Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Ein Jahr auf dem Land

 

 

 

Magdalena Koziel-Nowak, Ein Jahr auf dem Land, arsedition 2018, ISBN 978-3-8458-2592-2

 

Ein wunderschönes, farbenfrohes und luftiges Wimmelbuch aus Polen ist hier anzuzeigen, das über den Zeitraum eines ganzen Jahres das Leben auf einem Bauernhof zeigt. Auf jeder Doppelseite, auf denen oft Feriengäste aus der Stadt zu Ferien auf dem Bauernhof der Familie Bauer mit all ihren Tieren zu sehen sind, befindet sich auch die Maus, die mit ihrer Familie zusammen mit vielen anderen Tieren, dem Pferd Fritzi, der Kuh Berta, dem Schwein Babsi, dem Hund Bello, mit Schafen , Hühnern, Enten und zwei Katzen.

 

Nicht nur sollen die Kinder immer wieder die Maus entdecken, sondern auch viele andere Dinge sehen und beschreiben: die Aussaat im Frühjahr, die Arbeit auf den Feldern im Sommer, die Ernte im Herbst und den großen Winterspaß im Schnee.

 

Wie bei einem guten Wimmelbuch üblich, finden sich auch hier unzählige Details, über die die Kinder sicher gerne mit den Erwachsenen sprechen wollen, die mit ihnen das Buch betrachten. Es wird auf diese Weise zu einem stundenlangen Entdeckerspaß für die ganze Familie.

10 kleine Burggespenster im Zoo

 

 

Susanne Göhlich, 10 kleine Burggespenster im Zoo, Orell Füssli 2018, ISBN 978.-3-280-03570-2

 

Nach ihrem erfolgreichen Reimebuch über die zehn kleinen Burggespenster, das vor zwei Jahren erschienen ist und weiteren vier Büchern über die zehn lustigen Wesen, hat Susanne Göhlich nun, ebenfalls in lustigen Reimen verfasst, wieder ein Nachfolgebilderbuch vorgelegt, in dem die Burggespenster einen Besuch im städtischen Zoo absolvieren und mit vielen verschiedenen großen und kleine Tieren Kontakt und Spaß haben.

 

Doch zunächst müssen sie sich alle am Eingang des Zoos ein Eis kaufen. Dem kleinsten Burggespenst, Zipfel heißt wird kurz darauf von einer haarigen Hand die Eiswaffel gestohlen. Schnell ist die Beziehung „Monster“ in aller Munde, und sie machen sich auf die Suche nach dem Eisdieb, wobei die anderen Tiere ihnen dabei nur bedingt Hilfestellung und Auskunft geben können.

 

Ob die Kinder, die das Buch vorgelesen bekommen und betrachten, die Lösung erkennen werden?

 

Ein gespenstischer Spaß in Reimen für Kinder ab etwa zwei Jahren.

 

 

 

Hangman (Hörbuch)

 

 

 

Daniel Cole, Hangman (Hörbuch), Hörbuch Hamburg 2018, ISBN 978-3-95713-113-3

 

„Hangman“ ist nach „Ragdoll“ der zweite Roman aus der „William Fawkes“-Reihe von Daniel Cole, auch wenn der im ersten Band am Ende spurlos verschwundene „Wolf“ im zweiten Band erst ganz am Ende im Epilog auftaucht, und für den nächsten Band eine wieder tragendere Rolle verspricht. Cole schriebt im Nachwort, man müsse „Ragdoll“ nicht unbedingt gelesen haben, um „Hangman“ zu verstehen ( was er auch durch zahlrieche Rückblicke zu unterstützen versucht), ich jedoch fand es hilfreich, dass ich beide Bücher innerhalb einer Woche hintereinander gelesen habe.

 

Nachdem Emily Baxter schwer verletzt den ebenfalls verletzten „Wolf“ im Gerichtssaal laufen ließ, ist sie mittlerweile befördert worden zum Detective Chief Inspector und hat acht Monate bevor die Handlung von „Hangman“ beginnt, mit dem Anwalt Thomas einen Mann kennengelernt, der ihr auf ihr bisher unbekannte Art Sicherheit gibt durch sein sanftes und verständnisvolles Wesen. Auch die Freundschaft zu Edmunds und seiner Frau Tia hat sich intensiviert. Dennoch ist Emily keine andere geworden. Sie kämpft weiter mit den Dämonen aus ihrer Vergangenheit, die Daniel Cole auch im zweiten Buch für kurze Momente lüftet.

 

Eben noch bei einem gemütlichen Abend mit Thomas, Edmunds und Tia zusammen, wird Emily mit einem neuen Fall konfrontiert, der nicht nur sie an die „Ragdoll“ erinnert.

In New York wurde ein Toter an der Brooklyn Bridge aufgehängt, das Wort „Köder“ tief in seine Brust geritzt. Das lässt für die FBI-Ermittler nur einen Schluss zu: Ein Killer kopiert den berühmten Londoner Ragdoll-Fall. Chief Inspector Emily Baxter wird sofort von den US-Ermittlern angefordert. Wenig begeistert, fliegt Baxter in die USA und macht sich zusammen mit den FBI Agents Curtis und Rouche an einen Wettlauf gegen die Zeit. Denn der Druck der Medien in den USA ist groß, erst recht  als ein zweiter Toter entdeckt wird, dieses Mal mit dem Wort „Puppe“ auf der Brust.

 

Und dann geschehen in schneller Abfolge abwechselnd grausame Morde in London und New York, die das zunächst sehr ungleiche Ermittlertrio DCI Emily Baxter von New Scotland Yard, FBI Agentin Eliot Curtis und CIA Agent Damien Rouche  vor fast unlösbare Aufgaben stellen. Sie fühlen sich wie ein Spielball eines grausamen Mörders, der sie jeweils unterschiedlich mit ihren eigenen Schatten aus der Vergangenheit konfrontiert.  Die Beschreibungen und Andeutungen dieser aus den jeweiligen Lebensgeschichten der Ermittlerpersonen herrührenden Persönlichkeiten machten für mich eine der vielen Stärken des Buches aus.

 

Sie raufen sich zusammen, überwinden ihr gegenseitiges Misstrauen und versuchen, auch mit Edmunds tatkräftiger Hilfe auf der anderen Seite des Atlantiks, das immer undurchsichtiger werdende Netz an Mordfällen aufzuklären. Wer steckt hinter diesem mörderischen Wahnsinn m? Und was hat er für ein Motiv?

So wie „Ragdoll“ ist auch „Hangman“ ein – vielleicht zu schnell auf den ersten Band folgender-  spannend geschriebener Thriller, der mit jeder Seite an Spannung gewinnt und zum Schluss in einem Showdown mit viel Action endet. Daniel Cole führt seinen Leser lange immer wieder in Irre bis zu einem dann doch völlig überraschenden Ende.

 

Ich wünsche Daniel Cole, dass er sich mit den nächsten Band mehr Zeit lässt, und so besser an der sprachlichen Gestalt seiner Geschichten feilen kann. Denn hier ist noch Luft nach oben.

 

Für die hier anzuzeigende Hörbuchfassung hat Hörbuch Hamburg den Sprecher des ersten Bandes, Wolfram Koch, durch den Schauspiele rund Synchronsprecher Peter Lontzeck ersetzt, der seine Sache gut macht, aber auch durch seine Interpretation  nicht verhindern kann, dass sich der Hörer noch viel mehr als im Buch angesichts der vielen Namen und andauernd neuen Mordfälle extrem konzentrieren muss um den Faden nicht verlieren. Kann man im Buch immer noch mal zurückblättern um sich zu orientieren, geht das beim Hörbuch nur schwer.

 

 

 

 

Ragdoll, (Hörbuch)

 

 

 

 

 

Daniel Cole, Ragdoll, (Hörbuch) Hörbuch Hamburg 2017, ISBN 978-3-95713-0815-3

 

„Ragdoll“ ist der fulminante Auftakt einer neuer Thriller-Reihe des britischen Schriftstellers Daniel Cole, der mittlerweile schon in drei Dutzend Ländern verkauft worden ist und für dessen Verfilmung die Vorbereitungen laufen.

 

Eine der schillernden und absolut ungewöhnlichen Hauptpersonen des Ermittlerteams bei der Londoner Scotland Yard ist Detective William Oliver Layton-Fawkes, genannt Wolf. Die letzten Jahre waren hart für ihn. Er verbrachte eine lange Zeit in einer psychiatrischen Klinik, bevor er wieder in den Dienst zurückkehrt. Das kam so: Vor vier Jahren hat Wolf einen Serienkiller festnehmen, den man damals den „Feuerkiller“ nannte, weil er insgesamt siebenundzwanzig Prostituierte auf schauerliche Weise anzündete und tötete. Während des wochenlangen Prozesses ist Wolf jeden Tag anwesend, denn er ist von der Schuld des Pakistaners Naguib Khalid überzeugt. Die Geschworenen plädieren auf nicht schuldig, was Wolf noch im Gerichtssaal dazu bringt, auf den Täter loszugehen und ihn fast zu töten. Er wird festgenommen und kommt in eine Klinik.  Als später Khalid eine weitere Frau tötet, ist Wolf sozusagen rehabilitiert und wird unter harten Therapieauflagen nach Jahren wieder in das Team aufgenommen. Zu diesem Team zählen noch Emily Baxter, deren Beziehung zu Wolf kompliziert ist, und die erhebliche Alkoholproblem hat, ansonsten aber eine mutige und unerschrockene Polizistin ist und der aus dem Betrugsdezernat gekommene  Alex Edmunds, der durch seine Ermittlungen den neuen Fall wesentlich voranbringen wird.

 

Der Fall beginnt  damit, dass Wolf, der glaubt eigentlich schon alles gesehen zu haben, zu einem grausigen Fund gerufen wird.  Sechs Körperteile von sechs verschiedenen Menschen sind von einem Täter zu einer Art Flickenpuppe zusammengenäht worden, die von Anfang an von  der Presse „Ragdoll“ genannt wird. Gleichzeitig erhält die Ex-Frau von Wolf, die Journalistin Andrea, die sich nach seinem Ausraster vor Gericht von ihm trennte, eine Liste zugespielt, auf der sechs weitere Morde angekündigt werden, mit jeweils genaues Todesdatum. Der letzte auf der Liste ist Detective William Oliver Layton-Fawkes selbst.

 

Nun beginnt einen gnadenloser Wettlauf mit der Zeit. Die Ermittler stehen unter eine erheblichen öffentlichen Druck, den Andreas skrupellose Chef noch befeuert. Immer mehr Körperteile der Ragdoll können konkreten Menschen zugeordnet werden und es deuten sich Zusammenhänge an zum Fall des „Feuerbestatters“. Gleichzeitig scheitern die Versuche, die Personen auf der Todesliste zu schützen, denn der Täter ist den Ermittlern unverständlicherweise immer einen Schritt voraus. Das bringt vor allem Edmunds ins Nachdenken und er stürzt sich in nächtelanges Aktenstudium, die ihn irgendwann zu einem furchtbaren Verdacht bringen….

 

Daniel Cole ist ein absolut überzeugendes und extrem spannendes Debüt gelungen mit drei Hauptfiguren, die er stark und menschlich eindrucksvoll zeichnet.

Wolf ist ein innerlich zerrissener Mensch, ein Fanatiker, ein genialer Ermittler, der aber gleichwohl  nicht immer mit legalen Mitteln kämpft. Detective Sergeant Emily Baxter ist eine junge Frau, die ebenfalls kämpft mit Dämonen aus ihrer Vergangenheit, die sie nicht loslassen. Furchtlos und klug behauptet sie sich in einem Dezernat, in dem es nicht gerade kollegial zugeht.

 

Die Geschichte nimmt viele überraschende und brutale Wendungen bis zum unerwarteten Ende. Man kann einfach nicht aufhören zu lesen, bis man an das Ende der 450 Seiten gekommen ist. Ich habe danach sofort den Folgeband „Hangman“ angefangen, der  so viel sei schon verraten, dem ersten Band in nichts nachsteht.

 

Die hier anzuzeigende Hörbuchfassung, die Wolfram Koch eingelesen hat, besticht dadurch, dass es dem Sprecher auf eine hervorragende Weise gelingt, die Spannung und die ungewöhnliche Handlung, die Daniel Cole meisterhaft aufbaut, so in Szene zu setzen, dass man sie fast noch weniger gut aushält, als beim Lesen des Buches.

 

 

 

 

 

 

Wieso. Weshalb.Warum, Die Welt des Fußballs

 

 

 

 

Inka Friese, Peter Nieländer, Wieso. Weshalb.Warum, Die Welt des Fußballs, Ravensburger Verlag 2018, ISBN 978-3-473-32921-2

 

Dieses Buch aus der durchweg empfehlenswerten Sachbuchreihe Wieso? Weshalb? Warum? für Kinder von vier bis sieben Jahren aus dem Ravensburger Verlag gibt auf insgesamt acht Doppelseiten mit vielen Klappen, die Einblicke ermöglichen und  Bewegungen und Abläufe veranschaulichen, eine Einführung in ein Thema, das durchaus nicht nur Jungen interessiert. Es geht passend zu der 2018 in Russland stattfindenden Fußballweltmeisterschaft um die „Welt des Fußballs“.

Das Buch ist ausgestattet mit TipToi, einem audiovisuellen Lernsystem für Bücher und Spiele, mit dem die Kinder die Welt spielerisch entdecken. Tippt das Kind mit dem Stift auf ein Bild oder einen Text oder ein entsprechendes Symbol, erklingen passende Geräusche, Sprache oder auch Musik. Eine intelligente Elektronik ermöglicht Kindern, Bücher und Spiele völlig eigenständig immer wieder neu zu erleben.

Schon für die Kleinen Fußballinteressierten verständlich geht es um Stadien, die Regeln eines Fußballspiels, die Aufgaben des Schiedsrichters und sie erfahren auch, wie es in einer Umkleidekabine zugeht, wo sonst kein Zuschauer hinkommt.  Auf zwei weiteren Doppelseiten wird der Unterschied zwischen dem Training der Profis und dem gezeigt, was Kinder ab etwa 5 Jahren selbst in einem Fußballverein lernen können und werden, wenn sie sich dort zum Training und Wettspiel anmelden

 

Ein Sachbilderbuch für Kinder zwischen vier und sieben Jahren, dem es sehr gut gelungen ist, die Vielfalt des Themas altersgerecht darzustellen, das mit vielen Klappen zum Entdecken und Weiterfragen einlädt.

 

Das Interesse von Jungen und auch von Mädchen am Fußball ist ungebrochen und man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass dieser Trend durch die WM 2018 noch erheblich verstärkt werden wird.

 

 

 

 

Lennon

 

 

 

David Foenkinos, Lennon, DVA 2018, ISBN 978-3-421-04799-1

 

Er ist seit Jahrzehnten ein Liebhaber seiner Musik und hat sich schon sehr lange mit dem Gedanken getragen, etwas über ich n zu schreiben um ihm näher zu kommen und mehr zu verstehen, was für ein Mensch dieser John Lennon war. Nun hat der französische Schriftsteller David Foenkinos diesen Versuch gewagt und es ist ihm hervorragend gelungen.

In einem Interview sagt Foenkinos dazu: „Ich lasse John Lennon in der Ich-Form erzählen, aber auf meinem Buch steht ja ‚Roman‘. Insofern verrate ich ihn nicht. Und natürlich habe ich versucht, ihm so nahe wie möglich zu kommen. Ich habe versucht, mir Lennons Sprache anzueignen, seine lustige und sehr poetische Art, die Dinge zu sehen, auch in Momenten der Verzweiflung.“

 

Nach umfangreicher Recherche setzt David Foenkinos John  Lennon im Jahr 1975 auf die Couch eines Psychoanalytikers. Nachdem er kurz vorher entschieden hatte, eine Bühne mehr zu betreten, lässt ihn Foenkinos in insgesamt achtzehn Sitzungen, die sich über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren hinziehen und immer wieder längere Zeit unterbrochen werden, sein Leben erzählen. Seine problematische und einsame Kindheit, die in ihm eine lebenslang schwärende Wunde zurückgelassen hat, die er auch mit Drogen, Alkohol und Frauen und erst recht nicht mit Erfolg heilen kann, der kometenhafte Aufstieg der Beatles und wie er daran fast zugrunde gegangen wäre. Er erzählt von seiner Liebe zu Yoko Ono, den Jahren des Suchens, der Drogen, des Größenwahns – und seinem Kampf für den Frieden.

 

Wer war dieser John Lennon wirklich, den sie alle zu kennen glauben? David Foenkinos versucht in seinem Roman das Seelenleben von John Lennon zu ergründen. Die Grenze zwischen Fiktion und Fakten verwischt dabei an vielen Stellen. Doch die im Buch erzählten Begebenheit sind genau so geschehen. Seine Interpretation dieser Ereignisse jedoch, die er seinem John Lennon auf der Couch in den Mund legt, ist jedoch frei erfunden.

 

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gefesselt, manchmal total erschüttert, besonders die immer wieder schmerzhaft spürbar Tatsache, Dass alles, was dieser letztlich einsame Mann versucht hat, die große Kindheitswunde nicht heilen kann.

 

Seine Musik hat hunderte von Millionen Menschen überall auf der ganzen Welt berührt und bewegt. Viele Generationen von den sechziger Jahren bis heute haben sie gehört und sich je länger je mehr von Lennons Texten inspirieren. Wie autobiographisch geprägt sie alle waren, kann man in dem Buch von David Foenkinos nachlesen.

 

 

 

Der Gedankenspieler

 

 

 

 

 

Peter Härtling, Der Gedankenspieler, Kiepenheuer & Witsch 2018, ISBN 978-3462-05177-3

 

Mehr als andere Schriftsteller seiner Generation  hat sich der kürzlich verstorbene Peter Härtling in seinen vielen Büchern, die er vor allen Dingen schrieb, nachdem er seine Tätigkeit bei S. Fischer beendet hatte und nur noch als freier Schriftsteller arbeitete, nicht nur mit den Biographien berühmter Menschen befasst, sondern immer wieder auch mit eigenen ganz persönlichen Erlebnissen, die er, kaum verfremdet, in vielen Romanen reflektierte. Ich erinnerte mich zum Beispiel, als ich seinen hier vorliegenden letzten Roman zur Hand nahm, an sein Buch „Herzwand“ das er 1990 nach seiner ersten Herzoperation veröffentlichte.

Rechtzeitig bevor er starb, hat er das Manuskript seines letzten Buches angeschlossen, dem sein Lektor und seine Frau den Titel „Der Gedankenspieler“ gaben und in dem er sein Alter Ego Johannes Wenger seine gesamte Krankengeschichte erzählen lässt und sich dankbar und ohne Verbitterung aus dem Leben verabschiedet

Peter Härtling war schon lange schwer krank, litt an Herzrhythmusstörungen, an Diabetes und war in den letzten beiden Jahren seines Lebens auf Dialyse und den Rollstuhl angewiesen. All das reflektiert er in „Der Gedankenspieler“, in dem er sich mit dem alten, knurrigen Architekten Johannes Wenger ein Alter Ego geschaffen hat, dem er die Erfahrung aufbürdet, zum Hilfsbedürftigen zu werden.

Ein immer gleicher Tagesrhythmus durch das Erscheinen verschiedener Pfleger, die ihn betreuen und waschen, durch die Essenslieferung durch einen jungen Mann, der – unsicher – gerne dem kranken alten Mann Gesellschaft leisten würde, aber nicht weiß, wie er dessen Ablehnung durchbrechen soll.

Johannes Wenger war sein ganzes Leben lang allein, und kann sich nur schwer an die permanente Gesellschaft der Pflegekräfte gewöhnen. Peter Härtling hat in seinem Buch aus eigener Erfahrung nicht nur erzählt, wie sich so etwas anfühlt, sondern auch , wie schwer es ist, in einen solchen Zustand seine Würde zu bewahren.

 

Kaum habe ich ein literarisches Alter Ego seinem Schöpfer so nahe kommen sehen, wie Wenger seinem Erfinder Peter Härtling. Mit der Ausnahme, dass Wenger Essays über Architekturgeschichte schreibt und immer wieder Gedankenbriefe verfasst an berühmte Architekten und seinen spät gewonnen Freund, den Arzt Dr. Mailänder. Der kümmert sich aufopferungsvoll um ihn, stellt ihn auch seiner Frau und seiner kleine Tochter vor und nimmt ihn  sogar mit zu einem Osterurlaub nach Travemünde. Er steht wahrscheinlich für die Menschen, die Peter Härtling in seinen beiden letzten schweren Jahren zur Seite standen.

 

Was allerdings den Mittelpunkt des Buches darstellt, sind nicht seine unterschiedlichen Ausflüge die Wenger noch unternimmt, sondern die detaillierte Darstellung des Krankheitsgeschehens und -verlaufs selbst und was es mit einem Menschen macht, wie es ihn verändert und quält. Wie kommt man etwa damit klar, wenn plötzlich die Niere versagt und man nur noch mit Hilfe der Dialyse überleben kann? Ist das noch ein Leben? Welchen Sinn hat dieses Leiden, wenn sein Ende doch absehbar vor der Tür steht und der Tod immer wieder anklopft?

 

Auch die (autobiographischen) Erinnerung an Kindheitserlebnisse hilft nicht viel weiter. Er muss sich der Gegenwart stellen. Wenger tut das relativ unaufgeregt und auch sein  letzter Brief an seinen  Freund Dr. Mailänder bleibt gelassen und wahrhaftig,  „ … denn ich verschwinde nun aus meiner, aus unserer  Geschichte.“

 

„Der Gedankenspieler“ ist ein bewegender und berührender Roman, der den Leser damit konfrontiert, womit er sich mit einer mit zunehmendem Alter immer größer werdenden wahrscheinlich selbst wird auseinandersetzen müssen. Möge es viele geschenkt sein, das ähnlich würdevoll und von Freunden betreut tun zu können, wie der große Schriftsteller Peter Härtling. Mit ihm schweigt eine große Stimme der deutschen Literatur.

Kaltenbruch

 

 

Michaela Küpper, Kaltenbruch, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-28200-7

 

Sie hat sich bisher mit einigen Kriminalromane im Gmeiner-Verlag unter Kennern einen Namen gemacht. Nun aber legt die Schriftstellerin Michaela Küpper im Droemer – Verlag ihren ersten großen Roman vor, der in vielem an die letzten Bücher von Mechthild Borrmann erinnert.

 

Es ist ein Roman, der nicht nur eine Kriminalgeschichte erzählt mit Kommissar, Verdächtigen und Opfern, sondern dem es hauptsächlich darum geht, die gesellschaftliche Atmosphäre der Nachkriegsjahre zu beschreiben, den Spuren zu folgen, die das Chaos und das Leid des Krieges bei den immer noch traumatisierten Menschen hinterlassen haben. Trotz Aufbaustimmung und massenhafter Verdrängung der Vergangenheit ist sie auf bedrückende Weise präsent.

Das muss zunächst im Frühsommer 1954 auf ganz persönliche Weise der Düsseldorfer Kommissar Peter Hoffmann erfahren. Er, der sich Hoffnungen Machte auf eine steile Karriere bei der Düsseldorfer Polizei, wird wegen einer vorlauten Bemerkung über die Nazivergangenheit seines Chefs in die rheinische Provinz versetzt.

 

Dort geschieht schon kurz nach der Versetzung in dem kleine Provinzort Kaltenbruch ein Mord, der die Gemüter aller Menschen im Dorf bewegt. Gemeinsam mit seiner neu eingestellten Mitarbeiterin Lisbeth Pfau, die er zunächst nicht haben wollte, mit der er aber im Laufe der Ermittlungen  ein Beziehung entwickelt, die auf Respekt aufgebaut ist, logiert er sich in einem Hotel in Kaltenbruch ein und macht sich dort auf die Suche nach dem Täter. Er trifft dort auf Menschen. Die sich immer Fragen stellen über die Vergangenheit und ihre Zukunft. Die Wunden des Krieges sind noch frisch in den Seelen der meisten Protagonisten die Michaela Küpper abwechselnd das Geschehen fortschreitend erzählen lässt. Man lernt ihre Vorgeschichte und Familiengeschichte kennen und in vielen Rückblicken auch das, was sie während des Krieges erlebt haben.

 

Da ist die Familie Schlüter. Sie besitzt eine große Fabrik, gibt vielen Menschen im Ort Arbeit, hat aber den meisten Reichtum mit Deals mit den Nazis angehäuft. Und die Familie Leitner. Ihnen gehört ein großer Bauernhof, mit dem sich aber nur mehr schlecht als recht durchschlagen. Und da ist auch noch die aus Schlesien vertriebene Familie Kaminski, die in armen Verhältnissen lebt.

 

Spannend und sukzessive öffnet Michaela Küppers dem Leser, welche die Geschichte und welche Geschichten diese Familien verbindet. Denn je mehr die den Ermittlerin klar werden, desto eher kommen sie schlussendlich dem Täter auf die Spur.

 

Spannend bis zu letzten Seite und von hoher literarischer Qualität, die auf ein weiteren Roman dieser Autorin hoffen lässt.

 

 

Mr. Griswolds Bücherjagd. Das Spiel beginnt

 

 

Jennifer Chambliss Bertman, Mr. Griswolds Bücherjagd. Das Spiel beginnt, Mixtvision 2018, ISBN 97-3-95854-065-1

 

Als Emily mit ihren Eltern, die seit sie auf der Welt ist, nie länger als ein bis zwei Jahren an einem Ort geblieben sind weil sie so eine Art Globetrotter sind mit Berufen, die ihnen das ermöglichen, nach San Francisco umzieht, ist ihr das wie immer zuerst nicht so recht. Der einzige Vorteil, den ihr San Francisco zu bieten hat, ist die Tatsache, dass ihr großes Idol, der Verleger Garrison Griswold in dieser Stadt wohnt. Dieser geniale Mann hat neben vielen anderen Spielen die Internet-Plattform „Mr. Griswolds Bücherjagd“ erfunden, ein intelligentes und überaus anspruchsvolles Büchersuchspiel mit hohem literarischem Anspruch, bei dem es darum geht, selbst Bücher zu verstecken und von anderen versteckte Bücher zu finden. Das geschieht durch das Lösen von unterschiedlich schweren Rätseln. Es gibt wie bei vielen Internetspielen eine Rangliste, auf der Emily schon sehr weit nach oben geklettert ist.

 

Kurt nachdem sie sich in der neuen Wohnung und ihrer neuen Schule einigermaßen eingerichtet hat, will Emily in San Francisco eine neue Runde in diesem Spiel starten, als sie erfährt, dass Mr. Griswold von Unbekannten überfallen und schwer verletzt wurde. Er liegt im Krankenhaus im Koma, und niemand weiß, ob er überleben wird. So steht auch die Zukunft seiner Bücherjagd in den Sternen.

 

Etwa gleichzeitig trifft Emily auf den ruhigen und introvertierten James, der sich auch als begeisterter „Bücherjäger“ entpuppt.  Nachdem sie bei ihren Nachforschungen auf ein mysteriöses Buch aus Mr. Griswolds Besitz stoßen (es ist ein eher unbekanntes Buch von Edgar Allen Poe) gibt ihnen dieses Buch immer mehr Hinweise. Gemeinsam machen sich Emily und James auf eine spannende und in zunehmendem Maße auch gefährliche Suche nach eine Geheimnis, bei dem sie viele Rätsels Codes und Knobeleien zu knacken haben.

 

Irgendjemand hat es auf das Buch und auf das zu lösenden Rätsel abgesehen und ist offentlcih bereit, vor nichtds zurückzuschrecken.

 

Die beiden bei ihrer Suche lesenderweise zu begleiten ist ein großes Lesevergnügen. Hat man es durch, beginnt man schon ungeduldig, den Juli 2018 erscheinenden zweiten Teil zu erwarten,.

 

Ein großer Spaß für aller Bücherfreunde.

 

 

Leinsee

 

 

Anne Reinecke, Leinsee, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07014-9

 

Der hier anzuzeigende Debütroman der 1978 geborenen und mit ihrer Familien in Berlin lebenden  Schriftstellerin Anne Reinecke ist ein wirkliches literarisches Ereignis, das schon vor einem Erscheinen mit einem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet wurde.

 

Wegen seines künstlerischen Reichtums, seiner poetischen Sprache und seiner menschlichen Tiefe werden sicher noch weitere Auszeichnungen dazu kommen, vielleicht eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2018.

Die Hauptperson des bewegenden Romans ist Karl, der zu Beginn der Handlung 26 Jahre alt ist. Er ist der Sohn von August und Anna Stiegenhauer, die seit langem als die die deutsche Kunstszene dominierenden Künstler nicht nur in ihrem Heimatland gefeiert werden.

 

In dieser total symbiotischen Beziehung war von Anfang an kein Platz für ein Kind. Karl ist vor etwa zwei Jahrzehnten mit der Begründung, ihm die bestmögliche Erziehung zukommen zu lassen, in ein Internat gekommen und dort aufgewachsen. Dort hat er auch einen neuen Nachnamen angenommen.  Unter diesem Namen ist er seit einigen Jahren als Künstler in Berlin erfolgreich und total angesagt.

 

Als Karl, der seit seinem Abitur vor sieben Jahren nicht mehr zu Hause bei seinen Eltern war, die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält, wird sich sein Leben, wie sich herausstellen wird, ab diesem Augenblick total verändern. Der Vater hatte sich selbst getötet, weil er die Vorstellung, ohne seine im Sterben liegende Frau leben zu müssen nicht ertragen konnte.

 

Er fährt nach Leinsee, jenen Ort, an dem seine Eltern wohnen. Er muss dort die Beerdigung des Vaters organisieren und sich um die sterbende Mutter kümmern. Die jedoch erholt sich nach einer Operation auf geien auch für die Ärzte überraschend Weise von ihrer Krankheit und Karl kommt ihr so nahe, wie er es sein ganzes Leben nicht erlebt hat. Allerdings verwechselt seine Mutter ihn konsequent mit ihrem Mann.

 

Während seine Freundin Mara in Berlin ihn immer heftiger drängt, nach der Beerdigung des Vaters, schnell nach Berlin zurückzukehren, auch weil wichtige Kunsttermine auf ihn warten. Denn Karl hat sich zwar mit einem eigenen, sich von dem der Eltern scharf abhebenden Stil nicht nur in Berlin einen Namen gemacht und die Händler reißen ihm seine Werke geradezu aus den Händen.  Doch er weiß, dass er von dem Lebensstil von Vater und Mutter geprägt ist, der nicht nur in deren Arbeiten eingeflossen ist, sondern auch Fundament für seine eigene Karriere als Künstler bildet, indem er sich deutlich von ihm abhebt.

 

Nun in Leinseesieht er sich in einer für ihn ungewohnten Lage, die seine gewohnte Ordnung durcheinanderwirbelt. Da ist zum einen der persönliche Assistent seiner Eltern, der genau zu wissen scheint, was mit dem Werk der Stiegenhauers zu geschehen hat, den Karl aber abblitzen lässt.

 

Und da ist etwa achtjähriges Mädchen, das eines Tages im Garten des Hauses am Leinsee, das der Vater ihm vermacht und das er, so wird sich herausstellen,  in den folgenden Jahren zurückgezogen als Atelier und bescheidenen Wohnraum nutzten wird, auf einem Baum sitzt. Zu diesem Mädchen entwickelt Karl bald schon eine besondere Beziehung. Tanja, so heißt sie, wohnt offenbar in der Nachbarschaft und kommt, wahrscheinlich ohne Wissen ihrer Eltern, immer wieder in den Garten Karls. Mit ihrer kindlichen Unbekümmertheit und ihrem fröhlichen Wesen lockt sie Karl zurück in ein Leben voller ungeahntere Leichtigkeit, das er völlig umkrempelt und, obwohl nach wie vor mit seinem Werken sehr erfolgreich, sich von dem Druck des Kunstmarktes löst. Tanja bringt Karls Kreativität zu völlig neuen Höhepunkten, genauso wie er ihren zum Leuchten verhilft. In der Freundschaft mit Tanja, die sich über zehn Jahre über das ganze Buch hinzieht, begegnet ihm seine eigene Kindheit und Jugend und er macht Frieden mit seiner Vergangenheit.

Ihre Präsenz, Ihr Wesen und was sie in ihm auslöst, ist auch der Hauptgrund für seine Entscheidung, in Leinsee zu bleiben.

 

Anne Reinecke hat jedes Kapitel ihres spannenden und berührenden Buches mit einer Farbe überschrieben, die durch ein Adjektiv nähe qualifiziert wird. Die so entstehende Farbpalette kann man als Metapher sehen für Karls vielfältigen und sich auch im Laufe der Handlung verändernden Gefühlen sehen.

 

„Leinsee“ ist ein Roman über einen Menschen, der sich aus einer großen Traurigkeit befreit, und dem es gelingt, mit seiner Vergangenheit sich auszusöhnen und sogar zwischen ihr und seiner Gegenwart ein Band zu spannen. Ein Roman, der erzählt von einer ungewöhnlichen Eltern-Kind –Beziehung und von einer zarten, sich langsam entwickelnden Liebe.

 

Ich bin begeistert von diesem Debüt, das der Lektor von Diogenes mit viel literarischem Gespür aus der Vielzahl der eingesandten Manuskripte  zielsicher ausgewählt hat. Glückwunsch an den Verlag und Hochachtung vor der Autorin, die uns hoffentlich bald schon mit einem Nachfolgeroman beschenkt.