Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Brennende Cevennen. Ein Kriminalroman aus dem Süden Frankreichs

Anne Chaplet, Brennende Cevennen. Ein Kriminalroman aus dem Süden Frankreichs, Kiepenheuer & Witsch 2018, ISBN 978-3-462-05075-2

 

Anne Chaplet hat eine neue Krimireihe gestartet, die sie in der wilden Landschaft des Vivarais am Fuße der Cevennen spielen lässt, wo sie selbst seit vielen Jahrzehnten einen Teil ihres Lebens verbringt. Man spürt ihren Beschreibungen von Natur und Menschen ab, wie sehr sie dieses Land liebt und wie sie sich immer wieder mit ihm und seinen Bewohnern auseinandersetzt. Die sind nämlich in einer langen auf die Hugenotten zurückgehenden Tradition in ihrer Mehrheit rebellisch. Viele Aussteiger und Propheten leben dort und halten die alten Traditionen hoch. Nicht immer gleich verständlich und nachvollziehbar für Fremde, die sich dort niedergelassen haben. So wie die 42 – jährige, frisch verwitwete Tori Gordon, eine ehemalige Anwältin aus Deutschland, die sich dort niedergelassen hat und nach einer neuen Lebensaufgabe sucht.

 

Tori Gordon hat den Tod ihres Mannes Carl, der von Hugenotten abstammte und in dieser Gegend aufwuchs, noch immer nicht ganz überwunden und auch die Ereignisse, die im ersten Band der Reihe beschrieben wurden und die sie selbst in Lebensgefahr brachten, sind ihr noch gut in Erinnerung. Ihr neuer Freund, zu dem sich eine zarte Liebe entwickelt hat, ist selten bei ihr, weil er bei seinen Restaurationsarbeiten in weit entfernten Regionen Frankreichs anwesend sein muss.

 

Nun ist es Sommer. Es hat wochenlang keinen Tropfen geregnet, der Boden und die Felder sind ausgetrocknet. In solchen Zeiten war es schon immer normal, dass es in den Cevennen brennt, auch wenn es nicht wie vor langer Zeit unter dem Schlachtruf „die Cevennen müssen brennen“ gegen die widerspenstigen und andersgläubigen Hugenotten ging, sondern entweder durch Selbstentzündung Flächen brannten, oder durch Brandstiftung bestimmte Geschäfte befördert werden sollten.

 

Das Buch beginnt, als Tori Gordon und ihr Hund July, den sie im letzten Band aufgenommen und lieb gewonnen hatte, durch einen Feueralarm aus dem Schlaf gerissen werden. Wie gesagt, seit Jahrhunderten prägt das Feuer die wilde Landschaft und die Menschen des Vivarais. Dort, wo einst zur goldenen Zeit der Seidenraupenzucht unzählige Maulbeerbäume standen, jagt der Wind die Flammen über Berge und Ebenen. Tori macht sich sofort auf die Suche und findet auf einer Hochebene neben den verkohlten Überresten eines Wohnwagens die Leiche eines Hundes. Franco Jeger, ein Schweizer Bürger, Bewohner des Wohnwagens und Besitzer des toten Hundes, ist spurlos verschwunden.

 

Und wieder macht sich Tori auf die Suche, denn dass Jeger seinen eigenen Hund umgebracht haben sollte, kann sie sich nicht vorstellen. Wieder wird sie unterstützt von Nico, dem ehemaligen Drogenfahnder aus Deutschland, der wie so viele andere Auswanderer Belleville zu seiner neuen Heimat erkoren hat, und dieses Mal von ihrem treuen Pitbull July.

 

Doch es bleibt nicht bei diesem einen Brand. Bald bricht ein zweiter aus, der Prototyp eines Hauses einer geplanten und umstrittenen Feriensiedlung brennt aus. Der grausige Fund in dem Haus, schlägt sogar dem erfahrenen Polizeikommissar auf den Magen. Bald wird klar: beide Feuer wurden absichtlich gelegt. Aber warum? Wer hat welche Interessen?

 

Tori ermittelt wieder auf eigene Faust, stößt wie schon beim ersten Mal im Dorf auf eine Mauer des Schweigens, denn bei aller Wahrheitsliebe: die Dorfgemeinschaft darf keinen Schaden nehmen. So war das schon immer und so wird es bleiben. Da ändert auch ein Drohbrief nichts, den Tori erhält und dessen Herkunft bis zum Ende unaufgeklärt bleibt. Es scheint so zu sein, dass manche, die im Dunkel bleiben wollen, Tori nicht länger im Dorf dulden wollen.

 

Der Fall wird gelöst, eine Strafe erhält wie schon im ersten Band keiner, der Dorffrieden ist wieder hergestellt, aber nicht nur der anonyme Brief dieselt in Tori weiter. Man darf auf den dritten Band gespannt sein und wie dort die Frage beantwortet wird, wie und ob sich Tori in Belleville weiter halten kann. Und wie ihre Beziehung zu dem jungen Restaurator weiter geht.

 

Wieder bezaubern wundervollen Landschaftsbeschreibungen, noch mehr neue Personen aus dem Dorf, viele historisch interessante Verweise und eine spannende Handlung den Leser.

 

 

 

 

 

Den Himmel stürmen

 

 

Paolo Giordano, Den Himmel stürmen, Rowohlt 2018, ISBN 978-3-498-02533-5

 

Paolo Giordano hat in seinem neuen mit enormer emotionaler Präzision geschriebenen Roman „Den Himmel stürmen“ über einen Zeitraum von über zwanzig Jahren hinweg die bewegte und turbulente Geschichte von vier Freunden erzählt, vier jungen Menschen, die sich immer wieder finden und dann wieder verlieren.

 

Erzählt wird die lange Geschichte in weiten Teilen von Teresa, einem zu Beginn der Handlung in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in kindlichem Alter befindlichen Mädchens. Sie lebt mit ihren Eltern in Turin und verbringt ihre langen Sommerferien bei ihrer Großmutter in dem kleinen Ort Speziale in Apulien in der Nähe des Meeres.

Als die drei auf einem Hof in der Nachbarschaft lebenden Jungen Bern, Tommaso und Nicola eines Nachts im Pool der Großmutter baden, lernt Teresa die drei Jungs danach näher kennen. In diesem ihrem ersten Sommer schon gehen sie zusammen schwimmen und wandern. In noch kindlicher Offenheit erzählen sie sich alles und wachsen schon da auf eine Weise zusammen, die ihre Beziehung und Freundschaft in den nächsten beiden Jahrzehnten, auch als alle schon längst erwachsen sind, zu etwas ganz Besonderem macht. Doch schon bald entsteht zwischen Teresa und Bern eine Liebe. Bern lebt mit den anderen drei Jungen auf einem nahen Hof unter der Aufsicht von Cesare und dessen Frau. Er erzieht die Jungen, die er teilweise in Pflege hat, abgeschieden von der restlichen Welt in einem recht strengen Glauben an Gott.

 

Ein Sommer folgt dem nächsten, doch irgendwann ist Bern nicht mehr da. Längst ist Teresa in sein Leben und in das Leben auf diesem Hof existentiell hineingezogen und wird es bleiben bis zum Ende. Bald schon, nachdem Cesare pleite gegangen ist, leben die mittlerweile volljährige Teresa und die Jungs mit etlichen jungen Leuten dort .Sie versuchen im Einklang mit der Natur zu leben, kommen aber immer wieder in Konflikt mit reichen Nachbarn und Lokalpolitikern, die an das große Geld aus der EU wollen. Sie engagieren sich politisch, setzen sich für den Erhalt ihrer Obst- und Olivenbäume ein, nicht immer auf dem Boden der Legalität. Doch schon bald wird Teresa allein dort sein, von den Früchten ihrer Landwirtschaft leben und ein einfaches Leben führen. Nach der Beerdigung ihrer Großmutter wird Bern sie ein zweites Mal verlassen.

 

Und alles, was doch so friedlich und harmonisch begann, nimmt bald ein schlimmes Ende. Teresa steht allein vor ihren Beziehungstrümmern, Freundschaften sind zerbrochen und die so starke Liebe zwischen Bern und Teresa scheint dem politischen Kampf für die Natur geopfert. Verzweifelt, aber mit viel innerer Kraft sucht Teresa ihren Platz zu finden in einer Welt, an der sie eigentlich irre zu werden droht und die mit ihrer Rivalität, ihrer Gier und ihren Eifersüchten ihrer großen Liebe den Boden nimmt.

 

„Den Himmel stürmen“ ist ein großer, bewegender Roman über Freundschaft, Liebe und deren Verlust. Er beschreibt meisterhaft menschliche Gefühle und ihre Verwirrungen. Es ist ein Buch über utopische Visionen junger Menschen, ihren Kampf um ihre Ideale und ihr Scheitern.

 

Mit großer Sprachmacht und Poesie schildert der Autor den verzweifelten Kampf zwischen einer großen Liebe zweier Menschen und der Macht visionärer Lebensziele.

 

Geschickt konstruiert vermischt Giordano Rückblicke in die Vergangenheit mit Szenen aus der jeweiligen Gegenwart. Wie in einem Puzzle setzen die jeweiligen Erzähler (es gibt außer Teresa noch andere) Stück für Stück eine zwei Jahrzehnte dauernde Geschichte zusammen, und lassen erst ganz am Ende dem Leser so etwas wie ein vollständiges Bild vor Augen treten.

 

Voller Spannung und mit zunehmendem Staunen liest man sich begeistert durch dieses außergewöhnliche Buch und fragt sich am Ende, wie das Leben dieser Menschen wohl weitergegangen ist.

 

Die erfahrene und versierte Barbara Kleiner hat diesen Roman aus dem Italienischen ins Deutsche übertragen.

 

Kompass ohne Norden

 

 

Neal Shusterman, Kompass ohne Norden, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26046-7

 

Das neue Buch von Neal Shusterman ist der anspruchsvolle und gelungene Versuch, sich mittels einer Geschichte eines Jungen, die stark inspiriert ist von den Krankheitserfahrungen mit seinem eigenen Sohn Brendan, der rätselhaften Krankheit Schizophrenie zu nähern.

Er tut das mit seiner Hauptfigur Caden, der sich für einen ganz normalen Jungen hält. Doch sein Verstand lehrt ihm zunehmend etwas anderes. Dieser kranke Verstand führt ihn auf fantastische Reisen. Er ist dann auf einem Schiff mit einem Kapitän und Bootsleuten, von denen jeder in seiner krankhaften Fantasie eine bestimmte Rolle hat.  Das Schiff ist uralt und seine unzähligen Fahrten, unter anderem zum Marianengraben, dem tiefsten Punkt der Erde, reichen zurück bis in eine finstere Vergangenheit.

 

In der Realität, in seinem alltäglichen Leben, werden ganz normale Gegenstände wie ein Gartenschlauch plötzlich zu einer tödlichen Gefahr. Irgendwann, kurz bevor er in eine Klinik kommt und eine lange Behandlung beginnt, die ihm Besserung bringt, wird Caden klar:

„In den Tagen der Bibel hätte ich als Prophet gegolten. Bei einem Naturvolk würde ich als Medizinmann gefeiert. Im finsteren Mittelalter hätten meine Eltern nach einem Exorzisten geschickt, und im viktorianischen England wäre ich in einer dieser schrecklichen Irrenanstalten gelandet. Heute hat man viel besser Aussichten auf eine vernünftige Behandlung, aber ich würde lieber wie ein Prophet behandelt als wie ein armer, kranker Junge.“

 

Zunächst ist der Einstieg in dieses Buch und in die Gedanken- und Bilderwelt des an Schizophrenie  erkrankten Caden schwer zu lesen und zu verstehen. Shustermans Sohn Brendan, der selbst an dieser Krankheit litt und wieder „sein Stück Himmel gefunden und strahlend aus der Tiefe entronnen“ ist, hat die zunächst wirre Gedankenwelt mit seinen Skizzen das ganze Buch hindurch illustriert, eine ganz besondere Form der Kunst. Auch Teile aus Gedichten Brendans sind in das von vielen persönlich gemachten Erfahrungen des Autors durchtränkte Buch geflossen.

Hat man sich aber einmal durchgekämpft, wird es besser, zumal nach Beginn der Behandlung Cadens in der Klinik seine Gedanken langsam klarer werden.

Es ist eine abenteuerliche Reise in die Tiefen einer jugendlichen Seele, beängstigend und wohltuend einfühlsam gleichermaßen.

 

Das Buch wirkt lange nach und bewirkt ein etwas größeres Verständnis einer eigentlich unverständlichen Erkrankung der menschlichen Seele, die letztlich nicht heilbar, aber gut behandelbar ist.

Es ist mit dem National Book Award 2015 ausgezeichnet worden und Jugendlichen ab 14 Jahren, aber auch allen Erwachsenen zu empfehlen.

 

 

 

Was bleibt. Über die Dinge, die wir zurücklassen

 

 

Susannah Walker, Was bleibt. Über die Dinge, die wir zurücklassen, Kein & Aber 2018, ISBN 978-3-0369-5786-9

 

Irgendwann im Leben eines jeden Menschen, besonders dann, wenn er selbst das 50. Lebensjahr überschritten hat, wird er oder sie damit konfrontiert, dass ein Elternteil oder ein naher älterer Verwandter gestorben ist. Für wenige, und dann umso härter, schlägt dieses Schicksal schon früher zu, und der Tod trennt sie von geliebten Menschen.

 

In jedem Fall stehen die Trauernden zunächst vor der Aufgabe, die Bestattung zu organisieren und allerlei Bürokratisches zu erledigen. Doch je länger ein Leben gedauert hat, desto mehr an Dingen und Erinnerungen bleibt zurück. Manche lassen erst einmal alles so, wie der oder der Verstorbene es zurückgelassen hat, aber früher(insbesondere wenn eine Wohnung aufgelöst werden muss) oder später muss alles, was zurückgeblieben ist, geordnet, aufgehoben oder aber weggeworfen und entsorgt werden.

 

Der Autorin des hier vorliegenden von Yasmin von Rauch ins Deutsche übersetzten Buches, die Engländerin Susannah Walker, hat dies erlebt. Als ihre Mutter gestorben ist, findet sie in deren Haus im englischen Worcester ein Sammelsurium an Nippes, alten Fotos und Gebrauchsgegenständen, die jeweils eine Geschichte zu erzählen scheinen.  Was zunächst wie eine kurze notwendige Arbeit aussah, ein Haus auszuräumen, erweist sich als eine lange alltagsarchäologische Reise in die Vergangenheit einer Mutter und Familie.  Dabei kommt Susannah Walker der eigene Beruf zu Hilfe: Sie ist es als Kuratorin gewohnt, sich mit Dingen und deren Bedeutung zu beschäftigen, sie als Objekte zu betrachten und zu interpretieren.

 

Und doch ist dies etwas ganz anderes. Denn es ist mit starken und lange teilweise unterdrückten Gefühlen verbunden. Stück für Stück kommt sie einer ihr zeitlebens fremden Frau näher, ihrer eigenen liebesunfähigen Mutter. Mit großer Selbstfürsorge rekonstruiert sie lange verdrängte und vergessene zum Teil sehr schmerzhafte Erinnerungen. Auf eine beeindruckende und mich als Leser sehr bewegende Weise legt sie so vorsichtig und achtsam die Geschichte ihrer Herkunft frei, setzt sich mit den Folgen der Liebesunfähigkeit ihrer Mutter auseinander, stößt auf einen verstorbenen Bruder und bringt weitere Familiengeheimnisse ans Licht.

 

Ein sehr persönliches Buch über das, was von uns übrig bleibt.

 

 

 

Das Jahr, in dem ich lügen lernte

 

 

 

 

 

 

Lauren Wolk, Das Jahr, in dem ich lügen lernte,tb DTV 2018, ISBN 978-3-423-626927

 

Annabelle, die in diesem Buch von dem „Jahr, in dem ich lügen lernte“ erzählt, ist zum Zeitpunkt der Handlung, die sich vom Herbst 1943 an über ein Jahr erstreckt, 12 Jahre alt. Sie lebt in einem kleinen, beschaulichen Dorf in Pennsylvania. Sie hat zwei kleinere Brüder, Henry (9) und James (7), auf die sie oft aufpassen muss und mit denen sie jeden Tag zusammen den Weg durch die Wolfsschlucht in die Schule geht. Der Vater ist Farmer, die Mutter kümmert sich zusammen mit den Großeltern um den Haushalt. Eine ledige Tante namens Lily betreibt die Poststelle im Ort und wird von der Familie trotz ihrer oft rigiden Ansichten wohlwollend toleriert.  Das Leben ist einfach dort, aber es fehlt ihnen an nichts. Die Gemeinschaft im Dorf funktioniert. Seit die USA gegen Nazideutschland in den Krieg gezogen sind, hängt aber eine unsichere Stimmung auch über dieser ländlichen Gemeinschaft und der schon seit Jahrzehnten dort lebende Deutsche Mr. Anselm sieht sich immer wieder Anfeindungen ausgesetzt.

 

Für Annabelle ändert sich ihr Leben schlagartig, als mit Betty ein schwererziehbares Mädchen auf den benachbarten Hof ihrer Großeltern zieht, weil ihre Mutter nicht mehr mit ihr klar kommt, nachdem der Vater verschwunden ist. Betty beginnt sofort Annabelle zu bedrohen und versucht sie einzuschüchtern. In der Schule ist eine bei über 40 Schülern in einer Klasse überforderte Lehrerin nicht in der Lage, der Aufsässigkeit von Betty Einhalt zu gebieten. Alle sind froh, wenn sie und der Bauerssohn Andy, mit dem sie sich angefreundet hat, nicht in die Schule kommen.

 

In der Nähe der Wolfsschlucht, wo Betty Annabelle regelmäßig auflauert, lebt der Einsiedler Toby in einer alten Hütte.  Er spricht nicht viel, aber sieht alles, was in der Umgebung geschieht. So wird er auch Zeuge mehrerer schlimmer Vergehen, die Betty in der Folgezeit begeht. Annabelle und ihre Mutter unterstützen den ehemaligen Soldaten Toby, der im Ersten Weltkrieg in Frankreich Unsägliches erlebt hat und seitdem mit seiner Schuld kämpft, immer wieder mit Kleidung und Essen.

 

Schnell jedoch gerät Toby in Verdacht, jenen Stein geworfen zu haben, der Mr. Anselm galt, aber Annabelles Schulfreundin Ruth traf und ihr ein Auge gekostet hat.

 

Annabelle kämpft mit sich und ihrer Angst. Erst recht, als Toby, mit dem sie sich angefreundet hat und der ihr von seinem Kriegserlebnissen erzählt hat, in Verdacht gerät und gejagt wird. Ein Gedanke gibt ihr Kraft:

„Wenn mein Leben nicht mehr war als eine einzige Note in einer endlosen Sinfonie, musste ich dann nicht diesen einen Ton so lang und so laut spielen, wie ich konnte?“

 

Sie versteckt Toby, offenbart sich schließlich ihren Eltern und diese wunderbaren Menschen mit ihrer klaren Lebenshaltung von Recht und Gerechtigkeit, glauben ihr und unterstützen sie.

Betty macht Erfahrungen von Mitmenschlichkeit und Zivilcourage, die sie ein Leben lang nicht vergessen wird.

 

Lauren Wolks erster Roman bei Hanser der nun in der Reihe Hanser bei DTV erschienen ist ein Jugendroman, der menschliche Schwächen schonungslos beschreibt. Ein Roman, der erzählt vom Band der Freundschaft über alle Widerstände hinweg, von Solidarität, von Gerechtigkeit und von der Bindungskraft einer Familie, in der sich Erwachsene und  Kinder ernst nehmen und achten.

 

Sandbergs Liebe

 

 

 

Jan Drees, Sandbergs Liebe, Secession Verlag 2019, ISBN 978-3-906910-49-9

 

„Sandbergs Liebe“ ist der mittlerweile dritte Roman des Redakteurs und Autors Jan Drees. In diesem Roman verarbeitet er eigene Erfahrungen mit einem Phänomen, das nicht zuletzt durch die zahlreichen Datingsapps, mit denen zunehmend mehr Beziehungen zwischen Frauen und Männern angebahnt werden, in vielen Fällen zu einem ernsten Problem für einen der Beteiligten wird. In dem Roman geht es um die Zerstörungskraft einer manipulativen Beziehung. Es ist eine Missbrauchsform, die darauf abzielt, die Wahrnehmung eines anderen Menschen, des angeblichen Partners so lange anzugreifen und zu attackieren, bis dieser am Boden liegt.

Es gibt für diese Missbrauchsform einen englischsprachigen Begriff: „Gaslighting“, in Anlehnung an das Theaterstück von Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938, in dem ein Ehemann versucht, seine Gattin in den Wahnsinn zu treiben. Um dieses Ziel zu erreichen manipuliert er beispielsweise die Gaslampen des Hauses und lässt sie flackern. Von seiner Frau auf dieses Flackern angesprochen behauptet er, sie täusche sich.

 

Ein  Mensch, dem permanent von einem anderen, dessen Liebe er sich doch sicher glaubt, eingeredet wird, dass das, was er wahrnimmt, nicht real sei, wird nach anfänglicher Unsicherheit in echte Verzweiflung stürzen.

 

So geht es auch dem Ich-Erzähler des Romans, Kristian Sandberg. Er ist ein durchaus begabter junger Geisteswissenschaftler, wohnt in Bremen und erhält die ersehnte Stelle bei einer Literaturagentur in Hamburg. Walter Diercks, sein neuer Chef, hat die Agentur gerade gegründet, nachdem er lange Jahre erfolgreich in einem großen Verlag als Lektor gearbeitet hat. Sandbergs Einstiegsgehalt ist gut, seine Aufstiegschancen auch, und so steht einem perfekten Start ins Berufsleben nichts entgegen. Das Pendeln zwischen Hamburg und Bremen scheint gut machbar.

 

Doch eines fehlt dem jungen Mann noch zu seinem Glück. Mit seinen bisherigen Beziehungen hatte er kein Glück, doch er träumt von einer festen Beziehung, ist auch offen für eine Familiengründung. Einsam und besonders in den Nächten regelrecht verloren, nutzt er Dating-Apps in der Hoffnung, endlich genau jener Frau zu begegnen, die ihn glücklich macht und beschützt. Ideale Voraussetzungen bringt er so mit, für das, was ihm dann in den nächsten Monaten geschieht.

 

Als er eines Abends nach der Arbeit auf der Außenterrasse eines Hamburger Cafes sitzt, blinkt sein Handy. Die App „Once“ hat ihn mit einer Frau „gematcht“. Alles scheint perfekt zu passen. Schon wenig später trifft er sich zum ersten Mal mit Kalina Mickiewicz, einer in einer süddänischen Kleinstadt arbeitenden Zahnärztin. Sehr schnell beginnt eine romantische Beziehung. Die Zärtlichkeit und die sexuelle Intensität der ersten Begegnungen lassen Sandberg hoffen, in Kalina tatsächlich de Frau seines Lebens gefunden zu haben.

 

Bald schon gibt es erste, auch den Leser verwirrende und verstörende Irritationen, die Sandberg zunächst nicht ernst nimmt.  Schon hier habe mich beim Lesen oft gefragt, wie er es bei den vielen Treffen, den durchgemachten Nächten und dem ausufernden Mailverkehr schafft, seinen neuen Job zu machen. Auch die Frage, wie er den zunehmend aufwändigen Lebensstil mit einem Agenturgehalt finanziert, blieb für mich offen.

 

Aus den Irritationen wird innerhalb weniger Wochen eine immer stärkere emotionale Abhängigkeit zu seiner Geliebten. Zunächst denkt der Leser so wie Sandberg selbst, er habe Dinge falsch gemacht oder sich nicht richtig ausgedrückt, und Kalina sei zu Recht empört über ihn. Doch schon bald weicht dieser Eindruck beim Leser dem Gefühl der Wut und Entrüstung über den zunehmenden Missbrauch, den Sandberg aber in seiner abhängigen Verliebtheit nicht wahrnehmen kann und will.

 

Die zu Beginn romantisch und euphorisch erlebte Beziehung entpuppt sich immer mehr zu einer Höllenfahrt in die Abgründe des emotionalen Missbrauchs. Wie all das für Kristian Sandberg ausgeht, bleibt offen, auch ob er sich jemals davon erholen wird.

Jan Drees hat, indem er sich selbst und seinen Lesern mit beinahe protokollarischer Genauigkeit und psychologischem Tiefgang vor Augen führt, wie Manipulation das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zerstören und infolgedessen die Psyche eines Menschen in ihren Grundfesten erschüttern kann, sich selbst von einer solchen Erfahrung befreit.

 

Wenn man den einschlägigen Beschreibungen im Internet Glauben schenkt, scheint diese als „gaslighting“ bezeichnete Form des Missbrauchs nicht nur ähnlich häufig wie andere Missbrauchsformen geworden zu sein, sondern auch ähnliche lange nachwirkende Folgen für die Vertrauensbildung in späteren Beziehungen  zu haben.

 

Ein intensiver, wichtiger Roman, der jedem unter die Haut geht, der in früheren Beziehungen auch nur in Ansätzen solche Formen der emotionalen Manipulation erlebt hat. Anderen sei er eine Warnung.

Der Dorfgescheite. Ein Bibliothekarsroman

 

 

 

Marjana Gaponenko, Der Dorfgescheite. Ein Bibliothekarsroman, C.H. Beck 2018, ISBN 978-3-406-72627-9

 

Wer Bücher, besonders alte Bücher liebt, wer mit Freude und Begeisterung Umberto Ecos „Der Name der Rose“ gelesen oder seine Verfilmung gesehen hat, der wird auch an diesem neuen Roman von Marjana Gaponenko seine ungetrübte Freude haben. „Einen Bibliothekarsroman“ nennt sie ihre Geschichte des einäugigen Ernest Herz, der ziemlich erschöpft und seines exzessiven Liebeslebens überdrüssig ins Kloster geht. Im Stift W. hat er nach dem rätselhaften Selbstmord seines Vorgängers die Stelle des Bibliotheksleiters angenommen. Für Ernest Herz, der Bücher, besonders aber alte Bücher liebt, die Aufgabe seines Lebens.

 

Sein Vorgänger, Pater Mrozek, hat auf eine sehr kuriose Art seinem Leben ein Ende gesetzt, und weil Herz dessen Wohnung bezieht, verfolgt ihn des Paters Geschichte auf Schritt und Tritt.

 

Schon bald stößt der aufgeklärte Herz mit seinen Vorstellungen von einer zeitgemäßen Bibliothek auf den Widerstand der konservativen klerikalen Bewohnerschaft und auch der Leitung des Klosters. Immer mehr Zweifel ergeben sich Herz an dem Selbstmord des Vorgängers und als sein Radiogerät, das er ins Kloster mitgebracht hat, nur noch „Radio Gabriel“ empfängt, beginnt sich Herz auf eine spannende und unterhaltsam zu lesende Suche zu machen. Er will wissen, was im Kloster los ist, zumal der Fund eines mittelalterlichen Bestsellers mit dem Titel “Dialogus Miraculorum“, dessen Einband fehlt, seine detektivische Neugier geweckt hat.  Warum hat sich Pater Mrozek umgebracht? Wer oder was hat ihn dazu getrieben?

 

Als Herz im Dorf den schönen Kellner der Gastwirtschaft „Zum Lamm“ trifft, hat er sofort das Gefühl, dieser junge Mann könnte ihm weiterhelfen. Aber was hat dieser für ein Geheimnis?

 

Mit ihrem neuen Roman hat Marjana Gaponenko die Welt der Bibliothek und die Kultur eines alten Klosters zum Thema eines spannenden Romans gemacht, der mit Gespür für Komik liebevoll erzählt ist, und einen selten so erlebten literarischen Blick für die schrägen und skurrilen Details offenbart.

 

Ich habe dieses Buch mit Freude gelesen. Gute Unterhaltung ist das auf hohem sprachlichem Niveau. Die Autorin geht virtuos mit der Sprache um und man spürt ihre regelrecht sinnliche Freude an Wörtern, die ansteckend ist.

 

 

 

 

Die Glücksreisenden

 

 

 

 

Sybil Volks, Die Glücksreisenden, DTV 2018, ISBN 978-3-423-26203-3

 

Kann man sein eigenes Glückes Schied sein? Oder muss man warten, bis es einem zufällt, oder auch nicht?

In ihrem hier vorliegenden Buch erzählt die Schriftstellerin Sybil Volks davon und setzt die mit dem Roman „Wintergäste“ begonnene Geschichte der Familie Boysen auf unterhaltsame Weise fort. Zu Beginn steht Inge Boysen Feier zu ihrem 80. Geburtstag an, den sie gleichzeitig mit ihrer Enkelin Inka feiern will, die volljährig wird. Neben zahlreichem Besuch hat sich auch ein Komet angekündigt, der an diesem tag auf die Erde stürzen soll.

Alle Familienmitglieder bereiten sich auf das Fest vor und suchen nach ihrem ganz besonderen Glück, das gar nicht so einfach zu finden scheint. Bald schon ist das Haus Tide wieder Ort zahlreicher Konflikte, kein Wunder, wenn drei Generationen und viele unterschiedliche Erwartungen aufeinandertreffen. Einige der Fragen, die im ersten Buch über die Familie beschrieben wurden, sind nach wie vor aktuelle, aber wie wir sehen werden, stellen sich auch viele neue.

 

Mit hoher Spracheleganz und Humor und stellenweise sehr poetisch erzählt Sybil Volks wie es it der immer sehr emotionalen Geschichte der Familie Boysen weitergeht. Man muss den ersten Band nicht kennen, um „Die Glücksreisenden“ zu genießen.

 

Angenehme literarische Unterhaltung vom Besten.

 

 

 

Die stramme Helene

 

 

 

Steffen Herbold, Die stramme Helene, Kunstanstifter 2018, ISBN 978-3-942795-68-5

 

„Geschichten sind aus Resten von Erinnerungen. Das Wahre und das Falsche, das Sichere und die Spekulation, das eigene Gedächtnis und das Gedächtnis anderer, Blickwinkel und Sichtweisen. Der Erzähler versucht, all das zu einem plausiblen ganzen zusammenzusetzen… So könnte es gewesen sein.“

 

So beschreibt der Autor der vorliegenden Geschichte aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhundert, Steffen Herbold den literaturtheoretischen Hintergrund seines Buches.

In „Die stramme Helene“ erzählt er, von Martin Burkhardt beeindruckend illustriert, die Geschichte einer starken Arbeiterfrau. Jahrelang in einer regelrechten Ehehölle unter ihrem Mann  leidend, schafft sie es an einem schicksalhaften Nachmittag im Frühjahr 1965 aus dieser Hölle zu entkommen. Vorher hat sie sich, geprägt von Krieg und Nachkriegszeit, durch die dumpfe Fröhlichkeit der frühen Sechziger und die leidvolle Beziehung zu ihrem Mann laviert, bis es ihr gelingt, sich ihr eigenes Stück Freiheit zu schaffen.

 

Diese fiktive Erzählung beruht auf tatsächlichen Begebenheiten und kann Kindern ab dem Grundschulalter einen lebendigen Eindruck der Lebensverhältnisse einer einfachen Frau in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts geben.

 

Ein sehr außergewöhnliches Kinderbuch, wie man sie aber mittlerweile aus dem Kunstanstifter Verlag schon gewöhnt ist.
 

 

Über das Strafen

 

 

Thomas Fischer, Über das Strafen, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-27687-7

 

 

In einer Zeit, in der trotz zurückgehender Kriminalität sich in Deutschland eine Stimmung immer mehr ausbreitet, die insbesondere im Strafrecht, aber auch in den meisten anderen Bereichen, wo Menschen das Recht brechen, eine härtere Gangart in der Rechtsprechung fordert bzw. wo die volle Ausschöpfung des Rahmen des Strafmaßes für eine Tat durch einen Richter öffentliche Zustimmung findet, in einer Zeit, wo nach jedem die Öffentlichkeit erregenden Vorfall nach neuen und härteren Gesetzen gerufen wird, in so einer Zeit kommt das vorliegende Buch gerade recht.

 

Der ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer, der sich im Ruhestand in den letzten Jahren einen Ruf als streitbarer, leidenschaftlicher und wortmächtiger Vertreter seiner Zunft erworben hat, beschreibt in diesem Buch unser Rechtssystem als das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Insbesondere das Strafrecht verspricht als Grundlage staatlichen Handelns Sicherheit für die Bevölkerung. Es ist ein selbstgegebenes Regelwerk, das von vielen Bedingungen abhängt und vor allen Dingen durch die Rechtsprechung in ständiger Bewegung ist.

Es ist aber auch ein Ort, an dem grundlegende Fragen des gesellschaftlichen Lebens, der Freiheitsspielräume und der Verantwortung verhandelt und besprochen werden. Ein  lebendiges System also.

 

Mit seiner These vom Strafrecht als Kommunikation und Gewalt hält Fischer ein leidenschaftliches Plädoyer für unsere Idee des Rechtsstaats:

„Demokratie an sich erzeugt nicht gutes Strafrecht. Sie ist aber ein Legitimationsmodell, das ein rationales, auf Menschenwürde basierendes Modell einer Wahrheits-Findung ermöglicht, die den Einzelnen vor fremdem Unrecht, aber auch vor obrigkeitlicher Unfreiheit und Objektstellung schützt und es ermöglicht – mit allen Vorbehalten, Unsicherheiten und Fehlern- an einer Idee des Rechtsstaates weiterzuarbeiten.“

Ein auch für Nichtjuristen verständliches und für alle Demokraten empfehlenswertes Buch.