Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Atlas der ungezähmten Welt

 

 

Chris Fitch, Atlas der ungezähmten Welt, Brandstätter Verlag 2017, ISBN 978-3-7106-0151-4

 

Verschiedene Orte ungezähmter Wildnis stellt der Atlas von Chris Fitch vor, zum Beispiel verwilderte, ehemals von Menschen bewohnte Dörfer und Städte, etwa die Region um Tschernobyl .

Grenzgebiete wie die UN-Pufferzone zwischen dem griechischen und türkischen Teil Zyperns werden zu ungeplanten Grünstreifen mit reichhaltigem Tierleben, ebenso die 4 km breite Pufferzone zwischen Nord- und Südkorea.

Auch Orte extremer Hitze und extremer Kälte werden in  einigen Kapiteln, beschrieben, die Kristallhöhle mit 11 Meter langen Eiskristallen in Mexiko etwa oder das Death Valley mit Temperaturen über 50 °Celsius.

Jeder Ort wird mit Karte, 2- bis 3-seitigem Text und einem Schwarzweiß-Foto vorgestellt.

Der Atlas der ungezähmten Wildnis bietet viele Impulse, sich mit unbekannten und rätselhaften Orten rund um den Globus genauer zu befassen. Für Abenteurer und Hobbybiologen auch als Geschenk für unterschiedliche Anlässe geeignet.

 

Auf das Leben! Witz und Weisheit eines Oberrabbiners

 

 

 

 

Paul Chaim Eisenberg, Auf das Leben! Witz und Weisheit eines Oberrabbiners, Brandstätter 2017, ISBN 978-3-7106-0162-0

 

Paul Chaim Eisenberg war von 1983 bis 2016  Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Als gerade einmal 33 – jähriger Rabbiner trat er nach Tätigkeiten und Ausbildungen in Jerusalem die Nachfolge seines Vaters an und ging im vergangenen Jahr in den Ruhestand. Vor über zehn Jahren schon hatte er in seinem Buch  „Erlebnisse eines Rabbiners. Geschichte und Geschichten“ von seiner Arbeit erzählt und dabei ein Erlebnis geschildert, das mit all die Jahre in eindrücklicher Erinnerung geblieben ist und das sich seitdem auf schreckliche Weise immer wiederholt.

1996 diskutiert er mit einem Moslem und einem katholischen Theologen über das Thema „Abrahams Erben. Absoluter Wahrheitsanspruch versus interreligiösem Dialog – die drei monotheistischen Religionen im Gespräch“. Als er in den Saal kommt, denkt er, die an Kleidung und Kopfbedeckung erkennbaren moslemischen Fundamentalisten würden vielleicht ihm gegenüber aggressiv werden. Aber sie „unterbrachen häufig nicht mich, sondern den moslemischen Sprecher, der die gemäßigte Linie des Islam vertreten hat. Sie unterbrachen ihn besonders dann, wenn er Stellen aus dem Koran zitierte, die liberal klangen. Bei dieser Gelegenheit zitierten sie aggressivere, gegen Nichtmoslems eher unfreundliche Koranstellen. Ich habe daraus den Schluss gezogen, dass die gemäßigten Vertreter verschiedener Religionen einander manchmal besser verstehen als Menschen gleicher Religion, wenn es sich einerseits um gemäßigte und andererseits um fundamentalistische Vertreter dieses Glaubens handelt.

Man könnte noch schärfer formulieren: Die gemäßigten Vertreter sind sich darin einig, dass sie an einem Tisch sitzen könnten. Die extremen Kräfte sind sich einig darin, dass die anderen zu bekämpfen seien.“

 

Dass dabei für Eisenberg auch immer schon Witz, Selbstironie und Gelassenheit dazu gehören, zeigt er in dem nun bei Brandstätter erschienenen Buch „Auf das Leben!“, in dem er nicht nur von seinen reichen Lebenserfahrungen und vielen Begegnungen mit Menschen auch anderer Religionen erzählt, sondern viele jüdische Weisheiten diskutiert, die er mit ragen des Lebens und der Lgik des Talmud zusammenbringt.

 

Das Buch ist ein sehr persönlich gehaltenes, vom starken Glauben an das Kommen des Messias geprägtes Zeugnis, das gleichzeitig ein humorvoller Kompass für viele Fragen des Alltags darstellt – auch für Nichtjuden.

 

 

Zu Gast in Highclere Castle

 

 

 

 

Fiona Countess of Carnarvon, Zu Gast in Highclere Castle, Callwey 2017, ISBN 978-3-7667-2292-8

 

Ich habe im vergangenen Jahr nach einem Tipp von Freunden alle erhältlichen Staffeln und Filme der englischen Serie „Downton Abbey“ mit Begeisterung angeschaut. Nicht nur für die Fans dieser Serie ist das vorliegende, großzügig ausgestattete Buch der 8. Countess von Carnarvon aus dem Callwey Verlag zu empfehlen.

 

Sie führt in die bewegte Geschichte von Highclere Castle ein, wo die Serie gedreht wurde. Highclere Castle ist über die Jahrhunderte ein überaus bekanntes Haus gewesen, in dem Royals, Staatsmänner und Technikpioniere ebenso wie bekannte Persönlichkeiten aus Musik, Kunst und Literatur empfangen wurden.

 

An fünf Beispielen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die heutigen Tage stellt die Autorin berühmte Besucher vor, und erzählt die historischen Umstanden und Zusammenhänge der jeweiligen Aufenthalte in Highclere Castle.

 

Sie lässt den Leser teilhaben an den Anekdoten des Hauses und seiner Gäste, erlaubt den Blick durchs Schlüsselloch und lässt Mitarbeiter und Persönlichkeiten zu Wort kommen. Sie führt den Leser durchs Schloss, teilt die Kunst des Gastgebens im Wandel der Jahrhunderte und verrät rund 100 köstliche Rezepte und Menüs, die zu allen Gelegenheiten die Besucher erfreuten.

 

Für alle Freunde von „Downton Abbey“ ist dies ein Buch mit hohem Wiedererkennungswert, interessanten historischen Informationen und einer Fülle von Rezepten, die nachgekocht werden wollen. Besonders positiv sind die vielen Bilder zu werten, oft über eine ganze Doppelseite gehend.

 

Sie bereichern das Buch ungemein.

 

 

Wer schreit hat Unrecht. 300 Tipps für Power-Rhetorik

 

 

 

 

 

Bernhard Ahammer, Wolf Hagen, Wer schreit hat Unrecht. 300 Tipps für Power-Rhetorik, Goldegg Verlag 2017, ISBN 978-3-99060-051-1

 

Dieses Buch ragt unter den zahlreichen Ratgebern zur Verbesserung der eigenen Rhetorik und Körpersprache ganz besonders hervor. Es ist klar strukturiert und langweilt den Leser nicht mit Theorien und Philosophien. Es enthält nur Fallen, bei denen man sich gleich selbst erkennt und konkrete Tipps. Die jedoch sind gut zu verstehen und sehr praxisorientiert. Sie fassen auf vielen Gebieten (Ausdrucksweise, Gesprächsführung, Telefonieren, E-Mailverkehr, Reden, Konfliktmanagement, Argumentation, Verhandeln) zusammen, was bei professionellen Coaches „state of the art“ ist.

 

Gleich auf welchem Feld man beginnt, die Tipps sind leicht anwendbar und überprüfbar.  Am Ende des Buches sind alle 300 Tipps auf einen Blick noch einmal aufgelistet und können so wie weiland die Vokabeln im Englischbuch immer wieder memoriert und beherzigt werden.

Illustrierte Geschichte des Islam

 

 

 

Monika Tworuschka, Udo Tworuschka, Illustrierte Geschichte des Islam, J.B. Metzler Verlag 2017, ISBN 978-3-476-04348-1

 

 

Der J.B. Metzler Verlag möchte mit seiner neuen Buchreihe „Illustrierte Geschichte“ einen kompakten, verständlichen, aber doch inhaltlich mit hohen Ansprüchen verbundenen Überblick über die einzelnen Themengebiete geben. Besonders die Werke zur Antike und zum Islam sind  sehr zu empfehlen.

 

Das durch viele Publikationen und Monographien als Kenner des Islam ausgewiesene Ehepaar Monika und Udo Tworuschka erfüllt mit dem vorliegenden Band über den Islam diesen Anspruch auf das Beste

 

Von der Entstehung des Islam bis hin zu den aktuellen Entwicklungen im 20. und 21. Jahrhundert erläutern die beiden Autoren mit vielen Bildern illustriert und zahlreichen Infoblöcken die Geschichte und Bedeutung einer Religion, von der wir immer noch zu wenig wissen, die aber unsere Gesellschaft auch in der Zukunft mehr prägen wird, als wir uns das im Augenblick eingestehen. Selbst wenn der islamistische Terror vielleicht irgendwann sich überholt: Gläubige Muslime mit ihrer besonderer Kultur werden in den nächsten Jahrzehnten einen immer größeren Teil der Bevölkerung unseres Landes ausmachen, selbst wenn keine zusätzlichen Flüchtlinge kommen.

 

Zu verstehen, aus welchen Wurzeln diese Menschen leben und handeln, dazu kann das vorliegenden Buch helfen.

 

Ein besonderer Akzent liegt auf prominenten, gestaltenden Persönlichkeiten und auf wichtigen, auch für die weitere Geschichte relevanten Phänomenen und Institutionen. Neben den informativen Daten und Fakten der Ereignisgeschichte werden auch die kulturellen und sozialen Hintergründe und Zusammenhänge verdeutlicht.

 

Im Anfang war das Gefühl

 

 

 

 

 

Antonio Damasio, Im Anfang war das Gefühl, Siedler 2017, ISBN 978-3-8275-0045-8

In seinem neuen Buch „Im Anfang war das Gefühl“ schildert der portugiesische Neurowissenschaftler Antonio Damasio den evolutionären Weg des Lebens vom Einzeller zu Wesen mit Gefühl und Bewusstsein bei Menschen und Tieren.

 

Immer wieder geht es um den Begriff der „Homöostase“. Damasio zeigt mit kraftvoller und überzeugender Sprache, wie seit dem Beginn  der Evolution Lebewesen seit den ersten Einzellern mit einem biologischen Reaktionsvermögen ausgestattet wurden, das ihnen jeweils erlaubte, auf Umweltveränderungen sensibel zu reagieren und sich selbst immer wieder in jene gesunde Balance zu bringen, die Homöostase. Dies geschah durch Flucht, Fressen, Ausweichen, Abwehren und vieles andere Reaktionen mehr.

 

Auf diese Weise, so Damasio, entstanden im Laufe der Evolution die Gefühle, indem sich aus den ersten sensiblen Zellen ganze Nervensysteme entwickelten, die später zu Emotionen und schließlich zum Bewusstsein wurden, wie wir es kennen, das Wissen um die eigene Existenz.

 

All dies dient nur einem Zweck: wir reagieren, indem wir die äußere Welt wahrnehmen, mit einer Veränderung unseres Innenlebens. Das erleben wir als Gefühl und reagieren dann durch bewusstes Gegensteuern. Dazu ist nötig, dass Nervensystem und Gehirn mit körperlichen Vorgängen gekoppelt ist.

 

Damasio weitet seine Theorie auch aus auf die Entstehung  jeglicher kultureller Phänomene. Religion, Tanz, Bildende Kunst, Musik, Wissenschaft oder Medizin – für Antonio Damasio sind das Emanationen  der Sehnsucht nach Homöostase in Form von Orientierung, Trost, Heilung oder einem gemeinsamen sozialen Rhythmus.

 

 

 

 

 

 

Lied der Weite

 

 

 

 

 

Kent Haruf, Lied der Weite, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07017-0

 

Im vergangenen Jahr hatte ich mit vielen anderen überraschten Lesern das Glück, den amerikanischen Schriftsteller Kent Haruf mit seinem letzten Roman kennenzulernen, der wohl auch zur großen Überraschung des Diogenes Lektorats sich zu einem großen Verkaufserfolg mit begeisterten Kritiken entwickelte und 2017 verfilmt wurde.

 

„Unsere Seelen bei Nacht“ erschien in den USA als Kent Harufs fünfter Roman, kurz bevor er starb. Nun legt Diogenes nach dem großen Erfolg den zuerst 1999 erschienenen Roman „Plainsong“ unter dem deutschen  Titel „Lied der Weite“ vor und zeigt, dass er beabsichtigt, in den nächsten Jahren alle Bücher von Kent Haruf zu verlegen. Ich begrüße das sehr. Als im Jahr 2001 bei btb das gleiche Buch unter dem Titel „Flüchtiges Glück“ erschien, hat es kaum jemand bemerkt.

 

Kent Harufs Romane spielen alle in der fiktiven Kleinstadt Holt in der Prärie des US-Bundesstaats Colorado, die wahrscheinlich viel Ähnlichkeit hat mit der Stadt, in der er mit seiner Familie als Lehrer und Autor lebte.

 

Mit „Lied der Weite“ begann Kent Haruf seinen fünfteiligen Zyklus über das Leben, Leiden und Lieben von unterschiedlichen Menschen in einer ganz normalen amerikanischen Kleinstadt. Es geht mit vielen Nebenhandlungen und -personen um das Schicksal des 17- jährigen Mädchens Victoria Roubideaux, die ungewollt schwanger geworden, von ihrer tendenziell asozialen Mutter aus dem Haus geworfen wird. Victoria flüchtet sich zu Maggie Jones, eine Lehrerin ihrer Schule, die sie zunächst tröstet und verständnisvoll aufnimmt. Zur gleichen Zeit gerät die Ehe vom Maggies Lehrerkollegn Guthrie in die Krise und Haruf verfolgt sehr einfühlsam, wie sich die Krankheit der Mutter auf den Vater und seine beiden Sohne Ike und Bobby auswirkt.

 

Etliche Meilen außerhalb von Holt leben die beiden älteren Brüder McPherson relativ abgeschieden und schlicht auf einer Farm, mit der sie mit Viehzucht seit Jahrzehnten ihren Lebensunterhalt bestreiten, nachdem die Eltern gestorben waren. Maggie Jones verfolgt nun zielstrebig und schlußendlich auch erfolgreich ihren Plan, Victoria Roubideaux bei diesen beiden alten Männern unterzubringen, bis sie ihr Kind zur Welt gebracht hat und sich mehr darüber klar geworden ist, wie ihr Leben weiter gehen soll.

 

Zunächst eher widerstrebend, willigen die beiden Männer in Maggies ungewöhnliches Begehren ein, doch dann geschieht nicht nur mit den beiden, sondern auch mit Victoria und den anderen beschrieben Protagonisten Guthrie, Maggie, Ike und Bobby etwas ganz Ungewöhnliches. Aus einem Akt der Güte werden liebevolle und heilende Beziehungen, die die daran beteiligten Menschen wohl für ihr ganzes Leben verwandeln werden.

 

Ein warmherziges, stellenweise den Leser sehr bewegendes  Buch über Liebe und sozialen Zusammenhalt, über menschliche Stärken und Schwächen und über Menschlichkeit und Hoffnung, die man nie aufgeben darf, egal was passiert und gleich, wie ausweglos die Lage scheint.

 

Moorbruch

 

 

 

 

 

Peter May, Moorbruch, Zsolnay Verlag 2017, ISBN 978-3-552-05817-0

 

Mit seiner Serie um den Polizisten Fin Macleod aus Edinburgh hat der 1951 in Glasgow geborene schottische Schriftsteller und Drehbuchautor Peter May in seiner Heimat großen Erfolg gehabt und wurde mehrfach ausgezeichnet.

 

Auch in dem nach „Beim Leben deines Bruders“ nun folgenden Band lebt der ehemalige Polizist Fin Macleod auf seiner Heimatinsel Lewis auf den Hebriden, eine rauen Landschaft, die der ortskundige Peter May sensibel und spürbar nachvollziehbar beschreibt, die entsprechende Menschen hervorbringt, die versuchen, dort in einer ebenso faszinierenden wie unwirtlichen Umwelt ihr Leben zu fristen. Um seinen  Lebensunterhalt weiter bestreiten  zu können, verdingt sich Fin dazu, für einen großen Gutsbesitzer Wilderer zu bekämpfen. Der erste, den er dingfest machen soll, ist sein alter Jugendfreund Whistler. Auf einer gemeinsamen Tour, bei der sie versuchen, ihrer alten Beziehung wieder Leben einzuhauchen, werden sie Zeugen eines seltsamen Naturschauspiels, einem Moorbruch, der das Wrack eines Flugzeugs freilegt, das vor siebzehn Jahren mit ihrem gemeinsamem Freund Roddy Mackenzie abgestürzt und verschollen gemeldet wurde. Roddy war die Leader einer damals sehr erfolgreichen Band namens Amran, in der auch Whistler mitspielte und für die Fin jahrelang als Roadie arbeitete.

An Whistlers Reaktion auf diesen Fund und das was, sie Inneren des Flugzeuges vorfinden, erkennt Fin, dass irgendetwas nicht stimmt. Über Nacht sieht sich Fin mit längst vergangenen aber nicht vergessenen Ereignissen aus seinem Leben konfrontiert. Wie schon im letzten Band lässt Peter May Handlungsstränge aus der Gegenwart sich abwechseln mit solchen aus der Vergangenheit und mit literarisch hochwertiger Qualität langsam und spannend zu einer Geschichte zusammenwachsen, die voller Geheimnisse scheint. Es geht um Freundschaft, um Liebe, um scheinbaren Verrat und lebenslange Loyaliäten.

 

„Moorbruch“ ist wie sein Vorgänger nicht nur ein spannend erzählter Kriminalroman mit einer sich über Jahrzehnte hinziehenden Vorgeschichte, sondern auch ein gewaltiges und liebevoll sinnlich gezeichnetes Porträt einer rauen Inselwelt und ihrer historischen Abgründe.

 

Atemberaubend schöne Naturbeschreibungen erzählen von einer Landschaft, in der das Meer, das Klima und die Armut die Menschen schon immer in ihrer dramatischen Gefangenschaft gehalten haben.

 

König der Lüfte

 

 

 

 

 

Christoph Mett, König der Lüfte, Bohem Verlag 2017, ISBN 978-3-95939-039-2

 

Christoph Mett, den Bilderbuchkenner als Illustrator schätzen gelernt haben, legt mit „König der Lüfte“ im ambitionierten und für die künstlerische Qualität all seiner Bücher bekannten Bohem Verlag aus Zürich ein Bilderbuch für Kinder und Erwachsene vor, für das er nicht nur opulente und phantasievolle Bilder geschaffen, sondern auch eine märchenhafte Geschichte geschrieben hat, die mit viel Hintersinn und satirischen Elementen das Nachdenken über Besitzlosigkeit, Überfluss und den wahren Wert der Freiheit provozieren will. Am Beispiel des Königs Ambrosius werden den das Buch betrachtenden Kindern die Auswirkungen von Machtstreben und Anhäufung von Gütern im Zusammenhang mit den eigentlich wichtigen Dingen im Leben vermittelt.

Denn der König sammelt als, was funkelt. Sein Volk nennt ihn König Klunker. Als eines Tages viele Journalisten ins Schloß kommen, um über den König und seine Sammelleidenschaft zu berichten, kommt es zu einem Zwischenfall, der alles verändert.

 

Es ist eine stellenweise lustige, fast durchgängig sehr philosophisch daherkommenden Geschichte, die oft aus der heutigen Welt gegriffen scheint mit vielen aktuellen Bezügen und die doch besonders am Ende das Geschehen in eine phantastische Märchenwelt verlegt.

 

Ein anspruchsvolles Bilderbuch, das auch die vorlesenden Erwachsenen ins Nachdenken bringen wird.

 

 

 

Und morgen regieren wir uns selbst

 

 

 

 

Andrea Ypsilanti, Und morgen regieren wir uns selbst, Westend 2017, ISBN 978-3-86489-160-1

 

In den letzten Jahren war es in der politischen  Öffentlichkeit des Landes eher still um sie geworden und sie fristete im Hessischen Landtag ein unspektakuläres Hinterbänklerdasein. Nun, da Andrea Ypsilanti, die 2008 als erste an einem Versuch scheiterte, mit der Linken eine Koalition zu bilden, nachdem sie mit ihrer SPD Roland Koch eine schwere Niederlage bereitet hatte, in diesem Jahr nicht mehr zur hessischen Landtagswahl antreten und sich sozusagen in den politischen Ruhestand verabschieden wird, legt sie eine Streitschrift vor, in der sie ihrer eigenen  Partei gehörig die Leviten liest.

 

Es ist eine dezidiert linke Politik, die sie vertritt und für die sie bei dem britischen  Labourvorsitzenden Jeremy Corbyn ein immer wieder zitiertes Vorbild findet. Das Buch erscheint in einer Zeit, in der in der deutschen Sozialdemokratie nach der Bundestagswahl, der zunächst klaren Absage an eine Mitwirkung in einer Koalition und der zwischenzeitlichen Abkehr davon, nicht nur die eigenen Funktionäre, sondern eine veritable Mehrheit der 450 000 Mitglieder der Traditionspartei erhebliche Zweifel daran haben, wie es ohne eine grundlegenden Erneuerung an Haupt und Gliedern mit der SPD weitergehen soll. Die Wahl zwischen Pest und Cholera scheint die Partei in diesen Tagen zu zerreißen.

 

Ein gründliches Studium des Buches von Andrea Ypsilanti könnte nicht nur den Funktionären, die um ihr politisches Schicksal kämpfen, sondern gerade den vielen neuen Mitgliedern, eine dringend nötig Orientierung dafür geben, wie die Ohnmacht der sozialdemokratischen Partei nicht nur in Deutschland überwunden werden könnte. Aber vielleicht kommt das Buch zu spät für diesen Prozeß.

 

Normalerweise legen Politiker solche Bücher vor (zuletzt Robert Habeck und Christian Lindner) um sich für eine politische Zukunft inhaltlich zu positionieren. Der Rückzug Andrea Ypsilantis aus der parlamentarischen Arbeit in diesem Herbst scheint dazu so gar nicht zu passen.  Man möchte sie und andere ermutigen, ihre Positionen, die ich bei weitem nicht alle teile, aktiv und engagiert in ihre Partei und in die Öffentlichkeit zu tragen.