Archiv der Kategorie: Allgemein

Zu Besuch beim FC Bayern

 

 

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Klaus Puth, Zu Besuch beim FC Bayern. Mein Wimmelbuch, Riva 2016, ISBN 978-3-7423-0012-6

 

Dies ist ein wunderbares Geschenk für kleine Bayernfans, die zwar noch nicht lesen können, aber dennoch gerne so wie vielleicht der Papa ein Buch über den FC Bayern ihr eigen nennen würden.

In sehr großem Format hat Klaus Puth auf insgesamt fünf Doppelseiten Wimmelbilder mit Szenen vor und in der Münchner Allianzarena und bei der Meisterfeier vor dem Münchner Rathaus gezeichnet.

Die Ankunft der Fans vor dem Station, der emotionsgeladene Einlauf der Spieler ins Stadion, das erste Tor, die Besprechung in der Halbzeitpause und die Meisterfeier am Ende einer erfolgreichen Saison – auf allen fünf Bildern können die Kinder  viel entdecken und neue Geschichten und Details finden. Und auch immer wieder das Maskottchen Bernie…

 

Wenn Sie Ihren kleinen Bayernfan dieses Buch schenken – rechnen Sie damit, ihn irgendwann mitnehmen zu müssen in die Allianzarena.

Wie ein Licht im Wind

 

 

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Philippe Hayat, Wie ein Licht im Wind, Thiele Verlag 2016, ISBN 978-3-85179-331-4

 

Ausgezeichnet mit dem begehrten französischen „Prix du Premier Roman“ ist das Debüt des Franzosen Philippe Hayat, im Hauptberuf, Ingenieur und Unternehmer, tatsächlich ein beeindruckendes Stück Literatur. Auf einer wahren Geschichte basierend, lässt er seinen vierzehnjährigen jüdischen Ich-Erzähler Maurice Moscowitz ein lebendiges Zeugnis geben von seinem Mut und Überlebenswillen.

 

Den muss er nämlich haben, als er sich zusammen mit seiner Schwester Marie an einem Morgen im Jahr 1941 plötzlich in einer Abstellkammer in der Nähe der Pariser Markthallen wiederfindet.

 

Ihre Eltern sind verhaftet und deportiert worden und nur durch die schnelle Reaktion ihres Nachbarn Monsieur Surreau, bekommen die beiden jüdischen Kinder eine Chance, der Verfolgung der Nazis zu entgehen . Er setzt sie in der besagten Abstellkammer ab.

 

In der Dachkammer nebenan wohnt die Prostituierte Belle. Sie nimmt sich liebevoll der beiden Kinder an und tröstet sie. Maurice fällt es zu, für sich und seine Schwester täglich etwas zu Essen zu besorgen. Dafür schleicht er nachts durch die Markthallen, wo er bald darauf schon die Bekanntschaft einfacher Marktleute macht, die ihn ins Herz schließen und ihm Jobs vermitteln. Bald schon trägt der Junge wegen seinem Mut und seiner Pfiffigkeit den Namen „Momo des halles“, was auch der Titel des französischen Originals ist. Er zeigt sich sehr geschäftstüchtig und schafft es, sich und seine Schwester durchzubringen, auch als sie eines Tages denunziert werden.

Philippe Hayet beschreibt auf eine bewegende Weise das Schicksal zweier jüdischer Kinder im nazibesetzten Frankreich. Ihm ist mit seinem Buch ein wunderbares literarisches Debüt gelungen. Obwohl das Buch schon März erschienen ist, habe ich trotz intensiver Suche keine Erwähnung in der Kritik gefunden. Das finde ich schade, und das hat das Buch nicht verdient. Ich möchte ihm mit meiner Besprechung zu etwas mehr Aufmerksamkeit verhelfen.

Christiane Landgrebe hat den schönen Roman aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt.

 

 

Cooper

 

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Eberhard Rathgeb, Cooper, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25281-3

 

Meistens denken wir nicht daran. Wir leben unser Leben und unseren Alltag mehr oder minder glücklich und zufrieden. Doch wie zerbrechlich alles Glück sein kann, das beschreibt mit einer knappen sehr metapher- und bildreichen Sprache der Schriftsteller Eberhard Rathgeb in seinem neuen schmalen Roman mit dem Titel „Cooper“.

 

Er erzählt von Lisa und ihrem Mann Jakob und ihren beiden Kindern Carlotta und Nora.  Der Leser erfährt zunächst, dass Lisa, die Mutter unter schweren Depressionen und Angstzuständen leidet, die in einem Suizidversuch müden. Nach einer langen Kur, während der die Kinder extrem verunsichert sind, kehrt sie zurück und alles scheint wieder in Ordnung zu sein. Doch mit viel Geschick hat Rathgeb all die Zeit mit kleinen Andeutungen im Leser die Erwartung befeuert, dass das richtige Unglück erst noch geschehen wird.

 

Nachdem die Familie in ihr neu gekauftes Ferienhaus gefahren ist (schon auf der Fahrt geschehen seltsame Dinge), widerfährt dem Vater und seinen beiden Töchtern ein schreckliches Unglück, das aber nicht näher beschrieben wird.

 

Auf sich allein gestellt, wechselt Lisa ihren Wohnort und trifft dort auf Cooper, einen Mann, der ganz in sich selbst ruht und ihr gut tut. Aber hat Lisa ihre große Angst und ihre Depression wirklich überwunden?

 

„Cooper“ ist ein Roman, der einen stellenweise schauern lässt und zum Nachdenken einlädt darüber, was im Leben, auch und gerade im eigenen, wirklich wichtig ist.

 

 

 

 

Mein kleiner roter Flitzer auf großer Fahrt

 

 

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Tina Schulte, Mein kleiner roter Flitzer auf großer Fahrt, Coppenrath 2016, ISBN 978-3-649-67032-2

 

Als mein mittlerweile dreizehnjähriger Sohn noch ganz klein war, so etwa zwischen zwei und fünf Jahren, da gehörten die gereimten Bilderbücher von Tina Schulte über den roten Flitzer, das grüne Polizeiauto oder die rote Feuerwehr zu seinen absoluten Lieblingsbüchern zum Vorlesen, zumal er jeweils ein entsprechendes Holzauto hatte, das dem Buch beigefügt war, mit dem er dann spielen konnte.

 

Nun lässt Tina Schulte ihren kleinen roten Flitzer zurückkommen und auf große Fahrt gehen. Der kleine Junge mit der roten Mütze, der das Auto fährt, wird schnell zur Identifikationsfigur für jeden anderen kleinen Jungen, der dieses Buch geschenkt bekommt. Leider ist in dieser Ausgabe das Holzauto nicht dabei, dafür aber ein Stoffbutton, der in das Buch eingelassen ist, den die Kinder drücken können um zu hupen.

 

Ein schönes Buch mit wunderbaren Reimen.

60 Jahre Champions League

 

 

 

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Ulrich Kühne-Hellmessen, 60 Jahre Champions League, Riva 2016, ISBN 978-3-7423-0008-9

 

Keine andere Liga hat eine derart reiche Geschichte an Triumphen, Tragödien und denkwürdigen Momenten. Oder bietet so viel Nervenkitzel, so viele Emotionen und so viel Drama. Und keine andere Liga verdient den Titel Königsklasse so sehr wie die Champions League.

 

Passend zum Jubiläum ist nun der Bildband „60 Jahre Champions League“ von Ulrich Kühne-Hellmessen zum Ereignis im riva Verlag erschienen. Weit mehr als „nur“ eine Chronik, beschreibt das Buch die legendärsten Spieler, lässt die spektakulärsten Momente Revue passieren und erzählt die größten Geschichten dieser Ausnahme-Liga: Von Ancelotti bis Zidane, von Beckenbauer bis Ronaldo, vom ersten deutsch-deutschen Duell bis zum Torfall von Madrid.

Und natürlich dürfen auch die großen deutschen Sieger nicht fehlen: Der FC Bayern, der Hamburger SV und Borussia Dortmund. Ergänzt werden diese packenden Momente durch eine Fülle an emotionalen Bildern, die das Buch zu einem Erlebnis für Fußball-Begeisterte macht – nicht nur in Bezug auf die Champions League.

Abgeschlossen wird das 160-seitige Werk durch einen ausführlichen Statistikteil, der einige Überraschungen für Nicht-Champions League-Kenner enthält. Insgesamt ein schönes Werk für alle Fußballbegeisterten.

 

Der Atlas zur Reformation in Europa

 

 

 

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Tim Dowley, Der Atlas zur Reformation in Europa, Neukirchener Verlag 1016, ISBN 978-3-7615-6331-1

 

„Eine Karte ist nicht einfach eine abgemessene Darstellung der Welt. Eine Karte erschließt Welten und erschafft Bedeutung. Sie formt eine Brücke zwischen dem Hier und dem Dort, zwischen zwei ungleichen Gedanken, von denen wir nicht einmal wussten, dass sie zusammengehören.“

 

Dieses Zitat des Schriftstellers Reif Larsen („Die Karten meiner Träume“) hat Tim Dowley einem Werk vorangestellt, das er den „Atlas zur Reformation in Europa“ genannt hat, und das in dieser Form die erste und einzigartige Form der Erklärung eines Phänomens darstellt, das Europa auf eine bis heute spürbare Form veränderte und das sich 2017  zum 500. Mal jährt: die Reformation.

 

Es geht um die Ursprünge, Hintergründe und die Ausbreitung der Reformation und ihre Folgen für Europa und die ganze Welt. Auch auf die katholische Reform und die Gegenreformation wird eingegangen und die politischen und militärischen Konflikte, die aus diesen theologischen und kirchlichen Veränderungen entstanden sind, werden genau beleuchtet.

 

Wer sich vielleicht auch anlässlich des Jubiläums im kommenden Jahr näher  mit den Ursprüngen der Reformation befassen möchte und die zahllosen schon erschienenen und noch erscheinenden meist dicken Werke eher scheut, dem sei mit diesem Atlas und seinen sehr verständlichen Texten eine wirklich erhellende Alternative empfohlen.

 

Ich wünschte, ich hätte bei meinem Studium ein solches Buch zur Verfügung gehabt.

Die neue Völkerwanderung

 

 

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Asfa-Wossen Asserate, Die neue Völkerwanderung, Propyläen 2016, ISBN 978-3-549-07478-7

 

War der große Strom von Flüchtlingen, der im vergangenen Jahr nach Europa und hier hauptsächlich nach Deutschland kam, noch den Konflikten, Kriegen und Notständen in den Ländern des Nahen Ostens  geschuldet, kommt in der letzten Zeit eine Wanderungsbewegung ungleich größeren Ausmaßes in den Blick der Gesellschaften in Europa.

 

Zunächst nur von den Fachleuten wirklich wahrgenommen, haben sich schon Hundertausende von Menschen aus den Ländern Afrikas in Richtung Mittelmeer aufgemacht, um von dort mit Booten nach Europa überzusetzen. Und täglich kommen mehr dazu. Im herkömmlichen Jargon werden sie „Wirtschaftsflüchtlinge“ genannt und viele Politiker und Menschen lehnen ihre Aufnahme in ihren Ländern ab. Ja, wenn man auf die bevorstehenden Wahlen in Österreich, in Frankreich und auch in Deutschland schaut, muss man befürchten, dass es immer mehr werden, die einer vollständigen Abschottung ihrer Länder und Europas das politische Wort reden.

 

Als langjähriger Afrika-Berater deutscher Unternehmen kennt Prinz Asserate, der Autor des vorliegenden Buches, die Missstände genau. Er beschreibt detailliert die Ursachen. Sein Buch ist ein flammender Appell an die europäische Politik, ihre Afrikapolitik grundlegend zu ändern, denn durch westliche Handelsbarrieren und Agrarprotektionen verliert Afrika jährlich das Doppelte dessen, was es an Entwicklungshilfe erhält.  Es sind gerade die jungen gebildeten Menschen, die ihren Ländern den Rücken kehren und gehen, Menschen, die diese Länder dringend für ihre Entwicklung bräuchten.

 

Den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler zitierend, der sagte, „Europa (sei) der Lackmustest,  an dem sich Europas Humanität erweist“  appelliert Asserate in seinem Buch an die europäischen Staaten, Afrika endlich als gleichberechtigten Partner gerade in wirtschaftlicher Hinsicht zu behandeln, Handelsbarrieren abzubauen, beim Aufbau demokratischer Strukturen zu helfen und so Millionen von fluchtbereiten Afrikanern eine menschenwürdige Zukunft auf ihrem eigenen Kontinent zu ermöglichen.

 

„Europa wird sich nicht abschotten, können, wenn es sein Gesicht nicht verlieren will“, schreibt er abschließend in der Hoffnung auf einen Sinneswandel.

 

Doch was ist, so gebe ich skeptisch zu bedenken, wenn Europa sein Gesicht schon verloren hat, bzw. mitten dabei ist, es zu tun?  Was unter dem Namen Frontex z.B. in der letzten Zeit schon alles an hochgerüsteten Abwehrmaßnahmen ergriffen wurde und die Äußerung aller maßgeblichen Politiker deuten in diese Richtung.

 

Doch Asserate sagt, es gibt keine Alternative. Denn die Millionen von fluchtbereiten jungen Afrikaner werden sich auch durch Waffengewalt, Mauern oder Zäune nicht abhalten lassen….

 

Ich persönlich glaube nicht daran, dass Europa in den nächsten Jahren in der Lage sein wird, diese zukunftsweisenden Veränderungen umzusetzen. Man wird weiter auf Abschottung setzen, so wie es rund um die Welt zwischen den Reichen und den Armen immer gängigere Praxis geworden ist.

Muttermale

 

 

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Arnon Grünberg, Muttermale, Kiepenheuer & Witsch 2016, ISBN 978-3-462-04925-1

 

Der neue Roman von Arnon Grünberg ist entstanden nach zwei sehr persönlichen Erfahrungen des Autors. Zum einen war er sozusagen als Vorbereitung zu dem einen das Buch durchziehenden Themenstrang im vergangenen Jahr freiwilliger Patient einer psychiatrischen Anstalt in Belgien, um dort Erfahrungen für sein Buch sammeln. Er hat schon etliche solcher Feldversuche unternommen, was seinen Büchern immer eine durch persönlich erlebte Realität gewonnene Authentizität gibt.

 

Die andere persönliche Erfahrung war die Pflege seiner eigenen Mutter, deren Erinnerungen etwa zeitgleich mit „Muttermale“ unter dem Titel „Ich denke oft an den Krieg, denn früher hatte ich keine Zeit“ bei Kiepenheuer & Witsch erschienen sind.

 

Die Hauptfigur des von Rainer Kersten und Andrea Kluitmann aus dem Niederländischen übersetzten Romans ist Otto Kadoke. Er ist etwa Mitte vierzig (so wie Grünberg selbst) und arbeitet als Psychiater in einem Krisenzentrum. Dort ist es seine Aufgabe, auch immer wieder in langen Nachtdiensten, Menschen vom Selbstmord abzuhalten, d.h. in der Regel zu entscheiden, ob in einem konkreten, meist von  der Polizei gemeldeten Fall eine Zwangseinweisung in eine Psychiatrie angezeigt ist oder nicht. Arnon Grünbergs Beschreibung dieser Kontakte zwischen Therapeut und Patient sind meisterhaft und charakterisieren den professionell kühlen Kadoke auf der einen und die Verzweiflung der in seelische Not geratenen Menschen auf der anderen Seite.

 

Doch der Psychiater Kadoke ist nicht nur in seiner Profession der eher kühle, emotionslose Typ. Auch in seinem Privatleben drückt er Emotionen weg, außer in seiner Beziehung zu seiner Mutter, die etwas seltsam Inzestuöses hat. Eigentlich ist es gar nicht seine Mutter, sondern sein Vater, der nach dem Tod der eigentlichen Mutter deren Aussehen und Rolle übernommen hat, so spricht und handelt wie sie.

 

Die beiden Pflegerinnen aus Nepal, die Kadoke engagiert hat, wissen das und gehen locker damit um. Doch als Kadoke eines Tages wie immer seine Mutter besuchen will und die Pflegerin Rose nur mit einem knappen Handtuch bedeckt ihm die Haustür öffnet, hält er sein plötzliches Begehren für Liebe und penetriert die junge Frau, die das auch geschehen  lässt. Kurz darauf steht der nepalesische Freund von Rose vor der Tür und verprügelt Kadoke nach Strich und Faden. Die Tätigkeit der beiden Frauen ist beendet und Kadoke muss die Pflege der Mutter zunächst selbst übernehmen.

 

Der Vorfall mit Rose geht ihm das ganze Buch über nicht aus dem Sinn. Er, der professionell Kühle, hat große Probleme mit Nähe zu Frauen und mit starken Gefühlen wie Liebe. Eine schwarze Assistenzärztin namens Dekha, mit der er viele Nachtdienste verbringt, versucht, so etwas wie eine nahe und intime Beziehung zu ihm aufzubauen, doch Kadoke wehrt alles ab.

 

Auch nachdem er mit Michette, einer Frau mit einer langen psychiatrischen Karriere, in einem waghalsigen und absolut regelwidrigen alternativen Therapieprojekt, eine ehemalige Patientin als Pflegerin seiner Mutter ins Haus holt, muss er sich von dieser intelligenten Frau erklären lassen, was der Zusammenhang zwischen Leiden und  Leben ist.

 

Besonders die fünf Muttermale an seinem Rücken haben es Michette angetan, und sie will sie immer wieder streichelnd berühren. Hier wird die Symbolik einer extremen Mutter-Sohn-Beziehung deutlich, wie es sie vielleicht nur bei Kindern von überlebenden Holocaust-Opfern gibt (Kadokes Mutter war im Lager, so wie auch Arnon Grünbergs Mutter es gewesen ist).

Kadoke lässt irgendwann die Muttermale entfernen, doch ob er sich von dem Mal der Mutter lösen wird, bleibt offen. Genauso wie die Frage, ob er, der sich die tragischen  existentiellen Probleme seiner Patienten durch professionelle Kälte lange Zeit vom Hals gehalten hat und damit auch das ganze Leben selbst, durch die Begegnungen mit Michette und der Assistenzärztin Dekha sich einem Leben öffnen kann, in dem er Liebe, Nähe und Gefühle zulassen kann.

 

Ein starker Roman, der mich im raschen Wechsel zum Lachen gebracht und ganz tief berührt hat. Ein schräges Buch, das viel erzählt vom Leben und wie man auch daran vorbeileben kann. Ein Buch, das trotz aller Tristesse seiner Protagonisten so etwas wie Hoffnung ausstrahlt.

 

 

 

 

 

 

Justins Heimkehr

 

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Bret Anthony Johnstone, Justins Heimkehr, C.H. Beck 2016, ISBN 978-3-406-69742-5

 

Was geschieht mit einer Familie, deren Kind im Alter von 12 Jahren entführt wird? Wie gehen die Eltern und Geschwister mit ihren Gefühlen um, wenn umfangreiche Suchmaßnahmen und Aufrufe erfolglos bleiben und das über vier lange Jahre?

 

Doch was geschieht mit dieser Familie, wenn mitten hinein in die sinkenden Hoffnungen und dem Sichfügen in das erbarmungslose Schicksal der lange Vermisste plötzlich wieder auftaucht?

 

Genauso geht es der von Bret Anthony Johnstone in seinem Romandebüt mit außerordentlichem psychologischem Feingefühl beschriebenen Familie von Justin Campbell.

 

Als der Junge von einem Tag auf den anderen nicht mehr wiederkommt, steht die ganze Familie unter Schock. Ihr Leben ist verändert über Nacht. Eltern und Bruder suchen in verzweifelten Aktionen nach ihm, ergebnislos. Mit den Jahren, das beschreibt der Autor überzeugend dicht und unter die Haut gehend, haben die Mitglieder der Familie je eigene Wege gefunden, um mit diesem Ereignis umzugehen und mit ihrem inneren Erleben und dem Verlust zurechtzukommen. Fakt ist, und das ist auch nicht verwunderlich und schon sehr oft für ähnliche traumatische Erlebnisse von Familien beschrieben worden: die Familie driftet über die Jahre immer mehr auseinander.

 

Als Justin nach vier Jahren wie durch ein Wunder ganz in der Nähe seines Heimatortes aufgefunden wird, kehrt er in seine Familie zurück.

Diese völlig überraschende Rückkehr schleudert die ganze Familie aus einer über vier Jahre zementierten Schockstarre und Leblosigkeit hinein in eine neue Wirklichkeit. Ja, es scheint so, das gelingt dem Autor auf eine sehr intensive Weise zu beschreiben, dass Justins Heimkehr die Familie mindestens genauso stark traumatisiert, wie sein Verschwinden vier Jahre zuvor. Obwohl sie die ganze Zeit versuchten, sich gegenseitig zu stützen, sind am Ende nur Verzweiflung und Schweigen geblieben.

Justin war die ganze Zeit in der Nähe in der Gewalt eines Mannes, der dem Großvater bekannt war. Alle fühlen sich auf unterschiedliche Weise schuldig und keiner kommt so recht damit klar, wirklich wahrzunehmen, was dem Jungen in dieser Zeit an seelischer und sexueller Gewalt angetan wurde. Sie können weder mit Justin noch untereinander darüber sprechen.

 

Hinzu kommt, dass der Täter nach seiner Verhaftung plant, vor Gericht zu behaupten, er sei nicht schuldig. Alle erwarten diese Verhandlung mit großer Sorge und die führt sie wieder ein Stück weit zusammen. Als der Täter aber auf Kaution freigelassen wird, scheint alles wieder dahin. Doch Justins Vater Eric und sein Großvater fassen einen dramatischen Entschluss…

 

Bret Anthony Johnston hat ein überzeugendes Debüt vorgelegt und mit seiner von psychologischen Feingefühl geprägten Sprache das Porträt einer Familie gezeichnet, der das schlimmste Vorstellbare widerfährt und die versucht, sich daraus zu retten.

 

Auf seinen zweiten Roman, den vielleicht wieder C.H Beck verlegen wird, darf man sehr gespannt sein.

 

 

Palalu, die Zauberkuh

 

 

 

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Pazit Sarit Schraga, Palalu, die Zauberkuh, Taugenichts Verlag 2016, ISBN 978-3-9815645-1-7

 

Ein neuer 2012 gegründeter Verlag und ein neues Bilderbuch sind hier anzuzeigen. In Gelnhausen ansässig, steht der Verlagsname nach eigener Aussage „in Anlehnung an die Novelle ‚Aus dem Leben eines Taugenichts‘ von Joseph von Eichendorff für Abenteuerlust, Poesie, das Streben nach Freiheit und natürlich für das Genießen – von Kindesbeinen an“.

 

Und genießen kann man es beim Vorlesen und beim Zuhören, das vorliegende Bilderbuch über die Zauberkuh Palalu, das die Dichterin Pazit Sarit Schraga stellenweise in Reimen geschrieben und das die Schweizer Illustratorin Celine Geser farbenfroh und phantasievoll bebildert hat.

 

Die Geschichte der Zauberkuh Palalu und des kleinen Mädchens Anneliese ist mit Humor und feinsinniger Poesie erzählt und fügt sich mit teilweise ungewöhnlichen Schriftbilder ganz harmonisch ein in die zärtliche Ästhetik der Bilder von Celine Geser, die in Vorleser und Zuhörer eine ganz andere Welt zum Leben erwecken.

 

Ein überzeugendes Debüt einer neuen Autorin und eines neuen Verlags.