Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Wie Johanna wieder fröhlich wurde

 

 

 

 

 

 

Philipp Kauthe, Wie Johanna wieder fröhlich wurde, Goldegg 2016, ISBN 978-3-903090-60-6

 

In seinem hier vorliegenden Mutmachbuch erzählt der als Kabarettist und Nachrichtenmoderator einem größeren Publikum bekannte Journalist Philipp Kauthe insgesamt 41 unterhaltsame und nachdenkliche Kurzgeschichten über eine junges Mädchen namens Johanna.

 

Mitten aus dem Alltag gegriffene Szenen beschreiben in immer neuen Schleifen, wie man, bei allem was einem geschieht, sein eigenes Leben auch einmal aus einer optimistischen Haltung heraus betrachten und einordnen kann.

 

Mit kleinen, aber feinen philosophischen Weisheiten lädt Philipp Kauthe nicht nur seine Hauptfigur Johanna, sondern auch seine Leser immer wieder dazu ein, einen anderen, einen positiven Blick auf ihren Alltag zu werfen. Es ist nämlich die Einstellung, die ein Mensch zu seinem Leben hat, es ist die Art und Weise, wie er die Welt anschaut, in der er lebt, auf die es ankommt.

 

Ein neuer, positiver, optimistischer Blick auf die Welt macht nicht nur fröhlicher, sondern eröffnet ungeahnte neue Möglichkeiten und Perspektiven.

 

Das kleine Geschenkbuch eignet sich hervorragend als Präsent für Freunde, die immer jammern und bei denen das Glas immer halb leer ist.  Das Buch ist für Erwachsene gedacht, eignet sich aber wegen der jugendlichen Hauptperson auch als Lektüre für Kinder ab etwa 10-12- Jahren.

Was sitzt im Wald und winkt?

 

 

 

 

 

Jörg Mühle, Moni Port, Was sitzt im Wald und winkt, Klett Kinderbuch 2016, ISBN 978-3-95470-144-5

 

Alle Kinder lieben in einem bestimmten Alter Scherzfragen. Je blöder und alberner sie sind, desto besser. Moni Port hat lange auf Pausenhöfen und bei Grundschulkindern solche Scherzfragen gesammelt, eigene Kreationen hinzugefügt und sie in diesem witzigen Bilderbuch veröffentlicht.

 

Jörg Mühle, der zuletzt  mit seinem Bilderbuch „Nur noch kurz die Ohren kraulen?“ großen Erfolg hat, hat die Antworten auf die Scherzfragen mit hintersinnigen Bilder illustriert.

 

Ein Beispiel gefällig: „Was schwimmt im Meer und addiert? Ein Oktoplus.“

Erst die genialen Illustrationen Jörg Mühles geben den Nonsensfragen und den auf dem Kopf abgedruckten Antworten von Moni Port ihren richtigen Pep.

 

Lustig und zum Schieflachen.

 

 

Engel an deiner Krippe

 

 

 

 

 

 

Uwe Wolff, Engel an deiner Krippe, Kösel 2016, ISBN 978-3-466-37179-2

 

Mit einer wunderbaren Sammlung von Gedichten, Bibelversen und Meditationen vermittelt der Theologe und Publizist Uwe Wolff seinen Lesern seine Form der Weihnachtsbotschaft.

 

Er, der die Engelforschung zu einem seiner Schwerpunkte gemacht hat, identifiziert sieben Engel, die er an der Krippe Platz nehmen lässt. Die Krippe und das Geschehen, das sie symbolisiert, stehen für das Leben jedes einzelnen Menschen und Stufen bzw. Etappen, die er dabei bewältigen muss und in denen er geistlich und persönlich reifen soll:

  • Engel der Geburt
  • Engel der Kindheit
  • Engel der Jugend
  • Engel der Liebe
  • Engel der Berufung
  • Engel des Kampfes
  • Engel der Vollendung

 

Auch wenn man in seiner eigenen Spiritualität mit den Engeln nicht so viel anfangen kann, geben doch die Texte, die Wolff ausgesucht bzw. verfasst hat, wunderbare Hilfestellungen  und  Anregungen sein eigenes Leben und seine eigenen Erfahrungen im Licht einer spirituellen Dimension zu spiegeln und zu reflektieren.

 

Das ganze Leben geht es darum, was Paul Gerhardt in seinem wunderbaren Lied so gedichtet hat:

„Wie soll ich dich empfangen

und wie begegne ich dir,

o aller Welt Verlangen,

o meiner Seelen Zier?“

Ich bin -einfach ich

 

 

 

 

 

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Kai Lüftner, Yayo Kawamura, Ich bin – einfach ich, Coppenrath 2016, ISBN 978.3.649-61791-4

 

Wenn kleine Kinder größer werden, dann gefallen sie sich darin, zu zeigen und auszusprechen, was sie schon alles können. Sie bei dieser Ausbildung ihres Selbstbewusstseins zu unterstützen und sie zu fördern, ist in dieser Phase wichtig. Gelingt dies, wird es den Kindern in späteren Jahren helfen, ihre Stärken und Schwächen selbstkritisch einzuschätzen.

 

Das vorliegende wunderbare von Kai Lüftner getextete und von Yayo Kawamura illustrierte Bilderbuch für Kinder ab etwa zwei Jahren will, dabei helfen.

 

Mit zahlreichen großen Klappen versehen, können die Kinder sich mit dem im Buch abgebildeten Kind ( es kann ein Mädchen oder ein Junge sein) identifizieren und stark wie ein Bär, schlau wie Fuchs, fleißig wie eine Biene sein, brüllen wie ein Löwe und vieles mehr. Aber am Ende kann das Kind auch anders: „Für Mama bin ich trotzdem immer das allerliebste Kuscheltier!“

 

Ein Bilderbuch, das Ihre Kinder immer wieder ansehen wollen und das auch Sie zum Schmunzeln bringt.

Familienbild mit dickem Kind

 

 

 

 

 

 

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Margherita Giacobino, Familienbild mit dickem Kind, Kunstmann 2016, ISBN 978-3-95614-119-5

 

Um die insgesamt vierbändige „Napolitanische Saga“ der Napolitanerin  Elena Ferrante, deren zweiter Band im Januar 2017 bei Suhrkamp erscheint (die Bände drei und vier folgen noch im Jahr 2017) gab es in den letzten Monaten eine erregte Debatte, die sich leider manchmal mehr um die Aufdeckung des Pseudonyms drehte, unter dem die Autorin schreibt als um die literarische Qualität der Bücher.

Die ganze Reihe ist von der Literaturkritik gelobt worden, wie ich finde zu Recht. Ich halte es für ein mit großer Kraft geschriebenes Meisterwerk über die große Macht und Kraft einer lebenslangen Freundschaft.

Ich war atemlos begeistert von diesem auch sprachlich anspruchsvollen Buch.

 

Doch nicht weniger begeistert – und deshalb setze ich es in eine Beziehung – war ich von dem hier anzuzeigenden Buch der in Turin lebenden Schriftstellerin und Regisseurin Margherita Giacobino, das unter dem Titel „Familienbild mit dickem Kind“ bei Kunstmann erschienen ist.

 

Ebenso autobiographisch geprägt und authentisch wie Ferrantes Saga, erzählt sie eine mehr als ein Jahrhundert umspannende Familiengeschichte aus Piemont. Ein altes Familienbild steht am Anfang:

„Ich sehe dieses Bild wie durch fließendes Wasser. Wer waren diese Frauen und Männer wirklich? Waren sie so rau und streng, wie sie aussahen? Liebten oder ertrugen sie sich? Was würden sie erzählen, wenn sie die Gewohnheit hätten, von sich zu erzählen, die ihnen gewiss fehlt?“
Immer waren da die Frauen, die Margherita schon als Kind um sich hatte und die sie ausdrucksvoll charakterisiert, Tanten und Großtanten, die die Familie am Laufen hielten, während die Männer oft weit weg waren um Geld zu verdienen. Da ist die sanfte Polonia, die als Hebamme alle im Dorf auf die Welt gebracht hat, Michin, die Seelenverwandte mit dem scharfen Witz, die schon als junges Mädchen mit ihren Schwestern in die Fabrik arbeiten geht, und vor allem Ninin.

Großtante Ninin ist die Konstante in dieser Familiensaga. Ihr setzt die Autorin ein besonderes Denkmal, da sie drei Generationen erzogen hat und eine prägende Gestalt in ihrem eigenen Leben war. Nach dem Tod der Mutter hatte Ninin für ihre Geschwister gesorgt.

Nachdem Ninins Schwester in die USA ausgewandert war und deren Tochter Maria, die spätere Mutter der Autorin, als Waise in das Heimatdorf ihrer Eltern zurückkehrte, nahm sich Ninin auch dieses Kindes an. Auch die Autorin selbst wird hauptsächlich von Ninin groß gezogen, weil die Mutter – bei einem spiel- und alkoholsüchtigen Vater – für die Familie sorgen muss. Die Autorin erzählt die verschiedenen Abschnitte ihres Lebens jeweils passend aus der Sicht des Kindes, der Heranwachsenden und später aus der Rückschau der Erwachsenen, die über ihre Heimat und die Menschen, die sie prägten, dankbar nachdenkt.

 

Das Buch ist eine Hommage der Autorin an die emanzipierten Frauen ihrer Familie und an das Bergdorf im Piemont ihrer Kindheit. Aus der Begegnung mit diesen Frauen und auch ihren Eltern, für die sie ein urteilsfreies Verständnis zu finden sucht, rekapituliert sie ihr eigenes Leben heute.

Ein leider bisher viel zu wenig beachteter Roman, der den Vergleich mit Ferrantes Büchern nicht zu scheuen braucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das schönste und größte Bildwörterbuch der Welt

 

 

 

 

 

 

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Tom Schamp, Das schönste und größte Bildwörterbuch, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5934-6

 

Dieses wunderbare, wie ein Wimmelbuch gemachte Bildwörterbuch des Niederländers Tom Schamps ist eine von Birgit Erdmann ins Deutsche übertragene wahre Schatzgrube der Sprache und der Bilder. Geeignet durchaus auch schon in Auszügen für kleinere Kinder ist dieses Buch besonders gedacht für Kinder ab 5 Jahren bis in das Grundschulalter und soll nach dem Autor „zur Lehre und zur Belustigung“ dienen.

Und das tut es auf 60 prachtvoll illustrierten  Seiten. Auf der linken Innenseite des Buches werden etwa dreißig Figuren vorgestellt, die in dem Buch immer wieder vorkommen und die Kinder durch die auf der rechten Innenseite vorgestellten 25 Themenbereiche begleiten.

 

Ein wunderbarer Bilderbuchspaß in voluminösem Doppel A 4 Format und fest gebunden.

Best of interior

 

 

 

 

 

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Nicole Knaupp, Best of Interior. Wohnideen aus dem wahren Leben, Callwey 2016, ISBN 978-3-7667-2232-4

 

Die Welt der Blogs lässt mittlerweile kaum ein Thema aus. Überall auf der Welt lassen, vorwiegend jüngere Menschen die Web-Öffentlichkeit teilhaben an eigenen Ideen und Texten, aber auch an Bildern und anderen Kreationen.

 

Der vorliegende Band mit „Inspirationen der Wohnblogger“ in insgesamt acht Kapiteln die besten von einer Jury ausgewählten Ideen und Wohndesigns aus den „Interior Blogs“ dieser Welt. Hatten bisher viele Bücher mit Wohnideen und Innenarchitektur bei aller Schönheit und Faszination den unabweisbaren Nachteil für mich, dass sich die meisten Menschen mit normalem Durchschnittsverdienst und – vermögen die dort abgebildete riesigen Wohnungen und deren hochgestylte Einrichtungen niemals werden leisten können, ihre Freude also nur im Betrachten (und Kauf!) dieser Bücher steckenbleibt, so hatte ich bei diesem Buch auf fast jeder Seite den Eindruck, ja, auf so eine Idee oder eine ähnliche Dekoration ist meine Frau in den letzten zehn Jahren auch schon gekommen. Sie hat es nur nicht in einem Blog gepostet.

 

Die „Werke“ dieser Wohnblogger sind einfach, voller Anmut und Stil und erzählen oft eine eigene Geschichte oder ein eigenes Gefühl ohne Worte. Sie laden deshalb den Betrachter des Buches an vielen Stellen ein, Mut zu haben zur eigenen Kreativität und abseits von IKEA et.al. Wohnräume, Ecken und ganz persönliche Nische zu gestalten.

 

Eine Vielzahl von Fotos zeigt wie es gehen kann und die Links zu den einzelnen Blogs geben die Möglichkeit noch mehr zu erfahren und noch mehr Anregungen für die eigenen vier Wänden  sich zu holen.

 

Wir Schleswig-Holsteiner

 

 

 

 

 

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Gerhard Müller, Frank Peter, Wir Schleswig-Holsteiner. 70 Jahre- 70 Menschen, Wachholtz Verlag 2016, ISBN 978-3-529-05135-7

 

In diesem Jahr wird das Land Schleswig-Holstein 70 Jahre alt. Aus diesem Anlass haben die beiden Autoren dieses Buches, beide Journalisten der Kieler Nachrichten, insgesamt 70 mehr oder weniger bekannte Schleswig-Holsteiner Bürger zu Hause besucht oder an den Orten, für die sie in ihrer Umgebung bekannt sind und mit ihnen Gespräche geführt.

 

Sie haben dabei Menschen getroffen, die offen über ihr Leben und ihr Lebenswerk sprachen und auch nicht schweigen von ihrer Liebe zu dem Land, in den Sie zum Teil seit ihrer Geburt leben.

 

Nach über 40 Jahren bin ich in diesem Herbst selbst einmal wieder in Schleswig-Holstein gewesen und zwar auf der Insel Föhr. Ich habe dort Menschen kennengelernt, die ihrer Gegend und ihrer Kultur ähnlich verbunden waren wie die in dem Buch porträtierten. Zum Beispiel den Kapitän der MS Hauke Haien, Bernd Diedrichsen, der, auf Hallig Hooge geboren und sie mit seinem Schiff fast jeden Tag anfahrend, diesem Buch auch gut gestanden hätte.

 

Das Buch ist eine 70 fache Liebeserklärung an ein wundervolles Land mit tollen Fotos und locker geschriebenen Texten.

 

 

Hunkelers Geheimnis

 

 

 

 

 

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Hansjörg Schneider, Hunkelers Geheimnis, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-24368-0

 

Der pensionierte Basler Kommissär Peter Hunkeler liegt im Krankenhaus. Er ist an der Prostata operiert worden, und es hat sich herausgestellt, dass es kein Krebs war. Hunkeler fühlt sich verschont und spürt, wie schon in den früheren Jahren so etwas wie Dankbarkeit für sein Leben, auch wenn seine Erinnerungen mit steigendem Alter immer intensiver werden.

Hansjörg Schneider, der Schöpfer dieses schrulligen Kommissars, hat in einem Interview bestätigt hat, das Hunkeler, seine Lebensgeschichte und seine Gedanken sehr mit seiner eigenen Biographie und seinen Gedanken zu tun haben.

 

Hunkeler liegt also im Krankenhaus und neben ihm im gleichen Zimmer ein alter Bekannter: Stephan Fankhauser, einst wie Hunkeler bei den Achtundsechzigern, ist er durch die Institutionen marschiert und Leiter der Basler Volkssparkasse geworden. Nun ist er schwerkrank. Eines Nachts beobachtet Hunkeler, wie eine Krankenschwester mit einem Rubinring an der Hand, Fankhauser eine Spritze setzt. Der wehrt sich heftig und ist am nächsten Morgen tot. Hunkeler weiß nicht recht, ob er einer Täuschung durch die eigenen Medikamente aufgesessen ist, doch es wird sich später herausstellen, dass er richtig beobachtet hat.

 

Später, während einer Handlung, in der Schneider wieder in die Schweizer Geschichte zurückgeht und sie parallel setzt zu zeitgenössischen Ereignissen, hier die Finanzkrise, lässt Schneider Hunkeler seine eigenen Gedanken denken:

„In seiner Jugend, dachte Hunkeler, waren die Schweizer stolz gewesen auf ihr Land. Man sprach vom freien Schweizer und meinte sich selbst. Man war stolz darauf, dass man den Flüchtlingen Asyl gewährte. Man war auch stolz auf die Banken. Denn in ihnen lag das Geld unschuldig Verfolgter in sicherer Verwahrung. Ein Stück vom Freiheitskämpfer Wilhelm Tell steckte in jedem Eidgenossen und  jeder Eidgenossin.“

 

Doch die Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg hat sich als rassistisch herausgestellt und die einst angesehenen Banken sind in unglaubliche Skandale verwickelt. Und was zunächst aussieht wie eine Sinnestäuschung, hat Zusammenhänge bis in die ferne Vergangenheit.

 

Seit 1993, als der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider seinen ersten Kriminalroman um den Kommissär Peter Hunkeler veröffentlichte, ist er als Krimiautor ein Geheimtipp geworden. Obwohl seine Bücher keine hohen Auflagen erreichen, wie etwa die seiner modern gewordenen schwedischen Kollegen, sind die Romane auf höchstem Niveau, mit viel politischer Analyse, gesellschaftlich-hintergründigem Witz und immer auch angereichert mit einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, besonders denen in Basel und in der Schweiz.

Peter Hunkeler war früher verheiratet, hat aus dieser Ehe auch eine erwachsene Tochter, mit der sein Kontakt aber spärlich ist. Seit vielen Jahren ist er zusammen mit Hedwig, einer engagierten Erzieherin, die es trotz allem Stress versteht, ihr Leben zu genießen und auf diese Weise Peter Hunkeler immer wieder einen guten Ruhepol bietet, auch wenn ihre Streitgespräche ein wahrer Lesegenuss sind. Besonders wenn sie die Wochenenden oder andere freie Tage in ihrem Häuschen im Elsass direkt hinter der französisch-schweizerischen Grenze verbringen.

Hunkeler hat eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. In der Studentenbewegung engagiert, hat er sich eine libertär-liberal-linke Position bewahrt, die nie dogmatisch war oder wird. Vielleicht ist er darin das treue Abbild seines genialen Schöpfers. Er kennt in Basel Gott und die Welt und seine sozialen Kontakte machen vor Klassenschranken und sozialen Milieus nicht Halt. Er verkehrt mit Schriftstellern, Künstlern und Theaterleuten, Lebenskünstlern, halbseidenen Figuren an der Grenze zur Unterwelt. Er trifft sie auf der Straße, in Cafes, vor allem aber abends und nachts in den alten Basler Beizen, die vom Aussterben bedroht sind, und denen Hansjörg Schneider in seinen Büchern nebenbei ein Denkmal setzt.
Er liebt Menschen und die Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Und weil er sich so gut in Menschen hinein versetzen kann, löst er alle seine Fälle mit diesem „Gspüri“. Auch diesen Fall, er ihm nach seiner Entlassung aus dem Krankhaus keine Ruhe lässt. Und wie schon zu seiner aktiven Zeit meiden ihn die Kollegen, mit denen er wieder zu tun bekommt. Seine Eigenständigkeit und innere Ruhe machen ihnen Angst, erst recht, wo er nun keine Verpflichtungen mehr hat. Und wie schon damals erweist sich der Staatsanwalt Suter als heimlicher Unterstützer.

 

Das vorliegende Buch Schneiders ist vielleicht der Beste aller neun Hunkelerbände. Seine Altersweisheit und sein unideologischer Blick auch auf seine eigene Vergangenheit lassen ihn erkennen, was trotz allem sein Basel für ihn liebenswert macht, auch als politische Heimat.

 

 

 

 

 

Der Mittagstisch

 

 

 

 

 

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Ingrid Noll, Der Mittagstisch, Diogenes 2017, ISBN  978-3-257-24370-3

 

Mit den Büchern von Ingrid Noll geht es mir seit Jahren so ähnlich wie mit den Brunetti – Romanen von Donna Leon, die wie Nolls Romane ebenfalls bei Diogenes in Zürich erscheinen.  Weil ihre Vorgänger so überaus erfolgreich waren, neigen die Autorinnen dazu, auch im nächsten,  von einer treuen und nicht kleiner werdenden Fangemeinde sehnlichst erwarteten Buch mit dem gleichen Strickmuster zu arbeiten.

 

Bei Ingrid Noll sind es vorzugsweise Frauen, die, mit viel schwarzem Humor beschrieben, auf die eine oder andere geniale Weise unliebsame Zeitgenossen entsorgen und sie sich vom Hals schaffen.

 

Im neuen Buch ist es die alleinerziehende Nelly, Mitte dreißig,  die sich  mit der Einrichtung eines Mittagstisches in ihrem Haus eine steuerfreie Nebeneinkunft zu sichern glaubt. Offiziell kocht  die begnadete Köchin nur für Freunde, und glaubt, deshalb kein Gewerbe anmelden zu müssen.

 

Und so beschreibt Ingrid Noll einen illustren Kreis von Mittagsgästen, wobei Nelly insbesondere den Männern  große  Aufmerksamkeit  widmet.  Doch als ihr Lieblingsgast Markus eines Tages  seine Freundin Grete mitbringt, ist es mit  der Gastfreundschaft vorbei. Nelly beginnt zu handeln, wobei ihr ihre genauen  Kochkenntnisse sehr behilflich sind.

 

Wie in allen früheren Romanen bietet  Ingrid Noll köstliche und leichte Unterhaltung mit Menschen, deren böse Seite ihrer  Persönlichkeit sie vorzugsweise  zum Ausdruck bringt und mit selbstbewussten  Frauen, die meist ohne strafrechtliche Folgen sich Probleme vom Hals schaffen.

 

Witzig und überaus amüsant  ist eine solche Lektüre  und ihre treuen  Fans wünschen sich von der agilen Achtzigjährigen noch viele weitere  Romane.