Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Bruder und Schwester Lenobel

 

 

Michael Köhlmeier, Bruder und Schwester Lenobel, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25992-8-

 

Michael Köhlmeiers neuer voluminöser Roman „Bruder und Schwester Lenobel“ ist ein neues Beispiel seiner großen Erzählkunst. Manche Rezensenten seines Buches haben ihm vorgeworfen, seine Geschichten und Episoden, die das Buch bevölkern, seien ausgeufert und hätten den roten Faden aus dem Blick verloren.

 

Ich kann das nach meiner Lektüre nicht bestätigen. Ich war begeistert von dieser unbändigen Lust am Erzählen, von der poetischen Kraft von Köhlmeiers Sprache und seiner Kunst, in den Ablauf seiner Handlung eine Vielzahl sehr interessanter Themen einzuflechten.

Es geht um die Familie Lenobel in Wien. Robert Lenobel, etwa 56 Jahre alt, Jude ohne spirituelle Heimat, arbeitet als Psychoanalytiker der klassischen Freudschen Schule unweit der ehemaligen Wirkungsstätte seines großen Lehrers. Er ist verheiratet mit Hanna. Sie führt zusammen mit einer Freundin die einzige jüdische Buchhaltung in Wien, obwohl beide nicht von Juden abstammen. Doch Hanna hat eine Affinität zum Judentum.

Robert hat eine sechs Jahre jüngere Schwester namens Jetti, eine schöne und beruflich erfolgreiche Frau, der es jedoch trotz vieler Beziehungen zu Männern nie gelungen ist, den „Richtigen“ zu finden. Als sie doch einmal nahe dran ist mit einem Mann konstatiert sie: „Er ist der Richtige für mich, aber ich bin nicht die Richtige für ihn.“ Ihr Leben zerrinnt ihr zwischen den Fingern.

 

Es ist Mai, Jetti lebt seit einigen Jahren in Irland, wo sie mit anderen eine erfolgreiche Kulturagentur betreibt, als sie von ihrer Schwägerin Hanna eine fast panische Mail bekommt. Sie soll sofort nach Wien kommen, ihr Bruder Robert werde anscheinend verrückt. Jetti fliegt nach Wien und findet ihre Schwägerin aufgelöst. Robert ist ohne irgendeinen Hinweis zu geben, verschwunden. Doch Jetti glaubt nicht daran, dass ihr Bruder verrückt geworden ist. Sie kennt ihre sehr ungewöhnliche jüdische Familie, deren bewegte und für alle folgenreiche Geschichte Köhlmeier in vielen Rückblicken erzählt. Das eine Großelternpaar von Robert und Jetti, die KZ-Großeltern, wie sie in der Familie seit jeher genannt werden, sind im Holocaust ermordet worden. Und die anderen Großeltern, die rechtzeitig vor den Nazis nach Palästina geflohen sind, haben sich 1967 in Israel gemeinsam umgebracht. Keine Frage, dass eine solche Geschichte bis in die zweite und dritte Generation der Nachkommen folgenreiche Auswirkungen hat. Jetti weiß aus Erfahrung, dass in ihrer Familie immer mit allem zu rechnen ist.

Dann, nach einigen Tagen, kommt eine Email-Nachricht von Robert:  „Ich bitte dich, dass Du mit niemandem darüber sprichst!!! Ich will es so. Ich bin in Israel, dem Land der Väter. Aber an die Väter denke ich nicht.“

 

In mäandernden Erzählungen und Geschichten, die von der Gegenwartsebene immer wieder zurückblicken auf die Geschichte vor allem von Robert und Jetti, aber auch von Hanna und auch dem gemeinsamen Freund und Schriftsteller Sebastian Lukasser, folgt Michael Köhlmeier den merkwürdigen und verschlungenen Lebensläufen dieser Menschen. Überbordend, Worte wie ein sprudelnder Brunnen hervorbringend in einer kraftvollen und poetischen Sprache erzählt er von dem, was jeder in dieser jüdischen Familie ein Leben lang mit sich herumträgt und von den oft vergeblichen Versuchen, sich daraus zu befreien.

 

Man spürt jeder Satzkonstruktion, jeder eingesprengten Untererzählung die Lust am Fabulieren ab. Doch niemals verliert Köhlmeier seinen Erzählungsfaden. Deshalb folgt man als Leser gerne seinen Umwegen. Ich war von diesem Buch, das voller Tragik steckt und gleichzeitig voller hintergründigem Witz, regelrecht begeistert und habe mich über mehrere Tage von seiner erzählerischen  Leidenschaft und seiner inhaltlichen und menschlichen Tiefe entführen lassen.

 

Ein großartiges und meisterhaft geschriebenes Buch.
 

 

 

 

 

Behüte mich in dieser Nacht

 

 

 

 

 

Irmgard Erath, Behüte mich in dieser Nacht, Butzon & Bercker 2018

 

In einer schon gestalteten Metallbox befinden sich ein Kreuz mit dem Aufdruck „Gott hat dich lieb“ und ein kleines Büchlein mit Gebeten zur Nacht.

 

Für Kinder ab 2 Jahren ist dieses Kleinod ein schönes Geschenk. Wenn die Eltern jeden Abend daraus eines der Gebete mit ihrem Kind beten, wird es sehr schnell herausfinden, welches für den jeweiligen Tag mit all seine Erfahrungen geeignet ist.

 

Es sind Gebete dabei, wenn Kinder krank sind, eines wenn sie Geburtstag haben. Alle diese Gebete vereint, der Wunsch nach Behütung und Segen durch die Nacht. Und so werden, obwohl es Gebete für Kinder sind, auch die vorlesende Erwachsenen dann und wann für sich selbst etwas Tröstliches mit in die Nacht nehmen.

Mein Skandinavien 2019

 

 

 

 

 

Dumont Kalenderverlag (Hg.), Mein Skandinavien 2019, Dumont Kalenderverlag 2018, ISBN 978-3-8320-3916-5

 

Auch für das Jahr 2019 hat der Dumont Kalenderverlag wunderbare Fotografien von verschiedenen Fotografen mit Motiven aus den Ländern Skandinaviens zu einem wunderbaren Wandkalender zusammengestellt.

Motive aus Dänemark, Schweden, Finnland, Island, Norwegen und den Faröer-Inseln zeigen über die verschiedenen Jahreszeiten die wunderbaren Landschaften Nordeuropas, darunter auch für den September jene berühmte Ansicht des Geirangerfjords .

 

Ich selber stand im vergangenen Jahr an der Stelle, von der aus der Fotograf jenes das Titelblatt des Kalenders zierende Foto gemacht hat, und darf es im Rahmen einer Kreuzfahrt 2019 noch einmal tun. Sie wird mich über die Faroer-Inseln nach Island, Spitzbergen und dann von Nordkap die norwegische Küste nach Süden führen. Der Kalender an einer Wand wird mir jeden Tag die Vorfreude darauf erhalten.

Wo wir uns finden (Hörbuch)

 

 

 

Nicholas Sparks, Wo wir uns finden (Hörbuch), Random House Audio 2018, ISBN 978-3-8371-4305-8

 

Nicht ohne  Grund ist der 1965 geborene und in North Carolina, wo auch die meisten seiner Bücher spielen, lebende Nicholas Sparks seit Jahrzehnten der literarische Garant für erfolgreiche Liebesromane der höheren Qualität. Romane, die, geschickt aufgebaut und immer hervorragend recherchiert, mit ihrer Handlung nicht nur eine romantische Liebesgeschichte erzählen, die trotz aller Hindernisse und Tragik meistens gut ausgeht, sondern die auch immer noch andere interessante und wissenswerte Thema mit transportieren.

 

In seinem neuen hier vorliegenden Buch „Wo wir uns finden“ ist es die Welt des Safari – Guides Tru Walls, der, in Simbabwe auf der Farm eines herrischen und rassistischen Großvaters geboren, mit 18 Jahren sein Elternhaus verlässt und fortan auf verschiedenen Lodges als Guide für meist wohlhabende Touristen arbeitet. Er liebt seine Arbeit und kennt den Busch und die Tiere wie kaum ein anderer seiner Kollegen.  Eines Tages erhält Tru eine Botschaft seines Vaters, den er nie kennegelkernt hat. Der Vater lebt in den USA, hat eine tödliche Krankheit und möchte Tru treffen, um ihm zu sagen, warum er damals seine Familie und den noch ungeborenen Sohn verlassen hat.

 

Tru lässt sich darauf ein und fliegt nach North Carolina. Dort in einem Ort nahe der Grenze zu South Carolina namens Sunset Beach hat sein ihm unbekannter Vater ein dreistöckiges Haus für ihn gemietet mit allen Annehmlichkeiten, wo er ihn in ein paar Tagen treffen will.

 

Nur wenige hundert Meter von diesem Haus, in das sich Tru voller Spannung auf eine ungewisse Begegnung mit einem fremden Mann einquartiert hat, ist die 36-jährige Hope Anderson gerade in einem idyllischen Strandhaus angekommen, dass seit Jahrzehnten ihrer Familie gehört, in dem sie wunderbare Sommer in ihrer Kindheit verbracht hat.

 

Sie will sich zurückziehen, denn verschiedene Dinge machen ihr zu schaffen und sie sucht nach Klarheit. Außerdem ist sie am Ende der Woche, die sie dort verbringen will zur Hochzeit einer Freundin eingeladen. Aber Josh, der Mann, mit dem sie seit sechs Jahren zusammen ist, mit dem sie sich ein Familienleben mit Kindern erträumt, wird nicht dabei sein. Er hat es nach einem Streit mit Hope (es ging um ihre gemeinsame Zukunft) vorgezogen mit Freunden in Las Vegas abzuhängen. Zusätzliche schwierige Fragen nach ihrer Zukunft werden ihr durch die tödliche Krankheit (ALS) ihres Vaters gestellt.

 

Da, als ob es so hätte sein sollen in den Plänen des Schicksals, trifft Hope auf Tru und es ist bei beiden Liebe auf den ersten, reifen Blick. Sie verbringen wunderbare Tage miteinander, erzählen sich aus ihrem Leben. Doch zwei Dinge werfen bald schon einen dunklen Schatten über ihre Zukunft, die so schön sein könnte: Tru kann keine Kinder mehr zeugen und Hopes Partner Josh taucht doch unerwartet auf der Hochzeit auf, zeigt sich reumütig und macht Hope einen Heiratsantrag.

 

Tru hingegen hat seinen Vater getroffen, viel über seine Familie erfahren und trennt sich versöhnt von ihm. Er will Hope mitnehmen nach Simbabwe und die steht vor der schwersten Entscheidung ihres Leben, die ihr das Herz zerreißen wird.

 

Ob sich Tru und Hope für immer verloren gehen?

 

In einem faszinierenden Roman nimmt Nicholas Sparks seine Leserinnen und Leser wieder mit auf die verschlungenen und geheimnisvollen Pfade, die die Liebe und Träume in einem Menschenleben gehen können. Man kann das Buch, das der Autor mit einem persönlichen Prolog und Epilog versehen hat, in dem er etliches erzählt aus seiner schriftstellerischen Praxis, nicht mehr aus der Hand legen, hat man es einmal begonnen.  Ein langer regnerischer Sonntag reicht aus, um ein Buch zu lesen, dessen Geschichte auch den Leser umfängt mit seinem Charme.

 

 

Die hier  vorliegende gekürzte Hörbuchfassung hat Alexander Wussow auf meisterhafte Weise eingelesen. Man spürt regelrecht das besondere Charisma dieser beiden Menschen, die sich über Ozeane hinweg finden und wieder zu verlieren drohen.  Wussow macht das Buch zu einem romantischen und bewegenden Hörerlebnis.

Chilly da Vinci

 

 

 

 

Jarrett Rutand, Chilly da Vinci, NordSüd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10451-0

 

Jarrett Rutland, der hier sein erstes Bilderbuch für NordSüd vorlegt, lebt in North Carolina und hat dort schon etliche Bücher für Kinder veröffentlicht.

 

Teilweise inspiriert von Leonardo da Vinci, dessen Kunst und Erfindergeist er auf der letzten Seite des Buches den Kindern verständlich erklärt, hat er ein lustiges und originelles Bilderbuch gezei8chnet mit einer Geschichte über eine Pinguin namens Chilly da Vinci, der etwa anders ist als seine Pinguinfreunde. Während die so ihre normale Sachen machen, wie Pinguine eben, konstruiert und baut Chilly Maschinen.

 

Nicht immer funktionieren sie, genau wie bei den große n da Vinci. Als eines Tages eine seiner Flugmaschine auf den Eisberg stürzt, den die Pinguine bewohnen, da löst sich eine Scholle und die Tiere treiben hilflos auf das offene Meer hinaus. Ein großer Wal, der plötzlich auftaucht, hat es auf sie abgesehen.

 

Doch jetzt ist Chilly gefragt. Und mit einer ganz besonderen Erfindung rettet er seine Freunde und klärt die Situation.

 

Ein schönes Bilderbuch für alle kleinen Forscher und Erfinder, voll mit ungewöhnlichen Illustrationen

 

 

Berühre mich nicht

 

 

 

Andrea Camilleri, Berühre mich nicht, Nagel & Kimche 2018, ISBN 978-3-312-01034-9

 

Dieser ungemein spannende Kriminalautor aus der Feder des unermüdlichen Andrea Camilleri (Jahrgang 1925) spielt mit etlichen  Rückblenden in die Vergangenheit im Jahr 32010, ist aber in Italien erst 2016 erschienen.

Kurz bevor ihr erster eigener Roman erscheinen soll, verschwindet Laura Garaudo die Ehefrau des berühmten Romanautors Mattia Todini spurlos. Sie ist kein unbeschriebenes Blatt und so muss der mit den Ermittlungen beauftragte Commissario Maurizi aktuelle und ehemalige Liebhaber der Verschwundenen quasi im Dutzend befragen. Auch ihre beste Freundin und die Kellner des von Laura Garaudo frequentierten Cafes werden ausführlich befragt.

 

Das Bild, das sich dem Commissario bietet, wird mit jedem Gespräch vielschichtiger und undurchsichtiger.

Schließlich entdeckt der Commissario im Bildmotiv einer biblischen Szene die entscheidende Spur. Eine Szene der Hingabe, die offenbar für Laura eine ganz eigene, neu interpretierte Bedeutung hat.

 

Das Buch ist spannender Krimi und kunstvoll arrangiertes Psychogramm einer starken Frau zugleich. Wohin sie, hin- und hergerissen zwischen der Suche nach Ekstase und dem Absoluten hält Camilleri in einen tollen Spannungsbogen bis zum Ende offen.

 

 

Kerkerkind

 

 

 

Katja Bohnet, Kerkerkind, Knaur 2018, ISBN 978-3-426-52093-2

Dies ist der zweite Fall für das neue Ermittlerpaar Rosa Lopez und Viktor Saizew vom LKA in Berlin. Nach dem 2015 „Messertanz“ schon aufhorchen ließ, zeigt Katja Bohnet mit ihren zweiten Buch, dass sie drauf und dran ist, sich langsam in die erste Riege der deutschsprachigen Thrillerautoren hineinzuschreiben.

 

Während einer unerträglichen Hitzewelle wird im Wannseeforst die verbrannte Leiche einer schwangeren Frau aufgefunden. Sie erstochen und dann angezündet worden.  Rosa Lopez und Viktor Saizew, die unter enormen Druck für das LKA diesen Fall der verbrannten Türkin aufklären sollen, dürften selbst eigentlich gar nicht arbeiten, zumindest nicht unter solchen Bedingungen. Denn Rosa erwartet ihr drittes Kind und Viktor leidet immer noch schwer unter den Spätfolgen eines überstandenen Hirntumors

 

Der Verdacht fällt auf den Mann des Mordopfers, der kein Alibi vorweisen kann. Doch dann tauchen weitere männliche Leichen auf, unter ihnen auch der Verdächtige, die Köpfe abgehackt und ausgestellt. Die Ermittlungen führen Viktor nach Dänemark, wo er auf einmal spurlos verschwindet. Lopez bleibt nur wenig Zeit, ihren Partner zu finden, bevor vielleicht auch er seinen Kopf verliert.

 

Mit hoher sprachlicher Qualität und einer außerordentlichen Dichte gelingt es der Autorin einen Spannungssog zu erzeugen, in den sie den Leser bis zum Ende an ihr Buch bindet.  Ein Ermittlerpaar, originell und irgendwie neu, von dem man 2019 mehr lesen kann, denn unter dem Titel „Krähentod“ erscheint am 1. März ihr dritter Band einer Reihe mit Zukunft.

 

Orte der Stille 2019

 

 

Frank Krahmer, Orte der Stille 2019, Dumont Kalenderverlag 2018, ISBN 978-3-8320-3920-2

 

Der Kalender, mittlerweile haben ihn die meisten auf dem Handy oder Smartphone, ist leider für viele Menschen zu einem Instrument geworden, das ihnen nicht etwa anz9iegt, wann Sonntag und damit Ruhetag ist, welche Feiertage es zu begehen gilt oder wenn das Frühjahr und andere Jahreszeiten beginnen, sondern etwa, was sie mit Terminen füllen, bis sie nicht mehr wissen, welcher Tag heute ist.

 

Wandkalender aus dem Dumontkalenderverlag wollen ihrem Nutzer durchaus auch Orientierung geben, in welchem Monat, und welcher Woche sie sich befinden, ein schneller Blick auf einen ganzen Monat schafft Durchblick.

 

Doch Wandkalender wie der vorliegende „Orte der Stille“ des mittlerweile sehr bekannten Naturfotografen  Frank Krahmer wollen mehr. Sie laden den Nutzer ein, sozusagen beim Blick auf ihre Bilder die Zeit anzuhalten, sich inspirieren zu lassen von der Schönheit der Bilder und damit auch von  der Schönheit der Welt und des Lebens.

 

Orte der Stille mitten im oft hektischen Alltag: die wunderschönen Bilder Krahmers aus dem Allgäu, aus China, Neuseeland, Australien, Slowenien und immer wieder aus zauberhaften Landschaften Deutschlands laden ein zum Innehalten, zum Nachdenken und vielleicht zu der Frage, ob der Termin, der da gerade im Kopf Gestalt annahm beim Blick auf den Kalender, wirklich sein muss.

Wo wir uns finden

 

 

 

Nicholas Sparks, Wo wir uns finden, Heyne 2018, ISBN 978-3-453-27173-9

 

Nicht ohne  Grund ist der 1965 geborene und in North Carolina, wo auch die meisten seiner Bücher spielen, lebende Nicholas Sparks seit Jahrzehnten der literarische Garant für erfolgreiche Liebesromane der höheren Qualität. Romane, die, geschickt aufgebaut und immer hervorragend recherchiert, mit ihrer Handlung nicht nur eine romantische Liebesgeschichte erzählen, die trotz aller Hindernisse und Tragik meistens gut ausgeht, sondern die auch immer noch andere interessante und wissenswerte Thema mit transportieren.

 

In seinem neuen hier vorliegenden Buch „Wo wir uns finden“ ist es die Welt des Safari – Guides Tru Walls, der, in Simbabwe auf der Farm eines herrischen und rassistischen Großvaters geboren, mit 18 Jahren sein Elternhaus verlässt und fortan auf verschiedenen Lodges als Guide für meist wohlhabende Touristen arbeitet. Er liebt seine Arbeit und kennt den Busch und die Tiere wie kaum ein anderer seiner Kollegen.  Eines Tages erhält Tru eine Botschaft seines Vaters, den er nie kennegelkernt hat. Der Vater lebt in den USA, hat eine tödliche Krankheit und möchte Tru treffen, um ihm zu sagen, warum er damals seine Familie und den noch ungeborenen Sohn verlassen hat.

 

Tru lässt sich darauf ein und fliegt nach North Carolina. Dort in einem Ort nahe der Grenze zu South Carolina namens Sunset Beach hat sein ihm unbekannter Vater ein dreistöckiges Haus für ihn gemietet mit allen Annehmlichkeiten, wo er ihn in ein paar Tagen treffen will.

 

Nur wenige hundert Meter von diesem Haus, in das sich Tru voller Spannung auf eine ungewisse Begegnung mit einem fremden Mann einquartiert hat, ist die 36-jährige Hope Anderson gerade in einem idyllischen Strandhaus angekommen, dass seit Jahrzehnten ihrer Familie gehört, in dem sie wunderbare Sommer in ihrer Kindheit verbracht hat.

 

Sie will sich zurückziehen, denn verschiedene Dinge machen ihr zu schaffen und sie sucht nach Klarheit. Außerdem ist sie am Ende der Woche, die sie dort verbringen will zur Hochzeit einer Freundin eingeladen. Aber Josh, der Mann, mit dem sie seit sechs Jahren zusammen ist, mit dem sie sich ein Familienleben mit Kindern erträumt, wird nicht dabei sein. Er hat es nach einem Streit mit Hope (es ging um ihre gemeinsame Zukunft) vorgezogen mit Freunden in Las Vegas abzuhängen. Zusätzliche schwierige Fragen nach ihrer Zukunft werden ihr durch die tödliche Krankheit (ALS) ihres Vaters gestellt.

 

Da, als ob es so hätte sein sollen in den Plänen des Schicksals, trifft Hope auf Tru und es ist bei beiden Liebe auf den ersten, reifen Blick. Sie verbringen wunderbare Tage miteinander, erzählen sich aus ihrem Leben. Doch zwei Dinge werfen bald schon einen dunklen Schatten über ihre Zukunft, die so schön sein könnte: Tru kann keine Kinder mehr zeugen und Hopes Partner Josh taucht doch unerwartet auf der Hochzeit auf, zeigt sich reumütig und macht Hope einen Heiratsantrag.

 

Tru hingegen hat seinen Vater getroffen, viel über seine Familie erfahren und trennt sich versöhnt von ihm. Er will Hope mitnehmen nach Simbabwe und die steht vor der schwersten Entscheidung ihres Leben, die ihr das Herz zerreißen wird.

 

Ob sich Tru und Hope für immer verloren gehen?

 

In einem faszinierenden Roman nimmt Nicholas Sparks seine Leserinnen und Leser wieder mit auf die verschlungenen und geheimnisvollen Pfade, die die Liebe und Träume in einem Menschenleben gehen können. Man kann das Buch, das der Autor mit einem persönlichen Prolog und Epilog versehen hat, in dem er etliches erzählt aus seiner schriftstellerischen Praxis, nicht mehr aus der Hand legen, hat man es einmal begonnen.  Ein langer regnerischer Sonntag reicht aus, um ein Buch zu lesen, dessen Geschichte auch den Leser umfängt mit seinem Charme.

Neujahr (Hörbuch)

 

 

 

Juli Zeh, Neujahr (Hörbuch), der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-2979-1

Henning ist ein moderner Mann. Ein Mann, für den Gleichberechtigung nicht nur ein wohlfeiler Slogan ist. Er, der seinen Beruf als Lektor eines Sachbuchverlags liebt, hat sich zusammen mit seiner Frau Theresa für ein Familienmodell entschieden, wie es nach wie vor nur wenige praktizieren. Beide haben sie ihre gut dotierten Arbeitsstellen halbiert und sich auf dem Dachgeschoß ihres Hauses ein Homeoffice eingerichtet, in dem sie zusätzlich (unentgeltlich natürlich) arbeiten können, wenn die Kinder schlafen. Sie kümmern sich im gleichen Maß um die Familie und die Kinder. Eigentlich sind sie zufrieden mit ihrer jeweiligen Situation.

Doch Henning geht es zunehmend schlecht. Sein Leben überfordert ihn. Familienernährer soll er sein, Ehemann und begehrenswerter Liebhaber und liebevoller Vater seiner Kinder. Jede dieser Rollen möchte er gerne füllen und findet sich in keiner wirklich und befriedigend wieder. Seit sein zweites Kind, seine Tochter Bibbi vor etwa zwei Jahren geboren wurde, leidet er unter schweren Angstzuständen und Panikattacken. Später, als das Buch zu Ende ist, wird dem Leser deutlich werden, warum diese Begegnungen mit dem, was er „ES“ zu nennen gelernt hat, nicht vorher begonnen haben.

 

Seine Frau Theresa versucht ihm zunächst aufrichtig zu helfen, sie probieren Vieles, doch dann gibt sie auf. Henning ist mit seinen Attacken allein und verbirgt sie.

„Manchmal geht er ins Bad und guckt in den Spiegel. Unfassbar, dass man ES nicht sieht. Während das Herz einen irrsinnigen Tanz mit tödlichen Pausen tanzt, sieht sein Gesicht aus wie immer. Natürlich merkt Theresa, was mit ihm los ist. Aber sie sagt nichts dazu. ES ist zu Hennings Privatsache geworden.“

 

Vielleicht hofft er durch den Urlaub, den er heimlich im Internet über Weihachten und Neujahr 2017/2018 für seine Familie gebucht hat, davon loszukommen, wieder Kraft zu schöpfen. Schon während er wochenlang nach Unterkünften auf Lanzarote sucht, erfasst ihn eine seltsame Erregung.

 

Theresa erklärt sich nach einigen Widerständen einverstanden und so verbringen sie die Weihnachtstage in einem kleinen „Scheibenhaus“ in Playa Blanca. Doch Erholung ist das alles nicht. Die Kinder müssen dauernd beschäftigt werden und nur spät am Abend kommen die Eheleute zu sich selbst.

 

Auch ein spontan wenige Tage vor Silvester gebuchtes Silvestermenü stellt sich als Flop heraus, zumal Theresa dort mit einen Franzosen tanzt, und heftig mit ihm flirtet.

 

Nach einer unruhigen und kurzen Nacht steht Henning am Neujahrsmorgen sehr früh auf und fährt mit einem geliehenen Fahrrad den steilen Anstieg nach Femes hinauf. Er hat kaum gefrühstückt, der Sekt von Silvester steckt ihm noch in den Knochen und er hat weder Proviant noch etwas zu trinken mitgenommen.

Auf der Fahrt blickt er in Gedanken zurück auf die Zeit, seit ES ihn besucht. Er weiß, es ist verrückt, kaum zu schaffen. Doch irgendetwas, was während der Fahrt immer stärker wird, treibt ihn nach oben, als hoffe er dort etwas zu finden, was ihn rettet.

 

Als Henning dann endlich, nach langer Qual das 500 m hoch gelegene Femes erreicht, da trifft es ihn wie einen Schlag und er erkennt, dass er schon einmal hier gewesen ist.  Er schiebt sein Fahrrad bis zu einem hoch über dem Ort gelegenen Haus, das ihn magisch anzieht.

 

Dort oben, so erkennt er, war er einmal mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Luna im Urlaub, zu der ihn bin heute eine ganz besonders enge, aber auch komplizierte Beziehung verbindet. Und er erinnert sich daran, wie sich damals etwas ganz Schreckliches zugetragen hat – so schlimm, dass er es bis heute verdrängt hat, bis ES nach der Geburt von Bibbi wieder hoch kommt.  Was damals geschehen ist, von Juli Zeh über weite Strecken des Buches gekonnt beschrieben, verfolgt ihn  bis heute.

 

Juli Zeh beschreibt in einem gut aufgebauten Familienroman, wie stark unsere Kindheit unser Lebensgefühl bestimmt. Ein Roman, der in der zweiten Hälfte zu einem regelrechten Thriller sich verwandelt, den man atemlos verschlingt. Gekonnt und fast spielerisch arbeitet sie immer wieder mit verschiedenen Ebenen von Zeit und Wahrnehmung. Ihr Psychogramm einer modernen und emanzipierten Ehe und Familie geht unter die Haut, weil es so nahe am eigenen Leben sich abspielt.

 

Auch mit „Neujahr“ zeigt Juli Zeh wieder neu, dass man einen unterhaltsamen Roman schreiben kann, ohne die literarische Qualität aus dem Auge zu verlieren. Ich wünsche mir, dass viele berufstätige Familienmänner und – frauen dieses Buch lesen, sowohl zur Unterhaltung, als auch als Anregung, öfter einmal darüber nachzudenken, wie ihre Kindheit und ihre vielleicht ungeklärte Beziehung zu den Großeltern ihrer Kinder ihr eigenes Leben umschattet und behindert.

Florian Lukas gelingt es in der hier vorliegenden ungekürzten Lesung des Buches für den Hörverlag in München hervorragend sich in den Protagonisten Henning hineinzuversetzen und setzt sowohl das Psychogramm seiner Geschichte und Persönlichkeit als auch die schrecklichen Erlebnisse seiner Kindheit gekonnt und spannend in Szene.