Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Geigen der Hoffnung

 

 

 

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Titus Müller, Christa Roth, Geigen der Hoffnung, Adeo 2016, ISBN 978-32-86334-117-6

 

Die „Geigen der Hoffnung“ des israelischen Geigenbauers Amnon Weinstein, die, eine Arbeit seines Vaters Mosche fortsetzend, immer wieder in Ausstellungen und Konzerten an die Leiden ihrer einstigen jüdischen Besitzer in den Konzentrationslagern der Nazis erinnern, waren der Ausgangspunkt für das vorliegende Buch von Titus Müller und Christa Roth.

 

Der Geschichte und der Erinnerungsarbeit von Amnon Weinstein, die Christa Roth nach vielen Besuchen bei ihm in Israel erzählt, wird in veränderter Schrift eine fiktive Geschichte gegenübergestellt von den beiden Brüdern Marek und Stani, die Titus Müller erzählt. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die ins KZ Dachau deportiert werden und die Hölle überleben, auch weil sie Musiker sind. Sie nimmt rund zwei Drittel des Buches ein und beruht größtenteils auf Tatsachen. In einem Gespräch mit israelnetz.com erzählt er: „Den Häftling Nummer 95101 gab es wirklich. Der hieß aber eigentlich Abraham Mertschinski und hatte nicht einen Bruder, sondern zwei, mit denen er von Lodz nach Dachau kam. Es gibt diese Geige von ihm, die wird von Amnon Weinstein restauriert, und es gibt ihn und er war wirklich in Dachau. Ein Freund, dem er nach dem Krieg die Geige geschenkt hat, sagt, er habe die Geige wirklich im Lager gespielt.“

 

Ein bewegendes Buch ist „Geigen der Hoffnung“, ein Buch das nicht nur den unmenschlichen Schrecken der Vernichtungslager beschreibt, sondern auch von der Hoffnung auf Versöhnung beseelt ist.

Wolkentage

 

 

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Alice Briere-Haquet, Monica Barengo, Wolkentage, Carl Auer Verlag  2016, ISBN 978-3-8497-0150-5

 

„Wolkentage“ ist in der Reihe Carl-Auer-Kids erschienen, deren Ziel es ist, Kinderbücher zu veröffentlichen, die eine heilende Wirkung haben und Kindern eine neue Sicht auf sich und die Welt vermitteln können.

 

In diesem geht es etwas, was Kinder bei sich kennen, was sie aber auch bei ihren Eltern wahrnehmen. Es geht um Tage, in denen man verstimmt ist, in den sich eine Wolke über das Gemüt legt und alles verdunkelt. Mit eindrucksvollen Bildern wird illustriert, wie sich eine solche Stimmung wie ein Nebel über alles legt, und die Welt traurig und grau macht.

 

Doch eine Verstimmung ist nichts Schlimmes, sie bedeutet auch, dass man sensibel und feinfühlig für das Leben ist, für die Hochs und Tiefs, dass man alles mit allen Sinnen wahrnehmen kann. Eigentlich eine schöne Eigenschaft, die das Menschsein ausmacht. Wenn man mitfühlend sein kann sowohl für das Schlimme als auch für das Schöne. Dann ist man lebendig.

 

Das ist die Botschaft dieses Buches. Dass man nach einer Zeit der Verstimmung wieder neue Kräfte sammelt und Energie und wieder mit Freude am Leben teilnehmen und es genießen kann.

 

Dieses Buch kann Eltern helfen, Kinder in einer solchen  Phase zu trösten und ihnen Zuversicht zu vermitteln. Es kann Kindern aber auch helfen dabei, sich nicht schuldig zu fühlen, wenn seine Eltern kurz oder manchmal auch länger unter einer solchen Verstimmung leiden.

 

Der Tod des Odysseus

 

 

 

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Petros Markaris, Der Tod des Odysseus, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-06979-2

 

Das neue in Griechenland 2015 erschienen Buch von Petros Markaris ist kein weiterer Roman über seinen Kommissar Kostas Charitos , sondern eine Sammlung von unterschiedlich langen „Geschichten“.

Darunter finden sich auch zwei kurze Texte, in denen Charitos eine Rolle spielt. Sie sind aber für das Buch eher marginal und wohl nur beigefügt, um die Charitos Fans bei Laune zu halten.

 

Die anderen Geschichten handeln von Menschen, Griechen und Türken hauptsächlich. All dieses Menschen sind so wie der antike Odysseus in der Fremde unterwegs, haben viele Prüfungen zu bestehen, geben die Hoffnung nicht auf und sind zumeist brutalen Gegnern ausgesetzt, die es nicht gut mit ihnen meinen.

 

Die für mich wichtigste und für das Buch zentrale Geschichte – sie ist auch mit fast 100 Seiten die längste- trägt den Titel „Drei Tage“ und erzählt von einem Protagonisten namens Vassilis und wie er und seine Familie das Pogrom von Istanbul am 6. September 1955 erlebten, das von langer Hand von der Regierung vorbereitet war.

„Vor einundsechzig Jahren geschah es in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1955, da stürmen laut brüllend grölende Horden mit Äxten, Hämmern, Säbeln und Dynamit bewaffnet entlang des Istiklal- Boulevards.

Sie brandschatzten und plünderten Geschäfte und Unternehmen die zur lokal griechischen Gemeinde gehörten. Der Mob griff hauptsächlich griechisch besiedelte Stadtteile in ganz Istanbul an, mehr als 4000 Geschäfte wurden zerstört, über 70 Kirchen und 30 Schulen zertrümmert. Priester wurden geschlagen, griechisch- orthodoxe Friedhöfe wurden geschändet.“ ( Der Freitag, 10.6.2016)

Es war nicht das erste Mal, dass unbeteiligte Minderheiten Opfer von Machtkämpfen in der Türkei wurden. Praktisch seit der Gründung der Republik durch Kemal Atatürk im Jahre 1923 ist die Türkei überzeugt davon, dass seine Minderheiten, in erster Linie Griechen und Armenier, (heute die Kurden) als 5. Kolonne fremder Mächte Ankaras Feinde sind. Diese Angst, die durch den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches zum „unterirdischen“ Flächenschwelbrand wurde, hat sich immer wieder in der türkischen Politik für ganz unterschiedliche Ziele instrumentalisieren lassen, zuletzt in diesem Jahr.

Ankara inszeniert gegebenenfalls erst ein Ereignis, wenn das Muster dazu passt, bzw. das Muster bestätigt werden kann. Am Vorabend des 6. September gab es einen Angriff in Thessaloniki auf das Geburtshaus Kemal Atatürks. Damit war die Lunte an die Fackel lodernder Emotionen gelegt und in Brand gesetzt. Obwohl die Rädelsführer angeblich an den Mob keine Waffen verteilt hatten, endete die Pogromnacht mit über 30 Toten, Hunderten von Verletzten, und Dutzende von vergewaltigten Frauen und Männern.

 

All dies beschreibt Markaris in der Geschichte „Drei Tage“ beeindruckend.

 

Man sieht, gewisse Vorgänge haben in einer sich weiter islamisierenden Türkei offenbar Tradition.

Als Petros Markaris diese und andere Geschichten des Bandes schrieb, konnte er nichts ahnen von dem gescheiterten (oder angezettelt-gescheiterten?) Putsch 2016. Ich bin aber sicher, er wäre vor allen Dingen von den Reaktionen Erdogans nicht überrascht gewesen.

 

Markaris setzt sich mit seinen Roman und diesen Geschichten – obwohl Fiktion- sehr kritisch mit der aktuellen gesellschaftlichen Lage auseinander.

 

Ein Junge namens Weihnacht

 

 

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Matt Haig, Ein Junge namens Weihnacht, DTV 2016, ISBN 978-3-423-28088-4

 

Alle Welt kennt den Weihnachtsmann als einen etwas ältlichen, dicken Mann in rotem Mantel mit einem weißen langen Rauschebart. Richard Attenborough hat ihn 1994 in der Neuverfilmung von „Das Wunder von Manhattan“ unübertroffen dargestellt und begeistert jedes Jahr aufs Neue  junge und alte Fernsehzuschauer.

 

Doch wer hat eine Vorstellung davon, wie der Weihnachtsmann als Kind war? Was machte ihn aus, was erlebte er?  Wie kam es eigentlich, dass er zum Weihnachtsmann wurde und wie ist seine Verbindung zu all den vielen Fabelwesen, die ihn und seine Geschichte umgeben?

 

Matt Haig, ein 1975 geborene englischer Autor von Romanen und Kinderbüchern, hat sich diese Fragen gestellt und ein Geschichte erfunden über einen Jungen namens Weihnacht.

 

Es ist eine Erwachsene und Kinder gleichermaßen verzaubernde Geschichte voller Spannung, Abenteuer und Humor. Wunderbar schräge Illustrationen von Chris Mould und eine wunderbar schöne und zauberhaft erzählte Geschichte lassen vermuten, dass dieses Buch zu einem Weihnachtsklassiker werden könnte, das auch noch nächste Generationen im Dezember gerne zur Hand nehmen, so wie sie seit Jahrzehnten sich im Dezember an irgendeinem Abend „Das Wunder von Manhattan“ im Fernsehen anschauen.

 

 

 

Nussschale

 

 

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Ian McEwan, Nussschale, Diogenes Hörverlag 2016, ISBN 978-3-257-80376-1

 

Die Idee ist genial, der Plot klassisch und seine Ausführung an manchen Stellen unglaubwürdig übertrieben. In seinem neuen Roman „Nussschale“ erzählt der britische Bestsellerautor Ian McEwan die Geschichte eines Vaters, einer Mutter und deren Liebhabers. Mutter und Liebhaber wollen den Vater töten (auch wenn er der leibliche Bruder des Vaters ist), dessen auf viele Millionen geschätztes altes heruntergekommenes Haus mitten in bester Londoner Lage verkaufen und sich dann aus dem Staub machen. So weit so gut. Wäre da nicht die Tatsache, dass die Mutter im neunten Monat schwanger ist (von ihrem Mann?) und man nicht genau weiß, was man mit dem Baby tun soll, das in zwei Wochen zur Welt kommen soll.

Das alles irritiert das Ungeborene, das McEwan als wirklich ungewöhnlichen Ich-Erzähler auftreten lässt.  Dieser natürlich noch namenlose Erzähler erlebt nicht nur das Drama seiner Mutter Trudy , seines Vaters John, seines Zeichens ziemlich erfolgloser Dichter und Verleger und seines nebenbuhlerischen Onkel Claude, und schildert es mit immer größerer Besorgnis (was soll aus ihm werden?), sondern ist durch das Mithören unzähliger Radiosendungen auf BBC und Podcasts, die seine Mutter zur Ablenkung laufen ließ, auch so etwas wie ein weitläufiger Analyst der Welt geworden, in die er noch gar nicht hineingeboren ist.

 

Seine Kenntnis geht sogar so weit, dass er den Wein, den seine Mutter in immer größeren Mengen in sich hineinschüttet, bis auf den Jahrgang und das Weingut bestimmen kann.

 

Und das ist natürlich unglaubwürdig. Aber diese Kritik geht fehl, weil McEwan gar nicht davon ausgeht, dass sein Erzähler das wirklich weiß.

Ein Fötus hat ein Erleben, bekommt über den Stoffwechsel seiner Mutter und deren Herzschlag viel mit, ist aber natürlich noch kein Wesen mit einem ausgebildeten Bewusstsein und Sprachkompetenz.

 

Es geht McEwan in seinem neuen Roman, der voller philosophischer und aktuell politischer Reflexionen steckt, um diese ungewöhnliche Perspektive. Wie könnte, würde er es wirklich alles verstehen, ein ungeborener Fötus die Welt wahrnehmen in die er hineingeboren wird?

 

Mich hat das Buch gut unterhalten, mich nicht selten schmunzeln lassen. Doch an seine letzten drei Bücher „Kindeswohl“, „Honig“ und „Solar“ kommt „Nussschale“ leider nicht heran.

 

Die hier anzuzeigende ungekürzte Lesung von Wanja Mues lässt den Hörer ganz eins werden mit dem kleinen Erzähler, dem Mues seine Stimme leiht und ihn auf eine Weise lebendig werden lässt, als säße oder liege er direkt neben einem.

 

 

 

Cheers

 

 

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Martin Suter, Cheers. Feiern mit der Business Class, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-30021-5

 

Waren 2012 in dem letzten Sammelband mit Geschichten aus der Business Class, der unter dem Titel „Abschalten“ erschienen war, nur wenige Geschichten von Martin Suter bisher unveröffentlichte Texte, verhält es sich bei dem neuen Band „Cheers. Feiern mit der Business Class“ anders.

 

40 neue Kolumnen erscheinen hier erstmals in einem Diogenes Buch. Andere hat man in bisherigen Büchern schon gelesen, wegen ihrer Kürze aber vielleicht längst schon wieder vergessen.

 

Deshalb bieten die hier versammelten durchweg kurzen Geschichten (wegen des für eine Kolumne in der Züricher Weltwoche begrenzten Platzes)  wieder nicht nur glänzende Satire und köstliche Unterhaltung, sondern auch alltagssoziologische Einblicke und Durchblicke von hoher Qualität.

 

 

Die Ehefrau

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Meg Wolitzer, Die Ehefrau, Dumont 2016, ISBN 978-3-8321-9816-9

 

Meg Wolitzer ist eine in den USA sehr bekannte Schriftstellerin, die im Jahr 2013 mit ihrem Roman „Die Interessanten“ auch in Deutschland einem größeren Publikum bekannt geworden ist. Dies hat dazu geführt, dass Dumont nun einen Roman von ihr nachlegt, der in den USA schon im Jahr 2003 erschienen ist und in dem die Feministin Meg Wolitzer in einer spannenden und frei von jedem moralischen oder politisch-korrekten Impetus die Geschichte eines berühmten Schriftstellers und seiner nicht minder literarisch-begabten Frau erzählt.

 

Ich-Erzählerin ist Joan Castleman, die ihrem Mann Joe als dessen Studentin kennengelernt und wegen der er seine erste Frau verlassen hat. Auf dem Flug nach Helsinki – dort soll Joe Castleman ein  großer Literaturpreis verliehen werden auf den er schon jahrelang gewartet hat – beschließt Joan, ihren Mann zu verlassen. Sie erträgt seine sexuellen Abenteuer nicht mehr und hat lange genug ihre eigenen Bedürfnisse und auch ihre schriftstellerischen Ansprüche zurückgestellt um seinem Erfolg nicht im Weg zu stehen.

 

Schon auf dem Hinflug und dann in Helsinki, denkt sie in Rückblicken, in denen sie ihre gesamte Geschichte mit Joe Castleman beschreibt, über ihr Leben nach.  Es geht um Ruhm und Erfolg, ihr Leben als Frau und Mutter. Und immer wieder auch um den Literaturbetrieb und viele andere Schriftsteller. Und um einen langjährigen Bewunderer von Joe,  Nathaniel Bone, der unbedingt dessen Biographie schreiben will.

 

Der Roman ist spannend aufgebaut und der Leser wartet bis zum überraschenden Ende auf eine Auflösung des Geheimnisses der Beziehung zwischen Joan und Joe, das er schon bald nach Beginn seiner überaus unterhaltsamen Lektüre vermutet, aber keine Anhaltspunkte findet.

 

Leichtfüßig und mit viel satirischem Witz erzählt Meg Wolitzer von Frauen, die ihre eigene Energie und Kreativität in die Karrieren ihrer Männer stecken und dabei unglücklich werden.

 

 

 

 

 

 

Rotkäppchen hat keine Lust

 

 

 

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Sebastian Meschenmoser, Rotkäppchen hat keine Lust, Thienemann 2016, ISBN 978-3522-45827-6

 

„Rotkäppchen hat keine Lust“ ist Sebastian Meschenmosers mittlerweile elftes Bilderbuch. In ihm stellt er die Geschichte aus Grimms Märchen völlig auf den Kopf. Das Mädchen stellt er als griesgrämiges, schlecht gelauntes Kind dar, das überhaupt keine Lust auf den sonntäglichen Besuch bei der Großmutter hat. Als sie dem Wolf begegnet, der natürlich Hunger hat, stellt der fest, dass das so nicht geht. Er backt mit dem immer schlechter gelaunten Mädchen einen  Kuchen, pflückt Blumen und besorgt eine Flasche Wein.

Als sie bei der Großmutter ankommen, dauert es nicht länger als eine Nacht, bis der Wolf zum Lieblingsenkel der Oma avanciert ist. Rotkäppchen indes wird eine Räuberin. Doch sonntags hat sie frei.

In einem Interview bei der Buchmesse verteidigt Meschenmoser seine ungewöhnliche Darstellung:

„Kleine Mädchen dürfen auch mal grummelig und dagegen sein. Bei dem Rotkäppchen-Märchen der Grimms sind die Rollen so klassisch verteilt – der böse Wolf, der die Oma und das arme Mädchen auffressen will. Dann das dumme und naive Mädchen, das auf die Wiese läuft und Blumen pflückt. Jeder weiß, wie die Geschichte weiterspielt.“

 

Mit einer kompletten Vertauschung der ursprünglichen Figuren bricht Meschenmoser alte Rollenbilder auf und macht die Lektüre und das Vorlesen des Bilderbuchs zu einem echten Spaß.

 

Übrigens: zwei Fortsetzungen sind angekündigt. Seien wir mal gespannt. Erfrischender, gegen den Strom schwimmender Bilderbuchspaß nicht nur für Mädchen.

 

 

 

Warten auf Goliath

 

 

 

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Antje Damm, Warten auf Goliath, Moritz 2016, ISBN 978-3-89565-332-2

 

Dieses schöne Bilderbuch hat Antje Damm mit einer ganz besonderen Mischung aus Mal, Bastel- und Klebetechniken gestaltet.

 

Es erzählt über einen sehr langen Zeitraum von einem Frühjahr bis zum nächsten wie ein Bär an einer Bushaltestelle sitzt und  wartet. Einem freundlichen Rotkehlchen, das in einem mitten in der Blüte stehenden Baum sitzt, erzählt er dass er auf Goliath wartet, seinen Freund. Ob der denn auch so stark sei wie er, fragt es ihn, nach dem es sein Nest gebaut hat. Bär teilt mit, Goliath sei noch viel stärker, und schlau dazu.

 

Die Spannung ist aufgebaut. Mittlerweile sind die jungen Rotkehlchen schon geschlüpft und das Rotkehlchen frotzelt. „Doch, er kommt bestimmt!“, ist Bär überzeugt.

 

Ein Hund, der vorbeiläuft, während Bär hinter einem Busch pinkelt, ist es nicht, und der Bus der irgendwann hält, bringt auch keinen Goliath mit.

 

Manchmal vergisst Bär schon, dass er auf Goliath wartet, und den Winter über schläft er vor der Bank an der Bushaltestelle.

 

Doch im Frühling, nachdem er wieder aufgewacht ist, hört er etwas. Goliath ist gekommen. Und sie spielen miteinander.

 

Wer oder was Goliath nun genau ist, wird hier nicht verraten, damit die Überraschung nicht verdorben ist. Denn die ist Antje Damm mit diesem feinen Bilderbuch über geduldiges Warten und verlässliche Freundschaft gut gelungen.

 

 

Sehr geehrter AfD-Wähler

 

 

 

 

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Stephan Hebel, Sehr geehrter AfD-Wähler, wählen Sie sich nicht unglücklich, Westend 2016, ISBN 978-3-86489-170-0

 

Geschrieben im Erschrecken nach dem großen Wahlerfolg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern für die Frankfurter Rundschau und für dieses Büchlein erweitert, versucht der nach eigenen Angaben eher politisch links einzuordnende Journalist und Publizist Stephan Hebel, der für zahlreiche linke und linksliberale Printmedien schreibt, einen gedachten AfD –Wähler anzusprechen und ihn mit vielen Argumenten, die sich hauptsächlich im Bereich von Zahlen und Statistiken bewegen, zu überzeugen, dass nicht die aktuelle Argumentation der AfD. Sondern vor allem ihr Wahlprogramm sich gegen seine ureigensten Interessen richtet. Nebenbei hofft er, mit seinem Text auch Menschen Argumente an die Hand zu geben für die Debatten mit evtll. AfD –Sympathisanten.

 

So weit, so löblich. Doch sein ganzer Text bewegt sich auf der rationalen Ebene. Gefühle und Ängste, die potentielle der AfD beschäftigen, Ängste vor weiterem sozialen Abstieg, Ängste, dass sie sich im eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlen und dass man sie selbst vor lauter Engagement für Randgruppen und andere Benachteiligte schon längst vergessen hat, ja, sich sogar über sie lustig macht.

Die Wahl in den USA hat gezeigt, wie groß diese Angst ist von Menschen, die eben nicht alle ungebildet und dumm sind. Und sie hat gezeigt, was passiert, wenn ihre Stimme nicht mehr ernst genommen wird. Damit meine ich nicht die, die am 3. 10. in Dresden gepöbelt haben. Ich meine all die Menschen, denen ich fast jede Woche begegne und die sich nicht trauen, ihre wirkliche Meinung zu sagen zu bestimmten Themen.

 

Boris Palmer schreibt am 10.11.2016 im Blog der linksliberalen „Huffington Post“:

„Es ist zu einfach, 49 Prozent der amerikanischen Wähler für rassistische Dumpfbacken zu hakten. Dass Trump in den Umfragen so weit hinten lag und praktisch als erledigt galt, ist ein Fingerzeig.

Viele Menschen sagen bei Umfragen nicht, was sie denken, wenn sie glauben es sei gesellschaftlich unerwünscht. Das Phänomen heißt  ‚underreporting‘“.

 

Ich erlebe das in meiner Umgebung fast täglich. Es findet aus Angst gegen die PC zu verstoßen, kein wirklicher Diskurs mit anderen statt.

Diese Menschen in den USA und auch bei uns sehen sich aus vielerlei Gründen gegen den großstädtischen, grün-alternativ geprägten Mainstream (vgl. die Debatte in der ZEIT, nach dem Essay von Bernd Ulrich) in die innere Opposition gedrängt und machen dann an der Wahlurne ihrem Herzen Luft. Umso mehr, als ihre bis vor kurzen noch „normale“ Haltung nun offensiv als rückständig und engstirnig oder gar schlimmer gebrandmarkt wird.

Palmer schreibt dazu: „Wir haben auch in Deutschland eine öffentliche Kultur entwickelt, unerwünschte Äußerungen durch Schmähung und Ausgrenzung unterdrücken zu wollen. Das kann dazu führen, dass sich eine Mehrheit der Menschen für jemanden wie Trump entscheidet, weil ihnen da nur noch auf die Nerven geht. Wenn wir vermeiden wollen, dass wir durch eine intolerante und aggressive Verteidigung der offenen Gesellschaft irgendwann auch in rechtspopulistisch regierten Gesellschaften aufwachen, sollten wir das dringend überdenken.“

Stephan Hebels Buch belehrt. Es nimmt die wirklichen Ängste der Menschen nicht wahr, weil diese schon lange nicht mehr wirklich gefragt werden. Und über den Islam verliert er nur wenige Worte. Dabei sind viele Ängste der Menschen genau damit verbunden.