Archiv der Kategorie: Allgemein

Fremde Seele, dunkler Wald

 

 

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Reinhard Kaiser-Mühlecker, Fremde Seele, dunkler Wald, S. Fischer 2016, ISBN 978-3-10-002428-2

 

Der österreichische Schriftsteller Reinhard Kaiser- Mühlecker erzählt in seinem neuen Roman, der es bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, die Geschichte von zwei unterschiedlichen Brüdern und deren lange vergeblichen, schlussendlich aber doch Erfolg gekrönten Versuche, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und für sich selbst ein neues Leben zu beginnen.

 

Obwohl die Handlung in der jüngsten Vergangenheit spielt, etwa 2013/14, hat man beim Lesen nicht nur wegen der durchaus angenehmen und ansprechenden Sprache des Autors nicht selten das Gefühl, man befinde sich in einer Zeit in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

 

Alexander, der ältere der beiden Brüder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, verlässt früh sein Dorf, studiert zunächst Medizin, geht aber bald zur Armee und verbringt viele Jahre auf Auslandseinsätzen der UNO. Selten nur kehrt er für kürzere Aufenthalte nach Hause zurück und bleibt dort fremd, fühlt sich nur im Wirtshaus einigermaßen wohl.

 

Der jüngere Bruder Jakob ist all die Jahre der Abwesenheit seines Bruder zu Hause geblieben und führt die Landwirtschaft, an der der Vater schon lange kein Interesse mehr zeigt. Er träumt immer wieder von tollen Geschäftsideen, und muss doch immer wieder Land und dann auch Tiere verkaufen um seine Schulden zu begleichen. An diesen Stellen, wenn der Hof über die Jahre immer kleiner wird, fragt sich der Leser dann doch zunehmend, wie das sein kann, dass sich davon noch eine dreiköpfige Familie ernähren kann. Da hat der Autor ein wenig an der Realität vorbeigeschrieben. Denn die Großmutter, die nach dem Tod des Großvaters dessen in der Nazizeit wohl illegal erworbenes Eigentum geizig verwaltet, gibt keinen Cent her.

 

Die Zeit vergeht, der Vater träumt weiter von seinen spinnerten Ideen und die beiden Söhne hängen zwischen Vergangenheit und Zukunft lange in der Luft. Es passiert nichts – scheinbar.

 

Denn in dieser Zeit, in der der Roman in seiner Gegenwartsebene (es gibt auch Rückblicke) spielt, ereignet sich das Drama der Existenz all dieser Menschen. Menschen, die durch ihr Land, ihre Verwandtschaft, durch all den Dorftratsch miteinander verbunden sind.  Und durch ihre Sehnsucht nach etwas anderem.

 

Dass die beiden Brüder schlussendlich jeder für selbst einen vom Leser nicht mehr für möglich gehaltenen Neuanfang wagen, stimmt trotz seiner Zerbrechlichkeit tröstlich.

 

Man muss den Schreibstil von Reinhard Kaiser-Mühlecker mögen, sonst kann man das Buch nicht genießen.

 

Nackter Mann, der brennt

 

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Friedrich Ani, Nackter Mann, der brennt, Suhrkamp 2016, ISBN 978-3-518-42542-8

 

Als er vierzehn war, vierzig Jahre ist das her, da ist der Ich-Erzähler des neuen unter die Haut gehenden Romans von Friedrich Ani aus seinem bayrischen Heimatdorf Heiligsheim abgehauen. Die Wahl des Ortsnamens ist kein Zufall, sie soll stehen für die Bigotterie eines katholischen Ortes, in dem nicht nur der Priester kleine Junge missbraucht und alle davon wissen und keiner etwas sagt.

 

Nun kehrt er zurück. Er ist voller Wut und Zorn, aber auch voller Schuldgefühle, die sich in der Rache ein Ventil suchen:

„Nach so vielen Jahren, Kriegen, Niederlagen, Auferstehung und gewöhnlichem Tun war meine Wut zurückgekehrt. Meine treue Begleiterin aus Kindertagen. Unversehrt von allen Gebeten und Gedanken. Erhaben über mein erwachsenes Empfinden. Fernab der Logik eines Lebens, das doch funktionierte und mich sogar mit neuem Namen und Verständnis für die allgemeine Not versorgt hatte. Da war sie wieder. Und ich durfte brennen.“

 

Ludwig Dragomir ist zurückgekehrt und sucht diejenigen heim, die damals vor 40 Jahren die Jungen mit in den Wald nahmen und sich dort an ihnen vergingen. Ludwig wusste es, und konnte nichts dagegen tun, dass Ferdl und Hanse, Freunde von ihm, dabei umkamen.

 

Im Ort erkennt ihn niemand wieder. Seit er wieder da ist, sind gleich mehrere ältere Herren verschwunden, manche werden tot irgendwo gefunden. Kommissarin Darko ermittelt und ist von ihrem Gefühl her nahe dran am Täter. Doch man kann Ludwig Dragomir nichts nachweisen, während er weiter in seinem Haus schon seit Wochen einen der Vermissten quält und mit dessen Frau vögelt, ohne allerdings irgendeine Befriedigung dabei zu erfahren.

Die Wut wird übermächtig: „Da stand ich, am Rand der Nacht, zum Morden geboren, zum Sterben bereit und starb nicht und mordete noch lang nicht genug.“  Er ist nackt und sein Schuldgefühl verbrennt ihn von innen.

Die Lektüre dieses Romans von Friedrich Ani, der seinen Erzähler vieles von dem, was damals geschah, in Rückblicken berichten lässt, geht unter die Haut  Ani beschreibt in seinem für ihn typischen Stil, wie aus Opfern Täter werden und wie dieser Prozess abläuft, ein Geschehen, das alle Grenzen der Grausamkeit sprengt und dem damaligen Opfer und heutigen Täter dennoch keine Befreiung bringt.

 

Friedrich Ani ist ein Meister des Noir und stellt das in diesem Roman wieder eindrucksvoll unter Beweis.

Das Gute daran

 

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Anne Rickert, Sabine Heine, Das Gute daran, Tyrolia 2016, ISBN 978-3-7022-3519-2

 

Immer mehr Kinder sind davon betroffen, wenn sich ihre Eltern trennen oder scheiden lassen. In den meisten Fällen wird entschieden, dass sie bei der Mutter bleiben und etwa alle 14 Tage ein Wochenende beim Vater sein können. Für die Ferienzeiten gelten separate Regelungen.

 

Da die Trennung der Eltern für jedes Kind in jedem Alter ab etwa dem Kindergarten ein heftiger Einschnitt in ihrem Leben ist, den sie nur schwer verdauen können und dessen Folge nicht selten ein Leistungsabfall in der Schule und Verhaltensveränderungen sind, wird allenthalben viel darüber räsoniert, wie sehr die Kinder darunter leiden müssen.

 

Nun kann man aber die Tatsache, dass sich Ehepaare und Eltern trennen und scheiden lassen nicht aus der Welt schaffen und es gibt auch viele gute Ratgeber und Erfahrungsberichte aus Patchworkfamilien.

 

Doch die betroffenen Kinder müssen irgendwie damit klarkommen. Anne Rickert (Text) und Sabine Heine (Illustrationen) haben deshalb ein Bilderbuch gemacht, in dem ein Kind (es geht noch in den Kindergarten) anderen Kindern, die dieses Buch betrachten und vorgelesen bekommen, erzählt, was das Gute daran ist, dass Mama und Papa nun in zwei getrennten Wohnungen leben. Zunächst: sie sind wieder glücklich und streiten nicht mehr, wenn sie sich begegnen. Das Kind hat zwei Kinderzimmer.  Sein Papa hat, wenn er bei ihm ist, viel mehr Zeit als früher. Das Kind genießt und schätzt die unterschiedlichen Lebensweisen und Regeln von Papa und Mama und spürt, dass beide stolz auf es sind.

 

Das Bilderbuch nimmt die Tatsache der Trennung ernst, bewertet sie nicht und betont mit viel Humor und Einfühlungsvermögen, dass es immer auf die Geborgenheit ankommt, und auf die Perspektive, aus der man die Dinge sieht.

Stell dir vor ….

 

 

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Rainer Oberthür, Stell dir vor… Gedankenspiele über dich, Gott und die Welt, Kösel 2016, ISBN 978-3-466-37170-9

 

Schon in seinem 2010 erschienenen wunderbaren „Kalenderbuch für alle im Haus“ war dem Aachener Grundschullehrer und Dozent für Religionspädagogik Rainer Oberthür ein philosophisches und spirituelles Kleinod gelungen, das, so bin ich sicher, in den Familien, die sich zu seinem Kauf entschlossen oder es geschenkt bekamen immer noch genutzt wird.

Schon damals und in den dann in der Folge erschienenen Büchern von ihm waren das Fragen und die Frage die grundlegende Herangehensweise an das Leben und den Sinn, den wir ihm geben. Auch und gerade die Frage nach Gott, für die es nie eine letzte Antwort geben wird, liegen Rainer Oberthür am Herzen.

 

Und auch im vorliegenden kleinen Nachdenk- und Fragebuch „Stell dir vor….“  geht es darum.  Oberthür will damit die wunderbare Fähigkeit des Menschen wachrufen, zu denken und zu fantasieren, „alles zu hinterfragen, um so einen neuen Blick auf das wirkliche Leben zu werfen.“

 

Mit Gedankenexperimenten, Gedankenimpulsen und Gedankenübungen will er anregen dazu, bewusster, nachdenklicher und achtsamer zu leben. Und letztlich immer wieder dem auf die Spur zu kommen, ohne den wir auf Dauer wie tot wären – Gott.

 

Das Buch eignet sich nicht nur zur Eigenarbeit, sondern ich finde, ganz hervorragend für den Religionsunterricht  und Ethikunterricht in  der Schule (ab Sek I) und für die unterschiedlichsten Gruppenarbeiten in Kirchengemeinden.

Eine „Gedankenspielreise, ohne an ein letztes Ziel zu kommen. Am Anfang und Ende stehen die Fragen. Und das Fragen endet bekanntlich nie. Sind der Mensch und Gott am Ende etwa nichts anderes als eine einzige Frage?“

 

Der erste Tag vom Rest meines Lebens

 

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Lorenzo Marone, Der erste Tag vom Rest meines Lebens, Piper 2016, ISBN 978-3-492-31019-2

Mit seinem 77 Jahre alten Erzähler Cesare Annunziata hat der italienische Schriftsteller Lorenzo Marone eine literarische Figur erschaffen, die dem Leser mit jeder Seite mehr ans Herz wächst. Dabei ist er selbst nach eigener Auffassung, wenn er auf sein langes Leben zurückblickt, ein wenig sympathischer oder gar liebevoller Mensch gewesen. Und erfolgreich schon gar nicht, weder im Beruf noch privat. Er hat keine Karriere gemacht und auch als Ehemann und Vater auf voller Linie versagt. Der schrullige alte Mann blickt sehr kritisch auf seine angespannte Beziehung zu seinen Kindern Dante, ein Galerist, den Cesare verachtend für schwul hält und Sveva, die er für eine unglückliche und deshalb auch wenig erfolgreiche Frau und Mutter hält.
Zu anderen Menschen pflegt Cesare keinen Kontakt mehr. Er hält sich für einen Versager, und wer ihm begegnet, hält ihn für einen unverbesserlichen Egoisten. Vielleicht machen seine beiden Nachbarn Marino und Eleonora da eine Ausnahme, insbesondere dann, als  in das andere Nachbarhaus eines Tages Emma und ihr Mann einziehen und Cesare sich bald schon zum Handeln gezwungen sieht.

Denn als er immer wieder aus dem Nachbarhaus die unzweifelhaften Geräusche, Töne und Stimmen von lautstarken Auseinandersetzungen des neuen Ehepaars hört, beschließt er, mit Hilfe von Marino und Eleonora den beiden zu helfen. Denn sie sollen, so hat er entschieden, nicht dieselben Fehler begehen wie er, mit denen er sein ganzes Leben ruiniert hat.

Immer wieder von Rückblenden auf sein Leben, seine Ehe und vor allen Dingen seine zahlreichen Affären mit anderen Frauen unterbrochen, lädt Cesare seine Leser schon bald ein, ihr eigenes Leben mit seinen Augen zu betrachten und vielleicht das eine oder andere zu erkennen und zu erinnern.

Nie ist es zu spät, seinem eigenen Leben eine Wendung zu geben, es mit Sinn aufzufüllen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das ist die Botschaft eines Buches, das wundervolle Unterhaltung bietet.

Der Junge muss an die frische Luft

 

 

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Hape Kerkeling, Der Junge muss an die frische Luft, Piper 2016, ISBN 978-3-492-32000-9

 

In seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ hat Hape Kerkeling auf eine unnachahmlich authentische und unprätentiöse Weise erzählt, wie er zu sich selbst und zu Gott gefunden hat.

 

Einige Jahre später, quasi als ein Geburtstagsgeschenk zu seinem 50. Geburtstag legt er nun ein zweites Buch vor. „Meine Kindheit und ich“ heißt es im Untertitel und Hape Kerkeling erzählt von seinem Aufwachsen in einer großen Familie. Von dem, was da schon früh in ihm schlummerte und dem, was die Verhältnisse und das Schicksal seiner Mutter aus ihm gemacht haben. Man weiß als Leser schon recht früh, dass der kleine Hape Zeuge nicht nur der fortschreitenden psychischen Erkrankung seiner Mutter wurde, von der er sie mit allerlei Späßen abzulenken versuchte, sondern auch, dass er eine ganze Nacht neben ihr lag, als ihr Körper nach der Einnahme von Schlafmitteln schon erkaltet war.

 

Er erzählt von seinen beiden wunderbaren Großmüttern, die ihn am Leben hielten und zu ihm standen, auch davon, wie eine auf ihrem Sterbebett ihm quasi seine Karriere voraussagte.

 

Das Buch ist bewegend von der ersten bis zur letzten Seite und erzählt zwischen den Zeilen von der unglaublichen Kraft, die ein Mensch entwickeln kann, trotz furchtbarer Schicksalsschläge. Resilienz nennen das die Psychologen.

 

In aller Bescheidenheit erzählt Hape Kerkeling davon, ohne missionarischen Impetus, aber immer mit der leisen Hoffnung, dass er mit seinem Beispiel anderen Menschen Mut machen kann, nicht aufzugeben, wenn einen unendliche Schwere niederdrücken will, niemals die Hoffnung aufzugeben, auch wenn es dunkel wird im Leben, und niemals den Glauben zu verlieren an Gottes Liebe und Segen und auch nicht an sich selbst.

 

Ein wunderbares Buch über das Glück des Lebens.

 

Mord im Herbst

 

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Henning Mankell, Mord im Herbst, DTV 2016, ISBN 978-3-423-25377-2

 

Alle Freunde von Henning Mankells Kommissar  Kurt Wallander, den er in seinem letzten, die erfolgreiche Reihe abschließenden Roman 2009 in einem Zustand zunehmender Demenz zurückließ, werden sich freuen über dieses kleine Buch, das einen weiteren Fall für Kurt Wallander bereithält. Es spielt im Herbst des Jahres 2002, also etwa ein Jahr nach „Vor dem Frost“, in dem Wallanders Tochter Linda zum ersten Mal als Polizeianwärterin eine Rolle spielt und „Der Feind im Schatten“, als zwischen Januar und Mai 2007 Wallander, schon deutlich von seiner Krankheit behindert, seinen letzten Fall löst.

 

Immer wieder war, auch von Mankell selbst, die Spekulation genährt worden, es gäbe bald weitere Romane mit Linda Wallander und ihrem Freund Stefan Lindman, doch nun ist ein relativ kurzer, alter Roman erstmals auf Deutsch erschienen, von dem bisher nur wenige Buchfreaks wussten. Das Buch ist vor vielen Jahren geschrieben worden und in Holland gratis verteilt worden, an jeden, der damals in einem „Monat des spannenden Buches“ einen Kriminalroman kaufte. Mit Kenneth Branagh in der Hauptrolle wurde die Handlung für das BBC erfolgreich verfilmt. Nachdem Mankell diesen Film gesehen und gespürt hatte, „dass die Geschichte immer noch Leben hatte“ stimmte er einer neuen Veröffentlichung zu.

 

Die Handlung des spannenden Buches, das mit vielen kurzen Sätzen und Dialogen arbeitet, und in dem in kurzen, oft versteckten Anmerkungen auf die sich anbahnende Krankheit, die dann etliche Jahre später nicht mehr zu übersehen ist, angespielt wird, sei kurz angerissen.

 

Es ist Herbst 2002. Wallander lebt noch immer in Ystad. Auch seine Tochter wohnt noch im Haus, und es gibt immer wieder Anlass zu Reibereien zwischen einem zunehmend vereinsamenden Vater und einer selbstbewussten Tochter, die ihm unverblümt sagt, er brauche eine Frau und solle mal wieder vögeln. Kurt Wallander träumt schon davon, nicht mehr allein zu sein und er träumt auch von einem Haus auf dem Land, lange schon. Als sein langjähriger Kollege Martinsson ihm das Haus eines verstorbenen Verwandten von ihm anbietet, rafft sich Wallander auf und besichtigt es. Es sagt ihm durchaus zu, doch als er im Garten um das Haus herumgeht, ragt etwas aus der Erde, das ihm auffällt. Es stellt sich heraus, dass es eine skelettierte menschliche Hand ist.

 

Ein neuer Fall beginnt. Obwohl bald klar ist, das das ganze Skelett, das zu der Hand gehört, schon mehr als 60 Jahre dort gelegen hat, wird der Fall nicht gleich zu den Akten gelegt, sondern Wallander und Martinsson ermitteln. Das ist schwierig, weil viele Zeitzeugen nicht mehr leben. Doch durch das Wühlen in Archiven, bei dem Stefan Lindman eine große Hilfe ist und durch den Kommissar Zufall, aber auch durch Wallanders bekannte Kombinationsgabe und Geduld finden sie immer mehr heraus, bis zu einer ganz überraschenden Lösung…

 

Das Buch selbst hat man sehr schnell ausgelesen und am Ende hält Mankell eine weitere Überraschung bereit. Meines Wissens so zum ersten Mal erzählt er in einem längeren Nachwort seine Geschichte mit seiner Figur Kurt Wallander: „Wie es anfing, wie es endete und was dazwischen geschah“.

 

Aufschlussreich auch für die, die vor vielen Jahren alle Bücher der Wallander- Reihe so wie der Rezensent verschlungen haben.  Alle diese Bücher sind mit einer kurzen Inhaltsangabe in chronologischer Reihenfolge ganz am Ende des Buches noch einmal aufgeführt. Vielleicht eine Ermutigung zu einer relecture einer erfolgreichen Reihe aus einem historischen Blickwinkel?

 

Der hier vorliegenden TB Ausgabe hat Henning Mankell ein lesenswertes Nachwort angefügt.

 

Phishing für Fools

 

 

 

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George A. Akerlof, Robert J. Shiller, Phishing für Fools. Manipulation und Täuschung in der freien Marktwirtschaft, Econ 2016, ISBN 9783-430-20206-0

 

Spätestens seit dem grandiosen Scheitern des Realsozialismus im ehemaligen Ostblock gilt die alte Maxime von Adam Smith als bewiesen, dass ein freier Markt und ein freier Wettbewerb die besten Voraussetzungen sind für allgemeinen Wohlstand.

George Akerlof und Robert Shiller, beide in unterschiedlichen Jahren mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet, zeigen in dem vorliegenden Buch überzeugend auf, dass Märkte nicht von sich aus gut sind und es auch nicht  immer die besten Produkte sind, die sich am Markt durchsetzen.

 

Anhand von vielen Beispielen beschreiben sie, in welchem Ausmaß in der Wirtschaft die Täuschung und die Manipulation herrschen, auf welche Weise wir als Konsumenten verleitet werden, mehr Geld auszugeben, als wir besitzen.

 

Sie zeigen den Einfluss der Werbung auf die Konsumenten und klagen die Macht der Wirtschaft gegenüber der Politik an.

Die Lehre von  den sich selbstregulierenden Märkten ist also falsch. Für viele sicher nichts Neues, aber dass sie von zwei Nobelpreisträgern widerlegt wird, schon.

 

Robert Shiller glaubt dennoch an einen regulierten Kapitalismus. Auf die Frage: „Sie zeichnen ein düsteres Bild vom Kapitalismus. Ist es das richtige Wirtschaftssystem, wenn alle betrügen?“  antwortet er in der ZEIT: „So düster ist es nicht, und es ist immer noch besser als alle Alternativen. Ich glaube an einen regulierten Kapitalismus. Deutschland ist darin stark. Regulierungsbehörden sind hier höher angesehen als in den USA. Deutschland war auch Vorreiter bei den Sozialversicherungen. Wir haben unser Buch ursprünglich für ein amerikanisches Publikum geschrieben. Amerikaner neigen dazu, zu glauben, dass Mitarbeiter der Regulierungsbehörden Versager sind…. Mein Vater war Unternehmer und ich habe seine Mentalität gewissermaßen übernommen. Den Glauben daran, dass jeder etwas bewegen kann. Du musst niemanden um Erlaubnis bitten. Mach es einfach. Und wir brauchen Freiheit, um das zu tun. Unter kommunistischen Regimen war alles zentriert, und was für ein Mist war das bitte?“

 

Die beiden Autoren zeigen in ihrem Buch nicht nur, wie Märkte außer Wohlstand auch Manipulation, Täuschung und Krisen erzeugen, sondern sie beschreiben auch, was jeder einzelne Konsument dagegen tun kann.

 

 

 

 

 

 

 

Gilead

 

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Marilynne Robinson, Gilead, S. Fischer 2016, ISBN 978-3-10-002459-6

 

Im vergangenen Jahr veröffentlichte S. Fischer den Roman „Lila“ der in den USA hochgelobten Schriftstellerin Marilynne Robinson, der auch in Deutschland von den Kritikern höchstes Lob erfuhr. So nannte Elke Heidenreich „Lila“ „ein erschütternd schönes Buch“ und die Autorin Zsusza Bank schrieb:

„Etwas zutiefst Tröstliches liegt in dem Wissen, das zwei sich nicht nur finden können – sondern auch schützen und halten. Diese Annäherung wird so zurückgenommen, so tastend behutsam erzählt, dass man sich ein wenig schämt, wenn man Lila und John weiter beobachtet, während sie reden, sich öffnen und bekennen.“

 

Es erzählte als dritter Teil einer Trilogie davon, wie die junge Frau Lila nach Gilead kam und dort die Frau des Pfarrers John Ames wurde.

 

Nun hat S. Fischer den ersten Band der Trilogie veröffentlicht, „Gilead“. In den USA schon 2004 erschienen, erzählt hier der Pfarrer John Ames sein Leben.

Er weiß, dass er bald sterben muss, deshalb schreibt er seinem siebenjährigen Sohn einen Brief. Dieses Kind, das ihm Lila schenkte als er schon fast siebzig Jahre alt war, ist für ihn ein Geschenk Gottes.

Und deshalb will er ihm möglichst viel erzählen, vom harten und entbehrungsreichen Leben seiner Vorfahren, von seinem Glauben, den er ein ganzes Leben lang mit seinem Freund Boughton diskutierte, warum er nach dem Tod seiner ersten Frau fast fünfzig Jahre allein lebte, bis ihm der Herr Lila schickte und seinen Traum erfüllte, Vater zu werden.

 

Vieles von dem war er da über die amerikanische Geschichte schreibt, interessiert ein Kind wenig. Doch er geht davon aus, dass seine Mutter irgendwann seinem dann erwachsenen Sohn den Brief zu lesen gibt und der daraus lernt.

„Gilead“, dessen zweiter Teil „Home“ vermutlich nächstes Jahr erscheinen wird, ist, so wie die gesamte Trilogie, in den USA ein literarischer Klassiker. Völlig unverständlich, dass es über ein Jahrzehnt gedauert hat, bis diese Trilogie einen deutschen Verlag fand. Ich vermute, es hängt damit zusammen, dass hier viel von Theologie und Glauben die Rede ist und ihrer Bedeutung dabei, die Ungeheuerlichkeit des Lebens zu begreifen, was immer nur in der Rückschau funktioniert.

Zwar hat der Prediger John Ames, so wie seine Schöpferin Marilynne Robinson auch Zweifel, doch das Buch atmet eine tiefe Glaubensgewissheit, die tröstet.

 

Robinsons Romane haben über ihre hohe literarische Qualität hinaus wie nur wenige Bücher eine große visionäre Kraft. Und das hängt mit der Zeitlosigkeit oder Ewigkeit des Glaubens an einen Schöpfer zusammen, aus dem der Ich-Erzähler John Ames sein ganzes Leben seine Kraft und seinen Trost gezogen hat und von dem auch die Autorin tief durchdrungen scheint.

 

Mir hat dieser erste Teil noch viel besser gefallen als der dritte Teil und er ist mir als 62-jähriger Vater eines 13- jährigen Sohns tief unter die Haut gegangen. Ich freue mich sehr auf den zweiten Band der Trilogie.

Der Metzger

 

 

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Thomas Raab, Der Metzger, Droemer 2016, ISBN 978-3-426-28136-9

 

Das vorliegende neue Buch von Thomas Raab schließt sich nahtlos an die bisherigen durchweg lesenswerten Fälle des Restaurators Willibald Adrian Metzger an, der als Hobbydetektiv immer wieder in mysteriöse Fälle schlittert und sie mit seiner eigenwilligen Art der Durchdringung der Materie und immer wieder mit tatkräftiger Unterstützung seiner Frau löst.

 

 

Mit seinem Restaurator Willibald Adrian Metzger und dessen Lebenspartnerin Danjela Djurkovic aus Kroatien hat Thomas Raab literarische Figuren erschaffen, die nun nach sechs Bänden nicht nur zu den originellsten der deutschsprachigen Krimiszene gezählt werden müssen, sondern auch zu den erfolgreichsten. Mit seinem speziellen Spürsinn und in einer wie selbstverständlichen, oft völlig sprachlosen Kooperation mit seiner Herzensdame Danjela nimmt Willibald Adrian Metzger, auch kurz nur „der Metzger“ genannt, randständige Phänomene seines Alltags wahr und spürt sensibel ihre Unstimmigkeit.
Dann verfolgt er zielstrebig die zunächst noch lockeren und unzusammenhängenden Fäden und stößt mit großer Regelmäßigkeit ziemlich bald in die Mitte eines kriminellen Geschehens vor, das für Thomas Raab immer auch ein Stück seiner österreichischen Heimat und Kultur ist, die er dann mit scharfem und bissigem Humor beschreibt.
Thomas Raab hat einen Stil, in den man sich verliebt, er spielt mit den Worten, hat einfach Freude an ungewöhnlichen Formulierungen und Sprachspielen, mit denen er nicht selten seine Kritik ummantelt.

Thomas Raabs Sprache ist wie immer zunächst gewöhnungsbedürftig. Mit vielen Bilder, seltsamen Satzkonstruktionen fordert er dem Leser zunächst einiges ab, bis der sich an diese Form der Poesie gewöhnt hat und dann richtig Freude daran findet.

 

In seinem neuen Buch geht es gleich hoch her. Da gibt es einen Angriff auf eine Würstchenbude. Nicht nur die Bude ist hin, sondern auch ein sehr bekannter und von vielen gehasster Literaturkritiker kommt zu Schaden.

 

Da gibt es den Hansi Woplatek, Kinderfreund von Willibald Adrian Metzger und Sohn seiner Stammfleischerei. Dieser Hansi will nicht die Nachfolge des Vaters antreten, sondern lieber Schriftsteller sein.

 

Und kurz darauf zwischen den Schweinehälften in der Metzgerei ein menschlicher Kadaver.

 

Und wer ist der Autor jener Manuskriptauszüge, die Thomas Raab immer wieder in kursiver Schrift einstreut und die voller Gewaltphantasien sind?

 

Wie immer dauert es wieder ziemlich lange bis dem Hobbydetektiv eine zündende Idee kommt, nachdem er all die viele Fäden, die Raab auslegt, sortiert hat und die Lösung auf einmal klar auf dem Tisch liegt …

 

Absolut lesenswert und köstliche Unterhaltung.