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Meine Geschichte der deutschen Literatur

 

 

 

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Marcel Reich-Ranicki, Meine Geschichte der deutschen Literatur, Pantheon 2016, ISBN 978-3-570-55312-1

 

Drei Jahre ist es nun schon her, dass die klare und deutliche Stimme Marcel Reich-Ranickis nicht mehr zu hören ist in den deutschen Feuilletons. Unter den anderen großen Literaturkritikern ist auch keiner in Sicht, der jemals in seine Fußstapfen treten könnte. Aber vielleicht geht das auch gar nicht.

 

Wenn man das von dem Marburger Literaturwissenschaftler Thomas Anz herausgegebene Buch „Meine Geschichte der deutschen Literatur. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ , dass nun in einer preiswerten Taschenbuchausgabe vorliegt, zur Hand nimmt und beginnt darin zu lesen, dann bekommt man auch einen Eindruck, warum das so ist.

 

Die Auswahl von Thomas Anz ist genau nach dem Vorsatz Reich-Ranickis entstanden, „der Verzicht auf einen Kanon würde den Rückfall in die Barbarei bedeuten“. Die vorliegende Sammlung ist die bisher umfassendste Ausgabe von Essays eines Menschen, der sein ganzes Leben lang seine leidenschaftliche Begeisterung für die deutsche Literatur zeigte, wo immer er einen geeigneten Platz dafür fand. In großen deutschen Feuilletons, dann auch in der unvergessenen Fernsehsendung „Das Literarische Quartett“ und immer wieder in eigenen Büchern hat er immer für eine eigenwillige Auswahl an Literatur gestanden und dabei nicht selten anderen Autoren Unrecht getan.

 

Auf jeden Fall hat Reich-Ranicki immer „Kante“ gezeigt, wie die jungen Leute heute sagen würden. Die vorliegende Auswahl von Essays zeigt das deutlich. Thomas Anz, ein ganz besonderer Kenner des Werks von Reich-Ranickis hat sie in 5 Teile gegliedert.

In einem ersten einführenden Teil sind drei Essays wieder zugänglich gemacht, die sich allgemein mit deutscher Literatur befassen:

„Das Herz – der Joker in der deutschen Dichtung“ (1982)

„Die verkehrte Krone oder Juden in der deutschen Literatur“ (1995)

„Frauen dichten anders“ (1998)

 

Es folgen die Kapitel.

  • Vom Mittelalter bis zur Romantik
  • Vormärz und Realismus
  • Literarische Moderne bis 1945
  • Von der Nachkriegsliteratur bis zur Gegenwart

Es macht Sinn, die drei Essays zur Einführung zuerst zu lesen, bevor man dann, sicher in  einer subjektiven Auswahl sich andere Texte des Buches vornimmt. Schon hier wird deutlich, wie enthusiastisch, aber auch provozierend und zornig, der große Mann der Literatur an sein Sujet heranging. Beeindruckend immer wieder sein fast enzyklopädisches Wissen nicht nur über die deutsche Literatur.

 

In einen umfangreichen Anhang findet der Leser nicht nur eine Übersicht der gesammelten Schriften Marcel Reich-Ranickis +über deutsche Literatur von 1963 bis 2012, sondern auch ein Personenregister und ein Nachweis über die Erstveröffentlichungen und Wiederabdrucke der hier versammelten Essays.

 

Eine beeindruckende editorische Leistung.

 

 

Aller Tod ist nur Geburt

 

 

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Olaf Daecke (Hg.), Aller Tod ist nur Geburt. Dichter und Philosophen über Tod und Trauer, Urachhaus 2016, ISBN 978-3-8251-5101-0

 

Nicht nur die Anthroposophie, sie aber ganz besonders,  geht davon aus,  dass unser menschliches Leben von der Geburt bis zum Tod verschiedene Entwicklungsstufen durchläuft. Während viele Menschen durch immer größer gewordenen  Druck gar keine Muße mehr finden, über ihr Leben nachzudenken um es gegebenenfalls auch in eine andere Richtung zu lenken, haben die Dichter zu allen Zeiten diese Poesie besessen, indem sie die Verschiedenartigkeiten der menschlichen Lebens- und der Entwicklungsstufen  beschrieben und charakterisiert haben.

 

Olaf Daecke hat 2014 in seinem Buch „Und mancher ist noch auf dem Weg“ insgesamt acht dieser Lebensstufen identifiziert  und zu jeder eine Anzahl von Gedichten und auch Prosatexten  von Dichtern verschiedener Epochen ausgewählt. Wertvolle Texte hatte er damit zur Verfügung gestellt, die bei Wendepunkten im Leben und in Krisen helfen können, zu neuen orientierenden Einsichten  und Vertiefungen zu kommen.

 

 

Nun setzt er diese Arbeit mit einem ähnlich aufgemachten Büchlein führt, in dem er Dichter und Philosophen zu dem letzten Wendepunkt im Leben, dem Tod befragt und auch nachspürt, was sie zum Thema Trauer zu sagen haben. Sie sollen helfen, „den Tod als eine  Übergang, als eine Schwelle auf dem Weg von einem Dasein in ein anderes und in eine geistige Welt verstehen zu lernen.“

Endspurt

 

 

 

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Wolfgang Bosbach, Endspurt, Quadriga 2016, ISBN 978-3-86995-092-1

 

In diesem langen Gespräch mit dem ebenfalls aufrecht konservativen Journalisten Hugo Müller-Vogg bilanziert der bekannte CDU-Politiker Wolfgang Bosbach nicht nur sein politisches Leben.

Es ist die Geschichte eines aufrechten Konservativen, der auch innerhalb seiner Partei oft gegen den Strom schwamm, wenn es darum ging, seine Meinung und Haltung zu vertreten und sich billigen, oft nur dem Machterhalt dienenden Kompromissen zu verweigern.

 

Allenthalben wird davon geredet und geschrieben, dass durch die Sozialdemokratisierung der CDU unter Angela Merkel die bürgerlichen Konservativen dort ihre Heimat verloren haben und die rechten Ränder mit der AfD unnötig gestärkt wurden. Diesem Heimatverlust und nicht nur seiner Prostatakrebserkrankung ist auch geschuldet, das Wolfgang Bosbach nach dem Ende der laufenden Legislaturperiode sein Mandat aufgibt.

 

Ob er dann all das, was er nach eigenen Angaben in seiner Familie und in seinem Privatleben versäumt hat, noch nachholen kann, wage ich zu bezweifeln. Denn bei allem Respekt vor den bürgerlich-konservativen Überzeugungen dieses gradlinigen Mannes, glaube ich, dass man auch nach der Aufgabe seines Mandats viel von ihm hören und lesen wird, solange es eine Krankheit zulässt. Wolfgang Bosbach ist ein Mensch, der gar nicht mehr anders kann, der die Öffentlichkeit braucht. Er hat nie wirklich Nein sagen können zu Anfragen an ihn.

 

Wenn man das von Hugo Müller-Vogg geführte Gespräch liest, wird die Achtung vor Bosbachs wohlbegründeten Überzeugungen ähnlich groß wie das Gefühl, dass da einer durchaus auch mit seiner Rolle, seiner Bekanntheit und seiner Haltung kokettiert. Aber das machen die meisten anderen Politiker auch, quer durch die Parteien.

 

Mein Fazit: dieser Mann und Politiker wird dem Bundestag fehlen, die Positionen, die er vertritt, dürfen aber nicht auswandern aus der CDU, weil sie sonst viele bürgerlich konservativ denkende Menschen (und es gibt davon mehr, als man denkt und als diese zugeben) heimatlos machen würden. Und: Politik ist ein Geschäft, das sich eigentlich nicht verträgt mit dem Leben in einer Familie und der Verantwortung für Kinder. Was das für Politikerkarrieren in der Zukunft bedeutet, wage ich mir nicht vorzustellen.

 

 

Das grosse Buch vom kleinen Nick

 

 

 

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Goscinny und Sempe, Das grosse Buch vom kleinen Nick, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-01188-3

 

In diesem schönen und repräsentativen Geschenkband sind die 50 besten Abenteuer vom kleinen Nick versammelt, einem der erfolgreichsten Kinderbuchhelden aller Zeiten. Sie bestechen allesamt durch einen unwiderstehlichen Alltagshumor, der Erwachsene wie Kinder begeistert.

Rene Goscinny fesselt durch exzellente, treffgenaue Erzählungen von Allerweltsbegebenheiten aus Kindersicht. Sempé wiederum versteht es diesen Band durch Karikaturen zu bereichern, bei deren Betrachtung immer wieder neue, witzige Kleinigkeiten zum Vorschein kommen.
 

Diese Geschichten versetzen den Leser in die eigene Kindheit mit all ihren Streichen, die man selbst erlebt oder ausgeheckt hat. Obwohl sie bereits über 50 Jahre alt sind, haben sie weder an Aktualität noch an Attraktivität verloren und werden auch in vielen Jahren noch aktuell sein und Generationen von Lesern verzaubern.

Reich gedeckt

 

 

 

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Nora Steen, Reich gedeckt. 52 Herzensstärkungen, Neukirchener Verlag 2016, ISBN 978-3-7615-6358-8

 

Nora Steen, die Autorin des vorliegenden Andachtsbuches, ist Pfarrerin in der deutschen Gemeinden in Lissabon und einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden als Sprecherin des Wortes zum Sonntag in der ARD.

 

Die 52 HerzensStärkungen versteht sie als Tischgeschichten in der Tradition Martin Luthers. Dabei hat sie für jede Woche bzw. einzelne Festtage eine Andacht verfasst. Angelehnt an eine biblische Geschichte oder auch nur ein einzelnes Bibelwort, erzählt sie eine selbst erlebte oder gehörte Geschichte, die sie mit einem Gebet oder einem Gedicht abschließt.

 

Sie möchte mit ihren Geschichten einen Gesprächsraum eröffnen, „in den ich meine Spur eintrage. Und wenn es gut läuft, dann kommen viele weitere Spuren dazu.“

Geschichten, die Körper und Geist gut tun und einen frisch gestärkt weitergehen lassen.

 

Das Buch ist hervorragend geeignet für den Einsatz in kirchlichen Gruppen oder vor Gremiensitzungen und lädt ein zum Gespräch.

 

 

In einer weißen Winternacht

 

 

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Jean E. Pendziwol, Isabelle Arsenault, In einer weißen Winternacht, Verlag Freies Geistesleben 2016, ISBN 978-3-7725-2682-4

 

 

Was geschieht alles draußen in einer weißen Winternacht, während  der kleine Junge im Haus in seinem warmen Bett liegt und versucht einzuschlafen?

 

In einem wunderschönen zart und einfühlsam illustrierten Gute-Nacht-Buch haben Jean Pendziwol und Isabelle Arsenault mit Worten und Bildern das leise Leben in einer Winternacht eingefangen.

 

Beides hat es mit angetan und mich berührt: die poetischen Texte von Jean Pendziwol, die vorgelesen werden wollen wie Gedichte, langsam und mit Ausdruck und die warmen Zeichnungen von Isabelle Arsenault, die in dem kleinen Betrachter eine ganz tiefen und friedlichen Eindruck hinterlassen.

 

Eine Geschichte, die so wunderbar ist wie ein Traum.

Geld, Gesellschaft und Gewalt. Kapital und Christentum 1

 

 

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Eugen Drewermann, Geld, Gesellschaft und Gewalt. Kapital und Christentum 1, Patmos 2016, ISBN 978-3-8436-0817-6

 

Wie man es von Eugen Drewermann gewohnt ist, geht er auch in dieser neuen Veröffentlichungsreihe mit dem Untertitel „Kapital & Christentum“ sein Thema grundsätzlich an, mit unendlich viel von ihm bearbeiteten Material, historischem und noch mehr zeitgenössischem, Verweisen auf die Literatur und unzähligen Anmerkungen und Verweisen.

 

Was in seinen früheren Büchern schon immer durchleuchtete, wird hier grundsätzlich und grundlegend behandelt: seine Kritik an der zerstörerischen Kraft des Kapitalismus. Hatte der Theologe und Psychoanalytiker früher oft auf die Folgen dieser Wirtschafts“ordnung“ und Produktionsweise für die einzelnen Menschen und ihr Zusammenleben hingewiesen, so legt er in diesem ersten Band seiner neuen Reihe den Fokus auf die Zerstörung der Umwelt und der hemmungslosen Ausbeutung  aller natürlichen Ressourcen durch den Menschen. Doch nicht nur die Natur und ihre Grundlagen werden mit einer großen Aggressivität zerstört, sondern der Kapitalismus in seiner neoliberalen Form mit seinem Wachstumswahn und seinem ihm immanenten Konkurrenzzwang zerstört langsam und immer mehr die Grundlagen und die Strukturen unserer Demokratie.  Politiker werden beschrieben, die nur noch als Getriebene handeln können. Man kann sie regelmäßigen Abstanden in den Medien beobachten.

 

In drei großen Kapiteln

  • Faire Preise
  • Faire Löhne
  • Fairer Handel

 

erklärt Drewermann sehr verständlich, aber wie immer mit vielen Details, die Bedeutung der wirtschaftlichen Strukturen. Immer wieder betont er die historischen Zusammenhänge der gegenwärtigen Lage und formuliert Lösungswege, die einleuchtend und tatsächlich realisierbar scheinen.

 

Er plädiert für eine nachhaltige und nicht länger wachstumsorientierte Wirtschaftsform. Interessant und aufschlussreich fand ich, dass Drewermann immer wieder sein tiefenpsychologisches Fachwissen einbringt, um damit gegenwärtige globale Phänomene zu beschreiben und zu erklären.

 

Was das alles mit der christlichen Tradition zu tun hat, wird, so nehme ich an, in den nächsten Bänden der Reihe erläutert.

 

 

 

 

Das Kamasutra der Frösche

 

 

 

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Tomi Ungerer, Das Kamasutra der Frösche, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-02138-7

 

In seinem 1982 zum ersten Mal veröffentlichten Karikaturenband „Das Kamasutra der Frösche“ nimmt der Schweizer Künstler Tomi Ungerer das vermeintlich freie Liebesleben und die Sexwelle der 60er und 70er Jahre aufs Korn. Komisch und mit großer Lust an der Provokation illustriert Ungerer das Kamasutra auf seine erotomane Art. Er setzt die ehrwürdigen Kamasutra-Weisheiten und erotischen Ratschläge auf seine Art um – durch respektlose Frösche.

 

Ein Klassiker des erotischen Komik.

 

Wer wir waren

 

 

 

 

 

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Roger Willemsen, Wer wir waren, S. Fischer 2016, ISBN 978-3-10-397285-6

 

Menschen und Intellektuelle wie der verstorbene Roger Willemsen fehlen unserem Land wie das Wasser der Wüste. Das spürt man wieder deutlich, wenn man die schmale Fassung seiner Zukunftsrede liest, die er eigentlich zu einem großen Buch unter dem Titel „Wer wir waren“ veröffentlichen wollte. Aus der Perspektive der Zukunft wollte er die Gegenwart betrachten und das Nötige dazu sagen:

„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“

 

Mit einer beeindruckenden Gabe der Beobachtung und glasklarer Analyse spricht er von einer neuen „Qualität der Flüchtigkeit“ und hält trotz der tief melancholischen Stimmung seines Textes ein flammendes Plädoyer dafür, dass wir unser Sein in der Gegenwart wieder ernst nehmen, anstatt uns von einem Augenblick und einer Aufmerksamkeit zur nächsten zu hangeln und dabei immer oberflächlicher und leerer werden. Sein und aktiv sein in der Gegenwart, sich engagieren, kritisch selbst zu denken, die Zukunft aktiv mitgestalten, anstatt sie den Machern zu überlassen. Über die Gegenwart, auch die der eigenen Existenz, hinausdenken, Vorstellungen eines anderen Lebens zu entwickeln und auch umzusetzen, sich nicht mehr fremdbestimmen lassen.

 

Das ist bei allem melancholischen Pessimismus, den die Rede doch ausstrahlt, das Plädoyer dieses leider viel zu früh verstorbenen Autors.

Jeden Augenblick des Lebens bewusst zu leben und zu gestalten – das ist die fast schon spirituelle Botschaft von Willemsen.

 

 

 

Vierundzwanzig Stunden

 

 

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Guillaume Musso, Vierundzwanzig Stunden, Pendo 2016, ISBN 978-3-86612-401-1

 

Wieder hat Guillaume Musso, einer der erfolgreichsten Autoren in Frankreich, einen Roman vorgelegt, in dem er seine Meisterschaft darin beweist, in einer Mischung aus Liebesgeschichte und Psychothriller den Leser zu fesseln und nicht ruhen zu lassen bis er das wieder total überraschend Ende gelesen hat und die Auflösung des Rätsels kennt.

 

Der ich-erzählende Protagonist heißt Arthur Costello. Er hat von seinem Vater einen alten Leuchtturm geerbt, den dessen Vater schon erworben hatte. Arthur muss seinem todgeweihten Vater versprechen, eine bestimmte Tür im Keller des Turms niemals zu öffnen.

 

Doch er hält sich nicht daran und öffnet vor lauer Neugierde die Tür im Keller des Turms. Er stürzt nach unten und fällt durch die Zeit. Er landet genau ein Jahr später in New York, wo er die Schauspielerin Lisa kennenlernt, die hm dabei hilft, seinen Großvater Sullivan aus der Psychiatrie zu befreien. Vom ihm erhofft er sich Aufklärung über seine Zeitreisen.

 

Denn die wiederholen sich jährlich. Nur für vierundzwanzig Stunden kommt  Arthur jeweils zurück, um dann wieder zu verschwinden. Während dieser Stunden versucht er immer neu, das Rätsel aufzulösen.

Es beginnt 1971 und endet 24 Jahre später mit einem Schluss, der  überraschend ist, aber auch für Musso überraschend schwach. Er hat mir nicht eingeleuchtet, und mich nach der fast atemlosen Lektüre doch etwas enttäuscht und verwirrt zurückgelassen.