Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Vom 1x 1 zum Glück. Warum wir Mathematik für das Leben brauchen

 

 

 

Rudolf Taschner, Vom 1x 1 zum Glück. Warum wir Mathematik für das Leben brauchen, Brandstätter 2017, ISBN 978-3-7106-0167-5

 

Schon viele Jahre engagiert sich der österreichische Mathematiker Rudolf Taschner für eine Entmythologisierung und eine Rehabilitierung der Mathematik als Schulfach und als für das ganze Leben von allen Menschen wichtiges Fach. In Wien leitet der zusammen mit seiner Frau Bianca das Projekt math.space, wo er Seminare und Vorlesungen für alle Bevölkerungsschichten anbietet.

 

Er hält das deshalb für so wichtig, weil die Mathematik bei viele Menschen nicht gut gelitten ist, was meistens mit schlechten eigenen Schulerfahrungen zusammenhängt. Das gipfelt sogar darin, dass in den Kultusbehörden die Abschaffung der Mathematik als Pflichtfach für das Abitur und die Matura erwogen wird.

 

Überzeugend und mit vielen Beispielen zeigt Rudolf Taschner in diesem Buch, dass nicht die Vermeidung von Mathematik in der Schule das Thema der Stunde ist, sondern ganz im Gegenteil ein von neu motivierten Lehrkräften angeleitetes umfassendes Lernen und Verstehen von Mathematik, das dem Anspruch dieser Wissenschaft auch gerecht wird. Er zeigt, dass dies durchaus mit Vergnügen und Freude verbunden sein kann, wenn Mathematik gut unterrichtet wird.

 

Ein als Essay verfasstes Buch, das sich insbesondere an Menschen richtet, die Mathematik unterrichten oder für diesen Unterricht an anderen Stelle Verantwortung tragen.

 

 

Nein, tein heia

 

 

 

 

 

Stephanie Blake, Nein, tein heia, Moritz 2017, ISBN 978-3-89565-334-6

 

Dieses schöne, mittlerweile dritte Bilderbuch der in Paris lebenden Amerikanerin Stephanie Blake über den Hasen Simon handelt von etwas, was alle Eltern besonders von kleinen Buben früher oder später erleben. Ihr Kind ist fixiert auf seine Allmacht und hält sich für den Größten.
So ist es auch mit dem kleinen Hasen. Simon heißt er. Liebevoll nennt ihn seine Mutter. „Mein Häschen!“, doch er in seinem Supermankostüm antwortet nur „ Ich bin ein Superhase!“

 

In  der Zwischenzeit hat er einen kleinen Bruder namens Franz bekommen, mit dem er gerne spielt und um den er sich durchaus liebevoll kümmert. Hauptsache er ist und bleibt der Boss, der mit seinem Kostüm große Abenteuer erlebt.

 

Im neuen Buch bauen die beiden eine Hütte. Natürlich „megariesengross und perfekt“.  Sie werden an einem Tag nicht fertig und gehen zum Schlafen nach Hause. Dort im Bett merkt Franz, dass er sein „Musetuch“ an der Hütte vergessen hat.  Und weil er gar keine Ruhe geben will, zieht Simon sein Kostüm an und macht sich mutig auf den Weg zur Hütte und findet dort das Tuch. Er ist halt ein „Supertopmegahase“. Doch auf den Heimweg sieht er ein „riesenmegagiga Monster“ das ihn fressen will.

 

Schnell rennt er nach Hause und in dieser Nacht halten sich beider Brüder am Schmusetuch fest.

 

Ein liebevolles Buch über die männlichen Phantasien kleiner Buben und eine freundliche Einladung insbesondere an ihre Mütter, mit diesen ersten Erscheinungen männlicher Identität etwas entspannter und flexibler umzugehen.

 

 

Viertel-Maus und Tiger

 

 

 

 

Jens Jörg Rieck, Maria Blazejovsky, Viertel-Maus und Tiger, Jungbrunnen 20167, ISBN 978-3-7026-5915-8

 

Ein schönes neues, von Maria Blazejovsky ansprechend illustriertes Bilderbuch legt der Kinderbuchbautor Jens Jörg Rieck hier im Jungbrunnen- Verlag vor. „Viertel-Maus und Tiger“ ist eine warmherzige Geschichte über die die Macht von Träumen und dass sich der Mut lohnt, diese Träume mit anderen zu teilen.

 

Schon einige Zeit wissen die Mäuse auf dem Hof, dass eine neue Katze in der Nähe lebt. Als dann eines Tages Tiger auftaucht, ist die Gefahr groß. Mit seinen spitzen Zähnen und scharfen Krallen fängt er sogar die schnellsten und mutigsten Mäuse.

 

Nur die kleine Viertel-Maus schert sich nicht darum. Sie träumt von einer Reise zu den Sternen. Die anderen machen sich über sie lustig, doch sie schert das nicht. Auch nicht der Kater, der ihr auflauern will. Irgendwann ist Viertel-Maus verschwunden und die anderen trauen sich eine Zeit lang nicht mehr aus ihren Löchern heraus.

 

Irgendwann ist Viertel-.Maus wieder da und alle fragen sich, wie sie wohl dem Kater entwischen konnte. Ob es irgendetwas mit ihren Träumen von den Sternen zu tun hatte?

 

Ein schönes Bilderbuch, das zeigt, dass Sehnsüchte stärker sein können als alles andere.

 

 

Mohammed. Revolution aus der Wüste

 

 

 

 

 

Marcel Hulspas, Mohammed. Revolution aus der Wüste, Theiss 2017, ISBN 978-3-8062-3489-3

 

In der heutigen Debatte um den Islam, die in zunehmenden Maße auch in der Zukunft die Diskussionen in vielen europäischen Ländern bestimmen wird, wird viel gestritten über den Charakter dieser Religion. Immer wieder wird auf die kriegerischen und gewaltbereiten Elemente ihrer Grundlagen hingewiesen, die sich letztlich bis heute nicht verändert haben.

 

Immer wieder wird auch so etwas gefordert wie eine Art islamische Reformation, dabei aber nicht bedacht, dass dieser Prozess im Christentum mehrere Jahrhunderte dauerte. Fakt ist aber auch, dass in den meisten Fällen in diesen Debatten das Wissen um die Ursprünge des Islam nur rudimentär ist.

 

Dem will der niederländische Wissenschaftsjournalist Marcel Hulspas mit seinem hier in einer von Marianne Holberg verantworteten Übersetzung vorliegenden Buch abhelfen.

Im 5. und 6. Jh. lebten auf der arabischen Halbinsel polytheistische Stämme im Schatten zweier Großreiche. Dann, innerhalb nur eines Jahrhunderts nach dem Tod Mohammeds 632, besiegten die Araber Byzanz und das Sassanidenreich, drangen vor bis an die indische Grenze und auf die Iberische Halbinsel. Wie konnte es zu dieser rasanten Expansion kommen?

 

Darum geht es in dieser fesselnden und informativen Darstellung, die besonderen Wert darauf legt, die Zusammenhänge zwischen der Entstehung des Islam und dem Aufkommen einer arabischen Identität zu erklären.

 

Indem er auf 600 Seiten sehr verständlich und aufschlussreich das historische Fundament der Religion des Islam erläutert, leistet er einen wichtigen Beitrag in der uns noch lange beschäftigenden Debatte um den heutigen Islam, seine Bedeutung und Reformfähigkeit.
n Islam.

Das Päckchen

 

 

 

 

Franz Hohler, Das Päckchen, Luchterhand 2017, ISBN 978-3-630-87559-0

 

Der neue Roman des Schweizer Schriftstellers Franz Hohler beschäftigt sich mit einem alten bibliophilen Werk und seinem Weg durch die Geschichte.

 

Der Roman beginnt damit, dass der Bibliothekar Ernst Stricker am Berner Hauptbahnhof den Hörer eines öffentlichen Telefons abnimmt und nicht wirklich weiß warum:

„Er schaute sich um, um zu sehen, ob da jemand war, der sich vielleicht zurückrufen ließ, aber erst am übernächsten Apparat sprach ein fremdländischer Mann eindringlich und leise in die Muschel, ohne auch nur den Kopf zu drehen. Da machte er den ersten Schritt, hob den Hörer und sagte: ‚Hallo?'“

 

Eine alte Frau am anderen Ende der Leitung sucht ihren Neffen Ernst und Ernst Stricker lässt sich, indem er vorgibt jener Ernst zu sein, und dann auch gleich in die Wohnung der alten Dame fährt, auf eine Geschichte ein, die er nicht für möglich gehalten hätte. Die alte halbblinde Dame bittet Ernst darum, ein kleines Päckchen aufzubewahren, damit es nicht in falsche Hände gelangt. Zuhause öffnet Ernst heimlich das Päckchen, von dem er seiner Frau erst sehr viel später erzählen wird, was die Verwicklungen noch kompliziert, und entdeckt darin an handgeschriebenes Exemplar des sogenannten „Abrogans“ eines Wörterbuchs, das als ältestes deutschsprachiges Buch gilt. Ernst denkt, dass er das Original in Händen hält. In der Zeitung in der das Buch eingewickelt ist, entdeckt er einen Hinweis auf eine Berghütte.

 

Und nun ruht er nicht, bis er dieser Spur folgen kann und Erstaunliches dort findet. In der Zwischenzeit blendet Franz Hohler in der Zeit zurück und erzählt immer wieder von dem Mönch Haimo und seiner Partnerin Maria, der im Jahr 772 durch Zufall Schreiber am Kloster Weltenburg wird und darf den „Abrogans“ schreiben, der ihm vom Abt diktiert wird.

 

Danach wird er vom Abt auf eine über zehnjährige Reise nach Italien geschickt, wobei er (zusammen mit Maria, die unterwegs ein gemeinsames Kind verlieren wird) unterwegs immer wieder Station in Klöstern machen soll, wo er im Gegenzug für die Abschrift des Abrogans andere wichtige Schriften kopieren und nach Weltenburg schicken soll, bevor der Abrogans sein endgültiges Ziel in Montecassino finden soll.

 

In abwechselnden Kapiteln treibt Hohler die alte und die gegenwärtige Geschichte vorwärts mit überraschenden Wendungen und einem versöhnlichen Ende.

 

Ein intelligenter und unterhaltsamer Roman mit viel hintergründigen Humor.

 

 

 

 

 

 

Paula

 

Sandra Hoffmann, Paula, Hanser Berlin 2017, ISBN 978-3-446-25682-8

 

In ihrem letzten vor fünf Jahren erschienenen Roman „Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist“ erzählte die Schriftstellerin Sandra Hoffmann die sehr einfühlsame Geschichte einer Lebensbilanz und einer große Liebe. Die Geschichte eines Lebens voller Bewahrung und voller schmerzhafter Verluste.  Und es war eine stille Hommage an die unzähligen unbekannten Menschen, die in den Hospizen und Heimen dieses Landes sterbende Frauen und Männer begleiten, indem sie ihnen zuhören, ihre Hand halten und es aushalten, sonst nichts mehr tun zu können. Jedes Leben ist wertvoll, und es ist wert erzählt zu werden, das war die leise Botschaft dieses zärtlichen Buches, das, wie sich nun  im zweiten bisher leider von der Kritik wenig beachteten Roman „Paula“ herausstellt, ebenso biographische Bezüge besitzt wie „Paula“ selbst.

 

Als die Großmutter gestorben ist, sitzt die Erzählerin vor einer Kiste voller Bilder, die sich ihr nicht öffnen. Denn was kann man von einem Leben erinnern, was kann einem bleiben von einem Menschen, der sich sein ganzes Leben lang dem Schweigen verschrieben hatte?

 

1997 ist sie gestorben ist Paula mit 82 Jahren gestorben. Nun fast zwei Jahrzehnte danach macht sich Sandra Hoffman auf eine schmerzhafte aber schlussendlich heilsame Spurensuche. Sie ist „Gast und die Fremde zugleich“ in ihrer eigenen Geschichte, die dadurch geprägt ist, dass sie ebenso wie die Großmutter immer an ihre Rollen scheiterte.

 

„Sie hat ihr ganzes Leben, alle ihre Geheimisse, aber auch alle ihre Nöte mit ins Grab genommen.“ Die Autorin, selbst aufgewachsen in einem freudlosen und vom Schweigen dominierten Elternhaus, überschattet von einem dunklen Geheimnis, will mit ihrer Spurensuche dem Leben der geliebten und gehassten Großmutter genauso eine Geschichte geben wie das eigene auf eine neue Spur zu setzen.

 

Sandra Hoffmann  erzählt eindrucksvoll und voller Brüche von ihrer tastenden Suche nach einem Glück, das es auch im Leben der Großmutter einmal gegeben haben muss. Indem sie eine über das Schicksal der ehemaligen Reinemachefrau hinausreichende Biografie entwirft, schreibt sie auch ihr eigenes Leben neu und gibt ihm neuen Grund.

 

Was mich sehr berührt hat, ist  eine große Liebeserklärung an den Ehemann der Autorin. Mit ihm, schreibt sie, sei „alles besser, nur weil wir uns haben, auch wenn wir gerade kilometerweit voneinander entfernt sind“.

Ein kluges und sehr berührendes Buch. Ich bin auf das nächste Buch von Sandra Hoffmann  sehr gespannt.

 

 

 

 

 

 

 

Offshore. Ein Fall für Kostas Charitos

 

 

 

 

Petros Markaris, Offshore. Ein Fall für Kostas Charitos, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-07003-3

 

In allen seinen bisherigen Romanen der letzten Jahre hat sich der griechische Schriftsteller Petros Markaris mit seinem Kommissar Kostas Charitos, seiner Familie und seinen Kollegen und Bekannten als ein kritischer und Chronist der griechischen Verhältnisse gezeigt. Insbesondere seine Trilogie zur Finanzkrise mit den Bänden „Faule Kredite“, „Zahltag“ und „Abrechnung“ hat seinen Landsleuten schonungslos den Spiegel vorgehalten, aber auch den Lesern in Deutschland etwa eine ganz andere Sicht der tatsächlichen Lebensverhältnisse in Griechenland unter der Krise und der Knute der EU vermittelt.

 

Markaris nutzt mit Kriminalromamen ein literarisches Genre, um die gesellschaftlichen und politischen Zustände und Veränderungen der griechischen Gesellschaft im Zuge der Globalisierung  zu analysieren und zu beschreiben. Er unterhält nicht nur, sondern macht nachdenklich.

 

In seinem neuen hier vorliegenden Buch „Offshore“ hat er eine neue Regierung erfunden, unter der es in Griechenland wieder aufwärts geht, auch weil diese Regierung ideale Bedingungen geschaffen hat für ausländische Investitionen. Die Menschen können sich wieder etwas leisten und so geht auch Charitos wieder öfter essen und hat sein altes Auto auch wieder angemeldet. Seine Frau Adriani hingegen ist weiter skeptisch und traut der Lage nicht. Niemand denkt wirklich darüber nach, wo das so leicht verfügbare Geld eigentlich herkommt.

 

Dass der Mord an einem Reeder und dann auch ich an einem Regierungsbeamten, mit denen er im neuen Fall befasst ist, mit dieser neuen Entwicklung im Zusammenhang stehen könnten, das wird Charitos und dem gebannten Leser erst im Laufe der Zeit klar. Dass sein alter Widerpart auf der Seite der Journalisten, Sotiropoulos, im Laufe der Handlung brutal erschossen wird, macht nicht nur den Kommissar, sondern auch den Leser betroffen, der sich über viele Romane an diesen knorrigen und aufrechten Journalisten gewöhnt hatte. Sein Tod will mit wie ein Abgesang auf den kritischen Journalismus in Griechenland scheinen.

 

Es ist eine erfundene Situation, zugegeben, aber es könnte sein, dass diese Vision von Markaris bald schon zur harten Wahrheit in den Ländern Südeuropas werden könnte.

 

Sein Buch jedenfalls ist eine in einen Krimi gehüllte Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse in seinem geliebten Heimatland.

 

 

54 Minuten. Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe

 

 

 

Marieke Nijkamp, 54 Minuten. Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe, Fischer Verlag 2017, ISBN 978-3 8414-4016-7

 

Hier ist ein Buch anzuzeigen, das in den USA aus nachvollziehbaren Gründen ein großer Erfolg war. Es geht um das in den USA häufige Thema Amok in der Schule.

 

Das Buch beginnt am ersten Schultag des neuen Halbjahres an der Opportunity High School in Alabama. Während die Direktorin Mrs. Trenton ihre übliche Begrüßungsrede in der mit Schülern gefüllten Aula hält, haben sich zwei Schüler ins Schulbüro geschlichen, um in ihren Akten zu lesen. Draußen auf dem Sportgelände trainieren fünf Schüler und ihr Coach auf der Laufbahn für die neue Leichtathletiksaison. Wie immer ist die Rede der Direktorin exakt um zehn Uhr zu Ende. Aber heute ist alles anders.

 

Denn als die Versammlung zu Ende ist, sind die Türen der Aula verschlossen. Es gibt kein Entkommen. Der Schüler Tyler hat die gesamte High School in seine Gewalt gebracht. Es beginnt ein nervenaufreibendes Spiel zwischen dem Amokläufer und einigen Schülern, und es gibt Opfer. Denn Tyler schießt blindwütig um sich und trifft besonders diejenigen, mit denen  er eine Rechnung offen hat, Schüler, von denen er glaubt, dass sie ihm Unrecht getan haben

 

Die Autorin beschreibt die Geschichte dieses 54 lange Minuten dauernden Dramas aus der Sicht von Sylv, Tomas, Autumn und Claire. Alle vier haben oder hatten auf die eine oder andere Weise Kontakt zu dem Attentäter Tyler. Autumn  ist seine Schwester, Sylv wurde von Tyler bedroht, Tomas hat Tyler über lange Zeit fertig gemacht und Claire war eine Zeitlang mit ihm zusammen.

 

In wechselnden Abschnitten, die jeweils einen Zeitraum von nur wenigen Minuten umfassen, was die Spannung ungemein steigert, zeigt Marieke Nijkamp die unterschiedlichen Sichtweisen der vier Jugendlichen auf Tyler. In vielen Rückblenden wird nach und nach deutlich, wie es über eine lange Zeit zu einer Entwicklung gekommen ist, die an diesem Vormittag in der Aula der Opportunity High ihr grausames Ende nimmt. Beeindruckend ist, wie sich mehrere Schüler verzweifelt gegen die Entwicklung stellen und versuchen so viele Kinder wie möglich zu retten, auch indem sie ihr eigenes Leben auf das Spiel setzen. Dieser Mut sich vielleicht mit seiner letzten Lebenstat gegen den Täter zu stellen macht Mut und Hoffnung und ist , so ist man am Ende einer atemlosen Lektüre überzeugt, der Grundstein dafür, dass die Beteiligten dieses Drama in ihrem weiteren Leben auf die eine oder andere Weise überwinden werden und wieder zum Leben finden werden.

 

 

 

 

 

Menschenfischer

 

 

 

 

Jan Seghers, Menschenfischer, Kindler Verlag 2017, ISBN 978-3-463-40670-1

 

In seinem neuen sechsten Fall lässt Jan Seghers alias Matthias Altenburg seinen sympathischen Frankfurter Kommissar Robert Marthaler einem alten, einem sogenannten „kalten Fall“ nachspüren.

Ein Mord an einem Jungen im Jahr 1998 erschütterte damals das ganze Rhein-Main-Gebiet.  Der Mord an Tobias Brüning (Seghers hat sich hier wie so oft einen tatsächlichen Fall als Beispiel genommen wie er im Nachwort schreibt), dem die Kehle durchgeschnitten, Fleisch aus dem Oberschenkel genommen und die Hoden abgetrennt wurden, löste damals eine der größten Ermittlungsaktionen der Nachkriegsgeschichte aus. Doch der Täter wurde nie gefasst.

 

Marthalers alter Kollege Rudi Ferres hatte sich damals in beispielloser Aktivität mit den Ermittlungen befasst und nie aufgegeben, auch nachdem er sich in den Ruhestand nach Frankreich verabschiedete. Als nun Marthaler  2013 einen Anruf von jenem Rudi Ferres bekommt, der Fall sie wieder heiß. Angeblich seien neue Spuren aufgetaucht. Er solle sofort nach Frankreich kommen. Marthaler beißt an, obwohl ein Terroranschlag in Frankfurt alle in Atem hält und bekommt von seiner Chefin Charlotte von Wangenheim die Erlaubnis einige Tage Urlaub zu nehmen.

 

Marthaler nimmt die Akten an sich und kehrt angefixt von dem Fall nach Deutschland zurück, wo sich in der Nähe der Loreley bald eine neue Spur auftut. Dort sind zwei Roma-Jungen spurlos verschwunden.  Eine schillernde Kommissarin namens  Kizzy Winterstein ist dort mit den Ermittlungen beauftragt. Sie hat sowohl Romni als auch jüdische Wurzeln, weil beide Eltern als Babys das KZ überlebten. Eine literarische Figur, wie sie nur Jan Seghers erfinden kann.

Schon bald kommen Marthaler und Kizzy im Rahmen der Ermittlungen, die immer mehr Ähnlichkeiten zu dem Fall Brüning aufweisen, einander nicht nur dienstlich näher und es steht zu erwarten, dass Seghers mit Kizzy seinem tragischen Helden eine neue Gefährtin zugewiesen hat, die ihn  seine unglückliche Beziehung zu Tereza aus den letzten Bänden vergessen lässt.

 

Das Buch ist extrem spannend aufgebaut, wartet bis zum Ende immer wieder mit überraschenden Wendungen auf.  Jan Seghers zählt mit seinen durchrecherchierten und literarisch anspruchsvollen Politikthrillern zu den besten deutschsprachigen Autoren.

 

Weil er extrem hart und akribisch an seinen jeweiligen Büchern arbeitet, wird man nun leider wieder etwa drei Jahre auf den nächsten Band (dann wahrscheinlich wieder mit Kizzy Winterstein) warten müssen. Einen treuen Fan stört das nicht.

Tödlich Naher Osten. Eine Orientierung für das orientalische Chaos

 

 

 

 

Ulrich Kienzle, Tödlich Naher Osten. Eine Orientierung für das orientalische Chaos, sagas. Edition 2017, ISBN 978-3-9446601-2-7

 

Jeder aufgeklärte Zeitgenosse weiß es eigentlich seit Jahrzehnten. Der Nahe Osten ist ein Pulverfass, das irgendwann die Welt in Brand setzen wird. Journalisten wie Ulrich Kienzle und ganz unterschiedliche Wissenschaftlicher wie etwa Dan Diner („Versiegelte Zeit“) haben in Artikeln und Büchern seit langer Zeit immer wieder darauf hingewiesen. Unzählige Friedensinitiativen zwischen Israel und den Palästinensern sind fehlgeschlagen, die schwierige Situation hat sich immer weiter zugespitzt.

 

 

Nun ist seit Beginn des Syrienkrieges und dem immer erbitterteren Bruderkrieg zwischen Sunniten (Saudi-Arabien) und Schiiten (Iran) mit seinen zahlreichen Stellvertreterkriegen (z.B. Jemen) die Situation nicht nur dort noch explosiver geworden. Nicht nur durch die unzähligen Flüchtlinge, die sich von dort auf den Weg nach Europa machen, sind wir in Westeuropa und spezielle in Deutschland ganz nah dran an dem „tödlich Nahen Osten“.

 

Ulrich Kienzles neues Buch versucht  auf eine ganz besondere Weise so etwas wie „Orientierung für das orientalische Chaos“  zu schaffen für den deutschen Leser, der Kienzle aus seiner jahrelangen Fernsehsendungen noch kennt und schätzt.

 

Aus jedem Land des Nahen Ostens, das er aktuell beschreibt, stellt er in kurzen Gesprächen einen Menschen vor, der zur Zeit in Deutschland lebt, weil er dort bedroht war oder aus anderen Gründen fliehen musste. So gibt er seinen aufschlussreichen Geschichten authentische Gesichter und bricht die große Politik auf eine private Ebene herunter. Doch er blickt auch zurück in die Geschichte, berichtet von seiner Zeit als Nahost Korrespondent – und von seinen aktuellen Reisen.

 

Anhand der elf persönlichen Geschichten erklärt anhand von elf Ländern und Regionen des Nahen Ostens die wesentlichen Zusammenhänge der Konflikte zwischen Religion und Terror, Ost und West, Staaten und Ethnien.

 

Das Buch ist aufschlussreich, vermag aber so wie andere auch keine wirkliche Hoffnung vermitteln, dass sich an diesem Chaos im Orient in absehbarer zweit irgendetwas ändert, einfach deshalb, weil es keine gibt.

 

Unsere Außenpolitik scheint relativ hilflos angesichts dieser Diagnose. Ein Hochexplosiver Zustand, der uns auch ohne Flüchtlinge noch Jahrzehnte in Atem halten wird.