Alle Beiträge von Winfried Stanzick

David

 

 

 

Judith W. Taschler, David, Droemer 2018, ISBN 978-3-42630480-8

 

Nach dem wunderbaren und hochgelobten Roman „bleiben“, der auch mich vor zwei Jahren begeisterte, legt die bekannte und preisgekrönte Innsbrucker Schriftstellerin Judith W. Taschler schon ein Jahr später einen faszinierenden Roman vor, der nicht weniger als „bleiben“ das Potential zum Bestseller besitzt. Nun präsentiert in der Droemer Verlag in einer preiswerten Taschenbuchausgabe.

 

Raffiniert komponiert, mit hoher psychologischer Dichte und auf allerhöchstem literarischem Niveau erzählt Judith W. Taschler von Familienbeziehungen, von den lebenslangen Folgen einer Adoption (mit Reminiszenzen an Bert Hellingers „Ordnungen der Liebe“) von Identität und wie sie sich gerade an den großen Wendepunkten des Lebens bewährt und erneuert.

 

Als Magdalena Millet nach dreißig Jahren in den kleinen österreichischen Ort Kirchberg zurückkehrt um das verlassene Haus ihrer Großmutter Clara wieder herzurichten, wird das im Dorf mit großer Skepsis beobachtet. Zu viel ist geschehen seit der Zeit vor Jahrzehnten, als sie als kleines Mädchen ihre Eltern verlor.

 

Schon bald nach ihrer Rückkehr begegnet sie Jan, der wie jedes Jahr am Todestag seiner Adoptivmutter dem Baum einen Besuch abstattet, gegen den sie vor langer Zeit betrunken mit dem Auto gefahren war und dabei den Tod gefunden hatte. Dieser ersten Begegnung der beiden Hauptpersonen des Romans, die relativ konfliktreich verläuft, werden im Zuge der Handlung noch weitere folgen.

 

Mit vielen Rückblicken, in denen Jans Onkel Viktor immer wieder eine zunächst dem Leser noch dunkel bleibende Rolle spielt, geht die Autorin immer wieder in verschiedene Stadien der Vergangenheit zurück, kommt wieder in die Gegenwart zurück, um im nächsten Kapitel ohne Zeitangabe in eine andere Vergangenheit zu springen. Das nötigt dem Leser höchste Konzentration ab, zwingt ihn aber auch, selbst über Zusammenhänge nachzudenken, bevor sie im zweiten Teil des Buches langsam offenbar werden.

Es ist ein Roman über Menschen, die auf der Suche sind nach ihren Wurzeln, Menschen, die lernen, in der eigenen Vergangenheit und der ihrer Vorfahren Kraft zu finden für die Gestaltung und die positive Bewältigung ihres eigenen Lebens.

 

Spannend und virtuos komponiert, bereitet der neue Roman von Judith W. Taschler erneut allerhöchsten Lesegenuss und gute Unterhaltung auf hohem Niveau.

 

 

 

 

 

Der Wundergarten. Nek Chand baut sein geheimes Reich

 

 

 

 

 

 

Barb Rosenstock, Claire A. Nivola, Der Wundergarten. Nek Chand baut sein geheimes Reich, Verlag Freies Geistesleben 2018, ISBN 978-3-7725-2886-6

 

Was würden Sie antworten, wenn sie in einer Unterhaltung über Indien oder ggf. in einem  Quiz gefragt würden, was dort nach dem Taj Mahal, den jeder Mensch kennt, das zweitmeist besuchte Kulturdenkmal ist?

 

Es ist der nahe der Stadt Chandigarh gelegene riesige Wundergarten mit Tausenden von Figuren: Göttinnen und Göttern, Menschen und Tieren. Ein einzelner Mensch hat über sein ganzes Leben hinweg von seiner Jugend an dies alles geschaffen aus allem, was er fand und verwerten konnte. Sein Name ist Nek Chand.

In seiner Kindheit am Fuße der mächtigen Berge des Himalaya
hörte Nek Chand von Göttinnen erzählen, von magischen Gänsen und geheimnisvollen Dschungeln. Das war sein Glück. Denn als seine Familie nach Indien fliehen musste – in die fremde, hochmoderne Stadt Chandigarh –, lebten die Geschichten in ihm weiter und machten ihn erfindungsreich. Denn all das wollte er vor sich sehen und um sich haben.

Und so baute er sein Leben lang in der Fremde an einem Reich, in dem die Geschöpfe aus den Geschichten seiner Kindheit Gestalt bekamen.

 

Diese wunderbare und beeindruckende Lebensgeschichte, von der ich selbst erst durch dieses faszinierende Bilderbuch erfahren habe, hat Barb Rosenstock zunächst für eine englische Veröffentlichung erzählt.

 

Brigitte Elbe hat sie ins Deutsche übersetzt und Claire A. Nivolas farbenfroh illustriert. Ein biographischer Essay und eine ausführliche Bibliografie befinden sich am Ende des Buches.

Nek Chand ist am 12. Juni 2015 im neunzigsten Lebensjahr in seinem Felsengarten gestorben.

 

 

 

 

 

 

Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung

 

 

Leslie Jamison, Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung, Hanser Berlin 2018, ISBN 978-3-446-25856-3

 

Die Liste der berühmten Trinker und Trinkerinnen in der Musikgeschichte, aber insbesondere in der Literaturgesichte ist lang. Der Alkohol, der Rausch, andere Bewusstseinszustände wurden in diesem Zusammenhang immer wieder auf durchaus positive Weise hervorgehoben. Die Autorin des vorliegenden Buches wird in ihren Schreibschuljahren immer wieder damit konfrontiert.

 

Irgendwann fing sie an selbst zu trinken. Sie trank, weil sie ihre Mängel verbergen und um jeden Preis besonders sein wollte. Als sie zum ersten Mal zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker ging, die in den Folgejahren sie von ihrer Sucht retteten, begriff sie, dass sie erst von ihrer Sucht genesen würde, wenn sie nicht mehr auf ihrer Originalität beharrte.

 

Aufrichtig und authentisch erzählt sie in diesem sehr persönlichen Buch von ihrer Abhängigkeit und versucht die populären Mythen trunkener Genialität in der Kulturgeschichte zu entzaubern. Das Buch ist auch ein Einblick in die wenig zauberhafte Welt der Anonymen Alkoholiker und ihrer Arbeit, die Leslie Jamison endlich half, trocken zu werden und sie in der Folge sich mit Schriftstellern beschäftigen ließ, die das auch erlebt hatten.

 

Die Klarheit“ ist eine persönliche und kollektive Geschichte des Trinkens und des nüchternen Lebens – klug, bewegend aufrichtig und von unverhoffter Schönheit.

 

Für Menschen, die selbst mit ihrer Sucht kämpfen oder versuchen trocken zu bleiben, ist das Buch sicher eine ermutigende und stützende Lektüre.

 

 

Classic Cars Review

 

 

 

Michael Görmann (Hg.), Classic Cars Review, teNeues 2018, ISBN 978-3-96171-106-2

 

Immer mehr Menschen und nicht nur Männer interessieren sich in den letzten Jahren für Oldtimerfahrzeuge. In vielen Orten haben sich dafür regelrechte Vereine gebildet, die gesellige Treffen, Reparatur- und Ersatzteileberatung und mehrmals im Jahr Rundfahrten und Ausstellungen ihrer Fahrzeige organisieren, auf die sie unendlich stolz sind und für die sie einen Großteil ihrer Freizeit opfern. Auch in meinem Wohnort gibt es seit etlichen Jahren einen solchen rührigen Verein.

Die Fahrzeuge, die sie stolz präsentieren, sind zwar alle älter als 25 Jahre, aber es ist auch nicht nur annähernd irgendeines jener Prachtstücke dabei, die der vorliegende schwergewichtige und prachtvoll ausgestattete Band aus dem teNeues Verlag zeigt.

 

Eine Augenweide für alle Liebhaber seltener und alter Sportwagen und Limousinen sind die hier auf 400 Seiten gezeigten Fahrzeuge. Es gibt aber auch für Autosammler wichtige weitere Kapitel, die den zweiten Teil des Buches ausmachen.  Da gibt es Hinweise und Beschreibungen von zahlreichen Events in ganz Europa, wo sich Liebhaber mit ihren Autos treffen und austauschen. Zum Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung dient auch das Kapitel „connections“, in dem es um die unterschiedlichen Formen des Kontaktes in der Szene der Autosammler geht.

 

Der vierte und letzte Abschnitt ist mit „Photography“ überschrieben. Hier zeigen vier renommierte Fotografen ihre sehr unterschiedlichen Verfahren und Techniken beim Fotografieren von Automobilen.

 

Sie suchen ein wertvolles Weihnachtsgeschenk für einen Autoliebhaber: hier ist es.

 

Mein Papa und ich

 

 

 

Ulf Nilsson, Heike Herold, Mein Papa und ich, Moritz Verlag 2018, ISBN 978-3-89565-362-9

 

Der bekannte Kinder- und Jugendbuchautor Ulf Nilsson hat ein kleines Buch geschrieben, in dem er in acht kurzen Vorlesegeschichten vom Alltag der vierjährigen Maja mit ihrem Papa erzählt. Die freiberufliche Grafikerin Heike Herold hat das Buch mit zarten und witzigen Bildern trefflich illustriert.

 

In der ersten Geschichte führt Majas Papa sie ausgestattet mit einer leistungsfähigen Taschenlampe in den Keller ihres Hauses, weil sie Klas Andersson aus der Weihnachtskiste holen wollen.

 

Wir merken, wir befinden uns in der Vorweihnachtszeit im Advent. Folgerichtig gehen die beiden in der nächsten Geschichte zu einem großen Platz in der Stadt, wo sie einen Tannenbaum kaufen. Wie schon nach der ersten Geschichte und dann auch nach allen folgenden fasst Maja das gerade Erlebte in einem kleinen Gedicht zusammen. Sie alle beginnen mit der gleichen ersten Zeile:

„Papa und ich, Papa und ich,

wir kauften eine Tanne,

so lang wie unsere Badewanne,

und obendrauf kommt eine – Kaffeekanne.“

 

Auch hier sieht man, was die folgenden Geschichten noch mehrmals unter Beweis stellen werden, Maja und ihr Papa verstehen sich nicht nur gut, sondern der Papa ist einer, der auch mal zu ungewöhnlichen Sachen, wie sie Kinder mögen, aufgelegt ist.

 

Der Vater Majas ist ein geduldiger, liebevoller Lebensbegleiter seiner Tochter, der voller Interesse die neugierige Welterkundung seiner Tochter verfolgt und unterstützt. Auch vor größeren Herausforderungen, von denen manchen Geschichten erzählen, lässt er sich nicht irre machen.

 

Das sind auch sprachlich ansprechende Vorlesegeschichten für muntere Kindergartenkinder und agile Mädchenväter.

 

 

 

 

 

Das Hirtenlied

 

 

 

 

Max Bolliger, Stepan Zavrel, Das Hirtenlied, Bohem 2018, ISBN 978-3-85581-527-2

 

 

Diese schon jahrzehntealte Geschichte von Max Bolliger mit den eindrucksvollen Illustrationen von Stepan Zavrel, die der Bohem Verlag hier in einer lange erwarteten Neuauflage wunderschön in Leinen gebunden vorlegt, zählt zu den schönsten Weihnachtsgeschichte, die ich kenne, weil sie auf zarte Weise davon erzählt, worauf es beim Fest der Geburt des Heilandes wirklich ankommt.

 

Es wird erzählt von einem alten Hirten in Palästina. Ein Mann, der die Nacht liebt und den Lauf der Gestirne kennt. Schon lange wartet er, dass sich die Wahrsagungen der Propheten, dass der Messias kommen wird, erfüllen werden. Manchmal, wenn er seinem Enkel davon erzählt, er wird es selbst nicht mehr erleben. Sein Enkel kann auf faszinierende Weise mit seiner Flöte die Herzen anderer Menschen erreichen und fragt seinen Großvater Löcher in den Bauch. Er kann sich das Kommen des Messias nur in grandiosen Bildern vorstellen. Obwohl er selbst anderer Meinung ist, bestärkt der Großvater den Jungen zu seinem eigenen Leidwesen.

 

Eines Nachts steht über Stadt Betlehem ein großer Stern und der Junge läuft dem Licht entgegen; die anderen Hirten und der Großvater folgen ihm.

Doch angesichts der einfachen Armut der Szene im Stall und dem Kind in der Krippe zweifelt der Junge, der doch von einem grandiosen Erscheinen des Messias geträumt hatte und er hat sich schon ein Stück wieder von der Krippe entfernt, als ein Weinen ihn zurückholt. Und als er dann spielt auf seiner Flöte, das Lächeln des Kindes mitten in sein Herz geht, das spürt er „wie das Lächeln ihn reicher machte als Gold und Silber.“

 

Eine zeitlos schöne Weihnachtsgeschichte. Gut, dass nun auch gegenwärtige Menschen, Groß und Klein, sie lesen und hören können.

 

 

Von den hellen Farben der Seelen. Wie wir lernen, aus uns selbst heraus zu leben

 

Uwe Böschemeyer, Von den hellen Farben der Seelen. Wie wir lernen, aus uns selbst heraus zu leben, Ecowin 2018, ISBN 978-3-7110-0172-6

 

„Im kommenden Jahr werde ich 80. Gut 50 Jahre davon arbeite ich mit Menschen, deren Leben nicht leicht war oder ist. Im letzten Jahr kam ich auf die Idee, meine Erfahrungen in einem Buch zusammenzufassen, nicht trocken, sondern lebendig und farbig wie das Leben selbst. Ich möchte die Zeiten meines Lebens veranschaulichen, die Einfluss auf meinen beruflichen Lebensweg genommen und ihn im Besonderen geprägt haben. Vor allem liegt mir daran, Antworten auf brennende Fragen unserer Zeit zu geben. Ich habe sie in einem dritten Weg neben Psychotherapie und Lebens- und Sozialberatung als eigenständiges System und als logotherapeutisches Präventionskonzept beschrieben.“

 

Uwe Böschemeyer ist neben seiner vielfältigen Tätigkeit als Therapeut und Vortragsredner auch ein unermüdlicher Produzent von Büchern, mit denen er Menschen, die sich von sich selbst entfremdet haben und in ihrem Leben kein Glück erfahren,  helfen möchte, zur Erkenntnis ihrer selbst zu kommen und die schwierige, aber auch freudvolle Veränderungsarbeit am eigenen Selbst zu wagen.

Sehr häufig werden in der Therapie und in diversen Ratgebern jene dunklen Farben der Seele thematisiert, die unsere innere Realität verdunkeln und unser Leben und unsere Lebensfreude hindern an ihrer vollen Entfaltung.  In ausdrücklicher Anerkennung dieser dunklen Nachtseite des Lebens, widmet sich Böschemeyer aber in seinem neuen Buch den „hellen Farben der Seele“. Er möchte „in einer Zeit, in der die Angst zum lebensbestimmenden Gefühl geworden ist“ etwas entgegensetzen. Denn sie sei nur deshalb so groß, sagt er, weil der Mangel an Sinn so groß sei: „Der Mangel an Sinn ist so groß, weil der Halt im Leben so gering ist. Der Halt im Leben ist so gering, weil die Suche nach Sinn so schwierig geworden ist.“

 

Er setzt dieser Entwicklung etwas entgegen, was er die „hellen Farben der Seele“ nennt. Gemeint sind damit Werte wie Freiheit, Verantwortung, Liebe, Mut, Hoffnung, Kreativität, Spiritualität, all das, was Sinn vermittelt, Freude am Leben macht und uns voller Hoffnung auch angesichts des Todes leben lässt. Er erzählt davon, indem er wie nebenbei auch sein eigenes Leben und seine beruflichen Stationen (er war viele Jahre ev. Pfarrer!) reflektiert, erzählt von seinen Erfahrungen und seinen Entwicklungen.

Jeder Mensch trägt das Licht des Lebens in sich, davon ist er überzeugt, eine alte Weisheit des Christentums. Es kommt nur darauf an, es wiederzufinden, denn wir haben es so oft verloren, was wiederum unser Leben so dunkel macht. Der abstumpfende Alltag und das Streben nach Materiellem hindern es am Leuchten und unsere Seele an ihrer Entwicklung.

Die einzelnen Kapitel des Buches erzählen von dieser Wiederentdeckung, davon „wie wir lernen, aus uns selbst heraus zu leben“:

 

 

  • Prägungen – Wie ich wurde, was ich beruflich bin
  • Was sind Werte?
  • Die Macht der Gedanken
  • Die neun Gesichter der Seele (vgl. sein Buch über das Enneagramm „Du bist viel mehr“ (2010)
  • Wege zur Versöhnung, mit sich und mit anderen.

 

Das Buch ist verständlich geschrieben. Wer andere Bücher von Uwe Böschemeyer kennt, wird vieles Bekanntes darin finden, hier ist es aber wie in einer Lebenssumma noch einmal zusammengestellt.

 

Ich kann es allen Menschen für eine aufrichtige und selbsterkennende Suche nur empfehlen.

Ein gewisser Monsieur Piekielny

 

 

 

Francois-Henri Deserable, Ein gewisser Monsieur Piekielny, C.H. Beck 2018, ISBN 9678-3-406-72762-7

 

Der französische Schriftsteller Francois-Henri Deserable, eingefleischter Eishockeyspieler und – fan, will mit Freunden zu einem Eishockeyturnier in Minsk fliegen. Weil für einen von ihnen im Flugzeug kein Platz mehr ist, erklärt er sich bereit, einen Flug nach Vilnius zu nehmen und von dort mit dem Zug nach Minsk zu fahren.

Während des mehrstündigen Aufenthaltes in Vilnius stößt er in einer Straße zufällig auf das Geburtshaus des berühmten Schriftstellers Romain Gary, ein Haus und eine Straße, das Gary in seinem wohl bekanntesten Roman „Frühes Versprechen“ erwähnt. Der Autor steht mitten im Regen staunend davor, liest die am Haus angebrachte Plakette und spricht zu seiner eigenen Überraschung laut folgenden Satz aus „Frühes Versprechen“: „In der großen Pohulanka Nr. 16 in Vilnius lebte ein gewisser Herr Piekielny.“

 

Der rätselhaften Gestalt jenes Monsieur Piekielny verdankt der Autor, dass er viele Jahre zuvor sein Abitur geschafft hat, denn Romain Garys Roman war er einzige auf der langen Bücherliste, den er während seiner mangelhaften Vorbereitung gelesen hatte. Die entscheidende Frage nach dem siebten Kapitel von Garys autobiographischem Roman (er wird übrigens zurzeit verfilmt), in dem von Monsieur Piekielny erzählt wird, kann er bravourös beantworten.

Von diesem Augenblick an ist Deserable regelrecht gefangen von der Idee, dieser rätselhaften Figur, einem wohl in einem KZ umgebrachten älteren jüdischen Mann nachzugehen und mehr über seine Person du sein Schicksal herauszufinden. Er wird sich dazu auch mit dem Leben von Romain Gary beschäftigen müssen und dabei so manche Ähnlichkeit zu seinem eigenen Leben feststellen. So waren beide Mütter, die von Gary und die von Deserable ganz erpicht darauf, ihren Söhnen den Weg zu ebnen für eine große Karriere:

„Romain hatte f ü r seine Mutter angefangen zu schreiben, ich bin dank und t r o t z meiner Mutter Schriftsteller geworden.“

Der vaterlose Gary, damals noch Roman Kacew, lebte in den 1920er Jahren mit seiner Mutter in Vilnius. Während der Ehrgeiz der Mutter, die in ihrem Sohn das zukünftige Genie sah, eher für Belustigung sorgte, lud Monsieur Piekielny den jungen Romain zum Tee ein und bat ihn, sollte er einst berühmt werden, sich seiner zu erinnern und ab und zu seinen Namen zu erwähnen – was Gary später tatsächlich immer wieder tat. Er hat Monsieur Piekielny niemals vergessen.

 

Doch gab es ihn wirklich? Mehrfach reist der Autor auf den Spuren von Gary und Piekielny nach Vilnius, ohne eine wirklich belastbare Information zu finden. Was er allerdings herausfindet bei seinen Recherchen sind viele biographische Informationen über Romain Gary, seine vielen Stationen als französischer Diplomat und Schriftsteller, seine Ehe mit Jean Seberg, sein lockerer Umgang mit der Wahrheit von biographischen Informationen (etwa über die Identität seines Vaters) und sein Suizid 1980 und die möglichen Gründe dafür.

 

Und er spürt fast manisch Monsieur Piekielny nach und erzählt wie nebenbei die Geschichte der Juden in Vilnius und in Litauen, die er mit seinem Buch ebenso dem Vergessen entreisst, wie es offenbar Gary mit seiner Reminiszenz an Monsieur Piekielny tat.

 

Absolut zufällig wird Deserable während eines Theaterstücks von Gogol (Der Revisor), der übrigens in dem Buch eine große Rolle spielt, auf eine Spur aufmerksam, die eine Lösung anbietet, was sich hinter der Identität jenes jüdischen Mannes, der Gary eine große Zukunft in Aussicht gestellt hatte, verbirgt.

 

Désérables Roman ist ein leichtfüßiges, hervorragend recherchiertes, bewegendes und melancholisches literarisches Meisterstück, eine Hommage an Romain Gary, an die litauischen Juden und nicht zuletzt an die Nebenfiguren, die Unscheinbaren und Kleinen in der Weltliteratur, die sonst vergessen werden.

Er schreibt am Ende dazu:

„Manches Mal behauptet man, die Literatur vermöge nicht sonderlich viel, sie bewirke nichts gegen den Krieg, gegen die Ungerechtigkeit und die Allmacht der Finanzmärkte – und das stimmt vielleicht sogar. Doch zumindest vermag sie dies: dass ein junger Franzose, den es nach Vilnius verschlägt, den Namen eines kleinen Mannes ausspricht, der siebzig Jahre zuvor in eine Grube geworfen oder in einem Ofen verbrannt wurde- ein traurige Maus mit scharlachroter Haut, von Kugeln durchlöchert oder in Rauch aufgegangen, die aber weder die Nazis noch die Zeit vollständig auslöschen können, weil ein Schriftsteller sie dem Vergessen enthoben hat.“

 

Ganz nebenbei ist sein bemerkenswerter Roman, der es bis zur Auswahl für den Prix de Goncourt geschafft hat, eine tiefgehende Erörterung der literarischen Frage des Verhältnisses zwischen Realität und Fiktion:

„Letztendlich bedeutete es mir wenig zu wissen, ob er  tatsächlich gelebt hatte, ob er aus der wohlbekannten Hand Garys hervorgegangen war oder aus etwas anderem, aus dem Bauch einer Frau, die niemand mehr kennt: Wenn er denn nur aus Tinte und Papier war, bedeutete das den unzweifelhaften, glänzenden Triumph der Literatur durch die Fiktion.“

 

Die Ritter von Crongton

 

 

 

 

Alex Wheatle, Die Ritter von Crongton, Kunstmann 2018, ISBN 978-3-95614-255-0

 

Nachdem der Kunstmann Verlag den englischen Autor Alex Wheatle schon im Frühjahr dieses Jahres mit dem Buch „Liccle Bit“ in Deutschland debütieren ließ, folgt nun schon im Herbstprogramm sein nächster Jugendroman „Die Ritter von Crongton“.

Im ersten Buch war Lemar Jackson (14), genannt „Liccle Bit“ die Hauptperson. Seine Freunde Jonah und McKay ziehen ihn ständig damit auf, dass er noch keine Freundin hat. Als Venetia King, das schönste Mädchen der Schule, ihn bittet, ein Porträt von ihr zu zeichnen, können er und seine Freude das kaum glauben. Fakt ist aber, dass etwa gleichzeitig Manjaro, der berüchtigte Anführer der Gang von South Crongton, sich für ihn zu interessieren beginnt. Schon bald erledigt  Lemar kleine Aufträge für ihn. Als der erste Tote im Viertel auftaucht, erkennt Lemar, dass er schon viel zu tief in dem eskalierenden Bandenkrieg steckt und so auf keinen Fall weitermachen kann. Aber wie soll er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, die sich immer weiter zuschnürt?

 

Im hier vorliegenden zweiten Band erzählt Alex Wheatle die Geschichte der „Ritter von Crongton“ weiter. Dieses Mal stehen McKay, den wir aus dem ersten Buch schon kennen und seine Familie im Mittelpunkt. Seit die Mutter gestorben ist, ist das Wohnen in Crongton für McKay noch schwieriger geworden. Der Vater arbeitet unermüdlich um seine Schulden zu bezahlen. Sein Bruder treibt sich nachts herum und scheint auf magische Weise Probleme anzuziehen.

 

Als McKay eines Tages sich aufmachen will, um einem Mädchen zu helfen, trifft er auf einen verrückten Ex-Freund, eine Gruppe Kinder, die sich in einem wahren Machtrausch befinden und eine Gangster, der auf Rache sinnt.

 

In einer Nacht voller spannender Abenteuer und Gefahren findet McKay heraus, worin die Kraft von Freundschaft und die Stärke von Familie liegen.

 

Beides ist für die Jugendlichen (viele sind aus dem ersten Buch schon bekannt) aus Crongton für ihr Überleben in dieser unwirtlichen  Umgebung notwendig und ihre einzige Chance, wollen sie nicht in die Kriminalität abrutschen.

 

Mit einer großen Liebe für diese Kids und einer warmherzigen Solidarität erzählt Wheatle von Jugendlichen, die eigentlich keine echte Chance haben für ihr Leben und dennoch leidenschaftlich für ihre menschliche Zukunft kämpfen.

 

 

 

Die Nervensäge, meine Mutter, Sir Tiffy, der Nerd und ich (Hörbuch)

 

 

 

 

Michael Gerard Bauer, Die Nervensäge, meine Mutter, Sir Tiffy, der Nerd und ich (Hörbuch), Hörcompany 2018, ISBN 978-3-945709-67-2

Michael Gerard Bauer ist eine großen Zahl von Schülern durch seine Ismael – Trilogie bekannt geworden, deren einzelnen  Teile in vielen Ländern zum Schulkanon Deutsch der Mittelstufe zählen. Sein neues Buch ist eine Art literarische Sitcom, in der zunächst einmal alles durcheinander geht und sich nach langem Wirbel am Ende in einem geradezu karthartischen Prozess alles zum Besten kehrt.

 

Die ich-erzählende Maggie Butt lebt mit ihrer Mutter alleine, seit ihr Vater sie beide verlassen hat. Sie hält ihr eigenes Leben für relativ unperfekt und nimmt sich deshalb in ihrer neuen Schule drei Dinge vor, die sie unbedingt erreichen will. Sie will eine beste Freundin finden, eine Eins in Englisch und sie braucht eine männliche Begleitung für ihren Abschlussball, mit der sie sich sehen lassen kann.

 

Doch als das Buch beginnt und das Schuljahr nur noch zwei Monate dauert, ist sie keinem dieser drei Ziele auch nur einen Schritt näher gekommen. Und als ob das alles nicht dramatisch genug wäre, hat ihre Mutter einen neuen Lover kennengelernt. Maggie nennt ihn die Nervensäge, weil sie befürchtet, dass er sich zwischen sie und ihre geliebte Mutter stellen wird. Danny, so heißt der Mann, arbeitet als Pfleger im Krankenhaus, und hat Maggie und so auch ihre Mutter kennengelernt, als sie vor etlicher Zeit volltrunken dort eingeliefert wurde.

Er kommt immer öfter zu Besuch, gibt zu allem seinen Senf dazu und bringt irgendwann den verlotterten Perserkater Sir Tiffy einer sterbenden Patientin von ihm vorbei. Maggie, die gerade unter einer absolut verkorksten Frisur leidet. Von ihrer Englischlehrerin Schwester Evangelista, einer alten durchaus sympathischen Nonne immer wieder liebevoll in den sprachlichen Senkel gestellt und eine hoffnungsvolle Chance auf einen Tanzpartner vergeigend, scheint bei Maggie alles schief zu laufen.

Mit viel Wortwitz und Komik erzählt Bauer über lange Strecken des Buches  vom ganz normalen Wahnsinn im Leben dieses jungen Mädchens, das an sich selbst und ihrer Welt zu verzweifeln scheint.

 

Doch als sie bei den Sozialstunden im Altersheim dem scheuen Nerd Jeremy langsam näher kommt, und auch Sir Tiffy sich zunehmend als Schmusekatze entwickelt, kommt langsam Licht ins Lebensdunkel von Maggie.

 

Und auch die ungeliebte Nervensäge Danny wird noch eine positive Rolle spielen bei einem fulminanten Finale bis hin zu einem versöhnlichen Schluss.

 

Ein lustiges Buch, das auch sprachlich in die besondere Welt von Jugendlichen eintaucht und es perfekt versteht, sie auf eine Weise zu beschreiben, die voller Situationskomik ist.

 

Julia Nachtmann hat in dem vorliegenden Hörbuch den sprachlichen Witz und die situative Komik dieses Buches auf eine warmherzige Weise eigefangen und interpretiert.