Archiv der Kategorie: Allgemein

125 Jahre Hertha BSC

 

 

 

 

 

Michael Jahn, Hardy Grüne, 125 Jahre Hertha BSC, Verlag Die Werkstatt 2017, ISBN 978-3-7307-0319-9

 

Mit diesem voluminösen Band machen die beiden Sportjournalisten Michael Jahn und Hardy Grüne (er hat schon viele anderen proträtiert)  der alten Dame Hertha zu ihrem 125. Vereinsjubiläum 2017 ein wunderbares Geschenk. Gleichzeitig beschenken sie jeden Fan dieses Traditionsvereins, der sich dieses Buch kauft oder es vielleicht zu den kommenden Feiertagen als Präsent erhält.

 

Von der Gründung im Jahre 1892 bis heute umfasst die ausführliche und sehr gut recherchierte Chronik alle entscheidenden Daten und Informationen. Unzählige Fotos bereichern einen Band, der auf 400 Seiten einen guten Einblick gibt in die Geschichte eines großen Vereins mit Höhen und Tiefen.

 

Ein großer Statistikteil am Ende des Buches darf natürlich nicht fehlen. Er liefert auch den jüngeren Fans vieles Wissenswertes rund um den Spielbetrieb ihres Vereins.

 

Für jeden Herthafan ein ideales Geschenk.

 

 

Depression durch die Kraft der Imagination bewältigen

 

 

 

 

 

 

Helmut Kuntz, Depression durch die Kraft der Imagination bewältigen, Beltz 2017, ISBN 978-3-40786494-9

 

Über die zur Volkskrankheit mutierte Depression sind schon viele Bücher und Ratgeber veröffentlicht worden in den vergangenen Jahren.  Das vorliegende Buch des Psychotherapeuten und Körpertherapeuten Helmut Kuntz präsentiert betroffenen Menschen, aber auch denen, die vorbeugend etwas dagegen tun möchten, dass sich ihre Verstimmungen nicht in eine ausgewachsene Depression hinein entwickeln, „Übungen zur Stärkung innerer Ressourcen“, die Kuntz im Laufe seiner langjährigen therapeutischen Praxis gesammelt bzw. selbst entwickelt hat. Sie können mit einem Code, der auf Seite 80 veröffentlicht ist, aus dem Netz heruntergeladen werden und den Lesern und Nutzern des Buches helfen, sich in einer entspannten Haltung die „Imaginationen“ anzuhören.

 

Helmut Kuntz geht, wie viele anderen Therapeuten auch, davon aus, dass jeder Mensch eine Fülle innerer Kräfte besitzt, die sich in Lebensmut und Lebensfreude verwandeln lassen, besonders in Phasen depressiver Verstimmungen oder auch schwereren Schüben. Dabei hängen Vorstellungskraft und Lebenskraft eng zusammen. Die inneren Bilder, die durch die angewandten Übungen entstehen, helfen dem Hörer und Leser, persönliche Kraftquellen sich zu erschließen und zu innerer Sicherheit und Ruhe zu finden. Auch Selbstliebe und die Heilkraft der Versöhnung können wieder gespürt und Glückserfahren neu belebt werden.

 

Ein hilfreiches Buch auch für Menschen, die nicht direkt an Depression leiden, sondern etwas für ihr inneres Erleben tun wollen.

 

 

55 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum. Unvergessliche Bilder, Fakten, Anekdoten

 

 

 

 

Ben Redelings, 55 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum. Unvergessliche Bilder, Fakten, Anekdoten, Verlag Die Werkstatt 2017, ISBN 978-3-7307-0326-7

 

55 Jahre Bundesliga aus der Sicht eines der bekanntesten und erfolgreichsten Fußballkomiker Deutschlands versprechen einen etwas anderen Blick auf das Massenphänomen Bundesliga. Denn chronologisch nach den Spielzeiten von 1963/64 bis 2016/2017 geordnet, werden hier auf je zehn Seiten pro Saison nicht etwa Tabellen, Ergebnissen und Torschützenlisten veröffentlicht, sondern kuriose, lustige  und witzige Ereignisse rund um Vereine, Spieler und Trainer zitiert.

 

Nach etwa 20 kurzen Geschichten sind auf der letzten Seite pro Saison noch einmal die „Zitate der Saison“ aufgeführt. Zum Teil wirklich zum Weglachen.

 

Für eingefleischte Bundesligafreunde ein schönes Geschenk.

 

 

Baustellenfahrzeuge

 

 

 

 

 

 

Ralph Späth, Ralf Butschkow, Baustellenfahrzeuge, Ravensburger Verlag 2017, ISBN 978-3-473-55406-5

 

Das Lesen und interaktive Verstehen von Büchern für Kindern mit dem tip toi- Stift ist eine sensationelle Neuheit, die das Lernen für Kinder mit Büchern schon jetzt nach einigen Jahren revolutioniert hat. Einmal angeschafft, passt der Stift zu immer mehr Produkten aus dem Ravensburger Verlag, wie zum Beispiel das Buch „Mathe 2. Klasse“, mit dem Ravensburger einen lukrativen Markt betritt, denn das System ermöglicht es Kindern auch ohne Nachhilfe ihren Stoff zu bewältigen.

Tip Toi ist ein audiovisuelles Lernsystem für Bücher und Spiele, mit dem die Kinder die Welt spielerisch entdecken. Tippt das Kind mit dem Stift auf ein Bild oder einen Text oder ein entsprechendes Symbol, erklingen passende Geräusche, Sprache oder auch Musik. Eine intelligente Elektronik ermöglicht Kindern, Bücher und Spiele völlig eigenständig immer wieder neu zu erleben.

Ich kann das System nur empfehlen. Die TipToi Büchern sind etwa ein Drittel teurer als die herkömmlichen Wissensbücher bei Ravensburger, aber diese Investition in das Lernen und vor allem die Lernfreude ihres Kindes lohnt sich.

Das vorliegende Buch für Kinder zwischen vier und sieben Jahren will mit zahlreichen interaktiven Lernspielen und Aufgaben auf eine spielerische Weise die Kinder in die spannende und vor allem kleine Jungen interessierenden Welt der Baustellenfahrzeuge einführen. Es zeigt und beschreibt Bagger, Radlader, Kräne, Kipplaster, Transportfahrzeuge, Betonmischer und Walzen und zeigt , wie es auf einer großen Baustelle zugeht.

 

Das Buch ist ideal für Tiptoi Einsteiger ab vier Jahren.

 

 

 

 

 

 

 

Berlin 1933-1945. Eine Chronik in Bildern

 

 

 

 

Antonia Meiners. Berlin 1933-1945. Eine Chronik in Bildern, Edition Braus  2017, ISBN 978-3-86228-159-6

 

„Wir können es nicht verstehen“, schrieb der KZ-Überlebende Primo Levi in einem seiner wichtigen und unvergessenen Bücher. „Aber wir können und müssen verstehen, woher es entsteht, und wir müssen wachsam bleiben. Wenn es schon unmöglich ist zu verstehen, so ist doch das Wissen notwendig. Denn das Bewusstsein kann wieder verführt und verdunkelt werden: auch das unsere.“

 

Diese so überaus aktuellen Worte haben Antonia Meiners neben anderen ihrem wichtigen Buch vorangestellten Zitate dazu bewegt, in der Edition Braus ein kleines Buch zu veröffentlichen, das in verständlichen und sehr lehrreichen Texten gerade für die jüngere Generation und in zahllosen Bildern die Geschichte der Hauptstadt Berlin während der Zeit der Hitler-Diktatur und der Herrschaft des Nationalsozialismus zeigt.

 

Es war das dunkelste Kapitel in der Geschichte der deutschen Hauptstadt. Dieser Band ruft es ins Gedächtnis und erinnert an das Schicksal seiner Bewohner. Neben den schon erwähnten Texten und Fotografien zeigen auch viele Tagebucheinträge, wie sich das Leben in Berlin während der Jahre der Naziherrschaft veränderte.

 

Für historisch interessierte Menschen sehr empfehlenswert. Eignet sich auch als kurze Einführung in die Geschichte des Nationalsozialismus.

Endland

 

 

 

 

Martin Schäuble, Endland, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25702-3

 

Das neue Buch des Schriftstellers Martin Schäuble ist eine hauptsächlich für Jugendliche geschriebene, aber auch für Erwachsene höchst interessante Dystopie, die einem beim Lesen jedoch wegen ihrer Realitätsnähe doch sehr unter die Haut geht.

 

Die Handlung spielt etwa zwei bis drei Jahre in der Zukunft. Eine der AfD sehr ähnliche Partei namens „Die nationale Alternative“ hat mit absoluter Mehrheit die Wahl gewonnen und die Regierung gebildet.

Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt, Flüchtlinge heißen offiziell Invasoren, Deutschland ist aus der EU ausgetreten, hat sich politisch und wirtschaftlich isoliert. Die D-Mark  ist wieder Zahlungsmittel, das Kopftuchverbot wird streng gehandhabt und es gibt neue, national gereinigte Lehrpläne an den Schulen. Genauso wie man es im Programm der AfD lesen kann. Obwohl es bei Houllebecqs „Die Unterwerfung“ die Islamisten sind, die in Frankreich an die Macht kommen, zeichnet Schäuble bis auf ein hoffnungsvolles Ende zunächst ein ähnlich düsteres Bild, in dem mit dem Fall Franco A. die Realität sogar, selbst zu des Autors eigener Überraschung, die Fiktion überholte.

 

Zu den handelnden Personen: Da ist Anton, der gerade seinen Wehrdienst absolviert, politisch stramm rechts eingestellt ist, auf der Linie der „Nationalen Alternative“. Durch seine Homosexualität und die Tatsache, dass sein Partner Noah ein Regierungskritiker ist, ist er erpressbar und kann einen Geheimauftrag, den er bekommt, nicht ablehnen. Eine radikale Splittergruppe der Regierungspartei schickt ihn als angeblichen Flüchtling in ein Flüchtlingslager, damit er dort einen Anschlag verüben soll. Die Begegnung mit den Flüchtlingen dort verändert ihn ganz allmählich, besonders die Begegnung mit der jungen äthiopischen Flüchtlingsfrau Fana, die vor dem Hunger und dem Elend in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen ist und deren Weg von ihrem Leben in Äthiopien bis in das Lager Martin Schäuble sensibel und genau erzählt. Er lässt sie immer abwechselnd mit Anton und Noah zu Wort kommen und erzeugt damit eine ganz besondere Authentizität der drei Personen, ihrem Umgang mit den Verhältnissen und ihrer jeweiligen Veränderung.

 

Das Buch ist gründlich recherchiert. Man spürt, dass Schäuble sich nicht nur in Äthiopien gut auskennt, sondern auch die Politik der Rechten genau studiert hat. Er hat sein Buch jenen 71 Menschen gewidmet, die in Österreich in einem Lastwagen auf der Flucht erstickten. Sie tauchen in seinem Buch auf, überleben dort aber.

 

Ein politischer Thriller für Jugendliche und Erwachsene , wie er aktueller nicht sein könnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Sandmaler

 

 

 

 

 

Henning Mankell, Der Sandmaler, Zsolnay 2017, ISBN 978-3-552-05854-5

 

Zwei Jahre nach dem Tod des großen schwedischen Schriftstellers Henning Mankell veröffentlicht sein Hausverlag Zsolnay in Wien sein allererstes in Schweden 1974 schon erschienenes Buch „Der Sandmaler“. In diesem Buch verarbeitet der junge Henning Mankell die Eindrücke, die er auf seiner ersten Afrikareise machte, die ihn 1971 nach Guinea-Bissau führte, das zu diesem Zeitpunkt noch eine portugiesische Kolonie war. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen entstand zwei Jahre später der Roman „Der Sandmaler“, in dem die Themen aller später folgenden Afrikaromane Mankells und sein späteres Engagement mit seinem Theaterprojekt in Maputo schon angelegt sind. Leider haben diese Bücher bei weitem nicht den großen Erfolg gehabt, wie seine Wallander-Romane, aber vielleicht werden sie länger gelesen werden als diese.

 

Konnte man in den beiden letzten Büchern von Henning Mankell „Treibsand“ und „Die schwedischen Gummistiefel“ den sich selbst todkrank wissenden Schriftsteller bei einer einzigartigen literarischen Bilanz seines Lebens und seiner Erfahrungen begleiten, kann der Leser von „Der Sandmaler“ Mankells erste zugegebenermaßen noch etwas unsicheren Schritte als Schriftsteller mitgehen. 23 Jahre war er damals alt und doch schon in der Lage, mittels seiner Hauptfiguren Wesentliches einzufangen von Afrika und dem Kolonialismus, das er dann später auf viel tieferem Niveau und mit immer erfahrener literarischer Kunst beschrieben hat.

 

Elisabeth und Stefan, die sich schon seit einiger Zeit kennen, treffen sich zufällig auf dem Flughafen, weil sie die gleiche Reise nach Westafrika gebucht haben. In einem Land, das ohne Namen bleibt, wollen sie zwei Wochen Urlaub machen und viel im Meer baden. Auch an Bord ist Sven, den Mankell als männlichen Gegenpart zu dem nur auf Genuss und Lustgewinn bedachten voller rassistischer Vorurteile steckenden Stefan zeichnet. Er hat eine ziemlich klare Analyse, kritisiert den Kolonialismus und den Kapitalismus, die die Menschen dort so arm halten.

 

 

Elisabeth, mit der sich Mankell stark identifiziert, bemüht sich, die Menschen, die sie dort trifft, die Bräuche und ihre Lebenseinstellungen wirklich kennenzulernen und zu achten. Sie trifft auf Ndou, einen kleinen Jungen, der ihr seine Dienste anbietet, und mit dem sie so etwas wie eine Freundschaft entwickelt. Auch seiner großen Schwester Yene kommt sie näher, und verachtet sie auch nicht, als sie mitbekommt, dass Sven mit diesem Mädchen, das sich ihm aus Not angeboten hat, sexuellen Verkehr hat.

Aus vielen kleinen Episoden zusammengesetzt, die die einzelnen Personen einzeln oder in wechselnden Konstellationen zusammen erleben, ergibt sich ein  beeindruckend vielfältiges Panorama aus Eindrücken und Erfahrungen. Mankell will schon hier eine Botschaft senden, der er später sein halbes Leben widmen sollte, nämlich Menschen mit anderen kulturellen Wurzeln mit Achtung und Respekt aufgeschlossen zu begegnen.

 

Der  „Sandmaler“, der dem Buch seinen Titel gab, ist ein etwa Zwanzigjähriger junger Mann, auf dessen in den Sand gemaltes Porträt Elisabeth eines Tages trifft. Der junge Mann beobachtet sie, malt dann in Minutenschnelle ein Porträt Elisabeths und schreibt zwei Sätze in den Sand. „Die Zukunft ist ein sozialistisches Afrika“ und  „Der Sozialismus rettet auch euch“.

 

Damals, so denke ich, war auch Henning Mankell noch dieser Meinung. Heute wissen wir, dass dieses Modell Afrika nicht das gebracht hat, was es braucht, und es scheint, als stünde der Kontinent noch immer am Anfang. Wenn Angela Merkel sagt, Afrika wird uns noch jahrzehntelang beschäftigen, dann ist das richtig und das nicht nur wegen der Millionen von Menschen, die aus mangelnder Perspektive diesen Kontinent in Richtung Europa verlassen wollen.

 

„Der Sandmaler“ ist noch längst nicht das literarische Meisterstück, das Mankells spätere Werke auszeichnet. Es zeigt aber die Anfänge eines Schriftstellers, der wie kaum ein anderer sein literarisches unermüdliches Schaffen mit einem nicht weniger engagierten politischen Engagement vor Ort verband.

 

 

Halali

 

 

 

 

Ingrid Noll, Halali, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-06996-9

 

Mit den Büchern von Ingrid Noll geht es mir seit Jahren so ähnlich wie mit den Brunetti – Romanen von Donna Leon, die wie Nolls Romane ebenfalls bei Diogenes in Zürich erscheinen.  Weil ihre Vorgänger so überaus erfolgreich waren, neigen die Autorinnen dazu, auch im nächsten,  von einer treuen und nicht kleiner werdenden Fangemeinde sehnlichst erwarteten Buch mit dem gleichen Strickmuster zu arbeiten.

 

Bei Ingrid Noll sind es vorzugsweise Frauen, die, mit viel schwarzem Humor beschrieben, auf die eine oder andere geniale Weise unliebsame Zeitgenossen entsorgen und sie sich vom Hals schaffen.

 

Im vorliegenden neuen Roman erzählt die über 80-jährige Holda ihrer mit ihr im gleichen Hochhaus wohnenden Enkelin Laura eine Geschichte aus den Gründungstagen der Bonner Republik. In der kurzen Rahmenhandlung, den Gesprächen mit ihrer hippen Enkelin, die eigentlich nur dazu dient, die Erzählung ab und zu unterbrechen zu können, zeigt sich die alte Erzählerin als auch der modernen Sprache mächtige Frau, die sich perfekt mit ihrer Enkelin versteht und es schafft, ihre Spannung und ihr Interesse an einer unglaubliche Geschichte wachzuhalten, der eine originelle Mischung aus Kriminalkomödie und Agentenroman gelingt.

 

Holda arbeitet zusammen mit Karin im Innenministerium der neuen Republik. Sie im Vorzimmer, Karin in der Dunkelkammer. Eines Tages stoßen sie in einem Versteck auf eine kryptische Botschaft. Schnell haben sie einen Vorgesetzten namens Jäger im Verdacht und furchtlos wird ihnen bald klar, dass dieser wohl in einen Spionagefall verwickelt ist. Furchtlos und bald selbst gegenspionagemäßig in Aktion tretend werden die beiden jungen Frauen aktiv. Nicht zu ihrem eigenen Nachteil wie sich bald herausstellen wird.

 

Wie in allen früheren Romanen bietet  Ingrid Noll köstliche und leichte Unterhaltung mit Menschen, deren böse Seite ihrer  Persönlichkeit sie vorzugsweise  zum Ausdruck bringt und mit selbstbewussten  Frauen, die meist ohne strafrechtliche Folgen sich Probleme vom Hals schaffen.

 

Witzig und überaus amüsant  ist eine solche Lektüre  und ihre treuen  Fans wünschen sich von der agilen Ingrid Noll noch viele weitere  Romane.

 

Trump verrückt die Welt. Wie der US-Präsident sein Land und die Geopolitik verändert

 

 

 

 

 

Ansgar Graw, Trump verrückt die Welt. Wie der US-Präsident sein Land und die Geopolitik verändert, Herbig 2017, ISBN 978-3-7766-2807-4

 

Dieses aktuelle Buch des langjährigen USA Korrespondenten der WELT, Ansgar Graw wurde in mit dem „Journalisten Award 2017“ ausgezeichnet und liefert viele neue erhellende Informationen und Eichsichten zum dem Phänomen Trump. Es wird sicher nicht das letzte bleiben, denn der Erklärungsbedarf von Trumps Wesen wird nicht nachlassen, im Gegenteil.

 

Für die ganze eine furchtbare Zumutung, ist sich Trump der Unterstützung seiner Wählerschaft nach wie vor sicher. Ansgar Graw schöpft aus acht Jahren Erfahrung in den USA, Reisen durch das ganze Land, wenn der Donald Trump vor aller aktuellen Empörung in einen politischen, gesellschaftlichen und erfreulicherweise auch historischen Kontext setzt. Bei der Wahl Trumps hat sich die USA in mehrere Bruchlinien gespalten, Brüche, die schon lange schwelten und nun sich verfestigen, sodass manche nach den Unruhen von Charlottesville schon von einem möglichen neuen Bürgerkrieg sprachen.

„Die Amerikaner sind so uneinig wie nie zuvor nach dem Sezessionskrieg im 19. und der Bürgerrechtsbewegung im 20. Jahrhundert. Ein Ausdruck dessen war, dass Trump zwar die electoral vote der Wahlleute klar für sich entschied, aber Clinton in der popular vote der Direktstimmen mit einem Vorsprung von fast 2,9 Millionen Stimmen deutlich vor ihm landete.“

Ansgar Graw zeichnet in seinem Buch ein ausführliches Bild der familiären und politischen Biographie Trumps – inklusive seiner zahlreichen politischen Kehrtwenden, zweifelhaften geschäftlichen Usancen und unzweifelhaften charakterlichen Schwächen. All das, was die Welt seit seinem Wahlkampf empört – es ist nicht neu. Trump bleibt sich treu. Er ist Teil und Ausdruck eines historischen Stranges der amerikanischen politischen Kultur, des politischen Populismus.

 

Graw ist der Überzeugung, dass auch in einer Zeit nach Trump (mit oder ohne Amtsenthebungsverfahren) diese Brüche und Kontinuitäten bleiben werden.  Dabei bleibe Europa auf die USA angewiesen, sagt er und kritisiert kürzliche Äußerungen Angela Merkels, Europa könne sich nicht mehr auf die USA verlassen:

„Insbesondere für Deutschland wäre eine neue Mittellage zwischen Amerika und Russland fatal, weil sie Misstrauen bei allen Nachbarn, den Polen und Franzosen allen voran, wecken würde. Darum sollte Berlin seine Rüstungsanstrengungen erheblich stärken, aber zugleich intensiv daran arbeiten, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht verwechselt werden mit der Präsidentschaft des Donald Trump. Außenpolitik ist an Interessen orientiert, nicht an einzelnen Akteuren. Europa muss die USA davon überzeugen, dass die gemeinsamen Interessen überwiegen.“

 

Ein wichtiges, kluges, differenziertes und wohltuend unaufgeregtes Buch.

 

 

 

Die Nacht von Rom

 

 

 

 

Giancarlo de Cataldo, Carlo Bonini, Die Nacht von Rom, Folio 2016, ISBN 978-3-85256-700-6

 

Als Papst Franziskus im März 2015 an eigentlich erst 2025 wieder stattfindendes außerordentliches Heiliges Jahr mit den Worten „Das ist die Zeit der Barm­herzig­keit. Es ist wichtig, dass die Gläubigen sie leben und in alle Gesell­schafts­bereiche hinein­tragen. Vorwärts!““ ankündigte, da stöhnten die Römer auf, würden doch statt der 13.4.Millionen Touristen im Jahr 2014 möglicherweise fast 33 Millionen über die Stadt herfalle-.

 

Wie soll man sie alle unter­bringen, wie verkös­tigen, wie trans­portieren, wie ihren Müll entsorgen, wo doch all das mit den fast drei Millionen Römern kaum gelingt? Die Infra­struktur Roms ist ein ewiges Provi­sorium, und seit der Regierung der 5- Sterne Bürgermeister eine Katastrophe.

Doch nicht wenigen Leute kommt diese Ansage des Papstes sehr gelegen. Ein schon in früheren Zeiten eingeschworene Gruppe von Politi­kern, Unter­nehmern, vatika­nischen Würden­trägern und Clan­führern ehren­werter Gesell­schaften wittert lukrative Geschäfte.

Von ihnen erzählen Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini in ihrem Thriller  „Die Nachht von Rom“ den der Folio-Verlag jetzt in der Über­setzung von Karin Fleischanderl dem deutsch­sprachigen Publikum präsentiert. Die beiden Autoren, Richter der eine, Jour­nalist der andere, sind mit den realen Vorgängen bestens vertraut und können deren fiktionale Dar­stellung deshalb so aufbe­reiten, dass manche Schlüssel­figur und mancher Skandal als Anspie­lung verstanden wird.

Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini haben ein ebenso viel­schich­tiges wie span­nendes, amü­santes wie de­primie­rendes Porträt der ewigen Stadt am Tiber gezeich­net. Trotz Chaos und Verfall strotzt sie vor Vitalität und Über­lebens­willen, Initiative und Geschäfts­tüchtig­keit. Um sich in der öffent­lichen Unord­nung durch­zu­schlagen, helfen Improvi­sations­talent, Egoismus und Rück­sichts­losig­keit, und wer besonders viel davon mitbringt, kann es mit Geschick, Geschenken und Gewalt bis an die Spitze schaffen.

 

Wie in seinen früheren, allein verfassten Büchern geht es Giancarlo De Cataldo um eine gnadenlose Kritik an den politischen Zuständen in der italienischen Gesellschaft. Sein Kollege Camilleri hat seine Thriller in einer Kritik in Italien als „ein gigantisches Fresko einer globalen Niederlage, einer Niederlage nicht nur seiner Protagonisten, sondern unserer Gesellschaft insgesamt“ bezeichnet.

 

Da stimmt wohl.