Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Die geheimnisvolle Welt des Leonardo da Vinci

 

 

Christine Schulz-Reiss, Paolo Friz, Die geheimnisvolle Welt des Leonardo da Vinci, Kindermann Verlag 2019, ISBN 978-3-934029-75-0

 

Zum 500. Todestag des genialen Künstlers und Erfinders Leonardo da Vinci sind in diesem Frühjahr auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt etliche Sachbilderbücher  erschienen.

 

Das vorliegende Buch aus dem kleinen, aber sehr ambitionierten Berliner Kindermann Verlag sticht unter diesen Büchern ganz besonders heraus.  Da ist zum einen die von der preisgekrönten Jugendbuchautorin und Journalistin Christine Schulz-Reiss in einer kindgerechten und verständlichen, doch nicht weniger anspruchsvollen Sprache erzählte Lebensgeschichte des Genies. Kinder ab dem 3. Schuljahr etwa können sich diese Geschichte sehr leicht selbst erschließen. Doch auch für die Vorklassenschüler, die selbst noch keine längeren Texte lesen können, eignet sich die erzählte Biographie sehr gut zum langsamen Vorlesen.

 

Auch deshalb, weil die wunderbaren und beeindruckenden Illustrationen des Künstlers Paolo Friz die geheimnisvolle Welt des Leonardo da Vinci aus einer erstaunlich neuen Perspektive einfangen  und so hervorragend mit dem Text harmonieren und ihn trefflich ergänzen.

 

Das Buch begibt sich für Kinder nachvollziehbar auf die Spur eines genialen Künstlers und schließt ihnen auf, was diesen Menschen angetrieben hat und was seine Kunst damals so revolutionär machte.

Die Mauer (Hörbuch)

 

 

John Lanchester, Die Mauer (Hörbuch), Random House Audio 2019, ISBN 978-3-8371-4608-0

 

Der in England sehr bekannte Bestsellerautor John Lanchester legt mit seinem neuen Roman „Die Mauer“ ein aufrüttelndes und gleichwohl spannendes Buch vor, eine Dystopie, die umso mehr unter die Haut geht, weil so vieles davon schon Teil unserer Realität zu sein scheint und weil auch bisher gegen Populismus und Fremdenfeindlichkeit immun geglaubte Länder darauf zusteuern.

 

Nach der Europawahl Ende Mai wird man sehen, wie diese Tendenzen schon einen ganzen Kontinent im Griff haben.

 

In einem Großbritannien in der Zukunft haben sich die Isolationisten durchgesetzt. Es gilt nur noch das Recht des Stärkeren und das ganze Land ist von einer hohen Mauer umgeben, die von den Einwohnern systematisch und konsequent gegen Eindringlinge verteidigt wird.

 

Seit dem, was alle „den großen Wandel“ nennen, existiert diese Mauer, und so wie viele andere junge Menschen gehört auch der Protagonist und Ich-Erzähler dieses Romans, Joseph Kavanagh zu jener Gruppe, die die Mauer unter Einsatz ihres Lebens verteidigen. Es ist ein gefährlicher Job. Wer versagt und einem Eindringling die Flucht ins Land ermöglicht, wird selbst dem Meer überantwortet.

Joseph Kavanagh hat sich mit seiner Einheit, die ihm zu einer Familie geworden ist, eingerichtet und in Hifa eine Frau gefunden, der er sich sehr verbunden fühlt.

 

Gemeinsam üben sie immer wieder den Ernstfall, denn die Gegner, die potentiellen Eindringlinge sind hoch gefährlich und es besteht die Gefahr, dass sie in jedem Moment angreifen.

 

Es ist eine beklemmende Geschichte, die John Lanchester da seine Hauptfigur erzählen lässt.  Sie ist beklemmend , weil trotz dystopischer Überzeichnungen so vieles entweder real erscheint, oder als in der Zkunft Europas absolut möglich. In den letzten Jahren wurden von europäischer und nationaler Politik schon sehr viele Vorkehrungen gegen Flüchtlinge aus dem Süden, vorzugsweise aus Afrika getroffen. Und auch die Stimmung von immer mehr Menschen in Europa kippt. Abschottung, Grenzen, Mauer sind das Thema der Stunde und die dafür notwendige Verhärtung der Herzen der Menschen scheint in vollem Gange. Und sie scheint kaum mehr aufzuhalten.

 

„Die Mauer“ ist ein verstörendes Buch, das man nur allzu gerne immer wieder aus der Hand legen möchte, weil sein Thema unter die Haut geht und so unglaublich aktuell ist.

 

Ich habe diese Tage auch ein anderes Buch gelesen, das sich mit dem Thema befasst. Es ist von Davide Enia und heißt „Schiffbruch vor Lampedusa“. Ich kann es in seiner tiefen Menschlichkeit nur weiterempfehlen.

 

Johannes Klaußner hat dieses düstere Werk auf eine beeindruckende Weise in einer gelungen gekürzten Lesung als Hörbuch eingespielt. Seine Stimme nimmt den Hörer vom ersten Satz an gefangen und zwingt ihn regelrecht, sich mit dem dystopischen Stoff auseinanderzusetzen.

 

 

 

 

Das Spiel

 

 

Baptiste Paul, Jacqueline Alcantara, Das Spiel, Nord Süd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10434-3

 

Baptiste Paul, geboren 1977, ist in Saint Lucia aufgewachsen. Er liebt Sport, röstet gern seinen eigenen Kaffee und wenn er nicht am Grill steht, schreibt er Kinderbücher. Meist zusammen mit seiner Frau, der bekannten amerikanischen Kinderbuchautorin Miranda Paul.

Jacqueline Alcántara, geboren 1985, ist eine junge Illustratorin aus Chicago. Bevor sie sich der Illustration zuwandte, studierte sie Fotografie. 2016 gewann sie die »We Need Diverse Books Campaign« – eine Kampagne, die sich für die Vielfalt im Kinderbuch einsetzt.

 

Zusammen haben sie ein Bilderbuch über die Anziehungskraft des Fußballs gemacht. Auf einer karibischen Insel spielen Mädchen und Jungen miteinander Fußball. Sie bilden Mannschaften und kämpfen gegeneinander um den Sieg.  Sie schießen Tore, fallen hin, stehen wieder auf. Auch den Müttern am Rand des kargen Spielfelds verpasst er eine Rolle. So wie er es selbst als Kind erlebt hat in seiner Heimat. Unter der heißen Sonne, im Regen und im Schlamm, neben und auf dem Spielfeld erleben seine Helden das, was den Fußball ausmacht: pure Leidenschaft!

 

Jacqueline Alcantara hat dieses wunderbare Spiel farbenprächtig illustriert und viele kleine Details versteckt. Überall auf der Welt begeistern sich Kindern für dieses Spiel, aber dort in der Karibik müssen die Kinder es oft auf noch sehr einfache Weise tun, wie die Großeltern der Kinder auch hierzulande es taten, als sie vor 70 Jahren miteinander bolzten auf jedem freien Platz den sie finden konnten.

 

Das Besondere an diesem schönen Bilderbuch ist, dass die Kinder in einem Glossar die wichtigsten kreolischen Wörter in Bezug auf Fußball aussprechen lernen können.

 

Das Buch im Kindergarten gemeinsam betrachten und dann raus in den Garten. Und den Ball nicht vergessen!  Zwei Tore sind schnell aufgebaut.

Aber:  darf in unseren Kindertagesstätten Fußball gespielt werden?
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Die ethnische Säuberung Palästinas

 

Ilan Pappe, Die ethnische Säuberung Palästinas, Westend 2019, ISBN 978-3-86489-258-5

 

Ilan Pappe, Jahrgang 1954, war bis 2007 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Haifa und Leiter des dortigen Instituts für Konfliktforschung. Von ihm stammen zahlreiche Veröffentlichungen zum israelisch-arabischen Konflikt und zur Geschichte des Nahen Ostens. Die massiven Anfeindungen und die Behinderung seiner Forschungsarbeit, denen er seit der Veröffentlichung seines Buchs „Die ethnische Säuberung Palästinas“ 2006  an der Universität ausgesetzt war, haben ihn veranlasst, in Großbritannien zu leben. Dort lehrt er an der Universität in Exeter.

 

Das nun hier im Westend Verlag wiederaufgelegte Buch, das 2007 beim Verlag 2001 erschien und zu dem Ilan Pappe ein aktuelles Vorwort geschrieben hat beschreibt , wie der militärische Konflikt in den Jahren 1947 bis 1949 in eine systematische Politik Israels übergegangen ist, die bis heute einen Frieden in Palästina verhindert. In der sogenannten Nakba wurden insgesamt 800 000 Palästinenser aus ihren angestammten Gebieten vertrieben und somit nach Pappe die Grundlagen dafür gelegt, dass die Politik Israels bis zum heutigen Tag einen gerechten Frieden in Palästina verhindert.

 

Die Lektüre dieses bewusst einseitig gehaltenen Buches ist nichtsdestotrotz sinnvoll und notwendig, um die Gesamtheit des Kernkonflikts besser zu verstehen. Über die Position Israels , über die permanenten Gewaltdrohung der Palästinenser und ihrer von Beginn der jüdischen Besiedlung bestehenden Forderung, die Juden ins Meer zu treiben (wird bis auf den heutigen Tag so vertreten von den politischen und militärischen Vertretern der Palästinenser, die ihr eigenes Volk mehr ausbeuten und unterdrücken als die Israelis), kann man sich in anderen Büchern informieren. Auch über die von Anfang an terroristischen Grundhaltung der Palästinenser.

 

Ilan Pappe schreibt am Ende seines neuen Vorworts:

„Wenn es uns gelänge, im historischen Palästinas e i n e n  (sic!)demokratischen Staat für alle zu gründen, der auch die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge (ergänze: 7 Millionen !!) willkommen wäre, könnten wir nicht nur für das Ende des Konflikts sorgen, sondern gleichermaßen für das Ende vieler anderen Konflikte im Nahen Osten.“

 

Bei allem gebotene Respekt über die Leistung des vorliegenden Buches: ich halte das für naiv.

 

 

 

 

Das geht so nicht weiter. Die Würde des Tieres ist unantastbar

 

 

Sophie Schweisfurth, Karl-Ludwig Schweisfurth, Das geht so nicht weiter. Die Würde des Tieres ist unantastbar, Bene Verlag 2019, ISBN 978-3-96340-056-8

 

 

Mit der Firma Herta hat der Autor des vorliegenden Buches die einstmals größte Fleischfabrik Europas aufgebaut, bevor er sie 1984 an den Nestle Konzern verkaufte. Wohl auch weil seine Söhne kein Interesse an der Übernahme hatten, hauptsächlich aber, weil, auch beeinflusst durch seine Söhne, seine Zweifel an der industriellen Massentierhaltung über die Jahre immer stärker geworden waren.

 

In seiner lesenswerten Autobiographie „Der Metzger, der kein Fleisch mehr isst“, die 2014 im Oekom Verlag in München erschienen ist, berichtete er von seinem Weg, seiner Konversion, der Gründung einer Stiftung, und dem Aufbau der Hermanstädter Landwerkstätten vor den Toren Münchens, eines ökologischen Musterbetriebs. Dort werden Tiere artgerecht gehalten und auch zu Fleisch verarbeitet werden. Schweisfurth hat dafür den Begriff der symbiotischen Landwirtschaft geprägt.

 

Im hier vorliegenden Buch, das er zusammen mit seiner Enkelin Sophie, die die Werkstätten leitet, geschrieben hat, beschreiben die beiden was sie dort tun, wie sie dort leben und Tiere aufziehen. Sie entfalten eine faszinierenden Vision eines Leben, das wir am Ende nicht bereuen müssen. Denn die Würde des Menschen, so sagen sie immer wieder, beginnt mit dem Respekt vor den Tieren

 

 

Man braucht nicht zum teilweise fanatischen Vegetarismus zu greifen, um sich selbst gesünder zu ernähren und gleichzeitig einen Beitrag zum Tierschutz zu leisten, das ist für mich eine wesentliche Botschaft dieser beiden beeindruckenden Menschen.

Sophie Schweisfurth schreibt in der Widmung zum Buch:

„Der Einzelne kann die Welt nicht retten, aber wir können versuchen, beispielhaft das eine oder andere auf den Weg zu bringen, indem wir bewusst Zeichen setzen“

 

Das gilt in jedem kleinsten Bereich des Lebens und kann von jedem Menschen umgesetzt werden.

Meine schönsten Lieder für unterwegs

 

 

Cee Neudert, Patrick Fix, Meine schönsten Lieder für unterwegs, Ravensburger Verlag 2019, ISBN 978-3-55479-9

 

Das Lesen und interaktive Verstehen von Büchern für Kindern mit dem tip toi- Stift ist eine sensationelle Neuheit, die das Lernen für Kinder mit Büchern schon jetzt nach einigen Jahren revolutioniert hat. Einmal angeschafft, passt der Stift zu immer mehr Produkten aus dem Ravensburger Verlag, wie zum Beispiel das Buch „Mathe 2. Klasse“, mit dem Ravensburger einen lukrativen Markt betritt, denn das System ermöglicht es Kindern auch ohne Nachhilfe ihren Stoff zu bewältigen.

Tip Toi ist ein audiovisuelles Lernsystem für Bücher und Spiele, mit dem die Kinder die Welt spielerisch entdecken. Tippt das Kind mit dem Stift auf ein Bild oder einen Text oder ein entsprechendes Symbol, erklingen passende Geräusche, Sprache oder auch Musik. Eine intelligente Elektronik ermöglicht Kindern, Bücher und Spiele völlig eigenständig immer wieder neu zu erleben.

Ich kann das System nur empfehlen. Die TipToi Büchern sind etwa ein Drittel teurer als die herkömmlichen Wissensbücher bei Ravensburger, aber diese Investition in das Lernen und vor allem die Lernfreude ihres Kindes lohnt sich.

Das vorliegende Buch für Kinder zwischen vier und sieben Jahren will die Kinder vorzugsweise zusammen mit ihren Eltern und Großeltern ermutigen, wenn sie zusammen in der Natur unterwegs sind, entsprechende Lieder zusammen zu singen. “Lieder für unterwegs“ ist eine Sammlung von insgesamt 25 beliebten Volksliedern, von denen 10 mit schönen Illustrationen und Noten im Buch angedruckt sind.

 

Lieder für unterwegs, für den Garten oder das gemeinsame Spiel und Feiern. Mit tiptoi gehen Kinder auf eine wunderbare musikalische Reise.

 

 

 

 

Weltweiter ziviler Ungehorsam. Die Geschichte einer gewaltfreien Revolution

 

 

Jürgen Bruhn, Weltweiter ziviler Ungehorsam. Die Geschichte einer gewaltfreien Revolution, Tectum Verlag 2019, ISBN 978-3-8288-4118-5

 

Es ist eingroßer Verdienst, dass der Politikwissenschaftler und ehemalige Spiegeljournalist Jürgen Bruhn mit diesem Buch an eine Protest-und Widerstandsform erinnert, die eine lange Tradition von Thoreau, über Gandhi und Martin Luther King und die Friedensbewegung der 870 er Jahre hat, und in den letzten Jahren in den Protestformen gegen den Klimawandel, die weltweite Armut und andere Auswirkungen des von ihm so genannten „Raubtierkapitalismus“ von vielen gerade auch jungen Menschen überall in der Welt wiederentdeckt worden ist.

 

Jürgen Bruhn beschreibt die lange historische Tradition dieses zivilen und gewaltfreien Widerstandes, und zeigt überzeugend, wie er mit der Entstehung der Demokratie verbunden ist.  Diese lange Tradition möchte er aufschließen für die neuen angesichts der großen Konflikte in der Welt entstandenen Bewegungen und Protestformen.

 

Ich halte dieses Wiederbesinnung auf einen Protest, der sich nicht gleich macht mit dem Gegner und seiner strukturellen Gewalt mit eigener Gewalt antwortet (es gibt auch in den im Buch genannten Gruppen wie zum Beispiel blockupy durchaus Tendenzen hierzu) für eine not-wenige und sinnvolle Intervention.

 

Möge deshalb dieses Buch von vielen Aktivisten gelesen und seine hilfreichen Vorschläge diskutiert und umgesetzt werden.

 

 

Wieso geht`s hier nicht weiter?

 

 

 

Tomoko Ohmura, Wieso geht`s hier nicht weiter, Moritz Verlag 2019, ISBN 978-3-89565-355-1

 

Schon kleine Kinder kennen von den unvermeidlichen Autofahrten mit ihren Eltern das leidige Phänomen des Staus. Der Japaner Tomoko Ohmura, der bei Moritz schon zahlreiche witzige und originelle Bilderbücher veröffentlicht hat, hat sich diesem Phänomen auf eine lustige und gleichzeitig sehr lehrreiche Weise genähert.

 

Ein kleiner Junge kommt auf der ersten Seite mit seinem Dreirad daher und sieht einen Straßenarbeiter neben einem Schuld, das auf einen Stau hinweist. „Was ist da vorne los?“ fragt der Junge, doch der Arbeiter weiß auch keine Antwort.

 

„Lasst uns gleich mal nachsehen!“ werden die Kinder aufgefordert und schon kann man umblättern und den Stau verfolgen. Von der 1 bis zu 50 sind alle verschiedenen Fahrzeuge, die da im langen Stau stehen nummeriert. Es beginnt mit kleinen Kinderfahrzeugen, aber originelle und hierzulande wenig genutzte Fahrzeuge wie eine Rikscha tauchen auf.

 

Auf diese Weise lernen die Kinder fünfzig Fahrzeige kennen und auch ihre Besitzer, bzw. die Menschen die mit ihnen fahren. Es kommt aber auch etwas von jener genuinen Stimmung der Menschen rüber, die im Stau stehen und sich aufregen, wie etwa der Fahrer des Betonmischers, dem der Beton hart zu werden droht. Doch es gibt auch andere wie etwa die Kinder im Schulbus, die sich freuen später in die Schule zu kommen. Die ganze Palette unterschiedlicher Reaktionen und Verhaltensweisen in einem Stau taucht auf.

 

Doch was ist eigentlich passiert? Das fragen sich viele, die da stehen und warten müssen, doch keiner weiß es wirklich, wie in einem echten Stau. Die Menschen reagieren und kommentieren und zeigen ein teilweise sehr komisches und bemerkenswertes Verhalten.

 

Absolut verliebt in die kleinen Details der Bilder und der Kommentare der Menschen ist das Bilderbuch ein wirkliches Vergnügen für Kinder ab etwa vier Jahren und diejenigen die ihnen vorlesen.

Dass die Ursache des Staus am Ende aufgeklärt wird, ist klar. Aber sie ist absolut überraschend und spektakulär. Lassen Sie sich zusammen mit ihren Kindern überraschen.

 

Kinder werden das Buch lieben und es wie ein Wimmelbuch nutzen.

 

Die Mauer

 

 

John Lanchester, Die Mauer, Klett-Cotta 2019, ISBN 978-3-608-96391-5

 

Der in England sehr bekannte Bestsellerautor John Lanchester legt mit seinem neuen Roman „Die Mauer“ ein aufrüttelndes und gleichwohl spannendes Buch vor, eine Dystopie, die umso mehr unter die Haut geht, weil so vieles davon schon Teil unserer Realität zu sein scheint und weil auch bisher gegen Populismus und Fremdenfeindlichkeit immun geglaubte Länder darauf zusteuern.

 

Nach der Europawahl Ende Mai wird man sehen, wie diese Tendenzen schon einen ganzen Kontinent im Griff haben.

 

In einem Großbritannien in der Zukunft haben sich die Isolationisten durchgesetzt. Es gilt nur noch das Recht des Stärkeren und das ganze Land ist von einer hohen Mauer umgeben, die von den Einwohnern systematisch und konsequent gegen Eindringlinge verteidigt wird.

 

Seit dem, was alle „den großen Wandel“ nennen, existiert diese Mauer, und so wie viele andere junge Menschen gehört auch der Protagonist und Ich-Erzähler dieses Romans, Joseph Kavanagh zu jener Gruppe, die die Mauer unter Einsatz ihres Lebens verteidigen. Es ist ein gefährlicher Job. Wer versagt und einem Eindringling die Flucht ins Land ermöglicht, wird selbst dem Meer überantwortet.

Joseph Kavanagh hat sich mit seiner Einheit, die ihm zu einer Familie geworden ist, eingerichtet und in Hifa eine Frau gefunden, der er sich sehr verbunden fühlt.

 

Gemeinsam üben sie immer wieder den Ernstfall, denn die Gegner, die potentiellen Eindringlinge sind hoch gefährlich und es besteht die Gefahr, dass sie in jedem Moment angreifen.

 

Es ist eine beklemmende Geschichte, die John Lanchester da seine Hauptfigur erzählen lässt.  Sie ist beklemmend , weil trotz dystopischer Überzeichnungen so vieles entweder real erscheint, oder als in der Zkunft Europas absolut möglich. In den letzten Jahren wurden von europäischer und nationaler Politik schon sehr viele Vorkehrungen gegen Flüchtlinge aus dem Süden, vorzugsweise aus Afrika getroffen. Und auch die Stimmung von immer mehr Menschen in Europa kippt. Abschottung, Grenzen, Mauer sind das Thema der Stunde und die dafür notwendige Verhärtung der Herzen der Menschen scheint in vollem Gange. Und sie scheint kaum mehr aufzuhalten.

 

„Die Mauer“ ist ein verstörendes Buch, das man nur allzu gerne immer wieder aus der Hand legen möchte, weil sein Thema unter die Haut geht und so unglaublich aktuell ist.

 

Ich habe diese Tage auch ein anderes Buch gelesen, das sich mit dem Thema befasst. Es ist von Davide Enia und heißt „Schiffbruch vor Lampedusa“. Ich kann es in seiner tiefen Menschlichkeit nur weiterempfehlen.

 

 

 

Auris

 

 

 

 

Vincent Kliesch, Auris, Droemer 2019, ISBN 978-3-426-30718-2

 

Der vorliegende Thriller von Vincent Kliesch nach einer Idee von Sebastian Fitzek ist der Beginn einer wohl längeren Reihe. Ein erfolgreicher und absolut gelungener Beginn muss man gleich zu Beginn  sagen.

 

Denn die Einführung eines akustischen Profilers in die Krimi- und Thrillerliteratur war eine wunderbare Idee von Sebastian Fitzek, die sein Freund und Kollege Vincent Kliesch in enger Kooperation mit ihm genial umgesetzt hat.

 

Die Rede ist von Matthias Hegel, genannt „Auris“ (= lat.: das Ohr), ist ein renommierter Professor, der eine sehr ungewöhnliche Gabe besitzt. Nur anhand der Stimme eines Täters oder Verdächtigen, sogar wenn sie verzerrt zu hören ist, kann er dessen Herkunft, Aussehen und die seelische Verfassung ermitteln und so zuverlässig die Wahrheit von der Lüge unterscheiden. Schon viele Täter hat er mit seiner außergewöhnlichen Kunst zu überführen geholfen und war lange Zeit ein oft gerufener Helfer in zahlreichen Ermittlungen der Polizei.

 

Doch nun, zu Beginn des Buches sitzt der Professor selbst in Haft wegen eines brutalen Mordes, den er selbst gestanden hat, und der ihn lebenslang im Knast verschwinden lässt.

 

Doch da ist die andere Hauptfigur des Romans und wohl auch der ganzen Serie. Jula Ansorge ist eine junge Journalistin beim Rundfunk, die in ihrer Freizeit einen viel gehörten True-Crime-Podcast betreibt, der auch bei Matthias Hegel und auch in Teilen der Unterwelt nicht unbemerkt geblieben ist. Sie versucht, das ist ihr Hintergrund, ein persönliches Trauma in der Vergangenheit zu vergessen, vergeblich.

 

Sie hat, als sie von Hegels Schicksal erfährt, erhebliche Zweifel an seiner Schuld und ist überzeugt davon, dass es ihre Aufgabe ist, einen großen Justizirrtum aufzuklären. Mutig und mit viel Engagement wühlt sie sich hinein in Hegels rätselhaften Fall, lernt ihn im Gefängnis kennen, doch er lehnt jegliche Hilfe ab. Bald schon aber glaubt sie langsam sein Vertrauen zu gewinnen, doch schon hier wird der Leser bald skeptisch. Denn Matthias Hegel scheint mehrere Gesichter zu haben. Nichts scheint eindeutig und mit dem durchaus erfolgreichen  Fortschreiten ihrer Investigationen gerät nicht nur Jula Ansorge selbst in Todesgefahr, sondern auch der Mensch, der ihr am wichtigsten ist…

 

Forensische Phonetik, ein neues Thema, mit zwei interessanten Hauptfiguren gekonnt in Szene gesetzt. Das Ende lässt den Leser gespannt auf die Fortsetzung warten an der bestimmt schon geschrieben wird.