Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Glücklich ohne Gott

 

 

 

 

Robert E. Manus, Glücklich ohne Gott, Tectum Verlag 2018, ISBN 978-3-8288-4066-9

 

Die Zugehörigkeit der Bevölkerung zu einer der beiden großen christlichen Kirchen  befindet sich im Sinkflug. Große Austrittswellen, zunächst oft aus finanziellen Gründen bei niedriger Affinität zur Kirche, später dann immer wieder auch von überzeugten Christen aufgrund unsäglicher Missstände in den Kirchen finanzieller und moralischer Art, haben die Mitgliederzahlen erheblich sinken lassen und beiden Großkirchen zu bedeutenden Einsparungen und strukturellen Veränderungen gezwungen. Als Beispiele seien hier nur der Skandal um den Limburger Bischofssitz und die zahllosen Fälle von sexuellem Missbrauch in den vergangenen Jahrzehnten durch katholischen Priester und Ordensleute, die vor wenigen Jahren bekannt wurden.

 

Oft wird aus den zurückgegangenen Mitgliederzahlen der Kirchen geschlossen, dass auch weniger Menschen an Gott glauben und sich als Christen bezeichnen. Das ist nicht der Fall. Viele Menschen verlassen die Kirche, aber kehren nicht ihrem Glauben den Rücken.

 

Dennoch ist festzuhalten: obwohl allenthalben von einer Rückkehr der Religion gesprochen wird, hat der Philosoph Habermas vor einjgen Jahren in einer Rede gesagt:

„Die praktische Vernunft verfehlt ihre Bestimmung, wenn sie nicht mehr die Kraft hat, ein Bewusstsein von dem, was fehlt, von dem, was zum Himmel schreit, zu wecken und wachzurütteln.“

 

Die Theologen haben damals etwas vorschnell geglaubt, Habermas habe damit die Religion salviert, und seine Texte schnell aufgegriffen. Wenn ich es recht sehe, waren die protestantischen Theologen hierbei zurückhaltender. Sie haben sich an der sich bis auf den heutigen Tag hinziehenden Debatte über die „Wiederkehr der Religion“ viel weniger beteiligt als ihre katholischen Kollegen, hier insbesondere die Jesuiten.

 

Der Autor des vorliegenden, beim religions-und kirchenkritischen Verlag Tectum erschienenen Buches, Robert E. Manus ist von Haus kein Theologe. Aber  er hat sich sein ganzes bisheriges Leben lang mit religiösen und philosophischen Fragen beschäftigt und eine klassische katholische Erziehung durchlaufen. Bald schon begann er sich mit seinem katholischen Erbe auseinanderzusetzen und sich langsam davon zu lösen. Jahrzehntelang hat er sich damit gequält, seinen immer mehr ins Wanken geratenen  christlichen Glauben festzuhalten, was ihm aber immer weniger gelang. Als er dann das umstrittene und meiner Meinung nach mit vielen Mängeln behaftete Buch „Der Gotteswahn“ von dem radikalen und fanatischen Religionsfeind Richard Dawkins las, „wusste ich, es ist falsch, nur tolerant zu sein.“

 

In seinem umfangreichen und mit zahllosen Anmerkungen versehenen  Buch spricht Manus all diejenigen Menschen an, die sich so wie er kritisch mit ihrem christlichen oder muslimischen Glauben auseinandersetzen und sich vielleicht von ihm lösen möchten.

 

Nach einer ausführlichen religionswissenschaftlichen Auseinandersetzung kommt er zu dem Schluss, dass Bibel und Koran keine Dokumente sind, die Liebe und Toleranz predigen,  sondern eher Bücher der Abgrenzung des Hasses und der Gewalt.

Er glaubt, dass ein erfülltes und glückliches Leben besser gelingt ohne den Bezug auf Gott und bezieht sich am Ende seines Buches auf Gottfried Keller, der in einem Brief an Wilhelm Baumgartner schrieb:

„Wie trivial erscheint mir gegenwärtig die Meinung, dass mit dem Aufgeben der sogenannten religiösen Ideen alle Poesie und erhöhte Stimmung aus der Welt verschwände! Im Gegenteil! Die Welt ist mit unendlich schöner und tiefer geworden, das Leben ist wertvoller und intensiver, der Tod ernster, bedenklicher und fordert mich nun erst mit aller Macht auf, meine Aufgabe zu erfüllen und mein Bewusstsein zu reinigen und zu befriedigen, da ich keine Aussicht habe, das Versäumte in irgendeinem Winkel der Welt nachzuholen.“

 

Ich beschränke mich auf die Dokumente und Traditionen des christlichenGlaubens, wenn ich bemerken muss, dass Manus die revolutionäre Botschaft des Neuen Testamentes vermengt mit den Aussagen der Bibel, die man im historischen Kontext lesen muss und von denen man sich trennen muss. Ich werfe ihm auch vor, dass er das

bahnbrechende Werk „Toleranz und Gewalt“  aus dem Jahr 2007  des Münsteraner Religionshistorikers und Priesters Arnold Angenendt (ist jetzt auch als Taschenbuch lieferbar) nicht beachtet und gewürdigt hat. Dem geht es  hauptsächlich um die Tatsache, dass die drei Schwert-Worte im Neuen Testament immer wieder in ihrer wahren Bedeutung beachtet werden müssen, um ihrem neuerlichen Missbrauch entgegenzuwirken:
Einmal das beim ersten Hinhören erschreckende Wort: ‚Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert‘ (Mt.10,34). Gemeint ist das geistige Schwert der Abtrennung von der blutsverwandten Eigenwelt, also ein metaphorischer Gebrauch zur Bezeichnung schmerzhaft – notwendiger Lebensentscheidungen. Dem zweiten Schwert-Wort zufolge ist das Wort Gottes ’schärfer als jedes zweischneidige Schwert…; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens.‘ Das physische Schwert jedoch wird abgelehnt. Als Jesu Jünger ihn bei seiner Verhaftung mit einen realen Schwert verteidigen wollen, gebietet er: ‚Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.'(Mt. 26,52)

Das sind die theologischen Grundlagen des Christentums.  Manfred Lütz hat in seinem neuen mit Arnold Angenendt zusammen verfassten Buch „Der Skandal der Skandale“ diese Erkenntnisse  für einen breiten Kreis von Lesern zugänglich gemacht. Ich kann es nur empfehlen für alle die Menschen, die die platte Kritik meiden und es lieber mit der wirklichen Aufklärung halten, eben auch im Diskurs um das strittige Thema Religion.

 

 

 

 

 

 

Deine Würde entscheidet

 

Udo Baer, Gabriele Frick-Baer, Deine Würde entscheidet, Beltz Verlag 2018, ISBN 978-3-407-86508-3

 

Jeder Mensch kennt dieses Gefühl bzw. diesen Zustand und erlebt ihn mehr oder weniger oft. Manche leiden sogar täglich daran. Es geht um Fragen und Situationen im Leben und im Alltag, wo Entscheidungen gefordert sind. Soll ich diese oder jene Arbeit noch machen, oder mir lieber die nötige Ruhe gönnen? Darf ich auch mal mir Zeit für mich nehmen oder gehen die Bedürfnisse der Kinder immer vor? Soll ich zur Arbeit gehen, obwohl mich echt krank fühle?

Oder, schwerwiegender: soll ich meine Ehe oder Beziehung endlich beenden und gehen, oder wegen der Kinder bleiben?  Soll ich mich gegen meinen unverschämten Chef wehren, oder ist die Angst um meinen Arbeitsplatz mächtiger?

Immer wieder haben Menschen in ihrem Leben wichtige Entscheidungen zu treffen. Was aber, wenn die Antwort auf die Frage: „Wie soll ich mich entscheiden?“ lautet: „Ich kann mich nicht entscheiden“?

Dann kommen die Selbstzweifel und Versagensgefühle, weil man glaubt, entscheidungsunfähig zu sein.

Das erfahrene Autoren- und Therapeutenpaar Udo Baer und Gabriele Frick-Baer kennt diese Fragen auch aus ihrem eigenen Leben und Arbeiten und empfiehlt in ihrem neuen Buch „Deine Würde entscheidet“ sich in solchen Situationen auf eine von ihnen postulierte innere Instanz zu besinnen, die einem Orientierung geben kann: das eigene Würde-Ich.

Diesen Selbstwertkompass trägt jeder Mensch in sich und er ist maßgeblich für ein gutes Leben. Mit vielen Anregungen und Übungen zeigen die Autoren, wie man mit dem Beachten des Würde-Ichs sein Selbstwertgefühl festigen und für sein Leben eine neue Orientierung finden kann.

Zentral ist das Kapitel über die Würde in der Paarbeziehung. Um eine Beziehung gesund zu erhalten ist es dringend notwendig, die Würde und das das Würde- Ich des jeweils anderen zu achten und zu pflegen. Dieser Nährboden gilt aber auch für jede andere wichtige Beziehung, die wir zu anderen Menschen haben, durchaus auch im beruflichen  Bereich.

Es geht darum, die eigene Würde und die des Anderen als eine grundsätzliche und essenzielle Lebenshaltung zu erlernen und zu praktizieren. Vielleicht könnte damit die Welt ein wenig besser werden, jedenfalls dort, wo ich selbst mich in ihr bewege.

Ich war an vielen Stellen bewegt angesichts der spirituellen Dimension dieser Haltung, die auch in dem dem Buch vorangestellten Satz zu spüren ist:

„Das Leben kennt nur zwei Wege:

Der eine führt ins Paradies, der andere in die Hölle.

Doch sie kreuzen sich an vielen Stellen.“

(Serhij Zhadan „Mesopotamien“)

 

 

 

 

Wer andern eine Bombe baut

 

Christopher Brookmyre, Wer andern eine Bombe baut, Galiani Verlag 2018, ISBN 978-3-86971-163-8

 

Schon im Jahr 2001 hat der in seiner Heimat Schottland mehrfach preisgekrönte Schriftsteller Christopher Brookmyre diesen raffinierten Thriller geschrieben, der nun nach drei anderen Romanen von ihm ins Deutsche übersetzt und bei Galiani in Berlin veröffentlicht wurde.

Es ist eine Geschichte über eine Auftragsterroristen, angefüllt mit schwarzem Humor, spannend und gleichzeitig unterhaltsam zu lesen

 

Es wird erzählt von Raymond Ash, der seine früheren Träume von einer Musikkarriere begraben hat, und nun, Mitte 30, Vater eines Babys ist und einen nervigen Job als Lehrer hat. Sein alter Kumpel Simon ist schon seit drei Jahren tot. Umso überraschter ist Ray, als er eines Tages diesen Simon am Glasgower Flughafen sieht. Und dann überschlagen sich die Ereignisse.

Zusammen mit der Polizistin Angelique de Xavia (sie trat schon in „Die hohe Kunst des Bankraubs“ 2014 auf) gerät er  in sehr gefährliche Situationen. Die beiden müssen ihr Bestes geben um einen Terroranschlag zu verhindern, den Simon, der sich sehr verändert hat, offensichtlich verüben wird. Nur das Ziel ist lange unklar…

 

Hervorragende Milieubeschreibungen paaren sich mit einer dichten Spannung in einem sehr aktuellen Roman, der seiner Zeit bei seinem Erscheinen 2001 offenbar weit voraus war.

 

 

 

deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten

 

 

Thea Dorn, deutsch, nicht dumpf. Ein  Leitfaden für aufgeklärte Patrioten, Knaus Verlag 2018, ISBN 978-3-8135-0810-9

 

Schon in ihrem damals zusammen mit Richard Wagner verfassten Buch unter dem Titel „Die deutsche Seele“ hat Thea Dorn darüber nachgedacht, ob man heutzutage überhaupt öffentlich sagen darf, etwas sei »deutsch« oder »typisch deutsch«? Kann man sich mit dem Deutschsein heute endlich versöhnen? Man muss es sogar, meinten Thea Dorn und Richard Wagner damals, lange vor den AfD-Zeiten. Sie verspürten eine große Sehnsucht danach, das eigene Land wirklich kennen zu lernen, und machten Inventur in den Beständen der deutschen Seele. Ihr Buch war eine erkenntnisreiche und unterhaltsame Reise an die Wurzeln unseres nationalen Erbes und ging durchaus ans Eingemachte.

 

Mittlerweile durch ihre Zugehörigkeit zum Literarischen Quartett auch einem großen Publikum bekannt, hat Thea Dorn in den vergangenen Jahren diese Position in vielen öffentlichen Debatten, Talkshows und Texten immer wieder vertreten und sich immer dabei jeweils von den Positionen der AfD auf der einen und denen der Linken und Grünen etwa auf der anderen Seite abgegrenzt.

 

Da sie findet, man dürfe kontroverse Themen wie Heimat, Leitkultur, Nation nicht den Rechten überlassen, hat sie ein neues Buch verfasst mit dem Titel „deutsch, nicht dumpf“. Ein „Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“ soll es sein.

Ja, einen aufgeklärten Patriotismus hält sie für genauso möglich wie nötig. Der Auftritt der AfD und anderer hat die Frage, ob die Rede von Heimat und Patriotismus nicht letztlich dazu führen wird, dass neuer Chauvinismus, Rassismus und Nationalismus eine Renaissance erfahren. Oder ist es nicht so, wie Thea Dorn und immer mehr andere, die sich in die rechte Ecke stellen lassen wollen, deutlich machen, dass in Zeiten von Migration und Globalisierung das Beharren auf unseren kulturellen und historischen gewachsenen Besonderheiten die Bedingung dafür ist, dass wir jene Liberalität und Zivilität  bewahren können, auf die Deutschland seit langem wirklich stolz sein kann?

Im neuen Buch, das ein leidenschaftliches Plädoyer für den Nationalstaat ist und gleichzeitig eine Absage an den „pöbelnden Muffhaufen, der Ressentiments schürt“. Sie grenzt sich Thea Dorn gegenüber Rechten gleichermaßen ab wie gegenüber denen, bei dem Stichwort „Nation“ nur in alten, längst überholten linken Reflexen verharren. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk sagt die Philosophin:  „Ich glaube, es muss uns gelingen, eine positive Identität, einen positiven Bezug zu diesem Land zu finden. Was natürlich nicht heißt, dass jemals relativiert werden darf, was dieses Land an Verbrechen auf dem Kerbholz hat. Aber ich glaube, dass der Gründungsmythos der Bundesrepublik, dass man seine Identität einzig daraus bezieht, zu sagen: ‚Nie wieder die Verbrechen!‘ – Das reicht alleine nicht.“

 

Sie befürchtet, dass sich immer mehr Menschen aus dem bürgerlich-liberalen Milieu Positionen zuwenden, wie sie die AfD vertritt oder wie sie abgeschwächt, aber doch sehr kritikwürdig, Henryk M. Broder und viele andere Intellektuelle in der jüngsten „Erklärung 2018“ vertreten, die das größte Problem in  der massenhaften Zuwanderung sehen.

 

Ihr lesenswerter Leitfaden positioniert sich dazwischen, plädiert für einen aufgeklärten Patriotismus (ähnlich wie in letzter Zeit etwa Robert Habeck von den Grünen) und ist deshalb ein sehr wichtiger Beitrag in der gegenwärtigen kulturellen Debatte in unserem Land.

 

 

 

 

 

 

Der Preis des ewigen Lebens. Das Christentum auf dem Weg ins Mittelalter

 

 

Peter Brown, Der Preis des ewigen Lebens. Das Christentum auf dem Weg ins Mittelalter, Philipp von Zabern 2018, ISBN 978-3-8053-5150-8

 

Der protestantisch geprägte aus Irland stammende Historiker Peter Brown gilt nicht nur der Fachwelt als einer der renommiertesten Experten für das frühe Christentum und die Spätantike. Er war es hauptsächlich, der nach 1970 diese Epoche zu einem Hauptarbeitsfeld der althistorischen Forschung gemacht hat. Durch seine verständlichen  Darstellungen hat er diese Epoche einem breiten Publikum nahe gebracht, ebenso wie die Theologie des Augustinus von Hippo, als dessen bester Kenner er seit seinem inzwischen in einer überarbeiteten Fassung vorliegenden Buch aus dem Jahr 1967 gilt.

 

Auch sein neues bei Philipp von Zabern erschienenes Buch zeichnet sich durch eine hohe Verständlichkeit auch für historischen und theologischen Laien aus.

Den sich zwischen 250 und 650 n. Chr. vollziehenden grundlegenden Wandel in der jungen christlichen Kirche beschreibt Brown in „Der Preis des ewigen Lebens“. Das Geld begann eine immer wichtigere Rolle zu spielen in der Beziehung zwischen Gott und den Gläubigen sowie den Lebenden und den Toten. Die auch gesteuerte und gepuschte Sehnsucht der einfachen Menschen nach Erlösung ließ sie für ihr Seelenheil immer mehr Geld ausgeben, mit dem dann Kirche und Klöster reich wurde und bis heute zeugen von steingewordenem damaligem Glauben.

 

Gekonnt und verständlich schildert Brown der grundlegenden Wandel antiker Wertvorstellungen und das Aufkommen neuer Gesellschaftsideale im historischen Übergang vom Römischen Reich zu einer neuen Epoche. Eine konfliktreiche Zeit, in der neue christliche Ideale auf eine spätantike Lebenswirklichkeit prallen.

 

Der Autor lässt seine Leser hautnah teilnehmen an den Debatten der Zeitgenossen über ein neues Verständnis von Reichtum und Geld in einer Gesellschaft, deren wohlhabender Teil durch einen tiefen Graben von der großen Mehrheit der Armen getrennt war. Der Autor bringt dem Leser die Lebensformen der einfachen Menschen wie der Oberschichten nahe, und lässt ihn Zeuge werden von deren Nöten und materiellen Alltäglichkeiten. Vor diesem Hintergrund schildert Brown den welthistorisch bedeutsamen Prozess, der das Ende des Römischen Reiches einleitete und durch den eine ursprünglich der Armut verpflichtete Kirche zu einer wohlhabenden Institution wurde. Ein nuancenreiches und grandioses Panorama einer faszinierenden Epoche, die unsere Wertvorstellungen bis heute prägt und in der die meisten  Menschen  eine Frage bewegte: „Wie kann ich bereits zu Lebzeiten dafür Sorge tragen, dass meine Seele im Jenseits Frieden findet?“

 

Inwieweit diese damals mit viel Geld gestillte Sorge heute in säkularisierten Formen den Gang unseres Lebens und unserer Gesellschaft bestimmt, darüber wäre es sicher einmal wert, nachzudenken. Denn auch die Reformation im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit hat dieses weit verbreitete Denken nicht auslöschen können, man könne als Mensch durch gute Werke (oder Spenden) seiner Seele und seinem Gewissen etwas Gutes tun.

 

 

 

 

 

 

Polka für Igor

 

 

Iris Anemone Paul, Polka für Igor, Kunstanstifter Verlag 2018, ISBN 978-3-942795-70-8

 

Dieses kunstvoll gestaltete Bilderbuch für Kinder ab 5 Jahren der Künstlerin Iris Anemone Paul beruht auf tatsächlichen Erfahrungen, die die Autorin mit einem kleinen Hund gemacht hat, der im wahren Leben Murfi hieß. Er war schon sehr alt, als Iris Paul ihn bei sich aufnahm um ihm einen schönen Lebensabend zu schenken. Sie wusste, dass er einmal ein polnischer Zirkushund gewesen war und dass er vermutlich Balkan-Musik mochte. Die Erfahrungen mit diesem Hund inspirierten sie zu diesem außergewöhnlich schönen Bilderbuch.

 

Darin wird erzählt von Ola und ihrer Lieblingstante. Die liest eines Tages einen struppigen Hund an einer Bushaltestelle auf und nimmt ihn mit nach Hause. Sie nennen ihn Igor und halten ihn für einen alten polnischen Zirkushund. Igor liebt es laut schnarchend zu schlafen, aber wenn Ola Schallplatten mit Polkamusik auflegt, wird Igor munter und beginnt zu erzählen. Und in Olas Phantasie reisen die beiden auf einem Ohrensessel durch seine Vergangenheit: mit Schmortopf und Sauerkraut, Seiltänzerinnen, so zart wie Putenschnitzel, mit russischen Blockflötistinnen, bengalischen Tigern und nach Wiesenschaumkraut duftenden Schafen – begleitet von Akkordeonklängen und knisterndem Kaminfeuer.

Iris Anemone Paul hat ihrem Buch einen Satz von Elias Canetti vorangestellt, der die Liebe zu einen Haustier gut beschreibt:

„Immer wenn man ein Tier genau betrachtet, hat man das Gefühl, ein Mensch, der drin sitzt, macht sich über einen lustig.“

 

Franziska Walther zeichnete für die beeindruckende Buchgestaltung verantwortlich.

Verrückt nach Garten. Ideen und Erfahrungen kreativer Gärtner

 

 

 

Manfred Lucenz, Klaus Bender, Verrückt nach Garten. Ideen und Erfahrungen kreativer Gärtner, Callwey 2018, ISBN 978-3-7667-2345-1

 

Es gibt unzählige, meist großzügig als voluminöse Bildbände ausgestatte Bücher über mehr oder weniger berühmte Gärten und Gartenanlagen. Das ist für den Garten – und Naturfreund zum Anbschau8en schön, bringt ihm aber meist recht wenig für die Gestaltung und die Pflege seines eigenen meist sehr  viel kleineren Gartens oder Grundstücks.

 

Das ist bei dem vorliegenden Buch aus dem Callwey Verlag anders.

Es vereint, mit wunderbaren Fotos von Marion Nickig, den jahrelangen Erfahrungsschatz der beiden Autoren Manfred Lucenz und Klaus Bender sowie zahlreicher leidenschaftlicher Gärtner und zeigt an praktischen Beispielen alles, was man wissen muss, um mit Freude und Erfolg auch unter schwierigeren Gartenbedingungen zu gärtnern.

 

Zehn Gärten mit unterschiedlicher Biografie (d.h. Alter und Gestaltungsveränderungen) vermitteln dem Leser eine Vielzahl von Informationen, aber auch kleine Gartentricks erfahrener Mitgärtner. Obwohl die vorgestellten Gärten zum großen Teil parkähnliche große Flächen haben, können Ausschnitte davon auch in kleineren Gärten etwa in der Stadt oder in den flächenarmen Neubaugebieten auf dem Land sehr wohl praktisch umgesetzt werden.

Jeder Leser wird in diesem schönen Buch Inspirationen für eigene Planungen oder konkrete Lösungen finden, und hat dabei mit der Liste der Pflanzenempfehlungen dabei eine große Hilfe.

 

Häuser des Jahres

 

 

Ferdinand Graf Luckner, Konstanze Neubauer, Häuser des Jahres, Callwey 2018, ISBN 978-3-7667-2315-4

 

Durch die anhaltende Niedrigzinsphase, die den Kleinsparern ihre Rücklagen vernichtet, sind aber auch für Bauherren und solche, die es werden wollen, die Kreditzinsen günstig wie seit langem nicht mehr. Da auch viele Kommunen, besonders in der Nähe der Ballungsgebiete bestrebt sind, sich zu vergrößern und ständig neue Baugebiete ausweisen, ist der Traum vom eigenen Haus auch für eine normale Familie durchaus realistisch.

 

Doch neben einem Grundstück und einer gesicherten Finanzierung geht es beim Bauen natürlich hauptsächlich um das Haus, das den eigenen Bedürfnissen, den Gewohnheiten und dem persönlichen Geschmack möglichst nahe kommen soll.

 

Das vorliegende Buch aus dem Callwey Verlag kann dabei eine große Unterstützung sein. Das Buch stellt die 50 besten Projekte vor, die aus einem Award mit dem Namen „Häuser des Jahres“ hervorgegangen sind, die der Callwey Verlag zusammen mit dem Deutschen Architekturmuseum auslobt. Die hier gezeigten und beschriebenen Häuser zeugen alle von hoher architektonischer Qualität. Natürlich waren die Nachhaltigkeit und Energieeffizienz ebenso Entscheidungskriterien der Jury wie ein kreativer Umgang mit der baulichen Situation.  Denn es werden nicht nur Neubauten auf neuen freien Flächen gezeigt, sondern auch geschickte Lösungen im Rahmen von Altbausubstanz.

 

Für alle Bauherren und solche, die es werden wollen, aber auch für Architekten und Planer ist das Buch eine unverzichtbare Informationsquelle und Anregung.

 

Ein anderes Brooklyn

 

 

Jaqueline Woodson, Ein anderes Brooklyn, Piper 2018, ISBN 978-3-492-05865-0

 

Die 1963 geborene amerikanische Schriftstellerin Jaqueline Woodson ist seit vielen Jahren eine der bekanntesten Jugendbuchautorinnen ihres Landes. Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden zwei Bücher von ihr in Deutschland veröffentlicht, ansonsten ist ihr hier vorliegender Roman „Ein anderes Brooklyn“ ihr erster literarischer Auftritt in Deutschland. Neben Jesmyn Ward (vgl. zuletzt Ihren Roman „Singt ihr Lebenden und Toten, singt“ bei Kunstmann) darf sie zu den herausragendsten jüngeren schwarzen Autorinnen in den USA gelten, die irgendwann einmal in die Fußstapfen einer Toni Morrison oder Alice Walker treten können.

 

In knappen Sätzen und kurzen Kapitel  aber mit umso eindringlicherer Sprache lässt Jaqueline Woodson ihre Ich-erzählende Protagonistin August nach einem langen Auslandsaufenthalt als Anthropologin zurückkehren nach Brooklyn n New York. Ihr Vater ist an Leberkrebs gestorben und August hat die letzten Lebenstage an seiner Seite verbracht.

 

Und während sie alles Nötige veranlasst, denkt sie zurück an die Zeit ihrer Kindheit in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als sie zusammen mit ihren Freundinnen Angela, Gigi und Sylvia auf den Straßen Brooklyn in einer unzertrennlichen Beziehungen lebte und glücklich war. Schon damals war eine Entwicklung unübersehbar, als Weiße in zunehmendem Masse das Quartier verließen und Drogendealer und traumatisierte Vietnamveteranen in die leer werdenden Häuser und Wohnungen zogen.

 

Damals schienen die vier unverwundbar und nichts konnte ihrer Freundschaft etwas anhaben.

 

In einer eigenen, knappen und sehr poetischen Sprache schafft es Woodson, die in den USA mit diesem Buch lange auf den Bestsellerlisten stand und begeistert dafür gelobt wurde, diese jugendliche Unbeschwertheit, den Lebenshunger und das Glück dieser vier Mädchen erfahrbar zu machen, ebenso wie das Leid, das sie jeweils in ihrem privaten Umfeld zu erleiden haben und bei dem sie sich gegenseitig zur Seite stehen.

August fehlt die Mutter. Sie hat sich umgebracht. Sylvia muss sich mit ihren strengen Eltern arrangieren. Es geht um Armut, Kindesmissbrauch, Alkohol und Drogen und zu frühe Schwangerschaften –all das sind ständige Begleiter in Brooklyn.

 

Als die Mädchen nacheinander ihre erste Menstruation haben und zunehmend ihre Sexualität entdecken, beginnt die zuvor unzerbrechliche Freundschaft zu bröckeln. Später werden sie alle weggehen und /oder ihr eigenen Leben beginnen.

 

Als sie fast 40 Jahre später zur Beerdigung ihre Vaters nach Brooklyn zurückkehrt, sieht und erlebt sie „ein anderes Brooklyn“:

„Irgendwann“ so erkennt sie schmerzhaft, „wurde das ganze Leben, alles und jeder, Erinnerung.“

 

 

Ein dicht erzählter Roman, der mit seiner besonderen Atmosphäre und seiner großen sprachlichen Kraft überzeugt. Von dieser Autorin möchte man in den nächsten Jahren mehr ins Deutsche übertragene Bücher lesen. Auch auf Übersetzungen ihrer vielen Jugendbücher wäre ich gespannt.

 

Selbstfreundschaft. Wie das Leben leichter wird

 

 

 

 

Wilhelm Schmid, Selbstfreundschaft. Wie das Leben leichter wird, Insel 2018, ISBN 978-3-458- 17750-0

 

Mit seiner „Philosophie der Lebenskunst“ hat sich der Philosoph Wilhelm Schmidt ein Projekt vorgenommen, in dem er mit kleinen handlichen Büchern versucht, seinen Lesern nicht nur Elemente philosophischen Denkens und Handelns nahezubringen, sondern sie auch zu einem Leben zu motivieren, in dem sie selbst wieder ein entscheidende Rolle spielen. Das ist in der Vergangenheit oft als Lob des Narzissmus diskreditiert und so absolut missverstanden worden.

Nach seinem Bestseller „Gelassenheit“ aus dem Jahr 2014 führt Wilhelm Schmid in seinem neuen Buch „Selbstfreundschaft“ diesen Fokus auf das Selbst fort. Für ihn ist die Basis der Gelassenheit die freundliche, verlässliche Beziehung zu sich. Sie begründet ein Selbstvertrauen, das einen besseren Umgang mit sich selbst ermöglicht und auch ein besseres Miteinander.

 

In insgesamt 10 Kapiteln zeigt er auf wie die Selbstfreundschaft  für eine Pflege des Selbst steht. Durch ihre Pflege wird das Leben leichter und man selbst damit auch umgänglicher für andere. Es ist jene freundliche Beziehung zu sich selbst, die auf die Länge ein dauerhaftes Selbstvertrauen begründet

 

Menschen, die erschöpft und ausgebrannt sind, Menschen , die nur Pflichten  und Selbstverzicht für andere kennen in ihrem Leben, die können mit diesen leicht verständlichen Anleitungen zur Selbstfreundschaft in 10 Kapiteln erfahren, dass sie sich sehr wohl auch um sich selbst kümmern dürfen. Dass man für sich selbst sorgen kann, ohne den Blick ausschließlich darauf zu richten, dass man Selbstfreundschaft und Selbstliebe praktiziert ohne den nächsten Mitmenschen aus dem Fokus zu verlieren, das zeigt Wilhelm Schmidt in seinem kleinen philosophischen Werk auf eine überzeugende und nachahmenswerte Weise.