Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Eltern richtig erziehen

 

 

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Katharina Grossmann-Hensel, Eltern erziehen, Annette Betz Verlag 2016, ISBN 978-3-219-11670-0

 

Dieses originelle Bilderbuch von Katharina Grossmann-Hensel ist ein wahrer Spaß für kleine und auch schon etwas größere Kinder und für ihre Eltern eher ein Spiegel, in dem sie ihre eigene Erziehungsmethoden und pädagogischen Lehrsätze hoffentlich mit Humor auf den Prüfstand legen können.

In diesem Buch wird der Spieß umgedreht und auf eine witzige Weise gezeigt, wie das Kind ab dem Babyalter die Eltern erzieht. Die können sich auf den Seiten dieses herrlich schrägen Bilderbuches immer wieder selbst erkennen und ihre vergangenen oder aktuellen Machtkämpfe und Erziehungsbemühungen reflektieren.

Die Kinder ab dem Vorschulalter etwa werden ihren Spaß haben, und vielleicht bewirkt die gemeinsame Lektüre und das Gespräch darüber eine etwas entspanntere Haltung von Eltern, die angesichts eine überflutenden Erziehungsliteratur auf das Wichtigste nicht mehr vertrauen: ihre eigene Erfahrung und ihre natürliche Erziehungskompetenz und auf die Kompetenz, Lernfähigkeit und Selbststeuerung ihrer Kinder.

 

Ein langes Jahr

 

 

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Eva Schmidt, Ein langes Jahr, Jung und Jung 2016, ISBN 978-3-99027-080-6

 

Fast zwanzig Jahre hat die in Bregenz in Österreich lebende Schriftstellerin Eva Schmidt geschwiegen und keine Zeile veröffentlicht. Wir kennen die Gründe nicht und freuen und deshalb umso mehr darüber, dass sie nun mit dem Episodenroman „Ein langes Jahr“ mit großer sprachlicher Kraft und zarter Poesie zurückmeldet.

Das Buch beschreibt eine fiktive Stadt in der Provinz, eine Landschaft mit Berg und See, wie sie überall vorkommen kann. Der Fokus der Autorin und ihrer feinen, einfühlsamen Beobachtungen liegt auf Menschen, von denen jeder einzelne unser Nachbar sein könnte, wo immer wir das Buch auch lesen und uns zuhause fühlen. Alltägliche, manchmal regelrecht banale Ereignisse sind, die sie so erzählt, dass deutlich wird, was die Existenz des jeweiligen Menschen ausmacht und entscheidet. Und in immer wieder unerwarteten Wendungen wird ein ganzes Menschenleben offenbar.

Da ist etwa Benjamin. Er lebt mit seiner Mutter allein, die Wohnung in der Siedlung am See ist klein, den Hund, den er gerne hätte, kriegt er nicht. Als er Joachim davon erzählt, will der sich einen schenken lassen, am besten zwei, aber Benjamin findet, Hunde sind fast wie Menschen und kein Geschenk.

Eines Tages begegnet Benjamin Herrn Agostini, einem alten Mann aus der Nachbarschaft, auch er wollte sein Leben lang einen Hund. Früher als er ist seine Frau nach einem Sturz ins Pflegeheim umgezogen, jetzt hat er endlich einen, Hemingway heißt er. Aber Herr Agostini ist nicht mehr gut auf den Beinen, er weiß nicht, was aus »Hem« werden soll. Ähnlich wie Karin, die gerne wüsste, wer sich um ihren Hund kümmert, wenn ihr was zustößt, wie sie sagt. Karin ist krank, sie hat Schmerzen, niemand weiß davon. Im Baumarkt kauft sie eine Leiter, vom Nachbarn borgt sie eine Bohrmaschine …

Eva Schmidt lässt mit ihren Worten diese Menschen ganz nahe an den Leser heran, so nah, dass es ihm manches Mal unbequem wird. Denn sie erinnern ihn daran, dass es auch in seinem Leben oder dem von Menschen, mit denen er lebt oder die er kennt, solche Nöte und spärlichen Freuden gibt, Seelenzustände, die oft erst dann offenbar werden, wenn der Mensch plötzlich nicht mehr da ist oder in eine große Krise gerät. Dann   beginnt man zu verstehen und wird ganz leise angesichts der Vielfalt des Lebens und seiner Leiden und Freuden.

 

 

Memory Wall

 

 

 

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Antony Doerr, Memory Wall, C.H. Beck 2016, ISBN 978-3-406-68961-1

 

Sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Roman „Alles Licht; was wir nicht sehen“ war, ebenfalls bei C. H. Beck in München veröffentlicht, auch in Deutschland ein großer Erfolg.

In einer schönen, stellenweise poetischen Sprache verknüpfte er damals zwei Erzählstränge mit zwei Hauptpersonen und beschrieb sie auf eine Weise, die dem Leser ans Herz ging. „Alles Licht, das wir nicht sehen“ war große Literatur, die gleichzeitig zu unterhalten wusste und etwas erzählte von jungen Menschen, die sich trotz des Elends des Krieges ihre Hoffnung auf Licht, auf Zukunft und auf Liebe nicht zerstören lassen wollen.

Verständlich, dass ein Verlag auf dieser Welle dann etwas Älteres vom Autor nachschiebt, bevor der neue Roman fertig ist. „Memory Wall“ ist eine Erzählung, die einem gleichnamigen Erzählungsband mit mehreren Prosastücken entnommen ist, die in den USA im Jahr 2010 schon erschienen ist. Aber weil sich Erzählungsbände hierzulande gar nicht gut verkaufen, (in den U SA schätzt man dieses Genre viel mehr)hat man die Titelstory ausgewählt, ihr die Bezeichnung „Novelle“ verliehen und sie in einer Hardcoverausgabe dem Publikum präsentiert.

In dieser Erzählung geht es um unsere Erinnerungen und ihre Bedeutungen für unser Leben. Denn was wir sind, wird nicht unwesentlich auch von dem beeinflusst, was wir erlebt haben und wie wir uns daran erinnern. Unsere Erfahrungen helfen uns, uns in der immer komplexeren Welt zurechtzufinden und die entsprechenden Entscheidungen zu treffen. Wenn nun, wie einer dementiellen Erkrankung diese Erinnerungen an persönliche Erfahrungen oder wie wir bestimmte Probleme des Alltags bewältigt haben, verdampfen, dann löst das Angst aus.

Die 74 – jährige Alma Konachek leidet an Demenz. Sie lebt in Kapstadt und wird von Pheko, der mit seinem Sohn in einer Armensiedlung lebt, seit vielen Jahren gepflegt. Seit vielen Jahren auch ist sie in Behandlung in einer Klinik, die ein Verfahren entwickelt hat, die Erinnerungen konservieren kann.

Durch eine Operation werden ihr dort vier Ports in den Schädel implantiert, die mithilfe eines Stimulators und zahlloser Kassetten mit Einzelerinnerungen das Vergessen verlangsamen sollen. Bezeichnenderweise trägt der verantwortliche Arzt den Namen Dr. Amnesty. Erinnerungen zu verlieren, kann vereinzelt auch eine Begnadigung sein. Sie selbst sagt: „Es gab Zeiten, in denen ich glücklich war, und andere, in denen ich es nicht war. Wie alle Menschen. Zu sagen, jemand sei ein glücklicher Mensch oder ein unglücklicher Mensch, ist lächerlich. Wir sind in jeder Stunde tausend verschiedene Menschen.“

Almas verstorbener Ehemann Harold hat im Alter eine Leidenschaft für Fossilien entwickelt, die Alma suspekt war. Bei einer seiner Touren erleidet Harold in Begleitung seiner Frau einen Herzinfarkt und stirbt. Nur noch Pheko kümmert sich nun um die alte Frau, die auf einer „Memory Wall“ in ihrem Zimmer mit immer weniger Erfolg versucht, über ihre Erinnerungen und ihr Leben den Überblick zu behalten.

Auf eine dieser Erinnerungen haben es Roger und sein junger Helfer Luvo abgesehen. Es geht nämlich die Kunde, dass Harold auf seiner letzten Erkundungstour ein überaus seltenes Fossil entdeckt haben soll, und vor Schreck über diesen Fund an Ort und Stelle gestorben ist.

Viele Nächte hintereinander brechen Roger und Luvo bei Alma ein und Luvo, dem Roger auch die entsprechenden Ports hat ins Gehirn pflanzen lassen (sein sicheres Todesurteil) versucht, lange ergebnislos, die Kassette zu finden, die diesne Fund dokumentiert.

Die Zeit wird knapp für die beiden, denn Alma soll in Heim und das Haus soll verkauft werden. Wenige Tage davor erschießt Alma Roger und Luvo findet die entscheidende Kassette. Er macht sich auf den Weg, findet tatsächlich das Fossil und krönt sein kurzes Leben mit einer sehr menschlichen Tat…

Eine schöne, sprachlich gelungene Erzählung, die den Leser mit den Gedanken zurücklässt, ob die Vorstellung, unsere Erinnerungen könnten tatsächlich auf Kassetten gespeichert werden, um sie bei Bedarf (nicht nur im Falle der Demenz) abrufen zu können, wirklich so prickelnd ist. Ich finde sie erschreckend. Es würde uns Menschen verführen, immer wieder aus der Gegenwart zu fliehen, statt sich ihr zu stellen.

 

 

 

 

 

 

Am Ende des Alphabets

 

 

 

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Fleur Beale, Am Ende des Alphabets, Knesebeck 2015, ISBN 978-3-86873-795-0

 

Ruby ist die gute Seele der Familie, sie hilft, wo sie kann. Dabei hat sie gelernt und geradezu verinnerlicht, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und den »Fußabtreter zu spielen« wie ihre Freundin Tia das manchmal nennt.

Ruby leidet unter einer Lese-und Rechtschreibschwäche und hat deshalb auch in der Schule wenig bis gar keine Gelegenheit ihr familiäres Schattendasein etwas aufzuhellen. Eigentlich keine guten Voraussetzung dafür, sich für den großen Schüleraustausch mit einer Schule in Brasilien zu qualifizieren.

Doch Ruby ist ehrgeizig. Sie nimmt all ihre Kraft und Energie zusammen und zeigt mutig Rückgrat. Es stellt sich heraus, auch für sie selbst überraschend, dass sie mehr Talente hat, als sie dachte. Und sie schafft es, bewältigt alle Widerstände und überrascht damit nicht nur ihre Familie, in der danach nichts mehr so ist wie vorher.

Ein einfühlsames und glaubhaft geschriebenes Buch (nicht nur) für Jugendliche. Ein Buch, das voller Optimismus dazu ermutigt, sich von Widerständen oder eigenen Schwächen niemals entmutigen zu lassen, sondern tapfer und aufrecht auch über große Hürden an seinem Ziel festzuhalten und es nicht aus den Augen zu verlieren.

Die junge Mutter Maria wird Ruby im Laufe der Geschichte zu einer Freundin, die ihr vermittelt, dass sie wegen ihrer Schwäche beim Lesen und Schreiben noch lange keine dumme Schülerin ist. Das, was sie an einer Stelle zu ihr sagt, zieht sich als Ermutigung durch das ganze Buch:

„Und jetzt gehst du vor die Tür, kommst wieder rein und sagst: Maria, es gibt da etwas, das Sie wissen sollten. Und dann erzählst du es mir. Ich möchte, dass dir bewusst wird, wie unwichtig das ist. Dass du trotzdem ein kluges, kompetentes Mädchen bist.“

 

 

 

 

 

 

Das Geheimnis meines Vaters

 

 

 

 

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Xavier de Moulins, Das Geheimnis meines Vaters, Lübbe 2015, ISBN 978-3-431-03934-4

 

Der zweite auf Deutsch veröffentlichte Roman des französischen Journalisten und Buchautors Xavier de Moulins erzählt auf eine poetische, eindringliche und sehr emotionale Weise eine Geschichte eines Mannes in den besten Jahren, der innerhalb kürzester Zeit quasi aus seinem Leben fällt und sich seiner Geschichte stellen muss.

Paul ist vierzig Jahre alt, als Immobilienmakler ziemlich erfolgreich und verheiratet mit Ava, einer perfekten Frau, mit der er zwei Kinder hat. Als die eines Tages ihm aus heiterem Himmel mitteilt, dass sie sich von ihm trennen will und kurz darauf auch noch sein Vater bei einem Autounfall stirbt, da scheint sein Leben in Scherben.

In wechselnden Zeitebenen lässt de Moulins seinen Protagonisten sein Leben bilanzieren, ein Leben, in dem neben seinem glanzvollen Vater, der für ihn als Junge wie ein Held war, sein bester Freund Oscar so etwas wie ein Anker ist.

Und während er in vielen Rückblicken über sein Leben nachdenkt, wird ihm mehr und mehr deutlich, dass sein Vater Jean über lange Zeit ein Geheimnis hatte. Und das hat Folgen, dramatische Folgen für das weitere Leben von Paul….

Ein schöner Roman über die Kraft familiärer Bindungen und über die lebenslange Freundschaft zwischen zwei Männern, die sich nahe sind wie Brüder.

Gärten des Jahres

 

 

 

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Cassian Schmidt, Konstanze Neubauer, Gärten des Jahres, Callwey 2016, ISBN 978-3-7667-2204-1

 

Eine sechsköpfige Jury, zu der unter anderem die Autorin des hier anzuzeigenden Buches gehörte, hat unter einer großen Zahl von Einsendungen von Landschaftsarchitekten und Planungsbüros in einem Auswahlverfahren die 50 schönsten Privatgärten des Jahres ausgewählt und prämiert.

Die Tatsache, dass es ausschließlich kommerzielle Landschafts-und Gartenplaner waren, die in diesen Gärten am Werk waren, macht deutlich, dass die privaten Auftraggeber für solche Gärten nicht nur die entsprechend großen Grundstücke um ihre nicht gerade kleinen Häuser hatten, sondern auch das nötige Geld, um nicht nur die Planer, sondern danach auch die ausführenden Gartenbaufirmen zu bezahlen.

Herausgekommen sind die unterschiedlichsten Gärten, von denen die besten 50 hier in diesem Buch ausführlich in Wort und Bild dokumentiert sind. Jedem Objekt sind vier bis fünf Seiten gewidmet. Neben zahlreichen ausdrucksstarken Fotografien, die einen plastischen und farbigen Eindruck vermitteln von der Schönheit und Grazie der jeweiligen Gärten und der zu ihnen gehörenden Wohngebäude, wird der Grundriss des Gartens gezeigt, und ein kleiner Essay gibt Auskunft über die ausführenden Gartenkünstler, ihre Arbeit und die verwendeten Materialien und Pflanzen.

Wie oft bei solchen Büchern, ist der professionelle Nutzen der Lektüre für Landschaftsarchitekten und das Bau-und Gartengewerbe wohl am größten. Dennoch: auch hier kann der normale Haus- und Gartenbesitzer sich mehr als nur die eine oder andere Idee holen für eine Umgestaltung und Verwandlung seines eigenen Gartens.

Und für die, die in Miete wohnen: auch das reine Anschauen dieser privaten Gartenparadiese macht Freude.

 

 

 

 

V5N6. Tödliches Fieber

 

 

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Louise Welsh, V5N6. Tödliches Fieber, Kunstmann 2016, ISBN 978-3-95614-090-7

 

Ein Buch, für das man starke Nerven braucht und das seinem Leser in einer spannenden Mischung aus Endzeitthriller (es erinnert ein wenig an Stephen Kings „The Stand“, auch wegen des Themas) und Krimi wenig bis gar keine Auswege lässt.

Der Titel macht sofort klar: hier geht es um ein tödliches Virus. Gegen das allerdings, was Louise Welsh, noch bevor sie von dem Zika-Virus etwas wissen konnte, beschreibt, erscheinen alle bisherigen Pandemien als zarte Lüftchen. Hier herrscht Sturm, und zwar einer, der alle hinwegfegen wird, ohne Ausnahme. Bis vielleicht auf Stevie Flint. Denn nachdem sie selbst das Fieber hatte und es wie durch ein Wunder überlebt hat, ist sie gegen das Virus resistent.

Stevie Flint ist von Beruf Journalistin, arbeitet aber bei einem Shoppingsender als Verkäuferin, die zusammen mit einer Kollegin stundenlang bestimmte Produkte gegen Provision anbietet.

Nachdem Louise Welsh in einem furiosen Prolog einen Tory-Abgeordneten, einen Hedge-Fonds-Manager und einen Priester beschrieben hat, die völlig überraschend und an verschiedenen Stellen amokhaft das Feuer auf unschuldige Menschen eröffnen (dieser Prolog wird bis zum Ende des Buches nicht mehr aufgegriffen, sodass man nicht genau weiß, welche Funktion das hat), lässt sie ihre Protagonistin Stevie Flint ihren neuen Freund Simon in dessen Wohnung besuchen, nachdem der sich tagelang schon nicht gemeldet und sie auch vorher schon oft versetzt hat. Doch statt ihn mit dem Ende ihrer Beziehung zu konfrontieren, findet sie seine Leiche. Obwohl es so aussieht, als sei Simon an dem Virus gestorben, wie schon so viele andere in den letzten Tagen, finden sich bald Hinweise, die darauf deuten dass Simon ermordet wurde.

Stevie beschließt mitten in einer Stadt und einem Land, in dem in der Folge des Virus die Zivilisation langsam aber sicher zugrunden geht sich auf die Spurensuche zu machen. Nicht nur in London, wo Stevie lebt, sondern auf der ganzen Welt breitet sich das Virus aus. Immer mehr Menschen erkranken, die meisten davon tödlich.

Und die Gesellschaft als Ganzes bricht auseinander. Sterbende ziehen sich zurück oder werden alleine gelassen, die Lebenden schotten sich ab oder sie feiern die große Untergangsparty als gäbe es kein Morgen mehr. London als Stadt voller Zombies – eine schauerliche Vorstellung, die Louise Welsh da beschreibt.

Es ist dieses Szenario, dieses Endzeitdrama, das Welsh parallel und immer mehr die eigentliche Krimihandlung überbietend beschreibt. Denn warum nach einem Mörder suchen, wenn gerade die Welt untergeht: „Das Leben war ein Rennen, das man nur verlieren konnte. Der Trick war, sich ein Ziel auszusuchen und darauf mit voller Kraft zuzuhalten, solange man konnte.“

Das anspruchsvoll geschriebene Buch will ausloten, wie sich eine Gesellschaft am Rande des Abgrundes verhält, was noch zählt und welche Errungenschaften der Zivilisation noch Geltung haben.

Ihr Ergebnis ist nicht ermutigend. Es ist schrecklich. Das Buch aber spannend, wenn auch ohne wirkliche Lösung.

 

 

 

 

Klär mich auf!

 

 

 

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Katharina von der Gathen, Anke Kuhl, Klär mich auf, Klett Kinderbuch 2014, ISBN 978-3-95470-103-2

 

Es kommt daher wie ein Kalender, dieses schöne von Anke Kuhl in ihrer unnachahmlichen Art frech illustrierte Aufklärungsbuch der Sexualpädagogin Katharina von der Gathen.

In einem anonymen Briefkasten hat sie im Rahmen eines Projektes Grundschulkinder Fragen stellen lassen und hat sie gesammelt. Neugierige Fragen sind da, die zeigen, wie sich schon ältere Grundschulkinder mit Fragen der Sexualität beschäftigen und wie konkret und praktisch ihre Anliegen sind. Ob der herkömmliche Sexualkundeunterricht in der 4. Klasse dem gerecht wird, wage ich erst recht nach der Lektüre dieses Kalenders nicht zu beurteilen.

Katharina von der Gathen hat 101 Fragen ausgesucht und sie verständlich und einfühlsam beantwortet. Dabei verzichtet sie auf alles Technische und sprengt ab und zu auch einmal eine Prise Humor hinein, von Anke Kuhls Zeichnungen dabei prächtig unterstützt. Immer kindgerecht beschreibt sie Themen wie u.a. Pubertät, Orgasmen, Homosexualität und auch heiklere Themen wie Vergewaltigung.
Jedes Thema, das die Kinder interessiert, wird angesprochen und dabei gibt es keine Tabus.
Kindern wird hier vermittelt, dass es beim Thema Sexualität, keine Frage gibt, die nicht gestellt werden darf und dass es für alles eine Antwort gibt.

Obwohl der Kalender bestückt ist mit Fragen von Grundschulkindern, halte ich ihn durchaus auch für geeignet für den Sexualkundeunterricht in der 6. Klasse.

Otto findet was

 

 

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Fred Paronuzzi, Andree Prigent, Otto findet was, NordSüd 2016, ISBN 978-3-314-10333-9

 

Kinder lieben Bilderbücher wie dieses schöne Exemplar, das 2014 schon in Frankreich erschienen ist. Da wird erzählt von einem ungewöhnlichen Fund, der langen, liebevollen Suche nach einer Lösung des Rätsels und dann von einem überraschenden und lustigen Ende.

Ein sympathischer kleiner Mistkäfer namens Otto findet eines Tages, als er gerade eine prachtvolle Mistkugel vor sich her schiebt, etwas, das gerade mit einem „Bumm!“ neben ihm gelandet ist und wie ein Ei aussieht. Es hat seltsame Dellen und ist rund.

Otto ist mutig und hat auch ein großes Herz. Denn er will, dass die Eltern von diesem Ei es wieder bekommen, damit sie es ausbrüten und Leben schenken können. Und er macht sich auf die Suche. Die Eier des Straußes, den er zuerst trifft, sind viel größer. Selbst der Kuckuck, der ja nun wahrlich viele unterschiedliche Eier kennt, kann damit nichts anfangen. Auch der Frosch und die Schlangen am Fluss können ihm nicht weiterhelfen. Da erinnert sich eine Schlange, einmal ein solches Ei verschluckt zu haben. Es sei von der Wiese dort drüben gekommen.

Und als Otto, mutig wie er ist, sich an den Rand dieser Wiese begibt, sieht er haufenweise Eier wie das seine. Und er sieht Menschen, mit langen Stöcken bewaffnet, die auf diese Eier einschlagen, bis sie am Schluss in irgendwelche Köcher fallen. „Was für ein fürchterlicher Anblick!“

Otto macht sich aus dem Staub. „Und im Grunde seines Käferherzens ist er glücklich. Denn jetzt kann er das Ei behalten, das er eigentlich schon lange, lange nicht mehr hergeben wollte!“

Bei der Unmenge an Golfplätzen im Land werden die Kinder, denen dieses Buch vorgelesen wird, nicht lange brauchen, das angeblich Ei zu identifizieren.

Eine schöne, ausgefallene Bilderbuchidee mit beeindruckenden Illustrationen.

Fisch!

 

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Linda Wolfsgruber, Fisch, NordSüd Verlag 2016, ISBN 978-3-314-314-1039-1

 

Die bekannte und erfolgreiche, immer wieder mit Preisen dekorierte Künstlerin Linda Wolfsgruber hat mit „Fisch!“ ein neues Bilderbuch vorgelegt, das dem Rezensenten nur allmählich zugänglich geworden ist. Es hat Zeit gebraucht um seinen Hintersinn herauszufinden.

Da sind fünf Ottern. Ottern ernähren sich von Fischen. Und als auf der ersten Seite der Otteranführer die Flosse ausstreckt und zu den anderen vier sagt „Fisch!“, da denkt man sofort, jetzt machen sie sich auf einen großen Fang, um ihren Hunger zu stillen. Auch als sie auf den nächsten Seiten mit Töpfen und Kochbesteck bewaffnet sich weiter auf den Weg zum See machen, Wasser in die Töpfe füllen und dann für entsprechende Gewürze sorgen (Salbei, Thymian, Rosmarin) denkt man, da sind aber Feinschmecker am Werk, die alles vorbereiten, noch bevor sie den Fisch haben.

Doch dann klärt sich alles auf, und der angebliche Hunger erweist sich als Bluff. Sie schütten das Wasser und die Pflanzen in einen großen Glasbehälter, fangen dann den Fisch (er sieht wie ein ungenießbarer Goldfisch aus), setzen ihn in das Aquarium und betrachten ihn unter dem Titel „Kino unter Sternen“.

Witzig, aber ob sich dieser Witz kleinen Kinder erschließt, weiß ich nicht.