Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Wiener Straße (Hörbuch)

 

 

 

Sven Regener, Wiener Straße (Hörbuch), RoofMusic 2017, ISBN 978-3-86484-449-2

 

Nicht ganz chronologisch entführt Sven Regener in seinem neuen Roman den Leser seiner bisherigen Lehmann-Romane ins das Berlin im Jahr 1980. Frank Lehmann ist noch neu in Berlin, erinnert sich oft an seinen bisherigen Wohnort in der Neuen Vahr Süd. Irgendwie muss er sich durchschlagen und schließt sich einer verrückten Truppe an, die in der Zukunft sein Leben weiter beeinflussen wird.

 

Im Cafe Einfall in der Wiener Straße begegnen wir einer Gruppe von eigenwilligen Menschen und Charakteren, die Regener so überzeichnet,  dass sich das Buch liest, wie man eine Sitcom anschaut. Man hört beim Lesen quasi die eingeblendeten Lacher. Die in der Nachbarschaft in einem besetzten Haus lebende Kunsttruppe ArschArt ist da keinen  Deut besser.  Ihr Boss P.Immel und der Aktionskünstler H.R. Ledigt halten, was ihre lustigen Namen versprechen.

 

Allesamt sind sie schräge Vögel, die sich in einer schrägen Welt zu behaupten wissen. Die permanent überzeichnete Sprache Regeners ist genauso derb, witzig und bizarr wie seine vielen beschriebenen seltsamen Protagonisten.

 

Das Buch stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017 und hat es aber nicht auf die Shortlist geschafft. Vielleicht den Kritikern zu schräg ?

 

Die hier vom Autor selbst eingespielte ungekürzte Hörbuchfassung besticht durch ihren trockenen Witz. So kann nur der Erfinder all dieser skurrilen Figuren diese in Szene setzen. Besonders die Dialoge sind ein Genuss. Wer sich zwischen dem Buch und dem Hörbuch entscheiden will, sollte auf jeden Fall das Hörbuch wählen.

 

Zum Weglachen.

 

 

 

 

 

Frida Kahlo und ihre Tiere

 

 

 

Monica Brown, John Parra, Frida Kahlo und ihre Tiere, NordSüd Verlag 2017, ISBN 978-3-314-10411-4

 

In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag der Künstlerin Frida Kahlo zum 110. Mal. Aus diesem Anlass hat die amerikanische Künstlerin mit peruanischen Wurzeln Monica Brown zusammen mit dem Illustrator John Parra ein Bilderbuch gemacht, das unter dem Titel „Frida Kahlo und ihre Tiere“ Kindern Frida Kahlos Kunst und Leben näher bringen soll.

 

Tatsächlich sind auf vielen Bildern, die Frida Kahlo gemalt hat, Tiere zu sehen. Schon in ihrer Kindheit hatte sie zu ihren Tieren eine ganz besondere Beziehung. Zwei Affen waren darunter, ein Papagei, drei Hunde. Zwei Truthähne, ein Adler, ein schwarzer Kater und ein Rehkitz.

 

Zart und vorsichtig deutet die erzählte Geschichte auch ihre schwere Krankheit an und ihre Beziehung zu  Diego Rivera. Das, was Monica Brown und die wunderbar gelungenen Illustrationen von John Parra intendieren, kommt beim Betrachten und Vorlesen kindgerecht rüber:  dass die Kunst auch ein Geschenk ist an diejenigen, die mit einer Krankheit zu kämpfen haben. Aus Schmerz Schönheit machen und mitten im Leid Kraft finden.

Hallo, Karlchen!

 

 

 

 

 

 

Rotraut Susanne Berner, Hallo, Karlchen, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25524-1

 

Über ein Dutzend Bilderbücher über ihre Lieblingsfigur Karlchen hat die auch durch ihre Wimmelbücher bekannte Autorin und Illustratorin Rotraut Susanne Berner in den letzten 15 Jahren veröffentlicht und vielen Kindern und den vorlesenden Eltern damit viel Freude gemacht.

 

Karlchen heißt eigentlich Karl Nickel, ist drei bis vielleicht sechs Jahre alt und geht in den Kindergarten. Er lebt mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Klara in einem kleinen Ort, wo auch seine Oma Nickel, sein Freund Ole und seine Cousine Käthe wohnen.

 

In diesem neuen Sonderband zu einem ermäßigten Preis präsentiert Rotraut Susanne Berner vier der bisher beliebtesten Karlchen-Geschichten:

  • Guten Morgen, Karlchen
  • Wo ist Karlchen?
  • Karlchen geht einkaufen
  • Gute Nacht, Karlchen!

 

Ein wahrer Hausschatz für Eltern, Großeltern und Kinder. Ein Muss für alle Karlchenfans und ein wunderbarer Einstieg für die, die ihn noch nicht kennen.

 

Ein schönes Geschenk übrigens für Nikolaus oder Weihnachten.

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

 

 

 

 

 

Ingo Schulze, Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst, S. Fischer 2017, ISBN 978-3-10-397204-7

 

Einen richtigen Schelmenroman hat Ingo Schulze da geschrieben, fast 600 spannende und absolut unterhaltsame Seiten lang über einen Menschen namens Peter Holtz, der, 1962 geboren, als Waisenkind in der DDR aufwächst und seine von ihm selbst erzählte Geschichte im Juli 1974 beginnen lässt, als er als Gast in einem Ausflugslokal in der Nähe seines Heimes bei Waldau eine Kellnerin und auch andere Gäste verblüfft, indem er sie um kostenloses Essen bittet. Seine Begründung ist so naiv wie verblüffend: im Sozialismus gehört doch allen alles und Geld sollte doch in der neuen Gesellschaftsordnung keine Rolle spielen.

 

Auch im weiteren Verlauf seiner Geschichte bleibt Peter Holtz seinen Überzeugungen treu. Obwohl oder vielmehr gerade weil er einer christlichen Gemeinde beitritt und überzeugter Christ wird, will er ein richtiger Soldat werden und sein sozialistisches Land verteidigen. Auch seine Berufswahl, als er Maurer wird und alte Häuser zum Wohle der Gesellschaft saniert, ist an dieser Überzeugung orientiert.

 

Als er dann nach der Wende im Westen eine erstaunliche Karriere macht, geraten ihm seine früheren Überzeugungen manchmal aus dem Blick. Er wird sehr reich, wird Unternehmer, kauft eine Kunstgalerie und sieht sich plötzlich auf der anderen Seite stehen. Seine Arbeiter kämpfen gegen ihn.

 

In einzelnen kurzen Episoden erzählt, kommt der Roman sehr witzig daher, mit Dialogen, die manchmal zum Brüllen sind, doch immer sehr hintergründig , konfrontiert Ingo Schulze mit seinem Protagonisten den Leser immer wieder mit der Frage, was denn nun richtig oder falsch ist.

 

Wenn man sich mit den ziemlich sonderbaren Ansichten von Peter Holtz über die unterschiedlichsten Dinge und Phänomen auseinandersetzt, fragt man sich immer wieder, ob vielleicht das, was für uns heute so absolut selbstverständlich ist, nicht auch oder vielleicht noch mehr hinterfragt werden muss.

 

Es geht im Grunde in diesem Schelmenroman um die Grundlagen und Prinzipien einer möglichen gerechten Gesellschaft. Wie kann sie erreicht werden und: sind wir bereit dafür uns einzusetzen?

 

Bei aller belletristischen Phantasie, der Ingo Schulze in seinem Roman freien Lauf lässt – sein Buch hat eine grundlegende sozialpolitische Botschaft.

 

 

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Wie man es vermasselt

 

 

 

George Watsky, Wie man es vermasselt, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-07007-1

 

1986 geboren, ist der Rapper, Hip-Hop-Musiker und Slam Poet George Watsky in den USA schon lange ein bekannter Künstler, der 2006 zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte.

Nun hat er sich in einem Buch mit biographisch geprägten Erzählungen aus seiner Jugend versucht und es ist ihm hervorragend gelungen. Witzig, frech und extrem unterhaltsam berichtet er in insgesamt 13 kürzen Erzählungen von Erfahrungen, die er gemacht hat mit Baseball, mit Frauen, als Bewohner einer WG und ganz zu Beginn des Buches mit dem Schmuggeln eines Stoßzahns eines Narwals für seine uralte Großmutter.

 

Selbstironisch, wie man es selten findet bei Schriftstellern, authentisch und scheinbar absolut ehrlich erzählt er in einer frischen Sprache und einem eigenen Stil, von dem man sicher bald noch mehr zu lesen bekommen wird, von persönlichen und intimen Erfahrungen, die ihn nicht immer im besten Licht dastehen lassen.

 

Ein junger Mann, der sich dem Leben aussetzt, seine eigenen Schwächen und Behinderungen (Epilepsie) annimmt und immer versucht, das Beste daraus zu machen.

 

Eine neue Stimme in der amerikanischen Literatur, die Diogenes durch die Übersetzung von Jenny Merling dem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht.

 

Man mag gerne bald mehr davon.

 

 

Was auf dem Spiel steht

 

 

 

 

 

Philipp Blom, Was auf dem Spiel steht, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25664-4

 

Es ist ein besorgniserregender Sachverhalt und Tatbestand, den der Historiker und Romancier Philipp Blom in seinem neuen Buch „Was auf dem Spiel steht“ konstatiert.

 

Nichts weniger als die in der Aufklärung erkämpften und entstandenen Werte wie Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit stehen in unseren Gesellschaften auf dem Spiel. Die westlichen Gesellschaften stehen in den kommenden Jahren vor einer prekären Wahl: radikale Marktliberale einerseits, autoritäre Populisten andererseits.

 

Beide haben sie keine wirklichen Lösungen für die globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Immer wieder zeigt Blom mit leidenschaftlicher Überzeugung, dass nur eine illusionslose Sicht auf die Gegenwart, gespeist von einer fundierten historischen Kenntnis von Geschichte und Gegenwart unsere humane Gesellschaft retten kann. Die Überzeugung, dass allen Menschen ein freies Leben zusteht, ist unveräußerlich.

 

Darin ähnelt Bloms Buch sehr dem Weckruf von Bernd Ulrich, der ungefähr zeitgleich unter dem Titel „Guten Morgen, Abendland“ bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist.

 

Dort entwirft er in überzeugender politischer Analyse und politischer Bestandsaufnahme ein Epochenbild, das wir in den nächsten Monaten und Jahren in der politischen Kultur unseres Landes und zur Unterfütterung von noch mehr nötigen demokratischen Engagements der Bürger noch dringend brauchen werden und auf dessen Elemente nach der Wahl hoffentlich noch viele zurückkommen werden.

 

Ulrich glaubt, die Erschütterungen der letzten Jahre (Trump, Brexit, Flüchtlingskrise, autoritäre Staaten mitten in der EU) sind notwendig, um der Öffentlichkeit unseres Landes die Augen zu öffnen für die Ursachen, die viel zu lange verdrängt worden sind: die Wucht, mit der die weltweiten Krisenherde an unser Leben unmittelbar heranrücken, und die grotesken und obszönen Ungerechtigkeiten, die so sichtbar werden und die sich die Opfer nicht mehr bieten lassen, bei uns und weltweit …

 

Für Deutschland und erst recht für Europa sieht er eine Zukunft als Mittler zwischen Ost und West und als Kümmerer für Afrika. Bei aller zum Teil sehr ernüchternder Analyse, die zeigt, dass die alten Zeiten endgültig vorbei sind, gibt Ulrich die Hoffnung nicht auf wenn er am Ende schreibt: „Am Ende wird der Wille zur Demokratie einen Weg zur Gerechtigkeit finden.“

 

Mögen Bloms und Ulrich Hoffnungen Wirklichkeit werden. Die Alternative scheint im Augenblick jedoch übermächtig.

 

 

 

 

Stern geht

 

 

 

 

 

Thomas Heerma van Voss, Stern geht, Schöffling & Co. 2016, ISBN 978-3-89561-207-7

 

Thomas Heerma van Voss ist ein 19090 geborener niederländischer Autor, der dort seit einiger Zeit  als eines der größten literarischen Talente gilt.  Mit „Stern geht“ hat er im vergangenen Jahr bei dem Frankfurter Verlag Schöffling & Co seinen ersten, von Ulrich Faure übersetzten Roman auf Deutsch vorgelegt, der leider hierzulande von der Kritik kaum wahrgenommen wurde.

 

Dabei ist es ein durchaus lesens- und bemerkenswertes Porträt eines älteren Mannes namens Hugo Stern, dessen Leben sich nach seinem unfreiwilligen Vorruhestand – er arbeitete sein Leben lang als Grundschullehrer- sich dramatisch verändert. Innerhalb kürzester Zeit gibt er alle Ansprüche an sein Leben, die er vorher hoch hielt, auf. Er denkt nach über seine Kindheit in einem kleinen Dorf, dessen Enge dann abgelöst wurde von einem Aufenthalt in London in den sechziger Jahren. Froh jedoch machte ihn das auch nicht.

 

Er denkt an die Lieb zu seiner Merel, die sich ihm nach seinem erzwungenen Ruhestand immer mehr entfremdet. Allein sein adoptierter Sohn scheint ihm Halt zu geben, doch auch der wird größer und entzieht sich dem Vater immer mehr.  Immer mehr zerbröckelt Sterns bisheriges Lebensnetz aus Vertrautem und Sicherheit Gebenden.

 

Doch Stern bleibt dabei nicht stehen. Bald schon verblüfft er seine Umgebung mit einer ungeahnten Kompromisslosigkeit und bringt sich selbst damit in große Schwierigkeiten.

 

„Stern geht“ ist ein seltsam bedrückender Roman, der gleichwohl berührt, thematisiert er doch ein Phänomen, mit dem sich mehr Männer ab 60 konfrontiert sehen, als man denkt. Thomas Heerma van Voss, selbst noch jung, gibt diesen Männern mit seinem Protagonisten Stern eine Stimme und eine Gestalt.

 

 

Guten Morgen, Abendland. Der Westen am Beginn einer neuen Epoche. Ein Weckruf

 

 

 

 

 

Bernd Ulrich, Guten Morgen, Abendland. Der Westen am Beginn einer neuen Epoche. Ein Weckruf, Kiepenheuer & Witsch 2017, ISBN 978-3-462-05049-3

 

Er steckt den Kopf nicht in den Sand, belässt seine politischen Kommentare und Analysen nicht im Jammern und Klagen über die „Welt aus den Fugen“, sondern Bernd Ulrich, Leiter der Politik-Redaktion der Wochenzeitung „Die Zeit“ entwirft in dem vorliegenden Essayband in insgesamt zehn thematischen Zugängen ein überzeugender politischer Analyse und politischer Bestandsaufnahme ein Epochenbild, das wir in den nächsten Monaten und Jahren in der politischen Kultur unseres Landes und zur Unterfütterung von noch mehr nötigen demokratischen Engagements der Bürger noch dringend brauchen werden und auf dessen Elemente nach der Wahl hoffentlich noch viele zurückkommen werden.

 

Ulrich glaubt, die Erschütterungen der letzten Jahre (Trump, Brexit, Flüchtlingskrise, autoritäre Staaten mitten in der EU) sind notwendig, um der Öffentlichkeit unseres Landes die Augen zu öffnen für die Ursachen, die viel zu lange verdrängt worden sind: die Wucht, mit der die weltweiten Krisenherde an unser Leben unmittelbar heranrücken, und die grotesken und obszönen Ungerechtigkeiten, die so sichtbar werden und die sich die Opfer nicht mehr bieten lassen, bei uns und weltweit …

 

Für Deutschland und erst recht für Europa sieht er eine Zukunft weisen als Mittler zwischen Ost und West und als Kümmerer für Afrika. Bei aller zum Teil sehr ernüchternder Analyse, die zeigt, dass die alten Zeiten endgültig vorbei sind, gibt Ulrich die Hoffnung nicht auf wenn er am Ende schreibt: „Am Ende wird der Wille zur Demokratie einen Weg zur Gerechtigkeit finden.“

 

Möge er Recht behalten und mögen sich auch nach der Wahl zum Bundestag dort und in einer kritischen Öffentlichkeit genug Stimmen finden, die in diese Hoffnung miteinstimmen und ihre Politik danach ausrichten.

Wiener Straße

 

 

 

 

 

Sven Regener, Wiener Straße, Galiani 2017, ISBN 978-3-86971-136-2

 

Nicht ganz chronologisch entführt Sven Regener in seinem neuen Roman den Leser seiner bisherigen Lehmann-Romane ins das Berlin im Jahr 1980. Frank Lehmann ist noch neu in Berlin, erinnert sich oft an seinen bisherigen Wohnort in der Neuen Vahr Süd. Irgendwie muss er sich durchschlagen und schließt sich einer verrückten Truppe an, die in der Zukunft sein Leben weiter beeinflussen wird.

 

Im Cafe Einfall in der Wiener Straße begegnen wir einer Gruppe von eigenwilligen Menschen und Charakteren, die Regener so überzeichnet,  dass sich das Buch liest, wie man eine Sitcom anschaut. Man hört beim Lesen quasi die eingeblendeten Lacher. Die in der Nachbarschaft in einem besetzten Haus lebende Kunsttruppe ArschArt ist da keinen  Deut besser.  Ihr Boss P.Immel und der Aktionskünstler H.R. Ledigt halten, was ihre lustigen Namen versprechen.

 

Allesamt sind sie schräge Vögel, die sich in einer schrägen Welt zu behaupten wissen. Die permanent überzeichnete Sprache Regeners ist genauso derb, witzig und bizarr wie seine vielen beschriebenen seltsamen Protagonisten.

 

Das Buch stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017 und hat es aber nicht auf die Shortlist geschafft. Vielleicht den Kritikern zu schräg ?

 

 

 

 

Euphoria

 

 

 

 

 

Lily King, Euphoria, DTV 2017, ISBN 978-3-423-14580-0

Ob sich einzelne Szenen so oder ähnlich tatsächlich zugetragen haben, wie sie in dem vorliegenden mit dem Kirkus Preis ausgezeichneten Roman der Amerikanerin Lily King beschrieben werden, ist möglich, aber für die literarische Beurteilung des Buches nicht wichtig.

 

Wenn die New York Times ein Buch unter die fünf besten literarischen Bücher wählt, wie sie es mit „Euphoria“ im Jahr 2014 getan hat, als das Buch im Original erschien, dann ist das eine große Ehre.

 

Die Geschichte, die Lily King erzählt, hat nicht nur wegen ihres leidenschaftlichen Stils all diese Auszeichnungen verdient. Offenbar seit langem von der berühmten Ethnologin Margaret Mead, ihrem Leben und ihren Forschungen fasziniert und mit der im Anhang des Buches aufgelisteten Literatur wohl vertraut, hat sich Lily King inspirieren lassen zu einem spannenden und schönen Roman, der sich nicht nur mit den fantastisch beschriebenen Beziehungen und dem von ihrer jeweiligen Geschichte geprägten Innenleben ihrer Protagonisten beschäftigt, sondern auch einen hervorragenden Einblick gibt in das Leben und Arbeiten führender Ethnologen Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

 

Lily King konstruiert eine Begegnung und Beziehungsgeschichte zwischen der schon durch Veröffentlichungen berühmten amerikanischen Ethnologin Nell Stone, ihrem Ehemann Fen und dem Briten Andrew Bankson in Neuguinea in den Siedlungsgebieten verschiedener eingeborener Stämme im Flussgebiet des Sepik.

 

Eine leidenschaftliche Dreiecksbeziehung entwickelt sich, gepaart mit professionellen Konkurrenzen, insbesondere zwischen Nell und ihrem Mann. Andrew Bankson, in dem man unschwer Margaret Meads späteren zweiten Ehemann Gregory Bateson erkennen kann, ist nicht nur von Nells Arbeit und ihrer wissenschaftlichen Leidenschaft und Stringenz begeistert, sondern er nutzt auch eine Abwesenheit Fens, die noch dramatische Folgen haben wird, sich Nell sexuell zu nähern. Die erwidert sein Begehren, doch ob all das eine Zukunft haben kann und wird in dem Buch, soll hier offen gelassen werden.

 

Wenn man sich irgendwann gelöst hat nach einigen Dutzend Seiten von dem dauernden Vergleich mit den Menschen, deren Leben Lily King zu diesem leichtfüßig erzählten Roman inspiriert hat, taucht man ein in eine sinnliche Geschichte von drei Menschen, die aufbrachen, die Fremde zu erkunden auf den Spuren nach den Ursprüngen der Menschheit und des Menschseins, und dabei ohne es wirklich zu wollen, in den „Dschungel ihres eigenen Inneren eingedrungen“ (Ilija Trojanow) sind.

 

Ein Roman, in dem es neben der Ethnologie und ihren Methoden hautsächlich geht um Begierde, Liebe und um unterschiedliche Lebensformen und Herrschaft.