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Je größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht

Selten habe ich ein Buch getroffen, dessen Titel so überhaupt nicht zum Inhalt passt. Weder spielen Dächer noch Aussichten eine Rolle. OK, wenn man lang genug interpretiert, passt der Begriff »Aussicht« schon irgendwie, aber das tut er ja dann immer. Auch die pinken Punkte stimulieren nicht ganz zum Hinfassen. Wenigstens konsequent wurde der Schnitt auch verpinkt.

Das Buch selbst ist unterhaltsam, schnell zu lesen, die Story einfach: Nell, Anfang 40, sagt von sich, sie ist auf der falschen Seite der Vierzig angekommen: kein Mann, pleite, keine Kinder. Ihr Traum von Hochzeit, eigenem Café in Kalifornien ist geplatzt, sie zieht nach London zurück. Dort kann sie sich nur Untermiete leisten, während sie all ihre perfekten Freundinnen trifft, die mit perfekten Familien in perfekten Häusern leben. Sie nimmt einen Job als Nachrufschreiberin an, lernt die unkonventionelle Witwe Cricket kennen und schreibt Dankbarkeitslisten mit der nötigen Ironie. Und dann irgendwie nimmt die Geschichte ihre Lauf.

Leichtes Lesefutter mit einer Tasse Tee – oder einem Gin Tonic. Nett.

 

Lehrstück amerikanischer Geschichte: »Underground Railroad«

#GritMüller

Ehrlicherweise bin ich mit dem Buch nicht wirklich warmgeworden. Dennoch konnte ich es nicht aus der Hand legen. Sauber recherchiert seziert Whitehead die Basis, auf der der Wohlstand der USA ruht:

»… sie würden diesem neuen Land … ihren Stempel aufdrücken … und es sich kraft unaufhaltsamer rassischer Logik zu eigen machen. Wenn die Nigger frei sein solten, dann lägen sie nicht in Ketten. Wenn der rote Mann sein Land behalten sollte, dann besäße er es immer noch. Wenn es dem weißen Mann nicht bestimmt wäre, diese neue Welt in Besitz zu nehmen, dann würde sie ihm jetzt nicht gehören. – Hier lag der wahre Große Geist … – wenn du es halten kannst, gehört es dir. Dein Eigentum, ob Sklave oder Kontinent. Der amerikanische Imperativ.«

Und beruht nicht auch der europäische Wohlstand auf derselben Denkart? Noch immer? Vielleicht ein wenig netter verpackt?

Genug Stoff zum Nachdenken bietet das Buch auf jeden Fall. Der Leser begleitet die Odyssee Coras durch die Südstaaten, auf der sie auf ihrer Flucht von den Baumwollplantagen Georgias Kopfgeldjägern und hingebungsvollen Helfern, obskuren Ärzten und Leichendieben begegnet, Lesen und Vertrauen lernt, zwischen Optimismus und bodenlosen Rückschlägen weiterzieht. Ich hätte es übrigens vorgezogen, die Flucht der Mutter wäre  ein loses Ende geblieben.

–> Lesen.