Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Das Rauschen in unseren Köpfen

 

 

 

 

 

Svenja Gräfen, Das Rauschen in unseren Köpfen, Ullstein 2017, ISBN 0978-3-96101-004-2

 

Lene, die uns in diesem mit kunstvoller Sprache verfassten Roman von Svenja Gräfen die Geschichte ihrer ersten großen Liebe erzählt, ist in einer guten, gebildeten Familie behütet aufgewachsen und hat zu dieser auch nach ihrem Wegzug nach Berlin ein gutes Verhältnis. Nun lebt sie mit ihrer besten Freundin in einer WG.

„Als ich Hendrik traf, vergaß ich für einen Moment, dass es je eine Zeit gegeben hatte, in der er noch keine Rolle spielte.“ So beginnt ihre Erzählung. Eine eigentümlich schöne Beschreibung dessen, was passiert, wenn ein Mensch sich verliebt. Sie stürzen regelrecht ineinander, nicht nur ihre Körper verschmelzen, sondern auch ihre Zukunft:

„Die Abende, die Nächte gehörten uns. Wir gingen nicht raus. Wir hatten hier alles, was wir brauchten, das heißt: uns. Wir hätten uns auch in einer Bar gehabt, im Kino, in einem Restaurant; aber eben nicht so, wir hätten uns teilen müssen mit einer ganzen Welt, die nach Aufmerksamkeit schrie.“

 

Lene ist glücklich, und zunächst macht es ihr nichts aus, dass der eher stille Hendrik so wenig aus seinem Leben erzählt. Das war, wie sich sukzessive herausstellt, nicht leicht. Ob Hendrik im Laufe des Jahres, das in dem Roman beschrieben wird, alles selbst erzählt hat, oder ob die Autorin einen auktorialen Erzähler eingeschaltet hat, bleibt undeutlich.

Tatsächlich aber wird deutlich, dass sein manchmal äußerst merkwürdiges Verhalten, das auch Lenes große Liebe nicht mehr übersehen kann in einem Zusammenhang steht mit Hendriks Vergangenheit, seiner Herkunftsfamilie, aus der er floh, nachdem der mysteriöse Tod seines Vaters sie zerstört hatte. Und da ist zunehmend Hendriks Beziehung zu seiner früheren Partnerin Klara, seiner ersten großen Liebe die sich bei ihm meldet und sich in Erinnerung bringt

 

All das schleicht sich immer mehr in die vorher so lockere Beziehung zwischen Lene und Hendrik und nagt an ihr. Wie die Geschichte ausgeht, soll hier nicht verraten werden. Doch der Hinweis sei gestattet, dass dieses Buch auch für den schon etwas älteren Leser eine Menge Erinnerungen wachruft an Zeiten, wo die Liebe über einen kam wie ein plötzlicher Sturm. Aber vielleicht auch an Beziehungen, die durch die Vergangenheit und das erlebte Schicksal des Partners schweren Belastungsproben ausgesetzt waren.

 

 

 

Der Bruch. Frankreichs gespaltene Gesellschaft

 

 

 

 

Gilles Kepel, Der Bruch. Frankreichs gespaltene Gesellschaft, Kunstmann 2017, ISBN 978-3-956714-188-1

 

Schon in dem in Frankreich schon 2015 erschienenen und 2016 bei Kunstmann verlegten Buch „Terror in Frankreich“ hat der bekannte Soziologe Gilles Kepel vor einer Spaltung der französischen Gesellschaft gewarnt. In einer nüchternen Analyse zeigte er, dass es das erklärte Ziel der Dschihadisten ist, die Gesellschaft zu spalten und die bisher noch loyale Mehrheit der Muslime zu radikalisieren. Dies führe dann dazu, dass auch Menschen, die bisher dem Islam wohlwollend bis gleichgültig gegenüber standen, zu Gegner bzw. Feinden dieser Religion werden, rechte Bewegungen wie den Front National in Frankreich oder die AfD in Deutschland immer stärker machen und so wiederum die Begründung für immer neue Attentate und Attentäter schaffen. Ein bürgerkriegsähnliches Szenario wurde da an die Wand gemalt, das mir schon im letzten Jahr große Angst machte.

 

In seinem neuen Buch, in dem er nach einem langen Prolog und einem Vorwort für die deutsche Ausgabe Radiointerviews dokumentiert, die er , jeweils vier oder fünf an der Zahl, in den Monaten von September 2015 bis Juli 2016 gegeben hat, verschärft er seine Analyse noch und beschreibt einen „identitären Bruch in der Gesellschaft“, ein Bruch zwischen denen die Wohlstand haben und denen, die draußen sind, den „Outsidern“. Die schlüsselt er auf:

„Es gibt zwei Typen dieser Outsider: Zum einen Jugendliche mit Migrationshintergrund in den Banlieues der Großstädte, zum anderen das „weiße Frankreich“ vom Land oder in den Kleinstädten. Die einen verfallen der Logik einer islamischen Parallelgesellschaft, die anderen den Rechtsextremen.“

 

Seine Thesen in „Terror in Frankreich“ noch radikaler formulierend,  führt Gilles Kepel aus, wie der dschihadistische Terror diese Spaltung gezielt vorantreibt. Der Aufstieg rechtsextremer islamfeindlicher Parteien gehört zum Kalkül dieses Terrors. Deren islamfeindliche Propaganda macht auch bisher unauffällige Muslime  empfänglich für islamistische Propaganda.

 

Noch mehr als im vergangenen Jahr scheint der einst so besonnene Soziologe selbst zu spalten, wenn er eine „Verschleierung des Dschihadismus in Europa (konstatiert) unter dem Vorwand, Islamophobie sei das bedeutendere soziale Phänomen“.

Gilles Kepel steht mittlerweile selbst auf der Todesliste des IS. Das hat ihn meiner Meinung nach zu einem werden lassen, der nicht mehr nur wissenschaftlich analysiert sondern auch ungeduldig wird:

„Man wartet auf die politische Vision, die der Versuchung des Bruchs zu widerstehen vermag.“  Doch er will sich von den Dschihadisten nicht den Mund verbieten lassen:

„Ich habe das Buch geschrieben, während die Attentate Frankreich erschütterten und ich selbst zum Tode verurteilt war. Für mich war das eine Art auf die Todesdrohung zu antworten. Weil man mich mit dem Tod bedroht, werde ich nicht schweigen. Im Gegenteil: Ich schreibe erst recht noch ein Buch.“

 

Wenn man es liest, bekommt man zunehmend den Eindruck, dass unserem Nachbarland noch sehr schwierige Zeiten bevorstehen. Entwicklungen, die ganz Europa mit nach unten ziehen könnten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Opas geheimnisvoller Garten

 

 

 

 

Luc Foccroulle, Annick Masson, Opas geheimnisvoller Garten, Orell Füssli 2017, ISBN 978-3-280-03546-7

 

Das vorliegende Bilderbuch aus Frankreich erzählt die schöne Geschichte eines Mädchens aus der Stadt, das in den Sommerferien seinen Opa auf dem Land besucht und dort eine Menge von ihm lernt über die Pflanzen seines Gartens und was man alles aus ihnen machen und kochen kann.

 

Das Mädchen heißt Lina. Bei ihrem Opa angekommen, befällt sie sofort eine große Langeweile und sie ist neidisch auf ihre Freundin Louise, die am Strand des Meeres liegen kann, während sie hier auf dem Land versauert.

 

Doch ihr Opa ist ein weiser Mann. Mit viel Geduld führt er seine Enkelin Lina in die Geheimnisse des Gartens ein und lässt sie selbst eine eigene Bohne pflanzen. Und weil sie sich jeden Tag darum kümmern muss und dann  bald auch will, interessiert sie sich bald für immer mehr Pflanzen des Gartens. Von Langeweile ist bald schon keine Rede mehr und das Essen nach der Ernte schmeckt besonders gut.

Was macht die Königin von früh bis spät?

 

 

 

Catharina Westphal, Was macht die Königin von früh bis spät, Orell Füssli 2016, ISBN 978-.3-280-03519-1

 

Auf acht Wimmel-Seiten gibt es in diesem kleinen Bilderbuch für Kinder ab etwa zwei Jahren eine Menge zu entdecken. Was macht die Königin eigentlich von früh bis spät? Wo frühstückt sie, und wann geht sie schlafen? Was passiert, wenn sie unterwegs einmal ganz dringend muss? Und was treibt ihr Lieblingshund, wenn er sich langweilt?

 

Fragen, die nur ein königliches Wimmelbuch mit vielen abenteuerlichen Szenen beantworten kann. Und das alles ohne Worte, die die Kinder mit den ihnen vorlesenden Erwachsenen finden müssen.

 

Es macht Spaß, die immer wieder vorkommenden Personen zu identifizieren, ihnen vielleicht Namen zu geben  und eine Geschichte über sie zu erfinden.

 

 

 

Die vielen Namen der Liebe

 

 

 

 

 

 

Kim Thuy, Die vielen Namen der Liebe, Kunstmann 2017, ISBN 978-3-95614-168-3

 

Schon in ihrem ersten Buch „Der Klang der Fremde“ (2010), mit dem die in Montreal lebende Schriftstellerin Kim Thuy autobiographisch ihre Kindheit in Saigon und die Flucht der Familie als „boat people“ schilderte, versuchte sie in zum Teil sehr kurzen fast epigrammatischen Texten sich an ihren Vergangenheit und ihre große Familie zu erinnern.

 

Auch in „Der Geschmack der Sehnsucht“ (2014) setzte diese Erinnerungsarbeit fort. So wie ihr neues , hier vorliegende Buch ist es ein bewegendes und eindrückliches literarisches Werk, durchzogen von einer tiefen Dankbarkeit an das Leben, das es bei allem Leid und allem erlebten Schrecklichen doch gut mit ihr gemeint hat.

 

„Die vielen Namen der Liebe“ reflektiert, wieder stark autobiographisch geprägt, die Bedeutung von Heimat und Fremde und fragt am Beispiel der Geschichte der Protagonistin Vi, wie etwas Vertrautes fremd wird und das ursprünglich Fremde vertraut.

 

In der Ich-Form erzählt Vi, wie sie als achtjähriges Mädchen mit der Mutter und den drei Brüdern aus Vietnam flieht, weil sie unter dem neuen kommunistischen Regime nicht mehr leben wollen.  Sie schildert das Leben in einem Flüchtlingslager in Malaysia und ihren Neuanfang in Kanada.

 

In Ausschnitten hat Kim Thuy in den beiden ersten Büchern diese eigene Geschichte schon erzählt. Sie wird nun noch plastischer, mehr Einzelheiten ihres langen Weges in die Freiheit der Fremde werden erzählt.

 

Vor allen Dingen aber berichtet sie dieses Mal davon, wie die erwachsene Vi nach Vietnam zurückkehrt und sich dort vollkommen fremd fühlt.

 

„Die vielen Namen der Liebe“ bildet mit den beiden ersten Büchern eine nicht nur biographische, sondern auch eine literarische Einheit.

 

Ein wunderbar poetisches Werk über die Kraft der Sehnsucht und der Liebe, und wie sie über ungeahnte Weiten und Hürden tragen kann, auch in einem neuen Leben in der Fremde.

 

Helikoptermoral

 

 

 

 

 

Wolfgang Schmidbauer, Helikoptermoral, Murmann 2017, ISBN 978-3-946514-56-5

 

Das neue Buch von Wolfgang Schmidbauer, dem bekannten Psychotherapeuten ist ein gelungenes Beispiel einer selten gewordenen kritischen Sozialpsychologie.

Der Begriff der „Helikoptereltern“, die ihre Kinder nicht loslassen und unter permanenter Kontrolle haben müssen ist mittlerweile auch einem größeren Publikum durchaus geläufig. Wer ein Kind hat und es in der vergangene Jahren durch die Zeit des Kindergartens und der Schule begleitet hat, hat sie in großer Zahl kennengelernt und in sehr unangenehmer Erinnerung.

 

Ähnlich wie diese Eltern von chronischen Ängsten geplagt sind, ihre Kinder könnten  in einer immer härter werdenden Gesellschaft scheitern (und damit natürlich auch ihr Projekt, als das sie ihre Kinder verstehen),  befindet sich unsere ganze Gesellschaft in eine Zustand der Angst.

Schmidbauer spricht nun in seinem Buch analog zu diesem Phänomen von einer „Helikoptermoral“, ein Produkt der durch massive Ängste verursachten Hyperaktivität, sei es des Übereifers, sei es der unverhältnismäßigen, verschwenderischen Reaktion auf konstruierte Gefahren.

 

Er versteht darunter eine Mischung aus „ängstlicher Aufmerksamkeit und hastigen Bewertungen ohne Empathie und ohne Blick auf Zusammenhänge“.  Die Fähigkeit für ein eigenes selbstkritisches Urteil geht verloren, „weil die Urteile so zwischen Überschätzung und Entwertung polarisiert sind, dass das Augenmaß verloren geht. Fantasien von Erlösung und Befreiung gewinnen eine Macht, die am Ende in Katastrophen führen muss“.

Es geht ihm überhaupt nicht darum etwa Moral und moralische Urteile zu kritisieren. „Es geht um ihren Missbrauch, um den Übereifer, die Grenzüberschreitung im Dienst narzisstischer Bedürfnisse der Eiferer.“

 

Ethik und Moral werden so aus dem Kontext gerissen und ihrer wichtigen Bedeutung für menschliche Gesellschaften beraubt. Das ist für diese eine große Gefahr. Schmidbauer sieht keine perfekte Lösung:

„Dem Angstkranken kann durch Einfühlung und Zuwendung geholfen werden. Wer aber wie der Fanatiker Ängste manisch abwehrt, ist unzugänglich. Er plant, eine neue Welkt zu schaffen, in der er keine Angst mehr haben muss, weil dann die Menschheit entweder belehrt oder tot ist. Erst wenn es gelingt, ihn  zu stoppen, und sich die Aussichtslosigkeit seiner Größenfantasie erweist, wird er sich der Einsicht wieder öffnen.“

 

Schlechte Aussichten für die nächste Zeit, findet ein von dem Buch beeindruckter, aber auch ernüchterter Rezensent.

 

Kleine Bewegung, Dieb!

 

 

 

 

 

 

 

 

Horst Klein, Kleine Bewegung, Dieb, Klett Kinderbuch 2017, ISBN 978-3-94470-162-9

 

So kann man auch das ABC lernen. Und mit viel mehr Spaß! In Horst Kleins witzigem und frechem Bilderbuch für Kinder ab sechs Jahren taucht nun schon zum zweiten Mal (das erste Buch 2016 hieß „Haltet den Dieb!“) immer wieder ein Buchstabendieb auf.  Auch dieses Mal stiehlt er bei bestimmten Wörtern einen Buchstaben und verändert dadurch nicht nur das Wort und seine Bedeutung, sondern auch die dazugehörige Illustration auf der rechten Buchseite.

Die jungen Leser des Buches sind eingeladen, dabei mitzuhelfen. Sie können mitreimen (alle Texte sind in Reimen gefasst), miträtseln und vor allen Dingen – immer wieder mitlachen.

 

So wie in diesem Buch wird das Erlernen des ABC nicht nur eine reine Technik, sondern es vermittelt vom ersten Buchstaben an die Freude am Reichtum der Sprache und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten.

 

Sehr zu empfehlen für alle, die in diesem Jahr die Schule beginnen werden.

Kirio

 

 

 

 

Anne Weber, Kirio, S. Fischer 2017, ISBN 978-3-10397269-6

 

Nachdem es in ihrem 2010 erschienenen Roman  „Luft und Liebe“  um eine schmerzhafte Suche nach einer verlorenen Liebe ging und auch der Roman „Tal der Herrlichkeiten“ (2012), ein wunderbares und berührendes literarisches  Zeugnis von der großen Macht der Liebe , die über den Tod hinausreicht, ja sogar stärker ist als er, von wahrscheinlich persönlichen Erfahrungen der Autorin geprägt war, ist Anne Webers neuer Roman „Kirio“, der für den Leipziger Buchpreis 2017 nominiert war eher ein  literarisches Experiment.  Sandra Kegels Rezension in der FAZ verdanken wir den Hinweis, dass der Name der Hauptfigur sich auf das griechische „Kyrios“ – das Göttliche – und das französische „Qui rit“ – der, der lacht bezieht.

 

Der allwissende, permanent mit seiner Identität spielende Erzähler und Schöpfer von Kirio gibt dem erstaunten und von dieser modernen Heiligenlegende faszinierten Rezensenten ebenso viel Rätsel auf, wie seine von ihm geschaffene Figur.

 

Dessen Geschichte wird nicht nur vom unbekannt-rätselhaften, gottähnlichen Erzähler beschrieben, sondern auch von verschiedenen Personen, die Kirio auf seinem Weg von Südfrankreich ins Hanau der Brüder Grimm begegnet sind.

 

Mancher mag vielleicht beim  Lesen des Rätselns nach dem Charakter der Erzählinstanz müde werden. Doch ich hatte an diesem literarischen Spiel bis zum Ende meine Freude

 

Die Getriebenen

 

 

 

 

Robin Alexander, Die Getriebenen, Siedler 2017, ISBN 978-3-8275-0093-9

 

In einer in solcher Qualität lange nicht erlebten journalistischen Recherche zeichnet der Hauptstadtkorrespondent der WELT, Robin Alexander, in dem vorliegenden Buch ein Gesamtbild dessen, was zwischen dem September 2015 und dem März 2016 unter deutschem Regierungshandeln geschehen ist. Ein dramatisches Kapitel deutscher Geschichte wird hier mit zahlreichen der Öffentlichkeit bisher nicht bekannten Details erzählt, das erst mit der von anderen Ländern durchgesetzten Schließung der Balkanroute vorerst beendet wurde.

 

Am 12.9. 2015 gab es eine Vereinbarung der Spitzen der Großen Koalition, die besagte, dass man vom nächsten Tag an die deutsche Grenze für Flüchtlinge schließen wollte, und Menschenmassen nach Österreich zurückzuschicken. In seltener Einigkeit hielten Merkel, de Maizière, Altmaier, Gabriel, Steinmeier und Seehofer das für geboten. Doch wohl aus Angst vor der öffentlichen Meinung  und vor Gerichtsentscheidungen wurde dieser Plan nie umgesetzt. Niemand wollte zu diesem Zeitpunkt dafür die politische Verantwortung übernehmen.

 

Das Buch von Robin Alexander schildert minutiös, was damals geschah, reflektiert das Handeln der Akteure und beleuchtet im zweiten Teil das Verhältnis von Angela Merkel zur Türkei und zu Erdogan, das in diesen Tagen wieder brandaktuell geworden ist. Immer wieder geht es um die Konkurrenz zweier Lösungsansätze: EU-Türkei-Abkommen einerseits und Grenzschließung andererseits.

 

Er sitzt sozusagen zwischen den Stühlen mit seiner Darstellung: „Die Anhänger beider Sichtweisen werden von diesem Buch enttäuscht sein. Es erzählt weder eine Heiligengeschichte noch ein Schurkenstück.“

 

Das Buch ist spannend zu lesen, weil es bei aller Differenziertheit nicht mit Kritik an Angela Merkel spart. Und eines ist sicher: nicht nur wegen des fragilen Verhältnisses zur Türkei nach dem Referenden und den ihm vorangehenden Unverschämtheiten, sondern auch wegen der immer größer werdenden Zahl von Flüchtlingen, die zu Tausenden jeden Tag über das Mittelmeer kommen und von denen keiner in Italien bleiben will.

 

Es gibt noch keine Lösung, und der angestrengte Versuch, dieses Thema aus dem Wahlkampf herauszuhalten, wird scheitern.

 

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Seit du bei mir bist (Hörbuch)

 

 

 

 

Nicholas Sparks, Seit du bei mir bist (Hörbuch), Random House Audio 2017, ISBN 978-3-8371-3776-7

 

Ich kann mich noch deutlich daran erinnern, wie ich vor etwa zwei Jahrzehnten die ersten Romane des damals noch jungen Autors Nicholas Sparks mit Vergnügen und großer innerer Anteilnahme gelesen habe.

 

Dann, ich kann nicht mehr recht nachvollziehen warum, habe ich ihn aus den Augen verloren und seine weiteren Romane nicht mehr zur Kenntnis genommen. Erst jetzt, mit seinem zwanzigsten Buch habe ich einen Autor sozusagen wiederentdeckt, der reifer geworden ist und hier in seinem neuen Buch nicht nur die romantische Liebe feiert, sondern der spricht von Scheitern, von Krankheit, Sterben und Tod als Manifestationen des Lebens.

 

Der Roman, viel länger als die ersten Bücher, die ich vor längerer Zeit las, erzählt von dem 34- jährigen Russell. Er glaubt, in seinem Leben bisher alles erreicht zu haben, von was er geträumt hat. Beruflich ist er sehr erfolgreich, hat mit Vivian seine Traumfrau geheiratet und mit der kleinen London eine Tochter, die er vergöttert.

 

Doch schon auf den ersten paar Dutzend Seiten beschleicht den Leser ein seltsames Gefühl, das ihn  auch im weiteren Verlauf nicht loslässt. Was lässt dieser durchaus sympathische Mann, der da seine Geschichte erzählt, von dieser Frau da mit sich machen?  So wie viele Männer glaubt er, wenn Vivian Freitagsabends an ihrem „romantischen Abend“ mit ihm schläft, alles sei wieder gut, was auch ihn vorher immer mehr zweifeln ließ.

 

Russell stammt aus einer sehr sympathischen Familie, die ihm in seiner sich über ein  Jahr hinziehenden Transformation viel Kraft gibt. Besonders seine Schwester Marge und deren Partnerin Liz spüren seinen Kummer und unterstützen ihn. Doch Russell selbst zeigt eine auch für ihn selbst überraschende Stärke, nicht nur in seiner eigenen beruflichen und privaten Krise, sondern auch, als ihm das Wichtigste im Leben genommen werden soll.

 

Und da ist noch Emily, eine Frau, mit der er vor langer Zeit befreundet und glücklich war, die er aber betrog. Ihr Sohn Bodhi geht mit seiner Tochter London in die gleichen Kunst-und Sportstunden und sie kommen sich, zunächst freundschaftlich, näher.

 

„Seit du bei mir bist“ (im Original viel besser „Two by two“) ist ein unterhaltsamer Roman, voller Lebensfreude und voll Lebensschmerz. Russel hätte seine Geschichte sicher auch auf 400 statt auf 570 Seiten erzählen können. Dennoch ist mir die Lektüre nie langweilig geworden.

 

Die hier vorliegende gekürzte Lesung von Alexander Wussow hat den Vorzug, dass es die oben beschriebenen Längen ausbügelt und den Roman kompakter, ja man kann sagen, spannender macht.