Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Die Spionin

 

 

 

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Paulo Coelho, Die Spionin, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-06977-8

 

Mit seinem neuen Roman „Die Spionin“ betritt der Erfolgsautor Paulo Coelho ein vollkommenes Neuland. Er nähert sich in einer teilweise fiktiven Erzählung der Person und dem Leben und Schicksal der Mata Hari, um die sich bis heute ein seltsamer Mythos rankt.

 

Was ihn an dieser Frau so fasziniert hat, dass er ihr ein Buch widmete, das so ganz anders als seine früheren fast völlig auf die spirituelle Dimension verzichtet, ist mir auch durch sein Nachwort nicht ganz ersichtlich geworden.

 

Er lässt Mata Hari, geboren als Margarethe Zelle 1876 in den Niederlanden, kurz vor ihrer Hinrichtung am 15. Oktober 1917 in Vincennes bei Paris einen fiktiven Brief schreiben, den sie an ihren Anwalt richtet und in dem sie relativ sachlich und fast völlig frei von Emotionen versucht, die Wahrheit über ihr Leben und über das, wessen man sie angeklagt hat, zu Wort kommen zu lassen.  Der Anwalt soll diesen Brief dann ihrer Tochter zukommen lassen, wenn sie alt genug dafür ist.

 

Dieser Verteidiger seinerseits kommt am Ende des Buches zu Wort, als er schildert, was er unternommen hat, um sie zu retten.

 

Ohne selbst sich zu positionieren, wird aus der nüchternen Beschreibung Paulo Coelhos deutlich, wie schwer es bis auf den heutigen Tag ist, beim Leben von Mata Hari den Mythos von der Wahrheit zu trennen.

 

Quellennachweise am Ende des Buches dokumentieren, wo sich Coelho informiert hat. Mir persönlich jedoch ist weder klar geworden, was Coelho an dieser historischen Figur so angesprochen hat außer vielleicht ihrem Freiheitsdrang und ihrer selbstbestimmten Sexualität, noch hat mich ihre teilweise fiktive Geschichte wirklich angesprochen.

 

Das Buch bietet eine unterhaltsame Lektüre, aber es fordert nicht zum Nachspüren oder zur Innenschau heraus wie so viele andere eher spirituelle Texte von Paulo Coelho, außer vielleicht bei einem Satz, den Coelho Mata Hari auf Seite 165 in den Mund legt:

„Es musste viel Wasser unter der Brücke meines Lebens hindurchfließen, bis ich begriff, dass die Liebe ein Akt des Vertrauens in einen anderen Menschen ist und ihr Antlitz verhüllt bleiben muss. Die Liebe muss jeden Augenblick gelebt und genossen werden, aber immer, wenn  wir versuchen, sie zu begreifen, verliert sie ihren Zauber.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Weihnachtskarpfen

 

 

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Marit Törnquist, Der Weihnachtskarpfen, Urachhaus 2016, ISBN 978-3-8251-7986-1

 

Der kleine Thomas verbringt in diesem Jahr Weihnachten bei seinem Großvater in Prag. Der ist seit kurzem Witwer und immer noch traurig. Er hofft, dass mit dem Enkel das Fest fröhlicher wird. Die Vorbereitungen nehmen viel Raum ein und so teilen sich Thomas und der Großvater die Einkäufe auf. Der Großvater schleppt den großen Weihnachtsbaum und Thomas kümmert sich ganz allein um den Kauf des traditionellen Karpfens. Aus Angst vor dem scharfen Messer des Fischhändlers trägt Thomas den Karpfen lieber lebendig in der Plastiktüte nach Hause, und passt dabei gut auf ihn auf. Zuhause kippt er den Karpfen ruhig in die volle Badewanne. Er weiß zu dieser Stunde nicht, dass der Fisch Teil eines Menüs werden soll.

 

Der kluge Großvater spürt Thomas Zuneigung zu dem Fisch. Sie verzichten darauf, ihn zu essen entlassen ihn irgendwann in die Moldau und essen stattdessen Plätzchen in Fischform.

 

„Der Weihnachtskarpfen“ ist eine moderne Weihnachtsgeschichte. Hier wird „eine alte Welt und eine neue Einstellung stimmungsvoll lebendig“ nacherzählt und liebevoll illustriert von einem der bekanntesten Mutter-Tochter-Gespanne der Kinder- und Jugendliteratur.

Kühn hat zu tun

 

 

 

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Jan Weiler, Kühn hat zu tun, Rowohlt 2016, ISBN 978-3-499-26682-9

 

Dieser Roman von Jan Weiler erzählt von einem ganz normalen Polizisten namens Kühn. Er lebt mit seiner Frau Susanne, seinem Son Niko und seiner Tochter Alina in einem kleinen Haus mit großer Hypothek auf der Weberhöhe. Die Weberhöhe ist eine Neubausiedlung nahe München, die auf einem Gelände gebaut wurde, auf dem vor und während des Zweiten Weltkrieges eine Munitionsfabrik stand.

 

Über deren Geschichte und über ihren Eigentümer Rupert Baptist Weber, und den zweifelhaften Ruf, der ihm nach dem Krieg zu Teil wurde, informiert Jan Weiler seine Leser ganz zu Anfang des Buches. Es ist so etwas wie eine Rahmenhandlung, die aber nicht bis zum Ende fortgeführt wird.

 

Kühn hat auf seiner Dienststelle nette Kollegen, vor allem Steierer, mit dem ihn so etwas wie eine gute Männerfreundschaft verbindet. Was ihn täglich umtreibt, sind die Sorgen um das Geld, denn nach Abzug aller Kosten bleibt ihm nur ein sehr kleiner Restbetrag zum Leben, der hinten und vorne nicht reicht, um die Bedürfnisse und Wünsche seiner Familie  zu befriedigen.

 

Seine Tochter Alina will ein Pferd, sein Sohn redet nicht mit ihm und auch seine Frau verschließt sich ihm immer mehr.  Weiler gelingt es zu Beginn und auch im späteren, immer spannender werdenden Verlauf des Buches ganz hervorragend, die Kultur und das nachbarschaftliche Klima in einer solchen Neubausiedlung, in der alle in schönen Häusern, aber auf erdrückenden Schuldenbergen sitzen, einzufangen und zu beschreiben.

 

Als eines Tages ein alter Mann erstochen auf einem Weg gleich hinter Kühns Garten aufgefunden wird, muss Kühn für eine schwierige Zeit der Ermittlungen versuchen, seine Alltagssorgen zu vergessen, doch auf eine sympathische Weise schleppt er sie andauernd mit in seinem Kopf.

 

Der alte Mann weist ganz eigenartige Schnittwunden auf, die der Täter ihm mit einem scharfen Gegenstand zugefügt hat, nachdem er ihn getötet hatte.   Weiler hat wieder eine Figur erfunden, die dem Leser menschlich ganz nahe kommt, er hat seine Geschichte eingebunden in den normalen Alltag von Kleinbürgern in einer Münchener Vorstadt und seinen ermittelnden Kommissar mit einer Täterstruktur konfrontiert, die Kühn alle ihm zu Verfügung stehende Intuition abfordert und ihn dennoch an die Grenze bringt. Eine Grenze, an der nicht nur den Fall löst mit einem total überraschende Ende, sondern an der er auch Energie gewinnt und Neuanfänge entdeckt in seinen privaten Krisen. Bis zu nächsten ….

 

Sind wir bald da?

 

 

 

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Guido van Genechten, Sind wir bald da. Frosch und Igel auf großer Reise, Annette Betz 2016, ISBN 978-3-219-11693-9

 

Dieses wunderschöne Bilderbuch des belgischen Kinderbuchautors Guido van Genechten hat sein österreichischer Kollege Heinz Janisch ins Deutsche übertragen. Es erzählt von  den beiden Freunden Frosch und Igel, die sehr unterschiedlich sind. Während Frosch sein kleines Dorf noch nie verlassen hat, ist der Igel ein unternehmungslustiger Geselle, der mit seinem roten Auto gerne die Welt erkundet.

 

Eines Tages kommt Igel bei Frosch vorbei und nimmt ihn auf eine Reise mit. Gleich nachdem sie losgefahren sind, weist der Idel auf einen bedeutenden Unterschied hin. Als der Frosch fröhlich sagt: „Wir machen eine Reise“, erwidert der Igel richtigstellend: „Wir sind auf einer Reise.“

 

Sie fahren durch wunderschöne Landschaften und über hohe Berge, durch einen langen Tunnel und eine hohe Brücke bis an das Meer. Immer wieder fragt der Frosch, wann sie denn endlich ankommen, obwohl er sichtlich die Reise mit jeder weiteren Station immer mehr genießt. Und immer wieder antwortet der Igel. „Wir sind auf einer Reise“.

 

Der Frosch lernt immer mehr, das gemeinsame Unterwegssein als solches zu genießen und als nach der Rückkehr im Dorf der Igel dem Frisch eine Muschel schenkt, in der er das Meer hören kann, formulieren beide je eiregenwichtige Erkenntnis. Der Igel sagt, der Frosch habe sich verändert auf dieser Reise und der Frosch hat erkannt, dass er immer auf einer Reise ist.

 

Guido van Genechten hat ein wunderschönes Bilderbuch geschrieben und illustriert über das Unterwegssein mit anderen, das Teilen von neuen Erfahrungen und das Staunen darüber, welche Wunder diese Welt für uns bereithält.

Das Ende der Lebensversicherung

 

 

 

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Michael Grandt, Das Ende der Lebensversicherung, Finanzbuch Verlag 2016, ISBN 978-3-89879-991-1

 

Die Folgen der Finanzkrise, die 2008 begann und deren Auswirkungen noch lange zu spüren sein werden – Rückschläge (siehe Italien) nicht ausgeschlossen – haben die Altersvorsorge und die Lebenssparpläne von Millionen Bürgern über den Haufen geworfen.

 

Die seit Jahren anhaltende und sich wohl auch nicht so bald ändernde Niedrigzinspolitik haben nicht nur das normale Sparen ad absurdum geführt, sondern auch die Renditen von langfristigen Lebensversicherungen so nach unten getrieben, dass es mir manchmal, wenn ich meine jährlichen Berichte der Versicherung anschaue, so vorkommt, als erlebe ich so etwas ähnliches, was meine Großeltern zweimal erleben mussten: die Vernichtung ihres hart erarbeiteten Vermögens.

 

Zwar befeuert die Nullzinspolitik der EZB seit Jahren den privaten Konsum und rettet damit immer wieder ein beachtliches Wachstum und führt zu niedrigen Arbeitslosenzahlen, doch irgendwann sind die Rücklagen, mit denen viele Verbraucher nun Investitionen und Käufe vornehmen, aufgebraucht.

 

Der vorliegende Ratgeber von Michael Grandt, einem überaus erfolgreichen Journalisten und  Autor greift diese Situation  auf und gibt wertvolle Tipps über krisensichere Alternativen zur Lebensversicherung.

In einer von ihm entwickelte 6- Schritte- Strategie erläutert er überzeugend und verständlich, wie man auch mit wenig Geld sich individuelle eine eigene die Rente ergänzenden Altersvorsorge aufbauen kann.

 

Für alle Menschen, die sich Sorgen um ihre Altersvorsorge machen  und die bei der Anlage ihres Geldes (auch wenn es nur wenig sein sollte) kein Risiko eingehen, wollen, ist dieser Ratgeber ein geeigneter Helfer.

 

 

Überall & Nirgends

 

 

 

 

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Bette Westera, Sylvia Weve, Überall und Nirgends, Susanne Rieder Verlag 2016, ISBN 978-3-946100-09-6

 

Ein wirklich außergewöhnliches Buch ist hier anzuzeigen, das der kleine Susanne Rieder Verlag für das deutsche Publikum zugänglich gemacht hat. Es ist gedacht für Kinder ab etwa acht Jahren und beschäftigt sich mit dem Thema Sterben und Tod, mit Begräbnis-und Trauerritualen, aber es erzählt auch immer wieder vom Leben, das jeweils einzigartige Lebern, das mit dem Tod zu Ende geht und das Leben, das die Zurückgebliebenen weiter leben müssen und auch können.

 

Das Besondere an den Texten von Bette Westera ist, dass sie in Gedichtform verfasst sind. Für den Übersetzer Rolf Erdorf, der sie aus dem Niederländischen übertragen hat, sicher eine große Herausforderung, die er aber mit Bravour gemeistert hat. Viele Facetten hat der Tod und zahlrieche davon werden mit Gedichten angesprochen. Der Tod wird in seiner Alltäglichkeit begreifbar.

Es sind Gedichte zu ganz verschiedenen Anlässen und Situationen, denen Kinder und Erwachsene begegnen können, Gedichte, die langsam erst wirken, mehrmals gelesen oder vorgelesen werden sollten.

 

Auch die Illustrationen von Sylvia Weve sind nicht sofort eingängig, auch sie wollen „gelesen“ und verstanden werden.

 

In den Niederlanden hatte dieses Buch einen großen Erfolg und wurde mit dem Preis des besten Kinder- und Jugendbuchs ausgezeichnet. Vielleicht hat es ja in Deutschland einen ähnlichen Erfolg. Dem kleinen Susanne Rieder Verlag wäre es zu wünschen.

 

 

 

Das Cafe der kleinen Wunder

 

 

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Nicolas Barreau, Das Cafe der kleinen Wunder, Thiele Verlag 2016, ISBN 978-3-85179-368-0

 

Der neue Roman von Nicolas Barreau ( mir ist es gleich, ob das ein Pseudonym ist oder nicht) erzählt wieder einmal von einer jungen Frau, die durch viele Widrigkeiten hindurch ihre Angst und Zurückhaltung überwindet und nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu ihrer großen Liebe findet. Barreaus Romane sind für Leser großer „wertvoller“ Literatur sicher wenig geeignet. Aber wer sich, wie der Rezensent, zwischendurch gerne einmal von einem durchaus anspruchsvollen Liebesroman entführen und unterhalten lassen will, findet immer wieder großen Gefallen an ihnen.

 

Der neue Roman mit dem Titel „ Das Cafe der kleinen Wunder“ hat es mir schon von Anfang an angetan, weil Barreau seine Protagonistin, die Philosophiestudentin Nelly, sich mit den Theorien des Franzosen Paul Virilio beschäftigen lässt und sie dem Leser auch auf eine verständliche Weise nahe bringt.

In ihren Professor, ein Virilio-Spezialist, ist sie schon lange heimlich verliebt. Als sie ihre Masterarbeit über Virilio, seine Wissenschaft von der Dromologie und seine Theorie vom Rasenden Stillstand abgibt, will sie ihm seine Liebe gestehen. Doch noch bevor sie einen langen Brief übergibt, erzählt der ihr, dass er ihr die versprochene Stelle nicht geben könne, das er sich in eine italienische Kollegin verliebt habe und nach Italien gehe.

 

Nelly ist am Boden zerstört, kauft sich spontan die begehrte rote Handtasche, an der sie schon tausend Mal vorbeigelaufen ist und flieht in ihre Wohnung. Dort findet sie eine Kiste mit zahlreichen Büchern ihrer verstorbenen Großmutter. In einem der Bücher und auf einem Granatring, den ihr die Großmutter überlassen hat, findet sie eine Gravur, die sie berührt: Amor vincit omnia.  Überzeugt davon, dass ihre Flugangst Schuld daran ist, das ihr Professor mit eben dieser italienischen Wissenschaftlerin nach New York geflogen ist, statt mit ihr, die zunächst eingeladen war,  hebt sie ihr Erspartes ab, mietet sich über das Internet eine Wohnung in Venedig und begibt sich auf sie Suche nach den Spuren dieser Widmung.

Dort trifft sie durch Zufall den Italiener Valentino, der ihr mehrfach aus der Patsche hilft und sich sofort in Nelly verliebt. Doch die zögert und halt ihn für einen Gigolo.

 

Dennoch kommen sie sich näher, erst recht, als Nelly im Cafe von Valentinos Vater sich den Spuren ihrer Großmutter nähert und deren Liebesgeschichte.

 

Als sich Valentino fast zwei Wochen für Nelly ziemlich rar macht, um mit Hilfe von Freunden an einer Riesenüberraschung zu arbeiten, mit der er ihr seine Liebe gestehen will, glaubt Nelly schon das auch bei ihr keimende zarte Pflänzchen verloren. Doch dann muss sie sich ihrer größten Angst stellen…

 

Mit vielen Wendungen, die immer wieder neue Geheimnisse hervorbringen, die dem Leser erst allmählich deutlich werden, erzählt Barreau eine romantische Liebesgeschichte voller wunderbarer Reminiszenzen an die beiden Städte, die immer wieder mit der Liebe in Verbindung gebracht werden: Paris und Venedig.

 

 

 

 

Bühlerhöhe

 

 

 

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Der neue Roman von Brigitte Glaser führt den Leser zurück in das Jahr 1952 in ein heute leerstehendes und seiner exklusiven Wiedereröffnung harrendes Luxushotel auf der Bühlerhöhe im Schwarzwald. Die Bühlerhöhe war in den fünfziger Jahren die Sommerresidenz des damaligen deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Auch in dem in  der Nähe befindlichen, nicht ganz so luxuriösen Hotel Hundseck wurde er regelmäßig zu einem zünftigen Frühschoppen empfangen.

 

Die Stiefmutter der Autorin, Hildegard Glaser, hat als junge Frau in diesem mittlerweile angerissenen Hotel Hundseck gearbeitet und mit ihren ausführlichen Erzählungen Brigitte Glaser zu der Idee zu diesem Roman gebracht.

 

Es geht in „Bühlerhöhe“ um die Debatte um die Wiedergutmachung an Israel, um den Widerstand radikaler jüdischer Gruppen dagegen und im Hintergrund um die Themen der Alija und der Remigration. Und es geht um zwei erfundene Frauenfiguren.

Die eine heißt Rosa Silbermann, ist rechtzeitig vor dem Holocaust nach Israel emigriert und lebt dort mit einem kleinen Sohn in einem Kibbuz. Der Rest ihrer Familie ist ausgelöscht. Der Vater des Sohnes, ein Musiker, der nicht geschaffen war für das Leben in einem Kibbuz, hat Israel wieder verlassen und ist nach Deutschland zurückgekehrt.

 

Ihm wird Rosa Silbermann wieder begegnen, als sie einen Auftrag ausführt, den sie vom israelischen Mossad erhält, der sie zunächst gegen ihren Widerstand, für eine Mission gewinnt. Wegen der in Israel sehr umstrittenen Wiedergutmachung, hat der Mossad Informationen, dass die Irgun während der Sommerfrische Konrad Adenauers auf der Bühlerhöhe ein Attentat auf ihn plant.

 

Rosa soll nun mit einem Mossadkollegen Adenauer in Absprache mit dessen Sicherheitschef beschützen. In Tanger bereitet sie sich auf ihren Auftrag und erregt, auf der Bühlerhöhe angekommen, sogleich den Verdacht der zweiten großen Frauenfigur in diesem Roman. Sie heißt Sophie Reisacher, ist die allwissende und intrigante Hausdame des Hotels Bühlerhöhe. Sie spürt sofort, dass irgendetwas an dem jüdischen gast nicht stimmt. Auch ihrem vorm und nach dem Krieg wechselhaften Schicksal und ihren Träumen von einem Eheleben mit einem reichen und einflussreichen Mann gibt Brigitte Glaser Raum. Und auch der jungen Hotelangestellten Agnes, einem einfachen Mädchen aus einem der Nachbardörfer, die gegen ihren Willen im Verlauf einer wie in einem Thriller erzählten Handlung. Alle diese Frauen haben im Krieg furchtbare Traumata erlitten und versuchen, jede auf ihre Weise damit zurecht zu kommen. Weiter treten auf die ganze Entourage des Kanzlers und ein Haufen von Waffenlobbyisten, die in der aufkommenden Wiederbewaffungsdebatte und Adenauers Politik der eindeutigen Westbindung der jungen Bundesrepublik ihre neue Chance wittern.

 

Dem gelungene Roman gelingt eine sehr gute Mischung aus dem Porträt zweier starker Frauen und ihren Lebensgeschichten und – träumen und einer spannenden Handlung auf dem Hintergrund der innenpolitischen Debatten der frühen fünfziger Jahre in der BRD, die die meisten der heutigen Leser nicht selbst miterlebt haben.

 

Ein Glossar im Anhang mit der Erläuterungen von vielen Begriffen aus der deutschen und israelischen Geschichte hilft bei der Orientierung in einem Roman, den ich gerne weiterempfehle. Er informiert über eine wichtige und den meisten Lesern unbekannte Zeit und ist sehr unterhaltend und spannend zugleich.

 

 

 

 

Ich bin nicht müde, Mama Bär

 

 

 

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Amy Hest, Lauren Tobia, Ich bin nicht müde, Mama Bär, Annette Betz 2016, ISBN 978-3-219-11709-7

 

Es ist Winter und es schneit seit vielen Stunden. Doch als Zeit ist am Abend zu Bett zu gehen, kann die kleine Mia Bär nicht einschlafen. Sie steht am Fenster und schaut den Schneeflocken zu. Ihre Mama Bär ist sehr verständnisvoll. Sie macht schnell noch ein paar Toasts mit Zimt und geht nach oben in das Zimmer ihrer Tochter. Sie setzt sich neben sie in einen Sessel und versucht ihr zu erklären, dass Bären im Winter schlafen müssen. Die Bärenkinder ebenso wie die Bärenmütter.

 

Doch Mia Bär will nicht. Viele Dinge, die sie ihrer Mutter nacheinander benennt, werden ihr fehlen. Die Mutter betrachtet sie alle mit ihr. Den Mond, die Sterne, ja sie geht sogar noch einmal mit raus in den Schnee, wo sie miteinander vom allerhöchsten Hügel hinunterpurzeln.

 

Langsam wird Mia wirklich müde. Und als die Mama Bär ihr versichert, alles was sie so liebt, auch sie selbst, werde im Frühling noch da sein, da kann Mia in den Armen ihrer Mutter gut einschlafen.

 

Alles wird beim Aufwachen so sein, wie vorher. Genau wie bei dem kleinen Kind, dem man dieses schöne Gute-Nacht-Buch vorliest, und das vielleicht Angst davor hat, einzuschlafen.

Mein allerschönstes Wörterbuch

 

 

 

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Richard Scarry, Mein allerschönstes Wörterbuch, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-01190-6

 

Dieses wunderschöne Bilderbuch ist ein  Klassiker, der in vielen Ländern erschienen ist und nun dankenswerterweise von Diogenes in Zürich wieder aufgelegt wird.

 

1963 zum ersten Mal in Wisconsin in den USA veröffentlicht, erschienen in verschiedenen Verlagen in den Siebzigern und Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts deutsche Ausgaben. Deshalb werden nicht nur die Kinder, die in den letzten Jahren geboren sind, sich über dieses zweisprachige Wörterbuch freuen, sondern auch ihre Eltern, die vielleicht selbst als Kind mit diesen tollen Zeichnungen ihren Wortschatz auf Deutsch und Englisch erweitert haben.

 

Die Kinder können einen kleinen Bär begleiten, der zu Hause und auf vielen Ausflügen viele Dingen erlebt und sieht. Die Sachen und Gegenstände sehen natürlich alle so aus, wie sie vor über 60 Jahren aussahen, aber das gibt dem Buch heute einen ganz besonderen Charme.

 

Insbesondere für Kinder, die zweisprachig mit Deutsch und Englisch aufwachsen ist das Buch geeignet. Aber auch für die anderen schadet es sicher nicht, schon vor der Grundschule manche Dinge auch mit einen englischen Wort benennen zu können.

 

Ich hoffe, dass Diogenes noch viele der über 300 Bücher (sie wurden oft in Zeichentrickserien umgesetzt) des 1994 verstorbenen Richard Scarry wieder auflegt.

 

Mit diesem Wörterbuch jedenfalls werden Ihre Kleinen einen großen Spaß haben. Man kann sich wie in einem Wimmelbuch stundenlang damit beschäftigen.