handy klingelt. Ihr Smartphone und alle anderen PCs haben ihre Eltern konfisziert.

Der Anrufer stellt sich vor als Andy und behauptet, er habe Viktorias Nummer zufällig gewählt. Er stehe mit seinem Auto an einer Klippe und wolle sich umbringen. Nun entwickelt sich ein die ganze Nacht andauerndes Gespräch, in das bald noch  der von  Viktoria herbeigerufene Freund Noah eingebunden wird. Zunächst geht es um Andys Plan aber durch eine geschickte Gesprächsführung und durch die alle paar Seiten eingeblendeten Auszüge aus der Facebook-Kommunikation kommt Viktoria immer mehr in den Fokus. Ist sie verantwortlich für die Folgen der Post auf ihrer Seite?

Der Leser wird schon nach wenigen Seiten Teil einer Auseinandersetzung über die sozialen Medien, die schon lange nicht mehr sozial sondern eher asozial  sind und die Verantwortung jedes Einzelnen für das was er dort über andere sagt und behauptet. Stellenweise wundert man sich, warum Viktorias Eltern von dieser manchmal lautstarken nächtlichen Auseinandersetzung nichts mitbekommen, doch das klärt sich wie manches Andere später.

Was geschieht, wenn einer oder eine vorgibt, eine Andere zu sein, als sie wirklich ist? Wie kann  es geschehen, dass junge Menschen sich wegen der Anerkennung durch andere Freunde zu Sachen und Bemerkungen hinreißen lassen, die herabwürdigend sind  und menschenverachtend?

„Ich hätte es wissen müssen“ ist ein kritischer Jugendroman, dem es hervorragend gelingt, dieses Thema und unterhaltsame Weise zu diskutieren. Er zeigt wie schwierig und dennoch wichtig es ist, auch im Internet seine eigene Würde und erst recht die von anderen Menschen zu achten.

Ich kann diesen Roman nur empfehlen.

Rabensommer

 

42679287z

 

Elisabeth Steinkellner, Rabensommer, Beltz & Gelberg 2015, ISBMN 978-3-407-81200-1

Dieser neue Jugendroman der österreichischen Kinder- und Jugendbuchautorin Elisabeth Steinkellner handelt von einer Lebensphase in der Adoleszenz und von ihren Erfahrungen, die viele Erwachsene kennen. Ich jedenfalls war über die ganze Zeit immer wieder mit meinen Erinnerungen in jenen Monaten, als nach dem Abitur und den sich anschließenden ausgelassenen Feiern über Jahre gewachsene Freundschaften und Lieben zerbrachen, einfach deshalb, weil jeder durch Studien- und Ortswahl einen anderen Weg einschlug.

So ähnlich ergeht es der ich-erzählenden Juli. Ihre drei Freunde Ronja, Niels und August – sie könnten verschiedener nicht sein – sind seit vielen Jahren dicke Freunde, die schon viel miteinander erlebt und etliches miteinander geteilt haben. So wie die Raben, mit denen Juli ihre Truppe gerne vergleicht.

Nun, in ihrem letzten „Rabensommer“ wie sich herausstellt, nach dem Abitur, muss jeder für sich selbst entscheiden, wie es in seinem Leben weitergeht, was die nächste Etappe sein soll. Doch schon bevor jeder von den vieren den nächsten Schritt tut, beginnt sich während des Sommers aus der Sicht von Juli schon alles Schlag auf Schlag zu verändern. Und es fällt ihr schwer, sich damit zurechtzufinden. Plötzlich ohne die Freunde und das tragende Netz der Freundschaft, sieht sie sich gezwungen, ihr eigenes Leben neu zu ordnen und ihm einen neuen Sinn und eine neue Richtung zu geben. „Damit sie wieder tanzen kann. Tanzen, leben, lieben“ (Klappentext)

Elisabeth Steinkellner ist eine gute Erzählerin. Mit einer sehr poetischen Sprache, die den Leser schnell gefangen nimmt, erzählt sie von einer Phase des Erwachsenwerdens, die junge Menschen nicht ohne  Schmerzen und Wunden durchlaufen. Doch das Buch und das Schicksal nicht nur von Juli, sondern auch der anderen drei Freunde machen Mut. Mut, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und darauf zu vertrauen, dass es ein Ziel haben wird. Dass alte Freundschaften im Herzen überleben, und dort doch noch so unendlich viel Platz ist für neue, das ganze Leben lang.

Die Geheimnisse der Welt

 

 

 

 

41709709z

 

Lisa O`Donnell, Die Geheimnisse der Welt, Dumont 2015, ISBN 978-3-8321-9779-7

 

Wir befinden uns im Jahr 1982 auf einer kleinen schottischen Insel. Margaret Thatcher regiert in Großbritannien, die wirtschaftliche Lage ist schlecht und ein Krieg mit Argentinien um die Falkland-Inseln steht kurz bevor.

Auf dieser Insel lebt der ich-erzählende elfjährige Michael Murray in einem kleinen Dorf zusammen mit seiner Großmutter, seinem arbeitslosen Vater Brian und dessen Ehefrau Rosemary. Michaels Mutter putzt nachmittags und abends die Schule, in der Michael mit etlichen anderen Kindern des Dorfes unterschiedliche Freundschaften und Rivalitäten pflegt.

In dem kleinen Dorf bleibt nichts geheim, auch wenn insbesondere die Großmutter versucht, die katholisch geprägten Traditionen aufrechtzuerhalten. Rosemary passt da nicht so recht hinein, das sie aus einem protestantischen Elternhaus kommt.

Schon von der ersten Seite an spürt man, dass die Familie durch die Arbeitslosigkeit und das Trinken von Brian unter erheblichen Spannungen leidet. Streit und Sprachlosigkeit dominieren in einem Familiensystem, das stark versehrt ist und auseinanderzubrechen droht.

Als dann Michaels Mutter auf dem Rückweg von der Arbeit in einem Wäldchen, das sie durchqueren muss, überfallen und vergewaltigt wird, erklären die Erwachsenen dem erschütterten Michael, sie sei auf der Flucht vor einem Exhibitionisten gestürzt und habe sich daher ihre schweren Verletzungen im Gesicht zugezogen.

Fortan muss Michael mit einem schweren Geheimnis leben, denn auch als er immer mehr von der wahren Geschichte herausbekommt, muss er schweigen und die Gerüchte im Dorf erdulden, sein Vater habe seine Mutter so übel zugerichtet. Rosemary zieht sich in sich selbst zurück, fängt zum Entsetzen ihre Mannes etwas ganz Eigenes an, als sie bei Open University zu lernen beginnt, kann aber trotz Medikamenten nicht zu einem normalen Leben zurückfinden. Dennoch weigert sie sich zur Polizei zu gehen, auch dann als, noch zwei weitere Frauen aus dem Dorf Opfer des Vergewaltigers werden. Alle Familienmitglieder sehen sich verpflichtet, dieses Geheimnis zu wahren. Schon hier wird für den erzählenden Michael trotz häufigen Streits deutlich, welche Kraft durch die gegenseitige Liebe und Wertschätzung in seiner Familie liegt.

Aufmerksam, nachdenklich, stellenweise sehr witzig und vollkommen glaubwürdig erzählt Michael die Geschichte seiner Familie, der es gegen alle Anfeindungen gelingt, sich neu zu erfinden. Besonders die Rolle, die Michaels Vater spielt, wie er trotz aller Anfeindungen zu seiner Frau hält, die das Erlittene stark verändert hat, ist beeindruckend und beeinflusst schon in der Zeit der Handlung seinen Sohn positiv. Denn der erfährt in den Beziehungen zu anderen Kindern, mit denen er aufwächst, mit Paul, mit Dirty Alice und dem dicken Ralph, wie sich Menschen verändern und Beziehungen verbessern können.

Zunächst als ein Buch für Erwachsene gedacht, ist es aber auch für ältere Jugendliche zu empfehlen, Ein wunderbarer Roman, der in einfühlsamer Weise die Ängste und die Freiheiten der Kindheit beschreibt. Es geht um Liebe, den Verlust der Unschuld und die immense Bedeutung der Familie gerade in schwierigen Zeiten, in Zeiten, in denen „die Geheimnisse der Welt“ sie auseinanderzureißen und ihre Mitglieder daran zu zerbrechen drohen lässt.

Wir wollten nichts. Wir wollten alles

 

 

41727087n

 

 

Sanne Munk Jensen, Wir wollten nichts. Wir wollten alles, Oetinger 2015, ISBN 978-3-7891-3920-8

 

„Als sie uns aus dem Limfjord ziehen, hängen wir immer noch aneinander. Ich weiß nicht, wie lange wir im Wasser gelegen haben, schwer zu sagen, man verliert irgendwie das Zeitgefühl.“

So beginnt die siebzehnjährige Louise nach ihrem zusammen mitihrem Freund und Geliebten Liam begangenen Selbstmord (sie habensich mit Handschellen aneinander gekettet und sind ins Wassergesprungen) ihre Erzählung.

Eine Erzählung über eine jugendliche Liebe, wie man sie sichabsoluter nicht vorstellen kann. Als Louise, die mit ihren Eltern nahe der Stadt Aalborg in Dänemark lebt, den zwei Jahre älteren Liam

kennenlernt, ist die Tristesse ihres Lebens vorbei. Beide sehen sich als Seelenverwandte, sie träumen von der großen Liebe, davon frei zu sein. Doch dann gerät Liam in einen dunklen Strudle aus Rache, Verrat und untilgbarer Schuld und das Glück der beiden ist dermaßen bedroht, das sie nur im gemeinsamen Suizid den Ausweg sehen.

Louises Elternsind verzweifelt, doch als ihr Vater ihr Tagebuch findet, wird ihm klar, welches Leben seine Tochter und Liam in den vergangenen Monaten geführt haben, und warum sie beide keinen Ausweg mehr sahen.

Es ist ein berührender, starker und mächtiger Roman, der unter die Haut geht. Ein Roman, der nicht nur die die Geschichte einer starken jugendlichen Liebe erzählt, sondern auch sehr einfühlsam beschreiben kann, in welche Verzweiflung und Leere die beiden Familien gestürzt werden.

Ein anspruchsvoller Roman für Jugendliche, der aber Erwachsene sofort anzusprechen vermag. Ganz große skandinavische Erzählkunst.

 

 

 

Das nachtblaue Kleid

 

40810290n

 

Karen Foxlee, Das nachtblaue Kleid , Beltz & Gelberg 2014, ISBN 978-3-407-81181-3

 

Rose Lovell ist ein einsames Mädchen. Niemals hat sie irgendwo dazugehört, niemals einen Freund oder eine Freundin gehabt. Als sie mit ihrem unsteten Vater, der ihr auch kein rechter Halt ist, in einem abgelegenen Ort an der Pazifikküste in der Nähe des Regenwaldes auf einem heruntergekommenen Campingplatz landet, lernt sie dort bald Pearl Kelly kennen. Ein Mädchen mit enormer Ausstrahlung, die ihrem Vornamen alle Ehre macht.

Nach langen Gesprächen, in denen Rose langsam Vertrauen fasst, lässt sie sich von Pearl dazu überreden, an dem jährlichen Ball zur Zuckerrohrernte teilzunehmen, ein Ereignis, dem alle Mädchen mit großer Spannung entgegenfiebern.

Als Rose die alte Edith Baker kennenlernt, bietet die ihr an, mit ihr zusammen ein Kleid für diesen Ball zu nähen. An vielen langen Abenden entwerfen und nähen sie ein wunderbares nachtblaues Kleid, in dem Rose sicher die Schönste auf dem Ball sein wird. Und Edith erzählt aus ihrem Leben und von ihren verborgenen Geheimnissen.

Doch dann passiert etwas ganz Schreckliches. Ein Mädchen verschwindet in einer schwülen Nacht. Es trug das magische nachtblaue Kleid. Doch niemand weiß: ist es Rose oder ist es Kelly?

In zwei Erzählsträngen baut Karen Foxlee ein Jugendbuch auf, das die Geschichte eines Mädchens erzählt, das seinen Platz in der Welt sucht und in dem es um Freundschaft geht, um Liebe und um Verrat. Im ersten Strang, der Gegenwart, ist zu Beginn des Buches das Unglück bereits geschehen, und in einem zweiten Strang wird in Rückblicken erzählt, was von der Ankunft von Rose Lovell in dem Ort am Regenwald bis zum Verschwinden des Mädchens geschieht.

Obwohl man das Ende schon am Anfang weiß, ist das Buch überaus spannend zu lesen und die Geschichte der beiden so grundverschiedenen Freundinnen bewegt und berührt doch sehr.

Sprachlich absolut gelungen, kann ich das Buch für Jugendliche sehr empfehlen, doch auch Erwachsene werden, wie bei jedem wirklich guten Jugendbuch, ihre Freude daran haben.

 

 

 

 

Das zweite Leben des Travis Coates

41863310n

 

John Corey Whaley, Das zweite Leben des Travis Coates, Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24741-3

 

„Wisst ihr – ich habe gelebt und dann nicht mehr. Ganz einfach. Und jetzt lebe ich wieder.“

Der das von sich sagt, heißt Travis und ist 16 Jahre alt, als er an Leukämie stirbt. Seine Eltern haben einem Versuch zugestimmt, dem sie wenig Erfolg zutrauten. Travis` Kopf wird eingefroren um irgendwann auf einem anderen Körper wieder zum Leben erweckt zu werden. Dass dies schon fünf Jahre später der Fall sein würde, ahnte niemand.

Travis` Kopf wird auf einen anderen Körper transplantiert und er versucht, wieder am normalen Leben teilzunehmen. Doch alle sind mittlerweile 5 Jahre älter geworden, seine damalige Freundin Cate ist mit einem anderen verlobt, und in seiner neuen Klasse sind ihm alle fremd. Während Travis immer noch 16 ist, gestaltet sich sein Verhältnis zu seinen schon fast erwachsenen ehemaligen Freunden sehr problematisch. Und hinzukommt, dass er das Gefühl hat, dass seine Eltern ihm irgendetwas Wichtiges verschweigen.

Travis versucht verzweifelt, sein altes Leben wiederzubekommen, aber es will ihm nicht gelingen. Lediglich seine Beziehung zu seinem alten Freund Kyle funktioniert gut, und mit seinem neuen Kumpel Hatton aus seiner neuen Klasse versteht es sich gut.
Es ist eine interessante Idee, die Whaley mit großer erzählerischer Begabung und Kunst hier in einem empfehlenswerten Jugendbuch umsetzt. Sehr spannend und locker, stellenweise mit viel Humor erzählt lässt das Buch aber auch einiges offen. So kann man sich vorstellen, welchen Rummel eine solche Transplantation auslösen würde. Doch Travis, der uns seine Geschichte hier erzählt, scheint das alles nicht so sehr wahrzunehmen und so liegt der Fokus der Geschichte auf seiner individuellen Wahrnehmung.

Die ist meisterhaft gelungen. Ein originelles und ergreifend-berührendes Buch mit Anleihen an SF.
 

 

 

Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete meine Flügel aus und flog davon

 

41770725n

 

 

Joyce Carol Oates, , DTV 2015, ISBN 978-3-423-62608-8

Joyce Carol Oates ist nicht nur einer der wichtigsten amerikanischen Autorinnen von Romanen, sie hat in den letzten Jahren sich auch als Schöpferin wichtiger und tiefgehender Jugendbücher auf sich aufmerksam gemacht.

Auch in ihrem hier vorliegenden Buch erzählt sie eine Geschichte einer Kindheit und Jugend, eine schwierige Geschichte, die handelt von Schuld und falscher Erinnerung, von Flucht aus der Realität durch Drogen und Alkohol und von der großen Chance, sein Leben wieder zu gewinnen, es in die Hand zu nehmen, Enttäuschungen Stand zu halten und lernen zu lieben.

Der Roman erzählt die Geschichte von Jenna. Er beginnt mit der dramatischen Schilderung eines Autounfalls, während dem Jenna für einen Sekundenaugenblick etwas sieht, dann aber wieder vergisst. Als sie Tage später in einem Krankenhaus aufwacht, hat sie nicht nur alles vergessen, sondern auch ihre geliebte Mutter verloren. Dennoch: da ist etwas, ein Funken von Erinnerung, ein Lichtblitz des Gehirns, das immer wieder an die Oberfläche des Bewusstseins will, aber nicht kann. Vor allen Dingen deshalb nicht, weil die Schuld, die Jenna am Tod ihrer Mutter spürt, so groß ist, dass sie alles andere überdeckt. Alle geben ihr die Schuld am Tod der Mutter, glauben, dass Jenna ihr ins Lenkrad gegriffen und das Auto so in den Abgrund gezwungen hat. Das jedenfalls will Jenna in den Augen der anderen Menschen lesen, die Schuldgefühle lassen sie fast paranoide Züge entwickeln.

Sie lebt bei ihrer Tante, die sie nach dem Unglück aufgenommen hat, weil Jennas Vater sich schon aus ihrem Leben verabschiedet hat, als sie noch klein war. Er taucht jetzt wieder auf, will Jenna zu sich holen und zu seiner neuen Frau und seinem neuen Kind, doch Jenna spürt seine Unaufrichtigkeit und bleibt bei der Tante. Innerlich hat sich Jenna abgetötet: sie will nie wieder etwas fühlen, nie wieder verletzbar sein. Ihre Tante gibt sich Mühe, versucht sich ihr liebevoll zu nähern, aber Jenna wehrt alles brüsk ab und flüchtet immer mehr in Medikamente und Alkohol.

Als sie eines Tages dem von allen anderen Mädchen umschwärmten Crow in der Schule begegnet, ist sie sofort fasziniert von ihm, wagt sich ihm aber nicht zu nähern. Doch als sie eines Tages im Park stürzt und er ihr liebevoll aufhilft, beginnt eine Beziehung, die Joyce Carol Oates auf eine wunderbare Art schildert und beschreibt. Über viele Hürden muss diese Beziehung gehen, bis Jenna begreift , was sie von diesem Crow lernen kann, einem ganz außergewöhnlich reifen Jungen, dem das Leben auch schon so manchen Strick gedreht hat und der dennoch oder gerade deswegen früh zu einem Mann geworden ist. Jenna spürt, mit seiner Hilfe kann sie es schaffen, auch wenn sich ihr größter Wunsch leider nicht erfüllen wird….

Ein sprachlich anspruchsvoller Jugendroman, wunderbar komponiert und bewegend in Szene gesetzt. Allen jungen Menschen ab etwa 14 Jahren auf das Wärmste zu empfehlen.