Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Widerfahrnis

 

 

 

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Bodo Kirchhoff, Widerfahrnis, Frankfurter Verlagsanstalt 2016, ISBN 978-3-627-00228-2

 

Bodo Kirchhoff ist ein Sprachkünstler und gehört seit vielen Jahren nicht nur zu den hervorragendsten Schriftstellern deutscher Sprache, sondern spätestens seit seinem Freundschaftsroman „Eros und Asche“ auch zu meinen Lieblingsautoren.

 

Seine sprachmächtige und doch bescheidene Schreibkunst stellt er auch in seinem neuen Buch „Widerfahrnis“ mit viel Poesie überzeugend unter Beweis. Nicht ohne Grund wurde es für den Deutschen Buchpreis 2016 nominiert.

 

Bodo Kirchhoff hat die Gattung der Novelle gewählt um eine Geschichte zu erzählen, die zwei ältere Menschen auf eine gemeinsame Reise führt, eine Reise, auf der sie die Liebe neu entdecken, aber auch hart und unerbittlich mit dem Leid und dem Schicksal der Flüchtlinge konfrontiert werden, die über das Mittelmeer nach Europa kommen, sich eine bessere Zukunft erhoffend.

 

Reither, der männliche Protagonist der Novelle, war bis vor kurzem Verleger eines kleinen, aber anspruchsvollen Kleinverlags in einer deutschen Großstadt, aber weil es mittlerweile „mehr Menschen gibt, die schreiben als lesen“ hat er seinen Verlag liquidiert und lebt nun von dem bescheidenen Erlös in einem ruhigen Tal am Alpenrand.

 

Er hat sich noch nicht richtig dort eingelebt, hängt immer noch seinen Erinnerungen nach und versucht, sich neu zu erden, als er in der Bibliothek seines neuen Wohnortes ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur den Namen der Autorin.

 

Er rätselt noch über dieses Buch, das die tragische Geschichte einer Frau und ihrer lebensmüden Tochter erzählt, als es abends an seiner Tür klingelt. Vor der Tür steht, so stellt sich im Laufe des Abends heraus, Leonie Palm, etwas jünger als Reither, eine Frau, die früher ein Hutgeschäft besaß, das sie aber aufgeben musste, weil niemand mehr nach Hüten verlangte. Angeblich will sie Reither als Fachmann für einen aus Frauen bestehenden Lesekreis gewinnen, Frauen, die alle selbst sich im Schreiben versuchen. Doch, Reither vermutet es schon bald, es stellt sich heraus, dass es Leonie Palm vor allem um ihr eigenes Werk geht, das sie mit voller Absicht, Reither würde es finden, in der Bibliothek liegen gelassen hatte.

 

Obwohl Reither zunächst überhaupt nicht nach Gesellschaft zumute war, kommen die beiden sich innerhalb weniger Stunden immer näher und fassen noch in der Nacht  den Entschluss, mit dem Cabrio von Leonie Palm nach Süden zu fahren. „Widerfahrnis“, so hat Leonie auf seine Frage geantwortet, wäre der Titel gewesen, den sie ihrem Buch gegeben hätte. Und ein Widerfahrnis erleben die beiden nun auf einer Fahrt, die sie in drei Tagen bis nach Sizilien bringt.

 

Dabei begegnen sie nicht nur einer Liebe, auf die sie beide nicht mehr vorbereitet sind, sondern auch, zunächst nur angedeutet, auf Sizilien dann manifest, Menschen, die unter elenden Bedingungen eine neue Heimat in Europa suchen.

 

Schon als Reither und Palm den Brenner passieren, beschreibt Kirchhoff ein Lager von Flüchtlingen unter freiem Himmel. Später dann immer wieder.

 

Erst als sie in Sizilien – ihr gemeinsames Glück können sie kaum fassen- vor ihrem Hotel einem Mädchen begegnen, das sie geradezu zu verfolgen scheint, schiebt sich eine andere Realität in ihr bisher kaum zu glaubendes spätes Glück.

 

Wie es ausgeht, wird hier nicht verraten, nur, dass der Leser sich gar nicht losreißen kann von wunderbaren Landschaftsbeschreibungen, die die beiden Protagonisten auf ihrer Reise durchfahren. „Widerfahrnis“ ist ein sprachliches Meisterwerk und zeigt Bodo Kirchhoff auf der Höhe seiner literarischen Kunst.

Die Nominierung für den Buchpreis ist mehr als verdient.

 

Das Leben ist gut

 

 

 

 

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Alex Capus, Das Leben ist gut, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25267-7

 

In seinem neuen Roman lässt der in der Schweiz lebende Schriftsteller Alex Capus seinen Ich-Erzähler einfach und in ruhiger Sprache erzählen, davon, wie es sich anfühlt mit sich und seinem Leben zufrieden, im Reinen zu sein. Eher ungewohnt in der ganzen Reihe der zeitgenössischen Romane, die oft Lebensschicksale beschreiben, die gestört oder unglücklich verlaufen. Vielleicht rühren daher auch die Verwunderung so manches Rezensenten und die oft benutzte Abwertung des Buches als belanglos.

 

Alex Capus hat in seinen früheren Büchern bewiesen, dass er ein hervorragender Erzähler ist. Das stellt er in „Das Leben ist gut“ erneut unter Beweis. Sein Ich-Erzähler Max, dem er offenbar viele eigene Beobachtungen und Lebenseindrücke geschenkt hat, und der wie ein Alter Ego von Capus gelesen werden kann, hat vor einigen Jahren mit einem dicken Roman viel Geld verdient. Statt danach weiter zu schreiben, hat er von der Gemeinde, in der er wohnt, ein Haus gekauft, dessen bewegte Geschichte er eindrucksvoll beschreibt. Er richtet dort eine Bar ein, die vom späten Nachmittag an zum  Treffpunkt sehr unterschiedlicher Menschen wird, die er liebevoll beschreibt. Morgens sieht man ihn das Altglas entsorgen und in seiner Bar das eine oder andere reparieren.

 

Er ist mit sich im Reinen und hat die außergewöhnliche Fähigkeit, alles das wahrzunehmen und auch engagiert zu verteidigen, was in der Hektik des Alltags gerne übersehen wird.

 

Als seine Frau Tina zu einem Aufenthalt nach Paris aufbricht (sie hat dort eine Gastprofessur erhalten), schläft Max seit 25 Jahren zum ersten nicht mit seiner Frau in einem Bett. Die Tage, bis sie zum ersten Mal für ein Wochenende wieder nach Hause kommt, verbringt er damit, über sein Leben nachzudenken und zu erzählen davon, was ihm im Leben wirklich wichtig ist.

 

Und obwohl er am Ende von einem Aufenthalt in der Everglades träumt, wo Tom Stark wohnt, den er in seiner Bar kennengelernt hat, möchte er doch nie woanders sein als in seiner Stadt, seiner Bar, mit seiner Frau und Familie und mit seinen vielen Freunden.

 

Max erzählt von Freundschaften und vom Leben, wie er es sich vorstellt. Er ist zufrieden mit seinem Alltag. Da passiert nichts Spektakuläres. Indem er jeden Tag vielen seiner Kunden zuhört, indem er mit seiner Bar Menschen die Gelegenheit zur Begegnung gibt, erfährt er Sinn. Und im Leben mit seiner geliebten Frau. Eng verbunden, lassen sich die beiden die Freiheit, die sie zum glücklichen Leben brauchen.

 

Ich habe das unaufgeregte, viele kleine Alltagsbeobachtungen in den Mittelpunkt stellende Buch gerne gelesen.

 

 

 

 

 

Der schwarze Hund

 

 

 

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Matthew Johnstone, Der schwarze Hund, Kunstmann 2016, ISBN 978-3-95614-137-9

 

„Wie man Depressionen überwindet und Angehörige und Freunde dabei helfen können“ – so ist diese Neuausgabe der beiden erfolgreichen Ratgeber Matthew Johnstones untertitelt, die 2008 und 2009 unter den Titeln „Mein schwarzer Hund“ und „Leben mit dem schwarzen Hund“ bei Kunstmann erschienen sind.

 

Die Depression in ihren verschiedenen Graden hat sich in den letzten Jahren zu der Krankheit in den westlichen Ländern entwickelt, die die höchsten Zuwachsraten hat. Der Anteil an Krankschreibungen und Frühverrentungen wegen psychischer Krankheiten, hier hauptsächlich die Depression und der ihr verwandte Burnout, nimmt stetig zu. Dennoch ist diese Krankheit wenig anerkannt; viele Menschen, die darunter leiden verstecken sich.

Mein bester Freund, der über lange Jahre an Depressionen litt und erst nach zahllosen Klinikaufenthalten und nach einem harten Schnitt in seinem Leben wieder ein glücklicher und zufriedener Mensch wurde und sogar eine Familie gründete, hat mir einmal erzählt, dass er in der schlimmsten Phase seiner Krankheit auf der Stelle mit einen dem Tode geweihten Krebskranken getauscht hätte, weil diese Krankheit gesellschaftlich anerkannt ist, und Krebskranke nicht dauernd mit Ratschlägen konfrontiert werden, sich doch endlich einmal zusammen zu nehmen und sich am Riemen zu reißen, weil es ihm doch letztendlich gut gehe.

 

Das vorliegende  Buch ist sowohl für Betroffene als auch für Angehörige von depressiv gewordenen Menschen eine große Hilfe. Das, wofür andere Bücher oder Ratgeber Hunderte von Seiten brauchen, zeichnet und beschreibt Matthew Johnstone in wenigen Worten und eindrucksvollen Bildern.

 

Seit er Anfang zwanzig war, sagt er, lebt er mit dem schwarzen Hund, der Depression. Auf jeder neuen Seite des Buches ist der Hund größer geworden, und die Zeichnungen Johnstones geben einen sehr realistischen Eindruck davon, wie sich ein an Depression erkrankter Mensch fühlt und mit welchen dunklen Gedanken er kämpft.

 

Doch erst die Inanspruchnahme professioneller Hilfe bei einem Therapeuten und die Einnahme der richtigen Medikamente helfen, den schwarzen Hund erst einmal in den Käfig zu sperren. Und dann kommt die Übung. Man lernt Stress zu vermeiden, führt ein Gefühlstagebuch und beginnt, sich sportlich zu bewegen und hängt so den fetten und faulen schwarzen Hund immer mehr ab.

„Am  Allerwichtigsten ist es, nicht zu vergessen: Wie schlimm es auch immer kommen mag… wenn man die richtigen Maßnahmen ergreift, können und werden die Schwarzen Hundstage vorübergehen.“

 

Es ist ein Buch mit wenig Text, der aber sehr sensibel und eindrücklich die verschiedenen Stadien und Erscheinungsformen der Krankheit treffend beschreibt. Besonders beeindruckend sind die Zeichnungen und Bilder, die die beiden für das Leben in der Depression gefunden haben.

Insgesamt trifft das für alle Betroffenen absolut empfehlenswerte Buch einen Ton, der gut geeignet ist, die Verzweiflung, die Hilflosigkeit und die gesellschaftliche Vereinsamung zu durchbrechen, unter der depressive Menschen und ihre Angehörigen und Freunde leiden.

Ich wünsche dem Buch viele Leser, und den Betroffenen unter ihnen jene Form von Heilung, die auch meinem besten Freund widerfahren ist, der seit langem ganz gesund ist und sich am Leben mit seiner Familie und seinem Kind freuen kann.

 

 

Pubertät war erst der Vorwaschgang

 

 

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Claus Koch, Pubertät war erst der Vorwaschgang, Gütersloher Verlagshaus 2016, ISBN 978-3-579-08645-3

 

Bücher und Ratgeber über die schwierige Entwicklungsphase der Pubertät gibt es mittlerweile fast wie Sand am Meer. Sie suggerieren, dass alles schon seinen Weg gehen werde, sei diese Phase in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen erst einmal vorbei. Doch das sei erst der „Vorwaschgang“ titelt der Entwicklungspsychologe Claus Koch etwas salopp in seinem Buch, das der Frage nachgeht „wie junge Menschen erwachsen werden und ihren Platz im Leben finden“.

 

Es ist das erste deutschsprachige Buch, das sich mit der Zeit nach der Pubertät auseinandersetzt. In dieser Zeit des Erwachsenwerdens stehen noch einmal völlig neue Entwicklungsaufgaben an. Der Schutzraum der Familie oder Schule ist nicht mehr da, viele eigene Entscheidungen sind zu treffen, erstes Scheitern ist zu verarbeiten und hinterlässt Spuren.

 

Im Gegensatz zu früheren Zeiten bleibt die Frage nach dem Wohin der Reise ins Erwachsenenleben heute oft ohne eine klare, eindeutige und endgültige Antwort. Sicher ist  nur, dass jedem irgendwann diese Frage gestellt wird. Und dann geht es darum, ob man endgültig erwachsen werden will oder ewig Kind bleiben möchte.

 

Das gut verständliche und klar aufgebaute Buch richtet sich nicht nur an die Generation der zwischen 20 und 30 Jahre alten Menschen, die mitten in dieser Phase stecken, sondern auch an deren Eltern, die mit kluger und einfühlsamer Begleitung auch in dieser Phase als Vorbilder und Mentoren ihre schon erwachsenen Kinder begleiten können. Dieser Einfluss zeigt sich in der Tiefe, wenn sich die erwachsenen Kinder  weiterhin so angenommen fühlen können wie in ihrer Kindheit.

Wenn sie wissen, „dass das Fenster für sie immer noch geöffnet ist, finden sie genügend Halt, um mit den Unwägbarkeiten des Lebens ohne Angst und selbstbewusst umzugehen.“

Sorge dich nicht , Seele

 

 

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Margot Käßmann, Sorge dich nicht, Seele. Warum wir nicht verzagen müssen, Adeo 2016, ISBN 978-3-86334-112-1

 

Es ist ein zutiefst seelsorgerisches Buch, das Margot Käßmann hier unter dem Titel „Sorge dich nicht, Seele“ bei Adeo vorlegt. Angesichts einer immer komplizierter werdenden Welt voller Armut, Leid und Krieg, die Menschen Angst macht und ihre Hoffnung auf Zukunft auffrisst wie ein Heuschreckenschwarm eine reiche Ernte und angesichts mannigfaltiger Sorgen, Probleme und Konflikte im eigenen Alltag, die das Leben und die Seele verdunkeln, macht sie Mut , indem sie die Fragen der Menschen, die diese auch oft in Briefen an sie richten, erst einmal ernst nimmt.

 

Da geht es um Enttäuschungen und Irrwege auf der Suche nach dem Lebensglück, da geht es um Krankheit, Scheitern, um Ungerechtigkeit und den möglichen Neuanfang, über wunderbare Beziehungen und tiefe Konflikte in Familien, um das Altwerden und den Tod, um den Zweifel an Gott und die Frage, ob das Unrecht und der Krieg je zu Ende sein werden.

 

Sie erzählt dabei sehr oft aus ihrem eigenen Leben, den Konflikten und ihrem eigenen Scheitern. So wie sie damals damit umgegangen ist, hat ihr das in der Öffentlichkeit viel Respekt eingebracht. Und es ist auch der Grund, warum sicher auch viele Menschen  die mit dem christlichen Glauben zunächst wenig anfangen können, zu diesem Buch greifen werden.

 

Weil da jemand nicht belehrend oder missionierend, dennoch aber immer vom eigenen Kraft und Hoffnung spendenden Glauben spricht, ein fröhlicher, tiefer Glaube, der ansteckend wirkt – und belebend.

 

Die Künstlerin Kristina Johlige Tolstoy hat das Buch mit ihren feinfühligen Reliefbildern bereichert. Ein Buch, das Mut macht, das Morgen hoffnungsvoll zu wagen, ganz egal, wie kompliziert das heute gerade ist.

 

Margot Käßmann rät: „Genieße das Leben, wie es ist. Sei dankbar für die Menschen, die dich lieben, für schöne Erlebnisse, auch für den Alltag, der gar nicht immer nur grau ist, sondern oft so wunderbar sein kann.“

 

Wie Recht sie hat!

Wer wagt, beginnt

 

 

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Robert Habeck, Wer wagt, beginnt. Die Politik und ich, Kiepenheuer & Witsch 2016, ISBN 978-3-462-04949-7

 

Mit einer als Buch verfassten ehrlichen und authentischen Selbstbefragung stellt sich der einer ganz breiten politischen Öffentlichkeit noch nicht sehr bekannte Schriftsteller und Grünen -Politiker Robert Habeck nicht nur seiner innerparteilichen Öffentlichkeit im Rahmen der noch andauernden Urwahl für die Bundestagewahl 2017 vor, sondern versucht sich als neue Stimme bei den Grünen auch einem breiten Publikum bekannt zu machen.

 

Robert Habeck hat einen ungewöhnlichen Lebenslauf und muss, obwohl er in Schleswig-Holstein stellvetretender Ministerpräsident ist, bei der Urwahl für den männlichen Part der Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2017 wohl als Außenseiter gelten. Zu medial präsent sind seine Mitbewerber Cem Özdemir und Anton Hofreiter, als dass er da mithalten könnte.

 

Sehr wohl mithalten und noch viel mehr, kann er mit inhaltlichen und programmatischen Vorstellungen, mit einer neuen Idee von Politik, die er sehr überzeugend in seinem persönlichen Buch vorstellt.

 

Er beschreibt, was ihn seit seiner Jugend politisch antreibt, wie er mit seiner Frau und dem gemeinsamem vier Söhnen versucht, Familie und Politik fair zusammen zu bringen, er redet freimütig über die Veränderung seines Leben in den politischen Ämtern, die er seit einigen Jahren innehat. Und er plädiert immer wieder, gerade in Zeiten schneller politischer Entscheidung so etwas wie eine Kultur des Zweifels zuzulassen.

 

Konflikte und Kompromisse um sie zu lösen, hält er für ein grundlegendes Fundament und den Sinn von Demokratie. Durch das ganze Buch weht so etwas wie ein frischer Wind von der Nord- und Ostsee, wo Habeck lebt.

Unabhängig davon, wie in einem Jahr (oder vielleicht gar schon früher?) die Regierungsbildung nach der Bundestagswahl aussehen wird, ich könnte mir vorstellen, dass ein Mann wie Robert Habeck mit seiner Idee von Politik da ein wichtiges Wort mitzureden hätte.

 

Wenn er denn aus der Urwahl als Sieger hervorgeht. Die Grünenbasis war schon für viele Überraschungen gut. Wir werden sehen.

 

Das Buch jedenfalls ist und bleibt ein persönliches Dokument, das einen überzeugenden Weg weist „in eine Politik, wie sie sein sollte“ (Juli Zeh).

Wir schaffen es nicht

 

 

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Katja Schneidt, Wir schaffen es nicht, Riva 2016, ISBN 978-3-86883-998-2

 

Dieses Buch der schon durch andere Publikationen einer größeren Öffentlichkeit bekannten Flüchtlingshelferin Katja Schneidt,  erklärt in einer differenzierten Offenheit und Ehrlichkeit, die man so detailliert bisher nicht zu lesen bekam, „warum die Flüchtlingskrise Deutschland überfordert“.

 

Es ist nicht nur eine völlig undurchdachte und unorganisierte Flüchtlingspolitik, die sie dafür verantwortlich macht.  Sie beschreibt auch die Überforderung der Politik, der Verwaltung und der Behörden, mit einer derart großen Zahl von Menschen, ihrer Versorgung, Unterbringung und Integration.

 

Und sie benennt, das in weiten Teilen der Öffentlichkeit herrschende Denkverbot missachtend, weitere Gründe. Sie beschreibt, wie wehrlos der deutsche Staat und seine Institutionen denjenigen gegenüber sind, die unsere Gastfreundschaft verwechseln mit einem Selbstbedienungsladen. Sie benennt den Islam und seine Kultur als die Ursache für das große Unverständnis, das viele Flüchtlinge unserer Kultur gegenüber zeigen.

 

Doch sie benennt nicht nur die Probleme (Kritiker werden ihr natürlich vorwerfen, sie spiele damit der AfD in die Hände), sondern sie macht auch Vorschläge, was sich ändern muss, dass all diese Menschen bei uns wirklich ankommen und unsere Gesellschaft auch von den neuen Mitbürgern profitiert.

 

Dennoch hinterlässt das Buch bei mir eine tiefe Skepsis, vor allen Dingen durch Katja Schneidts von persönlicher Erfahrung geprägte Beschreibungen des Islams und seiner Regeln.

 

In der Vergangenheit dachte ich oft, ein reformierter Islam könne in unserer Gesellschaft ankommen und einen wichtigen Beitrag leisten. In letzter Zeit aber zweifele ich daran immer mehr. Will er sich nicht selbst verraten, wird der Islam immer danach streben, seine Herrschaft auszudehnen und er wird keine wie auch immer geartete Ökumene der Religionen dulden und letztlich auch keine andere Rechte als seine.

 

Wir werden deswegen noch große Probleme bekommen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.

 

 

Burnout und dann

 

 

 

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Carola Kleinschmidt, Burnout und dann, Kösel 2016, ISBN 978-3-466-34636-3

 

„Wie das Leben nach der Krise weitergeht“ ist der Untertitel des vorliegenden Buches und die wichtigste Frage für all diejenigen Menschen, die oft nach langer Leidenszeit und mit hoffentlich guter professioneller Betreuung wieder ins Leben und ihren meist veränderten Alltag zurückgefunden haben. Denn darum geht es hauptsächlich: nicht die gleichen Fehler wieder zu machen, nicht wieder in die Erschöpfungsfalle zu tappen.

 

Carola Kleinschmidt, die Autorin dieses verständlichen Buches hat viele Menschen während und nach einem Burnout als Trainerin und Coach begleitet. Mit vielen Fallbeispielen und deshalb sehr aufschlussreich geht sie in ihrem Buch immer wieder folgenden Fragen nach:

  • Wie komme ich ins Leben zurück?
  • Was muss ich wirklich ändern?
  • Wie gestalte ich mein Leben, damit Energie und Lebensfreude dauerhaft Platz haben?

Doch nicht nur für Menschen, die einen Burnout gerade hinter sich haben (und deren Angehörige) ist dieses Buch von großem praktischen Wert, sondern auch für Menschen, die vielleicht schon seit langem spüren, dass ihr Lebensakku langsam zur Neige geht, die sich ernsthaft Sorgen um ihre seelische Gesundheit machen.

 

Die können im ersten Teil des Buches erfahren, ob sie sie zu den Gruppen von Menschen gehören, die von  einem Burnout bedroht sind aufgrund ihres Charakters und ihrer Lebenseinstellung. Sie können selbstkritisch fragen, ob sie zu einer der folgenden Gruppen gehören und sich nach kritischer Selbstdiagnose ggf. professionelle Hilfe holen, bevor der Zusammenbruch kommt:

  • Die Aktionistischen: von Menschen, die immer dachten ihr Akku lade sich von allein auf
  • Die Multitasker: von der Mühsal der Doppelbelastung als Eltern
  • Burnout-Falle alleinerziehend: Wenn plötzlich einer alles allein stemmen muss
  • Die Helfenden: von Menschen, die viel für andere und wenig für sich selbst taten
  • Die Perfektionisten: von Menschen, die „halbe Sachen“ strikt ablehnen
  • So jung – und schon ausgebrannt? Von überzogenen Leistungsidealen bei Schülern und Studenten
  • Die Erfolgsgetriebenen: wenn das Lebensmotto „Ich leiste, also bin ich!“ lautete
  • Die Körperfremden: Von Menschen, die sich wenig spürten und deshalb ständig über ihre Grenzen gingen

 

Von allen diesen Gruppen bringt sie Beispiele von Menschen, die sie betreut hat, erklärt die spezifischen Burnout-Fallen und beschreibt den oft schweren Weg aus dem Tal heraus  und gibt viele hilfreiche Anregungen und Hinweise, was diese Menschen bei ihrem Wiedereinstieg ins Leben beachten bzw. lassen sollten.

 

Sehr eindrucksvoll beschreibt sie, wie der Alltag nach der Krise aussehen kann und was wirklich hilft, nicht wieder von neuem auszubrennen.

 

Ein hilfreiches, ermutigendes Buch, das ein anhaltend positives Lebensgefühl vermitteln möchte.

Karlchen für jeden Tag

 

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Rotraut Susanne Berner, Karlchen für jeden Tag, Der Hörverlag 2016, ISBN 978-3-8445-2078-1

 

Über ein Dutzend Bilderbücher über ihre Lieblingsfigur Karlchen hat die auch durch ihre Wimmelbücher bekannte Autorin und Illustratorin Rotraut Susanne Berner in den letzten 15 Jahren veröffentlicht und vielen Kindern und den vorlesenden Eltern damit viel Freude gemacht.

 

Karlchen heißt eigentlich Karl Nickel, ist drei bis vielleicht sechs Jahre alt und geht in den Kindergarten. Er lebt mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Klara in einem kleinen Ort, wo auch seine Oma Nickel, sein Freund Ole und seine Cousine Käthe wohnen.

 

In diesem neuen Hausbuch für jeden Tag präsentiert Rotraut Susanne Berner alles, was man über Karlchen wissen muss, viele neue Geschichten, Rezepte, Gartenideen, Zaubertricks und vieles andere mehr.

 

Das Buch ist konzipiert als ein Familienbuch, das die immer wiederkehrende Lektüre der bisher erschienenen Karlchenbücher ergänzt und bereichert.

 

Ein wahrer Hausschatz für Eltern, Großeltern und Kinder. Ein Muss für alle Karlchenfans und ein wunderbarer Einstieg für die, die ihn noch nicht kennen.

 

Ein schönes Geschenk übrigens für Nikolaus oder Weihnachten.

Gleiches gilt für das vorliegende von Juliane Köhler mit warmherziger Stimme gelesen Hörbuch, dessen Lieder von der Hamburger Kinder- und Jugendkantorei St. Petr/St. Katharinen eingespielt wurden.

 

 

Kommt die Kuh aus Kuba?

 

 

 

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Hubert Schirneck, Ina Hattenhauer, Kommt die Kuh aus Kuba, Annette Betz 2016, ISBN 978-3-219-11697-7

 

Wenn ein Kind aufwächst und mit jedem Lebensjahr mehr seine Muttersprache lernt und seinen Sprachschatz erweitert, dann kommt es irgendwann immer wieder mal ins Nachdenken darüber, wie so manches der Wörter, die es verwendet, überhaupt entstanden sind, und auch darüber, was wäre, wenn es sie nicht gäbe.

 

Wie ist es zum Bespiel zu dem Wort Wetter gekommen, oder Kuh oder Sommer?  Hat sie jemand erfunden und warum?

Mit wunderbaren und witzigen Bildern von Ina Hattenhauer illustriert, geht Hubert Schirneck auf lustige und hintersinnige Weise  insgesamt zwölf  Begriffen nach und beschreibt, warum jeder von ihnen eine tolle Erfindung ist und was uns alles fehlen würde, wenn es diesen Begriff nicht gäbe.

 

Das Buch vermittelt, wie reich an Bedeutung unsere Sprache ist und lädt Vorleser und Kinder ein, mit anderen neuen Begriffen ähnliche sprachliche Entdeckungsreisen zu unternehmen wie Hubert Schirneck. Bilder dürfen ruhig auch gerne dazu gemalt werden.