Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Die Liebe im Ernstfall

 

 

Daniela Krien, Die Liebe im Ernstfall, Diogenes 2019, ISBN 978.-3-257-07053-8

 

Fünf Frauen werden in dem neuen Roman der Leipziger Schriftstellerin Daniela Krien porträtiert, der der große Diogenes Verlag in  Zürich eine neue Heimat gegeben hat, nachdem ihre beiden ersten, von der Kritik positiv aufgenommenen Bücher noch im kleinen Graf Verlag erschienen waren.

 

Die Lebensgeschichten der fünf beschriebenen Frauen sind teils locker, teils enger miteinander verbunden und sie haben vieles gemeinsam. Sie erzählen von Frauen, die als Kinder und Jugendliche den Fall der Mauer erlebt haben. Sie alle leben in Leipzig oder der direkten Umgebung der prosperierenden Stadt. Wenn man ihr Leben mit einer negativen Brille betrachtet, könnte man zu Meinung gelangen, sie seien alle mehr oder mehr weniger gescheitert. Doch Daniela Krien betrachtet ihre Protagonisten mit viel Sympathie und Einfühlungsvermögen, hat sie doch wahrscheinlich mit der neuen Freiheit nach dem Fall der Mauer ähnliche Erfahrungen gemacht. Eine Freiheit, die sich bald als eine neue und andere Form von Zwang herausgestellt hat: den Zwang zu wählen nämlich.

 

Wie Daniela Krien die Lebensgeschichten von Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde miteinander verwoben und beschrieben hat, hat mich beim Lesen sehr an den Schreibstil von Kent Haruf erinnert und seine Menschen in der fiktiven Stadt Holt in Colorado. Harufs Bücher erscheinen ebenfalls bei Diogenes.

 

Bei allen fünf Frauen geht es darum, wie sie sich selbst definieren. In welcher Rolle als Frau sehen sie sich selbst? Welche zugeschriebenen Rollen lehnen sie ab?  Wie halten sie es mit den Männern? Braucht man überhaupt einen, um ein „richtiges“ Leben zu führen, oder kommt frau allein besser zurecht?  Ist man ohne Mann oder Familie eine richtige Frau?

 

Wie verhält es sich mit der Liebe in diesen Zeiten?  Ist sie eine Falle oder ist sie eher das ersehnte Ziel des Lebens?

 

Fünf Frauen auf der Suche nach ihrer eigenen Bestimmung, fünf Frauen, für die Daniela Krien ähnlich wie Kent Haruf für seine Figuren, nach teilweise dramatischen Lebensentscheidungen  und -krisen jeweils ein versöhnliches bzw. hoffnungsvolles Ende findet. Ein Ende jedenfalls, das der „Liebe im Ernstfall“ eine Chance offen lässt und den Frauen eine Perspektive und Lebensaufgabe.

 

Ein berührendes Buch über Frauen, die trotz aller Anfechtungen und Probleme nicht aus ihrem Leben herausfallen und sich nicht brechen lassen, vom wem oder was auch immer.

 

 

 

 

Blutmond

 

 

 

 

 

Katrine Engberg, Blutmond, Diogenes 2019, ISBN 978-3-257-07058-3

 

Ein Jahr nach dem großen Erfolg ihres Krimidebüts „Krokodilwächter“ um die beiden Kopenhagener Kriminalassistenten Jeppe Korner und Anette Werner legt die dänischen Autorin Katrine Engberg ihren zweiten Fall vor.

 

Jeppe Korner ist nach einem längeren Urlaub in Australien, wo er eine junge Dänin kennengelernt hat, psychisch wiederhergestellt, nachdem er im ersten Band in einem schlimmen seelischen Zustand war. Dafür schleppt sich seine Kollegin Anette Werner, die im ersten Band einen sehr stabilen und ausgeglichenen Eindruck machte, während der gesamten Ermittlungen mehr schlecht als recht hin, bevor der Leser ganz am Ende eine sehr überraschende Erklärung ihres schlechten körperlichen Zustandes erfährt.

 

Es ist Januar in Kopenhagen und klirrend kalt, als der in der Modewelt bekannte Designer und Modezar Alpha Bartholdy am frühen Morgen auf dem Parkplatz des Geologischen Museums tot aufgefunden wird. Vorher fand in den prunkvollen Sälen dieses Museums ein Empfang im Vorfeld der Copenhagen Fashion Week statt, an dem nicht nur Bartholdy teilnahm, sondern, wie sich bald herausstellt, auch Jeppe Korners Freund Johannes. Die Leser des ersten Bandes erinnern sich: bei diesem Freund war Jeppe während seines Durchhängers untergekommen.

 

Doch Johannes ist unauffindbar, als Jeppe und Anette, die sich kurz vor einem Herzinfarkt wähnt, aber dennoch die Zähne zusammenbeißt und weiter arbeitet, ihre Ermittlungen aufnehmen. Bald schon stellt sich heraus, dass Alpha Bartholdy durch eine sehr ätzende Flüssigkeit, die er getrunken hat, qualvoll zu Tode gekommen ist.

 

Die beiden sind noch nicht recht vorangekommen bei ihren Ermittlungen als zwei Tage später ein zweiter Mord auf die gleiche Weise geschieht. Gibt es weitere Parallelen zwischen diesen beiden Mordfällen?  Was und wer konnte dahinter stecken?

 

Wie im ersten Band schon taucht die alte Krimischriftstellerin Esther de Laurenti zusammen mit ihrem Partner Gregers wieder auf, und ihre scharfe Beobachtungsgabe und ihre Leidenschaft für eine bestimmte Radiosendung werden für die sehr überraschende und lange von Engberg vorbereitete Lösung des Falles noch sehr wichtig werden. Genauso wie übrigens etliche schon sehr früh im Buch eingeführte und weiterverfolgte Personen, die mehr oder weniger in die Handlung verwoben sind und die man als Leser von Anfang an im Auge behalten sollte.

 

Engberg lockt ihren Leser genauso wie ihre beiden Ermittler von einer heißen Spur zur nächsten, um dann am Ende wieder völlig überraschend ihre kaum für möglich gehaltene Lösung zu präsentieren.

 

Man darf gespannt sein, wie diese neue Serie weitergeht. „Blutmond“ jedenfalls ist ein spannender Thriller über das glitzernde Leben in der Modewelt, ein Roman über Betrug, Eifersucht, Rache und falschen Schein.

 

 

 

 

 

 

 

Sommer in Super 8

 

 

Anne Müller, Sommer in Super 8, Penguin 2018, ISBN 978-3-328-60015-2

 

Der in Schleswig-Holstein aufgewachsenen und heute in Berlin lebenden Schriftstellerin Anne Müller ist mit ihrem ersten literarischen Roman ein ganz besonderes Buch gelungen. Ein Buch, das in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielt und die Atmosphäre dieser Zeit, ihrer Mode und ihrer Musik auf eine Weise einfängt, die jeden, ob Mann oder Frau, der in diesem Jahrzehnt jung war, das Buch wegen des hohen Wiedererkennungswertes der eigenen Jugend nicht mehr aus der Hand legen lässt.

 

Clara, die die Geschichte ihrer Familie und ihre eigene Rolle darin in diesem Buch erzählt, ist 1963 geboren, an einem Mittwoch, wie sie extra betont, denn alles Wichtige in ihrem Leben passierte an einem Mittwoch. Sie ist das mittlere von schließlich fünf Kindern einer Landarztfamilie in dem imaginären Dorf Schallerup hoch im Norden der Republik. Die Familie König ist gebildet, da gibt es Hausmusik, die Kinder spielen je nach Stimmungslage des Vaters ausgewählte Stücke. Claras Mutter ist eine schöne Frau, elegant und klug und die Partys, die sie regelmäßig organisiert in ihrem Haus und Garten für Menschen aus dem Ort und der Umgebung aus ihrer Schicht, sind legendär.

 

Claras Vater wird von seinen Patienten als ein guter, weltoffener und witziger Arzt geschätzt und geliebt. Dass er ein veritables Alkoholproblem hat, übersehen sie konsequent, ja sie bieten ihm bei Hausbesuchen immer einen an.

 

Für Clara hat der Vater, der schon besonders in Urlauben seine Familie auf Super 8 Filmen festhält, eine große Bedeutung. Sie bewundert ihn, orientiert sich an ihm und spürt deshalb auch schon bald und vielleicht als erstes der Kinder, dass sich der Vater verändert. Sein Alkoholkonsum wird stärker, seien Launen heftiger und seine Eskapaden häufiger.

 

Indem sie älter wird, verändert sich der Fokus ihrer Erinnerungen von der Familie und der ausführlichen Beschreibung ihrer Mitglieder hin zu ihrer eigenen Teenagerzeit mit ihrer eigenen Kultur. Auch hier ein extrem hoher Wiedererkennungswert für LeserInnen, die um diese Zeit erwachsen wurden. Doch sobald sich ihr Blick wieder auf die Familie, insbesondere auf den Vater richtet (die Mutter bleibt erstaunlich blass im Roman), spürt und beschreibt sie, welch dramatische Veränderungen dort vor sich gehen. Und als das Schreckliche und Endgültige passiert, ist es natürlich an einem Mittwoch.

 

Anne Müllers Buch ist ein großer, unterhaltsamer und gleichzeitig tiefgängiger Familienroman.

Die Autorin vermag auf einfühlsame Art und mit einer zarten und poetischen Sprache die Gefühlswelt und Gedankengänge eines Mädchens zu vermitteln, das zwischen unbeschwerter Kindheit und erstem Erwachen lebt, sich zwischen Schule, Kirche und Familie bewegt, seine erste Verliebtheit und die folgende  Enttäuschung und mit dem Schicksal des Vaters die tiefe Trauer des Lebens erfährt und so erwachsen wird.

 

 

 

 

Abels letzter Krieg

 

 

 

 

 

 

Daan Heerma van Voss, Abels letzter Krieg, DTV 2018, ISBN 978-2-423-28968-9

 

Das vorliegende Buch ist ein engagiertes Plädoyer für einen bedingungslosen Einsatz in einer Gegenwart, in der sein Autor mannigfach Parallelen zieht zu einer Vergangenheit, in der während des Nationalsozialismus Millionen von Menschen verfolgt wurden und den Tod fanden. Dieser Vergleich, der sich van Voss` Protagonisten Abel Kaplan immer wieder aufdrängt, ist gewagt, und ich bin mir nicht sicher, ob er der Grund ist, warum das schon 2018 bei DTV erschienene Buch bisher jedenfalls keine nennenswerte Resonanz bei der hiesigen Literaturkritik gefunden hat.

Abel Kaplan war früher ein durchaus erfolgreicher Schriftsteller. Doch seit einiger Zeit will ihm nichts mehr einfallen. Seit langem wartet er auf die Idee für das große Buch. Seine Frau Eva, deren Namen er angenommen und für die er zum Judentum konvertiert ist, mag nicht mehr mit ihm zusammenleben, nur zum gelegentlichen Sex treffen sie sich. Weil er kaum noch Tantiemen verdient, arbeitet er in Amsterdam in einer islamischen Schule. Aus einem kleinen Raum, der aussieht wie eine Rumpelkammer, erledigt er diversen Verwaltungskram und notiert akribisch die Fehlzeiten der Schüler. Hier habe ich schon zum ersten Mal die Stirn gerunzelt angesichts der Unwahrscheinlichkeit einer solchen Konstruktion. Weitere Handlungskonstruktionen ähnlicher Art werden im Laufe des Buches folgen. Bei jedem anderen Buch hätte ich es aus der Hand gelegt und auf den Lektor geschimpft, der so ein wirres Konzept zulässt, doch irgendetwas an diesem Abel Kaplan hat mich vom ersten Moment an angezogen. Es ist nicht sein Weltschmerz und seine Unzufriedenheit, es sind die Dinge, die sein Leben von heute auf morgen auf den Kopf stellen.

 

Da ist ein Schüler, der von seinen Mitschülern gemobbt und schwer gequält wird. Doch seine naiv-hilflosen Briefe an den Rektor der Schule werden nicht beantwortet. Gleichzeitig entdeckt Abel in der Stadt ein Gebäude, das hoch umzäunt ist und von bewaffneten Sicherheitskräften bewacht wird.

Seine Freundin Judith erzählt ihm, dass es sich um eine Abschiebelager für Roma handelt, was ihn in seiner Weltsicht, da wiederhole sich Geschichte, nur bestätigt. Während dieses Lager geräumt wird, rettet er einen Romajungen und nimmt ihn bei sich auf.

 

Und Abel kopiert heimlich das Tagebuch, das Judiths Vater hinterlassen hat und in dem der seine Erfahrungen als junger Häftling im Vernichtungslager Auschwitz aufgeschrieben hat.

 

Diese drei Erfahrungen machen aus dem vorher eher stillen und passiven Zeitgenossen einen getriebenen Menschen, der glaubt, die Welt und sich selbst retten zu können und dabei ständig Grenzen überschreitet. In der Schule findet er keinen geeigneten Weg, dem kleinen Ibrahim zu helfen, wählt ungeeignete und naive Interventionen und wird schließlich entlassen.

Die Betreuung des Romajungen überfordert ihn und seine Vorstellung, er tue genau das, was Menschen im Dritten Reich taten, als sie Juden versteckten, fand ich überzogen und unangemessen.

 

Sein Umgang mit dem entwendeten Tagebuch ist genauso widersprüchlich. Er passt die Einträge an, verändert sie und macht sie so zu einem eigenen Text, von dem er sich singuläre literarkritische Aufmerksamkeit verspricht. Er gerät an den Historiker van Stolk, der sich selbst als Fälscher herausstellt.

 

Der Roman ist mit vielen verschiedenen, teilweise unwahrscheinlichen Handlungssträngen überladen, transportiert aber zwei wichtige Botschaften: einmal ist es wichtig und richtig, gegen aktuelle Gewalt und aktuelles Unrecht aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen, aber eben nicht allein und einzelkämpferisch wie Abel es tut. Und zum anderen ist es wichtig, die Erinnerungen und Dokumente von Zeitzeugen für kommende Generationen zu erhalten und zu bewahren

 

Abel Kaplan scheitert mit seinem großen Buch und auch Daan Heerma van Voss` Versuch eines Porträts eines leidenschaftlichen Menschen, der versucht in unmenschlichen Zeiten menschlich zu sein, misslingt an vielen Stellen.

 

Dennoch: der Roman hat mich mitgerissen und die Frage, die er stellt, nicht losgelassen: was bedeutet es heute, menschlich zu sein und was bedeutet es, Verantwortung zu nehmen innerhalb von gesellschaftlichen Zuständen, die tatsächlich an üble Zeiten erinnern, die meine Generation lange überwunden glaubte. Doch nun vor dem letzten Viertel unseres Lebens müssen wir uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass vieles auf einmal wieder möglich scheint und die Zukunft unsere Kinder dunkler scheint als wir für möglich hielten.

 

„Abels letzter Krieg“ erinnert daran.

 

 

 

 

Goldschatz

 

 

 

Ingrid Noll, Goldschatz, Diogenes 2019, ISBN 978-3-257-07054-5

 

Mittlerweile 83- jährig legt Ingrid Noll ihren neuen Roman vor. Und er liest sich frisch und lebendig jung wie je. Als dreifache Mutter und vierfache Großmutter hat sie immer Kontakt zu jungen Menschen gehabt. Sie sagt dazu: „Erwachsenwerden war zu allen Zeiten schwierig. Ich denke, dass es die heutige Jugend trotz und sogar wegen größerer Freiheiten und Wahlmöglichkeiten nicht leichter hat als meine Generation oder die meiner Kinder.“

 

Trixi, die Ich-Erzählerin des Romans, hat von ihrer Tante Emma in der Gegend zwischen Darmstadt und Heidelberg ein altes Bauernhaus geerbt. Den Rat ihrer Eltern, das Ding einfach zusammenzuschieben und etwas Neues zu bauen, schlägt sie aus, und zieht zusammen mit vier anderen Heidelberger Kommilitonen in das Haus ein um dort eine WG aufzubauen. Noch sind Semesterferien und so können die fünf ihre Zimmer, die Küche und das Wohnzimmer instand setzen. Doch der Winter wird kommen, und es müssen neue Fenster und eine Heizung eingebaut werden. Während die fünf noch angestrengt nachdenken, wie das finanziell stemmen sollen, da findet sich in Emmas Trödel ein Säckchen mit wertvollen Goldmünzen.

 

Doch der unverhoffte Schatz löst nicht die Probleme der WG, sondern schafft neue. Denn es wird sich nicht nur zeigen, dass er bei einzelnen von ihnen ungeahnte, aber durchaus menschliche Begierden weckt, die ihre Gemeinschaft, die doch noch so jung und zart ist, erheblich gefährden.  Und da ist auch noch in der furchterregenden Gestalt von Gerhard Gläser ein ziemlich heruntergekommener Nachbar, der nicht nur Anspruch auf den Schatz erhebt, sondern offenbar von weiteren großen Geheimnissen um Emmas Haus und dessen Geschichte weiß…

 

Und obwohl sie doch miteinander angetreten waren, alternativ zu leben, dem Konsumdruck zu widerstehen und eine ökologische Existenz zu führen, vergessen die fünf Studenten angesichts der Goldmünzen immer mehr ihre hehren Ideale. Frust breitet sich in der jungen WG aus, es kriselt immer mehr.

 

Und das wird verheerende und tragische Folgen haben, für alle.

 

„Goldschatz“ ist wie alle Romane von Ingrid Noll wieder sehr unterhaltsam zu lesen und birgt wieder etliche Krimielemente.

 

Absolut empfehlenswert.

 

Schule vor dem Kollaps

 

Ingrid König, Schule vor dem Kollaps, Penguin 2019, ISBN 978-3-328-60081-7

 

Dieses Buch der engagierten Frankfurter Grundschulrektorin Ingrid König ist ein verzweifelter Hilferuf einer Pädagogin nicht nur an die zuständigen Politiker, sondern auch an die Öffentlichkeit.  Denn wenn auch nur ansatzweise zutrifft, was Ingrid König in ihrem Buch beschreibt und anklagt, dann wächst seit Jahren in unseren Grundschulen eine verlorene Generation heran mit noch unausdenkbaren Folgen für unsere Gesellschaft.

 

Denn an unseren Grundschulen zeigt sich mit voller Härte, dass unsere Gesellschaft noch keine wirkliche Antwort entwickelt hat, wie Integration  gelebt werden soll. Da kommen zunehmend Kinder in die Schulen, die in ihren Familien oder den Kindergärten (wenn sie einen besucht haben) keine ausreichenden Fertigkeiten und Kenntnisse und noch weniger Sozialkompetenz entwickelt haben.

 

Die Schulen und die Lehrkräfte sind unter diesen Umständen total überfordert und fühlen sich von den Behörden und der Schulaufsicht und der Kultusbürokratie im Stich gelassen. Es ist ein Wunder, dass es überhaupt noch junge Menschen gibt, die sich für die Tätigkeit in der Grundschule ausbilden lassen.

 

Diese Entwicklung hat schon lange vor der Flüchtlingskrise begonnen und ist durch den massenhaften Zuzug von der deutschen Sprache nicht mächtigen Kindern aus deren Familien nur verschärft worden.

 

Eine ehemalige Erzieherin hat mir vor einigen Jahren schon gesagt, noch vor etwa 15 Jahren hätte es in einer Kindergartengruppe von 25 Kindern vielleicht 3 Kinder gegeben, die sie als Problemkinder bezeichnete. Heute sei es so, dass in einer Gruppe dieser Größe vielleicht 3 Kinder seien, die keinerlei Probleme haben oder machen. Eine befreundete Grundschullehrerin hat mir diese Umkehr auch für ihre Grundschule bestätigt.

 

Kindergärten und Schulen werden noch auf ganz lange Zeit(vielleicht sogar für immer) das ausgleichen und nachholen müssen, was früher ganz selbstverständlich Familien und Eltern geleistet haben. Sie müssen dafür endlich entsprechend ausgestattet werden und die Menschen die dort arbeiten, müssen besser bezahlt und qualifiziert werden.

 

Das Buch von Ingrid König möge dazu helfen, dass es in dieser Hinsicht endlich mehr Bewegung in der Politik gibt. Sie selbst sieht in ihrem Buch leicht hoffnungsvolle Ansätze dazu.

Herr Kules und der Löwe

Stefanie Klinge-Engelhardt, Barbara Steinitz, Herr Kules und der Löwe, Knesebeck 2018, ISBN 978-395728-014-5

 

Herr Kules ist ein alleinstehender distinguierter Mann, von dem wir nur erfahren, dass er jeden Sonntag in den Zoo geht. Jedes Mal bereitet er sich darauf vor, indem er sich ein Brötchen belegt und es zusammen mit einem Apfel und einer Flasche Saft in seine Tasche steckt. Und weil ihn schlechtes Wetter nicht von seinem Zoobesuchsritual abhalten kann, nimmt er seinen Regenschirm mit.

 

So auch an diesem Sonntag. Doch schon kurz nachdem er seine Eintrittskarte gekauft hat, spürt er, dass heute etwas anders ist. Die Pinguine, die er immer zuerst besucht, sind nicht da. Auch viele andere Tiere, denen er danach begegnet, zeigen ein äußerst seltsames Verhalten. Alle versuchen sich zu verstecken.

 

Da kommt auch schon ein Zoowärter angerannt und ruft laut: „Herkules, ist ein Herkules hier?“ Unser Zoobesucher sagt ganz leise: „Ich bin Herr Kules.“

 

Und ganz schnell hat ihn der Zoowärter, obwohl er dem eher zarten Mann das nicht zutraut, engagiert um den ausgebrochenen Löwen einzufangen und zu bändigen.

 

Und wie der völlig angstlose Herr Kules nun mit dem Löwen spricht, freundlich und zugewandt, ihn auf ein Eis einlädt, wie er es selbst jeden Sonntag tut, irritiert den Löwen gewaltig.

„Hast du gar keine Angst?“ fragt er schließlich den vollkommen lockeren Herrn Kules.  Der antwortet: „Du siehst gefährlich aus, stimmt. Aber ich dachte, vielleicht bis du einfach einsam, weil niemand mit dir redet.“

 

Und der Löwe schaut bekümmert. Er beschließt, sich mit Herrn Kules anzufreunden, der den Löwen in sein Gehege zurückbringt und von den anderen Zoobesuchern als Held gefeiert wird. Der jedoch will das nicht und freut sich lieber, als der Löwe sagt: „Du bist mein Freund!“

 

Und am nächsten Sonntag treffen sie sich wieder. Natürlich erst nach den Pinguinen und den Lamas, aber dafür wieder mit leckerem Eis.

 

Ein wunderschönes und kluges Bilderbuch über den klugen und feinfühligen Umgang mit brüllenden Löwen, die es in jeder Kindergartengruppe gibt.  Es zeigt, dass sich hinter aggressivem Verhalten oft eine bedürftige Seele verbirgt.

Wie nennt man ein Kaninchen im Fitnessstudio?

 

Moni Port, Philip Waechter, Wie nennt man ein Kaninchen im Fitnessstudio, Klett Kinderbuch Verlag 2019, ISBN 978-95470-205-3

 

Das bewährte Quatschteam aus Moni Port und dem Karikaturisten Philip Waechter hat wieder zugeschlagen und eine neues herrlich unsinniges Buch herausgebracht mit neuen nicht immer leichten Rätselwitzen und lustigen und originellen Quatschbildern.

 

Viele begeisterte kleine (und wie man hört auch größere) Sprachkniffler haben sich schon an den früheren Quatschbüchern aus dem Klett Kinderbuch Verlag lachend die Zähne ausgebissen und werden  auch an dem neuen Buch viel Freude haben. Beispiel gefällig: Wie nennt man ein weißes Mammut? Antwort: Hellmut.

 

Warum nicht nach der Lektüre sich an eigenen Rätselwitzen versuchen? Vielleicht zusammen mit der ganzen Familie?

Schnurzpiepegal

 

 

 

Barbara Steinitz, Schnurzpiepegal, Knesebeck 2018, ISBN 978ö-3-95728-055-8

 

Es ist bekanntes Phänomen, dass viele Hundebesitzer mit der Zeit ihren Hunden ähneln. Auf der ersten Doppelseite dieses nun wieder aufgelegten Bilderbuches von Barbara Steinitz sind etliche Exemplare davon abgebildet.

 

Doch bei Leonora und Joschka ist das anders. Leonora liebt Opern und ihren Hund Fidelio. Zwei Straßen weiter wohnt Joschka glücklich mit seinem Hund Pistazia zusammen.  Doch wenn sie mit ihren Hunden auf der Straße sind, regen sich die Leute über sie auf, weil sie überhaupt nicht zu ihren Hunden passen. Doch den beiden macht das nichts aus, fast nichts…

 

Eines Tages begegnen sie sich auf der Straße und sie beschließen ihre Hunde zu tauschen. Doch wieder zu Hause spüren alle vier, dass sie damit nicht glücklich sind. Dann begegnen sie sich ein zweites Mal und dann ist alles klar. Die Liebe hat es bewirkt.
Eine witzige Liebesgeschichte, in der es um Außenseitertum, Einsamkeit und Selbstakzeptanz geht. Sie stärkt Kinder auf einfühlsame Weise sich selbst zu akzeptieren, Mut zum Anderssein zu haben und sich nicht von anderen Menschen beirren zu lassen.

Alles Quatsch. Die lustigsten Rätselreime, Zungenbrecher und Quatschbilder von A bis Z

Anke Kuhl u.a., Alles Quatsch. Die lustigsten Rätselreime, Zungenbrecher und Quatschbilder von A bis Z, Klett Kinderbuch 2019, ISBN 978-3-95470-208-4

 

 

Der Klett Kinderbuch Verlag in Leipzig hat in den vergangenen Jahren eine Vielzahl außergewöhnlich lustiger Bilderbücher herausgegeben mit vielen Sprachspielen, Quatschversen, Rätslereime und anderen Zungenbrechern.

 

In dem hier vorliegenden kleinen Sammelband hat der Verlag die besten dieser Texte und der dazugehörigen Illustrationen zusammengefasst. Vielleicht helfen sie mit, Kinder und Eltern auf die anderen Quatschbüchern aufmerksam zu machen, die schon im Verlag erschienen sind. In ihnen geht es nicht nur um reinen Quatsch, sondern sie wollen die Sprachkunst der Kinder anregen und fördern.

 

Das neueste Buch heißt „Wie nennt man ein Kaninchen im Fitnessstudio“. Moni Port und Philip Waechter haben es gemacht.