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September

 

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Jean Mattern, September, Berlin Verlag 2016, ISBN 978-3-8270-1293-7

 

Im  Jahr 2010 debütierte der in Paris lebende Verlagslektor Jean Mattern in Deutschland mit einem Roman, der damals leider kaum beachtet wurde.  „Im Kiraly-Bad“ erzählte von dem etwa dreißigjährigen in London lebenden Übersetzer Gabriel, der an einer doppelt schweren Vergangenheit trägt. Als Sohn einer ungarisch- jüdischen Einwandererfamilie in der französischen Provinz aufgewachsen, leidet er unter dem absoluten Schweigen seiner Familie über alles Vergangene. Ein Phänomen, das schon viele Kinder von Überlebenden beschrieben haben.

Matterns Erstling war ein beeindruckendes Werk über die Identitätssuche eines Juden und seine Auseinandersetzung mit seiner Herkunft.

Nachdem sein zweiter und dritter Roman offenbar keinen deutschen Verleger gefunden haben, erscheint sein vierter Roman unter dem Titel „September“  in der Übersetzung von Holger  Fock und Sabine Müller nun im Berlin Verlag.

Darin erzählt Jean Mattern auf beeindruckende und dichte Weise die Geschichte des Attentats des palästinensischen Kommandos „Schwarzer September“ auf die israelische Delegation bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München.

Hauptperson und Ich-Erzähler ist der erfolgreiche Journalist Sebastian. Er soll im Auftrag der BBC über die Sommerspiele in London berichten, lehnt aber den Auftrag ab, als das IOC eine Schweigeminute für die 40 Jahre zuvor in München ermordeten israelischen Athleten ablehnt. Stattdessen entschließt er sich, über die damaligen Vorkommnisse zu erzählen und vor allem das zu berichten, worüber er nie auch nur ein Wort gegenüber einem anderen erwähnt hatte.

1972 wird Sebastian, damals noch junger, frisch verheirateter Journalist damit beauftragt, während der Olympischen Sommerspiele in München Hintergrundberichte über die Atmosphäre im Olympischen Dorf und auch in Deutschland zu liefern. Er begegnet dort Sam Cole, einem jüdischen Journalisten aus den USA. Bisher ohne jegliche sexuelle Erfahrung mit dem gleichen Geschlecht, ist Sebastian schon im ersten Moment der Begegnung mit Sam klar, dass es zu einer intimen Begegnung kommen wird. Eine Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden während der Tage in München, die zwischen Verführung und kalter Nichtbeachtung von Sam geprägt ist. Und Sebastian ist klar, er wird als ein anderer nach Hause zurückkehren:

„Ich wusste, dass ich für immer verändert sein würde durch diese Reise, die mich viel weiter geführt hatte als nur bis München, durch diese Begegnung, die mich endlich die Bedeutung des oft gelesenen, aber nie verstandenen Wort Raptus erfassen ließ.“

Das hängt auch damit zusammen, dass am 5. September ein palästinensisches Kommando die israelische Olympiamannschaft überfällt, sie als Geiseln nimmt und schließlich nach einer schlecht geplanten und noch schlechter durchgeführten Rettungsaktion alle umbringt. Sebastian findet heraus, warum die Geiseln sterben mussten. Doch wie über seine intimen Erlebnisse, schweigt er 40 Jahre lang auch darüber.

Für sich selbst notiert er nach dem gescheiterten Befreiungsversuch der deutschen Polizei:

„Ist es denn zu fassen, dass man in Deutschland noch einmal Juden ermordet? Vor dreißig Jahren gehorchten die Deutschen, wenn man ihnen auftrug, uns zu töten. Und jetzt gehorchen sie nicht, wenn man ihnen aufträgt, das Leben der unseren zu retten.“

 

Die Mischung zwischen einer homoerotischen amour fou und der Dokumentation eines historischen Geschehens, die Mischung aus Fiktion und Realität ist Jean Mattern sehr gut gelungen. Er hat das Drama des 5. September ausführlich recherchiert und ergänzt die offizielle Geschichtsschreibung durch etliche für Deutschland unangenehme Fakten, über die nach wie vor nicht gerne geredet wird.