Schlagwort-Archive: Romandebüt

Der schönste Grund, Briefe zu schreiben

 

 

 

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Angeles Donate, Der schönste Grund, Briefe zu schreiben, Thiele Verlag 2016, ISBN 978-3-85179-341-3

 

Wieder haben die Späher des Thiele Verlag im Süden Europas ein wunderschönes Buch entdeckt und sich dazu entschlossen es in Deutschland zu veröffentlichen. Anja Rüdiger hat es aus dem Spanischen gut übersetzt, und so können die Leser über etwa 400 Seiten ein außerordentliches literarisches Debüt von Angeles Donate verfolgen. Ein Romandebüt, in dem es um die Macht der Liebe geht, um die Kunst des Briefeschreibens und um das Geheimnis, wie das Schreiben von Briefen Erkenntnis bringen kann, über sich selbst und über andere.

Es beginnt damit, dass in einem kleinen spanischen Dorf namens Provenir die für dieses Dorf seit vielen Jahren zuständige Briefträgerin und Leiterin der Poststelle, Sara, von ihrer vorgesetzten Behörde einen Brief bekommt. Ihr wird mitgeteilt, dass das über einhundert Jahre alte Postamt bald geschlossen werden soll, und Sara nach Madrid versetzt werden wird.

Für die alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist diese Nachricht eine Katastrophe. Aber auch für ihre achtzigjährige Nachbarin Rosa wäre das furchtbar, denn sie hat in Sara und ihren Söhnen eine Art Familie gefunden, an der sie seit langem hängt und die ihr so etwas wie Schutz und Geborgenheit im Alter gibt.

Es dauert nicht lange, da hat Rosa eine zündende Idee. Wenn sie das Briefaufkommen im Ort steigern könnte, dann würde die Post vielleicht von der Schließung der Filiale absehen, und Sara könnte ihren Job behalten. Also setzt sie anonym eine Briefkette in Gang und beginnt mit einem Brief an ihre ehemalige Schulfreundin Luisa, der sie schon längst einmal schreiben wollte, aber nie dazu kam. All ihre Gedanken bringt sie zu Papier, insbesondere die, die sie schon seit Jahren quälen und von denen sie nicht loskommt.

Doch dieser Brief wird nicht von Luisa gelesen, sondern von ihrer Enkelin Alma, die nur kurz nach dem geerbten Haus ihrer Oma schauen will und, so wird sich zeigen, nicht nur durch den anonymen Brief für länger in dem kleinen Ort gehalten wird.

Während die Briefkette mit manchen längeren Pausen weitergeht, lernt der Leser weitere bisher sozusagen im Schatten des Dorfes lebende Menschen und ihre Lebensgeschichten kennen. Eine alte Dichterin, eine Telefonsexanbieterin, ein junger Mann, der seinen Vater pflegt und viele weitere. Und Sara wundert sich über die vielen zusätzlichen Briefe, weiß aber lange von nichts und tröstet sich mit dem Chatten mit ihrem Jugendfreund, der auf einer Bohrinsel in der Nordsee arbeitet. Noch!

Angeles Donate verbindet über die Briefe, die zunächst völlig beziehungslos durch das Dorf gesendet werden, Geschichten und Schicksale von ganz konkreten Menschen miteinander und fügt sie ein in eine lineare Handlung, die den Leser nicht nur immer wieder zu Tränen rührt, sondern auch gespannt darauf warten lässt, was nun als nächstes passiert und wie die Geschichte mit der Postfiliale nun ausgehen wird.

In einem dramatischen Höhepunkt erhält Sara neununddreißig anonyme Briefumschläge, in jedem ein Zitat eines Dichters über die Liebe, eines schöner und wahrhaftiger als das andere. Und dann kommt ihr 40. Geburtstag mit einer Riesenüberraschung….

Ein schönes Buch, ein Roman über die Liebe und die Kraft des geschriebenen Wortes, ein Buch darüber, wie Menschen sich ihrer Vergangenheit stellen und sich wieder von ihr lösen, bereit und fähig für eine bessere Zukunft. Ein Buch über die Liebe, ohne Kitsch. Ein leidenschaftliches Buch über die Kunst des Briefeschreibens. Wann haben Sie sich zuletzt darin geübt?

 

 

Trauer ist das Ding mit Federn

 

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Max Porter, Trauer ist das Ding mit Federn, Hanser Berlin 2015, ISBN 978-3-446-24956-1

Es gibt viele Bücher über den Tod. Romane, die erzählen von Verlust und Schmerz, von der unsäglichen Leere, die der Tod nahestehender Menschen verursacht, von Trauer und Orientierungslosigkeit und von dem verzweifelten Versuch von Menschen, sowohl den Verstorbenen in ihrer Erinnerung zu behalten, als auch erste Schritte der Neuorientierung zu tun in ein Leben ohne den geliebten Menschen.

Auch in vielen Bilderbüchern wird das Thema für Kinder aufgearbeitet, die ihre Großeltern oder gar einen Elternteil verloren haben.

Das hier vorliegende Buch des 1981 geborenen Buchhändlers Max Porter geht (durch eigene Erfahrungen geprägt?) dieses Thema auf eine Weise an, die ungewöhnlich und literarisch einzigartig ist.
In knappen Texten erzählt er von einem Mann und seinen beiden Söhnen,  denen die Frau und Mutter von heute auf morgen weggestorben ist. Er erzählt von der Leere, dem Schmerz und auch der Wut, die sich einnisten ins Leben wie ein Geschwür.

Max Porter erfindet eine überlebensgrosse Krähe, die wenige Tage nach dem Tod der Mutter vor der Haustür steht und sich ohne groß zu fragen Einlass nicht nur in das Haus verschafft, sondern sich in den Alltag der Familie einnistet. Sie tut das auf eine laute, regelrecht unverschämte und vulgäre Weise. Sie bringt damit Lebendigkeit in die Familie zurück und wird insbesondere für die beiden Jungs zu einem wahren Segen. Aber auch dem Vater zeigt sie wie eine Art subversiver Therapeut Wege und Möglichkeiten auf, nicht in der Trauer zu versinken.

Am Ende-wie lange die Krähe zu Gast war bleibt unbestimmt- sind Vater und Söhne in der Lage, die Asche der Mutter zu verstreuen, und die Krähe verabschiedet sich mit den Worten:  „Bitte um Erlaubnis, wegtreten zu dürfen, ich bin hier fertig.“

Ihre Mission ist beendet. Das Leben gewinnt wieder Oberhand gegen den Tod. Wie Max Porter das erzählt, ist wild und ungezügelt, mit einer Sprache, der es gelingt, etwas einzufangen von der Verwirrung und dem Durcheinander, in die der Tod die Familie gestürzt hat, komisch an vielen Stellen und ohne Erbarmen mit dem Leser.

Vielleicht steht die Krähe als literarisches Bild für Menschen, deren tatkräftige Unterstützung so nötig ist für andere, die in ihrer Trauer zu versinken drohen.

Vaterhaus

 

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Bea Dieker, Vaterhaus, Jung und Jung 2015, ISBN 978-3-99027-074-5

In ihrem ersten,  wohl stark autobiographisch geprägten Roman geht die in Frankfurt lebende Künstlerin Bea Dieker ihren Erinnerungen an ihre Kindheit nach. Sie tut das auf eine derart ehrliche und authentische Weise, dass jedenfalls beim Rezensenten immer wieder Bilder, Worte und Szenen aus seiner eigenen Lebensgeschichte vor das innere Auge traten.

In einem wahren Kraftakt, dessen Sprache man die Anstrengung des ganzen literarischen Unternehmens abspuert, lässt sie das Haus, in dem sie aufwuchs und dem sie schlussendlich in ihre persönliche Freiheit entfloh, wieder auferstehen. Jede detaillierte Beschreibung unzähliger Einzelheiten wie etwa Farben, Gerüche und Einrichtungsgegenstände ist mit konkreten Erinnerungen verbunden. Sie nennt es nicht ohne Grund das „Vaterhaus“, weil dieser Mann so wie ihr ebenfalls im Haus lebender Großvater die ihre Kindheit prägende Figur war. Schildert sie den Großvater in seiner Werkstatt eher mit liebevollen und warmen Toenen, kommt der Vater selbst weniger gut weg. An einer Stelle, die Bea Diekers Sprachkunst deutlich macht, schildert sie atemlos, wie sie vor dem die Mutter schlagenden und misshandelten Vater flieht:
„Nicht umkommen wollen durch ihn. Es selbst tun. Er noch jenseits des Geländers. Drehe mich, wende mich ihm frontal entgegen. Erhobene Hand. Drohe. Einschrittnaeherundichspringe (….) Später, viel später, ungesehene Flucht auf mein Zimmer. Abgeschlossen. Das Bett, die Eisenstange umklammert. Wissen, wenn er käme, töten zu können. Den Vater töten können. ….“

Es ist das Leben der Sechziger- und Siebzigerjahre, das sie beschreibt, eine Zeit, in der die Menschen wie der Vater der Ich-Erzählerin nicht selten betrunken waren von den Versprechungen eines immer noch besseren Lebens. Mit großer Sorgfalt und einem durch den zeitlichen Abstand distanzierten Blick versucht sie sich ihrer Vergangenheit zu nähern um mit sich und ihrer Lebensgeschichte so etwas wie eine Versöhnung herzustellen.

Es bleibt offen, ob ihr das wirklich gelingt. Als sie viele Jahre später gegen Ende des schmalen Romans für einige Tage als ihr Vater im Sterben liegt für mehrere Nächte dort ist, da ist alles fremd. „Im Unbehagen einquartiert“ nennt sie das und ruft damit auf der letzten Seite des Buches bei mir nochmals Erinnerungen wach, die zwischen Schrecken und großer Trauer um etwas endgültig Verlorenes wechseln.  Das Bild der Autorin auf der hinteren Umschlagseite trägt genau diesen Ausdruck. Er lässt mich ihr in diesem Augenblick ganz nahe sein.