Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Wie du bist, wenn du so bist

 

 

Tanja Szekessy, Wie du bist, wenn du so bist, Klett Kinderbuch 2018, ISBN 978-3-95470-190-2

 

In diesem Buch für kleine Kinder ab 3 Jahren geht es um die Beziehungen und die Interaktionen von Kindern untereinander. Es handelt von einem kleinen Mädchen und einem Hasen. Sie sind seit langem gute Freunde und verstehen sich gut. Aber eben nicht immer. Das gefällt dem Hasen nicht und er sagt zu dem Mädchen: „Ich zeig dir mal, wie das ist, wenn du so bist.“

 

Und dann sehen wir, was das Mädchen macht, wie es den Hasen behandelt und mit ihm auf ganz unterschiedliche Weise umgeht. Und ohne viel, meistens sogar ohne Worte zeigt Tanja Szekessy mit ihren Illustrationen, wie es dem Hasen jeweils geht, wie er sich fühlt. Und sie zeigt, wie er sich fühlt, wenn das Mädchen nicht böse zu ihm ist, sondern zugewandt und lieb.

 

Diesem wunderbaren Bilderbuch gelingt es sehr schnell, Kinder ab 3 Jahren sofort zu erreichen. Denn sie selbst wissen genau, dass auch sie selbst mal gemein und mal lieb sind. Und sie erkennen sich sowohl in dem Mädchen  als auch in dem Hasen sofort wieder.

 

Ein Buch, das geradezu danach ruft, in Kleingruppen in Kitas eingesetzt zu werden, denn Kinder, die andere eher gedankenlos behandeln und sich gegen mündliche Ermahnungen resistent zeigen, können vielleicht mit diesem kleinen Buch erreicht werden.

 

Ein schönes wichtiges Bilderbuch, das zur Empathie ermutigt.

 

 

Ein Kleid voller Geschichten

 

 

Irene Berg, Ingrid Mennen, Ein Kleid voller Geschichten, Kunstanstifter Verlag 2018, ISBN 978-3-942795-66-1

 

Ingrid Mennen erzählt in einer kurzen, poetischen Geschichte, die Rolf Erdorf aus dem Afrikaans ins Deutsche übertragen hat, von der kleinen Tinka. Tinka liebt wie so viele andere Kinder Geschichten, Buchstaben und Wörter über alles. Sie ist ein neugieriges und bücherliebendes Kind, die alles um sich herum entdeckt und zu erfassen versucht.

 

Dazu bastelt sie sich aus einer Zeitung eine eigene Freundin aus Papier, der sie alles erzählt und zeigt von ihrer phantasievollen Welt, die sie sich erschafft.

 

Und noch vieles mehr lässt sich die kleine Tinka einfallen, was den Kindern ab etwa 3 Jahren, denen dieses Buch vorgelesen wird, sehr gefallen wird, zumal Irene Bergs ruhige und farblich sparsame Illustrationen die Geschichte einfühlsam begleiten.

 

 

Chagall

 

 

 

 

 

 

Annette Weber, Chagall, wbg Theiss 2018, ISBN 978-3-8062-3750-4

 

Dieser prächtige und wertvolle Bildband ist eine hervorragende Einführung in das Leben und das wunderbare künstlerische Werk von Marc Chagall. Marc Chagall wurde 1887 als Moische Zagalov in Witesbek im heutigen Weißrussland als Sohn einer strenggläubigen jüdischen Familie geboren. Er hat selbst später einmal zu dieser Herkunft gesagt: „Wäre ich nicht Jude gewesen, wäre ich kein Künstler geworden, oder doch ein ganz anderer.“

 

Die starke Hand seiner Mutter war es, die ihm eine künstlerische Laufbahn ermöglichte. Der Bildband erzählt einiges über sein Leben, seine familiären Hintergründe, seine Ehe mit Bella, seine wechselnden Wohnsitze und vor allem seine Bilder.

 

Hauptthema allerdings ist seine Kunst. Seine leuchtenden, in intensiv farbigen Bilder sprechen sehr viele Menschen an, und so sind Ausstellungen mit seinen  Werken regelmäßig überlaufen. Auch Kirchen, wie etwa  St. Stephan in Mainz, für die er Fenster entworfen hat, sind zu Publikumsmagneten geworden.

 

Seine Bilder werden häufig als Metaphern seiner verlorenen ostjüdischen Lebenswelt gedeutet. Seine unverwechselbare figurative Bildsprache und ihre emotionale Botschaft machen das Werk Chagalls einzig in der Kunst des 20. Jahrhunderts und sind auch von Laien sehr schnell zu identifizieren.

 

Annette Weber erklärt in ihrem wunderbaren Buch die künstlerische Entwicklung Chagalls entlang seiner Biografie, die durch die Erfahrung von Exil und Holocaust geprägt war. Großformatige Abbildungen zeigen Gemälde, Graphiken und Gouachen aus allen Schaffensphasen, darunter auch die berühmten Bibel-Illustrationen und Glasfenster.

 

Für Chagallkenner und Kunstgeschichtler interessant ist ihre Neubewertung des Frühwerks Chagalls und die Einordnung bisher nicht zugänglicher Werkle aus russischem Besitz.

 

Das Buch verschafft seinem Leser und Betrachter einen ästhetischen Hochgenuss und einen frischen Blick auf einen der populärsten Künstler unserer Zeit.

 

 

 

Ruhe sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs

 

 

Rainer Sorries, Ruhe sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs, Butzon und Bercker 2011, 330 Seiten, ISBN 978-3-7666-1316-5

 

Der in Erlangen lehrende evangelische Theologe und Professor für christliche Archäologie und Kunstgeschichte, Rainer Sörries, ist nebenbei auch Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel.

 

Schon in mehreren anderen Veröffentlichungen hat er sich als ein profunder Kenner der Geschichte und des Wandels der Bestattungskultur gezeigt. In diesem Buch nun legt er sozusagen die Summe seiner Forschungen vor: eine „Kulturgeschichte des Friedhofs“. Er geht zurück bis in die Antike und verfolgt dann die verschiedenen Bestattungskulturen und -riten quer durch die Geschichten bis in die Neuzeit.

 

Ab da beginnt das bisher nur für kulturgeschichtlich interessierten Leser wichtige Buch eine Aktualität zu entfalten, der sich kein Leser entziehen kann, der auf dem örtlichen Friedhof oder auf irgendeinem anderen Gräber von verstorbenen Angehörigen zu versorgen hat, oder der sich Gedanken darüber macht, wie er selbst einmal bestattet werden möchte in Zeiten, in denen die eigene Kinder schon lange nicht mehr am Ort leben. Für die wachsende Zahl der Menschen, die ohne Nachkommen irgendwann sterben werden, stellt sich diese Frage noch deutlicher. Es ist aber nicht nur diese Entwicklung, die zu einer großen Veränderung in der modernen Bestattungskultur geführt hat. Es ist auch die immer weiter voranschreitende Entchristlichung unserer Gesellschaft und das Auswandern bisheriger Jenseitsvorstellungen, die immer in der Geschichte Auswirkungen auf die Kultur des Friedhofs hatten, in bunte, nicht schwarze Formen der Esoterik.

 

Die manchmal recht trostlosen Trauerfeiern der beiden christlichen Kirchen, die fehlende Individualität bei vielen Ansprachen und Reden haben diese Entwicklung zugespitzt. Freie Trauerredner mit nicht selten erheblicher theologischer, seelsorgerlicher und ritueller Kompetenz haben mittlerweile ein buntes Spektrum an verschiedenen Bestattungsformen und -riten entwickelt. Sie sind wie immer in der Geschichte, ein Spiegel einer sich wandelnden Gesellschaft.

 

Der Blick auf die Geschichte des Bestattens ist somit immer auch ein Blick auf die Geschichte des Menschen und seiner jeweiligen Kultur. Unsentimental diese Veränderungen bis in die aktuelle Gegenwart aufgezeigt zu haben, ist das große Verdienst dieses Buches. Es sollte privatfortbildnerische Pflichtlektüre jedes Menschen sein, der professionell im Bestattungswesen tätig ist.

 

Den Himmel stürmen (Hörbuch)

 

 

 

Paolo Giordano, Den Himmel stürmen (Hörbuch), Random House Audio 2018, ISBN 978-3-8371-4466-6

 

Paolo Giordano hat in seinem neuen mit enormer emotionaler Präzision geschriebenen Roman „Den Himmel stürmen“ über einen Zeitraum von über zwanzig Jahren hinweg die bewegte und turbulente Geschichte von vier Freunden erzählt, vier junge Menschen, die sich immer wieder finden und dann wieder verlieren.

 

Erzählt wird die lange Geschichte in weiten Teilen von Teresa, einem zu Beginn der Handlung in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in kindlichem Alter befindlichen Mädchens. Sie lebt mit ihren Eltern in Turin und verbringt ihre langen Sommerferien bei ihrer Großmutter in dem kleinen Ort Speziale in Apulien in der Nähe des Meeres.

Als die drei auf einem Hof in der Nachbarschaft lebenden Jungen Bern. Tommaso und Nicola eines Nachts im Pool der Großmutter baden, lernt Teresa die drei Jungs danach näher kennen. In diesem ihrem ersten Sommer schon gehen sie zusammen schwimmen und wandern. In noch kindlicher Offenheit erzählen sie sich alles und wachsen schon da auf eine Weise zusammen, die ihre Beziehung und Freundschaft in den nächsten beiden Jahrzehnte, auch als alle schon längst erwachsen sind, zu etwas ganz Besonderem macht. Doch schon bald entsteht zwischen Teresa und Bern eine Liebe. Bern lebt mit den anderen drei Jungen auf einem nahen Hof unter der Aufsicht von Cesare und dessen Frau. Er erzieht die Jungen, die er teilweise in Pflege hat, abgeschieden von der restlichen Welt in einem recht strengen Glauben an Gott.

 

Ein Sommer folgt dem nächsten, doch irgendwann ist Bern nicht mehr da. Längst ist Teresa in sein Leben und in das Leben auf diesem Hof existentiell hineingezogen und wird es bleiben bis zum Ende. Bald schon, nachdem Cesare pleite gegangen ist, leben mittlerweile volljährige Teresa und die Jungs mit etlichen jungen Leuten dort .Sie versuchen im Einklang mit der Natur zu leben, kommen aber immer wieder in Konflikt mit reichen Nachbarn und Lokalpolitikern, die an das große Geld wollen. Sie engagieren sich politisch, setzen sich für den Erhalt ihrer Obst- und Olivenbäume ein, nicht immer auf dem Boden der Legalität. Doch schon bald wird Teresa allein dort leben, von den Früchten ihrer Landwirtschaft leben und ein einfaches Leben führen. Nach der Beerdigung ihrer Großmutter wird Bern sie ein zweites Mal verlassen.

 

Und alles, was doch so friedlich und harmonisch begann, nimmt bald ein schlimmes Ende. Teresa steht allein vor ihren Beziehungstrümmern, Freundschaften sind zerbrochen und die so starke Liebe zwischen Bern und Teresa scheint dem politischen Kampf für die Natur geopfert. Verzweifelt, aber mit viel innerer Kraft sucht Teresa ihren Platz zu finden in einer Welt, an der sie eigentlich irre zu werden droht und die mit ihrer Rivalität, ihrer Gier und ihren Eifersüchten ihrer großen Liebe den Boden nimmt.

 

„Den Himmel stürmen“ ist ein großer, bewegender Roman über Freundschaft, Liebe und deren Verlust. Er beschreibt meisterhaft menschliche Gefühle und ihre Verwirrungen. Es ist ein Buch über utopische Visionen junger Menschen, ihren Kampf um ihre Ideale und ihr Scheitern.

 

Mit großer Sprachmacht und Poesie schildert der Autor den verzweifelten Kampf zwischen einer großen Liebe zweier Menschen und der Macht visionärer Lebensziele.

 

Geschickt konstruiert vermischt Giordano Rückblicke in die Vergangenheit mit Szenen aus der jeweiligen Gegenwart. Wie in einem Puzzle setzen die jeweiligen Erzähler (es gibt außer Teresa noch andere) Stück für Stück eine zwei Jahrzehnte dauernde Geschichte zusammen, und lassen erst ganz am Ende dem Leser so etwas wie ein vollständiges Bild vor Augen treten.

 

Voller Spannung und mit zunehmendem Staunen liest man sich begeistert durch dieses außergewöhnliche Buch und fragt sich am Ende, wie das Leben dieser Menschen wohl weitergegangen ist.

 

Die erfahrene und versierte Barbara Kleiner hat diesen Roman aus dem Italienischen ins Deutsche übertragen.

Laura Maire hat es in der vorliegenden gekürzte Lesung in eine einfühlsame Hörbuchfassung gebracht, die dem Hörer das Gefühl gibt mitten dabei zu sein. Er kann die Landschaft Apuliens und dass Meeres geradezu spüren. Sie hat die Leidenschaft einer Jugendliebe und  die Einsamkeit des Erwachsenseins überzeugend in Szene gesetzt.

 

 

Stella (Hörbuch)

 

Takis Würger, Stella (Hörbuch), Random House Audio 2019, ISBN 978-3-8371-4643-1

 

Der Spiegelredakteur Takis Würger hat nach seinem vielgelobten Debütroman „Der Club“, der 2017 bei Kein und Aber in Zürich erschien nun den Verlag gewechselt. Sein neuer Roman „Stella“ wird von Hanser in München verlegt und hat schon kurz nach seinem Erscheinen in der Szene der Kritiker heftige Reaktionen ausgelöst. Dazu später einige Worte.

 

Der Roman erzählt zunächst von der Kindheit und Jugend des 1922 in der Schweiz geborenen Friedrich, Sohn eines sehr reichen  Samthändlers und einer alkoholabhängigen Mutter. Sein Vater erzieht ihn dazu, immer die Wahrheit zu sagen und ihr verpflichtet zu sein. Als er eines Tages mit anderen Jungen einen Kutscher mit Schneebällen bewirft und das auf dessen Vorhaltungen auch zugibt, verletzt dieser ihn schwer im Gesicht. Durch diese Verletzung, von der eine große Narbe an der Wange zurückbleibt, wird er farbenblind und kann fortan keine Farben mehr erkennen. Seine Mutter ist eine glühende Verehrerin von Hitler und seiner Bewegung.

 

Erwachsen geworden zieht es Friedrich nach Berlin, wo er in einer Kunstschule Unterricht nimmt. Er will herausfinden, was es mit den angeblich so starken Deutschen auf sich hat, und ob die Gerüchte über die Möbelwagen stimmen, mit denen die Juden im Schanzenviertel abgeholt werden. Sein reicher Vater, der nach dem Ende seines lukrativen Samtgeschäftes nach Istanbul gezogen ist und dort die Sufis studiert, finanziert seinem Sohn Friedrich das ganze Jahr 1942 über (über diesen Zeitraum erstreckt sich auch die Handlung des kurzen Romans) einen Aufenthalt im teuersten Hotel Berlins, dem Adlon.

 

Bei seinem Kunstunterricht lernt Friedrich in der ersten Stunde jene junge Frau kennen, die den Schülern Modell gestanden hat. Sie heißt Kristin und nimmt den unbedarften Friedrich mit in die Clubs Berlin, trinkt Champagner und Kognak mit ihm. Mit ihr hat der junge Schweizer seine ersten sexuellen Erfahrungen. Der Krieg, dessen Verlauf Takis Würger zusammen mit anderen mehr oder weniger wichtigen Ereignissen des jeweiligen Monats kapitel- und monatsweise dokumentiert, scheint weit weg.

 

Eines Tages bleibt Kristin tagelang verschwunden, bevor sie an einem frühen Morgen, schwer verletzt und mit blutigen Striemen im Gesicht an Friedrichs Hotelzimmertür klopft und ihm gesteht, ihn bisher über ihre wahre Identität belogen zu haben. Sie ist Jüdin, heißt Stella Goldschlag und die Gestapo hat ihre falsche Identität enttarnt. Ihre Eltern sind verhaftet worden und nur wenn Stella als sogenannte  „Greiferin“ der Gestapo ihr bekannte Juden für die Verhaftung und Vernichtung zuführt, kann  sie ihre Eltern vor der Deportation bewahren. Stella lässt sich darauf ein, und so wie die historische Stella Goldschlag wird sie auch weiter Juden verraten, auch nachdem ihre Eltern längst in einem KZ umgekommen sind.

Friedrich, der sich in Stella verliebt hat, wie besessen von ihr ist und sich auch mit dem SS-Offizier Tristan van Appen, der Stella seit langem kennt, gut versteht, ist hin- und hergerissen zwischen seiner Selbstachtung und seiner Entrüstung darüber, was Stella da tut und seiner Liebe zu ihr. Mit Hilfe seines Vaters wird der den Leiter des KZ-Gefängnisses Walter Dobberke vergeblich versuchen zu bestechen.

 

Am Ende wird er mit zwei Gefühlen in die Schweiz zurückfahren. Das erste ist die Erkenntnis, dass es sehr wohl so etwas wie Schuld gibt, obwohl sein Vater das in seiner Kindheit abstritt. Das zweite Gefühl ist Dankbarkeit Stella gegenüber: „Danke, dass du mir gezeigt hast, was Liebe ist.“

 

Immer wieder zitiert Takis Würger aus den originalen Protokollen eines Sowjetischen Militärtribunals über die hunderte von Fällen, in denen Stella Goldschlag Juden an die Gestapo verraten hat.

 

Das Buch hat wie zu Beginn erwähnt, sehr schnell eine noch andauernde so schon lange nicht mehr geführte Kritikerdebatte ausgelöst, in der es keine Zwischentöne mehr zu geben scheint.

 

Zugegeben, die Erfindung jenes doch ziemlich naiven jungen Schweizers, dem offenbar auch in diesen Zeit 1942 das Geld nicht ausgeht (schwer vorstellbar), der nach Berlin zieht und dort die historische Stella Goldschlag trifft und sich in sie verliebt, als Rahmen für ein Porträt dieser Frau und der Fragestellung der Bewertung ihrer Taten, scheint nur als Notlösung haltbar. Denn Stella Goldschlag selbst erzählen zu lassen, diesen Schritt hat der Autor nicht gewagt.

 

Doch die sehr grundsätzlich und moralisch gestellte Frage geistert durch die Feuilletons, ob man ein solches Thema auf diese Weise darstellen darf und kann. Während die Kulturredaktion des NDR das Buch zum „Buch des Monats“ gewählt hat, lehnen es andere zum Teil mit Empörung ab, so als hätte Takis Würger hier ein größtmögliches Sakrileg begangen. Es geht dabei um den Vorwurf der Effekthascherei, des Kitsches, die Tatsache, dass Würger beim Spiegel arbeitet, weckt bei vielen Assoziationen zum Fall Relotius. Letztlich geht es um die Frage: darf man in Deutschland über die Nazizeit und oder eine jüdische Hauptfigur auf eine so kurzweilige und unterhaltsame Weise schreiben? Darf ein Buch über ein solches Thema von einem Nichtjuden geschrieben werden und darf es unterhaltsam sein?

 

Hannah Lühmann schrieb in der WELT: „Warum sollte es denn verwerflich sein, einen kurzweiligen Roman auch über eine entsetzliche Zeit zu schreiben?“

 

Das habe ich mich beim Lesen und Schreiben auch gefragt. Dass man an der nun wirklich naiven männlichen Hauptperson einiges kritisieren kann, okay. Aber einem Autor quasi zu untersagen, eine solche Geschichte zu erfinden, grenzt an hypermoralische Zensur.

 

Die hier bei Random House Audio vorliegende ungekürzte Hörbuchfassung des so umstrittenen Buches wurde von Valery Tscheplanowa und Robert Stadlober professionell eingelesen. Diese Präsentation der Handlung durch eine Frau und einen Mann ist hervorragend gelungen und zeigt meines Erachtens, wie man einen solchen Stoff durchaus unterhaltend und szenisch packend für ein Hörpublikum umsetzen kann.

 

Eine wirkliche gute Geschichte über Angst und Hoffnung – und über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.

 

 

 

Stella (Hörbuch)

 

Takis Würger, Stella (Hörbuch), Random House Audio 2019, ISBN 978-3-8371-4643-1

 

Der Spiegelredakteur Takis Würger hat nach seinem vielgelobten Debütroman „Der Club“, der 2017 bei Kein und Aber in Zürich erschien nun den Verlag gewechselt. Sein neuer Roman „Stella“ wird von Hanser in München verlegt und hat schon kurz nach seinem Erscheinen in der Szene der Kritiker heftige Reaktionen ausgelöst. Dazu später einige Worte.

 

Der Roman erzählt zunächst von der Kindheit und Jugend des 1922 in der Schweiz geborenen Friedrich, Sohn eines sehr reichen  Samthändlers und einer alkoholabhängigen Mutter. Sein Vater erzieht ihn dazu, immer die Wahrheit zu sagen und ihr verpflichtet zu sein. Als er eines Tages mit anderen Jungen einen Kutscher mit Schneebällen bewirft und das auf dessen Vorhaltungen auch zugibt, verletzt dieser ihn schwer im Gesicht. Durch diese Verletzung, von der eine große Narbe an der Wange zurückbleibt, wird er farbenblind und kann fortan keine Farben mehr erkennen. Seine Mutter ist eine glühende Verehrerin von Hitler und seiner Bewegung.

 

Erwachsen geworden zieht es Friedrich nach Berlin, wo er in einer Kunstschule Unterricht nimmt. Er will herausfinden, was es mit den angeblich so starken Deutschen auf sich hat, und ob die Gerüchte über die Möbelwagen stimmen, mit denen die Juden im Schanzenviertel abgeholt werden. Sein reicher Vater, der nach dem Ende seines lukrativen Samtgeschäftes nach Istanbul gezogen ist und dort die Sufis studiert, finanziert seinem Sohn Friedrich das ganze Jahr 1942 über (über diesen Zeitraum erstreckt sich auch die Handlung des kurzen Romans) einen Aufenthalt im teuersten Hotel Berlins, dem Adlon.

 

Bei seinem Kunstunterricht lernt Friedrich in der ersten Stunde jene junge Frau kennen, die den Schülern Modell gestanden hat. Sie heißt Kristin und nimmt den unbedarften Friedrich mit in die Clubs Berlin, trinkt Champagner und Kognak mit ihm. Mit ihr hat der junge Schweizer seine ersten sexuellen Erfahrungen. Der Krieg, dessen Verlauf Takis Würger zusammen mit anderen mehr oder weniger wichtigen Ereignissen des jeweiligen Monats kapitel- und monatsweise dokumentiert, scheint weit weg.

 

Eines Tages bleibt Kristin tagelang verschwunden, bevor sie an einem frühen Morgen, schwer verletzt und mit blutigen Striemen im Gesicht an Friedrichs Hotelzimmertür klopft und ihm gesteht, ihn bisher über ihre wahre Identität belogen zu haben. Sie ist Jüdin, heißt Stella Goldschlag und die Gestapo hat ihre falsche Identität enttarnt. Ihre Eltern sind verhaftet worden und nur wenn Stella als sogenannte  „Greiferin“ der Gestapo ihr bekannte Juden für die Verhaftung und Vernichtung zuführt, kann  sie ihre Eltern vor der Deportation bewahren. Stella lässt sich darauf ein, und so wie die historische Stella Goldschlag wird sie auch weiter Juden verraten, auch nachdem ihre Eltern längst in einem KZ umgekommen sind.

Friedrich, der sich in Stella verliebt hat, wie besessen von ihr ist und sich auch mit dem SS-Offizier Tristan van Appen, der Stella seit langem kennt, gut versteht, ist hin- und hergerissen zwischen seiner Selbstachtung und seiner Entrüstung darüber, was Stella da tut und seiner Liebe zu ihr. Mit Hilfe seines Vaters wird der den Leiter des KZ-Gefängnisses Walter Dobberke vergeblich versuchen zu bestechen.

 

Am Ende wird er mit zwei Gefühlen in die Schweiz zurückfahren. Das erste ist die Erkenntnis, dass es sehr wohl so etwas wie Schuld gibt, obwohl sein Vater das in seiner Kindheit abstritt. Das zweite Gefühl ist Dankbarkeit Stella gegenüber: „Danke, dass du mir gezeigt hast, was Liebe ist.“

 

Immer wieder zitiert Takis Würger aus den originalen Protokollen eines Sowjetischen Militärtribunals über die hunderte von Fällen, in denen Stella Goldschlag Juden an die Gestapo verraten hat.

 

Das Buch hat wie zu Beginn erwähnt, sehr schnell eine noch andauernde so schon lange nicht mehr geführte Kritikerdebatte ausgelöst, in der es keine Zwischentöne mehr zu geben scheint.

 

Zugegeben, die Erfindung jenes doch ziemlich naiven jungen Schweizers, dem offenbar auch in diesen Zeit 1942 das Geld nicht ausgeht (schwer vorstellbar), der nach Berlin zieht und dort die historische Stella Goldschlag trifft und sich in sie verliebt, als Rahmen für ein Porträt dieser Frau und der Fragestellung der Bewertung ihrer Taten, scheint nur als Notlösung haltbar. Denn Stella Goldschlag selbst erzählen zu lassen, diesen Schritt hat der Autor nicht gewagt.

 

Doch die sehr grundsätzlich und moralisch gestellte Frage geistert durch die Feuilletons, ob man ein solches Thema auf diese Weise darstellen darf und kann. Während die Kulturredaktion des NDR das Buch zum „Buch des Monats“ gewählt hat, lehnen es andere zum Teil mit Empörung ab, so als hätte Takis Würger hier ein größtmögliches Sakrileg begangen. Es geht dabei um den Vorwurf der Effekthascherei, des Kitsches, die Tatsache, dass Würger beim Spiegel arbeitet, weckt bei vielen Assoziationen zum Fall Relotius. Letztlich geht es um die Frage: darf man in Deutschland über die Nazizeit und oder eine jüdische Hauptfigur auf eine so kurzweilige und unterhaltsame Weise schreiben? Darf ein Buch über ein solches Thema von einem Nichtjuden geschrieben werden und darf es unterhaltsam sein?

 

Hannah Lühmann schrieb in der WELT: „Warum sollte es denn verwerflich sein, einen kurzweiligen Roman auch über eine entsetzliche Zeit zu schreiben?“

 

Das habe ich mich beim Lesen und Schreiben auch gefragt. Dass man an der nun wirklich naiven männlichen Hauptperson einiges kritisieren kann, okay. Aber einem Autor quasi zu untersagen, eine solche Geschichte zu erfinden, grenzt an hypermoralische Zensur.

 

Die hier bei Random House Audio vorliegende ungekürzte Hörbuchfassung des so umstrittenen Buches wurde von Valery Tscheplanowa und Robert Stadlober professionell eingelesen. Diese Präsentation der Handlung durch eine Frau und einen Mann ist hervorragend gelungen und zeigt meines Erachtens, wie man einen solchen Stoff durchaus unterhaltend und szenisch packend für ein Hörpublikum umsetzen kann.

 

Eine wirkliche gute Geschichte über Angst und Hoffnung – und über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.

 

 

 

Dodgers

 

Bill Beverly, Dodgers, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07037-8

 

Bill Beverly erzählt in seinem hier vorliegenden Romandebüt von Jugendlichen, die eigentlich nichts mehr zu verlieren haben. Jungs, die täglich sich darüber wundern, dass sie überhaupt noch am Leben sind. Sie sind alle im Drogenviertel von Los Angeles aufgewachsen und haben schon in ganz jungen Jahren kriminelle Jobs.

East, einer der jüngsten von ihnen, hat lange Zeit mit anderen Jungs aus dem Viertel ein Drogenhaus beaufsichtigt. Als es durch eine Unaufmerksamkeit von ihm auffliegt und auch andere Häuser des Bosses betroffen sind, glaubt East, jetzt sei es um ihn geschehen. Doch der mit ihm verwandte Boss hat einen Job für ihn. Er schickt ihn mit einem Auto auf die Flucht nach Osten. Dort ist er erst mal aus der Schusslinie. Doch es gibt auch einen Auftrag: er soll einen Richter erschießen, der bald in einem Verfahren gegen den Boss aussagen soll. Er wird mit seiner Tochter in einem Haus in Wisconsin versteckt gehalten.

 

Zusammen mit East gehen sie auf einen langen Roadtrip quer durch die USA: sein schießwütiger jüngerer Bruder Ty, der Gamer Michael und der dicke, clevere Walter. Alle mit Trikots von den L.A Dodgers ausgestattet, machen sie sich auf den Weg, Geld, eine Waffe und gegenseitiges Misstrauen im Gepäck.

 

Sehr genau und detailliert beschreibt Beverly die Gruppendynamik der vier so unterschiedlichen Jungen, ihre jeweilige furchtbare Geschichte, in der sie mit 13-15 Jahren schon so viel Schlimmes erlebt haben, dass es für ein ganzes Leben reicht. Sehr viele überraschende Wendungen machen das Buch zu einer spannenden Lektüre. Es geht eigentlich alles schief, was nur möglich ist. Und dennoch erkennt East im Laufe der Handlung etwas, was sein Auftraggeber für ihn von Anfang an im Sinn hatte: es kann für ihn mehr als nur ein Leben geben.

 

Die Jungs sind samt und sonders nicht gerade sympathisch in ihrem Wesen. Doch mit viel warmherzigem Verständnis nähert sich Bill Beverly seinen Figuren und versucht beim Leser so etwas wie ein Nachvollziehen ihres jeweiligen durch furchtbare Umstände in der Kindheit geprägten Wesens zu erreichen.

 

 

 

 

Rhetorik. Die Kunst der Rede im digitalen Zeitalter

 

 

Michael Ehlers, Rhetorik. Die Kunst der Rede im digitalen Zeitalter, books4success 2018, ISBN 978-386470-625-7

 

Wer möchte das nicht können: professionell auftreten, wirkungsvoll überzeugen und mit Worten führen, egal ob im Beruf oder auch im ehrenamtlichen Engagement in Politik und Vereinen. Das vorliegende Standardwerk von Michael Ehlers beschreibt überzeugend, wie man das lernen und üben kann. Denn die Rhetorik ist das wichtigste Instrument für jeden, der an seiner Wirkung arbeiten und seine Mitmenschen nachhaltig beeindrucken möchte. Im digitalen Zeitalter hat sich unsere Kommunikation jedoch gravierend verändert. Sie wurde schneller und vor allem manipulativer. Wie man in und mit diesen neuen Medien sich rhetorisch bewegt, darauf geht Ehlers im Unterschied zu etlichen klassischen Rhetorikbüchern ausführlich ein. Denn es gilt nach wie vor, dass wir unsere hochkomplexe Umwelt verstehen müssen, um unsere Ziele kommunizieren zu können.

 

Deshalb ist es die größte Leistung dieses Buches, dass es die klassischen Regeln der Redekunst sozusagen in das digitale Zeitalter transferiert und überzeugend nachweist, das gerade heute Rhetorik eine Fähigkeit ist, die zu verstehen und zu beherrschen sich lohnt, für alle die ein Ziel erreichen wollen.

Sozialdemokratie wagen. Neue Politik für Deutschland und die SPD

 

Simone Lange, Sozialdemokratie wagen. Neue Politik für Deutschland und die SPD, Plassen Verlag 2018, ISBN 978-3-86470-611-0

 

Wir erinnern uns: Simone Lange, im Rest Deutschlands recht unbekannte Oberbürgermeisterin von Flensburg in Schleswig-Holstein, kandidiert mutig am 22. April 2018 auf dem Bundesparteitag gegen Andrea Nahles und holt als Newcomerin und Außenseiterin  aus dem Stand 28 %. Wieviel davon ihrer engagierten Vorstellungsrede geschuldet war oder dem tiefsitzenden Frust der Delegierten über die Parteiführung konnte schon damals nicht überzeugend beantwortet werden.

Seit dieser Zeit ist die SPD in den Umfragen weiter abgestürzt und befindet sich wenige Monate vor den Europawahlen kurz vor dem parteihistorischen Abgrund.

Simone Lange war seit dieser Zeit etliche Male Gast in Talkshows und manche haben sich gefragt,  was ihre persönlichen Pläne im Zusammenhang mit der SPD sind.

 

In dem vorliegenden Buch verrät sie darüber nichts, wohl aber beschreibt sie ausführlich und authentisch, wofür sie steht und welchen Weg aus der Krise sie sich für ihre Partei vorstellt.

Offen, ehrlich und konsequent benennt sie die Fehler, die der SPD den Status Volkspartei und das Vertrauen der Bürger geraubt haben, darunter nicht zuletzt die Agenda 2010. Sie setzt ihre eigene, ziemlich linke Agenda für eine menschliche Politik, eine sozialdemokratische Erneuerung und eine Reform der politischen Mechanismen in diesem Land.

 

Nach der Lektüre dieses durchaus erfrischenden Buches bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass eine Erneuerung der SPD nicht möglich sein wird, solange sie mit der CDU eine Regierung bildet. Ich rechne noch in diesem Jahr, spätestens nach den Landtagswahlen in Ostdeutschland, mit einer grundlegenden Veränderung. Dann, da bin ich sicher, wird man auch von Simone Lange und ihren politischen Ideen wieder mehr hören.

 

Das Buch ist für alle Menschen von Interesse, die sich für deutsche Politik und die SPD im Besonderen interessieren bzw. deren Herz dafür schlägt.