Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Das Leben und ich

 

 

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Elisabeth Helland Larsen, Marine Schneider, Das Leben und ich. Eine Geschichte über den Tod, Kleine Gestalten 2016, ISBN 978-3-89955-770-1

 

Zuerst 2015 in Norwegen erschienen, ist dieses wunderschöne und poetische Bilderbuch eines der besten Bücher über den Tod, die ich je in Händen hatte. Auch wenn sie noch nicht vom Tod eines Menschen betroffen waren, fragen Kinder schon sehr früh nach dem Tod.

 

Das Bilderbuch von Elisabeth Helland Larsen und Marine Schneider versucht auf eine zarte und liebevolle Weise die Kinder ernst zu nehmen und erzählt vom Tod.  Er hat in diesem Buch die Gestalt eines grünäugigen Mädchens mit einer Blume im Haar. Es zieht durch die Welt und erzählt von sich und dem, was es tut.

 

Mit einer ehrlichen, direkten und poetischen Sprache erklärt Larsen den Kindern auch schwierige Situationen, etwa den Tod vieler Menschen durch Krieg, den Tod kleiner Kinder oder ungeborener Babys. Die  träumerischen, zarten Bilder von Marine Schneider zeigen ohne Worte, was sonst so schwierig zu beschreiben ist.

„Ich bin der Tod.

So wie das Leben

Leben ist,

bin ich der Tod.“

 

So beginnt das Buch und am Ende verknüpft der Tod, der in der Zwischenzeit für die kleinen Leser wie zu einer Freundin geworden ist, seine Existenz mit der Liebe:

„Liebe kann

Trauer und Hass vertreiben.

Liebe kann dich

an jedem einzelnen Tag besuchen.

Liebe stirbt nie,

selbst wenn sie mich trifft.

 

Ich bin der Tod,

ein Teil des Lebens,

ein Teil der Liebe

und ein Teil von dir.“

 

Ein wunderschönes, ernsthaftes und doch leichtfüßig daherkommendes Bilderbuch, das einen entsprechenden Buchpreis verdient hat.

 

Milli Hasenfuss

 

 

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Ulrike Möltgen, Michael Stavaric, Milli Hasenfuss, Kunstanstifter Verlag 2016, ISBN 978-3-942795-40-1

 

Dieses schöne Buch aus der Zusammenarbeit der bei Wolf Erlbruch diplomierten Künstlerin Ulrike Möltgen und des österreichischen Schriftstellers Michael Stavaric ragt aus der Reihe der Bilderbücher dieses Herbstes heraus und ist ein weiteres gelungenes Beispiel des Kunstanstifter Verlags in Mannheim, dass es auch heute noch möglich ist, anspruchsvolle Kinder- und Bilderbuchliteratur zu produzieren.

 

Von malerisch konkret bis nahezu abstrakt, sind die mal farbenfrohen, mal schwarz-weißen Bilder von Ulrike Möltgen, mit denen sie den Weg eines kleinen Hasen namens Milli lebendig werden lässt, das sich vor den überall in seiner Welt lauernden Gefahren fürchtet und verzweifelt nach einem sicheren Unterschlupf sucht.

 

Doch seine weiße Fellfarbe macht es für jeden sichtbar, an keinem Ort im Wald, auf dem Feld oder in der Stadt fühlt es sich sicher.

 

Schon will Milli Hasenfuss aufgeben und ist bereit, dem Fuchs in die Fänge zu geraten, da geschieht etwas Unvorhergesehenes…

 

Ein kleines Kunstwerk nicht nur für Kinder

Der kleine Bär besucht seine 7 Freunde

 

 

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Daniela Kulot, Der kleine Bär besucht seine 7 Freunde. Ein Wimmel-Sachbuch, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5892-9

 

Der kleine Bär kann sich glücklich schätzen. Sieben Freunde hat er und er ist froh darüber, dass sie alle ihn so sehr mögen, dass jeder ihm ein Herz schenken möchte. Deshalb besucht in diesem zauberhaften Wimmelbuch der bekannten Kinderbuchautorin Daniela Kulot der kleine  Bär nacheinander alle seine Freunde und lädt die Kinder ein, ihn und seinen Freund auf jeder Doppelseite zu erkennen:

 

  • den Hund Schaudichum auf dem Bauernhof
  • den Maus Scrollmichnicht in der Stadt
  • den Zwerg Gibmalher im Zauberwald
  • den Oktopus Isderklug im tiefen Meer
  • den Cowboy Pfeilimhut im Wilden Westen
  • die Prinzessin Isstsogern im Märchenreich
  • die Hexe Mondisrund im Weltall

In ihrer unverwechselbaren Art hat Daniela Kulot wunderbare Lebenswelten gezeichnet mit lustigen Figuren. Die Kinder können  auf jeder Doppelseite nicht nur den kleinen Bären und seinen jeweiligen Freund identifizieren, der ihm ein Herz schenken möchte, sondern auch die anderen sechs Freunde sind auf jeder Seite  mit versteckt.

 

Daniela Kulot at her best.

Das doppelte Lottchen

 

 

 

 

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Erich Kästner, Isabel Kreitz, Das doppelte Lottchen. Ein Comic, Dressler 2016, ISBN 978-3-7915-1171-9

 

Seit seinem ersten Erscheinen im Jahr 1949 haben unzählige Kinder mehrerer Generationen sich an diesem Buch von Erich Kästner erfreut. „Das doppelte Lottchen“ ist nach seinem Emil aus „Emil und die Detektive“ (1929) die bekannteste Kinderfigur aus den unzähligen Werken des 1974 gestorbenen deutschen Schriftstellers.

 

Nun hat der Dressler Verlag, in dem seit Jahrzehnten in über 150 Auflagen das Original erscheint, mit Isabel Keitz einer des besten Comic-Zeichnerinnen Deutschlands beauftragt, die Geschichte der beiden Mädchen in einem Comic darzustellen.

 

Sowohl in der graphischen Darstellung als auch in den Textsprechblasen hat sie eine dem Original entsprechende wunderbare Form gefunden, die nimm Unterschied zu den neueren Verfilmungen die Handlung in die Zeit versetzt, in der die Originalgeschichte spielt.

 

Eine gelungene Übertragung, für alle Kinder, die lieber Comics mögen als Lesen und für alle, die es interessant finden, das bekannte Buch einmal in einer anderen Interpretation kennenzulernen.

 

 

Stein für Stein

 

 

 

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Giuliano Ferri, Stein für Stein, Minedition 2016, ISBN 978-3-86566-283-5

 

Ein wunderbares Bilderbuch, das ganz ohne Worte auskommt und vielleicht deswegen eine besondere Aussagekraft besitzt, hat der Italiener Giuliano Ferri hier gezeichnet. Ein berührendes Bilderbuch über eine kleine Maus, die zunächst allein, dann aber mit Hilfe immer mehr Tieren eine hohe und dicke Mauer Stein fpür Stein abbaut und mit den Freunden zusammen aus den Steinen eine Brücke hinüber in ein anderes Land zu anderen Tieren baut.

 

Das schöne Bilderbuch zeugt schon den Allerkleinsten, wie man Mauern und Zäune durch Brücken ersetzen kann, wenn alle mithelfen und zusammenarbeiten. Genau die Steine, die einst trennten, werden die Bausteine für die verbindende Brücke.

 

Ein Buch mit sehr aktueller Botschaft.

Kindeswohl

 

 

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Ian McEwan, Kindeswohl, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-24377-2

 

Das Warten auf jedes neue Buch des englischen Schriftstellers Ian McEwan lohnt sich. In großer Regelmäßigkeit legt er handwerklich perfekte Romane vor, deren Zauber und sachlicher Präzision man sich nicht entziehen kann. Er schreibt in einer verständlichen Sprache, er analysiert kühl sowohl gesellschaftliche Verhältnisse wie menschliche Beziehungen und Seelen. Wer das große sprachliche, gar poetische Kunstwerk sucht bei Romanen, wird bei den Büchern von Ian McEwan mehr oder weniger enttäuscht werden.

 

So ist es auch bei seinem neuen Roman „Kindeswohl“, nun im Taschenbuch verfügbar, dessen eröffnende Sätze sehr typisch sind für McEwans ganzen Stil: „London. Sonntagabend, Eine Woche nach dem Ende der Gerichtsferien. Nasskaltes Juniwetter. Fiona Maye, Richterin am High Court, lag zu Hause auf der Chaiselongue und starrte über ihre bestrumpften Füße hinweg quer durch den Raum.“

 

McEwan geht sofort mitten hinein in die Szene und das Leben seiner Hauptpersonen. Fiona, 59 Jahre alt, hat soeben einen schrecklichen Streit hinter sich gebracht mit ihrem Mann, einem 60-jährigen Professor für Alte Geschichte, der ihr ganz locker gesagt hat, er wolle eine Affäre mit einer wesentlich jüngeren Frau beginnen. Das sei sein Recht, er wolle noch einmal richtig Sex, an dem sie ja wohl kein Interesse mehr habe.

 

Fiona wirft ihren Mann aus dem Haus und ergeht sich in Überlegungen über den körperlichen Verfall im Alter.  Doch für weiteres Selbstmitleid fehlt ihr die Zeit, es stehen wichtige Entscheidungen an bei Gericht.

 

Da ist der 17- jährige Sohn von zwei Zeugen Jehovas. Damit sein Leben gerettet werden kann, braucht er dringend Bluttransfusionen. Das lehnen aber sowohl seine Eltern, als auch der Junge selbst heftig ab mit Verweis auf ihre Religion. Die Klinikverwaltung will per Gerichtsentscheidung erzwingen, dass Fiona dieses Recht auf körperlicher Selbstbestimmung aufhebt. Wie schon 2005 in „Saturday“ (damals ging es Gehirnchirurgie) von McEwan bis ins Kleinste recherchiert, wird der Leser staunender Zuschauer einer Verhandlung, einem juristischen Konflikt um Leben und Tod.

 

Die Zeit drängt, doch bevor Fiona eine Entscheidung fällt, nimmt sie ihr Recht wahr, und besucht den kranken Adam in der Klinik. Als sie, aus ihrer professionellen Rolle fallend, den Jungen singend begleitet, als der ein von Benjamin Britten vertontes Gedicht von Yeats auf seiner Geige spielt, passiert in der Beziehung der beiden etwas Entscheidendes, das den weiteren Verlauf der Handlung des Buches wesentlich beeinflussen wird. Neben dieser sich langsam aufbauenden Dramatik beschreibt McEwan immer wieder andere Gerichtsfälle, wo es um das  „Kindeswohl“ geht. So interessant das auch ist, es lenkt ein wenig ab vom dem eigentlichen Thema: wie Fiona Maye die Begegnung mit dem jungen Adam erlebt und bewältigt.

 

Doch bei aller Kritik im Detail: Ian McEwan hat wieder einen großen Roman geschrieben und zeigt sich als Könner und Meister seines Faches

 

Saturday

 

 

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Ian McEwan, Saturday, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-80003-6

 

Um es vorweg zu sagen: dieses Buch ist ein Meisterwerk. Schon 2002 hatte Ian McEwan mit „Abbitte“ einen Roman vorgelegt, von dem man dachte, er könnte eigentlich nicht mehr übertroffen werden. Doch nun zeigt er, dass ihm schriftstellerisch immer noch eine Steigerung möglich ist.

Drei Hauptgründe finde ich dafür: zum einen beherrscht er eine elegante Sprache, die gleichzeitig leicht und dicht daherkommt, den Leser in seinem Innersten anzusprechen vermag und niemals prätentiös wird.
Zum anderen schafft er es wie kein zweiter mir bekannter zeitgenössischer Schriftsteller, das naturwissenschaftliche und kulturelle Wissen unserer Zeit in seine Romane einzuweben in einer Art und Weise, die den Leser nicht verwirrt, sondern ihn klüger und weiser zurücklässt.
Schlussendlich greift er Themen auf, die den Menschen direkt auf der Seele brennen. Er trivialisiert sie aber nicht, sondern diskutiert sie so ernsthaft und selbstkritisch es ihm nur möglich ist.

So ist die Geschichte dieses Romans, der von nur einem Tag, einem „Saturday“ im Leben des Londoner Neurochirurgen Henry Perowne handelt, dem Lebensgefühl eines gebildeten Mittelklasseeuropäers mitten aus der Seele geschrieben.

Eben noch ruht er sicher in seinem Leben, und dann sieht er sich quasi über Nacht mit Geschehnissen konfrontiert, die sein gesamtes Lebensgefühl und – konzept ins Wanken zu bringen drohen.
Man schreibt Samstag, den 15. Februar 2003. Es ist der Tag der größten Demonstration auf britischem Boden. Es geht gegen den Irak-Krieg und die britische Beteiligung daran. Henry Perowne wacht früh auf und beobachtet ein auf Heathrow landendes Flugzeug, aus dem Flammen schlagen. Er glaubt für Minuten tatsächlich, eine Wiederholung des Angriffs auf das World Trade Center mitzuerleben. „ Die Möglichkeit, dass es zu Ähnlichem kommen könnte, zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Tage.“
Erst später am Abend erfährt er, dass eine russische Frachtmaschine notlanden musste. Er fährt, wie beabsichtigt, zu einem Squash-Center, um an seinem freien tag mit seinem Kollegen zu spielen, als er, behindert durch einen von der Demo verursachten Stau einen BMW rammt. Die Begegnung mit den drei Insassen wird zu einem irreal wirkenden Showdown, aus dem er mit einem Trick wieder herauskommt.

Noch ist sein Glaube an die rationale Erkennbarkeit und Verbesserbarkeit der Welt noch intakt, doch am Abend nehmen die Ereignisse eine dramatische Wendung, die nicht vorweggenommen werden soll.
Als er spät in der Nacht zu Bett geht, ist sein Leben nicht mehr, wie es vorher war. Er muss erkennen, dass er nichts wirklich in der Hand hat, und sein Leben bedroht und gefährdet ist.

Ich habe dieses Buch mit großer innerer Erregung gelesen und bin begeistert von seiner großen Sprachmacht. Das fast gleichzeitig mit seinem Erscheinen am 7. Juli 2005 durch die verheerenden Anschläge in London seine Botschaft sich erfüllte, ist ein Zufall, der einen zittern macht.
Die äußere Bedrohung unserer demokratischen Gesellschaft durch den islamistischen Terror und die innere Bedrohung, durch eine sich immer weiter ausbreitende Gewaltbereitschaft und Verrohung, macht auch mir, einem 62- jährigen Familienvater eines 13-jährigen Sohnes große Sorgen.

Das Leben ist schwerer geworden in diesem Zeiten und die Hoffnung rar. Umso wichtiger bleibt wirklich gute Literatur.

Hier ist ein außergewöhnliches Exemplar davon.

 

Die nun von Diogenes produzierte gekürzte Hörbuchfassung, die Jan Josef Liefers wirklich überzeugend eingelesen hat, macht erneut deutlich, wie aktuell die Botschaft dieses wunderbaren Romans ist.

 

 

 

Die schwedischen Gummistiefel

 

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Henning Mankell, Die schwedischen Gummistiefel, Zsolnay 2016, ISBN 978-3-552-05795-1

 

Im Jahr 2007 veröffentlichte der mittlerweile verstorbene schwedische Schriftsteller Henning Mankell ein nachdenkliches, stellenweise schwermütiges, aber absolut ehrliches Buch mit dem Titel „Die italienischen Schuhe“ und zeigte mit ihm und anderen, die in diesem Zeitraum nach dem endgültigen Abschluss seiner Wallander-Reihe erschienen sind, dass er viel mehr kann als engagierte Krimis zu schreiben und als einer der besten Schriftsteller der letzten 25 Jahre in Erinnerung bleibt.

 

Es war ein Buch, in dem der ehemalige Chirurg Frederik Welin sich seiner Schuld und seiner Lebenslüge stellt und am Ende in sein Logbuch notiert:

„Bis hierher sind wir gekommen. Nicht weiter. Aber bis hierher.“

Ich schrieb damals am Ende meiner Rezension:

„Henning Mankell hat ein stilles, aber nicht minder engagiertes und bewegendes Buch geschrieben über Erfahrungen und Auseinandersetzungen des letzten Lebensabschnittes. Ob junge Menschen, die von seinen Wallanderromanen begeistert waren, die neue Stimme Mankells hören wollen, oder überhaupt können, sei dahin gestellt.
Aber wer bereit ist, sich ernst Fragen nach Schuld und Vergebung, Alter und Einsamkeit zu stellen, wird von diesem Roman außerordentlich für sich selbst profitieren.“

 

Als er im letzten Jahr mit „Treibsand: Was es heißt, ein Mensch zu sein“ nach seiner Krebsdiagnose ein sehr persönliches und ehrliches Buch veröffentlichte, in dem er den Fragen „Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Welche Art der Gesellschaft will ich mitgestalten?“ nachging, über Zukunftsfragen reflektierte, auf die Schlüsselszenen des eigenen Lebens zurückblickte und über die Möglichkeiten nachdachte, in dieser Welt ein sinnvolles Leben zu führen, hatte man das für seine letzte literarische Äußerung gehalten.

 

Doch vor seinem Tod erinnert er sich noch einmal an seinen nach einem Kunstfehler gescheiterten Chirurgen Frederik Welin aus „Die italienischen  Schuhe“ und schreibt eine Art Fortsetzung, die acht Jahre später spielt und auch ohne die Kenntnis des ersten Romans gut verstanden werden kann, zumal Mankell den wieder ich-erzählenden alt gewordenen Frederik Welin immer wieder auf die Geschichte der „italienischen Schuhe“ zurückkommen lässt.

 

Frederik Welins Haus in den Schären ist durch eine Brandstiftung vernichtet worden. Was ihm geblieben ist, ist ein Wohnwagen, ein Zelt und zwei ungleiche Gummistiefel. Und ein nunmehr völlig zerstörtes Leben. Lohnt es sich, noch einmal neu anzufangen?

Ein alter Mann, der alles verloren hat, was sein schon vorher brüchiges Leben ausgemacht hat, ringt um sein Leben, von der ersten bis zu letzten Zeile. Und er fragt sich:

Was weiß ich eigentlich über die Menschen, die mir nahestehen? In seinem Fall seine Tochter Louise, seinen Inselnachbarn Jansson, den mittlerweile pensionierten Postboten und die Journalistin Lisa Modin, die nach dem Brand recherchiert und in die sich Welin verliebt.

Was weiß ich über mich selbst? Der ganze Roman ist von der ersten bis zur letzten Zeile einer der ehrlichsten und schmerzhaftesten Selbstreflexionen, die ich je gelesen habe.

 

Als Welin in Paris, wohin er gerufen wurde, weil seine schwangere Tochter Louise dort wegen eines Taschendiebstahls verhaftet wurde, am Telefon erfährt, dass ein weiteres Haus in den Schären in Flammen aufgegangen ist, fährt er nach erfolgreichen Verhandlungen über Louises Freilassung wieder nach Hause zurück. Dieser zweite Brand, der genau wie der erste mit Brandbeschleunigern gelegt wurde, veranlasst die Polizei, die Ermittlungen gegen Frederik Welin, die ihm schwer zu schaffen gemacht haben,  einzustellen.

 

Doch wer war es? Wer hat so etwas getan? In den Begegnungen von Frederik Welin mit seiner Tochter, dem Vater des werdenden Kindes, der Journalistin, mit Jansson und anderen Schärenbewohner beschwört Mankell immer wieder die Möglichkeit, aber auch Notwendigkeit menschlicher Nähe angesichts der Einsamkeit, des Alters und dem nahen Tod.

 

Irgendwann erhärtet sich ein bisher unvorstellbarer Verdacht und das Rätsel der Brände scheint gelöst.  Doch die Beziehungen der Menschen untereinander bleiben ungeklärt und im geheimnisvollen Dunkel.

Fast erwartet man, dass Welin wie am Ende der italienischen Schuhe auch hier sagt:

„Bis hierher sind wir gekommen. Nicht weiter. Aber bis hierher.“

Doch er blickt dem eigen Tod ins Auge und sagt nüchtern:

„Bald würde der Herbst kommen. Aber die Dunkelheit schreckte mich nicht mehr.“

 

Ein lesenswertes, berührendes und unter die Haut gehendes literarisches Vermächtnis. Henning Mankell war ein Schriftsteller, der durch die Qualität seiner verschiedenen Romane zu Lebzeiten sicher den Nobelpreis verdient hätte.

 

Seine Bücher werden noch in Jahrzehnten aufgelegt und gelesen werden. Seine kritische und nachdenkliche Stimme allerdings wird fehlen.

KZ überlebt

 

 

 

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Stefan Hanke, KZ überlebt, Hatje Cantz 2016, ISBN 978-3-7757-4020-3

 

Schon als Kind begann sich der 1961 in Regensburg geborene Stefan Hank nicht nur für die Fotografie, sondern auch für die Zeit des Nationalsozialismus und seine Vernichtungslager zu interessieren. Der Spruch der Älteren: „Pass auf, sonst kommst du mich nach Dachau!“, deren kaltes Schweigen, mit dem sie dann seine Nachfragen beantworteten, die oberflächliche und verharmlosenden Behandlung der NS-Zeit in seiner Schule, begannen seine Fragen so virulent werden zu lassen, dass er im Alter von 17 Jahren zum ersten Mal mit seiner Kamera nach Dachau fuhr und dort versuchte, das Grauen zu fassen.

 

Seither hat ihn  dieses Thema nie losgelassen. Im Jahr 2004 beginnt er mit der Arbeit an seinem großen Projekt „KZ überlebt“, die er erst 10 Jahre später beendet. In der Zwischenzeit hat er 121 Überlebende der Vernichtungslager in vielen Ländern besucht, mit ihnen gesprochen  und Porträts von ihnen gemacht.

 

Im Jahr 2015 stellte er sie im Kunstmuseum Solingen und in bayerischen Landtag zum ersten Mal in Ausstellungen einer breiten Öffentlichkeit vor.

 

Anlässlich der Wiederholung der Ausstellung 20216 in Theresienstadt und im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und 2017 in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und im Kunst- und Gewerbeverein in seiner Heimatstadt Regensburg, hat der Hatje Cantz Verlag ein beeindruckendes Buch des Projekts verlegt, für das Eckart Dietzfelbinger eine kurze Einführung in „das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ geschrieben und Stefan Hanke ein persönliches Vorwort beigesteuert hat.

 

Das Buch und das gesamte Projekt ist ein beeindruckendes Beispiel einer gelebten Erinnerungskultur. Die Lebensgeschichten der porträtierten Frauen und Männer zeigen, dass die Überlebenden ihr ganzes Leben lang die inneren und äußeren Male des KZs trugen. Viele davon haben ihr Leben dem Einsatz dafür gewidmet, dass so etwas nie wieder geschieht und sich mit politischer oder schriftstellerischer Arbeit gegen Rassismus und für die Versöhnung von Menschen und Nationen engagiert.

 

 

Schnell, dein Leben

 

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Sylvie Schenk, Schnell, dein Leben, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25331-5

 

Als ich während der Lektüre dieses Romans über die mir bis dahin unbekannte Autorin zu recherchieren begann und feststellte, dass „Schnell, dein Leben“ mitnichten ein literarisches Debüt ist, wie ich zunächst annahm, bedauerte ich es bald sehr, diese wunderbare Schriftstellerin nicht schon früher entdeckt zu haben. Acht Bücher hat sie, seit sie 1992 begann auf Deutsch zu schreiben, schon in verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

 

Nun veröffentlicht sie mit „Schnell, dein Leben“ einen autobiographisch geprägten Roman zum ersten Mal bei Hanser in München.

 

Er erzählt die Geschichte ihres Alter Egos Louise, einer jungen Frau, die kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges in den französischen Alpen geboren wird, dort aufwächst und in einer großen Familie bald erfährt, dass es drei Kriege mit „den Deutschen“ gab und man sich vor ihnen in Acht nehmen sollte.

 

Nach Abschluss ihres Abiturs erlauben es die Eltern, dass Louise nach Lyon zum Studium geht. Dort trifft sie auf den deutschen Austauschstudenten Johann, in den sie sich verliebt. Auch er ist in einer Stadt bei Frankfurt in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen in einem Klima des Schweigens und Verschweigens dessen, was doch noch nicht vergangen ist.

 

Louise und Johann heiraten früh, sie geht mit ihm nach Deutschland und hat es schwer. Nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit einer noch unbegriffenen Last, die über der Zukunft der beiden liegt. Als der aus Lyoner Zeiten gemeinsame Freund Henri, dem sie nach wie vor regelmäßig bei Bergwanderungen begegnen, Louise wohl auch aus persönlichen Motiven (seine Eltern sind als Partisanen umgekommen) unbestreitbare Beweise über Kriegsverbrechen vorlegt, an denen Johanns Vater beteiligt war, wird der Mantel des Schweigens so schwer, dass das junge Ehepaar, noch sprachlos, an der Vergangenheit zu ersticken droht.

 

Wie es Louise schafft, damit umzugehen, die fremde Sprache zu lernen und bald schon sogar mit ihr ihren Schriftstellertraum zu verwirklichen, wie es ihr gelingt, mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit auch ihre in die Krise geratene Ehe und Familie zu retten, ist bewundernswert.

 

Sylvie Schenk schreibt in der Du-Form, das heißt, sie redet das ganze schmale Buch über ihre Protagonistin und Alter Ego mit Du an. Was ihr die Möglichkeit zur Distanz und Kritik gibt, und dem Leser ermöglicht, zwischen der Autorin und ihrem hier wohl die Grundlage bildenden Leben zu differenzieren.

 

Neben dem autobiographischen Zeugnis besticht das Buch aber auch durch seine feine Beobachtungsgabe über die Entwicklungen in Deutschland und  Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg und die vorsichtige Annäherung der beiden Länder nach dem Elyseevertrag zwischen de Gaulle und Adenauer.

 

Bewegend war für mich, wie der alt gewordene und kranke Johann sich in späten Jahren öffnet, seiner Frau von seinen Kindheitserinnerungen erzählt, sein Schweigen bricht und so für das jahrzehntelang Unsagbare auch für sie endlich Worte findet. Erst in diesem Augenblick ist wirkliche und echte Nähe zwischen den noch immer sich Liebenden möglich.

 

Ein starkes, eindrucksvolles Buch einer Frau, an deren Büchern ich nicht mehr vorbeigehen werde.