Schlagwort-Archive: Krimi

Die Möglichkeit eines Verbrechens

 

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Dror Mishani, Die Möglichkeit eines Verbrechens, Zsolnay 2015, ISBN 978-3-552-05737-1

 

Henning Mankell, der nun wirklich Ahnung hat von guter Kriminalliteratur, hat den vor zwei Jahren erschienenen Debütroman „Vermisst“ des israelischen Literaturprofessors und Lektors Dror Mishani „originell und beeindruckend“ genannt und war insbesondere angetan von Avi Avraham, mit dem ein neuer, sehr spezieller Ermittler die Krimibühne betrat.

Auch sein neuer, hier vorliegender Roman „Die Möglichkeit eines Verbrechens“ spielt in Cholon, einem Vorort der israelischen Metropole Tel Aviv. Dort ist der alleinstehende, ziemlich schrullige Kommissar Avi Avraham zuständig für allerlei kleinere und größere Delikte. Mal ist es eine Schulhofprügelei, mal ein Diebstahl. Nichts Weltbewegendes und vor allen Dingen nichts, was Avi aus der Ruhe bringen könnte. Er strahlt zunächst etwas aus wie Langeweile und eine subtile Form von Inkompetenz, und man fragt sich als Leser, wie ein solcher Ermittler erfolgreich sein kann.

Nach seinem letzten Fall, als er beim Verschwinden eines 16- jährigen Jungen insbesondere zu dessen Eltern die nötige Distanz vermissen ließ, leidet Avi Avraham unter diesen Fehlern. Während einer Auszeit in Belgien hat er eine Frau kennengelernt und auch neuen Mut für sein eigenes, eher einsames Leben geschöpft. Neben der spannenden Handlung des zu lösenden Falles, verfolgt Dror Mishani auch sensibel die beginnende Geschichte dieser nicht ganz unproblematischen Beziehung.

Im neuen Fall wird vor einem Kindergarten in Cholon eine Bombenattrappe gefunden. Ein am Tatort Festgenommener muss wieder freigelassen werden. Als Avraham mit der Betreiberin spricht, spürt, dass die nicht die Wahrheit sagt und irgendetwas zu verbergen hat. Als wenig später die Betreiberin des Kindergartens auch noch Opfer einer gewalttätigen Attacke wird, und ins Koma fällt, gerät der Cateringunternehmer Chaim Sara schnell in Tatverdacht. Denn der hatte, wie er auch zugibt, vor kurzem mit Frau einen heftigen Streit um die Qualität ihrer Arbeit. Und er verwickelt sich in Widersprüche, insbesondere über seine philippinische Frau, die angeblich zu ihren Eltern auf die Philippinnen geflogen ist.

Dror Mishani fängt sehr sensibel das Leben und den Alltag in Cholon ein, von den „typischen“ israelischen Themen ist kaum die Rede, wohl aber vom Alltag und den Sorgen der auftretenden Personen. So entsteht nicht nur eine faszinierende Milieustudie, sondern auch ein spannender Psychothriller, dessen Handlung sich zuspitzt und am Ende mit einem völlig unerwarteten Höhepunkt glänzt.

Avi Avraham ist ein Ermittler ganz anderer Art. Er will keine Fehler machen und entscheidet dennoch fast nur aus dem Bauch. Aus seiner Sicht ist der ganze Roman erzählt und auch Chaim Saras Perspektive wird immer wieder dargestellt. Erst allmählich löst sich die Verwirrung beim Leser und die Fäden einer wieder nicht ganz fehlerfreien Ermittlung laufen zusammen.

Die Bücher Dror Mishani und seine Hauptfigur Avi Avraham sind nichts für Freunde von Actionthrillern und toughen Kommissaren. Dieser hier macht Fehler, ist absolut menschlich und wird vielleicht durch die Beziehung zu seiner neue Partnerin die persönliche Bodenhaftung bekommen, die im noch fehlt. Sind wir auf den dritten Band mal gespannt.

Mir jedenfalls hat auch das neue Buch ausgesprochen gut gefallen.

 

 

 

Hunkelers Geheimnis

 

 

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Hansjörg Schneider, Hunkelers Geheimnis, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-06937-2

 

Der pensionierte Basler Kommissär Peter Hunkeler liegt im Krankenhaus. Er ist an der Prostata operiert worden, und es hat sich herausgestellt, dass es kein Krebs war. Hunkeler fühlt sich verschont und spürt, wie schon in den früheren Jahren so etwas wie Dankbarkeit für sein Leben, auch wenn seine Erinnerungen mit steigendem Alter immer intensiver werden.

Hansjörg Schneider, der in einem Interview bestätigt hat, das Hunkeler, seine Lebensgeschichte und seine Gedanken sehr mit seiner eigenen Biographie und seinen Gedanken zu tun haben.

Hunkeler liegt also im Krankenhaus und neben ihm im gleichen Zimmer ein alter Bekannter: Stephan Fankhauser, einst wie Hunkeler bei den Achtundsechzigern, ist er durch die Institutionen marschiert und Leiter der Balser Volkssparkasse geworden. Nun ist er schwerkrank. Eines Nachts beobachtet Hunkeler, wie eine Krankenschwester mit einen Rubinring an der Hand, Fankhauser eine Spritze setzt. Der wehrt sich heftig und ist am nächsten Morgen tot. Hunkeler weiß nicht recht, ob er einer Täuschung durch die eigenen Medikamente aufgesessen ist, doch es wird sich später herausstellen, dass er richtig beobachtet hat.

Später, während einer Handlung, in der Schneider wieder in die Schweizer Geschichte zurückgeht und sie parallel setzt zu zeitgenössischen Ereignissen, hier die Finanzkrise.

Und während der er Hunkeler seien eigenen Gedanken denken lässt:

„In seiner Jugend, dachte Hunkeler, waren die Schweizer stolz gewesen auf ihr Land. Man sprach vom freien Schweizer und meinte sich selbst. Man war stolz darauf, dass man den Flüchtlingen Asyl gewährte. Man war auch stolz auf die Banken. Denn in ihnen lag das Geld unschuldig Verfolgter in sicherer Verwahrung. Ein Stück vom Freiheitskämpfer Wilhelm Tell steckte in jedem Eidgenossen und jeder Eidgenossin.“

Doch die Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg hat sich als rassistisch herausgestellt und die einst angesehenen Banken sind in unglaubliche Skandale verwickelt. Und was zunächst aussieht wie eine Sinnestäuschung hat Zusammenhänge bis in die ferne Vergangenheit.

Seit 1993, als der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider seinen ersten Kriminalroman um den Kommissär Peter Hunkeler veröffentlichte, ist er als Krimiautor ein Geheimtipp geworden. Obwohl seine Bücher keine hohen Auflagen erreichen, wie etwa die seiner modern gewordenen schwedischen Kollegen, sind die Romane auf höchstem Niveau, mit viel politischer Analyse, gesellschaftlich-hintergründigem Witz und immer auch angereichert mit einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, besonders denen in Basel und in der Schweiz.

Peter Hunkeler war früher verheiratet, hat aus dieser Ehe auch eine erwachsene Tochter, mit der sein Kontakt aber spärlich ist. Seit vielen Jahren ist er zusammen mit Hedwig, einer engagierten Erzieherin, die es trotz allem Stress versteht, ihr Leben zu genießen und auf diese Weise Peter Hunkeler immer wieder einen guten Ruhepol bietet, auch wenn ihre Streitgespräche ein wahrer Lesegenuss sind. Besonders wenn sie Wochenenden oder andere freie Tage in ihrem Häuschen im Elsass direkt hinter der französisch-schweizerischen Grenze verbringen.

Hunkeler hat eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. In der Studentenbewegung engagiert, hat er sich eine libertär-liberal-linke Position bewahrt, die nie dogmatisch war oder wird. Vielleicht ist er darin das treue Abbild seines genialen Schöpfers. Er kennt in Basel Gott und die Welt und seine sozialen Kontakte machen vor Klassenschranken und sozialen Milieus nicht Halt. Er verkehrt mit Schriftstellern, Künstlern und Theaterleuten, Lebenskünstlern, halbseidenen Figuren an der Grenze zur Unterwelt. Er trifft sie auf der Straße, in Cafes, vor allem aber abends und nachts in den alten Basler Beizen, die vom Aussterben bedroht sind, und denen Hansjörg Schneider in seinen Büchern nebenbei ein Denkmal setzt.
Er liebt Menschen und die Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Und weil er sich so gut in Menschen hinein versetzen kann, löst er alle seine Fälle mit diesem „Gspüri“. Auch diesen Fall, er ihm nach seiner Entlassung aus dem Krankhaus keine Ruhe lässt. Und wie schon zu seiner aktiven Zeit meiden ihn die Kollegen, mit denen er wieder zu tun bekommt. Seine Eigenständigkeit und innere Ruhe machen ihnen Angst, erst recht, wo er nun keine Verpflichtungen mehr hat. Und wie schon damals erweist sich der Staatsanwalt Suter als heimlicher Unterstützer.

Das vorliegende Buch Schneiders ist vielleicht der Beste aller neun Hunkelerbände. Seine Altersweisheit und sein unideologischer Blick auch auf seine eigene Vergangenheit lassen ihn erkennen, was trotz allem sein Basel für ihn liebenswert macht, auch als politische Heimat.

 

 

 

 

Kalte Fährte

 

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Susanne Mischke, Kalte Fährte, Bloomsbury 2015, ISBN 978-3-8270-1248-7

Ein Mann, Steffen Plate, wird tot in einem Brunnen gefunden. Jemand hat ihn dort lebend eingesperrt und dann eine Horde hungriger Ratten zu ihm geworfen.

Kommissar Jessen und seine Kollegin Francesca Dante nehmen die Ermittlungen auf und erfahren schnell, dass der Tote vor über 10 Jahren eine Familie zerstörte. Es sieht so aus, als wäre jemand auf Vergeltung aus, der tötet mit der Geduld einer Katze.

Die beiden Hauptprotagonisten sind einem gleich sympathisch. Jessen, der eine schwere Kindheit hatte und deshalb eher ruhig und verschwiegen rüberkommt und als Gegenstück Francesca Dante, leicht vorlaut, temperamentvoll, weil italienisch und mit einer Großfamilie gesegnet. Die beiden ergänzen sich gut. Hinzu kommen noch Appel und Graham, die das Ermittlerteam komplettieren und tolle Arbeit leisten. Nach den ersten Ermittlungen stellt sich heraus, dass es sich hier nicht nur um einen Mord, sondern um mehrere Morde handelt. Das Team arbeitet auf Hochtouren und Francesca begibt sich sogar unwissend selbst in Gefahr.

Der Autorin, Susanne Mischke, ist es mit „Kalte Fährte“ gelungen, mich zu fesseln, so dass ich diesen Krimi nicht mehr aus der Hand legen konnte. Das Cover hat mich als erstes begeistert, da dort, wo der Brunnen abgebildet ist, der Umschlag richtig rau gemacht wurde, einfach klasse.

Der Schreibstil ist flüssig und klar, man ist sofort in der Geschichte drin, die Charaktere der Protagonisten sind authentisch und klar beschrieben, die Handlung ist spannend, fesselnd und großartig und trotz der Ernsthaftigkeit der Fälle mit Humor versehen, was hervorragend zusammenpasste.

Ein Krimi, wie man ihn sich als Krimiliebhaber nur wünschen kann. Mich hat dieser Krimi begeistert und gefesselt.

Der namenlose Tag

 

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Friedrich Ani, Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42487-2

 

Selbst versierte Krimileser könnten wahrscheinlich nicht auf Anhieb sagen, wieviel verschiedene Ermittlerfiguren der Schriftsteller Friedrich Ani im Laufe seiner langen literarischen Tätigkeit schon erfunden hat. Am bekanntesten ist wohl der Kommissar Tabor Süden, den Ani zuletzt aus dem Ruhestand noch in einigen Büchern ermitteln ließ. Wahrscheinlich auch deshalb, weil diese Serie über ein Dutzend Bücher über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten umfasste. An so manchen Ermittler, der danach folgte, und den Ani meist schon nach zwei oder drei Büchern durch einen anderen ersetzte, erinnert sich kaum noch jemand, was schade ist, denn jeder dieser Männer hatte eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, wie sie nur Ani erfinden kann und alle einte sie eine Ermittlungsmethode, die man so bei kaum einem anderen Polizisten in der Krimiszene findet.

Anis Ermittler setzen sich selbst auf Spiel. Selbst jeweils auf unterschiedliche Arten aus der Welt gefallen und ihr eigenes Leben und seine Geschichte verloren glaubend, sind sie auf eigentümliche Weise in der Lage, das Schicksal der Täter und ihrer Opfer auf eine fast körperliche Art zu spüren und zu erleben, die sie während ihre Ermittlungen nicht selten selbst an deren Rand des Todes bringt.

Ani lässt sie mit Regelmäßigkeit auf Menschen treffen, die auf irgendeine Weise sich selbst verloren gegangen sind. Unsichtbar geworden, leben sie mitten unter uns und Ani gibt ihnen durch seine Kommissare und ihre absolut ungewöhnliche Art, Kriminalfälle zu lösen, ihr Gesicht, ihre Geschichte und ihre Menschenwürde zurück.

Sein neuer Ermittler Jakob Franck, den Ani nach langer Heimstatt bei Droemer nun beim vom Konkurs geretteten und programmatisch und finanziell wieder auferstandenen Suhrkamp Verlag in Berlin präsentiert, ist so ein Sucher nach Verlorenem und Verschwundenem. Seit zwei Monaten im Ruhestand, hat er sich dort noch gar nicht recht eingerichtet, glaubt aber endlich ein Leben jenseits der Toten beginnen zu können, nachdem er über viele Jahre in seinem Dezernat sozusagen der Spezialist für die Überbringung von Todesnachrichten war, und das auch nach eigener Einschätzung immer ziemlich gut gemacht hat. So wie viele seiner Vorgänger lebt Jakob Franck allein, nachdem nicht nur sein Job als Polizist seine Ehe scheitern ließ. Dass ihn Ani am Ende eines Falles, der ihn in die Katakomben seiner eigenen Vergangenheit führte, diesen zusammen mit seiner Ex-Frau Marion Siedler resümieren lässt, gibt zu der Vermutung Anlass, dass Marion auch im nächsten Buch wieder auftauchen wird.

Dieser Fall jedenfalls ist eigentlich schon seit zwanzig Jahren abgeschlossen. Doch Ludwig Winther, der Franck sozusagen privat beauftragt, glaubt nicht daran, dass seine damals siebzehnjährige Tochter sich selbst erhängt hat, wie der polizeiliche Untersuchungsbericht damals eindeutig feststellte. Nach wie vor ist er davon überzeugt, es könne sich nur um einen Mord handeln. Ex- Kommissar Jakob Franck macht sich daran die näheren Umstände des Todes des Mädchens aufzuklären. Er „erweckt einen toten Fall zu Leben.“

Dazu, so ist er überzeugt, gehört eine Art Leichenfledderei, die sich von der von Emotionen völlig freien Arbeit des Gerichtsmediziners stark unterscheidet. „Was Franck meinte, war sein ureigenes, professionelles, wenn nötig rücksichtsloses Zerstückeln der Umstände, das Ausgraben halbverwester Wahrheiten, das Offenlegen ebenso verständlicher wie oftmals schmutziger Überlebenstricks. Die Aufklärung eines Mordes oder eines zwielichtigen Todes bedeutete, dass ein Kommissar das Recht hatte, die Welt des Menschen, der gewaltsam gestorben war. Von Grund auf zu erschüttern und deren Bewohnern so lange mit unnachgiebiger Genauigkeit ihre Gewohnheiten zu entreißen, bis sie nackt in der Kälte standen und sich ihrer Erbärmlichkeit bewusst wurden. Erst von diesem Moment an – davon war Franck überzeugt – gelangte das Opfer auf den Weg zum ewigen Frieden.“

So wie viele seine Vorgänger ist Franck nicht religiös, hat aber immer einen Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens und den sündhaften Abgründen menschlicher Existenz. Er nähert sich ihnen mit einer von ihm selbst entwickelten Methode, die er „Gedankenfühligkeit“ nennt, und die ihm ungeahnte Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt nicht nur der Menschen, denen er begegnet, vermittelt, sondern auch und gerade in seine eigene.

Das macht bin in manchen Situationen zum Therapeuten und Seelsorger, bringt ihn aber keinen Meter von seinem eingeschlagenen Weg ab. Ein Weg, der ihn Kraft kostet, aber ihn sehr nah kommen lässt, dem, was Ani seit vielen Jahren beschäftigt: der Essenz des Lebens und des Leidens.

Man wird sehen, wieviel „Fälle“ Friedrich Ani diesem beeindruckenden neuen Ermittler im Ruhestand schenkt. Der Auftakt jedenfalls überzeugt auf der ganzen Linie.

 

Das Spiel des Poeten

 

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Andrea Camilleri, Das Spiel des Poeten , Lübbe 2015, ISBN 978-3-7857-2535-1

Er geht langsam auf die sechzig zu, der sympathische Commissario Salvo Montalbano mit seiner hoffnungslos perspektivlosen Beziehung zu seiner Freundin Livia und seinen in den letzten Jahren immer stärker werdenden Problemen mit allerlei tatsächlichen, meist aber eingebildeten Alterserscheinungen.

Wieder will er, weil es seit Wochen überhaupt nichts zu tun gibt in Vigata, seine Livia in Bocasse besuchen, und wieder kommt ein Fall dazwischen. Zuerst gerät er unter Beschuss eines greisen Geschwisterpaares, die im religiösen Wahn auf alles schießen, was sich ihrem Haus nähert. Die beiden kommen in die Psychiatrie und die Polizei findet eine übel zugerichtete Gummipuppe. Das scheinen alles Petitessen zu sein, bis in einem anderen Viertel Vigatas eine zweite Gummipuppe mit identischen Blessuren aufgefunden wird.Gleichzeitig gehen immer wieder anonymen Botschaften an Montalbano, auf denen jemand in schlechten Reimen ihn zu so etwas wie einem Spiel, einer Art Schnitzeljagd einlädt. Zunächst aus Neugier und Langeweile folgt Montalbano diesen Hinweisen, doch bald merkt er den Ernst der Sache. Er entdeckt die Zusammenhänge zwischen dem Poeten und den Gummipuppen und er kommt auf die Spur eines seit Jahren ungeklärten Falles, als ein Mädchen auf eine mysteriöse Art verschwand und dessen Leiche nie gefunden wurde.

Dieser in Italien schon 2010 erschienene, nunmehr sechzehnte Band der Reihe ist eines der spannendsten Montalbano Romane. Stellenweise hat er das Zeug zu einem Thriller und integriert doch all das, was man an Camilleri liebt: sein Interesse an Literatur und gutem Essen und natürlich immer wieder der unvermeidliche Cataralla.

Insgesamt acht unübersetzte Montalbano Romane warten noch auf das deutsche Publikum und Camilleri hört nicht auf zu schreiben. So wünscht man sich selbst alt zu werden, oder? Am 6.September 2015 wird er 90 Jahre alt.

 

 

 

Das Verbrechen. Kommissarin Lunds 3. Fall

 

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David Hewson, Das Verbrechen. Kommissarin Lunds 3. Fall, Zsolnay 2105, ISBN 978-3-552-05713-5

 

Normalerweise werden erfolgreiche Krimiserien immer weiter fortgesetzt, solange, bis die Auflage oder die Einschaltquote nicht mehr stimmt. Der neue Roman von Donna Leon „Tod zwischen den Zeilen“, der dreiundzwanzigste(!) Fall für den immer jungen Commissario Brunetti aus Venedig ist dafür nur eines von vielen abschreckenden Beispielen. Der Drehbuchautor Sören Sveistrup, nach dessen Drehbuch David Hewson auch den dritten, die Reihe um Kommissarin Lund abschließenden Teil verfasst hat, hat sich dafür entschieden, ein dem Seelenzustand seiner Protagonistin entsprechendes Ende zu wählen.

Wer die dritte Staffel der Fernsehserie gesehen hat, kennt den Ausgang, doch wer, wie der Rezensent, der schon von den ersten beiden Büchern begeistert war, kaum Fernsehen schaut, wird am Ende des Bandes eine nicht für möglich gehaltene Überraschung erleben.

Zum ersten Buch schrieb ich eine Bemerkung, die auch für den zweiten und den hier vorliegenden letzten Band Geltung hat:

„Dieser außergewöhnliche Roman beschreibt eine epische menschliche Tragödie und ermöglicht einen erschütternden Einblick in das Wesen der Trauer. Und im Subtext geht es immer wieder um die Frage, die auch schon andere Krimiautoren, vorzugsweise aus Skandinavien umgetrieben hat: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft den menschlichen Zusammenhalt vergisst?“

Zu Beginn des dritten Bandes steht Sarah Lund vor ihrem 25- jährigen Berufsjubiläum als Polizistin. Es ist geplant, dass sie in die Analyseabteilung wechselt, ein reiner Bürojob. Doch kurz davor wird sie zum Einsatz ins Kopenhagener Hafengebiet gerufen. Dort wird eine übel zugerichtete Leiche gefunden auf dem Gelände der Firma Zeeland. Dieser große Mischkonzern gehört der Familie Zeuthen. Kurz darauf wird die neunjährige Tochter des jungen, in der alten Firmenleitung sehr umstrittenen Firmenerbens entführt.

Bald schon meldet sich der Entführer, doch Sarah Lund spürt, dass es dem Täter um etwas anders geht als Geld. Und es stellt sich heraus, dass sie richtig liegt. Der Entführer spielt auf Zeit, will Druck aufbauen nicht nur auf die Opferfamilie, sondern auch auf die Ermittler und deren Vorgesetzte. Sein Ziel: in einem viele Jahre zurückliegenden Fall sollen neue Ermittlungen aufgenommen werden.

Zur gleichen Zeit tobt die Endphase des dänischen Wahlkampfes. Dem aus Band 1 bekannten Ministerpräsident Troels Hartmann (damals war er Kopenhagener Bürgermeister) passt eine Entführung in einer der wichtigsten dänischen Familie nicht in sein Erfolgskonzept, und er übt Einfluss auf die Behörden aus. So zweifach unter Druck stehend, geht Sarah Lund, die in der Vergangenheit alles für ihre Arbeit geopfert hat (vgl. Band 1 und 2) kompromisslos voran bis zu einer ultimativen Entscheidung…

David Hewson ist in seinem Versuch aus einem Drehbuch für das Fernsehen drei Bücher zu machen, ein einzigartiger Erfolg gelungen. Diese dreiteilige Serie darf man getrost zu den Krimihöhepunkten der letzten 30 Jahre zählen.

 

 

 

 

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Buchmesse Leipzig 12.–16. März 2014

Mittwochabend wird Leipzig als original Buchstadt wieder im Zentrum des Geschehens rund ums Gedruckte stehen. Was auch immer Neues dort zu sehen sein wird: Ich finde es heraus. Nach den letzten Erfahrungen allerdings ist der Tanz ums Buch noch immer derselbe.

Besonders werde ich – natürlich neben Krimis, Herz- und richtiger Literatur – nach Ideen rund um andere Medien suchen. Allerdings verweigere ich mich weiterhin standhaft einem eReader.

Konkrete Themen bringe ich mit für:
. Was liest man in der Badewanne?
. Welche Bücher können Ostergaben sein?
. Gibt es Bücher, die man bedenkenlos der Schwiegermutter schenken kann?

bis dahin

GM