Schlagwort-Archive: Tod

Auf Wiedersehen kleiner Vogel

 

 

 

42796841z

 

Maja Bach, Auf Wiedersehen, kleiner Vogel, Coppenrath 2015, ISBN 978-3-649-62102-7

 

Eine ganz zarte und wunderbar poetische Geschichte über das Abschiednehmen und den Tod hat Maja Bach in diesem schönen Bilderbuch geschrieben und gezeichnet.

Als Lotta und Ole, die etwa fünf Jahre alt sind, zusammen mit dem schon sieben Jahre alten Paul auf der Wiese im Garten Herbstindianer spielen, da entdeckt Ole plötzlich einen toten Vogel auf dem Boden. Die beiden anderen Kinder kommen schnell gelaufen, und dann entwickelt sich zunächst ein lebhaftes Gespräch über ihren Fund, bei dem der schon ältere Paul den beiden Kleinen einiges zu erzählen weiß, wie das so ist, wenn man tot ist.

Über viele Fragen denken die Kinder dann nach und finden Antworten. Sie erinnern sich an die Beerdigung von Lottas Oma und finden in den Ritualen der Erwachsenen, an die sich Lotta noch gut erinnern kann, Anhaltspunkte für ihr eigenes Ritual, mit dem sie den kleinen toten und zerzausten Vogel zurechtmachen und ihm ein würdiges Grab schaufeln.

Und damit der Vogel auch gut im Himmel ankommt, schicken sie Lottas Oma eine Nachricht dorthin, dass sie ihn gut empfangen soll.

Eine wunderbar leichte Geschichte zu einem schwer anmutenden Thema ist Maja Bach da gelungen, die sehr gut geeignet ist, mit Kindern in ein Gespräch über Sterben und Tod zu kommen, insbesondere dann, wenn die Kinder damit konfrontiert sind.

 

 

Trauer ist das Ding mit Federn

 

42716749z

Max Porter, Trauer ist das Ding mit Federn, Hanser Berlin 2015, ISBN 978-3-446-24956-1

Es gibt viele Bücher über den Tod. Romane, die erzählen von Verlust und Schmerz, von der unsäglichen Leere, die der Tod nahestehender Menschen verursacht, von Trauer und Orientierungslosigkeit und von dem verzweifelten Versuch von Menschen, sowohl den Verstorbenen in ihrer Erinnerung zu behalten, als auch erste Schritte der Neuorientierung zu tun in ein Leben ohne den geliebten Menschen.

Auch in vielen Bilderbüchern wird das Thema für Kinder aufgearbeitet, die ihre Großeltern oder gar einen Elternteil verloren haben.

Das hier vorliegende Buch des 1981 geborenen Buchhändlers Max Porter geht (durch eigene Erfahrungen geprägt?) dieses Thema auf eine Weise an, die ungewöhnlich und literarisch einzigartig ist.
In knappen Texten erzählt er von einem Mann und seinen beiden Söhnen,  denen die Frau und Mutter von heute auf morgen weggestorben ist. Er erzählt von der Leere, dem Schmerz und auch der Wut, die sich einnisten ins Leben wie ein Geschwür.

Max Porter erfindet eine überlebensgrosse Krähe, die wenige Tage nach dem Tod der Mutter vor der Haustür steht und sich ohne groß zu fragen Einlass nicht nur in das Haus verschafft, sondern sich in den Alltag der Familie einnistet. Sie tut das auf eine laute, regelrecht unverschämte und vulgäre Weise. Sie bringt damit Lebendigkeit in die Familie zurück und wird insbesondere für die beiden Jungs zu einem wahren Segen. Aber auch dem Vater zeigt sie wie eine Art subversiver Therapeut Wege und Möglichkeiten auf, nicht in der Trauer zu versinken.

Am Ende-wie lange die Krähe zu Gast war bleibt unbestimmt- sind Vater und Söhne in der Lage, die Asche der Mutter zu verstreuen, und die Krähe verabschiedet sich mit den Worten:  „Bitte um Erlaubnis, wegtreten zu dürfen, ich bin hier fertig.“

Ihre Mission ist beendet. Das Leben gewinnt wieder Oberhand gegen den Tod. Wie Max Porter das erzählt, ist wild und ungezügelt, mit einer Sprache, der es gelingt, etwas einzufangen von der Verwirrung und dem Durcheinander, in die der Tod die Familie gestürzt hat, komisch an vielen Stellen und ohne Erbarmen mit dem Leser.

Vielleicht steht die Krähe als literarisches Bild für Menschen, deren tatkräftige Unterstützung so nötig ist für andere, die in ihrer Trauer zu versinken drohen.

Oma trinkt im Himmel Tee

 

 

41691958z

 

Fang Suzhen, Sonja Danowski, Oma trinkt im Himmel Tee, Nord Süd 2015, ISBN 978-3-314-10275-2

 

Dem kleinen Xiao Le in diesem wunderbaren Bilderbuch der taiwanesischen Bilderbuchautorin Fang Shen, die dort schon über 200 Bücher für Kinder veröffentlicht hat, geht es genauso wie vielen anderen Kindern überall auf der Welt. Sie wohnen mit ihren Eltern weit weg von den Großeltern und können sie nur selten sehen.

Xiao Les Oma wohnt im weit entfernten Dorf der duftenden Blumen. Lange ist es her, dass er sie zum letzten Mal gesehen hat. Da entschließt sich seine Mama plötzlich zusammen mit ihrem Sohn ihre Mutter zu besuchen. Als die dort nach einer langen Zugfahrt ankommen, wird deutlich, warum die Mutter diesen Reise mit ihrem Sohn unternimmt. Die Oma ist krank und sie will auf eine einfühlsame Weise, dass Xiao Le seine Oma noch einmal sieht.

Sie spielen und essen zusammen, die Oma erzählt ihm von der Kindheit seiner Mutter, zeigt ihm Bilder. Sie verbringen eine schöne Zeit, bei der der kleine Junge aber deutlich spürt (und natürlich auch die Kinder, denen dieses schöne Buch vorgelesen wird), dass irgendetwas bei den Erwachsenen vor sich geht. Sie alle haben ernste und traurige Gesichter und sie weinen oft.

Abends fahren Xiao Le und seine Mama mit dem letzten Zug nach Hause. Danach hat der Junge seine Oma nicht mehr gesehen. Die Mutter sagt: „Oma hat das Dorf der duftenden Blumen verlassen und bist in den Himmel gezogen.“ Der Junge sieht seine Mama oft in den Himmel schauen und weinen und spürt, dass seine Mama ihre Mama vermisst. Und mit vielen rührenden Sätzen versucht er sie zu trösten. Als er sagt:

„Nicht weinen! Deine Mama ist mit ihrer Mama im Himmel Tee trinken gegangen“, da umarmt sie ihren Sohn und weint noch mehr. Doch der kleine etwa fünfjährige Junge (so hat ihn jedenfalls Sonja Danowski in ihren zauberhaften Illustrationen gemalt) schafft es mit seinem kindlichen Trost immer wieder, seiner Mutter Kraft zu geben, die sie braucht für ihn.

Ein sehr einfühlsames und am Ende dann gar nicht mehr so trauriges Buch über Verlust und Erinnerung aus der Wahrnehmung eines Kindes.

 

 

Kleiner Fuchs. Großer Himmel

 

 

42836207z

 

Brigitte Werner, Kleiner Fuchs. Großer Himmel, Freies Geistesleben 2015, ISBN 978-3-7725-2793-7

 

Als sein geliebter Großvater gestorben ist, ist der kleine Fuchs sehr traurig. Seine Mutter tröstet ihn. Opa sei jetzt im Himmel und der GroßeLiebeFuchs passe dort gut auf ihn auf.

Der kleine Fuchs hört gut zu, aber traurig ist er immer noch, Das ändert sich ein wenig, nachdem er in der Nacht von seinem Großvater Fuchs und vom LiebenGroßenFuchs im Himmel geträumt hat.

Was den kleinen Fuchs auszeichnet, ist, dass er über seine Traurigkeit redet, auch mit anderen Tieren. Jedes Tier, dem er begegnet und mit dem spricht, zeigt ihm einen anderen hilfreichen Aspekt, den der kleine Fuchs dann jeweils nachts in seinen Träumen verarbeitet

Und jedes Mal ist das Füchslein „ein kleinkleinkleinesbisschen weniger traurig.“ Vor allen Dingen lernt es, dass auch die anderen Tiere Vorstellungen haben davon, was mit ihnen passiert, wenn sie einmal sterben. Alle vertrauen sie auf ein ihnen ähnliches höheres Wesen.

Als der kleine Fuchs abends nach Hause kommt und seinen Eltern von seinen vielen Gesprächen berichtet, werden sie ganz nachdenklich, denn so wie ihr Kind begreifen sie: der GroßeAllesAllesWasIst behütet nicht nur den verstorbenen Großvater Fuchs, sondern er hat alle lieb. „So wie den kleinen Fuchs. So wie dich.“

Ein von Claudia Burmeister zart und behutsam illustriertes Bilderbuch, dem es meiner Meinung nach hervorragend gelingt, Kinder in ihrer Trauer um einen geliebten Menschen zu unterstützen und ihnen mit religiösen Bildern eine Vorstellung davon zu geben, dass kein einziges Menschenleben verloren ist.

Ich habe gehört, dass es Mitarbeiter in der Hospizhilfe gibt, die mit diesem Buch arbeiten, wenn sie Sterbenden zur Seite stehen auf ihren letzten Weg.

Der Tod auf dem Apfelbaum

 

42707169z

 

Kathrin Schärer, Der Tod auf dem Apfelbaum, Atlantis 2015, ISBN 978-3-7152-0701-8

Das neue Bilderbuch von Kathrin Schärer ist ein wahres Kunstwerk. In Wort und Bild erzählt sie, ein altes Märchenmotiv aufgreifend, von einem Fuchs, der tatsächlich glaubt, den Tod überlisten zu können. Doch ein gutes Leben, und das hat der Fuchs zusammen mit seiner Frau durchaus geführt, bracht auch sein Ende. Doch es dauert, bis der Fuchs das verstehen und akzeptieren kann.

Zunächst ist es ein Zauberwiesel, das der alte und hungrige Fuchs, vor dem sonst alle rechtzeitig davonlaufen, gerade so fange kann. Dieses Wiesel verspricht ihm gegen seine Freilassung, dass durch einen Zauber ab sofort jeder Apfeldieb auf dem Baum den der Fuchs als seinen eigenen betrachtet, kleben bleibt. Das funktioniert und der Fuchs kann ungestört sein Obst genießen. Da kommt irgendwann der Tod und will ihn holen. Der Fuchs, schlau wie er ist, bittet den Tod ihm einen letzten Apfel zu pflücken. Schon sitzt der Tod auf dem Baum fest und der Fuchs jubiliert. Doch nicht lange. Denn er wird im er älter und schwächer, seine Frau stirbt und auch die ersten seiner Kinder. Er gehört nirgends mehr dazu.

Schließlich bittet er den Tod, zu ihm herunterzusteigen und ihn mitzunehmen.

„Für den Tod ist keine Zeit verstrichen, für ihn gibt es weder Zeit noch Raum. Er pflückt einen schönen, roten Apfel und steigt langsam vom Baum. Abwechslungsweise beißen die beiden in den Apfel – ohne zu sprechen. Dann umarmen sie sich, und dem alten Fuchs wird ganz leicht dabei. Er nickt und zusammen ziehen sie davon.“

Ein gutes Leben braucht auch sein Ende. Der Tod gehört zum Leben. Diese Weisheit hat Kathrin Schärer in beeindruckenden Bildern und einem poetischen Text umgesetzt. Ein preiswürdiges Bilderbuch.

 

 

 

 

 

Unter den Lebenden

 

41857643n

 

Eyal Megged, Unter den Lebenden, Berlin Verlag 2015, ISBN 978-3-8270-1242-5

 

Was ist das Wesen einer echten Freundschaft unter zwei Männern? Was hält sie zusammen und was trennt sie. Der israelische Schriftsteller Eyal Megged, Ehemann der in Deutschland bekannteren Zeruya Shalev erzählt in seinem von Ruth Achlama sensibel und lebendig übersetzten Roman „Unter den Lebenden“ von einer sehr außergewöhnlichen Freundschaft und von dem was, der Tod des einen aus dem überlebenden Anderen und aus der Freundschaft macht.

Der Ich-Erzähler des Buches ist ein berühmter Chirurg und als solcher mit dem Alltag des Todes vertraut. Doch während er in der Klinik diese Sterblichkeit seiner Patienten abspalten kann und sich auf seine kühle Kunst als Operateur, der sich nach der erfolgten Operation für nichts mehr verantwortlich glaubt, verlässt, ist der frühe und plötzliche Tod seines Freundes Boas Masor für ihn ein Schock, von dem er sich das ganze Buch über nicht zu erholen scheint. Boas` Tod ist für ihn unfassbar, er hält ihn für einen Skandal, der sein ganzes Leben aus dem Gleichgewicht bringt. Nichts ist mehr so wie früher. Er kann sich nicht mehr auf seine medizinische Routine zurückziehen und bekommt kaum noch OPs zugeteilt.

Der Ich-Erzähler reflektiert nicht nur seine eigenen Gefühle und erinnert sich an unzählige Begebenheiten einer langen gemeinsamen Freundschaft. Er versucht sie auch, gegen die, wie er glaubt, vernichtende Kraft und Macht des Todes am Leben zu erhalten. Was er nie für möglich gehalten hätte, der Tod des Freundes bedroht sein Leben, schient seinen eigenen Tod vorwegzunehmen, raubt ihm jegliche Kraft und jeglichen Lebensmut.

Er erzählt von Liebe, von Streit und Versöhnung und nicht nur an einer Stelle erinnert die Beziehung der beiden Freunde jedenfalls aus der Sicht der Erzählers an die alte Rivalität zwischen Kain und seinem Bruder Abel. Denn auch Boas wollte Arzt werden, beugte sich aber dem vernichtenden Diktum seines Vaters. Nun, da er tot ist, wird sich der Erzähler dieser immer zwischen ihn stehenden Konkurrenz bewusst. Immer wieder geht es um Neid auf den Erfolg des anderen, gerade auch bei den Frauen.

Eyal Megged zwingt seinen Leser, tief in die Reflexionen seines Erzählers einzutauchen über das, was der „die verfluchten Fragen des Lebens“ nennt. Sein Roman ist auf der einen Seite eine zornige Abrechnung mit dem Tod, aber auch ein psalmenartiger Lobgesang auf das Leben.