Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Das Kleine

 

 

 

ISOL, Das Kleine, Jungbrunnen Verlag 2018, ISBN 978-3-7026-5920-2

 

Marisol Misenta, geboren am 6. März 1972 in Buenos Aires  ist eine argentinische Illustratorin, Kinderbuchautorin und Sängerin, deren Mononym Isol ist. Schon 2015 hat sie dort ein wunderbares Bilderbuch veröffentlicht mit dem Titel  „Das Kleine“, vermutlich nach der Geburt eines eigenen Kindes. Jedenfalls ist es gewidmet „Anton und seinem Papa“.

 

Mit für ISOL typischen knappen Strichzeichnungen wir die Ankunft eines kleinen Menschenkindes auf dieser Erde erzählt, darüber räsoniert, wo es wohl vorher war.  Es ist noch sehr klein und weiß noch nicht, was es mit seinem Körper anfangen soll und all den Dingen, die er von sich gibt. Doch dass er an Mamas Brust trinken soll, das scheint er von irgendwoher zu wissen.

 

Die Zeichnerin und mit ihr der kleine Betrachter des Bilderbuches staunen darüber, wie an diesem kleinen  Menschenkind alles bestens durchdacht ist, und alles eine bestimmte Funktion hat.

 

Da gibt es zum Bespiel eine laute Sirene, die es ertönen lässt, wen irgendetwas ihm nicht passt oder wenn es etwas braucht.

 

Doch nicht nur das Kleine muss sich an eine für ihn neue Situation gewöhnen, auch die Menschen, zu denen es gekommen ist. Für sie ist alles neu, nichts ist mehr so wie vorher. Daran müssen sie sich bei aller Freude über das Kleine erst gewöhnen.

 

Es wird größer und irgendwann lernt es die Sprache seiner Eltern und es erfährt, dass auch die Großen einmal Kleine waren. Das gefällt ihm, es fühlt sich zu Hause „und bleibt für immer da“.

 

Für alle neuen Eltern und für ihren größer werdenden Nachwuchs. Ein witziges Bilderbuch, an dem Ihre Kleinen Spaß haben werden. Machen Sie sich aber auf viele Fragen gefasst. Sie werden wissen wollen, wie das alles bei ihnen war, als sie Babys waren.

 

Die Knotenlöserin

 

 

Lena Raubaum, Clara Frühwirth, Die Knotenlöserin, Tyrolia 2018, ISBN 978-3-7022-3702-8

 

Jedes kleine Kind kennt das: irgendetwas beim Spielzeug oder das Schuhband haben sich verknotet, verwickelt und verstrickt, verheddert und verzwickt.

 

Dann braucht man jemand, der mit Geschick und Geduld die Konten wieder löst. Meist ist bei Kindern die Mutter, die sofort Abhilfe schafft. Bie den Menschen in dem Bilderbuch von Lena Raubaum und Clara Frühwirth ist es eine Frau, die wie früher die Trödler oder Altwarenhändler in bestimmten Abständen in die Stadt kommt. Sie setzt sich meistens an den Brunnen und dann kommen sie auch schon gelaufen, alte und junge Menschen und bringen ihr all das, was verwirrt und verirrt, verschlungen und verwickelt, verstrickt und verzwickt ist.

 

Mit geduldigen Hände arbeitet sie, die Menschen schauen ihr zu und sie hört sich deren Geschichten an. Doch sie löst nicht alle Knoten. Denn:

„Manche Knoten sind nicht mein, manche Knoten müssen sein und manche lösen sich ganz von allein.“

 

Ein schönes märchenhaftes Bilderbuch.

 

 

Peter in Gefahr. Mut in Hoffnung im Zweiten Weltkrieg

 

Helen Bate, Peter in Gefahr. Mut in Hoffnung im Zweiten Weltkrieg, Moritz Verlag 2019, ISBN 978-3-89565-373-5

 

Helen Bate erzählt die wahre Geschichte des jüdischen Jungen Peter in der Form einer Bildergeschichte, die in ihrer Form Kinder ab dem Grundschulalter sicher ansprechen wird. Die jüngst verstorbenen Mirjam Pressler hat das Buch aus dem Englischen übersetzet

 

Peter wächst während des Zweiten Weltkrieges im von den Nazis besetzten Budapest auf. Eigentlich hat er ein ganz normales Leben. Doch sehr bald gerat dieses Leben durcheinander und schließlich total aus den Fugen. Erst muss er einen gelben Stern auf seiner Jacke tragen, dann wird er aus seinem Elternhaus vertrieben.

 

Nur sehr knapp kann sich Peter zusammen mit seiner Familie vor der Deportation retten und muss sich verstecken. Das Buch erzählt von der Angst entdeckt zu werden, von Hunger und Kälte, aber auch von einem Alltag im Krieg, stellenweise großer Langeweile und  von einem wichtigen Märchenbuch. Als einer von nur wenigen ungarischen Juden überlebt Peter den Holocaust. Russische Soldaten befreien ihn aus seinem Versteck.

 

Genaue und kindgerechte Informationen über den Holocaust in Ungarn, über die heutige Familie von Peter, der in Österreich lebt und ein Stadtplan von Budapest ergänzen ein wichtiges und außergewöhnliches Kinderbuch.

 

 

 

Vom Glück mit Hühnern zu leben. Hühnerfreunde und ihre Geschichten,

 

Manuela von Perfall, Jessica Jungbauer, Vom Glück mit Hühnern zu leben. Hühnerfreunde und ihre Geschichten, Callwey 2019, ISBN 978-3-7667-2377-2

 

Besonders auf unseren Dörfern gab es schon immer Menschen, hauptsächlich Männer, die sich in Geflügelzuchtvereinen organisierten und die verschiedensten Hühnerrassen züchteten und sie einml n jahr auch ausstellten.

 

Doch der Trend, den das vorliegende Buch von Manuela von Perfall und Jessica Jungbauer beschreibt, hat mit dieser alten Tradition nicht mehr viel  zu tun.  Die beiden Autorinnen haben Hühnerfreunde besucht (ausschließlich Frauen), sie fotografiert inmitten ihrer gefiederten Freunde und lassen sie ihre Geschichte erzählen.

 

Dazu geben sie eine Mange Tipps und Tricks zur richtigen Hühnerhaltung, zeigen sehr viel Wissenswertes über verschiedene Hühnerarten und verraten ihre besten Rezepte rund um das Huhn.

 

Ein neuer Haustiertrend.

 

 

Rein ins Grüne, raus in die Stadt. Eine Reise durch urbane Gärten

 

 

Renate Künast, Victoria Wegner, Rein ins Grüne, raus in die Stadt. Eine Reise durch urbane Gärten, Callwey 2019, ISBN 978-3-7667-2409-0

 

Dieses Buch macht Hoffnung, weil es zeigt, dass mitten in der Stadt, mitten in Beton und vielen Gebäuden und anderen versiegelten Flächen die Natur sprießen kann und Menschen, die sich dem Urban-Gardening verschrieben haben viele grüne Oasen  geschaffen werden. Da es immer mehr werden in großen Städten und sie oft nahe beieinanderliegen, sind diese Oasen nicht nur ein grüner Hort für geschützte Pflanzen, sondern locken auch Insekten und anderen Tiere an.

 

Seien die Flächen teilweise auch noch so klein, der Drang und das Verlangen vieler Menschen, im Kontakt mit der Natur zu stehen und sich dafür zu engagieren ist groß.

 

Der vorliegende Gartenführer erzählt die Mut machende Geschichte grüner Projekte und deutschen und in internationalen Städten. Er porträtiert den Garten an sich und die Köpfe und Charaktere dahinter. Das Gartenbuch der etwas anderen Art soll einen Einblick in bestehende Urban Gardening Projekte aus Deutschland und anderen Ländern geben. Jedes Projekt wird in einem Porträt vorgestellt und beinhaltet Hintergrund, Geschichte, Besonderheiten, Gartentipps, Kochrezepte und Pflanzentipps. Ein umfassendes Verzeichnis gibt einen Überblick über alle öffentlichen Gartenprojekte.

 

Eine spannende und unterhaltsame Reise durch urbane Gärten.

 

 

 

Frauen Power made in Europe. Große europäische Frauen im Porträt

 

 

 

Petra Bachmann, Frauen Power made in Europe. Große europäische Frauen im Porträt, arsedition 2019, ISBN 978-3-8458-3031-5

 

In Zeiten von „Germanys Next Top Model“ und diverser Bachelor Serien sind hochgestylte, meist sehr dünne junge Frauen mit meist großen Oberweiten und recht brotlosen Beschäftigungen mit wenig Ausbildung zum Leidwesen vieler Eltern für nicht wenige Mädchen ab 11-12 Jahren zu zumindest zeitweisen Vorbildern geworden, denen sie nacheifern wollen.

 

Sozusagen im Kontrast zu diesen modernen „Vorbildern“ hat Petra Bachmann über 70 Frauen aus Europa porträtiert, von Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert bis zu der jüngsten Weltumseglerin Laura Dekker, die 1995 geboren ist.

 

 

Auf jeweils einer bzw. zwei Doppelseiten werden die Frauen, ihr Leben und ihr Wirken vorgestellt. Das Layout ist für junge Leser/innen ansprechend und locker aufgebaut.

 

All diese Frauen haben zu ihrer Zeit Mut, Fantasie, Klugheit und Durchhaltevermögen bewiesen. Die meisten von ihnen haben großen Wert auf eine gute Ausbildung gelegt, die für viele damals noch nicht selbstverständlich war.

 

Ein wertvolles Buch und ein schönes Geschenk für junge  Menschen ab etwa 12 Jahren.

Baby Animals

 

 

Michael Poliza, Baby Animals, teNeues Verlag 2018, ISBN 978-3-96171-141-3

 

Auf seinen vielen Reisen auf dem afrikanischen Kontinent hat der bekannte Fotograf Michael Poliza auch immer wieder Jungtiere fotografiert, die aber in seinen meist voluminösen Bildbänden bisher keine Aufnahme fanden. Nun hat er sie alle zusammengestellt und darunter viele bisher unbekannte Aufnahmen ausgewählt. Es begegnen dem Betrachter Löwen aus Botswana, Schimpansen und Gorillas aus Tansania und viele andere wildlebende Tiere.

 

Michael Poliza ist immer sehr nahe an seinen Objekten dran, egal ob er auf dem afrikanischen Kontinent tätig ist oder etwa in den Eislandlandschaften der Arktis und Antarktis. Wenn man in Betracht zieht, mit welcher hohen Aufmerksamkeit Muttertiere überall auf der Welt ihre Jungen bewachen und beschützen, ist es sehr erstaunlich, wie und dass es Poliza, ein wahrer Meister der Wildlife- Fotografie, gelingt, so nahe an die Tiere heranzukommen und solche Aufnahme zu machen.

 

„Baby Animals“ ist eine wunderbare Sammlung sehr bewegender Bilder. Vielleicht mögen die Kleinen in der Familie dieses Buch auch betrachten?

 

 

 

Rheinblick (Hörbuch)

 

 

 

Brigitte Glaser, Rheinblick (Hörbuch), Hörbuch Hamburg 2019, ISBN 978-3-95713-158-4

 

In ihrem Roman „Bühlerhöhe“ entführte Brigitte Glaser ihre Leser 2016 in das Deutschland der frühen fünfziger Jahre, in die Zeit der Debatten über die Wiederbewaffnung und der Wiedergutmachungszahlungen an Israel. Dem gelungenen Roman gelang eine sehr gute Mischung aus dem Porträt zweier starker Frauen und ihren Lebensgeschichten und – träumen und einer spannenden Handlung auf dem Hintergrund der innenpolitischen Debatten der frühen fünfziger Jahre in der BRD, die die meisten der heutigen Leser nicht selbst miterlebt haben.

 

Wohl auch durch den Erfolg dieses Buches ermutigt, hat Brigitte Glaser für ihr neues Buch einen ähnlichen Plot gewählt. Und wieder sind zwei starke Frauen die Hauptfiguren. Es ist das Jahr 1972. Nachdem Rainer Barzel mit einem Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt gescheitert ist, wobei ein später aufgeklärter Bestechungsskandal eine wichtige Rolle spielte, hat Willy Brandt am 19.11. 1972 nach einem fulminanten und kräftezehrenden Wahlkampf („Willy muss Kanzler bleiben“) mit einem sensationellen Ergebnis für die SPD die Wahl gewonnen. Koalitionsgespräche mit der FDP stehen an.

 

Doch Willy Brandt hat seine Stimme verloren und wird in einer Bonner Klinik an den Stimmbändern operiert. Für die nächsten beiden Wochen muss er in der Klinik bleiben und darf nicht sprechen. Die Logopädin Sonja Engel soll sich neben dem medizinischen Personal um seine Genesung kümmern.

 

Gleichzeitig ist in der Bonner Traditionsgaststätte „Rheinblick“ der Teufel los. Seit vielen Jahren schon ist die Wirtin Hilde Kessel dort der Mittelpunkt einer bunten Gästeschar aus Abgeordneten und Regierungsmitarbeitern. Sie kennt sie alle, und bewahrt über all das, was ihr zu Ohren kommt, Stillschweigen. Seit ihr Mann Arnold vor drei Jahren gestorben ist, führt sie die Gaststätte mit einem treuen Mitarbeiter alleine.

 

Sonja, die stundenlang im Vorraum zu Brandts Zimmer auf ihre knapp bemessenen Übungszeiten mit dem Kanzler wartet, bekommt zwangsläufig mit, wie bei Brandt nicht nur sein Kanzleramtsminister Ehmke und sein Vertrauter Egon Bahr hektisch ein und aus gehen, weil sie ihn, letztlich vergeblich, versuchen, in die Koalitionsverhandlungen und in die Postenvergabe einzubinden.  Hier hat sich Helmut Schmidt schon längst Vorteile verschafft, die den Anfang von Ende der Kanzlerschaft Brandts einläuten werden. Er wird sich von seinem Klinikaufenthalt politisch jedenfalls nie mehr wirklich erholen und bald schon Helmut Schmidt Platz machen müssen.

 

In dem Roman gibt es neben der Klinik, in der Sonja arbeitet, zwei Zentren: zum einen den „Rheinblick“ und Hilde Kessel mit ihrer verwickelten Geschichte und eine Wohngemeinschaft, in der Sonja mit anderen zusammenwohnt.

 

Sonja ist mit einem SPD- Abgeordneten verwandt, der zusammen mit seinen Genossen nicht nur Stammgast bei Hilde Kessel ist, sondern auch in den politischen Auseinandersetzung  nach der gewonnenen Wahl eine wichtige Rolle spielt.

 

Auch der Taxifahrer und Student Max Dorando, Mitbewohner der WG, wird eine wichtige Rolle spielen, bekommt er doch in seinem Taxi Vorgänge mit, die zu tun haben mit dem Verschwinden eines Mädchens aus der Provinz, mit dem sich die in der WG vorübergehend untergekommene junge Journalistin Lotti aus Baden-Württemberg befasst. Sie wird während ihres Aufenthaltes in Bonn Wolfgang Schäuble interviewen, sich in Max verlieben und Wesentliches zur Aufklärung eines Verbrechens beitragen, das zunächst mit dem politischen Bonn in Verbindung gebracht wird und auch in Hilde Kessels Rheinblick Unruhe  auslöst.

 

Wer hat damit zu tun und wer war vor dem Misstrauensvotum in die Bestechungen verwickelt? Auch Hildes mühsam geheim gehaltene Vergangenheit kommt durch einen Abgeordneten wieder ans Tageslicht und gefährdet ihre Zukunft.

 

Brigitte Glaser hat auf eine geniale Weise die Lebensgeschichten der handelnden Personen miteinander verwoben und daraus einen nicht nur spannenden Roman gemacht, sondern sie ermöglicht dem jüngeren Leser, der diese Zeit nicht persönlich erlebt hat, einen wichtigen Einblick in eine Zeit, die zentral war für die Geschichte der Bundesrepublik.

 

Die gesamte Handlung umfasst nur den Zeitraum zwischen dem 18.11.1972 und dem 4.12.1972, eine Zeit, in dem politisch die Weichen für ein ganzes Jahrzehnt gestellt wurden.

 

Brigitte Glaser zeigt sich erneut als eine großartige Erzählerin. Sie ist sehr geschickt darin, die einzelnen Geschichten zu verweben und ihre Charaktere beinahe beiläufig in die anderen Handlungsstränge treten zu lassen.

 

Ein großer Roman.

 

Mit der vorliegenden gekürzten Lesung hat die Schauspielerin Tessa Mittelstaedt diese bewegende Geschichte von zwei selbstbewussten Frauen im Schatten der politischen Macht in Bonn auf eine sehr lebendige Weise in Szene gesetzt.

 

Mit ihrer Stimme und ihrer Interpretation führt sie den Hörer mitten hinein in ein für die Bundesrepublik folgenreiches Geschehen im November 1972 und lässt die zwei weiblichen Hauptpersonen, Sonja Engel und Hilde Kessel dem Hörer ganz nahe kommen.

 

Eine sehr gelungene Lesung. Auch die Kürzungen sind gut gewählt.

 

 

 

 

 

Kuss

 

 

 

Simone Meier, Kuss, Kein & Aber 2019, ISBN 978-3-0369-5794-4

 

Der neue Roman von Simone Meier hat es in sich. Auf eine witzige und  dennoch total ernsthafte, auf eine schonungslose und dennoch augenzwinkernde Weise beschreibt und dekonstruiert sie die Beziehungen und Fantasien von drei modernen Menschen, die geradezu aus unserer eigenen Umgebung stammen könnten. Ich bin davon überzeugt, dass es bei aller Überzeichnung in der Gegenwart sehr viele solche Menschen gibt, die mit ihren Beziehungen und mit ihren Lebensplanungen nicht wirklich zurechtkommen.

 

Da ist zunächst das Paar Gerda und Yann. Sie sind beide in den Dreißigern und haben, wohl in Zürich, in einer alten Siedlung am Stadtrand ein heruntergekommenes altes Haus bezogen. Gerda ist vor einiger Zeit arbeitslos geworden, könnte spielend einen neuen Job bekommen, lügt sich aber damit in die Tasche, dass sie auf eine übersteigerte Weise sich um die Renovierung und Verschönerung des Hauses kümmert. Die nötigt ihrem Partner Yann Respekt ab und hindert ihn gleichzeitig daran, zwei Fragen zu stellen, die ihm eigentlich auf den Nägeln brennen. Wann wird Gerda wieder arbeiten gehen und falls nicht, wann werden sie eine Familie gründen? Genau diese Fragen meidet Gerda wie der Teufel das Weihwasser, während Yann seinen anspruchsvollen Job klaglos erledigt.

 

Doch beide sind sie unzufrieden. Gerda flüchtet sich in eine imaginäre Affäre, die zunächst wie ein Spiel sich für sie anfühlt, doch bald  sie mit aller Macht zu verzehren beginnt.  Yann zeigt sich auch nicht sicher, als er ein rätselhaftes Mädchen voller anspruchsvoller Forderungen  kennenlernt.

 

Und die zunächst lange unsichtbar bleibende, dann aber mit Macht im Roman agierende Nachbarin Valerie, eine etwa 50- jährige Journalistin sieht sich nach einer folgenreichen Nacht plötzlich mit der Frage konfrontiert, ob das Leben ausgerechnet für sie noch einmal einen neuen Anfang bereit hält.

„Kuss“ ist ein Roman über moderne Beziehungen und was sie verhindert bzw. zerstört.  Er beschreibt die Lücke, die Leere, wenn das Prickeln und die Schmetterlinge am Anfang einer Beziehung abgelöst worden sind von einem Alltag, in dem die Langeweile Menschen dazu treibt, ihr Seelenheil und Glück, ja auch das Prickeln in fantasierten oder tatsächlichen  Anderen zu suchen. Und was geschieht, wenn sie dadurch etwas in Gang setzen, was sie alle zusammen unwiderruflich ins Unglück stürzt?

 

Obwohl sehr unterhaltsam, weil überaus witzig geschrieben, ist „Kuss“ dennoch ein verstörender Roman über die Beziehungsunfähigkeit junger Menschen. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass hier nicht nur drei Protagonisten beschrieben werden, sondern dass es viele, zu viele sind, denen es in der Gegenwart so geht. Man mag sich das einsame Elend dieser Menschen im Alter gar nicht vorstellen.

 

All die Jahre

 

 

J.Courtney Sullivan, All die Jahre, Deuticke Verlag 20918, ISBN 978-3-552-06366-2

 

Nach ihren beiden ebenfalls bei Deuticke in Wien erschienenen Romanen „Sommer in Maine“ und „Verlobungen“ legt die in New York lebende Schriftstellerin J. Courtney Sullivan mit „All die Jahre“ ihren nächsten umfangreichen Familienroman vor. Zwischen der Gegenwartsebene im Jahr 2009 und verschiedenen Zeitebenen der Vergangenheit wechselnd erzählt sie die bewegte Geschichte von Nora Flynn und ihrer Schwester Theresa.

 

Nora Flynn ist 21 Jahre alt, als sie mit ihrer jüngeren Schwester Theresa aus Irland nach Amerika auswandert. Sie will mit dieser Emigration ihrem Verlobten folgen, der schon in den USA ist und ihrer Schwester dort eine Ausbildung ermöglichen.

 

Doch Theresa wird schwanger und Nora trifft aus Gründen, die nicht verraten werden sollen, eine schwerwiegende Entscheidung und wählt ein Leben als Nonne.

 

Über fünfzig Jahre später werden die beiden Schwestern nach einem tödlichen Unfall des ältesten Sohnes von Theresa wieder Kontakt miteinander aufnehmen, nachdem eine jahrzehntelanges Schweigen zwischen ihnen herrschte. Und sie sehen sich gezwungen, sich in einem schmerzhaften Erinnerungsprozess mit dem auseinandersetzen, was ihr Leben für immer verändert hat.

 

„All die Jahre“ ist ein gelungener Familienroman, der historische Vergangenheit und Gegenwart einer Familie und zweier Schwestern miteinander verbindet, ein Leben mit vielen Geheimnissen, die Stück für Stück ans Licht kommen. Am Ende lädt Sullivan ihre Leser ein, sich ihr eigenes Ende weiterzuspinnen.