Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Habt ihr schon vom Wolf gehört?

 

 

 

 

 

 

 

Quentin Greban, Habt ihr schon vom Wolf gehört, Orell Füssli 2017, ISBN 978-3-280-03538-2

 

Dieses schon 2009 auf Französisch in Namur in Belgien erschienene Bilderbuch von Quentin Greban thematisiert auf eine lustige und nachdenkliche Weise das Phänomen, wie Gerüchte entstehen, die durch Übertreibung immer übler werden und schon bald mit der Realität nichts mehr zu tun haben.

 

Eine Wölfin trifft auf ein kleines Lamm, das seine Herde verloren hat, und lächelt es freundlich an. Das verängstigte Lämmchen aber sieht nur gebleckte Zähne und flüchtet zu den Schweinen.
Diesen berichtet es, dass es von einem bösen Wolf angeknurrt wurde. Die Schweine sind empört und erzählen die Geschichte der Gans und auch sie übertreiben ein wenig. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht und jedes Tier schmückt die Geschichte noch etwas weiter aus, macht den Wolf noch größer, noch gefährlicher und noch schrecklicher. Als schließlich die Wölfin hört, wie sich zwei Meisen über ein gefährliches Monster unterhalten, bekommt sie es mit der Angst zu tun. Ahnungslos, dass sie selber damit gemeint ist, flüchtet sie mit ihren Jungen.

 

Ein hintersinniges Bilderbuch.

Schnulleralarm

 

 

 

 

Maria Jönsson, Schnulleralarm, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25538-8

 

Das Entwöhnen von kleinen Kindern von ihrem Schnuller ist eine für manche Eltern leidige und nervige Aufgabe, die gerne schon mal an die Schnullerfee oder ähnliche Geistwesen delegiert wird.

 

Der Vater des kleinen Wolfes Valdemar im vorliegenden Bilderbuch der Schwedin Maria Jönsson ist da radikaler. Er schneidet den Schnuller seines Sohnes einfach entzwei:“ Schnuller sind nur etwas für kleine Wölfe!“

 

Doch Valdemar hat schon so etwas geahnt und holt  sich einen Schnuller nach dem anderen aus seinen verschiedenen verstecken. Doch der Vater entsorgt sie wieder – bis er aufgibt.

 

Als Valdemar nach dem Abendessen auf seine kleine Schwester Linn aufpassen soll, macht er eine interessante Erfahrung mit Kindern, die ihren Schnuller suchen. Und er gibt seiner Schwester den eigenen.

 

Nach einer furchtbaren und entbehrungsreichen Nacht kommt Valdemar am nächsten Morgen ohne Schnuller zum Frühstück und der überraschte Vater sagt: „Bist du jetzt ein großer Wolf?“

 

Und Valdemar beschließt, dass große Wölfe selbst bestimmen, wann sie keinen Schnuller mehr brauchen.

 

Ein etwas anderes Schnullerbuch. Frech und herrlich komisch.

 

Und wie macht die Giraffe?

 

 

 

 

Susanne Weber, Tina Schulte, Und wie macht die Giraffe, Orell Füssli 2017, ISBN 978-3-280-03530-6

 

Mit schönen Reimen von Susanne Weber und lustigen Illustrationen von Tina Schulte („Mein kleiner roter Flitzer“)  werden Kinder ab etwa zwei Jahren in diesem kleinen Bilderbuch eingeladen, Stimmen von Tieren nachzumachen, die im Urwald leben. Der Löwe, der Elefant, der Papagei – der Affe kennt sie alle.

„Tier für Tier läuft schnell herbei.

‚Ich kenn von jedem das Geschrei,

doch‘, fragt sich er Affe,

‚ wie macht denn die Giraffe?“

 

Und das können die Kinder hinter einer versteckten Klappe erfahren.

 

Auf in den Urwald im Kinderzimmer!

Hans und Hase

 

 

 

 

 

 

Isabel Pin, Hans und Hase, Annette Betz 2017, ISBN 978-3-219-11710-3

 

Hans ist ein kleiner Junge, der schon vieles selbständig machen kann. Seine Eltern lieben ihn sehr, und nennen ihn deshalb immer „Hase“. Als er ihnen eines Tages beim Abendessen mitteilt, er sei kein Hase, fühlt er sich nicht wirklich ernst genommen. Am nächsten Morgen packt er seinen Rucksack und geht zur Hintertür hinaus in die weite Welt, genaugenommen in den Garten. Dort macht er allerlei Entdeckungen und begegnet schließlich einem Hasen, mit dem er sich anfreundet und der dann im Haus der Eltern alles auf den Kopf stellt und diesen zeigt, dass es Hasen faustdick hinter den Löffeln haben.

 

„Seit diesem Tag ist es anders bei Hans zu Hause. Alle nennen ihn nur ‚Hans‘.“

Und wenn sie manchmal „Haase!“ rufen, dann meinen sie nicht Hans, sondern seinen Freund im Garten.

 

Ein schönes Bilderbuch über Selbständigkeit und Freundschaft.

Wir können noch viel zusammen machen

 

 

 

 

 

Friedrich Karl Waechter, Wir können noch viel zusammen machen, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-01110-4

 

Das hier vorliegende, von Diogenes neu aufgelegte Bilderbuch des viel zu früh verstorbenen Friedrich Karl Waechter (1937-2005) erschien zuerst 1973 und erhielt 1975  den Deutschen Jugendbuchpreis.  Es ist  ein Werk seiner Zeit: das Versponnen-Anarchische, das Eintreten für Eigensinn und Eigenrecht von Kindern, und das Bemühen, die passive Haltung des Lesers in Richtung eigener Produktivität zu überschreiten. Und weil all das nach wie aktuell ist, kann man die Wiederauflage nur begrüßen.

Waechters sorgfältig angelegte und kolorierte Zeichnungen schaffen eine Welt, in der sich Kinder zuhause fühlen können. Die weiten Möglichkeitshorizonte, auf die Waechter hinweisen möchte, sind in einer Welt verankert, die ersichtlich mit Liebe und Genauigkeit dargestellt wird. Auch kleine Kinder merken, wann sie als Leser ernstgenommen werden.

Harald, Inge und Philip sind Tierkinder, die gerne mit anderen Kindern spielen wollen. Doch ihre Eltern sind skeptisch. Vor allem ist ihnen unverständlich, worin der Wert von gemeinsamen Kinderspielen liegen soll. Ihre Phantasie ist beschränkt. Als die Kinder aber dennoch aufeinandertreffen und einander kennen lernen, werden die vermeintlichen Grenzen schnell überwunden.
„Wir können noch viel zusammen machen“  ist aber nicht nur etwas für diejenigen, die ihrer eigenen Kindheit nachspüren. Waechters Stil ist zeitlos, und die heutigen unter Terminstress stehenden Kinder haben seine Bücher vielleicht nötiger denn je.

Seit du bei mir bist

 

 

 

 

Nicholas Sparks, Seit du bei mir bist, Heyne 2017, ISBN 978-3-453-26877-7

 

Ich kann mich noch deutlich daran erinnern, wie ich vor etwa zwei Jahrzehnten die ersten Romane des damals noch jungen Autors Nicholas Sparks mit Vergnügen und großer innerer Anteilnahme gelesen habe.

 

Dann, ich kann nicht mehr recht nachvollziehen warum, habe ich ihn aus den Augen verloren und seine weiteren Romane nicht mehr zur Kenntnis genommen. Erst jetzt, mit seinem zwanzigsten Buch habe ich einen Autor sozusagen wiederentdeckt, der reifer geworden ist und hier in seinem neuen Buch nicht nur die romantische Liebe feiert, sondern der spricht von Scheitern, von Krankheit, Sterben und Tod als Manifestationen des Lebens.

 

Der Roman, viel länger als die ersten Bücher, die ich vor längerer Zeit las, erzählt von dem 34- jährigen Russell. Er glaubt, in seinem Leben bisher alles erreicht zu haben, von was er geträumt hat. Beruflich ist er sehr erfolgreich, hat mit Vivian seine Traumfrau geheiratet und mit der kleinen London eine Tochter, die er vergöttert.

 

Doch schon auf den ersten paar Dutzend Seiten beschleicht den Leser ein seltsames Gefühl, das ihn  auch im weiteren Verlauf nicht loslässt. Was lässt dieser durchaus sympathische Mann, der da seine Geschichte erzählt, von dieser Frau da mit sich machen?  So wie viele Männer glaubt er, wenn Vivian Freitagsabends an ihrem „romantischen Abend“ mit ihm schläft, alles sei wieder gut, was auch ihn vorher immer mehr zweifeln ließ.

 

Russell stammt aus einer sehr sympathischen Familie, die ihm in seiner sich über ein  Jahr hinziehenden Transformation viel Kraft gibt. Besonders seine Schwester Marge und deren Partnerin Liz spüren seinen Kummer und unterstützen ihn. Doch Russell selbst zeigt eine auch für ihn selbst überraschende Stärke, nicht nur in seiner eigenen beruflichen und privaten Krise, sondern auch, als ihm das Wichtigste im Leben genommen werden soll.

 

Und da ist noch Emily, eine Frau, mit der er vor langer Zeit befreundet und glücklich war, die er aber betrog. Ihr Sohn Bodhi geht mit seiner Tochter London in die gleichen Kunst-und Sportstunden und sie kommen sich, zunächst freundschaftlich, näher.

 

„Seit du bei mir bist“ (im Original viel besser „Two by two“) ist ein unterhaltsamer Roman, voller Lebensfreude und voll Lebensschmerz. Russel hätte seine Geschichte sicher auch auf 400 statt auf 570 Seiten erzählen können. Dennoch ist mir die Lektüre nie langweilig geworden.

 

 

 

 

Des Teufels Banker

 

 

 

 

Bradley C. Birkenfeld, Des Teufels Banker, Finanzbuchverlag 2017, ISBN 978-3-95972-050-2

 

Der Autor des vorliegenden, sich wie ein Krimi lesenden Buchers, Bradley Birkenfeld, war Meister im Spiel um Millionen, die er für vermögende Kunden in den Untiefen des Schweizer Bankensystems versteckte. Für die Schweizer Großbank UBS jettete er um die Welt, traf sich mit den Schönen und Reichen und half, deren Vermögen vor den Steuerbehörden oder den Ehe- und Geschäftspartnern zu verbergen. Ein Leben wie in einem James-Bond-Film, mit schnellen Autos, attraktiven Frauen und mehr Geld, als man in einem Leben ausgeben kann.

Als er Wind davon bekam, dass ihn die UBS für genau jene so lukrativen Tätigkeiten als Sündenbock opfern wollte, brach er sein Schweigen und wandte sich als Whistleblower an die US-Regierung. Aber anstatt auf offene Ohren zu stoßen, wurde er als Verschwörungstheoretiker abgestempelt – das Justizministerium versuchte, ihn mundtot zu machen. Doch Birkenfeld ließ sich nicht einschüchtern und gab seine Informationen an den US-Senat sowie die Aufsichts- und Steuerbehörden weiter. Das hochbrisante Material führte zu Steuernachzahlungen von bisher 15 Milliarden Dollar und letzten Endes zum Fall des Schweizer Bankgeheimnisses. Dafür nahm er sogar 30 Monate Gefängnis in Kauf.

2012, wieder in Freiheit, gewährte ihm die Bundessteuerbehörde eine Belohnung von 104 Millionen Dollar, die größte jemals an einen Whistleblower ausbezahlte Belohnung. In »Des Teufels Banker« erzählt Bradley Birkenfeld erstmals die wahre Geschichte und gibt einen einmaligen und gleichsam schockierenden Einblick in eine Welt, in der Diskretion alles bedeutet.

 

Seine Geschichte liest sich wie ein James Bond Thriller. Ein ausführliches Interview mit dem Autor gibt Einblick in die Hintergründe seines Lebens und Arbeitens. Für die Zukunft prophezeit er weitere Enthüllungen andere Whistleblower. Harte Zeiten für sie Superreichen und ihre Helfer in den Banken.

 

 

Spektakuläre Häuser

 

 

 

 

Bettina Hintze (Hg.) Spektakuläre Häuser. Die Sieger des HÄUSER-Award, DVA 2017, ISBN 978-3-421-0408-0

 

Die in diesem Buch von Bettina Hintze vorgestellten 30 außergewöhnlichen architektonischen Beispiele stammen alle aus dem Architekturwettbewerb „HÄUSER-AWARD 2017“.  Seit 2004 zeichnet dieses Magazin jährlich die besten Einfamilienhäuser aus. Immer mehr Architekten aus ganz Europa beteiligen sich an diesem Wettbewerb, dessen Preis mittlerweile als der bedeutendste Architekturpreis gilt.

Auch in diesem Wettbewerb zeigte sich wieder eine enorme Vielfalt an Variationen und Erscheinungsbildern, in denen Bauherren und ihre sie beratenden Architekten ihr individuelles Wohnen gestaltet haben. Sie können dabei heutzutage zurückgreifen auf eine Vielzahl technischer Möglichkeiten und auf Materialien, die bis vor kurzem unbekannt waren. Mit ihnen haben sie hochwertige und vor allen Dingen energieeffiziente Häuser entwickelt, in denen sie nachhaltiges mit bequemem und absolut individuellem Wohnen verbinden können.

Was mich sehr beeindruckt hat, ist das langfristige Denken vieler Architekten, die der Tatsache, dass die Bewohner der Häuser auch älter werden, durch entsprechenden Grundrissgestaltung und Einrichtungsmöglichkeiten Rechnung getragen haben.

Viele verschiedene Typen von Einfamilienhäusern werden hier abgebildet, beschrieben und im Grundriss dokumentiert, die ganze Bandbreite der auch finanziellen Möglichkeiten der Bauherren ist abgedeckt. Von der luxuriösen Villa, einem sehr flexibel nutzbaren Stadthaus, einem kleinen und bescheidenen Feriensitz bis hin zu wirklich kostengünstigen Familienhäuser wird in diesem schönen Buch ein breit gestreutes Spektrum von Möglichkeiten aufgezeigt, die allesamt weit in die Zukunft weisen.
Für den wirklich kleinen Durchschnittsverdiener allerdings werden solche Häuser immer nur ein Traum bleiben

Unheilige Bilder

 

 

 

 

Wolfgang Kleinert, Unheilige Bilder. Cartoons zu Kirche und Religion  heute, Lappan 2017, ISBN 978-3-8303-3463-7

 

Die Kritik an Erscheinungsformen von Religionen und am Verhalten ihrer Vertreter und Amtspersonen hat in den letzten Jahren heftige Reaktionen hervorgerufen, insbesondere wenn man an die Folgen der sogenannten Mohammedkarikaturen denkt.  Sie und andere (Bsp. Charlie Hebdo) haben eine Debatte darüber ausgelöst, welche Grenzen eine solche karikaturistische Kritik der Schwächen von Religionen haben muss.

 

In unseren Gesellschaften wurde aber immer wieder deutlich gemacht, dass es geradezu  Aufgabe und Chance von Cartoons ist, auf solche Weise Religionskritik zu betreiben. In dem vorliegenden Band „Unheilige Bilder“ aus dem Lappan Verlag, ist es den über 50 Künstlern sehr gut gelungen, hier ein positives Beispiel zu geben. 500 Jahre nach der Reformation bildet dieses Thema so etwas wie einen Schwerpunkt.

 

Nicht nur der Witz und der Humor ist an diesem Buch bemerkenswert, sondern auch die zeichnerische Qualität der Bilder.

 

 

 

 

Imperiale Lebensweise

 

 

 

 

Ulrich Brand, Markus Wissen, Imperiale Lebensweise, Oekom 2017, ISBN 978-3-86581-843-0

 

In diesem Buch der beiden in Wien und Berlin lehrenden Wissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen geht es um die „Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“. In der Art und Weise, wie  sich der globale Norden nach wie vor an den sozialen und ökologischen Ressourcen des globalen Südens bedient, identifizieren die beiden Autoren eine neue Form des Imperialismus, den wir seit langem hinter uns wähnten.

 

Unsere Produktions- und Konsumweise setzt einen überproportionalen Zugriff auf Ressourcen, Arbeitskraft und biologische Senken im globalen Maßstab voraus. Im Endeffekt bedeutet das, dass die Ausbeutung von Mensch und Natur weiter anhält und sich sogar noch vertieft.

 

Die Autoren legen eine umfassende Krisenbeschreibung vor, die zeigt, wie inadäquat die aktuellen, oft technischen und markt-förmigen Problemlösungsstrategien sind. Sie beschreiben das als „imperiale Lebensweise“.

Das Buch erinnert eindringlich daran, wie notwendig eine umfassende »sozial-öko-logische Transformation« hin zu einer solidarischen Lebensweise ist und wie man ihr den Weg ebnen kann.