Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Geschwister der Bibel. Geschichten zwischen Zwist und Liebe

 

 

Margot Käßmann, Geschwister der Bibel. Geschichten zwischen Zwist und Liebe, Herder 2019, ISBN 978-3-451-39414-0

 

Mit den Geschwistern ist das eine Sache für sich. Manche haben zu ihrer Schwester oder ihrem Bruder eine warme und enge Beziehung weit über den Tod der gemeinsamen Eltern hinaus, bei anderen setzt sich eine konkurrenz- oder neidbetonte Beziehung aus der Kindheit bis ins hohe eigene Erwachsenenalter fort, bei wieder anderen zerbricht eine lange relativ normale Beziehung wegen eines Konflikts, an dessen Ursache sich Jahrzehnte später keiner mehr erinnern kann und wird dann ein Leben lang nicht mehr geheilt. Manche Menschen leiden darunter, anderen ist es eher gleichgültig. Wahrscheinlich war dann schon in der Kindheit die Beziehung brüchig. Oft ist auch die Gründung einer eigenen  Familie der Grund dafür, dass ein bisher guter Verständnis füreinander zerbricht, weil sich die jeweiligen Ehepartner nicht riechen können.

 

Die Theologin Margo Käßmann erzählt in ihrem neuen Buch von insgesamt zwanzig Geschwistern in der Bibel und ihre jeweilige Geschichte. Erstaunlich aktuell gelingt es ihr nicht nur, diese Geschwisterpaare wie Jakob und Esau, Lea und Rahel und viele mehr lebendig zu machen, sondern sie in ihren ihnen innewohnenden Konflikten auch für die heutige Zeit aufzuschließen und zu interpretieren.

 

Unter anderen geht es um:

  • Jakob und Esau: Zwillinge – eine ganz besondere Beziehung
    • Dina und ihre Brüder: Ein Mädchen unter so vielen Jungs!
    • Absalom, Amnon und Tamar: Von der großen Liebe zur kleinen Schwester
    • Judas, Simon und Jonatan: Drei Brüder, die im Leben nur Krieg kennen
    • Jesus und seine Geschwister: Der Älteste nervt irgendwie – und ist doch besonders
    • Die Schwester von Paulus: Von Entfremdung und Annäherung

 

 

Sie selbst sagt in ihrem Vorwort dazu: „Je älter ich werde, desto spannender finde ich das Thema Geschwister. Das ist offensichtlich kein individuelles, sondern ein verbreitetes Phänomen. Freundinnen und Freunde gehen, Geschwister bleiben, es ist in der Tat die längste Beziehung des Lebens. Sie prägt unsere gesamte Kindheit. Da gibt es große Liebe zueinander und große Konkurrenz, Solidarität und Abgrenzung, Zusammengehörigkeitsgefühl und Auseinandersetzung“.

 

Auch für wenig bibelfeste Menschen kann dieses Buch zu einer Offenbarung werden, sie können aus mindestens einer der erzählten Geschichten, vielleicht auch aus mehreren etwas erkennen und lernen über ihre eigene vielleicht brachliegende Beziehung zu Schwester oder Bruder. Auf jeden Fall, da bin ich sicher, wird der Leser nach der Lektüre dieser auch spannenden Geschichten seine eigene Geschwisterbeziehung in einem anderen Licht sehen und wertschätzen.

 

 

Wie groß, wie weit, wie schnell. Die Welt und ich

 

 

 

Jun Cen, Wie groß, wie weit, wie schnell. Die Welt und ich, Kleine Gestalten 2018, ISBN 978-3-89955-811-1

 

In diesem großformatigen und mit beeindruckenden Illustrationen von Jun Cen ausgestatteten Sachbilderbuch für Kinder ab etwa fünf Jahren unternehmen die Macher des Kleinen Gestalten Verlags in Berlin eine spannende Reise durch die Natur und die Welt der Tiere. Indem sie immer wieder Größe und Entfernungen verständlich machen und vergleichen, wecken sie in den kleinen Lesern große Neugier, sich selbst auf Entdeckungsreise nach den Wunder dieser Welt zu begeben.

Wie groß etwa sind die Augen eines Tintenfischs? Wie viele Zähne hat der weiße Hai und wie alt ist der älteste Baum? Wie groß, wie weit, wie schnell? „Die Welt und ich“ nimmt neugierige Kinder mit auf eine spannende Reise durch Flora und Fauna.

 

Gegenüberstellungen und auch für erwachsene Mit- und Vorleser originelle Vergleiche vermitteln allerhand spannende Tatsachen über unseren Planeten. Die Illustrationen von Jun Cen veranschaulichen mit viel Liebe zum Detail unterschiedliche Maßeinheiten und helfen kleinen Lesern dabei, ihre Umwelt besser zu begreifen.

 

 

Niemals ohne sie

 

 

 

Jocelyne Saucier, Niemals ohne sie, Insel Verlag 2019, ISBN 978-3-458-17800-2

 

Die kanadische Schriftstellerin Jocelyne Saucier hatte schon 2015 mit ihrem ebenfalls bei Insel erschienenen Roman „Ein Leben mehr“ ein außergewöhnliches Buch vorgelegt. Der hier vorliegende Roman „Niemals ohne sie“, der in Kanada schon im Jahr 2000 erschien und ihr insgesamt zweiter Roman ist, zeigt, dass Jocelyne Saucier schon sehr früh über jene poetische Sprachmacht verfügte, die „Ein Leben mehr“ zum internationalen Bestseller machte. Mit Sicherheit werden bald auch ihr erster 1996 erschienener Roman und weitere Werke aus den Jahren zwischen 2000 und 2011 ins Deutsche übersetzt werden.

Der Roman erzählt mit verschiedenen, wechselnden und aufeinander aufbauenden Stimmen der Kinder von den Cardinals, einer wahrhaft ungewöhnlichen Familie, die am Ende aus insgesamt 23 Mitgliedern bestehen wird.

 

Die 21 Kinder der Familie bezeichnen sich als  „Die Könige von Norco“. Sie stammen alle von den gleichen beiden Eltern, die beide wenig Zeit für ihre Kinder haben. Während die Mutter von morgens bis abends mit der Versorgung der Familie und dem Haushalt beschäftigt ist, ist der Vater permanent unterwegs, um als Erzsucher die Familie irgendwie finanziell über Wasser halten. Die Kinder sind sich selbst überlassen, wachsen mit großen Freiheiten, aber ohne viel Zuwendung auf, kümmern sich um sich selbst, die Großen um die Kleinen. Rau und oft auch brutal geht es unter ihnen zu, Machtkämpfe sind ihr täglicher Alltag.

 

Sie ziehen durch die Gegend und tyrannisieren jeden, der ihnen begegnet. Sie haben vor nichts und niemand Angst und die Wildheit von antiken Helden. Als das Bergbauunternehmen Northern Consolidated eine sehr ergiebige Erzmine in Norco, die den Cardinals das Einkommen sicherte, wegen eines Preissturzes auf dem Weltmarkt aufgibt, fühlt sich die ganze Familie betrogen und sie fassen den Entschluss sich zu wehren. Eine Entscheidung mit fürchterlichen Folgen, wie sich erst am Ende zeigen wird.

 

Man hat als Leser nach den ersten vier bis fünf Kapiteln alle entscheidenden Figuren kennengelernt, Menschen die man nicht immer sympathisch finden muss. Doch die Beschreibung ihrer gegenseitigen Beziehungen und die Schilderung der innerfamiliären Dynamik haben mich von Beginn an gefesselt. Wie die einzelnen Kinder, auch lange nachdem sie sich schon von der Familie gelöst und selbstständig gemacht haben, in ihren Lebensgeschichten miteinander verstrickt sind, wird erst Zug und Zug im Laufe des Romans deutlich, in einem Fall erst ganz am tragischen Ende.

 

Mit der Familie Cardinal und ihren 21 Kindern (kann eine Frau wirklich so viele Kinder bekommen?) hat Jocelyne Saucier eine ganz erstaunliche Familie aus den unterschiedlichsten Menschen und mit ihnen eine Welt geschaffen, die aller Rauheit und allem Kampf zum Trotz den Glauben an ein selbstbestimmtes, freies und gemeinschaftliches Leben aufrechterhält.

„Niemals ohne sie“ ist ein überwältigender Roman, der den Leser in seinen Bann zieht und ihn tief berührt mit Figuren, die ihn lange nicht loslassen.

 

In der Rahmenhandlung, die in der Gegenwart, also Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt, kommt die ganze Familie (alle leben noch, auch die Mutter) nach Jahrzehnten wieder zusammen, weil der Vater eine Ehrung erhalten soll. Und an diesem Tag muss sich die Familie einem Vorkommnis stellen, wegen dem sie sich seit Jahrzehnten aus dem Weg gegangen sind. Aus verschiedenen Erinnerungen wechselnder Familienmitglieder im Rahmen dieses Treffens ist das Buch aufgebaut. Jeder erzählt aus seiner Sicht nicht nur die Geschichte der Familie und einzelner ihrer Mitglieder, sondern vor allem auch das lange mysteriös bleibende Schlüsselereignis, das alles verändert hat. Dass erst ganz am Ende offenbar wird, was damals geschehen ist, bevor sich die Familie in alle Winde zerstreute, ist spannend konstruiert.

 

Ein Buch, das mit seiner rauen Poesie und seiner sprachlichen Macht und Vielfalt fesselt von der ersten bis zur letzten Seite.

 

 

Welches Tier ist anders hier. Mein allererstes Such-Buch

 

 

 

Bernd Penners, Henning Löhlein, Welches Tier ist anders hier. Mein allererstes Such-Buch, Ravensburger Verlag 2019, ISBN 978-3-473-43758-0

 

Ein schönes und lustiges Such-Bilderbuch für kleine Kinder ab etwa 2 Jahren ist hier anzuzeigen, für das Bernd Penners lustige Zweizeilenreime verfasst und Henning Löhlein witzige Bilder gezeichnet hat.

 

Auf jeder Doppelseite sind jeweils etwa zwanzig identische Tiere zu sehen. Doch jeweils eines unterscheidet sich von den anderen durch ein besonderes Merkmal. Dieses einzelne Tier sollen die Kinder finden und beschreiben.

 

Es beginnt mit Kühen: „Alle Kühe tragen Glöckchen, außer einer, die trägt Söckchen.“ Es treten weiter auf: Hasen, die alle Möhren essen (bis auf einen), Gänse, Küken, Hunde, Hühner, Schweinchen, Pferde, Mäuse und Frösche.

 

Auf jeder Seite tanzt eines der gezeigten Tier aus der Reihe. Die kleinen Kinder werden einen großen Spaß daran haben, dieses eine jeweils zu finden.  Und sie werden eine lange Zeit immer wieder Freude empfinden dabei, auf den jeweiligen Einzelgänger zu deuten und zu zeigen, dass sie sich etwas gemerkt haben.

Oje, ein Buch

 

 

Lorenz Pauli, Miriam Zedelius, Oje, ein Buch, Atlantis Verlag 2018, ISBN 978-3-7152-0742-1

 

Dieses schöne und überaus originelle Bilderbuch von Lorenz Pauli mit kräftigen Illustrationen von Miriam Zedelius ist eine Hommage an das Bilderbuch und das gemeinsame Vorlesen.

 

Juri hat von Herrn Schnippel ein Bilderbuch geschenkt bekommen und zeigt es ganz begeistert Frau Asperilla, die es ihm vorlesen soll. Doch die gehört zur Generation Smartphone und hat schon fast verlernt, wie man mit einem Buch umgeht.  Sie versucht es mit dem gewohnten Wischen um zur nächsten Seite zu kommen und Juri muss ihr zeigen, wie man es richtig macht.

 

Zwei Geschichten werden in diesem Bilderbuch erzählt. Vordergründig geht es um Juri und Frau Asperilla, die gemeinsam versuchen ein Bilderbuch zu lesen. Die andere Geschichte ist die im Bilderbuch selbst und von der Rahmengeschichte in der Schrift und der farbigen Gestakten deutlich abgegrenzt.

 

Doch das Allerwichtigste, das Juri und Frau Asperilla beim Vorlesen erleben, passiert nicht in der Geschichte, sondern zwischen ihnen selbst, wie immer, wenn zwei, ein Großer und ein Kleiner, gemeinsam ein Bilderbuch anschauen.

 

Eine schöne Geschichte über Bücher, das Vorlesen und die dabei erwachende Phantasie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mia besucht Frau Turboschnecke. Ein Bilderbuch über Demenz

 

 

 

Martina Plieth, Mia besucht Frau Turboschnecke. Ein Bilderbuch über Demenz, Neukirchener Verlag 2018, ISBN 978-37615-6424-0

 

Martina Plieth, die Autorin dieser von Lena Miller illustrierten Geschichte für Kinder ab etwa sechs Jahren hat in der Zeit von 2005 bis 2010 als Pfarrerin in einem Altenheim gearbeitet und dabei viel Erfahrungen mit demenzkranken alten Menschen gemacht.

 

Im Rahmen ihrer heutigen Arbeit als Professorin für Gemeindepädagogik und Kirchlichen Bildungsarbeit an der Ev. Hochschule Nürnberg ist nun dieses Bilderbuch entstanden, das erfolgreich versucht, Kindern die Lebens- und Erfahrungswelt von demenzkranken Menschen zu vermitteln.

 

Es erzählt von der kleinen Mia und ihrer Oma. Die beiden verstehen sich sehr gut und verbringen sehr viel Zeit miteinander. Nur freitags ist das anders. Denn da hat Mias Oma immer etwas anderes vor. Dann packt sie drei Tafeln Schokolade und einige Erinnerungsstücke in ihre „Schätzetasche“, wie sie sie nennt.

 

Mit jeder Woche mehr wird Mia neugieriger, wo denn die Oma da freitags hin verschwindet.  Doch eines Tages darf sie das Geheimnis lüften, denn Oma erlaubt Mia, sie zu begleiten. Und so lernt sie in einem Altenheim nicht nur Frau Turboschnecke, Frau Anderland und die beste Hochstaplerin der Welt kennen, sondern erfährt so wie auch die jungen LeserInnen dieses schönen und wichtigen Buches viel über demente  Menschen und was dieses Krankheit mit ihnen macht.

 

Martina Plieth hat ein eindrückliches Buch geschrieben über Demenz und ihre Folgen  und auch darüber wie man in Freundschaft Menschen mit Demenz würdig und hilfreich begegnen kann.

 

Für Kinder, die demente Menschen zu ihrer Familie zählen ist das Buch nicht nur hilfreich sondern auch tröstlich.

 

 

 

 

Jetzt sind wir einfach glücklich. Vorlesegeschichten

 

 

 

 

Marjaleena Lembcke, Claudia Burmeister, Jetzt sind wir einfach glücklich. Vorlesegeschichten, Nilpferd 2019, ISBN 978-3-7074-5224-2

 

Ein wunderschönes Vorlesebuch mit kurzen Vorlesegeschichten für Kinder von Marjaleena Lembcke ist hier vorzustellen, das Claudia Burmeister zart und liebevoll illustriert und koloriert hat.

 

Inspiriert von ihrer eigenen Enkeltochter Charlotte hat die Autorin insgesamt 11 kurze Geschichte aus der Lebenswelt eines kleinen Mädchens aufgeschrieben. Besuche im Zoo, bei den Nachbarn und bei der Oma werden ähnlich schön und mit einfacher Sprache beschrieben wie die Erfahrung leichter und  auch schwerer Krankheit des Kindes.

 

Die Erfahrung, wenn die Eltern für eine kurze Zeit nicht zu Hause sind, wenn Oma zu Besuch kommt oder wenn das Mädchen Lotti traurig ist oder fröhlich lachen kann, weil es ihm gut geht.

 

Besonders gut hat mir die Geschichte gefallen, in der Lotti zusammen mit ihrem Bruder ins sogenannte Lachland fährt, wenn zu Hause durch launige Eltern mal schlechte Stimmung ist. Und da lachen auch die Eltern plötzlich wieder.

 

Kinder lernen durch diese schönen Vorlesegeschichten, dass es auch in ihrem Leben und Alltag immer etwas zu beobachten und zu erfahren gibt. Leichte Geschichten sind das, denen es  gelingt, mitten hinein in den Alltag so etwas wie Poesie zu zaubern, und von kleinen Schwächen und großen Freuden erzählt.

 

 

Gott wohnt im Wedding (Hörbuch)

 

 

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding (Hörbuch), der Hörverlag 2019, ISBN 978-3-8445-3265-4

 

Schon zuvor sei es gesagt: der neue Roman von Regina Scheer ist meiner Meinung nach ein Meisterwerk. Noch besser als in ihrem ersten Roman „Machandel“ gelingt es ihr, Gegenwart und  Vergangenheit auf dem Hintergrund deutscher Geschichte am Beispiel von Einzelschicksalen miteinander zu verknüpfen.

 

Auf über 400 Seiten geht es um ein Haus im Berliner Stadtteil Wedding und seine Geschichte im 20. Jahrhundert und in den ersten 15 Jahren des 21. Jahrhunderts. Die Lebensgeschichten der Menschen, die mit diesem Haus verknüpft sind, sind alle quasi schicksalhaft miteinander verbunden und erzählen eindrucksvoll von deutscher, jüdischer und ziganer Vergangenheit und Gegenwart.

 

Leo Lehmann kehrt nach 70 Jahren, die er in Israel in einem Kibbuz gewohnt hat, zusammen mit seiner Enkel Nira nach Berlin zurück, um mit seinem Anwalt Ansprüche nach Rückgaben von Eigentum zu klären, das seiner Familie von den Nazis gestohlen wurde. Eigentlich wollte er nie wieder zurückkehren, doch nun steht er vor dem Haus in der Utrechter Straße im ehemals roten Wedding und erinnert sich. Während die Autorin Leo während seines Aufenthaltes seine ehemalige Heimat erkunden lässt und in vielen Rückblicken nicht nur seine Geschichte erzählt, sondern auch die seines ebenfalls jüdischen Freundes Manfred, verliebt sich seine Enkelin Nira in Amir und wird am Ende ihren Großvater nicht mehr zurück nach Israel begleiten.

 

In dem alten Haus, das von Spekulanten heruntergewirtschaftet wurde, wohnt noch die über neunzigjährige Gertrud, die mit der Geschichte von Manfred und Leo während der Nazizeit eng verbunden ist. Auch sie wird sich in vielen Rückblicken erinnern. Der Roman ist so konstruiert, dass sich Leos und Gertruds Erinnerungen fast zwangsläufig aufeinander zu bewegen.

 

Doch nicht nur dieser Strang jüdischer Verfolgungsgeschichte durchzieht das Buch, sondern auch die der Sinti und Roma. Laila, die seit einiger Zeit in dem verfallenden Haus wohnt, lernt erst im Laufe des Buches, dass ihre Sintifamilie einst auch in diesem Haus gewohnt hat.

Regina Scheer ist deren Verfolgungsgeschichte bis auf den heutigen Tag (in dem Haus wohnen aktuell viele Sinti und Roma aus Rumänien und Bulgarien, die sich in Berlin ein bessere Leben erhoffen und schamlos ausgebeutet werden) sehr wichtig und sie nimmt neben den Erinnerungen von Leo und Gertrud sehr viel Platz ein. Tatsächlich ist dieser Roman der erste dieser Art, der mir zur Kenntnis gelangt ist, der den Sinti und Roma in Vergangenheit und Gegenwart eine angemessene Würdigung zukommen lässt.

 

All diese Geschichten bündeln sich in einem Haus, das Regina Scheer durch einen literarischen Kunstgriff immer wieder selbst von seiner bewegten Geschichte und die ihrer unterschiedlichen Bewohner in Vergangenheit und Gegenwart erzählen lässt. All diese Leben hat Regina Scheer zu einem großen literarischen Epos verwoben, ein Epos voller Wahrhaftigkeit und menschlicher Wärme.

 

Es sind diese vielen unterschiedlichen Menschen, die sich trotz allem etwas bewahrt haben von ihrer tiefen Menschlichkeit, die den Leser berühren und bewegen.

 

Ein großer Roman, vielschichtig konstruiert und mit viel Herzblut geschrieben. Mit diesem Buch empfiehlt sich Regina Scheer schon jetzt für eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2019.

 

Der Schauspieler Johannes von Bülow hat diese sehr gelungen gekürzte Hörbuchfassung eines großen Romans auf eine bewundernswerte Weise eingelesen, die allen Figuren, und es gibt ja wahrlich viele in diesem Buch eine einzigartige und authentische Stimme gibt.

 

Beim Hören fühlt man sich bald wie ein stiller, unsichtbarer Bewohner dieses Hauses , in dem sich die Lebenswege von Einheimischen und  Zugezogenen, von Verfolgten, Verlierern und Verachteten kreuzen, alle miteinander auf der Suche nach einem kleinen Stückchen Glück.

 

 

 

 

 

 

 

 

Geistergeschichte

 

 

 

Laura Freudenthaler, Geistergeschichte, Droschl 2019, ISBN 978-3-99059-025-6

 

Zu ihrem mit dem Bremer Literaturpreis 2018 augezeichneten letzten 2017 erschienenen Roman „Die Königin schweigt“ schrieb die Jury vor einem Jahr:

„Mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises wird Laura Freudenthaler für „Die Königin schweigt“ ausgezeichnet. Ein stiller, konzentrierter Roman, der eine alte Frau, die sich gegen das Erinnern und das Erzählen sperrt, auf ihr von Verlusten bestimmtes Leben zurückblicken lässt. Freudenthaler zeichnet das eindringliche Porträt einer Generation, die ein scheinbar unspektakuläres Dasein führte, in dem sich aber tatsächlich die große Geschichte verbirgt.“

 

Auch der neue Roman von Laura Freudenthaler, der wieder beim kleinen ambitionierten Droschl Literaturverlag in Österreich erschienen ist, entzieht sich auffallend deutlich dem literarischen Mainstream der Gegenwartsliteratur.

 

„Geistergeschichte“ erzählt von der etwa 50 -jährigen Klavierlehrerin Anne. Sie hat beschlossen, sich ein Freijahr, andernorts auch „Sabbatjahr“ genannt, zu gönnen und während dieser Zeit sich ohne Unterrichtsverpflichtungen ausschließlich dem eigenen Klavierspiel zu widmen und nebenbei ein Lehrbuch zu verfassen.

 

Doch bald schon kommt sie von dem vorgezeichneten Weg ab und sie gerät in einen Sog, in dem sie sich regelrecht aufzulösen droht und in den die Autorin den Leser auf eine Weise mitnimmt, der er sich nicht entziehen kann. Ihre üblichen Gewohnheiten vernachlässigend und ihr Vorhaben aus den Augen verlierend, streift Anne tagsüber durch die Stadt und überschreitet die Grenzen des ihr bisher Bekannten. Nachts hält sie ihre Beobachtungen in einem Notizheft fest. Diese Auflösung der  bisher für sie gewohnten Struktur hat auch Folgen für das Leben mit ihrem Partner Thomas, mit dem Anne seit zwanzig Jahren schon in einer gemeinsamen Wohnung lebt. Über diese lange Zeit sind zu einem Paar zusammengewachsen, das viele gemeinsame Erinnerungen teilt und den anderen perfekt zu lesen weiß.

Doch mit Annes Verwandlung werden sie sich immer fremder. Das was Anne schon seit einiger Zeit vermutet, dass Thomas eine Affäre hat, wird für sie nun  zur Gewissheit.  Ihre Wahrnehmung verändert sich mit jedem Tag mehr, für den Leser eine ebenso interessante wie irritierende Wendung. Immer mehr (ver)führt Laura Freudenthaler ihre Leser hinein in eine verfremdete Welt voller Spiegelungen und doppelten Bedeutungen, eine Wahrnehmungswelt von Anne, in der ihre Wirklichkeit und ihre Phantasie (oder soll man es anders nennen?) mehr und mehr sich vermischen. Zwischendrin taucht das Mädchen, mit dem Thomas sie angeblich betrügt, wie ein Geist auf, Anne hört Geräusche und nimmt Dinge wahr, die sie (und auch der Leser) nicht mehr eindeutig zuordnen kann.

 

Eine fragile Welt ist das, in der sich Freudenthalers Protagonistin da zunehmend bewegt. Die Grenzen von Wirklichkeit und Traum, das was Realität ist und was Einbildung, verschwimmen auch für den irritierten Leser, dem zwischendurch immer erschreckender deutlicher wird und werden soll, wie zerbrechlich und knapp von einer fürchterlich Grenze entfernt sein eigenes Leben und seine eigene Existenz verläuft. Das Lesen dieses Buches ist eine fast körperliche und auf jeden Fall seelische Grenzerfahrung.

 

Wer hätte eine solche Entfremdung, wie sie Anne erlebt, nicht schon einmal selbst erfahren, oder hat zumindest Angst davor?

 

 

 

 

 

 

Ich auch

 

 

 

Daniela Kulot, Ich auch, Gerstenberg 2019, ISBN 978-3-8369-5684-0

 

Daniela Kulot ist bekannt für ihre lustigen und meist witzig gereimten Bilderbücher. Auch ihr neues im Gerstenberg Verlag erschienenes kleines Buch für Kinder ab etwa 18 Monaten reiht sich in die Riege ihrer erfolgreichen und beliebten Kinderbücher ein.

 

Es geht darum, zusammen mit den kleinen Kindern den Spaß und die Freude am eigenen Körper zu entdecken. Mit lustigen Reimen wird daraus ein tierisch guter Mitmachspaß, denn die eigenen Körperteile werden mit denen von Tieren verglichen. Beispiel gefällig: „Das Schwein hat einen runden Bauch. Ich auch !“

 

Ein wunderschönes Buch zum gemeinsamen Anschauen, Vorlesen, Mitreimen und miteinander spielen!