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Der Geschmack der Sehnsucht

 

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Kim Thuy, Der Geschmack der Sehnsucht, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14446-9

 

In ihrem ersten 2010 in Deutschland erschienenen epigrammatischen Buch „Der Klang der Fremde“ schreibt die in Vietnam geborene und als Zehnjährige mit ihren Eltern in den Westen geflohene Kim Thuy, die nun mit ihrem Mann und zwei Kindern in Montreal lebt:
„Man glaubt immer, das Leben von Einwanderern sei nur schwer. Und vergisst dabei, dass ihre Erfahrungen auch wunderbare, lustige, bewegende und oft ganz absurde Momente einschließen“.

Dieses kleine Erstlingswerk war ein bewegendes und eindrückliches Buch, durchzogen von einer tiefen Dankbarkeit an das Leben, das es bei allem Leid und allem erlebten Schrecklichen doch gut mit ihr gemeint hat.

Diese Haltung und diese Stimmung durchziehen auch ihren neuen hier vorliegenden Exilroman „Der Geschmack der Sehnsucht“. Er erzählt in kurzen Geschichten und Epigrammen die Geschichte eines jungen Mädchens, das in den Wirren des vietnamesischen Bürgerkriegs verloren geht und von einer „Mutter“ an die nächste gegeben wird. Erst die dritte Frau, die sich um das Mädchen kümmert, trifft eine Entscheidung. Um ihr eine gute Zukunft zu sichern, wie sie glaubt, arrangiert sie eine Ehe mit einem älteren Vietnamesen, der vor langer Zeit schon nach Kanada ausgewandert ist und der dort eine Suppenküche betreibt.

Es ist ein zunächst sehr ungleiches Paar, das nun ein Zusammenleben versucht. Die junge Frau, die in der ersten Zeit die Suppenküche nicht verlässt und permanent arbeitet, erinnert sich an den „Geschmack der Sehnsucht“, an die Kunst des Kochens, das Alphabet der Gewürze und ihre Sprache, und an die unzählige Kräuter und Ingredienzen, von denen jede einzelne eine Bedeutung hat und eine Geschichte erzählen kann. All das hat ihre leibliche Mutter sie einst gelehrt. Das, was sie zunächst vor den mehr und mehr begeisterten Kunden noch verborgen da kocht und zusammenmischt, spricht sich herum, so gut schmeckt und bekommt es. Das Ehepaar wird bekannt und die Leute rennen ihnen den Laden ein. Mit ihrem Erfolg, und das ist der Kern des Buches, entdeckt die junge Frau sich selbst, und findet eine eigene Sprache, in der sie endlich auch Wünsche und Sehnsüchte formulieren kann und darf. Und dann schreibt sie so wunderbar poetische Sätze wie den über das Glück (hanh phuc) und seine Farbe Rot:
„Aus Aberglauben muss jedes Geschenk in dieser Glücksfarbe verpackt sein, denn Eheleute brauchen sehr viel Glück, um jene Balance zu finden, die es zwei Menschen ermöglicht, ein einziges Leben zu schaffen, das wiederum andere Leben tragen muss.“

Und genau das begegnet ihr eines Tages selbst. Sie entdeckt überraschend eine starke Liebe, die ihr ungeahnte Möglichkeiten neuen Lebens aufzeigt.

Ein wunderbar poetisches Buch über die Kraft der Sehnsucht und der Liebe, und wie sie über ungeahnte Weiten und Hürden tragen kann, auch in einem neuen Leben in der Fremde.

Lebensstufen

 

 

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Julian Barnes. Lebensstufen, Kiepenheuer & Witsch 2015, ISBN 978-3-462-04727-1

Julian Barnes neues Buch „Lebensstufen“ ist ein beeindruckendes und den Lesern anrührendes Buch über das große menschliche Wagnis, zu lieben. Mit vielen Metaphern versehen erzählt Julian Barnes in drei Kapiteln zunächst wie in einem historischen Roman von Ballonfahrern des 19. und 20. Jahrhunderts und gestaltet die Geschichte als eine Metapher für das Leben.

In einem zweiten Teil schreibt er einen sehr persönlichen Lebensbericht über den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen, nämlich Barnes’ Ehefrau. Besonders dieser Teil des Buches, geht unter die Haut, erfordert die ganze auch seelische Aufmerksamkeit des Lesers, sonst kann man diese ernsten Gedanken über Leben und Tod weder aushalten noch in sich aufnehmen.

Alle Menschen, die irgendwann einmal einen geliebten Menschen verloren haben, werden sich in Julian Barnes Gedanken wieder finden. Alle aber werden sich umhüllt und angerührt fühlen von einer Sprache, die ihresgleichen sucht.
 

Liebe und Sex in Zeiten der Untreue

Dirk Revenstorf, Liebe und Sex in Zeiten der Untreue,
Pattloch 2015, ISBN 978-3-629-13064-8

„Wege aus der Verunsicherung“ bietet der Paartherapeut Dirk Revenstorf in seinem neuen Buch Menschen an, die sich nach nichts mehr sehnen, als in einer Paarbeziehung glücklich zu werden und zu bleiben.

Eine Verunsicherung, die flächendeckend geworden ist in einer Zeit, in der nicht nur Partnervermittlungen übers Internet die meisten ihrer Nutzer enttäuschen, weil dort gelogen wird, dass sich die Balken biegen, sondern auch zunehmend von Menschen aktiv genutzt werden, um sich Seitensprünge zu organisieren. Die meisten Menschen, die jemand kennenlernen wollen für ein feste und treue Beziehung sehen sich mit einer Vielzahl von Möglichkeiten konfrontiert, bei denen alles möglich ist und bei denen – scheinbar – der Einzelne selbst darüber entscheidet, was er will. Kaum noch geben traditionelle Werte und Normen Orientierung.

„Wir leben in Zeiten, in denen fast alles erlaubt ist, und trotzdem sind wenige glücklich“. Mit diesen Worten beschreibt Revenstorf aus seiner Forschung und Praxis als Paartherapeut heraus den Ist-Zustand. Ein Schwerpunkt seiner mit vielen Beispielen aus seiner Praxis angereicherten Darlegungen, ist der Umstand, dass die Untreue mittlerweile gesellschaftsfähig und zum Normalfall geworden ist, über den sich kaum noch jemand echauffiert, der aber unzählige Beziehungen vergiftet und zerstört.

Dennoch rät Revenstorf seinen Lesern, ihre gängigen Bilder, die gesellschaftlichen Erwartungen und Vorstellungen über Liebe und Sex hinter sich zu lassen und gemeinsam mit ihrem Partner in einem Reifeprozess miteinander zu wachsen. Doch vor einem warnt er: „Die Liebe aufzugeben wäre von allen Abstrichen, die in der postmodernen Welt von der Geborgenheit gemacht werden müssen, allerdings der größte Verlust“. Ein Verlust, der vermieden werden kann, so glaubt er.

Ein Buch, das sich sehr nah am Menschen und seinen Problemen bewegt. Ein Buch, das die Gegenwart der Liebe in Beziehungen von allen Seiten her realistisch betrachtet. Ein Buch, das Gefährdungen, aber auch Chancen aufzeigt und Wege beschreibt, wie Paare diese Chancen für sich fruchtbar machen können.