Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Die ewigen Toten (Hörbuch)

 

 

 

Simon Beckett, Die ewigen Toten (Hörbuch), Argon Verlag 2019, ISBN 978-3-8398-1667-7

 

Das vorliegende Buch ist der mittlerweile sechste Band der Thrillerreihe um den forensischen Anthropologen David Hunter. Man kann das Buch und die Geschichte seines Protagonisten ohne weiteres gut verstehen, auch wenn man, wie der Rezensent, die ersten Bände nicht gelesen hat, was ich im Nachhinein sehr bedaure.

 

Immer wieder vermittelt Simon Beckett in kleinen Rückblicken und einzelnen Hinweisen etwas von der Vergangenheit von Simon Hunter. Wie er seine Frau und seine kleine Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren hat, wie er selbst mehrfach bei seinen Einsätzen nur knapp dem Tod entkommen ist und vor allen Dingen, wie eine psychisch gestörte wunderschöne Frau namens Grace Strachan ihn  beinahe mit einem Messer getötet hätte.

Hunter wohnt deshalb im neuen Buch nicht mehr in seiner alten Londoner Wohnung, sondern in einem exklusiven neuen Wohnblock, wo ihm ein Bekannter vorübergehend eine möblierte Wohnung vermittelt hat. Bei ihm wohnt seine neue Partnerin Rachel, eine Meeresbiologin. Mit ihr hofft er auf eine neue private Zukunft, die ihn die traumatische Vergangenheit vergessen lässt.

 

Nur so viel sei verraten: beide Frauen  werden in dem neuen Buch für Hunter nicht unwichtige Rollen spielen. Hunter arbeitet in seinem neuen Fall wieder mit den aus den früheren Büchern bekannten Polizisten zusammen und es wird sich herausstellen, dass die Lösung des neuen Falles nicht nur für alle eine lebensgefährliche Aufgabe wird, sondern auch für den Forensiker David Hunter eine echte professionelle Herausforderung darstellt.

 

In dem seit Jahren stillgelegten Krankenhaus St. Jude im Londoner Norden, das in Kürze abgerissen werden soll um dann wohl Luxuswohnungen zu weichen, wird auf dem zugestaubten Dachboden eine in eine Plastikfolie gewickelte mumifizierte Leiche gefunden.  Beim Versuch, diese wohl schon lange in St. Jude liegende Leiche zu bergen, bricht der Dachboden an einer Stelle ein, ein Kollege von Hunter stürzt ab und verletzt sich schwer. Bei der Rettung des Kollegen entdecken die Ermittler in einem rundum verschlossenen, weil zugemauerten Raum ohne Fenster zwei weitere Leichen.

 

Auf keinen  Plänen ist dieser Raum zu finden und die Identifizierung der Toten verläuft zunächst schleppend. In einem angrenzenden Wald trifft Hunter auf eine Frau, die ihn auf seltsame Weise anzieht, obwohl sie mit dem ganzen Fall nichts zu tun haben scheint.

 

Es ist für Hunter eine schwierige Ermittlung, zumal seine Partnerin Rachel für drei Monaten  in die Ägais zu einem Projekt geflogen ist und sie auf dem Boot, auf sie mit anderen  Wissenschaftlern arbeitet, kein WLAN hat. Und auch die Angst, dass Grace Strachan zurückkehren könnte, hat seine einsamen Träume im Griff.

 

Hunter sagt über sich: „Die meisten Menschen finden meinen Beruf vermutlich seltsam, geradezu makaber. Ich verbringen mehr Zeit mit den Toten als mit den Lebenden und untersuche Verwesung und Zerfall, um menschliche Überreste zu identifizieren.“

 

Mit einer großen Sachkenntnis und vielen Fachbegriffen beschreibt Simon Beckett  auch in seinem neuen Roman die nicht immer geruchsfreie Arbeit seiner Hauptperson. Doch er macht das so, dass der Leser keinen Abscheu oder Ekel empfindet, sondern zunehmendes Interesse gepaart mit einer ungewöhnlichen Spannung.

 

David Hunter ist ein ungewöhnlicher, vom Schicksal erheblich gebeutelter Forensiker, der mir schnell sehr sympathisch wurde und es bis zum Ende blieb. Das nächste Buch werde ich sicher nicht verpassen.

 

Johannes Steck, die deutsche Stimme von Simon Beckett ist für seine Hörbucheinspielungen der ersten fünf Hunter-Bände schon mehrfach mit  der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet worden. Seine tiefe und raue Stimme passt einfach hervorragend zu dieser soghaft ihren Hörer anziehenden Romanwelt, die Simon Beckett mit seinen Büchern entwirft.

Auch die hier vorliegende ungekürzte Lesung des neuen sechsten Bandes mit David Hunter überzeugt auf ganzer Linie.

 

 

 

 

 

Die Kuh

 

 

 

 

Werner Lampert, Die Kuh. Eine Hommage, teNeues 2019,ISBN 978-3-96171-178-9

 

In der Geschichte des Menschen der letzten 10 000 Jahre ist das Rind oder die Kuh überall auf der Welt nicht wegzudenken. Sie haben unsere Vorfahren genährt und gewärmt, bekleidet und begleitet auf ihren Wanderungen und erst recht nach ihrer Seßhaftwerdung.

 

Werner Lampert, ein Österreicher, der sich seit 45 Jahren für gesunde Bio-Lebensmittel und faire Konsumgüter einsetzt und in seinem Land ein bekannter Mann ist, hat  diesem Begleiter des Menschen in seiner Entwicklung mit diesem voluminösen Buch ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Was ihn dabei bewegt beschreibt er so: „Jahrtausendelang zogen wir mit ihnen durch Kontinente, wir querten Berge und  Meere mit ihnen, unseren treuen und immer zugewandten und unterstützenden Gefährten. Seien wir ihnen durch unsere Zuneigung nahe, unserem Gefährten Rind.“

Die Domestikation vieler Wildrinder an den verschiedensten Orten der Welt, überall dort, wo Menschen lebten, ist für die evolutionäre Erfolgsgeschichte des Homo sapiens nicht wegzudenken. Sie wäre ohne die Kuh nicht so möglich gewesen.

Auf vielen Reisen durch die Welt hat Werner Lampert mit seinen Fotografen unzählige dieser Rinder beschrieben und in ihrem ursprünglichen Lebensraum fotografiert. Das ganz Buch und seine wunderbaren Bilder ist ein kulturgeschichtliches Meisterwerk und ein flammender Appell dafür, die Artenvielfalt auf unserer Erde zu schützen und achtsamer mit den Rindern, Familienmitglieder des Menschen  und Nahrungsquelle gleichermaßen, umzugehen.

Denn durch die Massentierhaltung sind viele dieser Rinderrassen vom Aussterben bedroht.

Das Buch zeigt eindrucksvoll, dass die religiöse, die kulturelle und die gesellschaftliche Entwicklung des Menschen ohne Rinder so nicht möglich gewesen wären. Die Vielfalt und Schönheit der unzähligen Rassen (manche sind vom Aussterben bedroht) sind beeindruckend. Das enge Band zwischen  Mensch und Rind zerreißen zu lassen, würde das Leben des Menschen viel ärmer machen.

Ein großes kulturgeschichtliches Werk von poetischer Schönheit.

 

 

 

 

 

 

Everest

 

 

Sangma Francis, Lisk Feng, Everest, NordSüd Verlag 2019, ISBN 978-3-314-10476-3

 

Der höchste Berg der Welt, der Mount Everest im Himalaya und die Geschichte seiner Besteigungen, die in diesem schönen und lehrreichen Sachbilderbuch aus dem NordSüd Verlag in Zürich erzählt wird, hat mich schon als kleines Kind begeistert. Damals war die Erstbesteigung durch Edmund Hillary und Tensing Norgay erst wenige Jahre her und Informationen darüber in Bilderbüchern rar.

 

Nun haben Sangma Francis und die Illustratorin Lisk Feng heutigen Kindern ein Buch geschenkt, das nicht nur die lange Geschichte der Besteigungen des  berühmten Berges beschreibt, sondern auf den ersten 40 Seiten viele verständlich und kindgerecht erläuterte Informationen über das Gebirgsmassiv des Himalaya und seine Entstehung und Geologie vermittelt. Die Natur dieser lange unzugänglichen Welt wird beschrieben und zahlreiche Mythen und Legenden, die sich um den in vielen Kulturen als heilig verehrten Ort ranken, werden erzählt.

Sangma Francis erforscht anschaulich die Geschichte des Mount Everest, ein Berg, der den Menschen nicht nur alles abverlangt, sondern sie auch immer wieder zu neuen Erfindungen inspiriert hat. Sie erklärt den Kindern,  durch die Bilder von Lisk Feng verständlich dargestellt, was es für eine erfolgreiche Expedition alles braucht, und gibt einen Einblick in das gefährliche Leben der Sherpas.

 

Auch aktuelle Umweltprobleme durch den massiven Bergsteigertourismus im Himalaya werden angesprochen. Denn:

„So stark und standhaft der Mount Everest erscheinen mag, er gehört zu einem zarten Geflecht von Leben auf unserem Planten, von dem auch wir ein Teil sind. Die Veränderungen, die wir der Welt des Everest zufügen, verändern auch die Geschichten, die er erzählen wird.“

 

Ein kritisches Sachbilderbuch zum Entdecken und Staunen für alle, die sich für Berge interessieren.

 

 

 

Die Brücke

 

 

Heinz Janisch/ Helga Bansch, Die Brücke, Jungbrunnen 2019, ISBN 978-3-7026-5929-5

 

 

Schon viele wunderbare, tiefsinnige wie humorvolle Bilderbücher haben die beiden schon zusammen gemacht, der Schriftsteller Heinz Janisch und die Künstlerin Helga Bansch.

 

Das schon unter dem Titel „Die Brücke“ 2010 erstmals bei Jungbrunnen in Wien veröffentlichte Buch handelt von einem Konflikt, bei dem jeder auf seiner Position besteht und nicht nachgeben will, und dem immer wieder erstaunlichen Phänomen, dass es Wege zur Konfliktlösung geben kann, an die vorher niemand zu denken gewagt hätte.

 

Der Text beginnt geheimnisvoll und zieht Vorleser und zuhörendes Kind sofort in seinen Bann: „Der Fluss kennt viele Geschichten. Er kennt auch die Geschichte von der großen  Brücke…“

 

Auf dieser einfachen Hängebrücke begegnen sich eines Tages ein Bär und ein Riese, denen man schon von vornherein unterstellt, dass sie ihren Willen durchsetzen werden. Sie wollen beide die Brücke überqueren und gehen aufeinander zu. Schon hier sieht man die Brücke im Geist herunter krachen – klar ist auf jeden Fall, auf dem schmalen Steg werden sie nicht aneinander vorbeikommen. Und dann beginnt das übliche verbale Gerangel, bei dem jeder seinen Willen deutlich macht und darauf besteht der erste sein zu müssen.

 

Das geht so eine ganze Zeit, bis die Brücke gefährlich zu schaukeln beginnt und beide es uneingestandenerweise mit der Angst zu tun bekommen. Und sie kommen auf eine geniale, fantasievolle und schöne Idee …

 

 

Ein wunderbares Bilderbuch über Konflikt, Kompromiss und die Weisheit des Nachgebens.

 

Nun hat der Jungbrunnen Verlag eine Neuausgabe vorgelegt, die die Texte der Originalausgabe auch in den Sprachen Arabisch und Farsi wiedergibt. In einer Zeit, in der der innere Frieden unserer Einwanderungsgesellschaften davon abhängt, ob untereinander solche Brücken gebaut werden können, wie in diesem Buch, ist diese Neuausgabe sehr zu begrüßen.

 

 

 

 

Hochamt in Neapel

 

 

 

 

Stefan von der Lahr, Hochamt in Neapel, C.H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73133-4

 

Auch in seinem zweiten Roman, der nun bei C.H. Beck erscheinen darf, verbindet der im selben Verlag arbeitende Lektor und Historiker Stefan von der Lahr ein unglaublich scheinendes aktuelles Verbrechen mit einem von ihm erfundenen Geschehen in der Vergangenheit (hier ein verschollen geglaubter Brief von Johann Joachim Winckelmann). Wie schon in seinem ersten Buch „Das Grab der Jungfrau“ spielt sich ein Teil der Handlung in der Verwaltung der katholischen Kirche ab. War es im ersten Buch die Vorbereitung eines angenommenen Dritten Vatikanischen Konzils, sind es im neuen Roman Bischöfe und Priester des Bistums in Neapel.

 

Hauptperson hier ist der sehr sympathisch geschilderte neue Weihbischof, der seit einem Jahr im Amt ist und wegen dieser Berufung in seine Heimatstadt Neapel zurückgekehrt ist. Gian Carlo Montebello hat die Altertumswissenschaftlerin Jacky Neapolitano mit der Neudokumentation der Geschichte des Bistums beauftragt.

 

Im Zuge ihrer Arbeit fällt ihr auf, dass wichtige Dokumente aus der Amtszeit eines Bischofs aus dem 18. Jahrhundert verschwunden sind. Der  persönliche Referent von Montebello, Padre Luis , löst das Rätsel, und sie erkennen aus einem bisher verschollen geglaubten Brief des berühmten Wissenschaftlers Winckelmann, dass möglicherweise die sterblichen Überreste von Alexander dem Großen im Dom von Neapel versteckt sind.

 

Parallel dazu wird Commissario Bariello in Rom in die Handlung eingeführt, der in einem tödlichen Verkehrsunfall ermittelt, bei dem ein Mann offensichtlich absichtlich überfahren wurde. Schon bald stößt Bariello in ein Wespenest aus dunklen Geschäften von angeblich seriösen und vom Staatspräsidenten ausgezeichneten Firmen, die mit radioaktiven Transporten von medizinischen Geräten aus Osteuropa dunkle und lukrative Geschäfte machen.

 

Und da ist noch ein aus der ehemaligen Sowjetunion stammender reicher Oligarch, der einer geheimen Loge vorsteht von angesehenen Bürgern, die alle ihre Verehrung von Alexander dem Großen verbindet.

Dieser Oligarch ist in die gefährlichen Transporte verwickelt und wird sich bald schon mit seinen Mitteln in die Suche nach den sterblichen Überresten des großen Alexander einmischen. Er will mit ihnen ausgestattet glorreich in seine Heimat zurückkehren.

 

In der Zwischenzeit hat Bariello Unterstützung von einem Kollegen aus Neapel erhalten und führt nach seiner schnellen Suspendierung durch seine Vorgesetzten, die die Hand über die mafiösen Geschäfte halten, seine Ermittlungen im Stillen weiter.

 

In Neapel indes wächst die Suche nach Alexander den Kirchenmännern bald über den Kopf, zumal der Verdacht immer offensichtlicher wird, dass auch hochrangige Kirchenmänner verwickelt sind in einen Skandal, der das Wasser vieler Brunnen in Neapel vergiftet und schon vielen Menschen, auch Kindern, das Leben gekostet hat. Doch mutig und entschlossen stellen sie sich dem Verbrechen in den Weg und riskieren dabei viel. Immer mehr Zusammenhänge werden deutlich.

 

Stefan von der Lahr hat einen spannenden Krimi geschrieben mit vielen Informationen über Kunstgeschichte und Kirchengeschichte. In einem ausführlichen Anhang erklärt er Begriffe und Personen, die in dem Buch erwähnt werden. Hat man sich einmal eingelesen und ist das Interesse des Lesers an den historischen Hintergründen geweckt, entwickelt sich das Buch zu einem regelrechten Politthriller, den man nicht ehr aus der Hand legen möchte.

 

Natürlich ist Handlung und sind alle Personen erfunden, aber der Eindruck, das alles könnte so oder ähnlich einmal Realität werden, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren.

 

Die ausführlich beschriebenen Hintergründe der Kirchengeschichte Neapels und seines Heiligen Gennaro und dessen Blutwunder, das in die Handlung eingebaut ist, sind aufschlussreich und interessant.

 

Die Personen, insbesondere der Weihbischof Montebello und sein Sekretär Padre Luis sind sympathisch und meiner Meinung, vielleicht wieder zusammen mit dem mutigen Commissario Bariello aus Rom, gut für einen weiteren Fall.

 

Stefan von der Lahr ist es auch mit diesem Buch hervorragend gelungen, ein ungewöhnliches Krimigenre zu entwickeln aus Kirchen- und Kunstgeschichte und krimineller Gegenwartshandlung.

 

 

 

 

 

Anne Frank

 

 

 

Isabel Thomas, Paolo Escobar, Anne Frank, Laurence King Verlag 2019, ISBN 978-3-96244-060-2

 

In seiner Reihe „Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeiten“ in der schon Bücher über Nelson Mandela und Marie Curie erschienen sind, versucht der Laurence King Verlag in Berlin Kindern im Grundschulalter kindgerecht und verständlich die Lebensgeschichte berühmter und einflussreicher Menschen, die ihnen Vorbilder werden können, nahezubringen.

 

In dem vorliegenden kleinen Buch, das Paola Escobar eindrucksvoll illustriert hat, erzählt Isabel Thomas, die Geschichte von Anne Frank, deren Tagebuch zu einem der berühmtesten Literaturerzeugnisse der Nachkriegszeit werden sollte.

Sehr behutsam bringen Bilder und Text den Kindern die Geschichte dieses Mädchens bei.

 

Mit einer gelungenen  Mischung aus informativer und berührender Erzählung mit eindrucksvollen Illustrationen lässt dieses kleine Buch Kinder die Welt von Anne Frank verstehen. Sie wäre am 12. Juni 2019 90 Jahre alt geworden.
Ein Glossar am Ende hilft beim Verstehen  einiger schwieriger Wörter und Sachverhalte und die vier zum Weiterlesen genannten Bücher sind alle zu empfehlen.

 

 

Amsel und Papagei

 

 

 

Antonie Schneider, Jana Walczyk, Amsel und Papagei, Nilpferd 2019, ISBN 978-3-7074-5217-4

 

 

Unscheinbar, farblos, von keinem beachtet – so sitzt die graue Amsel täglich stumm und traurig in ihrem Nest. Auch die Ermutigungen der anderen Vögel („Eine Amsel muss singen!“) können sie nicht aufmuntern. Sie ist traurig und wird immer noch grauer und grauer. Wäre sie ein Mensch, würde man sagen, sie hat ein e ausgewachsene Depression.

 

Doch Kinder, für die dieses schöne und im Verlauf immer farbenfroher werdende Bilderbuch geschrieben ist, kennen solche Gefühle, wenn man sich unscheinbar, grau und unbeachtet fühlt, keiner mit einem spielen will.

 

Als der Amsel ein Papagei begegnet, der wegen seiner grellen Buntheit nach eigener Aussage ebenso unbeliebt unter den anderen Vögeln ist, wie die graue Amsel, ändert sich für beide ihr Leben. Der Papagei schenkt der Amsel drei Federn: eine so blau wie der Himmel, eine so rot wie die Mohnblumen, eine so golden wie die Sonne.

 

Vor lauter Glück reißt die Amsel ihren Schnabel auf und: sie singt!

Sing mit uns! , rufen ihr die anderen Vögel zu. Und dann singen sie zusammen das Himmelslied, das Lied vom Mohnblumenfeld und das Lied von der Sonne.

 

„Amsel & Papagei“ ist eine schöne gleichnishafte Geschichte darüber, wie aus Traurigkeit und Tristesse Glück und farbige Lebensfreude werden können. Jana Walczyk hat mit ihren immer bunter und fetter werdenden Illustrationen diese Geschichte eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Ich und meine Angst

 

 

 

 

Francesca Sanna, Ich und meine Angst, NordSüd Verlag 2019, ISBN 978-3-314-10471-8

 

Die in der Schweiz lebende Sardinierin Francesca Sanna hat 2016 mit ihrem ebenfalls bei NordSüd verlegten Bilderbuch „Die Flucht“ ihr überzeugendes Debüt gegeben und war damit  2017 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

 

Nachdem sie in der Zwischenzeit für den Atlantis Verlag zwei Bilderbücher geliefert hat, ist sie mit ihrem neuen Buch wieder bei NordSüd gelandet, wohl auch weil sie mit ihrer Geschichte „Ich und meine Angst“ direkt an die Erzählung des kleinen Mädchens aus „Die Flucht“ anschließt.

 

Schon immer hatte das kleine Mädchen eine winzige Freundin namens Angst. Doch seit sie in das neue Land gekommen sind, ist aus der kleinen Angst eine große geworden, die immer noch weiter wächst. Besonders in der Schule wird das deutlich, wie die Angst das kleine Mädchen in seinen Klauen hat. Tagsüber kann sie sich nicht konzentrieren und nachts lässt die große Angst nicht schlafen.

 

Als sich eines Tages ein Junge ihr nähert, sie zusammen zeichnen und er dann, nachdem sie auf den Spielplatz gegangen sind, einem bellenden Hund mit lauter Stimme ausweicht, da spürt das Mädchen, dass auch er so wie sie selbst eine geheime Angst hat.

 

Francesca Sanna zeigt in ihren Bildern sehr ausdrucksstark, wie mit wachsendem Kontakt zu anderen die als weißes Gespenst gezeichnete Angst immer kleiner wird.

„Es ist immer noch nicht leicht, alles zu verstehen. Aber mir ist aufgefallen, dass auch alle anderen Kinder Ängste haben…“

 

In einem persönlich Nachwort erzählt Francesca Sanna davon, wie ihre eigene Angst sie fast hinderte, das Buch fertigzustellen und wie ihr die vielen Kinder aus fremden Ländern, mit denen sie in Schule und Bibliotheken gesprochen hat, dabei geholfen haben, sie zu überwinde

Über das Marionettentheater

 

 

Heinrich von Kleist, Hanna Jung, Über das Marionettentheater, Kunstanstifter Verlag 2019, ISBN 978-3-942795-77-7

 

Im Jahr 1810, also ein Jahr vor dem zusammen mit der unheilbar kranken Freundin Henriette Vogel verübten Selbstmord veröffentlichte der Dramatiker und Lyriker Heinrich von Kleist die essayistische Erzählung „Über das Marionettentheater in den von ihm selbst herausgegeben Berliner Abendblätter. Nachdem die Zeitschrift kurze Zeit später aufgrund finanzieller Probleme und unter hohem Druck der politischen Zensur eingestellt wurde, wurde die Erzählung in vielen Ausgaben bis in die jüngste Zeit immer wieder verlegt.

Die 1972 in Tschernowitz in der Ukraine geborene und in Stade aufgewachsene Illustratorin Hannah Jung hat sie für ihr Bachelorprojekt über den Begriff der natürlichen Grazie wieder ausgegraben und sie auf eine faszinierende Weise illustriert.

 

In Kleist Erzählung geht es um Fragen bleibender Aktualität: Sind Marionetten geeigneter, um natürliche Grazie in ihre Bewegungen einzubauen? Beschädigt die menschliche Reflexion diese Fähigkeit? Hat der Mensch seine Unschuld verloren und kann nie wieder die ideale Anmut erreichen?

 

Hanna Jung setzt den Klassiker in ihrem Bilderbuchdebüt phantasievoll in Szene und ermöglicht durch ihre Illustrationen einen neuen Blickwinkel auf das Werk.

Als der Trecker kam und das Pferd verschwand. Landwirte erinnern sich

 

 

 

Marion Wilk, Ernst Matthiesen (Hg.), Als der Trecker kam und das Pferd verschwand. Landwirte erinnern sich, LV Verlag 2019, ISBN 978-3-7843-5608-2

 

Waren in der Landwirtschaft unseres Landes  in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts starke und extra für die Feldarbeit gezüchtete Pferde noch unentbehrlich, wurde die Landwirtschaft in den Jahren nach 1950 und in den folgenden Jahrzehnte immer mehr durch die Vollmotorisierung vollständig umgekrempelt. Immer mehr und immer größere Traktoren wurden zugelassen und revolutionierten nicht die Feldarbeit sondern auch den Berufsalltag vieler Landwirte und ihrer Familien.

 

Wie haben die Landwirte und ihre Familien diese Veränderungen erlebt? Welche Herausforderungen  durch die neue Technik mussten bewältigt werden und wie sind die Bauern damit umgegangen, etwa durch die Gründung von Maschinenringen, die die enormen Investitionen für den Einzelnen finanzierbar machten?

 

Die beiden Autoren des vorliegenden reich mit Originalfotografien bebilderten Buches haben bei ihren Recherchen mit drei der wenigen Zeitzeugen gesprochen, die diese Zeit noch persönlich erlebt haben.

Rudolf Schwarting, Heinrich Fricke und Hermann Dieck lassen mit ihren kenntnisreichen und humorvollen Schilderungen diese Zeit und ihre kulturellen Umbrüche in der Landwirtschaft noch einmal lebendig werden.

 

Ein Buch voller Erinnerungen Anekdoten und interessanten kulturgeschichtlichen Betrachtungen. Ein wichtiges Zeitzeugnis auch für Historiker lehrreich.