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Das Buch der Trauer

 

 

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Jorge Bucay, Das Buch  der Trauer, Fischer Taschenbuch Verlag 2015, ISBN  978-3-596-19795-8

 

Unser ganzes Leben besteht, wenn man es genau nimmt, aus einem ständigen Prozess des Aufgebens  und  Loslassen.  Kleine und kurze Abschnitte, die oft plötzlich zu  Ende  gehen, Menschen,  die aus dem eigenen Leben wieder verschwinden und  dennoch ihre  Spuren hinterlassen, prägende und liebevolle Beziehungen, die an ihr oft schmerzhaftes Ende kommen.

Und nicht zuletzt der Tod, der oft wie ein Dieb in der Nacht sich in unser Leben schleicht und uns das nimmt,  was uns das Liebste war.

Mit  einer  Vielzahl von  Beispielen  aus seiner  langen  therapeutischen Praxis erzählt Jorge  Bucay sehr feinfühlig und kompetent von diesen unterschiedlichen Verlusten,  die uns treffen können, und versucht immer wieder sehr konkret einen Weg zu weisen, auf dem wir lernend gehen können. Lernend, dass alles, was wir verlieren, uns genauso ausmacht und prägt, wie das, was wir als Glück oder Erfolg erfahren haben. Es kommt darauf an,  sich bei diesen Verlusten dem Schmerz zu stellen, ihn anzunehmen und die Trauer nicht wegzudrücken.

Diese Form der Trauerbewältigung ist nicht nur der beste, sondern auch der einzige Weg, nach einem schweren  Verlust  in das Leben und seinen vollen Beziehungsreichtum  zurückzufinden.

Angemessen  wahrgenommen  und ausreichend  betrauert und  verarbeitet sind Verluste etwas Notwendiges. Sie bereichern unser Leben am Ende und lassen uns wachsen.

Ein Buch, das mir auch schon lange zurückliegende Verluste in einem neuen Licht gezeigt hat.

 

Trauer ist das Ding mit Federn

 

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Max Porter, Trauer ist das Ding mit Federn, Hanser Berlin 2015, ISBN 978-3-446-24956-1

Es gibt viele Bücher über den Tod. Romane, die erzählen von Verlust und Schmerz, von der unsäglichen Leere, die der Tod nahestehender Menschen verursacht, von Trauer und Orientierungslosigkeit und von dem verzweifelten Versuch von Menschen, sowohl den Verstorbenen in ihrer Erinnerung zu behalten, als auch erste Schritte der Neuorientierung zu tun in ein Leben ohne den geliebten Menschen.

Auch in vielen Bilderbüchern wird das Thema für Kinder aufgearbeitet, die ihre Großeltern oder gar einen Elternteil verloren haben.

Das hier vorliegende Buch des 1981 geborenen Buchhändlers Max Porter geht (durch eigene Erfahrungen geprägt?) dieses Thema auf eine Weise an, die ungewöhnlich und literarisch einzigartig ist.
In knappen Texten erzählt er von einem Mann und seinen beiden Söhnen,  denen die Frau und Mutter von heute auf morgen weggestorben ist. Er erzählt von der Leere, dem Schmerz und auch der Wut, die sich einnisten ins Leben wie ein Geschwür.

Max Porter erfindet eine überlebensgrosse Krähe, die wenige Tage nach dem Tod der Mutter vor der Haustür steht und sich ohne groß zu fragen Einlass nicht nur in das Haus verschafft, sondern sich in den Alltag der Familie einnistet. Sie tut das auf eine laute, regelrecht unverschämte und vulgäre Weise. Sie bringt damit Lebendigkeit in die Familie zurück und wird insbesondere für die beiden Jungs zu einem wahren Segen. Aber auch dem Vater zeigt sie wie eine Art subversiver Therapeut Wege und Möglichkeiten auf, nicht in der Trauer zu versinken.

Am Ende-wie lange die Krähe zu Gast war bleibt unbestimmt- sind Vater und Söhne in der Lage, die Asche der Mutter zu verstreuen, und die Krähe verabschiedet sich mit den Worten:  „Bitte um Erlaubnis, wegtreten zu dürfen, ich bin hier fertig.“

Ihre Mission ist beendet. Das Leben gewinnt wieder Oberhand gegen den Tod. Wie Max Porter das erzählt, ist wild und ungezügelt, mit einer Sprache, der es gelingt, etwas einzufangen von der Verwirrung und dem Durcheinander, in die der Tod die Familie gestürzt hat, komisch an vielen Stellen und ohne Erbarmen mit dem Leser.

Vielleicht steht die Krähe als literarisches Bild für Menschen, deren tatkräftige Unterstützung so nötig ist für andere, die in ihrer Trauer zu versinken drohen.