Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Das Mädchen mit dem Fingerhut

 

 

 

Michael Köhlmeier, Das Mädchen mit dem Fingerhut, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14617-3

 

Die Orte und Städte, in denen der schmale  Roman  von Michael  Köhlmeier  spielt, können in jedem Land Westeuropas liegen. Ein Europa, das in diesen Tagen zu zerbrechen droht an einer Herausforderung, die sich die meisten Regierungen weigern, gemeinsam zu meistern und zu lösen. Ob dies überhaupt möglich ist, ohne wesentliche Werte aufzugeben und für unantastbar gehaltene Rechte auszusetzen, das wird die Zukunft zeigen.

 

Michael Köhlmeier Roman handelt von Kindern. Drei von Hunderttausenden,  die sich mit Eltern oder alleine auf den Weg in eine vermeintlich bessere  Zukunft gemacht  haben und versuchen, in einem fremden Land ohne  Sprachkenntnisse  zu überleben.

 

Das sechsjährige Mädchen,  dessen Geschichte  Michael Köhlmeier sensibel und mit einer schlichten, poetischen Sprache verfolgt,  ist mit einem „Onkel“, der nicht näher beschrieben wird,  ins Land  gekommen. Der setzt sie auf dem Marktplatz einer  größeren Stadt  vor dem Laden von Bogdan ab,  einem freundlichen Händler, der dem stummen Mädchen zu essen gibt. Sein Freund, der Fischhändler, unterstützt ihn dabei, rät jedoch, die Polizei zu rufen, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Als das Mädchen das Wort „Polizei“ hört , beginnt es zu schreien wie am Spieß.

 

Abends holt sie der Onkel an einer verabredeten Stelle wieder ab und setzt sie am nächsten Tag wieder bei Bogdan ab. Als nach einigen Tagen  der Onkel  nicht da ist, irrt das Mädchen durch die Stadt und wird irgendwann von einer freundlichen Polizeibeamtin in ein Heim gebracht. Dort trifft sie auf einen älteren Jungen namens Schamhan und den kleinen  Arian. Schamhan kennt sowohl die Sprache des Mädchens als auch die des kleinen Jungen.

 

Sie fliehen aus dem Heim und versuchen sich durchzuschlagen. Schamhan redet von einem Haus, das er finden will, wo sie über den Winter  bleiben können,  weil seine  Bewohner im Süden in der Sonne sind.

 

Niemand weiß,  wo die Kinder herkommen. Das Mädchen wird Yiza  genannt, weil es auf eine entsprechende nicht verstandene Frage dieses Wort gesagt hat.  Irgendwann ist auch der große

Junge  verschwunden, und auch Arian kommt nicht wieder, als eine alte Frau das Mädchen bei sich aufnimmt, offenbar ohne die Behörden zu informieren.  Doch Arian findet sie Monate später, schlägt die alte Frau brutal nieder, und sie fliehen erneut.

„Arian ist  der Kapitän.  Er geleitet  das Schiff zu den Freunden und in den Sommer. Die Freunde, das sind  eine Horde  von Zerlumpten, die bereits zu alt sind für Mitleid und Rührung. “

 

Mit diesen  Worten lässt Michael Köhlmeier seinen nachdenklichen Roman enden. Einen Roman, der erzählt  von Menschen ohne Herkunft. Ein Roman, der sich Sentimentalitäten verweigert und dennoch mit kräftigen Worten und lebendigen Bildern erzählt  von der kindlichen Kraft  des Überlebens.

 

Ein Buch ohne gutes Ende, obwohl sich im seinem Verlauf an mehreren  Stellen ein solches anbot. Aber die Wirklichkeit  sieht oft anders aus. Dunkler,  trauriger, ohne wirkliche Hoffnung.

 

 

Warum hast du mich lieb?

 

Roland Hirzer, Susanne Timbers, Warum hast du mich lieb, minedition 2018, ISBN 978-3-86566-327-6

 

 

Dieses Bilderbuch erzählt die wunderbare und geheimnisvolle Geschichte der ungewöhnlichen Liebe zwischen Mabu, einem Bär und Nicolina, einem kleinen  gelben Vogel.

 

Sie lieben sich, das spüren sie beide schon lange und sie sind sehr gerne zusammen. Doch als Nicolina anfängt, unbedingt wissen zu wollen, warum Mabu sie sie so gern hat, fangen die Probleme an. Erst recht, als sie nach und nach alles weg lässt, was Mabu so sehr an ihr mag. Sie vermutet, dass es irgendetwas an diesen Handlungen von ihr ist, warum der Bär sie liebt. Doch selbst als sie mit allem aufgehört hat, was Mabu mag, hat sich an seiner Zuneigung zu ihr nichts geändert.

 

Und gerade noch rechtzeitig, bevor die Verwirrung komplett ist, findet sie heraus,  dass der Bär sie einfach liebt, weil sie genau so ist, wie sie ist.

 

Ein schönes Bilderbuch, das Fragen, die sich kleine Kinder oft stellen im Hinblick auf ihre Eltern, aufgreift und beantwortet.

Der kleine Fuchs und der Pilot

 

 

Luca Tortolini, Anna Forlati, Der kleine Fuchs und der Pilot, Knesebeck 2018, ISBN 978-3-95728-059-6

 

Dieses bezaubernde und sehr poetische Bilderbuch aus Italien erzählt die Geschichte des Piloten Antoine (steht für Antoine St. Exupery), der im Zweiten Weltkrieg mit seinem Flugzeug über einem Wald abstürzt.  Dort trifft er auf einen kleinen Fuchs und irgendwie können sie sich verständigen. Sie helfen sich gegenseitig und schnell hat der Fuchs seine Menschenscheu verloren. Nach erfolgreicher Reparatur seines Flugzeugs fliegt Antoine zurück zu seiner Militärbasis und nimmt  den Fuchs mit, der begeistert die Welt von oben sieht.

 

Irgendwann spürt Antoine an der Unruhe des kleinen Fuchses, dass der Heimweh hat nach seinem geliebten Wald und verspricht ihm, ihn nach seinem nächsten Einsatz wieder dorthin zu bringen.

Doch von  diesem Einsatz kehrt Antoine als einziger Pilot nicht zurück …

Der kleine Fuchs jedoch gibt die Hoffnung nicht auf und während er auf Antoine wartet, malt er sich in seiner Phantasie seine Rückkehr aus und wie den anderen Füchsen die Augen rausfallen werden.

 

Ein wunderbares, beeindruckend illustriertes Bilderbuch über den Traum  vom Fliegen, über Freundschaft und letztlich auch über ihren Verlust.

Ein Buch voller Poesie. Absolut preisverdächtig.

 

 

 

Der Atlas der Dinosaurier

 

Emily Hawkins, Lucy Letherland, Der Atlas der Dinosaurier, Kleine Gestalten 2017, ISBN 978-3-89955-741-1

 

Das zuerst in England veröffentlichte großformatige Buch von Emily Hawkins und Lucy Letherland nimmt Kinder ab etwa 8 Jahren, aber auch Erwachsene mit auf eine Abenteuerreise mit den unglaublichsten Dinosauriern und merkwürdigsten Reptilien aller Zeiten.

 

Zwar kennen alle den bekanntesten Saurier, den Tyrannosuarus Rex, aber der Archelon, die größte Schildkröte, die je auf der Erde gelebt hat oder der Hatzegopreryx, der mit elf Metern Flügelspannbreite unglaublich weit fliegen konnte, den kennt kaum jemand.

 

Der Atlas der Dinosaurier schafft mit seiner Reise durch Trias, Jura und Kreidezeit hier Abhilfe und lässt die Kinder ab etwa 8 Jahren die prähistorische Welt der Dinos kennenlernen.

 

Das großformatige Wimmelbuch ist eine Schatzkiste für jeden Dinosaurier-Freund. Detailreiche Szenerien informieren über das Leben und Verhalten der Tiere, Weltkarten zeigen die Fundorte ihrer Fossilien und kurze Texte informieren über Nahrungssuche, geschickte Jagdmethoden und kluge Verteidigungstechniken.

 

Ein tolles Sachbilderbuch, das besonders durch seine Illustrationen lebendig wird.

Vorne kurz und hinten lang

 

 

 

Sabine Bohlmann, Sonja Bougaeva, Vorne kurz und hinten lang,  Thienemann 2017, ISBN 978-3-522-45807-8

 

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die beiden ersten  Besuche im Friseurladen für unseren damals noch kleinen Sohn ein nicht gerade angenehmes Erlebnis waren. Da flossen die Tränen und die Friseurmeisterin kam ganz schön ins Schwitzen, weil sie im Haareschneiden für kleine Kinder nicht geübt war.

 

Das vorliegende Bilderbuch von Sabine Bohlmann, das Sonja Bougaeva lustig und sehr fantasievoll illustriert hat, kann vielleicht helfen, in der Vorbereitung auf einen Friseurbesuch solche Erfahrungen abzumildern oder zu vermeiden. „In „Vorne kurz und hinten lang“ können die Kinder einen Friseur durch seinen Tag begleiten.

 

Ein Tier nach dem anderen kommt vorbei, um sich von ihm frisieren zu lassen. Der eine, der braucht auf die Schnelle eine schöne Dauerwelle, ein anderer will heut raus zum Tanz und möcht ’nen schönen Pferdeschwanz, den nächsten soll man glattrasieren, ein andrer will sein Haar toupieren.

 

Es ist also ganz schön was los. Der Friseur, ein langer schlanker Hund, hat eine Menge zu tun und spricht seine Kunden in lustigen Reimen immer direkt an.  Mit viel Witz und Augenzwinkern werden hier die jeweiligen Kundenwünsche beschrieben.

 

Das Bilderbuch wird kleinen Kindern gefallen und ihnen den nächsten Besuch bei ihrem Friseur leichter machen, auch wenn der wahrscheinlich nicht in Reimen sprechen wird.

 

 

 

Linda zähmt den Tiger

 

 

 

 

Ben Furman, Mathias Weber, Linda zähmt den Tiger, Carl-Auer Verlag 2018, ISBN 978-3-8497-0227-4

 

Es gibt Kinder, die in ihren Familien oder auch in ihren Kindergärten oder Schulen für vermehrte Aufmerksamkeit sorgen, weil sie oft aus heiterem Himmel zu Wutausbrüchen neigen und ihre Aggressionen nicht in den Griff bekommen. Eltern, Lehrer und anderen Bezugspersonen sind dann oft ratlos, weil sie nicht verstehen  können, wo diese Tobsuchtsanfälle herkommen.

 

Das vorliegende Bilderbuch aus der Kinderreihe des Carl Auer Verlags, das der bekannte Psychiater Ben Furman geschrieben und Mathias Weber wieder wunderbar illustriert wurde, greift dieses Thema auf und zeigt, wie man in solchen Fällen generationenübergreifend ins helfende Gespräch kommen kann.

 

Linda ist die Hauptperson in der Geschichte. Sie wird leicht wütend. So schrecklich wütend, dass sie oft gar nicht aufhören kann. Sie selbst ist ratlos darüber, weil sie es eigentlich gar nicht will.

 

Eines Tages erzählt ihr die Mutter, dass es ihr als Kind genauso erging, und von ihrem Großvater erfährt sie das Geheimnis, wie man die Wut bändigen kann. Und so, im Gespräch mit Mutter und Opa, findet Linda für sich selbst heraus, was ihr helfen kann.

 

Es ist eine optimistische Geschichte, die betroffenen Kindern und Eltern Mut machen kann. Vor allen Dingen zeugt sie den Kindern, die dieses Buch lesen oder es vorgelesen bekommen, dass sie so wie Linda auch selbst bei ihrem Wutproblem aktiv werden können.

Wie bei allen Kinderbüchern dieser Reihe ist am Ende ein Nachwort beigefügt mit Hinweisen für Eltern und Erziehende, das viele wichtige Informationen gibt zu dem Thema aus psychologischer und systemischer Sicht.
 

 

 

 

Das Küsschen-Krokodil

 

 

 

Jozua Douglas, Loes Riphagen, Das Küsschen-Krokodil, Thienemann 2018, ISBN 978-3-522-45865-8

 

Dieses schöne aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf übersetzte Bilderbuch hat das für viele Kinder schwierige  „Einschlafen“ zum impliziten Thema. Es erzählt, von Loes Riphagen lustig und witzig illustriert, von dem kleinen Tim, der zusammen mit seinem Kuscheltier Bär im Bett legt. Weil er noch nicht müde ist, kann er nicht einschlafen. Und dann hört er auch noch Geräusche. Es ist ihm schon ein wenig unheimlich. Doch er fasst sich ein Herz und schaut nach. Da kommen Tiere, eines nach dem anderen. Sie kommen um mit Tim zu lesen, zu singen und zu knuddeln. Lauter Sachen., die Kinder gerne machen, bevor sie dann reinschlafen können.

Als das Schwein, das ihm vorgelesen hat, wieder gegangen ist, ist der Teddybär schon eingeschlafen. Doch da hat sich ein  Tiger im Schrank versteckt. Lustig spielen die beiden Fangen. Und dann steht der Knuddel-Büffel vor der Tür. Was wird er wohl mit Tim machen? Nachdem dann auch der „Schlaflied-Löwe“ aufgetaucht ist und sein Lied gesungen hat, erscheint das Küsschen-Krokodil zum Abschluss und küsst alle und alles in den Schlaf. Den „Schöne-Träume-Drache“ bekommt Tim gar nicht mehr mit, er ist schon eingeschlafen.

 

Ein wunderschönes Gute-Nacht-Buch, nicht nur für kleine Jungs.

 

 

 

 

 

 

Ein Wunder war geschehen. Die Legende vom heiligen Nikolaus

 

 

Uwe Natus, Maria Bogade, Ein Wunder war geschehen. Die Legende vom heiligen Nikolaus, Gabriel 2017, ISBN 978-3-522-30483-2

 

In diesem von Maria Bogade feinfühlig und farbkräftig illustrierten Bilderbuch aus dem Gabriel Verlag erzählt Uwe Natus einige der schönsten Legenden, die sich um die Figur des heiligen Nikolaus ranken. Sie stammen aus allen Lebensphasen jenes Bischofs aus Myra, zu dessen Andenken die Kinder jedes Jahr im November ihre selbstgebastelten Lichter anzünden.

 

Uwe Natus erzählt die wundersamen Geschichten in Reimform, was ihnen eine ganz besondere sprachliche Würde und Anmut gibt und das Vorlesen für die Kindern zu einem Erlebnis macht.

Die blühende Natur-Uhr

 

 

Una Jacobs,, Ellermann 2018, ISBN 978-3-7707-0067-7

 

„Durch das Jahr mit Sonne, Schmetterlingen und Blumen“ führt die Biolgin Una Jacobs ihre kleinen und großen Leser in diesem wunderschönen Sachbuch für Kinder ab etwa 8 Jahren. Bärbel Oftring, bekannt durch viele Kindersachbücher über Naturphänomene hat sie dabei fachlich beraten.

 

Die Autorin zeigt in ihrem Buch auf eine sehr verständliche Weise, wie in der Natur mit ihren Pflanzen und Tieren alles gemeinschaftlich verbunden ist.

 

Drei verschiedene „Uhren“ lässt sie dabei zu Wort kommen. Die Sonnen-Uhr erzählt davon, wie wichtig das Licht, die Wärme und die Energie der Sonne für alle Pflanzen und Tiere sind. Sie erklärt das Phänomen der Fotosynthese und beschreibt den Weg der Sonne durch das Jahr.

 

Die „Schmetterlings-Uhr“ zeigt dem Betrachter und Leser das geheimnisvolle Leben der Schmetterlinge und ihre faszinierende Artenvielfalt und Farbenpracht. Auch sie werden zusammen mit anderen Insekten durch das Jahr begleitet und ihre unverzichtbaren Aufgaben für die Natur werden gezeigt.

 

Und schließlich erzählt die „Blumen-Uhr“ von der ganz besonderen Verbindung zwischen Blumen und Tieren.

 

„Die blühende Natur-Uhr“ ist ein wunderbares Sachbuch, aus dem auch Erwachsene viel lernen können und eignet sich ganz besonders für Kinder, die vielleicht schon früh Interesse zeigen für die sie umgebende Natur.

Wer dieses Buch liest, der kann gar nicht anders als Ehrfrucht vor der Natur zu haben und ist motiviert, sich für ihren Erhalt einzusetzen. Denn gerade Schmetterlingen und Insekten sin d sehr bedroht durch intensive Landwirtschaft.

 

 

 

Ein Garten für alle

 

 

Laura Bednarski, Ein Garten für alle, Ravensburger Verlag 2018, ISBN 978-3-473-44700-8

 

Ein großer, sympathischer Bär, die Hauptperson in diesem schönen Bilderbuch von Laura Bednarski, träumt schon  lange von einem eigenen Garten. Doch als er eines Tages damit beginnt, nachdem er alles besorgt hat, was er dazu braucht, fallen ihm schon bald zwei Sachen auf. Zum einen sieht er schon nach dem ersten Tag, wie schön der Garten einmal werden könnte und zum anderen, dass viele andere Waldbewohner auf die Früchte seiner Arbeit aufmerksam geworden sind und sich darüber hermachen. Sind es zunächst nur die Vögel, die die Samen aus der Erde picken, werden schon bald auch seine anderen Pflanzen Opfer des Appetits der anderen Tiere. Der Bär lässt sich nicht irritieren und arbeitet immer weiter. Als die Zerstörungen aber immer umfangreicher werden, legt er sich nachts auf die Lauer, schläft aber  ein.

 

Als er morgens die Bescherung sieht, trottet er traurig davon und setzt sich ins Gras. Da raschelt es im Gebüsch. Alle Tiere schleichen betroffen heran. Das haben sie nicht hat gewollt. Und gemeinsam legen sie einen neuen Garten an, an dem sie alle ihre Freude (und Nahrung!) haben werden.

 

Ein schönes Bilderbuch für große und kleine Gartenfreunde, das zeigt, wieviel Freude man haben kann an gemeinsamer Arbeit und Verantwortung.