Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Das Baby ist da. Was nun?

 

 

Catherine Leblanc, Eve Tharlet, Das Baby ist da. Was nun, minedition 2018, ISBN 978-3-86566-358-0

 

Der kleine Bär ist eine bei Kindern beliebte Bilderbuchfigur der Französin Catherine Leblanc, von der bei minedition schon einige Bücher erschienen sind.

 

In dem hier vorliegenden neuen Bilderbuch, das Eve Tharlet wieder warmherzig illustriert hat, freut sich der kleine Bär darauf, dass sein Geschwisterchen bald geboren wird. Weil Mamas Bauch schon rund ist, spielt er mit seinem Papa. Als er eines Morgens aufwacht und nach seiner Mama ruft, antwortet ihm die Oma, die ihm sagt, dass Mama und Papa in der Klinik sind, wo seine kleine Schwester heute Nacht geboren wurde.

 

Er freut sich, doch als Mama mit der Kleinen wieder zu Hause ist, muss er mit einigen Veränderungen klar kommen, die ihm zunächst schwer zu schaffen machen. Anna, so heißt die Schwester, will nur bei Mama sein, und nicht mit ihm spielen.

Und immer, wenn er in der nächsten Zeit mit seiner Mama spielen will, so wie früher, ist sie mit Anna beschäftigt und hat keine Zeit. Auch Papa steht zum Spielen sehr viel weniger zur Verfügung als früher, weil er Mama helfen will.

 

Ganz langsam gelingt es dem zwischendurch immer wieder zornigen und frustrierten kleinen Bär, mit seiner Schwester in Kontakt zu kommen, und als er sie zum ersten Mal in seiner Armen halten darf, ist er selig und gibt seinem Papa zum Spielen einen Korb.

 

Bis er mit Anna so richtig spielen und herumtollen kann, wie er es sich vorgestellt hatte, wird es zwar noch etwas dauern, aber er hat herausgefunden, wie er in der Zwischenzeit mit ihr zusammen sein kann, dass es auch ihm Freude macht.

 

Ein zauberhaftes Bilderbuch mit wunderschönen und zarten Illustrationen für alle Kinder mit sehr kleinen Geschwistern.

 

Lästige Liebe (Hörbuch)

 

 

 

Elena Ferrante, Lästige Liebe (Hörbuch), der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-3106-0

Ihr vierbändiges Epos „Neapolitanische Saga“ hat sie nicht nur in Deutschland mit einem Schlag bekannt gemacht und einen unvergleichliche Hype um die italienische  Schriftstellerin Elena Ferrante ausgelöst. Vom Ferrante-Fieber werbetextete der Suhrkamp-Verlag, der nun beginnend mit ihrem literarischen Debüt aus dem Jahr 1992 wohl alle bisherigen Werke der ungewöhnlichen Autorin verlegen und dem deutschen Publikum zugänglich machen will.

 

Schon bei der Veröffentlichung von „Lästige Liebe“ (L`amore molesto) im Jahr 1992 in Italien hat sich Elena Ferrante dazu entschlossen unter einem Pseudonym zu schreiben und hat das auch nach dem überwältigenden Erfolg der Saga so beibehalten.

 

„Lästige Liebe“ spielt wie die Saga in Neapel. Wer die vier Bände der Saga gelesen hat, entdeckt in dem nun auf Deutsch vorliegenden Debüt Ferrantes schon die Umrisse von Figuren, Schauplätzen und Motiven, die später in der Tetralogie eine Rolle spielen werden. Als „Lästige Liebe“ 1994 in Deutschland erschien, wurde der Roman nicht wahrgenommen und ging hier eher unter, während Elena Ferrante in Italien schon eine breite Resonanz erfuhr und von der Literaturkritik intensiv gewürdigt wurde.

 

Delia, die Hauptperson des Romans, 45 Jahre alt und als Comiczeichnerin arbeitend, kehrt nach dem plötzlichen und unerklärlichen Tod ihrer Mutter nach Neapel zurück, in die ihr verhasste Heimatstadt. Ihre Mutter ist wenige Tage zuvor im Meer ertrunken. War es ein Unfall oder hat sich die Mutter selbst umgebracht? Oder hatte beim Tod der Mutter jemand anderes seine Hände im Spiel?

 

In vielen Rückblenden erinnert sich Delia an ihre Mutter und ihre Kindheit mit einem gewalttätigen Vater. Es geht um viele Geheimnisse und um einen Verrat, als die fünfjährige Delia ihrer Mutter eine Affäre mit einem Geschäftspartner des Vaters angehängt hat.  Doch es steckte etwas ganz anderes dahinter, dunkler Ursprung aller weiteren Verwicklungen, denen die ich-erzählende Delia nun nachspürt. Sie muss dafür tief in ihre Vergangenheit hinabsteigen, ein schmerzhafter Prozess, dessen Psychodynamik Ferrante brillant darstellt. Immer wieder kommen Bilder und Erlebnisse in Rückblenden in Delia hoch, während sie geradezu getrieben versucht, die letzten Stunden ihrer Mutter Amalia, mit der sie mehr verbindet , als sie zunächst zulassen kann, zu rekonstruieren. Warum hat sie wenige Tage vor ihrem Tod so überdreht und verstört geklungen, als sie am Telefon das letzte Mal mit Delia sprach?

 

Und welche Rolle spielt Caserta, ein ehemaliger Freund ihres gewalttätigen Vaters, der plötzlich wieder auftaucht? Offenbar war er der letzte Mensch, der die Mutter lebend gesehen hat. Und während Delia verzweifelt durch die Gassen der Stadt läuft und Erinnerungen entwirrt, die sie lange unterdrückt hatte,  ahnt sie nicht, wie schutzlos sie sein wird gegen das schreckliche Geheimnis ihrer eigenen Kindheit, das in einem schmerzhaften Prozess ans Tageslicht kommen wird, sodass sie am Ende sagen wird: „Amalia war einmal. Ich war Amalia.“

 

„Lästige Liebe“ ist ein starker Roman, der die literarische Kraft der späteren Saga schon in sich trägt.

 

Wie schon die vier Bände der „Neapolitanischen Saga“ hat Eva Mattes auch „Lästige Liebe“ in einer ungekürzten Fassung für den Hörverlag in einer überzeugenden Weise eingelesen. Mit ihrer Stimme und ihrer Interpretation verschmilzt sie regelrecht mit der Ich-Erzählerin Delia.

Ein beeindruckendes Hörerlebnis.

 

 

 

 

 

 

Die jüdische Souffleuse

 

 

Adriana Altaras, Die jüdische Souffleuse, Kiepenheuer & Witsch 2018, ISBN 978-3-462-05199-5

 

Adriana Altaras gehört seit ihrem Roman „Titos Brille“ über ihren Vater und ihre Familie zu den bekannten deutschen Schriftstellern. Mit viel jüdischem Witz und großer Schlagfertigkeit hat sie seither etliche Romane veröffentlicht, die sich alle um ihre Familie drehen und wie deutsche Juden in diesen Zeiten ihr Leben im Land erleben.

Adriana Altaras arbeitet nicht nur als Schriftstellerin, sondern auch als Schauspielerin und Regisseurin. Im Rahmen dieser Tätigkeit soll sie eines Tages in einem deutschen Provinztheater eine Mozartoper einstudieren. Normaler Alltag für die wieder ich-erzählenden Adriana, wäre da nicht Sissele, die jüdische Souffleuse, die es aus einem bestimmten Grund auf Adriana abgesehen hat. Sie hat alle Bücher von ihr gelesen, und als sie ihr nun begegnet, erhofft sie sich von Adriana Hilfe bei der Suche nach ihren Verwandten. Schon Jahrzehnte hat sie selbst vergeblich nach ihnen gesucht, nachdem sie nach dem Zweiten Weltkrieg in alle Winde zerstreut wurden.

Sissele wurde nach dem Krieg in Israel geboren, und ist als sie etwa ein Jahr alt war mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen. Nach dem frühen Tod der Mutter führt sie mit dem unzuverlässigen Vater ein unstetes Leben und landet schließlich in einem katholischen Kloster, wo der Vater sie den Nonnen übergibt.

 

Nach einigen Widerstanden lässt sich Adriana auf eine gemeinsame Suche ein. Sie rollt Sisseles Leben auf, erzählt von jüdischem Leben, von Verfolgung  und den nationalsozialistischen Vernichtungslagern.

Mit hinreißender Tragikomik erzählt Adriana Altaras von den Absurditäten des Theateralltags und ihrer abenteuerlichen Reise mit Sissele, der jüdischen Souffleuse. Sie erzählt mit viel Witz und etlichen Nebenhandlungen von einer unverhofften Familienzusammenführung und davon, wie sich unvergessliche Geschichten des 20. Jahrhunderts mit jenen der Nachgeborenen verbinden.

 

Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen.

 

Die Schneiderin des Nebels

 

 

 

Agnes de Lestrade, Valeria Docampo, Die Schneiderin des Nebels, Mixtvision 2018, ISBN 978-3-95854-130-6

 

Mit „Die Schneiderin des Nebels“ legen Agnes de Lestrade und die Illustratorin Valeria Docampo ein weiteres Beispiel einer sehr erfolgreichen Zusammenarbeit vor.

 

Es erzählt mit warmherziger Sprache und zarten Bildern von dem Mädchen Rosa. Rosa hat eine ganz besondere Gabe. Sie kann aus Nebel Stoffe weben, die im ganzen Land sehr begehrt sind. Denn mit diesen Stoffen können die Menschen im Land unbeliebte Dinge und ungewollte Gefühle unter einem dicken Schleier verhüllen und verstecken. Auch ihr eigenes Leben ist seltsam verhüllt.

 

Doch dann erhält sie einen Brief von ihrem Vater, den sie nach seiner Trennung von der Familie lange nicht mehr gesehen hat, was Teil ihrer großen Traurigkeit ist. Er kündigt sein Kommen an und das bringt plötzlich wieder neues Licht in ihr Leben.

 

„Die Schneiderin des Nebels“ ist ein wunderbares, zart poetisches Bilderbuch mit einer warmherzigen und leisen Geschichte über den flüchtigen Nebel, der uns so oft umgibt und den Blick auf das Wesentliche versperrt.

 

Spiel mit mir

 

 

 

 

Agnese Baruzzi, Spiel mit mir, minedition 2018, ISBN 978-3-86566-290-3

 

Dieses kleine Bilderbuch von Agnese Baruzzi, lädt kleine Kinder ab etwa zwei Jahren ein, ihre Finger einzusetzen, um die im Buch gezeigten Figuren und ihre gezeichnete Aktionen lebendig werden zu lassen.

Mit ihren Fingern können sie  tanzen, hüpfen, kicken, schaukeln, jonglieren, Fußball spielen und vieles mehr und sogar auf dem Mond landen.
Jede Seite lädt zum aktiven Mitmachen ein und bringt Spaß
für große und kleine Finger. Das Buch eignet sich zum Selberspielen aber auch als eine Art Theateraufführung für kleine Zuschauer.

 

Eine schöne originelle Idee, zeichnerisch schön umgesetzt.

Mein Leben oder Ein Haufen unvollkommener Momente

 

 

 

Peter Bognanni, Mein Leben oder Ein Haufen unvollkommener Momente, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25863-1

 

Sieben Monate lang haben sich Tess, die ich-erzählende Hauptperson des hier vorliegenden Jugendromans von Peter Bognanni, und Jonah gekannt. Alles haben sie miteinander geteilt, Gefühle, Alltagserlebnisse, Sorgen, Ängste und Hoffnungen. Doch wirklich gesehen haben sich die beiden nur beim allerersten Kontakt, als sich Tess sofort in ihn verliebte. Danach haben sie nur noch per Chat, Facebook oder Tweets miteinander kommuniziert, sie haben sich gegenseitig ihre Liebe gestanden und ihr Innerstes offenbart.

 

Doch nun hat sich Jonah das Leben genommen und Tess ist am Boden zerstört. Was hat ihr Jonah vorenthalten? Kannte sie ihn vielleicht doch nicht so gut wie sie dachte? Um ihre Trauer einigermaßen zu bewältigen, schreibt sie ihrem toten Freund weiter Emails.

In all ihrer Trauer und ihrem Schmerz findet Tess bei ihrem Vater, der als Bestatter arbeitet und auch sehr ungewöhnliche Aufträge annimmt, eine Aufgabe, indem sie ihm hilft und zunehmend bei dieser Tätigkeit auch so etwas wie eigenes Profil entwickelt. Sie, die selbst voller Trauer ist, kommt auf diese Weise den Kunden des Vaters sehr nahe, kann sich gut in sie hineinversetzten und hat damit großen Erfolg.

 

Als sie eines Tages auf ihre Mails an Jonah tatsächlich eine Antwort erhält, lernt sie Jonahs Freund Daniel kennen, der selbst an dem Suizid von Jonah zu knabbern hat. Nach der ersten Aufregung über Daniels angeblichen Vertrauensbruch, kommen sich die beiden näher und die Hintergründe von Jonahs Tod werden offenbar.

 

Peter Bognannis Roman ist ein wunderbares Buch über den Tod, über Abschied, Trauer, über Neuanfang und die Kraft der Liebe. Ich habe das Buch gerne gelesen, es hat mich mit seinem Humor unterhalten und mit seiner Tiefe, mit der es das Thema Tod und Abschied behandelt, nachdenklich gemacht.

 

 

Lästige Liebe

 

 

 

 

Elena Ferrante, Lästige Liebe, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42828-3

 

Ihr vierbändiges Epos „Neapolitanische Saga“ hat sie nicht nur in Deutschland mit einem Schlag bekannt gemacht und einen unvergleichliche Hype um die italienische  Schriftstellerin Elena Ferrante ausgelöst. Vom Ferrante-Fieber werbetextete der Suhrkamp-Verlag, der nun beginnend mit ihrem literarischen Debüt aus dem Jahr 1992 wohl alle bisherigen Werke der ungewöhnlichen Autorin verlegen und dem deutschen Publikum zugänglich machen will.

 

Schon bei der Veröffentlichung von „Lästige Liebe“ (L`amore molesto) im Jahr 1992 in Italien hat sich Elena Ferrante dazu entschlossen unter einem Pseudonym zu schreiben und hat das auch nach dem überwältigenden Erfolg der Saga so beibehalten.

 

„Lästige Liebe“ spielt wie die Saga in Neapel. Wer die vier Bände der Saga gelesen hat, entdeckt in dem nun auf Deutsch vorliegenden Debüt Ferrantes schon die Umrisse von Figuren, Schauplätzen und Motiven, die später in der Tetralogie eine Rolle spielen werden. Als „Lästige Liebe“ 1994 in Deutschland erschien, wurde der Roman nicht wahrgenommen und ging hier eher unter, während Elena Ferrante in Italien schon eine breite Resonanz erfuhr und von der Literaturkritik intensiv gewürdigt wurde.

 

Delia, die Hauptperson des Romans, 45 Jahre alt und als Comiczeichnerin arbeitend, kehrt nach dem plötzlichen und unerklärlichen Tod ihrer Mutter nach Neapel zurück, in die ihr verhasste Heimatstadt. Ihre Mutter ist wenige Tage zuvor im Meer ertrunken. War es ein Unfall oder hat sich die Mutter selbst umgebracht? Oder hatte beim Tod der Mutter jemand anderes seine Hände im Spiel?

 

In vielen Rückblenden erinnert sich Delia an ihre Mutter und ihre Kindheit mit einem gewalttätigen Vater. Es geht um viele Geheimnisse und um einen Verrat, als die fünfjährige Delia ihrer Mutter eine Affäre mit einem Geschäftspartner des Vaters angehängt hat.  Doch es steckte etwas ganz anderes dahinter, dunkler Ursprung aller weiteren Verwicklungen, denen die ich-erzählende Delia nun nachspürt. Sie muss dafür tief in ihre Vergangenheit hinabsteigen, ein schmerzhafter Prozess, dessen Psychodynamik Ferrante brillant darstellt. Immer wieder kommen Bilder und Erlebnisse in Rückblenden in Delia hoch, während sie geradezu getrieben versucht, die letzten Stunden ihrer Mutter Amalia, mit der sie mehr verbindet , als sie zunächst zulassen kann, zu rekonstruieren. Warum hat sie wenige Tage vor ihrem Tod so überdreht und verstört geklungen, als sie am Telefon das letzte Mal mit Delia sprach?

 

Und welche Rolle spielt Caserta, ein ehemaliger Freund ihres gewalttätigen Vaters, der plötzlich wieder auftaucht? Offenbar war er der letzte Mensch, der die Mutter lebend gesehen hat. Und während Delia verzweifelt durch die Gassen der Stadt läuft und Erinnerungen entwirrt, die sie lange unterdrückt hatte,  ahnt sie nicht, wie schutzlos sie sein wird gegen das schreckliche Geheimnis ihrer eigenen Kindheit, das in einem schmerzhaften Prozess ans Tageslicht kommen wird, sodass sie am Ende sagen wird: „Amalia war einmal. Ich war Amalia.“

 

„Lästige Liebe“ ist ein starker Roman, der die literarische Kraft der späteren Saga schon in sich trägt.

 

 

 

 

 

LOST. Menschen an den Rändern der Welt

 

 

Markus Mauthe, LOST. Menschen an den Rändern der Welt, Knesebeck 2018, ISBN 978-3 95728-138-8

 

Markus Mauthe ist nicht nur ein bekannter Naturfotograf sondern auch seit langem ein engagierter Umweltaktivist, denn auf seinen Reisen hat er immer wieder erlebt, wie sich unsere, die sog. Westliche Art und Weise zu leben und zu wirtschaften negativ auf Natur und Menschen überall auf der Welt auswirkt. Immer wieder geht es in seinem Arbeiten um den Erhalt von Lebensräume auf unserer Erde.

Für sein neues Projekt reiste der Ausnahmefotograf in die entlegensten Gebiete der Welt und besuchte indigene Volksgruppen, deren Lebensräume durch die rasante Ausbreitung des ressourcenverschwendenden westlichen Lebensstils und wirtschaftliche Interessen auf ganz extreme Weise gefährdet sind.

Das Leben all dieser Menschen, die er in Afrika, in Myanmar, im äußersten Norden Russlands und am Amazonas in Südamerika besucht und fotografiert hat ist bis auf den heutigen Tag stark mit der Natur verbunden. Doch der Einfluss unserer Wirtschaftsweise und der Moderne reicht mittlerweile bis in diese letzten Winkel des Planeten hinein du unterwirft das Leben der indigene Völker einem starken Wandel.

 

In den Fotografien von Mauthe spiegelt sich keine romantische Verklärung, sondern er dokumentiert eine Realität, in der die Menschen unterschiedlichster Kulturen sich der Herausforderung stellen, ihre Lebensweise mit den Einflüssen von außen in Einklang zu bringen.

 

Fotografie auf Augenhöhe werden ergänzt durch fundierte Texte von Florens Eckert, der in ihnen die jeweilige Situation der einzelnen Gruppen dokumentiert und das Hintergrundwissen darüber liefert, wie „die Ränder der Welt“ entstanden sind.

 

Das traurig stimmende Porträt einer verschwindenden Welt.

 

 

 

 

 

Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand

 

 

 

Konstantin Wecker, Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand, Gütersloher Verlagshaus 2018, ISBN 978-3-579-08726-9

 

Konstantin Wecker ist ein Mensch und Künstler, der in seinem Leben alle Höhen und besonders die Tiefen durchlebt hat. Er ist immer wieder aufgestanden, seiner großen Liebe, der „ANNArchie“ treu geblieben und hat sich immer wieder für Frieden und Gerechtigkeit engagiert.

 

In dem vorliegenden Gedichtband gibt er ein überzeugendes Beispiel seiner Auffassung, dass Poesie  -und er versteht sich schon immer als Poet- sich nicht abfindet mit dem Machbaren, sondern immer „auf der Suche nach dem Wunderbaren“ ist, und somit notwendig im Widerstand gegen das Bestehende, gegen Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Gewalt.

Für ihn ist  Widerstehen eine unerlässliche, immer wieder neu aufzufrischende Lebenshaltung, um sich nicht einfach allem zu beugen, was einem als selbstverständlich aufgetischt wird.

Im vorliegenden Büchlein interpretiert er wie in einem langen Prosagedicht, kleinere Gedichten von ihm selbst und anderen.

 

Wecker zeigt sich hier als altersweiser spiritueller Poet, keiner Religion verpflichtet, nur seinem eigenen Menschsein und seiner unendlichen Würde.

 

 

 

 

 

Grenzgänger

 

 

 

Mechthild Borrmann, Grenzgänger, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-28179-6

 

In ihrem 2016 erschienenen Bestsellerroman „Trümmerkind“ schilderte die schon mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnete Mechthild Borrmann in einer Geschichte aus der deutschen Vergangenheit die schmerzliche Suche einer Frau nach der Wahrheit. Eine Frau, die erkennen muss, dass und wie ein Verbrechen auf schicksalhafte Weise mit der Geschichte ihrer Familie verbunden ist. Ich habe diesen sehr gelungenen Roman damals geradezu verschlungen.

 

Entsprechend gespannt war ich auf ihren gerade erschienenen neuen Roman „Grenzgänger“. Wieder siedelt sie den einen Teil der Handlung in den Nachkriegsjahren an und den anderen in das Jahr 1970. Und wieder schafft sie es mit einer ausgefeilten Sprache ihren Leser wie in einem Sog sofort an sich zu binden mit einem Plot, der die Geschichte einer lebenshungrigen Frau erzählt, die trotz einer langen und brutalen Vergangenheit als Heimkind an die Gerechtigkeit glaubt und fast daran zerbricht.

 

Die Familie Schöning, um die es geht, lebt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in einem kleinen Dorf nahe der deutsch-belgischen Grenze. Dort blüht der Kaffeeschmuggel, ohne den viele Menschen dort nicht überleben könnten. Auch die 17- jährige Henni, die nach dem frühen Tod der Mutter die Familie führt und die jüngeren Geschwister versorgt, macht bald dabei mit und kann mit den Erlösen des Schmuggels den totalen Ausfall des Vaters mehr als ausgleichen. Der hatte sich, nachdem er aus der Gefangenschaft heimkehrte, keine Arbeit gesucht, auch zuhause nichts gemacht und -fromm geworden- seine ganze Zeit in der Kirche und bei dem katholischen Priester verbracht, der im Laufe der Handlung noch eine sehr unrühmliche Rolle spielen wird.

 

Als dann aber irgendwann eine Schmugglergruppe erwischt wird, wandern die Erwachsenen ins Gefängnis und Hennis Vater will sie mit der Unterstützung des Priesters in ein Heim geben und die anderen Kinder mit dazu. Doch noch kann Henni das verhindern, indem sie heimlich erst allein und dann auch mit ihren Geschwistern und anderen alte Schmugglerouten durch das tückische Moorgebiet der Hohen Venn nutzt.

 

Lange geht das gut und Henni kann für ihre Geschwister sorgen, doch eines Tages werden sie erwischt und ihre jüngere Schwester wird von einem Zöllner erschossen, der im Dorf wohnt. Henni wird daraufhin, 1951, in eine Besserungsanstalt gesteckt und ihre Geschwister werden vom Vater mit tatkräftiger Unterstützung der Pfarrers in ein kirchliches Kinderheim in Trier gegeben.

 

Der Roman schildert eindrucksvoll und bewegend die Zustände sowohl in der Besserungsanstalt, wo Henni geduldig wartet bis sie volljährig ist, als auch in dem kirchlichen Heim in Trier, in dem ihr Bruder Matthias nach einer wahren Folterbehandlung an Lungenentzündung stirbt.

 

Nachdem Henni nach ihrer Entlassung bei der Familie eines Landtagsabgeordneten als Haushaltshilfe unterkommt, ruht sie nicht, Kontakt mit ihren Geschwistern aufzunehmen. Als sie vom Tod des Bruders erfährt, dreht sie fast durch und sucht verzweifelt nach Gerechtigkeit.

 

Auch als sie schon verheiratet ist, gibt sie die Suche nicht auf. Immer gegen den Willen ihres Vaters, der sich immer noch weigert, sich um seine Kinder zu kümmern.  Als der bei einem Brand seines Hauses ums Leben kommt, wird Henni angeklagt.  Und viele frühere Freunde trauen sich aus der Deckung um ihr zu helfen.

 

Mechthild Borrmann erzählt eine unter die Haut gehenden Geschichte, in der sie Tausende von Opfern gerade kirchlicher Kinderheime in den Jahrzehnten nach dem Krieg so etwas wie Gerechtigkeit erfahren lässt. Man kann es aus heutiger Sicht kaum glauben, welche brutalen und menschenunwürdigen Zustände dort unter dem Deckmantel der Religion herrschten und kleine Menschenkinder für ihr ganzes Leben zerstörten.

 

Ein Roman, der sich liest wie ein Krimi und doch auch ein Teil deutscher Sozialgeschichte erzählt. Auf den nächsten Roman von Mechthild Borrmann darf man gespannt sein.