Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Wie Henri Henriette fand

 

 

Cee Neudert, Christiane Hansen, Wie Henri Henriette fand, Thienemann 2018, ISBN 978-3-522-45886-3

 

In  dem neuen Bilderbuch von Cee Neudert, das Christiane Hansen farbprächtigen Bildern illustriert hat, wird von einem Han namens Henri erzählt, der zusammen mit dem Bauern, dem Schwein, dem Pferd, den Kühen und der Katze auf einem Bauernhof lebt. Henri hat ein für einen Hahn recht ungewöhnliches Hobby: er kocht für sein Leben gern. Er hat schon einige leckere Rezepte gesammelt und für den Bauern ausprobiert.

 

Als er eines Tages für den Bauern ein  neues Rezept ausprobieren möchte, fehlt ihm eine Zutat, die er bislang noch nie benutzt hat für seine Gerichte: ein Ei. Wo bekommt er ein Ei her? Die Kühe und das Pferd wissen keinen Rat. Auch eine Anzeige bleibt erfolglos, denn alle Tiere, die da erscheinen, können keine Eier legen, oder sie passen nicht, sind entweder zu groß (Krokodil) oder zu klein (Frosch).

 

Doch dann taucht laut und fröhlich gackernd das Huhn Henriette auf dem Bauernhof auf. Henri ist von seinem weiblichen Pendant total begeistert, und das nicht nur, weil sie ihm das Ei für das neue Rezept liefert. Henriette bleibt einige Tage, bis Henri sie fragt, ob sie nicht für immer bei ihm bleiben möchte. Sie sagt ja, und bald schon stellt sich Hendrik ein kleines Küken ein, und das Bild, das der Bauer mit seiner Kamera macht, ist vollständig.

 

Ein humorvolles Bilderbuch mit ganz bezaubernden Bildern, wie sie Kinder gerne mögen.

 

 

Christian Tagliavini

 

 

Christian Tagliavini, Christian Tagliavini, teNeues 2018, ISBN 978-3-967-085-0

 

Die alten Meister der Renaissance haben es dem italienisch-schweizerischen Fotokünstler angetan. Schon seiner Serie „1503“ gelang ihm der Durchbruch als Fotograf, mit der er den Ausdruck und den Detailreichtum der Porträtmalerei der Renaissance auf eine geniale Weise in die Gegenwart versetzte.

 

In dem hier vorliegenden Band, der im teNeues Verlag erschienen ist, greift er das Thema wieder auf, geht aber noch einmal 100 Jahre zurück. Die hier erstmals vollständig gezeigte Fotoserie „1406“ zeigt neben der Dokumentation der Serie ebenfalls, wie die Fotografien in monatelanger Arbeit entstehen und gibt damit einen Einblick in die Arbeitsweise eines der talentiertesten Fotografen unserer Zeit.

Ein faszinierendes Spiel mit Bilddimensionen, Disziplinen und Zitaten aus der Kunstgeschichte. Die erste Monografie eines der aufregendsten zeitgenössischen Fotokünstler mit allen Bildserien und einem Blick hinter die Kulissen Begleitband zu Ausstellungen bei Camera Work, Berlin (09.12.2017 – 17.03.2018) und im Fotomuseum Fotografiska, Stockholm (09.03.2018 – 10.06.2018)

 

 

 

Natur am Wegesrand

 

 

Marc Giraud, Natur am Wegesrand, Haupt Verlag 2018, ISBN 978-3-258-08043-7

Der Naturforscher und Exkursionsführer Marc Giraud hat mit diesem jeden Naturfreund begeisternden Buch auf 256 Seiten und mit über 700 farbigen Fotografien eine Art Handbuch vorgelegt, das seinen Nutzer an die Hand nimmt auf seinem Weg durch die Jahreszeiten und Landschaften. Es will ihm die Augen öffnen für die verschiedenen Lebensräume „am Wegesrand“ und die Tiere und Pflanzen, die dort leben.  Mit über 700 Fotos und vielen vertiefenden Texten führt das Buch den Reichtum unserer einheimischen Natur vor Augen.

 

Manchmal sind weitere Wege nötig, um die „Natur am Wegesrand“ abseits der hoch industrialisierten Agrarflächen zu entdecken. Dafür schult der Autor zu Beginn seines faszinierenden Buches die Sinne des Lesers, damit er lernt, die Natur wieder aktiv wahrzunehmen. Wie hängen die einzelnen Lebewesen zusammen? Wer ist von wem abhängig? Dabei wird deutlich, dass es in der Natur nichts Unnützes gibt, dass jede Pflanze und jedes Tier Teil einer gut funktionierenden Gemeinschaft ist, in der jeder von jedem profitiert.

 

Ein Buch, das Menschen sehr viel Freude bereiten wird, die sich gerne in der Natur aufhalten und mehr von ihren Zusammenhängen lernen wollen.

Hoch hinaus

 

Tom Schamp, Hoch hinaus, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25490-9

Dieses wunderbare und absolut außergewöhnliche Bilderbuch von Tom Schamps entfaltet sich als querformatiges Leporello, wobei hier viele Etagen eines Hauses übereinander gezeigt werden. Zwei Kinder steigen ohne Worte die Treppe nach oben und entdecken in jedem Stockwerk nicht nur Menschen, sondern auch viele Geschichten und fantastische Gestalten. Nachdem die von diesem Buch sicher begeisterten kleinen Betrachter auf jedem Stockwerk die versteckte weiße Maus entdeckt haben, gelange  sie am Ende  unter das Dach zu einer großen Party.

Auf seltsame Weise zeigen sich in diesem Buch Wimmelszenen von skurriler Art. Eigenartige Personen leben hier zusammen und etliche Anspielungen erinnern an Alice im Wunderland.

 

Auch andere literarische Beziehungen werden hergestellt. So ist es zum Beispiel Rotkäppchen, das mit einem Jungen im Jaguar-Kostüm die Treppe hinauf steigt, bei allen mal hineinschaut, etwas mitnimmt, so dass sich sein Korb mit Dingen füllt (Wein, Blumensamen, Milch, einem Apfel, etc.) und oben dann bei der Party zur Gastgeberin eines gemeinsamen Essens wird, zu dem alle Bewohner  des Hauses erscheinen und von den kleinen Buchbetrachtern wiedererkannt werden können.

 

Ein farbenfrohes Leporello-Bilderbuch für alle Kinder, die Entdeckungen lieben.

 

 

 

 

 

Experimente für Kinder

 

Charlotte Willmer-Klumpp, Experimente für Kinder, Ravensburger Verlag 2018, ISBN 978-3 473-55453-9

 

Warum kann ein  Wasserläufer auf dem Wasser quasi wie auf einer Haut kaufen ohne unterzugehen? Diese spannende Frage ist nur eine von vielen, der mit entsprechenden Experimenten in diesem hervorragenden Sachbuch für Kinder ab etwa 5 Jahren nachgegangen und beantwortet wird.

 

Acht große Kapitel behandeln Versuche zu den Themen Wasser und Eis, Luft, Hören und Musik, Temperatur und Wärme, Licht und Farben, Kraft und Bewegung sowie Magnete.

In einfachen Anleitungen wird schon Kindergartenkindern erklärt, wie sie zu Alltagsfragen forschen können. Abgestimmt auf die Bildungspläne der Kindergärten und Grundschulen, können Erzieherinnen und Lehrerinnen aus diesem Buch wichtige und hilfreiche Anregungen für ihre jeweilige Arbeit entnehmen. Es eignet sich aber hervorragend, um mit den Kindern zu Hause entsprechende Experimente zu machen und sie damit in eine spannende und geheimnisvolle Welt einzuführen.

 

 

 

Frühlings-Wörter-Wimmelbuch

 

 

Rotraut Susanne Berner, Frühlings-Wörter-Wimmelbuch, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3-8369-5641-3

 

Viele Jahrgänge von Kindern sind seit etwa 2004 mit den schlussendlich fünf Bänden der Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner aufgewachsen, haben mit ihnen erkennen und benennen gelernt, konnten mit Hilfe der mit ihnen die großen Bücher immer wieder betrachtenden Eltern die in den Wimmelbüchern verborgenen Geschichten identifizieren und mit ihrer eigenen Phantasie weitererzählen.

Unser Sohn hat über viele Jahre, seit er etwa eineinhalb war, diese Bücher geliebt und kannte die Namen aller auftretenden Personen. Denen, die von Rotraut Berner ohne Namen gelassen worden waren, gab er welche und die Geschichten, die er um sie herum erfand, waren jedes Mal lustig und lebendig.

 

Als ich das neue Winter-Wörter-Wimmelbuch in die Hände bekam, habe ich mich gern an diese schöne Zeit erinnert. Berner hat aus dem alten Winterwimmelbuch ein hochkantiges Buch gemacht, das auf jeder Doppelseite verkleinert die alten Bilder zeigt, aber im unteren Fünftel ein kleines Wörterbuch gezeichnet mit den Objekten, die auf der jeweiligen  Seite zu sehen sind. Die Kinder können deshalb neben dem Betrachten der Bilder und dem Erfinden von Geschichten auch die Objekte und Dinge, die unten abgebildet und benannt sind, suchen, finden und ihren Namen aussprechen lernen.

 

Eine schöne Idee. Bei dieser ganz neuen Art, die Welt von Wimmlingen zu entdecken, lernen die Kinder spielerisch, wie die Dinge heißen und wie ihre Namen geschrieben werden.
 

 

 

Der längste Winter. Die vergessene Geschichte der Juden im besetzten Rom

 

 

Andrea Riccardi, Der längste Winter. Die vergessene Geschichte der Juden im besetzten Rom, Theiss 2017, ISBN 978-3-8062-3622-4

 

Nachdem die Herrschaft Mussolinis in Italien zusammengebrochen war, besetzten deutsche Truppen im September 1943 die Hauptstadt Rom. Für die römischen Juden, die bisher relativ sicher gelebt hatten begann nun ein schrecklicher, bis zur Befreiung im Juni 1944 dauernder „langer Winter‹“. In diesen Monaten versuchten die deutschen Besatzer ihre Politik der „Endlösung“ auch im bis dahin für die Juden sicheren Rom durchzusetzen. Etwa 2000-3000 römische Juden vielen dieser Politik zum Opfer. Riccardi erzählt in einem Interview:

„Die Juden und viele Römer konnten sich das nicht vorstellen, aber am Tagesanbruch des 16. Oktober kam es zu dieser schrecklichen Situation: Die Deutschen der SS gingen mit einer Liste, die sie von der Kultusgemeinde geholt hatten, von Haus zu Haus und suchten die Juden. Einige flüchteten, einige versteckten sich, viele wurden gefangen genommen. In diesem Moment fing der ‚längste Winter‘ an.“

Er zeigt in seinem Buch jedoch, dass etwa 10.000 römische Juden überlebten, hauptsächlich deshalb, weil sie in Klöstern, Pfarreien und Liegenschaften des Vatikanstaats sicheren Unterschlupf und Asyl fanden.

 

Dies war wohl auch einer mutigen Haltung von Papst Pius XII. zu verdanken, den der Dramatiker Rolf Hochhuth in seinem Stück „Der Stellvertreter 1960 schwer beschuldigte. Das Buch von Riccardi kann man als so etwas wie eine kleine Rehabilitation dieses Papstes verstehen, denn ohne die päpstliche Genehmigung  wäre das Asyl für tausende von Juden auf dem Gelände und in Gebäuden des Vatikanstaates nicht denkbar gewesen.

 

Riccardi erzählt mit vielen neuen Informationen und historischen Einschätzungen die Geschichte der kurialen Politik unter der deutschen Besatzung, vor allem aber die bewegende Geschichte der verfolgten Juden, ihrer kirchlichen Helfer und einer heute fast vergessenen, mutigen Rettungsaktion. Er erzählt meisterhaft ein historisches Ereignis mit dem Duktus eines Journalisten.

 

 

 

 

Sonne im Bauch. Eine Geschichte über die Liebe

 

Sybille Terrahe u.a., Sonne im Bauch. Eine Geschichte über die Liebe, Coppenrath 2017, ISBN 978-3-649-66930-2

 

Von Andrea Hebrock liebevoll und warmherzig illustriert, erzählen Sybille Terrahe und Christiane Paulsen eine zu Herzen gehende Geschichte über die Liebe.

Die Geschichte handelt von eine Eichhörnchenfamilie, die der Vater, als sie alle zusammen bei Tisch sitzen „meine Lieben“ nennt. Dem kleinen Toni gefällt das sehr, es macht ihm ein warmes Gefühl. Und er denkt an seine Mama, an die er sich immer so gerne rankuschelt. Doch gerade Als seinen Vater nach der Bedeutung des Wortes Liebe fragen will, beginnen seine kleinen Geschwister ihr übliches Theater mit viel Lärm.

 

So besucht Tino den alten Sokrates, eine weise Eule, in seinem Baumhaus. Und von Sokrates erfährt er, dass die Liebe ein großes Geheimnis und die stärkste Kraft der Welt ist. Und erklärt ihm mit vielen Bespielen die unterschiedlichen Formen der Liebe. Die Liebe zu den Geschwistern, die Liebe von zwei Erwachsenen untereinander und die Liebe zwischen  Freunden.

 

Klar, dass Toni danach sofort seine Freunde besuchen muss am Bach um genau das zu spüren und zu erleben. Und er ist glücklich.

 

Ein wunderschönes Bilderbuch über die verschiedenen Erscheinungsformen der Liebe, wie sie Kinder kennen und wahrnehmen können. Ein Bilderbuch über das wunderbarste und stärkste Gefühl der Welt

 

 

 

 

1968. Drei Generationen und eine Geschichte

 

 

Claus Koch, 1968. Drei Generationen und eine Geschichte, Gütersloher Verlagshaus 2018, ISBN 978-3-579-08655-2

 

Der Psychologe und Psychoanalytiker Claus Koch, selbst ein engagierter Teil der 1968- er Bewegung, nimmt die 50. Wiederkehr jenes die Republik nachhaltig verändernden Jahres zum Anlass, nicht nur, wie so viele andere vor 10 Jahren und auch nun 2018, über die Studentenbewegung und ihre Folgen nachzudenken und ihre Bedeutung zu reflektieren, sondern er geht in seiner Darstellung, die sich spannend liest wie ein Roadmovie, auch in die 50- er Jahre zurück, zu der Elterngeneration der 68 er und in die Gegenwart, in der die Kinder der 68er leben. Über sie sagt er an einer Stelle:

„Es ist nun an unseren Kindern, die Kämpfe für eine gerechtere Welt auszutragen.“ Doch wie das gehen kann, ist durchaus fraglich, und diesen ragen gehrt Koch in seinem Buch sehr überzeugend nach:

„Die Eltern legten das Land in Schutt und Asche. Dann bauten sie es wieder auf, bis ihre Kinder 1968 in Berlin und anderswo es noch einmal anzünden wollten. Um damit die Vergangenheit endlich zum Schweigen zu bringen. Und ihre Kinder? Können sie, jenseits von Stillstand und trügerischer Ruhe das Land noch einmal zu neuem Leben erwecken?“

 

Wir haben sich diese drei Generationen, um die es hier geht, gegenseitig beeinflusst, welche Spuren haben sie beim jeweils anderen hinterlassen?

 

In einer interessanten, informativen und sozialpsychologisch tiefgehenden Zeitreise führt Claus Koch seine hoffentlich auch jüngeren Leser durch die hellen und  dunklen Jahre der 68er, erzählt die Geschichte von Träumen, aber auch die eines grandiosen Scheiterns. Denn die herbeigewünschte Allianz von Utopie und Revolte zerbrach sehr schnell. Die Bewegung spaltete sich auf und verlor sich in der Bedeutungslosigkeit und im Terrorismus.

 

Dennoch hat diese Zeit unsere Gesellschaft geprägt bis in die aktuelle Gegenwart. Nach einer gelungenen und faszinierenden Mischung aus persönlicher Erzählung und historischem Bericht, stellt Koch am Ende die Frage, wie die Kinder der damals Aufständischen mit diesem Erbe umgehen werden. Denn die Welt hat sich in den letzten 50 Jahren nicht zum  Besseren gewandelt. Im Gegenteil. Die Phantasie und die Kraft der jungen Generation, in die Koch viel Hoffnung setzt, wird nötig sein, diese Welt besser zu machen und die Hoffnung darauf nicht aufzugeben.

A Tribute to Flowers

 

 

 

 

Richard Fischer, A Tribute to Flowers, teNeues 2018, ISBN 978-3-96171-107-9

 

50 Prozent der Blumenarten weltweit sind vom Aussterben bedroht. Zahlreiche Blumen verschwinden jedes Jahr endgültig von unserem Planeten, ohne dass es registriert wird, ja, viele dieser Schönheiten sind dem Menschen bisher völlig unbekannt.

 

Der Fotograf Richard Fischer versteht sich als so etwas wie der Anwalt besonders der bedrohten Blumen. Seit vielen Jahren schon setzt er die grazilen, bedrohten Schönheiten in seinem Fotoatelier in Szene, jede Blume für sich in ihrer vergänglichen Einmaligkeit. In Zusammenarbeit mit international führenden Botanischen Gärten gibt er den Blumen in seinen einzigartigen Aufnahmen einen ästhetischen Raum, der uns ihre Ausdruckskraft und Würde unverstellt vor Augen führt. Seine einzigartigen Fotos wurden in Ausstellungen rund um die Welt gezeigt, in Paris, London und Tokio, im Palais des Nations in Genf und in der renommierten Akademie der Künste Hangzhou in China.

 

Erstmals vereinigt er nun seine besten Bilder aus 15 Jahren in einem Band, stellt seine Arbeit und die unbekannten Exoten der Öffentlichkeit vor. Spannende und informative Texte nehmen den Leser zusätzlich an die Hand und führen ihn durch eine unbekannte, aussterbende Welt der Blumen.

 

Neben den Bildern benennt er die Blumen mit ihren lateinischen Namen, gibt aber leider keine weiteren  Details, warum und wie sie etwa wirklich bedroht sind und was dagegen von wem unternommen wird.

 

Das schränkt die Bedeutung des vorliegenden Werkes leider etwas ein, nimmt ihm aber nichts von seiner für Blumenfreunde faszinierenden Schönheit.