Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Singt, ihr Lebenden und Toten, singt

 

 

Jesmyn Ward, Singt, ihr Lebenden und Toten, singt, Kunstmann Verlag 2018, ISBN 978-3-95614-224-6

 

Im Jahr 2015 hat der Kunstmann Verlag in München die in Amerika mittlerweile sehr bekannte und preisgekrönte Schriftstellerin Jasmyn Ward mit ihrem schon 2011 in den USA erschienenen Erstling „Vor dem Sturm“ bekannt gemacht, der in den letzten zehn Tagen spielt, bevor der Wirbelsturm Katrina mit verheerender Wucht auf die Küste trifft und 2011 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. Sie überzeugte mich damals mit ihrer an Metaphern reichen und oft lyrischen Sprache und mit Figuren, die dem  Unglück, das ihnen widerfährt, Zuversicht und Hoffnung entgegensetzen. Immer wieder findet sie für ihre Figuren etwas Schönes, Bestaunenswertes, Wertvolles, was sie die Welt und ihr Leben trotz allem lieben lässt.

Auch für das hier vorliegende Buch „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ hat Jesmyn Ward 2017 den National Book Award erhalten.

 

Das Buch schildert mit vielen Rückblenden einen zweitägigen Roadtrip, den der 15-jährige Jojo und seine jüngere Schwester Michaela, die alle nur Kayla nennen, zusammen mit ihrer drogenabhängigen Mutter Leonie und deren Freundin von ihrer Heimatstadt an der Golfküste des Mississippi nach Parchment unternehmen, um dort den weißen Vater von Leonies Kindern aus dem Gefängnis abzuholen.

Leonie hat sich in der Vergangenheit kaum ihre Kinder gekümmert. Jojo und Kayla wachsen bei ihren Großeltern Mam und Pop auf. Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt und stille und verlässliche Pop versucht, den Haushalt aufrecht zu erhalten und Jojo beizubringen, wie man erwachsen wird. Pop war vor Jahrzehnte selbst Insasse jenes berüchtigten Gefängnisses in Parchment, nachdem er wegen Aufsässigkeit als Schwarzer zu mehrjähriger Zwangsarbeit verurteilt worden war.

Kapitel für Kapitel wechseln sich Jojo und seine Mutter ab, eingeflochten von Erinnerungen der Großeltern, unterbrochen von der Stimme eines Jungen, den Pop einst in Parchman unter seine Fittiche nahm: „Die Geschichte ist ein mottenzerfressenes Hemd, zu Fetzen geschreddert“, lässt sie diesen Jungen sagen: „Die Form stimmt, aber die Einzelheiten sind ausradiert“, nur flicken könne man die Löcher.

Vater weiß, Mutter schwarz, ein Großvater, der als junger Mann angekettet in einer Gefangenengruppe schuften musste, eine Großmutter, die an die Heilige Teresa genauso glaubt wie an die Yoruba-Göttin Oya, die „Herrin der Winde, des Blitzes und der Stürme“, ein toter Onkel, als Schüler erschossen von einem aus der weißen Familie väterlicherseits: Dass all dies zugleich gültig sein kann, dass die Vorfahren, die Ungeborenen und die Lebenden einen Raum teilen, gehört zum Glauben der Yoruba in Nigeria. Darum der Titel: „Sing, Unburied, sing“.

Jesmyn Ward erzählt so berührend wie unsentimental von einer schwarzen Familie in einer von Armut und tief verwurzeltem Rassismus geprägten Gesellschaft. Was bedeuten familiäre Bindungen, wo sind ihre Grenzen? Wie bewahrt man Würde, Liebe und Achtung, wenn man sie nicht erfährt?

 

Ein großer Roman, in dessen Mittelpunkt eine berührende in ihrer Intensität selten so überzeugend beschriebene Geschwisterliebe steht.

 

Und wieder bezaubert Jesmyn Ward ihre Leser mit einer an Metaphern reichen und oft lyrischen Sprache und mit Figuren, die dem  Unglück, das ihnen widerfährt, Zuversicht und Hoffnung entgegensetzen. Wie in ihrem ersten Buch findet sie für ihre Figuren etwas Schönes, Bestaunenswertes, Wertvolles, was sie die Welt und ihr Leben trotz allem lieben lässt.

 

Eine große schwarze Schriftstellerin, die durchaus in Fußstapfen einer Toni Morrison treten kann in der Zukunft.

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Insel zwischen Himmel und Meer

 

Lauren Wolk, Eine Insel zwischen Himmel und Meer, DTV 2018, ISBN 978-3-423-64035-0

 

Nach ihrem beeindruckenden Debütroman „Das Jahr in dem ich lügen lernte“ das vor einem Jahr bei Hanser in München erschienen ist und in dem sie schonungslos menschliche Schwächen beschrieb, legt die Amerikanerin Lauren Wolk nun bei DTV ihren zweiten Jugendroman vor unter dem Titel „Eine Insel zwischen Himmel und Meer“. Die Handlung spielt auf den Cape Cod in Massachusetts vorgelagerten kleinen Inseln im Jahr 1925.

 

In diesem Jahr beginnt die mittlerweile schon fast jugendliche Ich-Erzählerin Crow sich Gedanken zu machen über ihre Wurzeln. Denn vor über einem Jahrzehnt wurde sie, kaum ein paar Stunden alt, als Säugling in einem kleinen Boot an den Strand einer winzigen Insel gespült, auf der der Einsiedler Osh als einziger Bewohner seit einiger Zeit lebt. Osh rettet den Säugling, nennt ihn Crow und obwohl er von Kindern überhaupt keine Ahnung hat, zieht er das Mädchen groß. Eine Hilfe ist ihm dabei seine Freundin auf der benachbarten Insel, Miss Maggie, eine alleinstehenden Frau, die Osh und Crow tief in ihr Herz schließt und den beiden im späteren Verlauf der Handlung, als Crow sich unter abenteuerlichen Umständen auf die Suche nach ihrer Herkunft begibt, eine unverzichtbare Hilfe ist.

 

Schon früh hat Crow als kleine Kind gespürt, dass die Menschen auf den anderen Insel, wenn sie ihr begegneten, verstummten in ihrem Gespräche, sie mit seltsamen Blicken anschauten und insbesondere körperlichen Abstand von ihr hielten. Manche haben sogar Gegenstände, die Crow berührt hatte, mit einem Lappen sauber gewischt.

 

Denn die Menschen haben den Verdacht, dass Crow von einer benachbarten Insel stammt, wo der Staat bis vor wenigen Jahren eine Anstalt für Leprakranke betrieben hat.

 

War ihr das einsame, aber glückliche Leben mit Osh über zehn Jahre lang genug, beginnt Crow nun gegen den Widerstand von Osh nach ihrer Herkunft nicht nur zu fragen, sondern auch aktiv zu forschen. Stammt sie wirklich von dieser Insel ganz in der Nähe? Wer waren ihre Eltern, die sich nicht anders zu helfen wussten als sie in ein kleines Boot zu legen in der Hoffnung jemand möge sie finden und ihr das Leben retten?

Osh gefällt es gar nicht, dass Crow herausfinden möchte, wer ihre „echten“ Eltern sind, er hat Angst, seine Pflegetochter zu verlieren. Er befürchtet, dass sie das, was sie möglicherweise herausfinden wird, sie verletzt. Deshalb kann Crow zunächst nur auf Miss Maggies Hilfe zählen.

Als dann eines Nachts ein unheimliches Feuer auf jener  mittlerweile vermeintlich menschenleeren Insel aufscheint, steigen in Crow all die unausgesprochenen Fragen nach ihrer Herkunft  mit Macht auf.

Nach und nach entdeckt sie erste Hinweise und die Suche wird gefährlich. Das macht neben der menschlichen Dimension des Buches seine extreme Spannung aus, die den jugendlichen Leser nicht loslassen wird. Aufgeben so wie ihr der sie mittlerweile widerwillig unterstützenden Osh ihr rät, ist für Crow keine Option und so begeben die drei sich immer mehr in ziemliche Gefahr, um Crow’s Fragen nach ihrer Herkunft zu beantworten.

 

Dieser wunderbare Roman erzählt eine zu Tränen rührende Geschichte darüber, wie man seinen Platzt in der Welt findet. Eine Geschichte aus dem Jahr 1925 voller Herz und Gefühl, die auch heutige Jugendliche sofort ansprechen wird, weil ihre Lebensthemen darin vorkommen.

Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit

 

Manfred Spitzer, Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-27676-1

 

Die Zahl der Einpersonenhaushalte in unserem Land steigt jährlich schon seit langer Zeit. Was die Menschen in ihren jungen Jahren vielleicht als Ausdruck von Freiheit wertschätzen, wird für manche schon nach den ersten drei oder vier Lebensjahrzehnten zu einem großen  Problem. Sie sehnen sich nach einem Menschen, mit dem sie ihr Leben teilen können, aber hohe Ansprüche und eine Haltung, die immer noch damit rechnet, das etwas Besseres nachkommt, verhindert das oft.

 

Dazu kommen – auch immer mehr- Menschen, die oft nach jahrzehntelanger Ehe oder Partnerschaft diese verlassen und von nun an alleine leben. Auch hier schleicht sich in die lange ersehnte Freiheit nicht selten bald etwas ein, das schon die Alten als „Einsamkeit“ bezeichneten.

 

Nach seiner These über den Zusammenhang vom Missbrauch digitaler Medien und geistiger Demenz hat sich der Neurologe Manfred Spitzer nun dieser Einsamkeit als gesellschaftlichem und medizinischem Phänomen in einem Buch zugewandt. Er identifiziert Einsamkeit- vielleicht etwas reißerisch – als eine „unerkannte Krankheit“ die schwerwiegenden Folgen hat.

 

Denn es ist erwiesen in vielen Studien, dass Menschen, die einsam sind, viel häufiger als andere erkranken an Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen und Demenz.

 

Manfred Spitzer beschreibt in seinem neuen Buch erstmals, warum Einsamkeit ein Krankheitsverursacher ist, wie krankmachende Einsamkeit und soziale Isolation aussehen und welch gravierenden Einfluss das auf die Gesundheit, auf Körper und Seele der Betroffenen hat. Der streitbare Psychiater will damit eine Gesellschaft aufrütteln, die Einsamkeit immer noch als erstrebenswertes Wellnessangebot für gestresste Zeitgenossen betrachtet.

 

 

 

 

Die Heimkehr der Farben

 

 

 

 

Oliver Jeffers, Drew Daywalt, Die Heimkehr der Farben, Nord Süd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10436-7

 

Duncan ist ein Junge, der für sein Leben gerne mit seinen Farbstiften malt. Schon lange tut er das und hat im Laufe der Jahre schon etliche Kästen mit Stuften gehabt. Aber viele davon sind verloren gegangen, haben sich aus dem Staub gemacht. Entweder hat sie Duncan verloren, vergessen an unterschiedlichen Orten, an denen er war, oder sie sind zwischen Sofakissen gerutscht und entzwei gebrochen.

 

Nun sitzt er mit einem neuen Satz Stiften zuhause und malt, als ein dicker Stapel mit Postkarten ins Haus kommt, die alle an ihn adressiert sind: „Duncan, Duncans Zimmer, im 1. Stock“.

 

Aus der ganzen Welt schrieben ihm seine früheren Stifte, erinnern ihn  daran, was sie in welchen Situationen zusammen gemalt haben und wünschen sich alle wieder nach Hause zu kommen.

 

Duncan wird ganz traurig und sammelt die defekten Stifte, die er finden kann auf die Schnelle ein, aber sie passen nicht mehr in die Farbschachtel. Da baut er ihnen aus Pappe ein eigenes Haus in dem die Farben sich offenbar sehr wohl fühlen.

 

Ein neues, recht eigenwilliges Werk des bekannten Illustrators Oliver Jeffers. Eine schöne Fortsetzung von „Der Streik der Farben“ aus dem Jahr 2016, das ebenfalls bei Nord Süd erschienen ist.

Einfach unglaublich

 

 

Rosamund Kidman Cox, , Knesebeck 2018, ISBN 978-3-95728-132-6

 

Dieser wunderschöne und atemberaubende Bildband vereinigt die mit dem „Wildlife Photographer of the Year“- Award ausgezeichneten besten Tierfotografien von Fotografen die sich der jährlichen Konkurrenz dieses Wettbewerbs gestellt haben. Alle zeigen sie Tiere unterschiedlicher Größe und Art in besonderen „einfach unglaublichen“ Situationen.

 

Bilder von Tieren in besonderen Situationen, seltene Aufnahmen, die das ganze Können, die Geduld und das Einfühlen des Fotografen erfordert haben. Daneben sind es Fotos mit einer durchgängigen Botschaft: der Klimawandel ist mitten unter uns.

 

Die Faszination der Schöpfung eine andere Botschaft, die sich durch Buch hindurchzieht, verbunden mit der Mahnung, sie zu bewahren. Und letztlich sind es Fotos, die spektakulär die Einzigartigkeit zeigen, mit der Arten ihren Bestand erhalten, schützen und verteidigen. Ein Beispiel dafür: Eine Straße, ein Auto nähert sich, Scheinwerfer, es ist dunkel, und es sieht aus, als schneite es, die Straßenlaternen sind eingeschaltet. Aber was wie ein Schneesturm aussieht, sind „mehr als eine Million Eintagsfliegen, die sich paaren“. Es sei wie ein Sturm gewesen, in dem man stehe, beschreibt es der Fotograf, „bei dem man von Millionen seidener Flügel gestreift wird.“

Bilder von über „50 preisgekrönten Fotografen aus mehr als 20 Ländern“ sind hier auf einzigartige Weise versammelt. Jedes Bild wird umrahmt von einem kurzen Text, der das Bild inhaltlich erklärt und eine geographische Einordnung bietet. Abschließend, wichtig für Fotografen unter den Betrachtern und Lesern, die Angaben zu Kamera und den fototechnischen Details.

 

 

 

Als ich ein Kind war wie du

 

 

 

 

 

Katharina Grossmann-Hensel, Als ich ein Kind war wie du, Annette Betz Verlag 2018, ISBN 978-3-219-11734-9

 

Obwohl selbst schon im sechsten Lebensjahrzehnt, kann ich mich noch sehr gut daran erinnern, wie meine Eltern ihrem kleinen Sohn mit der Einleitung „Als ich so alt war wie du…“ nicht nur wirkliche Erinnerungen erzählten, sondern sie auch verbanden mit einem disziplinarischen und besserwisserischen Unterton, der mich befremdete. Erst recht wenn  10-15 Jahre nach dem Krieg die Rede davon war, dass man ja gar nicht mitreden könne, weil man den Krieg nicht erlebt habe.

 

Die bekannte Autorin und Illustratorin Katharina Grossmann-Hensel spielt in ihrem neuen Buch mit solchen Erinnerungen von Erwachsenen und den Geschichten, die sie ihren Kinder und Enkeln davon erzählen. Auch davon, dass diese sich nicht selten fragen, ob denn das alles so stimmt und ob manche von den Erwachsenen wirklich einmal Kinder gewesen sind.

 

Doch auch mit anderen, ernsten und schweren Erinnerungen werden die kleinen Leser konfrontiert, etwa der an gewalttätige Eltern, an die Einsamkeit mitten in einer großen Geschwisterschar und an extreme Langeweile in der eigenen Kindheit.

Am Ende werden die Kinder eingeladen, einmal bei den Erwachsenen in ihrer näheren Umgebung nachzufragen und nachzuforschen, welche Kinder die wohl einmal waren. Und auch darüber nachzudenken, welche Erwachsene sie wohl einmal werden.

 

Ein Bilderbuch das gut geeignet ist, die Generationen in einer Familie miteinander ins Gespräch zu bringen.

 

 

 

 

Unter der Drachenwand (Hörbuch)

 

 

 

 

Arno Geiger, Unter der Drachenwand (Hörbuch), Hörbuch Hamburg 2018, ISBN 978-3-95713-120-1

 

In seinem neuen Roman erzählt der österreichische Schriftsteller Arno Geiger von Menschen, die im Jahr 1944 in einem kleinen Ort namens Mondsee bei Salzburg zu Füßen der Drachenwand versuchen, in einer Atempause des Zweiten Weltkrieges zu sich selbst zu kommen.

 

Hauptperson ist der ich-erzählende kriegsversehrte Soldat Veit Kolbe. An der Ostfront schwer verletzt worden, reist er auf Anraten eines Hauptmannes im Lazarett nach Mondsee aufs Land, wo ein Onkel von ihm, der dort als Postenkommandant Dienst tut, ihm eine Unterkunft verschafft. Kolbes Vermieterin ist eine bösartige Frau, die ihm während seines gesamten Aufenthaltes das Leben schwer macht. Richtig gefährlich werden kann ihm allerdings der Mann der Vermieterin, ein fanatischer Nazi, der bei seinen Heimaturlauben alle mit Durchhalteparolen quält.

 

Veit Kolbe, so würde man es heute nennen, leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, hat immer wieder Panikattacken und kann ohne das Medikament Pervitin nicht sein. Er hat auf dem Weg der Wehrmacht nach Osten alles gesehen, „was niemand sehen will“. Massenerschießungen von Juden, die wahllose Zerstörung von Dörfern und die Liquidierung unzähliger Zivilisten haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt und er wird die inneren Bilder einfach nicht los.

 

So wie sein literarischer Schöpfer selbst es einmal von sich sagte, versucht auch Veit Kolbe mit Schreiben diese Leerstellen des Grauens zu füllen und zu bannen. Er hofft, dass sein Genesungsurlaub so lange dauern wird, bis der Krieg hoffentlich bald zu Ende ist, und tut auch einiges selbst dazu, um ihn  immer wieder zu verlängern. Dennoch schwebt die drohende Rückkehr an die dann wohl sicher für ihn tödliche Front wie ein Damoklesschwert über ihm und bedroht die zarten Pflänzchen von Liebe, die mit der in der Wohnung neben ihm zusammen mit ihrem Baby wohnende Margot aus Darmstadt keimen.

 

Langsam lässt Arno Geiger ihre Beziehung sich entwickeln. Ähnlich behutsam führt er sukzessive weitere Personen in seinen dichten Roman ein. Da sind die Mädchen im Lager Schwarzindien, die dort aus verschiedenen Städten des Reichs gebracht wurden. Insbesondere das Schicksal des Mädchens Nanni Schaller bewegt ihn und seinen Erzähler, denn als es spurlos verschwindet, sind nicht nur die Bewohner Mondsees erschüttert, sondern auch der Cousin des Mädchens, dessen  zahllose unbeantwortete Briefe von der Front an seine Freundin Geiger dokumentiert.  Er wechselt auch immer wieder nach Darmstadt, der Heimat von Margot und lässt deren Mutter, die ihr Überleben in einer von Bomben gänzlich zerstörten Stadt zu organisieren sucht, zu Wort kommen.

 

Und da ist der „Brasilianer“, ein aus Brasilien zurückgekehrter Auswanderer und Bruder der garstigen und fanatischen Vermieterin. Veit Kolbe und Margit freunden sich mit dem regimekritischen Reformbiologen an, und führen, als er wegen einer abfälligen Bemerkung über das Regime  für sechs Monate in Haft kommt, sein Gewächshaus weiter.

 

Doch der wichtigste Erzähler neben Veit Kolbe ist wohl der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer. Er ist mit seiner Familie nach langem Zögern von Wien aus nach Budapest geflohen, wo er als Zwangsarbeiter zufällig auf Veit Kolbe trifft. Sonst allerdings gibt es keine Verbindung zwischen Oskar Meyer und dem Geschehen am Mondsee.

 

Selten habe ich die inneren Nöte einer jüdischen Familie, die versucht sich vor der tödlichen Gefahr der Nazis zu retten, so eindringlich und unter die Haut gehend beschrieben gelesen, wie in den Schilderungen von Arno Geiger.

 

Nachdenklich und eindrücklich erzählt Arno Geiger in einer sensiblen Sprache vom Krieg und von Menschen, die die Hoffnung nicht aufgeben, dass es auch nach dem Ende des Krieges eine Zukunft für sie geben kann. Wenn er in einer Nachbemerkung zu seinem Roman das Leben bzw. Sterben dieser fiktiven Figuren nach dem Krieg dokumentiert, verleiht er ihnen eine Form der Realität, die weit über die Fiktion hinausgeht und weit mehr ausdrücken möchte als ein herkömmliches versöhnliches Ende. Es ist Hoffnung auf Zukunft trotz allem gerade zu Ende gegangenen Schreckens.

 

Der hier vorliegenden ungekürzten Lesung der vier Schauspieler Torben Kessler, Torsten Flassig, Cornelia Niemann und Michael Quast gelingt es ganz hervorragend, nicht nur in die Welt des Veit Kolbe einzutauchen, sondern auch den Kampf der weitere Protagonisten um ihr Überleben und für eine „kleine Zukunft“ auf eine berührende, authentische und tiefgründige Weise einzufangen und zum Ausdruck zu bringen. Das Hörbuch ist sehr zu empfehlen.

 

 

 

Nussschale

 

 

 

 

Ian McEwan, Nussschale, tb,Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-24415-1

 

Die Idee ist genial, der Plot klassisch und seine Ausführung an manchen Stellen unglaubwürdig übertrieben. In seinem neuen Roman „Nussschale“ erzählt der britische Bestsellerautor Ian McEwan die Geschichte eines Vaters, einer Mutter und deren Liebhabers. Mutter und Liebhaber wollen den Vater töten (auch wenn er der leibliche Bruder des Vaters ist), dessen auf viele Millionen geschätztes altes heruntergekommenes Haus mitten in bester Londoner Lage verkaufen und sich dann aus dem Staub machen. So weit so gut. Wäre da nicht die Tatsache, dass die Mutter im neunten Monat schwanger ist (von ihrem Mann?) und man nicht genau weiß, was man mit dem Baby tun soll, das in zwei Wochen zur Welt kommen soll.

Das alles irritiert das Ungeborene, das McEwan als wirklich ungewöhnlichen Ich-Erzähler auftreten lässt.  Dieser natürlich noch namenlose Erzähler erlebt nicht nur das Drama seiner Mutter Trudy , seines Vaters John, seines Zeichens ziemlich erfolgloser Dichter und Verleger und seines nebenbuhlerischen Onkel Claude, und schildert es mit immer größerer Besorgnis (was soll aus ihm werden?), sondern ist durch das Mithören unzähliger Radiosendungen auf BBC und Podcasts, die seine Mutter zur Ablenkung laufen ließ, auch so etwas wie ein weitläufiger Analyst der Welt geworden, in die er noch gar nicht hineingeboren ist.

 

Seine Kenntnis geht sogar so weit, dass er den Wein, den seine Mutter in immer größeren Mengen in sich hineinschüttet, bis auf den Jahrgang und das Weingut bestimmen kann.

 

Und das ist natürlich unglaubwürdig. Aber diese Kritik geht fehl, weil McEwan gar nicht davon ausgeht, dass sein Erzähler das wirklich weiß.

Ein Fötus hat ein Erleben, bekommt über den Stoffwechsel seiner Mutter und deren Herzschlag viel mit, ist aber natürlich noch kein Wesen mit einem ausgebildeten Bewusstsein und Sprachkompetenz.

 

Es geht McEwan in seinem neuen Roman, der voller philosophischer und aktuell politischer Reflexionen steckt, um diese ungewöhnliche Perspektive. Wie könnte, würde er es wirklich alles verstehen, ein ungeborener Fötus die Welt wahrnehmen in die er hineingeboren wird?

 

Mich hat das Buch gut unterhalten, mich nicht selten schmunzeln lassen. Doch an seine letzten drei Bücher „Kindeswohl“, „Honig“ und „Solar“ kommt „Nussschale“ leider nicht heran.

 

 

 

 

Olga (Hörbuch)

 

 

 

 

Bernhard Schlink, Olga (Hörbuch), Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-80391-4

 

Bernhard Schlink ist einer der vielseitigsten Schriftsteller im deutschsprachigen Raum. Mit seinem „Vorleser“ auch international berühmt geworden, hat er seither zahlreiche Romane veröffentlicht, die in all ihrer Unterschiedlichkeit eines verband: die Liebe für Geschichten und Menschenschicksale im Rahmen deutscher Geschichte.

 

Über einen langen Zeitraum deutscher Geschichte spannt sich auch sein neuer Roman, in dem Bernhard Schlink die fiktive Lebensgeschichte  von Olga Rink erzählt und ihrer lebenslangen schwierigen Liebe zu Herbert Schröder, einem sozial höher gestellten Mann, mit dem sie nie zusammenleben konnte.

 

Schon als Kinder Endes des 19. Jahrhunderts waren sie zusammen und begründeten mit ihrer gegenseitigen Freundschaft eine Beziehung, aus der später ein Sohn namens Eik hervorgehen sollte, den Herbert aber nie kennenlernte. Zu oft und zu lange ist er immer wieder als Abenteurer unterwegs in der Welt, zunächst in Afrika, wo er eine dunkle Rolle beim Völkermord an den Hereros spielt, dann in Asien, später dann vorzugsweise in der Arktis, wo seine Faszination für die legendäre Nordostpassage ihn lange nicht los lässt, bis er bei einer Expedition verloren geht und ihn mehrere nach ihm suchende Expeditionen nicht finden können. Olga macht gegen erhebliche Widerstände eine Ausbildung und arbeitet in verschiedenen Dörfern als Lehrerin.

 

Olga schreibt ihm postlagernde Briefe nach Trömsö in Norwegen, wo er seine letzte Expedition nach Spitzbergen begann.  Ihr Sohn Eik steigt schon vor dem 2. Weltkrieg zu einem hohen Nazischergen auf, was Olga großen Kummer macht.

 

All das wird erzählt von Ferdinand, einem pensionierten Beamten, in dessen Familie Olga nach dem Krieg als Näherin arbeitet. Seine Beziehung zu der alten Frau ist eng, sie liebt ihn wie einen eigenen Sohn. Der Erzähler vermittelt dem Leser in einem ausführlichen zweiten Teil des Buches seinen persönlichen Eindruck der gealterten Olga, die ihm seit seiner Kindheit gern Geschichten über Herberts Abenteuer erzählt und zu der er auch als Erwachsener Kontakt hält. Schon hier wundert man sich über seine Kenntnis zahlreicher Details aus der Lebensgeschichte Olgas, über deren Beschaffung er dann erzählt. Nach langen Recherchen gelingt es dem selbst schon gealterten Ferdinand in einem Antiquariat in Trömsö einen Packen von postgelagerten Briefen zu erwerben, die wie durch ein Wunder all die Jahrzehnte überdauert haben.

 

Diese Briefe, die in einem dritten Teil des Buches abgedruckt sind, geben nun Olga selbst das Wort und der Leser erfährt von manchem neuen Aspekt ihrer langen Lebensgeschichte, die er vorher schon von Ferdinand, dem Erzähler, erfahren hat. Wenn Ferdinand am Ende resümiert, dann spricht da durchaus Bernhard Schlink selbst von seiner Begeisterung über seine literarische Figur, für die es in seiner eigenen Lebensgeschichte vielleicht das eine oder andere Vorbild gegeben haben mag:

„Ich war stolz auf sie. Welches Glück, wenn das Leben, das ein Mensch lebt, und die Verrücktheit, die er begeht, zusammenstimmen wie Melodie und Kontrapunkt! Und wenn beides nicht nur zusammenstimmt, sondern der Mensch es selbst zusammenfügt. Die Melodie von Olgas Leben war ihre Liebe zu Herbert und ihr Widerstand gegen ihn, als Erfüllung und Enttäuschung. Nach dem Widerstand gegen Herberts Verrücktheit die verrückte Geste, am Ende des stillen Lebens der laute Schlag – sie hatte den Kontrapunkt zur Melodie ihres Lebens gesetzt.“

 

Olga ist ein lesenswerter und sprachlich anspruchsvoller Roman über das Leben einer Frau zwischen Wirklichkeit, Sehnsucht und Aufbegehren.

 

Die hier als Hörbuch auf  5 CDs vorliegende ungekürzte Lesung von Burghart Klaußner besticht durch ihre Dichte und fühlt sich ganz hervorragend in die unterschiedlichen Personen ein.

 

Durst. Ein Fall für Harry Hole (Hörbuch)

 

 

 

Jo Nesbo, Durst. Ein Fall für Harry Hole (Hörbuch), Hörbuch Hamburg 2017, ISBN 978-3-95713-087-7

 

Lange  mussten die Fans von Harry Hole auf den neuen Roman seines Schöpfers warten, doch nun ist er wieder da, und er ist besser als je zuvor. Eigentlich gehört Harry Hole ja gar nicht mehr zur Truppe im aktiven Polizeidienst, er unterrichtet mittlerweile an der Polizeihochschule Oslo, aber für den vorliegenden Fall gibt es natürlich doch keinen besseren Kriminalisten als ihn, gerade bei stockenden Ermittlungen. Wer ist dieser Serienkiller, der seine Opfer über eine Dating- App findet, sie misshandelt und vampirhaft beisst und tötet, der Blut trinkt und neue Seiten perversester Verbrechen aufschlägt. „Wir haben es mit einem Doppelmord zu tun, Harry, vielleicht mit einer Serie. Kann es da noch schlimmer werden? – Ja, sagte Harry, es kann.“

 

Über 620 Seiten knüpft Nesbo an viel Altes an, doch auch der Erstleser kommt voll auf seine Kosten.

Harry Hole ermittelt in einer Spezialtruppe, die für diesen Fall jede erdenkliche Kompetenzen erhält. Ermittlungen, die auch in die Vergangenheit reichen und die den in die Jahre und zur Legende gewordenen Kommissar an Grenzen bringen. Es sei, so sagt er, „wie wenn du Musik hörst, die du noch nie gehört hast, gespielt von einer Band, die du nicht kennst, und trotzdem hörst du, wer das Lied geschrieben hat. Weil da etwas ist. Aber etwas, das du nicht greifen kannst.“ Nesbo ist ein Meister der Andeutungen, der seinen Leser geradezu quält und mit Details und scheinbaren Nebensächlichkeiten, mit kleinsten Puzzlestücken und Andeutungen, mit beiläufigen Bemerkungen und zunächst unwichtig erscheinenden Informationen einen stetig an Spannung immer reicher werdenden Erzählfluss schafft.

 

Ein tolles, spannendes Buch. Das Hörbuch, gelesen von Uve Teschner sorgt für Gänsehaut, nicht einzig des Inhalts wegen. Teschner hat eine von Beginn des Romans an einnehmende Stimme, der man bestens auch über die lange Distanz zuhören kann, distanziert, ein Beobachter des Geschehens und doch so spannend und konfrontierend mit einem absurden Geschehen und Verbrechen.