Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Die Kinder und der Wal

 

 

 

 

Daniel Frost, Die Kinder und der Wal, Kleine Gestalten 2018, ISBN 978-3-89955-815-9

 

Die beiden Geschwister Cuno und Aia leben hoch im arktischen Norden. Ihr Vater erzählt ihnen einst abends am Feuer von einen riesigen Tier, das einst durch die Gewässer ihrer Hekmat zog und das er seit seiner eigenen  Kindheit nicht mehr gesehen hat. Seine Dimensionen sind beeindruckend und insbesondere Cuno gehen die Worte des Vaters nicht mehr aus dem Kopf. Tagsüber sucht er den Horizont ab und nachts träumt er von dem schrecklichen Ungeheuer. Wieso  bekam niemand das doch so große Tier zu Gesicht? Eines Tages nimmt er das Kajak seines Vaters und lässt seine Schwester am Ufer zurück. Er wird den Wal ganz alleine finden.

Plötzlich (für mich aus den Bildern nicht nachvollziehbar) taucht seine Schwester auf und fortan suchen sie gemeinsam nach dem Wal in einer traumhaft schönen arktischen Landschaft. Sie begegnen den Robben und dem Walross und plötzlich verlieren sich die beiden Geschwister wieder.

 

Da taucht der Wal auf und geleitet sie umsichtig den ganzen Weg bis nach Hause. Auf dem Hintergrund der wunderbaren Welt der Arktis wird eine schöne Geschichte von zwei Geschwistern erzählt, die auf der gemeinsamen Suche nach dem Wal zueinander finden.

Vom Walross, das nicht einschlafen konnte

 

 

Ciara Flood, Vom Walross, das nicht einschlafen konnte, Knesebeck 2018, ISBN 978-3-95728-173-9

 

Flynn hat ein tolles neues Bett bekommen. Er hat beobachtet, wie es mit einem Lieferwagen der Firma „Wali &Ross Betten“, auf dem ein großes Walross abgebildet war, angeliefert worden ist. Es ist von den Männern in seinem Zimmer aufgebaut worden. Nun ist es Abend geworden und Flynn darf zum ersten Mal in seinem neuen Bett schlafen.

 

Doch kaum hat er seinen Eltern Gute Nacht gesagt und sein Zimmer im ersten Stock betreten, da gibt es ein ziemlich großes Problem: da ist ein großes Walross (so eins wie auf dem Lieferwagen), das es sich müde und dick in den Kissen gemütlich gemacht hat.

Vergeblich versucht Flynn, das Walross zum Schlafen zu bringen, sehr zum Leidwesen seiner Eltern, die seine Geschichte vom Walross in seinem Bett nicht glauben wollen. Sie schauen allerdings auch nicht nach, weil sie es sich, ebenfalls müde vom Tag, auf dem Wohnzimmersofa bequem gemacht haben.

 

Nach langem Hin und Her können dann alle schlafen. Fast alle.

 

Ein lustiges Gute-Nacht-Buch für aufgeweckte Jungen und ihre Eltern.

 

 

 

Baby an Bord

 

 

 

Allan Ahlberg, Emma Chichester Clark, Baby an Bord, Moritz Verlag 2018, ISBN 978-3-89565-361-2

 

Dieses von Andreas Steinhöfel aus dem Englischen übersetzte Bilderbuch entspringt der Zusammenarbeit zwischen Allan Ahlberg, einem der bekanntesten britischen Kinderbuchautoren und der dort nicht weniger bekannten Illustratorin Emma Chichester Clark.

 

Erzählt wird in zauberhaften Bildern und in knappen Texten die Geschichte, wie einmal vor vielen Jahren eine Gruppe von Kindern mit einem Baby in seinem Kinderwagen und einer Menge Spielsachen und Verpflegung an den Strand gehen um dort zu spielen. Die Schwestern des Babys sollen auf es aufpassen.

Während ihrer ausgelassen Spiele am Morgen haben sie das Baby in seinem Wagen immer im Blick, aber dann als die Schnur reißt uns sie alle dem Drachen hinterherlaufen, vergessen sie das Baby.

 

Und dann kommt die Flut und bald schon schwimmt das immer noch gut gelaunte Baby mitten im Meer. Wenn da seine Kuscheltiere im Wagen und noch viele andere hilfreiche Tiere nicht gewesen wären …

 

Aber so wird das Baby in seinem Wagen in einer abenteuerlichen Rettungsaktion bis zum Abend wieder an den Strand gebracht und von seiner ganzen  Familien in Empfang genommen.

 

Ein schönes Bilderbuch, in dem es im Hintergrund um die hilfreiche Bedeutung von Kuscheltieren geht.

Alles dreht sich, alles fliegt

 

 

 

Sigrid Eyb-Green, Alles dreht sich, alles fliegt, Jungbrunnen Verlag 2018, ISBN 978-3-7026-5925-7

 

Ungewöhnlich schöne und fantasievolle Gedichte für Kinder, die sich vorzugsweise mit dem Geschehen und den Phänomenen in der Natur beschäftigen hat Sigrid Eyb-Green in dem vorliegenden von ihr selbst warmherzig illustrierten Bilderbuch des Jungbrunnen-Verlags in Wien vorgelegt.

Ringelsocken, die Ringelspiel fahren; Spuren im Schnee, die auf wundersame Weise verschwinden; Herr Vogelsang, der einen Schlafsack für den Wurm strickt; ein Bäcker, der weiße Wölkchen schaumig schlägt … Sigrid Eyb-Green kombiniert ihre hinreißenden, detailreichen Bilder mit spielerischen Gedichten und reiht sich mit diesem Buch ein in die Tradition der großen Gedicht-Bilderbücher wie „Die Sternenmühle“ oder „Lustig singt die Regentonne“, die vor Jahren ebenfalls im Jungbrunnen-Verlag erschienen sind.

Mary Poppins. Auf , auf und davon…

 

 

 

Helene Druvert, Mary Poppins. Auf , auf und davon…, minedition 32018, ISBN 978-3-86566-336-8

 

In ihrem letzten Buch “Anatomie. Das faszinierende Innenleben des Menschen“, das im Frühjahr 2018 bei Gerstenberg in Hildesheim erschienen ist, ist es der Französin Helene Druvert gelungen, mit Lasercutschnitten das Innenleben eines Menschen darzustellen, den Aufbau des Skeletts vor Augen zu führen,  sie veranschaulichen Atmung, Verdauung und das Herzkreislaufsystem.

 

Nun legt sie bei minedition die bekannte Geschichte von Mary Poppins vor und lädt die Kinder und auch die Erwachsenen mit aufwendigen Laserschnitten und die dadurch entstehenden Schattenspiele ein, bei der magischen Reise von Mary Poppins über die Dächer von London selbst dabei zu sein.

 

Einmal sehr vorsichtig aufgeschlagen (das Buch muss sehr sorgfältig behandelt werden), übt das Buch auf seine Betrachter einen  Zauber aus, dem sich niemand entziehen kann.

 

Vielleicht lädt es Groß und Klein dazu ein, sich die Disney Neuverfilmung des Stoffes einmal im Kino anzuschauen.

 

 

 

Das war der Gipfel. Die Proteste gegen G 20 in Hamburg

 

 

 

 

GoGoGo (Hg.), Das war der Gipfel. Die Proteste gegen G 20 in Hamburg, Hamburg 2ß018, ISBN 978-3-86241-461-1

 

Dies ist die Chronik der dramatischen Tage im Sommer 2017 in Hamburg, als vor und während des G 20 Gipfeltreffens der größte Polizeieinsatz der Stadtgeschichte auf den vielfältigen, lauten und entschlossenen Protest von Aktivisten aus aller Welt traf.

 

Geschrieben haben die Texte die Aktivistinnen und Aktivsten der Proteste selbst. Während damals im Zuge der öffentlichen Berichterstattung die vielfältigen Motive der Proteste eher unterbelichtet waren, wird dem kritischen Beobachter nach der Lektüre des Buches und dem Betrachten der unzähligen von einer regelrechten Widerstandsästhetik geprägten Fotos viel klarer, worum es den meisten dieser meist jungen Menschen ging.

 

Auf der anderen Seite finden sich in dem Buch bis auf eine Ausnahme keine Bilder der brennenden Barrikaden oder der Menschen, die marodierend durch die Stadt zogen und unzählige Geschäfte plünderten und zerstörten. Die Medien haben das damals besonders hervorgehoben und die Auswüchse für den ganzen Protest gehalten. Dass allerdings in diesem Buch keinerlei kritische Reflexion der Gewalt auf Seiten des Protestes zu finden ist, hat mir nicht gefallen.

Die Nimmtes-Nimmtes Frau

 

 

 

Kveta Pacovska, Die Nimmtes-Nimmtes Frau, minedition 2018, ISBN 978-3-86566-331-3

 

Ein sehr kunstvoll und anspruchsvoll-aufwendig gestaltetes Bilderbuch legt der Michael Neugenbauer Verlag hier vor. Der hohe Preis von 45,00 Euro erklärt sich durch die aufwendige Drucktechnik und den durch kleine Papierbrücken verbunden einzelnen Seiten. Es ist eine bibliophile Rarität und deswegen wahrscheinlich fast ausschließlich für Sammler von besonderen Bilderbüchern von Interesse.

 

Das Buch erzählt mit außergewöhnlichen Bildern die Geschichte der Nimmtes-Nimmtes- Frau. Sehr neugierig ist diese Person und oft nimmt sie sich das, was ihr gefällt. Was mag wohl in dem Haus sein? Welches der drei Tellerlein, welches der drei Löffelchen mögen wohl zu ihr passen? In welchem Bettchen liegt man wohl am besten?
Kveta Pacovska erzählt voller Erinnerungen an ihre eigene Kindheit in ihren eigenen Worten diese Geschichte einer Frau, die sich neugierig im Haus der drei Bären umsieht, während diese im Wald sich aufhalten um dort Honig zu sammeln.

 

 

Heja. Borussia Dortmund in Bildern

 

 

 

Gregor Schnittker, Heja. Borussia Dortmund in Bildern, Verlag Die Werkstatt 2018, ISBN 978-3-7307-0343-4

 

 

Borussia Dortmund hat eine lange Geschichte. Als ich selbst mit 10 Jahren 1964 begann Fußball zu spielen und schnell die Rolle des Torwarts wählte, schon da waren Hans Tilkowski, Siggi Held und Lothar Emmerich meine Idole. Obwohl meine Fußballbegeisterung in späteren Jahren etwas nachgelassen hat, ist und bleibt Borussia Dortmund so etwas wie mein Verein, obwohl ich in der Nähe Frankfurts und Darmstadts lebe.

 

Deshalb habe ich auch mit großem Interesse den vorliegenden großzügig gestalteten Bildband von Gregor Schnitker angeschaut. In sechszehn Kapiteln mit jeweils kurzen Texten erzählen die ausgewählten Bilder von der bewegten Geschichte eines begeisternden Vereins. Die meisten Bilder stammen aus der jüngsten Vergangenheit und wollen wohl die aktuellen Fans ansprechen.

 

Wer eine richtige Vereinschronik des Vereins sucht, sollte zu diesem Buch nicht greifen. Wer aber sich von wunderbaren Bildern anstecken lassen will von einer Begeisterung, die der Verein gerade wieder national und international hervorruft, der legt mit diesem Bildband absolut richtig.

Der Froschkönig oder Der eiserne Heinrich

 

 

 

 

Sybille Schenker, Der Froschkönig oder Der eiserne Heinrich, minedition 2018, ISBN 978-3-86566-318-4

 

Diese von Sybille Schenker mit eindrucksvollen Scherenschnitten und Schattenbildern illustrierte Ausgabe des bekannten Märchens vom Forschkönig ist nicht nur ein anspruchsvolles Bilderbuch für schon etwas größere Vorschulkinder, sondern auch ein wahres Sammelstück für alle bibliophilen Menschen.

Die aufwendige Herstellung rechtfertigt auch den für ein Bilderbuch hohen Preis. Einer alten Geschichte wird durch ungewöhnliche Darstellung neues Leben eingehaucht.

Wie schon in ihrem viel gelobten Bilderbuch „Hänsel und Gretel“ und dem Buch „Rotkäppchen“ schafft es Sybille Schenker durch die raffiniert gestalteten Seiten, neue Perspektiven entstehen zu lassen. Scherenschnittartige Zwischenblätter und die besondere Bildführung geben jedem Abschnitt der Geschichte seinen eigenen Charakter. Hohe Bilderbuchkunst vom Feinsten, auch für die Großen.

 

 

Alles ist möglich

 

 

Elizabeth Strout, Alles ist möglich, Luchterhand 2018, ISBN 978-3-630-87528-6

 

Das neue Buch der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Strout, die spät zum Schreiben kam, aber mit ihren bisherigen Romanen auch in Deutschland sehr erfolgreich war, besteht aus einer langen  Reihe locker miteinander verbundener einzelner Geschichten. Sie porträtieren Menschen und ihr Leben in ihren Familien in der ganzen Bandbreite menschlicher Gefühle. Da geht es um Hass und Neid, um tiefe Einsamkeit und brennende Wut und immer wieder um etwas, was den Menschen erst zum Menschen macht, die Liebe zu anderen und zu sich selbst. Diese Menschen sehnen sich nach Liebe und nach Glück, trotz ihres Kummers und ihres Schmerzes, den sie regelmäßig erleben.

 

All diese Menschen, die in den jeweiligen Kapiteln im Mittelpunkt stehen, kennen sich mehr oder weniger  oder sind sogar miteinander verwandt. Sie alle leben in oder um die (fiktive) amerikanische Kleinstadt Amgash in Illinois (USA), „einem Kaff zwischen Mais- und Sojabohnenfeldern“.

Da ist zunächst Tommy, ein ehemaliger Farmer, dem vor langer Zeit sein ganzer Hof abgebrannt ist. Der vermutete Brandstifter wurde nie gefunden. Er findet einen Job als Hausmeister in der örtlichen Schule und lernt über die Zeit viele Kinder und Familien und ihre sozialen Hintergründe kennen, die in der Folge in dem Roman eine Rolle spielen. In der Sorge um andere findet er im Alter einen Sinn für sich und sein Leben.

 

Da sind die beiden Schwestern  Patty und Angelina, die ihr Leben auf verschiedene Weise meistern wollen. Oder Dottie, die eine Frühstückspension betreibt und dabei eine große Menschenkenntnis erwirbt. Leser, die Elizabeth Strouts Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“ gelesen haben, treffen hier wieder auf die mittlerweile in New York lebende erfolgreiche Schriftstellerin Lucy Barton, erfahren etwas über ihre schwere und armselige Kindheit und über ihre relativ erfolglose Heimkehr nach Amgash.

 

Elizabeth Strout beschreibt ihre Figuren und ihre Schicksale mit Einfühlungsvermögen und Sympathie. Wir erfahren von Liebessglück und der schrecklichen Einsamkeit im Alter, von nachbarschaftlicher Solidarität und ebenso von nachbarschaftlichem Tratsch.  Immer wieder lässt sie in ihren Figuren eine Haltung durchblicken, die wir aus früheren Romanen von ihr kennen, dass nämlich eine gewisse Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit und die Anerkennung dessen, was ist, dem Leben der Menschen einen Sinn geben können. Sie schreibt berührend über die Natur des Menschen in all seiner Verletzlichkeit und Stärke und über die unendliche Vielfältigkeit des Lebens.

 

Wie schon ihr 2010 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Debütroman „Mit Blick aufs Meer“ ist auch “Alles ist möglich“ ein leiser, ein sensibler Roman, dem es gelingt, hinter die Oberfläche menschlicher Schwächen und Sehnsüchte zu blicken und in ihnen durch seine Personen das zu sehen, was sie sind: Menschen, die kämpfen um ihr Leben und ihr Glück, so wie jeder andere in jeder anderen Stadt der Welt.