Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Ein passender Mieter

 

 

 

 

Lukas Hartmann, Ein passender Mieter, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-24401-4

 

Liest man die Beschreibung dieses neuen Roman des Schweizers Lukas Hartmann, erwartet man vielleicht einen Krimi. Doch dazu ist die Handlung zu offensichtlich. Es geht Hartmann vielmehr darum, das psychologisch raffinierte Porträt einer Familie und jener Kräfte, die sie zusammenhalten und auseinandertreiben.

 

Da ist der Geschichtsprofessor Gerhard Sandmaier, der außer seinen Büchern wenig wahrnimmt und seine Frau Margret, die von ihrem Teilzeitjob in einer Buchhandlung und den Deutschstunden, die sie für Flüchtlingskinder gibt, nicht recht ausgefüllt ist. Sie haben einen Sohn. Zunächst hat er sich in der Medizin versucht, dieses Studium dann abgebrochen und sich für die Theologie entschieden, eher eine Kopf- als eine Herzentscheidung. Seine Eltern reagieren darauf mit Unverständnis.

Als er dann auch noch aus einen vor Jahren extra für ihn gebauten Anbau auszieht und seine neue Heimat in einer WG findet, steht seine Wohnung leer.

 

Insbesondere Margret forciert deren Vermietung, während Gerhard Sandmaier eher skeptisch ist. Man brauche doch das Geld gar nicht meint er. Penibel und mit großer Akribie suchen sie einen passender Mieter. Aus einer großen Zahl von Interessenten entscheiden sie sich unter der strengen Federführung von Margret für den Fahrradmechaniker Beat, ein Mann der ihren Sohn in vielen ähnlich ist.

 

Der junge Mann lebt zurückgezogen, ist höflich aber sonst sehr distanziert und verweigert sich der Fürsorge von Margret. Als bald nach seinem Einzug sich die Schlagzeilen häufen über einen Messerstecher, der in der Stadt sein Unwesen treibt, da wächst langsam in Margret ein schlimmer Verdacht.

 

Geschickt wechselt Lukas Hartmann die Perspektiven, schreibt aus den verschiedenen Blickwinkel seiner Personen und schildert insbesondere nach dem Schock, als Beat tatsächlich verhaftet wird, wie die schon immer brüchige Familie zusammenbricht und Margret völlig aus der Sour gerät.

Dass das nicht nur mit dem passenden Mieter zusammenhängt, hat Hartmann von Beginn des Buches an immer wieder angedeutet und beschreibt es gegen Ende zu meisterhaft.

 

Lukas Hartmanns Romane sind literarische Meisterstücke vom Feinsten.

 

 

 

Wieviel Uhr ist es nur?

 

 

 

 

 

Daniela Kulot, Wieviel Uhr ist es nur, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5937-7

 

Mit witzigen und für Daniela Kulot typischen Illustrationen in Verbindung mit lustigen Reinem lädt dieses auch n seiner Gestaltung ungewöhnliche Bilderbuch Kinder ab etwa vier Jahren dazu ein, auf eine spielerische  Weise die Uhrzeiten zu lernen und sich mit dem Tagesablauf vertraut zu machen.

 

Mit einer in ein Loch von etwa 8 cm eingelassenen Uhr mit Zeiger können die Kinder die jeweilige auf der Doppelseite beschriebene Uhrzeit  und was zu dieser Zeit im Haus passiert, einstellen.

 

Von Aufstehen bis zum Schlafengehen. Ein weiteres wunderbares Bilderbuch von Daniela Kulot, einer wahren Meisterin.

Reframe it. 42 Werkzeuge und ein Modell

 

 

 

 

 

Andre und Gieri Hinnen, Reframe it. 42 Werkzeuge und ein Modell, Murmann 2017, ISBN 978-3-86774-573-4

 

„Die Komplexität unserer Umwelt steigt ins Unermessliche – wenn nicht gar ins Unerträgliche. Und der unaufhörliche Informations-Tsunami weckt in vielen von uns den Wunsch nach Überschaubarkeit und beschleunigte Informationsaufnahme.“ (aus dem Vorwort)

 

Weil Komplexität uns überfordert, greifen wir in der Regel zum Mittel der Vereinfachung. Doch, so warnen die beiden Brüder Hinnen in ihrem hier vorliegenden Buch, die Vereinfachung bietet keine wirkliche Lösung des Komplexitätsproblems, ist sogar gefährlich. Vereinfachungen führen zu falschen Rückschlüssen, der Illusion von Sicherheit und Realitätsferne. Überall kann man diese Vereinfachungsversuche beobachten. Twittern etwa, die Reduktion eines Inhalt auf 140 Zeichen, die Formulierung von anspruchsvollen Unternehmensstrategien auf eingängige Ein-Satz-Visionen oder Wahlprogramme mit einfachen Hetzparolen.

 

Überall merken wir die Folgen: Forschungsergebnisse werden ignoriert, Unternehmensstrategien landen im Sand, in der Politik häufen sich die Fehlentscheidungen und überall: Fake News.

 

Die Brüder Andri und Gieri Hinnen präsentieren in ihrem vorliegenden Buch „Reframe it!“ eine andere Methode, um komplexe Sachverhalte verständlicher zu machen.  Sie werden nicht vereinfacht, sondern sozusagen umgestaltet und neu „gerahmt“.

 

Diese neue Darstellungsform eröffnet die Möglichkeit, einen bestimmten Sachverhalt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, ihn müheloser zu verstehen und zu verinnerlichen. Und es dann auch an andere zu kommunizieren, die es so besser verstehen können.

 

An insgesamt 42 Beispielen mit Tools, farbigen Illustrationen und entsprechenden teilwiese irrwitzigen Fallbeispielen wird nachvollziehbar verdeutlich und illustriert,  wie Reframing funktioniert.

 

Ein hilfreiches Buch für alle Berater, Manager, Unternehmer, Wissenschaftler und andere Storyteller. Ein Buch, das einen zutiefst demokratischen Impetus hat, weil es Menschen beteiligen will an komplexen Fragestellungen, vor denen viele schon lange kapituliert haben. Es könnte auch Politikern helfen, der Versuchung zur schnellen Vereinfachung zu widerstehen und so den Populisten das Wasser abgraben.

 

 

 

 

Was wir alles können

 

 

Heinz Janisch, Lili Schagerl, Was wir können, Tyrolia 2016, ISBN 978-3-7022-3558-1

 

Ein schönes kleines und handliches, in lustigen Reimen gefasstes Bilderbuch zur Sicherheit im Haushalt haben Heinz Janisch (Text) und Lili Schagerl (Illustrationen) hier vorgelegt.

 

Es werden Situationen gezeigt und beschrieben, in denen sich Kinder beim Spiel befinden, aber auch Situationen, in denen Kinder und Erwachsene zusammen im Raum sind zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten.

 

Die Kinder können zusammen mit den vorlesenden Erwachsenen auf jedem Bild zahlreichen Gelegenheiten identifizieren, aus denen etwas passieren kann.

 

Das Buch ist lustig und lehrreich zugleich.

 

 

Mein erstes Wimmelbuch. Jahreszeiten

 

 

 

 

Christine Henkel, Mein erstes Wimmelbuch. Jahreszeiten, Esslinger 32017, ISBN 978-3-48-23301-4

 

In ihrer Reihe „Mein erstes Wimmelbuch“ hat die Autorin und Illustratorin Christine Henkel in den vergangenen Jahren schon etliche wunderbare Exemplare vorgelegt. Nun hat sie eine Ausgabe veröffentlicht bei Esslinger in Stuttgart, in der sie sich mit den Jahreszeiten beschäftigt.

Dabei geht sie nicht in dem gewohnten Viererschritt Frühling, Sommer, Herbst und Winter vor, sondern sie beginnt im Januar und zeigt dann jeweils zwei Monate zusammen auf einer Doppelseite. Auf dem rechten Viertel der rechten Doppelseite hat sie noch einmal die Tiere und Pflanzen aufgelistet und mit ihren Namen genannt, die in den beiden entsprechenden Monaten auf den Wimmelbildern vorkommen.

 

Auf der letzten Doppelseite hat sie in einem schönen Jahreskreis noch einmal die Tier- und Pflanzenwelt von Januar bis Dezember kurz zusammengefasst.

 

Mit diesem Buch können kleine Kinder die Jahreszeiten entdecken, richtig wimmeln  und dabei eine Menge Wörter lernen. Für Kindergarten und zu Hause gleichermaßen geeignet.

Wir sind Gedächtnis. Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind

 

 

 

 

 

Martin Korte, Wir sind Gedächtnis. Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind, DVA 2017, ISBN 978-3-421-04435-8

 

 

Martin Korte ist Professor der Biologie an der TU Braunschweig beschreibt in dem vorliegenden Buch legt „Wir sind Gedächtnis – Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind“ neueste Erkenntnisse zu den Abläufen und Prozessen des Denkens und Erinnerns und stellt die These auf, das es unsere Erinnerungen sind, die bestimmen, wer wir sind.
Martin Korte nimmt den Leser, der sich auf eine anspruchsvolle Lektüre einstellen sollte, mit auf eine Reise durch die Welt in unserem Kopf. Sie beginnt bei unserem autobiographischen Gedächtnis und zeigt, dass Erinnerungen bei jedem Abruf neu konstruiert werden. Über die unbewussten Seiten des Gedächtnisses, zu denen Routinen und Intuitionen gehören, führt sie zu den Arbeitsweisen der Neuronen bis hin zu den Rollen, die der Schlaf und das Vergessen für unsere Gedächtnisprozesse spielen.

Martin Kortes These ist: Erinnerungen sind nicht nur eine Anhäufung von Wissen und Einzelheiten unserer Autobiographie, sondern der Stoff, aus dem unsere Identität geschnitzt ist. Anders gesagt: Wir Menschen sind unser Gedächtnis – und unser Gedächtnis sind wir.

 

Ein Berg in Tibet. Zu Fuss durch den Himalaya zum Heiligen Berg Kailash

 

 

 

 

 

 

 

Colin Thubron, Ein Berg in Tibet. Zu Fuss durch den Himalaya zum Heiligen Berg Kailash, Dumont Reiseverlag 2017, ISBN 978-3-7701-8288-5

 

Colin Thubron ist ein preisgekrönter britischer Reiseschriftsteller. Seine literarischen Reisereportagen machten ihn schon früh über die Landesgrenzen auch international bekannt. Zuerst erschien das vorliegende Buch im Jahr 2011 und wird nun 2017 in einer zweiten überarbeiteten deutschen Auflage veröffentlicht. 1939 geboren, war Thurbon schon damals ein alter, weiser und welterfahrener Mann, welterfahren.

 

Nachdem seine Mutter gestorben ist, macht er sich auf den Weg nach Tibet. Es wird eine mühe volle Fußreise von Nepal über die tibetischen Pässe zu den magischen Seen unter dem heiligen Kailash, dem heiligsten Berg der Tibeter, der bis heute unbestiegen ist. Dort mischt er sich unter die Pilger und nimmt an der rituellen Umrundung des Berges teil. Er spricht mit den Bergführern, mit Bewohnern abgelegener Dörfer, mit Mönchen in verfallenden Klöstern und bringt uns so die Seele der Tibeter näher. Die Umrundung der Seen lässt ihn sein eigenes Leben neu betrachten.

 

Ein tiefgründiges Buch von großer Erzählkraft.

Die Bayern-Chronik

 

 

 

 

 

Dietrich Schulze-Marmeling, Die Bayern-Chronik, Verlag Die Werkstatt 2017, ISBN 978-3-7307- 0342-7

 

Dieses voluminöse in einem Schuber in einer numerierten Erstauflage ausgelieferte Werk ist ein Meisterstück, das nicht nur in seinem Umfang alle Rekorde bricht. Einer der besten deutschen Fußballautoren hat hier sich selbst und einem Verein eine Chronik präsentiert, die ihresgleichen sucht und die wohl auch für keinen anderen Verein jemals in diesem Umfang und zu diesem Preis erstellt werden wird, schon einfach deshalb weil niemand bereit wäre, 99 Euro für ein Fußballbuch auszugeben, außer eben einem Bayernfan.

 

Band 1 behandelt die Epoche ab der Vereinsgründung, die NS-Jahre, die glorreichen siebziger Jahre bis zur Inthronisierung von Uli Hoeneß als Manager. Band 2 führt die Geschichte bis in die grandiose Gegenwart fort.

 

2000 Fotos und ein ausführliches Register machen das Buch zu einem Präsent, das einen Bayernfan wohl über Jahre erfreuen kann.

 

Ein ideales wertvolles Weihnachtsgeschenk.

 

99 Songs. Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts

 

 

 

 

Wolfgang Kos, 99 Songs. Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts, Brandstätter 2017, ISBN 9787-3-7106-0022-7

 

Dieses schwergewichtige Buch des Kulturhistorikers Wolfgang Kos ist eine Kulturgeschichte der besonderen Art. Er erzählt sich und seinen Lesern das 20. Jahrhundert am Beispiel von 99 ausgewählten Songs. Songs, die nicht nur zu ihrer Entstehungszeit, sondern auch darüber hinaus „gewirkt“ haben, weil sie emotionale Identifikation boten und viel unmittelbarer als andere Medien die jeweiligen Zeitstimmungen, Lebensbedingungen und Moden, genau wie kollektive Sehnsüchte, Ängste und Utopien auf den Punkt brachten.

 

Songs, in denen sich die Brüche und die Widersprüche der jeweiligen Gesellschaften und ihrer Menschen spiegeln.

 

Kos schreibt: „Die Grundidee wäre: Songs, die die Welt verändert haben. Tatsächlich gibt es Songs, die etwas antizipieren, einen Stimmungswandel spüren, eine Forderung vorwegnehmen und so vom Rand ins Zentrum finden. ‚We Shall Overcome‘ ist das klassische Beispiel: ein Streiklied amerikanischer Gewerkschafter, verbreitet in Volksbildungsheimen, von einer Handvoll Funktionären gesungen, dann die Hymne der Bürgerrechtsbewegung. Solche Lieder schleichen sich herein. Sie gehören niemandem. Songs können ein Klima erzeugen, die Aufnahmebereitschaft wecken.“

 

Die hinter den Songs versteckten erstaunlichen Geschichten machen das Buch nicht nur zu einer interessanten Lektüre, sondern auch zu einem wahrhaft erhellenden Erlebnis.

 

 

 

Das Päckchen (Hörbuch)

 

 

 

 

Franz Hohler, Das Päckchen (Hörbuch), Random House Audio 2017, ISBN 978-3-8371-4057-6

 

Der neue Roman des Schweizer Schriftstellers Franz Hohler beschäftigt sich mit einem alten bibliophilen Werk und seinem Weg durch die Geschichte.

 

Der Roman beginnt damit, dass der Bibliothekar Ernst Stricker am Berner Hauptbahnhof den Hörer eines öffentlichen Telefons abnimmt und nicht wirklich weiß warum:

„Er schaute sich um, um zu sehen, ob da jemand war, der sich vielleicht zurückrufen ließ, aber erst am übernächsten Apparat sprach ein fremdländischer Mann eindringlich und leise in die Muschel, ohne auch nur den Kopf zu drehen. Da machte er den ersten Schritt, hob den Hörer und sagte: ‚Hallo?'“

 

Eine alte Frau am anderen Ende der Leitung sucht ihren Neffen Ernst und Ernst Stricker lässt sich, indem er vorgibt jener Ernst zu sein, und dann auch gleich in die Wohnung der alten Dame fährt, auf eine Geschichte ein, die er nicht für möglich gehalten hätte. Die alte halbblinde Dame bittet Ernst darum, ein kleines Päckchen aufzubewahren, damit es nicht in falsche Hände gelangt. Zuhause öffnet Ernst heimlich das Päckchen, von dem er seiner Frau erst sehr viel später erzählen wird, was die Verwicklungen noch kompliziert, und entdeckt darin an handgeschriebenes Exemplar des sogenannten „Abrogans“ eines Wörterbuchs, das als ältestes deutschsprachiges Buch gilt. Ernst denkt, dass er das Original in Händen hält. In der Zeitung in der das Buch eingewickelt ist, entdeckt er einen Hinweis auf eine Berghütte.

 

Und nun ruht er nicht, bis er dieser Spur folgen kann und Erstaunliches dort findet. In der Zwischenzeit blendet Franz Hohler in der Zeit zurück und erzählt immer wieder von dem Mönch Haimo und seiner Partnerin Maria, der im Jahr 772 durch Zufall Schreiber am Kloster Weltenburg wird und darf den „Abrogans“ schreiben, der ihm vom Abt diktiert wird.

 

Danach wird er vom Abt auf eine über zehnjährige Reise nach Italien geschickt, wobei er (zusammen mit Maria, die unterwegs ein gemeinsames Kind verlieren wird) unterwegs immer wieder Station in Klöstern machen soll, wo er im Gegenzug für die Abschrift des Abrogans andere wichtige Schriften kopieren und nach Weltenburg schicken soll, bevor der Abrogans sein endgültiges Ziel in Montecassino finden soll.

 

In abwechselnden Kapiteln treibt Hohler die alte und die gegenwärtige Geschichte vorwärts mit überraschenden Wendungen und einem versöhnlichen Ende.

 

Ein intelligenter und unterhaltsamer Roman mit viel hintergründigen Humor. Die hier vorliegende ungekürzte Lesung von Gert Heidenreich besticht durch ihre einfühlsame Interpretation der verschiedenen Charaktere und schafft es hervorragend die über 1300 Jahre zwischen den einzelnen jeweiligen Abschnitten stimmlich und atmosphärisch zu überbrücken.