Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Punkte

 

 

 

 

 

Giancarlo Macri, Carolina Zanotti, Punkte, Gabriel 2017, ISBN 978-3-522-30471-9

 

Wie kann man Kindern, die schon im Kindergarten anderen Kindern mit diesem Schicksal begegnen, erklären, was passiert und welche Erfahrung man macht, wenn man flüchten muss?

 

Diesem Bilderbuch aus Italien gelingt es hervorragend all die schwierigen Fragen von Migration, Arm und Reich, Integration und Solidarität mit Punkten zu visualisieren und mit knappen Texten zu begleiten. Es gibt sogar ein Parlament aus Punkten, das über das Schicksal vieler Flüchtlinge entscheidet.
Der Präsident des Deutschen Bundestages Norbert Lammert schreibt in seinem Vorwort zu diesem Buch:

„Flucht, Fluchtursachen und der Umgang mit Ihnen sind schwer zu erklären. Dieses Buch bringt sie trotzdem leicht verständlich auf den Punkt. Ein Buch für ganz junge Leser, aber auch für alle, die solche Erfahrungen vermitteln wollen!“

 

Mit den Symbolen der schwarzen Punkte, denen die in Sicherheit und Wohlstand leben und den schwarzen Kringel, denen es schlecht geht und zu den schwarzen auf die andere Seite wollen stellen die Autoren den Vorgang der Flucht da. Sie zeigen den Kindern, dass es nur mit Zusammenarbeit gelingen kann, fliehende Menschen und Menschen, die in ihrer Heimat aufgewachsen sind, zusammenzubringen.

 

Eine sicher vereinfachte, aber kindgerechte Darstellung.

 

 

 

 

 

Wie Europa die Welt eroberte

 

 

 

 

 

Philip T. Hoffman, Wie Europa die Welt eroberte, Theiss 2017, ISBN 978-3-8062-3476-3

 

Wie kam es, dass Europa, bis zum 15. Jahrhundert ein eher trostloser armer Kontinent, ab etwa Mitte des 15. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine Entwicklung nahm, die ihm in fast jeder Hinsicht eine Weltmachstellung brachte?

 

Der amerikanische Professor für Wirtschaft und Geschichte Philip T. Hoffman geht in seinem in den USA hoch gelobten Buch dieser Frage nach und identifiziert permanente Spannungen und militärische Auseinandersetzungen der einzelnen europäischen Reiche und selbst kleiner Fürstentümer untereinander als Ursache eines enormen Wettrüstens, während dem sie neben dem Schießpulver auch viele andere Technologien entdeckten, als Ursache dafür, dass Europa immer mehr an auch globalem Einfluss gewann. Dieser innereuropäische militärische Wettbewerb verschaffte den Europäern im Gegensatz zu anderen Weltmächten jener Zeitspanne, den „entscheidenden Vorteil“. Doch mit dem Ersten und erst recht mit dem zweiten Weltkrieg ging dieser Vorteil verloren.

 

Mit dieser Ausgangsthese zeichnet Hoffman in seinem lesenswerten und informativen Buch die „Eroberungsgeschichte“ Europas nach und erwähnt auch die Schattenseiten dieser Entwicklung.

 

Mich persönlich regte dieses Buch an, nachzudenken über das, was Europa heute, im 21. Jahrhundert, auszeichnet. Darüber, wie die in diesen Tagen besonders deutlich sichtbare politische Notwendigkeit der Rückbesinnung auf die eigenen Stärken und Ressourcen, Europa einigen und ihm einen neuen, eigenen Platz in der globalisierten Welt verschaffen könnte.

 

 

 

 

Wenn dir das Leben in den Hintern tritt, tritt zurück

 

 

 

 

 

Katja Porsch, Wenn dir das Leben in den Hintern tritt, tritt zurück, Goldegg Verlag 2017, ISBN 978-3-903090-81-1

 

Was ist eigentlich Erfolg im Leben und wie definiert man ihn? Insbesondere dann, wenn man auf ganzer Linie gescheitert ist in einem bestimmten Lebensabschnitt. Wie kommt man wieder auf die persönliche und  auch wirtschaftliche Erfolgsspur zurück?

 

Auf eine sehr persönliche und authentische Weise umkreist Katja Porsch, erfolgreiche und bekannte key-note speakerin dieses Thema. Mit ihrer auch emotional geprägten, offen und direkten Weise gibt sie nicht nur Auskunft über ihre ganz persönliche von Tiefen und Höhen geprägten Lebensgeschichte, sondern sie gibt ihren Lesern viele Tipps und Hinweise, wie man im Leben das bekommt, was man wirklich will.

Wichtig ist ihr, immer wieder zu betonen: es kommt überhaupt nicht darauf an, ob man scheitert, sondern es geht immer darum, aus den Niederlagen des Lebens zu lernen, es zu wagen, neu anzufangen, immer weiter zu machen und sich zu verbessern.

 

Gegen eine weit verbreitete Haltung des Jammerns und Klagens über das eigene Schicksal, setzt sie die eigene kreative und mutige Gestaltungsfreude. In einer gut lesbaren Mischung aus Autobiographie und Ratgeber, der weder belehrt noch verurteilt, ermutig sie den Leser, auch dem eigenen Leben eine zweite und wenn nötig auch eine dritte Chance zu geben und immer nach vorne zu schauen, gleichgültig wie hart einen das Leben auch treffen und niederdrücken mag.

 

 

 

Wo ist MH 370 ? Ein Rätsel und der Mann, der es löst

 

 

 

 

Bastian Berbner, Wo ist MH 370. Ein Rätsel und der Mann, der es löst, Dumont Reiseverlag 2017, ISBN 978-3-7701-6973-3

 

Eine neue Reihe mit dem Titel „True Tales“ , wahre Geschichten, bietet der Dumont Reiseverlag in diesem Sommer all jenen an, die gerne Abenteuer- und Reisegeschichten lesen, dabei aber keine großen Wälzer mögen sondern Spaß haben an einer kurzen, spannenden und vor allen Dingen  wahren Geschichte, die sie mitnimmt in die große weite Welt.

 

In dem vorliegenden Band, wie alle anderen etwa 80 Seiten mit vielen Bilder und Fotografien umfassend, erzählt der ZEIT- Redakteur Bastian Berbner die Geschichte von dem US-Amerikaner Blaine Gibson, einem 59- jährigen Globetrotter, der etwas schafft, was millionenschwere internationale Suchaktionen nach dem Verschwinden des Flugs MH-370 nicht schafften. Er löst das angebliche Rätsel.

500 einmalige Erlebnisse in Deutschland

 

 

 

 

 

Lonely Planets, 500 einmalige Erlebnisse in Deutschland, Mairdumont 2017, ISBN 978-3-8297-2663-4

 

Dieser Band beschreibt in kurzen, aber äußerst informativen Texten 500 besondere Orte oder Veranstaltungen in Deutschland und illustriert sie mit schönen, eindrucksvollen Bildern. Es zeigt eindrucksvoll, dass man keine weiten Reisen unternehmen muss, um etwas Besonderes oder gar Abenteuerliches zu erleben.

 

Gegliedert sind die verschiedenen „Erlebnisse“ nach Themenbereichen und nicht nach Regionen. Doch über das Ortsverzeichnis, in dem auch die einzelnen Bundesländern genannt werden, kann man auch durchaus Ziele in der Nähe des eigenen Wohnortes finden.

 

Das Buch mit unzähligen wirklich außergewöhnlichen Zielen verführt zum Entdecken und zum Ausprobieren. Mal was ganz Anderes!

 

Tanz der Tiefseequalle

 

 

 

 

Stefanie Höfler, Tanz der Tiefseequalle, Beltz & Gelberg 2017, ISBN 978-3-407-82215-4

 

Stefanie Höfler weiß wovon sie schreibt. Selbst  als Lehrerin arbeitend, kann sie sich auf eine bewegende und überzeugende Weise in die jugendlichen Protagonisten ihres hier vorliegenden preisgekrönten Romans hineinversetzen.

 

Es ist eine Geschichte, in der es geht um Vorurteile, Mut und strake Charaktere, eine Geschichte von Jugendlichen mitten in den Wehen der Pubertät. Spannend und mit einer überzeugenden und nüchternen Sprache lässt sie die hübsche Sera und den dicken Niko aus deren Sicht erzählen, wie sie nach etlichen  Mobbingerfahrungen vorsichtig eine gewissen Faszination füreinander entdecken und sich näherkommen.

 

Stefanie Höfler schenkt den beiden Jugendlichen eine eigene Sprache, in der sie warmherzig und gefühlvoll eine Geschichte erzählt, die wie gemacht ist für jugendliche Leser. Vielleicht wird dieses Buch in einigen Jahren ebenso als Unterrichtstoff in der 8. Klasse verwendet, wie zum Beispiel Bauers „Nennt mich nicht Ismael“ und andere.

 

 

Systemisch unterrichten

 

 

 

Johannes Schwehm, Systemisch unterrichten, Carl Auer Verlag 2017, ISBN 978-3-8497-01809-2

 

Das vorliegende Buch eignet sich für alle Lehrer, die sich für den systemischen Ansatz als einen für ihre Unterrichtspraxis hilfreiche Methode interessieren. Je nach Vorkenntnissen ist allerdings wohl einigen Zeit nötig, um sich in dieses grundlegenden Buch einzuarbeiten, das nach einem Eingangskapitel über die Bedeutung des systemischen Denken und Handelns, das die erkenntnistheoretischen Grundlagen setzt, sich im zweiten Kapitel mit diesem Denken und Handeln im pädagogischen Kontext befasst.

 

Insgesamt zwölf praktisch erprobte Moderationsverfahren für ein  systemischeres Unterrichten führen in die Praxis ein und laden zum Erproben ein.

 

Überlegungen für die Förderung von systemischen Denken im jeweiligen Schulsystem vor Ort beenden ein anspruchsvolles Buch, das als Motivation für eine weitere, intensivere Beschäftigung mit systemischen Denken geeignet ist. Auf seine Webseite bietet der Autor zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen an, die man nutzen kann um weiterzukommen.

Magnus und der Nachtlöwe

 

 

 

 

Sanne Dufft, Magnus und der Nachtlöwe, Urachhaus 2017, ISBN 978-3-8251-5113-3

 

Mit einem warmherzig und einfühlsam geschriebenen knappen Text und sehr realistischen Aquarellbildern nähert sich Sanne Dufft in den vorliegenden Bilderbuch aus dem Urachhaus Verlag dem Thema kleinkindlicher Angst vor der Nacht und ihren phantasierten Gestakten wie Räubern oder Monstern unter dem Bett.

 

Es handelt von dem kleinen Magnus, der gerne Ritter spielt. Eines Nachts träumt er von einem bösen Räuber, der ihm sein Schwert und seinen Hut wegnehmen will. Seine Mutter muss den weinenden Magnus trösten als er aufwacht.

Natürlich hört seine Großmutter davon und bringt ihm am nächsten Tag einen kleinen Stofflöwen mit, den er sofort mit ins Bett nimmt. Als er erneut von dem Räuber träumt, sagt der „Nachtlöwe“ zu ihm: „Sei kein Hasenfuß. Du bist doch ein Ritter. Setz deinen Hut auf, nimm dein Schwert und schwing dich auf meinen Rücken“.

Gemeinsam verjagen sie den Räuber, was mit einigem Lärm verbunden ist. Als der Vater nachschaut, erklärt ihm Magnus, wie sein Löwe und er den Räuber verjagt haben, und nun die Eltern ihn Ruhe schlafen können…

 

Eines der schönsten „Nachtangst“ – Bilderbücher, die ich in den letzten zehn Jahren gelesen habe.

 

 

 

 

Stille Wasser (Hörbuch)

 

 

 

 

Donna Leon, Stille Wasser. Commissario Brunettis sechsundzwanzigster Fall (Hörbuch), Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-80380-8

 

In ihren neuen, dem mittlerweile sechsundzwanzigsten Fall ihres venezianischen Commissarios Guido Brunetti, findet Donna Leon nach dem schon viel besseren letzten Fall wieder zu alter literarischer Stärke zurück. Zwar wird wieder, wie das in Italien eher die Regel zu sein scheint, der Schuldige nicht gefunden und verurteilt, aber daran hat man sich mittlerweile auch bei anderen Autoren wie etwa bei Camilleris Montalbano, schon gewöhnt.

 

„Stille Wasser“ zeigt Donna Leon, ihren Brunetti und auch die Lagune von Venedig von einer anderen, sehr nachdenklichen und philosophischen Seite.

 

Nachdem Brunetti bei einem Verhör eines hochrangigen Bürgers, der natürlich am Ende nicht für das Verantwortung übernehmen muss, was er offensichtlich getan hat, seinem Kollegen zur Hilfe kommt, der aus Wut kurz davor ist, dem Verdächtigen, dem Anwalt Antonio Ruggieri an den Kragen zu gehen, indem er einen Schwächeanfall vortäuscht. Das Verhör wird abgebrochen, Brunetti mit Verdacht auf Herzinfarkt in die Klinik gebracht und von dort mit dem dringenden Rat für eine berufliche Auszeit wieder entlassen.

 

Da es seinem schon lange gespürten Bedürfnis entgegenkommt, nimmt Brunetti diesen Rat an, und verbringt unter Vermittlung seiner Frau Paola zwei Wochen in einem Haus von Paola Verwandten auf der Insel Sant`Erasmo in der Lagune von Venedig.

 

Dort wohnt auch der alte Davide Casati, ein Mann, mit den Brunettis Vater schon ruderte und ein legendäres rennen gewann. Brunetti und Casati kommen sich bei zahlreichen Rudertouren durch die Lagune näher. Auf diesen Touren erfährt er viel über das bedrohte und  schon stellenweise zerstörte Ökosystem der Lagune  und das rätselhafte Sterben von vielen von Casati Bienenvölkern, die er auf vielen verschiedenen Inseln der Lagune aufgebaut hat.

 

Man ahnt als jemand, der vor Jahrzehnten genau die Nachrichten verfolgt hat, schon etwas davon, dass es wahrscheinlich um irgendeinen Umweltskandal gehen wird.

 

Und als Casati, dessen Frau vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist, wofür er sich die Schuld gibt, eines Tages nicht mehr auftaucht und verschwindet, überredet Brunetti seinen Kollegen Vianello, sich kran k schrieben zu lassen und sozusagen undercover mit ihm nach Casati zu suchen.

 

Und sie kommen auf ganz alte Spuren und einen unglaublichen Skandal.

 

Donna Leon betont schon in ihren letzten Romanen immer wieder, in welch schrecklichem Zustand Venedig und seine Umgebung durch immer mehr Touristen und Umweltsünden sich befinden. Man spürt ihrem Buch ab, wie sehr sie unter dieser immer negativeren Entwicklung leidet und sie lässt auch ihren Commissario an ihrer Skepsis teilhaben.

 

„Stille Wasser“ ist trotz seiner klug aufgebauten Spannung ein nachdenkliches Buch.

 

Die hier vorliegende ungekürzte Lesung von Joachim Schönfeld besticht durch ihren ruhigen Duktus und eine Stimme, die sich hervorragend in die handelnden Personen hineinversetzt und das Hörbuch so zu einem wirklichen Erlebnis macht.

 

 

 

 

 

 

Die Spur des Lichts (Hörbuch)

 

 

 

 

Andrea Camilleri, Die Spur des Lichts. Commissario Montalbano stellt sich der Vergangenheit (Hörbuch), Lübbe Audio 2017, ISBN 978-3-7857-5469-6

 

Der vorliegende Roman mit Commissario Montalbano aus Vigata in Sizilien ist der nunmehr 19. ins Deutsche übersetzte einer Reihe, die ihr Schöpfer Andrea Camilleri, mittlerweile 92 Jahre alt, in Italien schon auf 24 Bände ausgeweitet hat.

 

Ich habe alle bisher erschienenen Bände vom ersten Band „Die Form des Wassers“ bis zum dem aktuellen vorliegenden in Italien zuerst 2011 erschienenen gelesen, und ich muss sagen, dass ich selten in einer Krimireihe (die meisten mit deutlich weniger Bänden) so wenig qualitative Unterschiede gesehen habe wie bei Camilleri.

 

Obwohl die Besetzung bis auf unwesentliche Veränderungen in seinem Ermittlerteam immer gleich bleibt, ist es jedes Mal ein Genuss zu lesen, wie Montalbano etwa seinen Vorgesetzten mit dessen eigenen Mitteln austrickst oder wie sein tolpatschiger Assistent Catarella jeden Namen verwechselt, der ihm unter die Nase kommt.

 

In den letzten Bänden spielt Camilleri immer wieder mit dem Thema Alter. Montalbanos Zwiegespräche mit seinem Alter Ego deren sich immer mehr um seine Vergesslichkeit und seine abnehmende Energie.

Doch dann zeigt sich der auf sie sechzig zugehende Commissario wieder wie im vorliegenden Band von seiner besten Seite, lässt sich von ermittlungstechnischen Sackgassen nicht entmutigen und stellt wieder einmal fest, dass seine Libido noch nicht erloschen ist.

 

Lange habe ich mich in den letzten Jahren gefragt, warum Montalbano  immer noch jeden Abend mit seiner Freundin Livia telefoniert, obwohl er jedes Mal mit ihr in einen  Streit gerät. Man spürt, dass Montalbano sie durch die Zeiten aufrichtig liebt. Und nach der Lektüre dieses Buches, in dem Camilleri viel Einblick gibt in Montalbanos Vergangenheit, auch seine Geschichte mit Livia, weiß man auch warum. Ich glaube jedenfalls mittlerweile nicht mehr daran, dass Camilleri an dem Beziehungsstand der beiden in den insgesamt fünf in Italien schon erschienenen, aber noch nicht ins  Deutsche übersetzte Bände, etwas ändern wird, auf die  sich alle Freunde dieses Commissarios, der nach wie vor gutes Essen und guten  Wein goutiert, in den nächsten Jahren freuen können.

 

Wider mit viel Sprachwitz hat der Schauspieler Bodo Wolf auch dieses Hörbuch eingelesen und begeistert seine Hörer erneut mit seinem Gespür für die lauten und die leisen  Zwischentöne Andrea Camilleris.