Archiv der Kategorie: Allgemein

Die Welt im Spiel

 

 

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Ernst Strouhal, Die Welt im Spiel. Atlas der spielbaren Landkarten, Brandstätter 2015, ISBN 978-3-85033-929-2

 

Etwa gleichzeitig mit den kolonialen Eroberungen der europäischen Länder auf anderen Kontinenten und der Entdeckung völlig neuer Landschaften und Kulturen, entstanden neben den ambitionierten Reiseerzählungen auch prächtig aufgemachte Reisespiele, die der Bevölkerung etwas von dem großen Reichtum, der besonderen Natur und der fremden Kultur diese Länder vermitteln sollten. Zunächst in Europa immer beliebter, erschienen diese Spiele später auch in den USA und in Asien.

Ernst Strouhal hat die ihm zugängliche Spiele gesammelt und nun in einer aufwändigen Edition nachspielbar herausgegeben. Insgesamt 63 Spielpläne laden ein zu einer abenteuerlichen Reise, die durch den Würfel vom Zufall bestimmt wird. Expeditionen durch Städte und ganze Kontinente, Reise durch exotische Länder und fremde Welten vermitteln den Spielern nicht nur viel Spaß und Freude, sondern auch erhebliches neues Wissen.

Eine außerordentlich gelungene Kulturgeschichte des Reisespiels.

Meine Schwester mag ….

 

 

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Jane Glynn, Meine Schwester mag…, Carl Auer 2013, ISBN 978-3-8497-0016-4

In diesem kleinen Bilderbuch geht es um Geschwisterliebe und Geschwisterbeziehungen. Ein kleines Mädchen erzählt in knappen Worten davon, was ihre große Schwester mag. Um auf der folgenden Seite zu konstatieren: „Und ich auch.“

Und am Ende stellt sie voller Zufriedenheit fest: „Aber am allerliebsten von allem mag meine Schwester ….. mich.“ Schwarz-weiße Kohlenstiftzeichnungen halten die Lieblingstätigkeiten der großen Schwester, die die kleine nachahmt, eindrucksvoll fest.

Ungewöhnlich sind die nicht geschnittenen Doppelseiten. Vielleicht ein Hinweis darauf, wieviel Platz und Luft in einer Geschwisterbeziehungen sind.

Ein schönes Kleinod aus der Reihe Carl Auer Kids.

 

 

Sagt uns die Wahrheit!

 

 

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Bernd Ulrich, Sagt uns die Wahrheit, Kiepenheuer & Witsch 2015, ISBN 978-3-462-04857-5

 

Der Autor dieser kleinen Streitschrift, der stellvertretende Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT Bernd Ulrich, gehört seit den siebziger Jahren zu den profiliertesten journalistischen Begleitern der Bundesrepublik Deutschland. Seit vielen Jahren werden seine Leitartikel und Kommentare, vor allen Dingen zur Innenpolitik, weit über die Grenzen des Landes hinaus beachtet und diskutiert. Über die Parteigrenzen hinweg gehört er in Deutschland bei den Politikern zu den gefragten und geschätzten kritischen Gesprächspartnern.

Weil auch Bernd Ulrich deren Arbeit ernst nimmt, sieht er sich mit diesem Büchlein gezwungen, ihnen kräftig ins Gewissen zu reden. „Sagt uns die Wahrheit!“ ruft er ihnen zu, und versucht dem interessierten Bürger zu erklären „was die Politiker verschweigen und warum.“

Als Ulrich diese Streitschrift schrieb, war noch nicht annähernd erkennbar, wie dramatisch und verzweifelt sich die Situation der Flüchtlinge verändern würde, die, von anderen europäischen Staaten einfach weiter gewunken, zu Hunderttausenden in unser Land kommen und sich dort eine Zukunft erhoffen, die ihnen unser Land nicht geben können wird, jedenfalls nicht in dem Tempo und der Weise, wie sie sich das offenbar erhoffen.

Das permanente Wiederholen des Satzes „Wir schaffen das!“, ohne auf die immensen Probleme der Kommunen und Landkreise einzugehen und vor allen Dingen auf die Ängste der Menschen, ist ein ganz aktuelles Beispiel dafür, wie die Politiker den Menschen im Land einfach nicht die Wahrheit sagen. Ulrich macht das in seinem Buch an dem Handling der Griechenlandkrise deutlich und nimmt auch die Rolle der Medien, auch die seiner eigenen Zeitung und seiner eigenen Rolle dabei, kritisch in den Blick.

Seine Hauptthese ist: Deutschlands Politiker haben Angst, dass das Volk, erführe es die Wahrheit, in alte, überwunden geglaubte Muster zurück fallen könnte. (vgl.Pegida u.ä.) . Ulrich sagt hingegen: das Volk ist reif, die Wahrheit zu erfahren und mit ihr auch umzugehen. Die Politik muss ihre Scheu vor einer nicht gewünschten Reaktion der Bürger aufgeben und sie mit ins Boot nehmen. Offenheit und Ehrlichkeit statt alter Beschwichtigungspolitik. Die nämlich zerstört die Aussicht auf bessere Lösungen.

Ein engagiertes und auch selbstkritisches Plädoyer für eine neue politische Kultur der Aufrichtigkeit. Ein Aufruf zu einem neuen Dialog zwischen Bürgern und Politik.

Freddy und die fantastischen Fünf

 

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Quentin Blake, Freddy und die fantastischen Fünf, Kunstmann 2015, ISBN 978-3-95614-067-9

 

Quentin Blake hat als Illustrator schon mit vielen Kinderbuchautoren zusammengearbeitet. Mit dem vorliegenden Buch tritt er auch als Autor von Geschichten in Erscheinung.

Er erzählt in knappen Worten und mit seinen typischen leicht hingehuscht wirkenden Zeichnungen die Geschichte von fünf Kindern, Anni, Olli, Simone, Mario und Paul. Jeder von ihnen hat eine ganz besondere fantastische Fähigkeit, deshalb heißen sie auch die Fantastischen Fünf.

Eines Tages machen sie einen Ausflug. Alle möglichen Sorten von Sandwichs sind geschmiert. Der Busfahrer ihres gelben Busses, mit dem sie in die Berge fahren, der große Freddy, ist ein Pfundskerl und versteht sich mit den Kindern prächtig. Doch nach dem Picknick wird ihm ganz übel und er fällt in Ohnmacht. Nun muss Hilfe her. Gemeinsam machen sie sich, Freddy im Schlepptau, auf die Suche, und durch den versammelten Einsatz ihrer individuellen Fähigkeiten schaffen sie es, Hilfe zu holen.

Ein schönes, witziges Bilderbuch, das zweierlei Kindern vermitteln will: jeder hat eine außergewöhnliche, fantastische Fähigkeit, auch wenn er wie Mario im Rollstuhl sitzt. Und mit dem gemeinsamen Einsatz dieser Fähigkeiten kann man viel erreichen.

 

 

 

Jerusalem. Menschen und Geschichten einer wundersamen Stadt

 

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Iris Berben, Tom Krausz, Jerusalem,. Menschen und Geschichten einer wundersamen Stadt, Corso 2015, ISBN 978-3-7374-0715-1

 

Jerusalem – für die drei abrahamitischen Religionen heilige und umkämpfte Stadt. Im Augenblick regiert dort wieder einmal die nackte Angst. Es herrscht wieder einmal Krieg zwischen den Israelis und den Palästinensern, und nur noch wenige Menschen dort glauben daran, dass dieser Konflikt jemals mit einem dauerhaften Friedenschluss gelöst werden könnte. Zuviel Blut ist geflossen, zu viele Männer und Frauen haben ihr Leben gelassen in den Kriegen und bei den Anschlägen, die die Bevölkerung immer wieder in Angst und Schrecken versetzen.

Zeruya Shalev, selbst vor Jahren Opfer eines solchen palästinensischen Anschlags geworden, hat in ihrem neuen Roman „Schmerz“ auf eine beeindruckende literarische Weise gezeigt, wie Menschen in Israel mit diesem Schmerz, dieser Wunde, dieser Angst umgehen.

Iris Berben, die für dieses Buch die Texte geschrieben hat, ist seit 1968, als sie ihre Liebe für dieses Land und seine Menschen entdeckte, immer wieder auch in Jerusalem gewesen, hat auch einmal längere Zeit dort gelebt. Mittlerweile ist sie eine der bekanntesten Förderinnen des deutsch-jüdischen Verhältnisses und wurde für ihr Engagement 2002 mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet.

Sie lässt in ihren Texten Jerusalem als den spirituellen Ort lebendig werden für den Leser, als der er von den meisten Menschen geliebt wird. Man glaubt regelrecht mit ihr durch die engen Gassen zu gehen und die Gerüche und Geräusche wahrzunehmen, von denen sie berichtet.

Der Krieg und der Terror sind wenig präsent in ihren Texten, genauso wie in den beeindruckenden Fotografien von Tom Krausz, spontane Notizen in Bildern, die neben den Texten von Iris Berben ihre eigene Faszination ausstrahlen.

Zwei subjektive Blicke auf „eine wundersame Stadt“, wie es im Untertitel des Buches heißt. In Jerusalem, schreibt Iris Berben, „denken wir nach über den Ursprung der Menschheit, der Religion, über unsere Wurzeln.“

Ein schönes, ernsthaftes Buch über eine Stadt, die auch die jüngsten Auseinandersetzungen überleben wird, weil sie etwas in sich trägt, was ewig ist.

 

Zwanzig Zeilen Liebe

 

 

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Rowan Coleman, Zwanzig Zeilen Liebe, Piper 2015 ISBN 978-3-492-06017-2

 

Dieses Buch von Rowan Coleman ist eines der wenigen Romane, die mich in diesem Jahr beim Lesen in meinem Innersten angesprochen und bewegt haben. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Haupthandlung auf einer Hospizstation spielt und von den Menschen dort erzählt, die auf ihren Tod warten und ihr Leben bilanzieren. Und zum anderen, weil es eine Botschaft ausstrahlt, die ich in der Hektik des Alltags leider oft vergesse: egal, was passiert, wovor du auch immer Angst hast, es kommt immer darauf, die kleinen Momente des Glücks und der Liebe nicht zu übersehen. Sie machen dein Leben reich, auch wenn dir vielleicht nicht mehr viel Zeit bleibt.

Erzählt wird von der Krankenschwester Stella, die in einem Hospiz arbeitet. Auf eigenen Wunsch arbeitet sie nur in der Nacht, dann, wenn es still wird auf der Station, und die Menschen sich ihr in vielen Gesprächen öffnen. Irgendwann hat sie jemand gebeten, an einen nahe stehenden Menschen einen kurzen Brief zu schreiben, den Stella erst nach dem Tod der Patientin dem Empfänger aushändigen sollte. Und schon bald wird daraus ein Ritual. Viele dieser Briefe sind in dem über 400-seitigen Roman abgedruckt, in einigen Fällen erfahren wir mehr von der Person, die ihn geschrieben hat und ihrem Leben. In diesen, meist nicht mehr als zwanzig Zeilen langen Briefen erfahren wir, was Menschen in ihren letzten Tagen und Stunden bewegt und was sie noch mitteilen wollen.

Doch Stella hat auch ihre eigenen Lebensprobleme. Ihr Mann Vincent hat sich von ihr abgewendet, und obwohl sie ihn über alles liebt, geht sie ihm aus dem Weg. Die schwere Leidensgeschichte dieser Beziehung ist bis zum Ende des Buches ein wesentlicher Strang der Erzählung. Genauso wie die Geschichte der jugendlichen Hope, die seit ihrer Geburt an Mukoviszidose leidet und nur zur Pflege in dem Hospiz sich aufhält, bis sie wieder soweit ist, dass sie nach Hause gehen kann, dorthin also, wo sie sich über viele Jahre von der Welt abgeschottet hat und das Leben an sich hat vorüberziehen lassen. Doch da ist auch ihr Freund Ben, der ihr zeigt, warum es sich lohnt zu leben, zu kämpfen und zu hoffen.

Genau diese Erfahrung macht auch Hugh, alleinstehend und nur mit einem Kater namens Jake befreundet, der als zweite Heimat das Hospiz hat und dort viele Patienten tröstet.

Ihrer aller Geschichte wird erzählt, und nach und nach von Rowan Coleman miteinander verknüpft. Es ist, wie sie selbst auf einer Innenseite des Buches schreibt, „eine Geschichte über Hoffnung, darüber, niemals aufzugeben, nach den Sternen zu greifen und Menschen zu begegnen, die dein Leben verändern.“

„Zwanzig Zeilen Liebe“ ist ein sehr bewegender, stellenweise aufwühlender Roman, eine poetische Hymne auf das Leben und ein spirituelles Lied über die Hoffnung, die uns am Leben hält bis zur letzten Minute, wenn wir es aushauchen. Aber davor gibt es noch „eine ganze Menge Leben“ (Konstantin Wecker).

 

 

 

 

 

 

 

Unser Urwald

 

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Matthias Schickhofer, Unser Urwald, Brandstätter Verlag 2015, ISBN 978-3-85033-924-7

 

Matthias Schickhofer, ein engagierter Naturschutz-Aktivist und Fotograf hat schon im Jahre 2013 ein Buch mit dem Titel „Urwald. Österreichs letzte Naturparadiese“ veröffentlicht, von dem einzelne Teile und Fotografien auch in dem neuen vorliegenden Buch wieder abgedruckt sind.

Er hat aber in den letzten Jahren seinen Radius erweitert, und sich in ganz Europa auf die Suche nach echten Urwäldern gemacht. Urwälder sind Waldgebiete, in denen, aus welchem Grund auch immer, noch nie ein Baum gefällt oder eine Schneise geschlagen wurde. Menschen haben in keiner Form in das Leben dieser Wälder eingegriffen.

Oft sind diese Wälder, die er besucht und mit bezaubernden und faszinierenden Bilder festgehalten hat, gar nicht so weit von den großen Städten in Europa entfernt. Dennoch sind es eher der Balkan und Rumänien, wo man in unberührten Flächen die größten Urwälder außerhalb Russlands findet.

Für Schickhofer sind diese Wälder nicht nur als Fotograf interessant. Er nennt sie in seinem Buch einen „ökologischen und genetischen Schatz“.

In einem Interview in der österreichischen Zeitung „Die Presse“ vom 28.9.2015 sagt er, die letzten Urwälder seien „die Botschafter einer alten Welt, in der die Evolution noch ungestört walten kann. Sie haben über Jahrtausende stabile Systeme geschaffen. Wir sollten auf diese ‚Tore von Mittelerde‘ gut aufpassen.“

Das Buch ist voller wunderbarer Fotografien und lehrreichen Beschreibungen der geheimnisvollen Biologie des Waldes. Ich kann es Naturfreunden und Waldliebhabern nur empfehlen.

Die Weltenträumerin

 

 

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Dirk Steinhöfel, Die Weltenträumerin, Oetinger 2015, ISBN 978-3-7891-7179-6

 

Mit den Landschaftsaufnahmen des Fotografen Andreas Pflitsch hat Dirk Steinhöfel ein wunderbares Buch gemacht, das völlig ohne Worte auskommt und vielleicht gerade deswegen eine ganz besondere Aussagekraft hat.

Da ist ein Mädchen. Sie ist vielleicht zehn Jahre alt. Sie sitzt in einem Zimmer vor einer Bücherwand und dann mit einem aufgeschlagenen Buch an einem Tisch. Warum sie sitzt, wird am Ende des Buches erklärt, ist aber für die Aussage des Buches nicht unbedingt wesentlich.

Ergriffen von dem, was sie in dem Buch gelesen hat, schaut das Mädchen sehnsuchtsvoll zum Fenster, und dann beginnt eine Reise durch Landschaften von unberührter Schönheit und geheimnisvoller Magie. Sie bewegt sich durch die Elemente und gelangt an die unglaublichsten Orte – ganz allein durch die Macht ihrer Phantasie.

Es sind die Bücher, die das Mädchen immer wieder in fremde Welten führen und sie dort verweilen lassen. Und so kann sie vielleicht ertragen, dass das Schicksal beschlossen hat, dass sie nie wirklich diese Welten jemals sehen wird.

„Die Weltenträumerin“ ist ein wunderbares Buch über die Macht der Bücher. Und eine Hymne an die magische Kraft der Phantasie.

 

Lila

 

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Marilynne Robinson, Lila, S. Fischer 2015, ISBN 978-3-10-002430-5

 

Marilynne Robinson, geboren 1943, gilt seit langem als eine der besten Schriftstellerinnen Amerikas. Die Protagonisten ihrer Bücher zeichnen sich durchweg aus durch eine Fähigkeit zur Empathie, die selten ist, und wie nicht von dieser Welt.

So auch die Menschen, die in dem Roman „Lila“ beschrieben werden. „Lila“ bildet den Abschluss einer Trilogie, deren beiden ersten Teile „Gilead“ (2004) und „Home“ jeweils mit Preisen überhäuft wurden.

Lila ist zur der Zeit, in der die Haupthandlung des Buches spielt, Anfang der 50 er Jahre – die USA führen Krieg in Korea – eine erwachsene Frau, die es irgendwann in den kleinen Ort Gilead in Iowa verschlägt. Mit diesem Ort und den Menschen, die dort wohnen, erinnert Marilynne Robinson an die vergessene Geschichte des Mittleren Westens der USA. Hier in Gilead wird sie von dem gütigen, weit über 70 Jahre alten Prediger John Ames aufgenommen. Er heiratet Lila und zeugt einen Sohn mit ihr, den sie auch glücklich zur Welt bringt. Das alles weiß der Leser des Romans schon nach wenigen Seiten.

In zwei Zeitebenen, der Gegenwart des neuen Lebens von Lila mit dem alten Prediger in Gilead und ihrem Versuch, die Güte und den für einen calvinistischen Theologen erstaunlich offenen und zweiflerisch-philosophischen Glauben ihres Mannes zu verstehen und anzunehmen, und der Vergangenheit Lilas in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wird die Geschichte Lilas erzählt.

Von der Zeit, als sie als Findelkind von der Wanderarbeiterin Doll mitgenommen wird. Doll schließt sich einer Gruppe von Wanderarbeitern unter der Führung von Doane an. Acht Jahre lang ziehen sie mit ihm und seinen Leuten durchs Land, doch wegen einer großen Dürre und wegen der im Crash von 1929 gipfelnden Wirtschaftskrise finden sie bald keine Arbeit mehr bei den Farmern.

Nachdem Doll mit ihrem Messer einen Mann getötet hat (war es Lilas Vater?) sieht sie sich auf sich allein zurückgeworfen und muss sich fortan unter anderem in einem Hurenhaus in St. Louis allein durchs Leben kämpfen. Als sie von dort weggeht, findet sie unterwegs eine alte Hütte, in der sie unterschlüpft und wo sie nach wenigen Tagen von John Ames gefunden wird.

Langsam werden dem Leser in zahlreichen Rückblenden das Leben und das Schicksal Lilas vor dieser Zeit beschrieben. Immer wieder zweifelt sie, was sie davon ihrem Mann, der sich rührend um sie kümmert, offenbaren kann und was sie lieber für sich behält, zumal sie als Frau des Pfarrers in dessen Gemeinde nun eine öffentliche Person ist.

Ganz am Ende, der Sohn ist geboren und hat nach einer kurzen lebensbedrohlichen Schwäche nach der Geburt überlebt, nach vielen Gesprächen darüber, dass Lila angesichts des hohen Alters ihres Mannes noch vor dem Erwachsenwerden des Kindes wieder alleine sein wird, ist ihr Vertrauen und ihre Liebe zu dem alten Mann so stark geworden, dass die Autorin sicher ist: „Eines Tages würde sie ihm sagen, was sie wusste.“

Für mich stehen die zahllosen Gespräche von John Ames und Lila Dahl, wie man sie bald bei den Wanderarbeitern nannte, über theologische und philosophische Fragen im Mittelpunkt eines Buches, von dem die Autorin Zsuzsa Bank, die in ihrem Entwicklungsroman „Die hellen Tage“ 2012 auf ähnliche Weise das Erwachsenwerden dreier vom Schicksal schwer getroffener Kinder beschrieb, sagt:

„Etwas zutiefst Tröstliches liegt in dem Wissen, das zwei sich nicht nur finden können – sondern auch schützen und halten. Diese Annäherung wird so zurückgenommen, so tastend behutsam erzählt, dass man sich ein wenig schämt, wenn man Lila und John weiter beobachtet, während sie reden, sich öffnen und bekennen.“

„Lila“ ist so etwas wie der andere Zwilling von „Gilead“, wo die Geschichte von John und Lila aus einem anderen Blickwinkel erzählt wird, steht aber als Buch völlig für sich. Es ist ein Buch, das in die Tiefe geht und den Leser dort auch ansprechen will.

Kleiner Fuchs. Großer Himmel

 

 

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Brigitte Werner, Kleiner Fuchs. Großer Himmel, Freies Geistesleben 2015, ISBN 978-3-7725-2793-7

 

Als sein geliebter Großvater gestorben ist, ist der kleine Fuchs sehr traurig. Seine Mutter tröstet ihn. Opa sei jetzt im Himmel und der GroßeLiebeFuchs passe dort gut auf ihn auf.

Der kleine Fuchs hört gut zu, aber traurig ist er immer noch, Das ändert sich ein wenig, nachdem er in der Nacht von seinem Großvater Fuchs und vom LiebenGroßenFuchs im Himmel geträumt hat.

Was den kleinen Fuchs auszeichnet, ist, dass er über seine Traurigkeit redet, auch mit anderen Tieren. Jedes Tier, dem er begegnet und mit dem spricht, zeigt ihm einen anderen hilfreichen Aspekt, den der kleine Fuchs dann jeweils nachts in seinen Träumen verarbeitet

Und jedes Mal ist das Füchslein „ein kleinkleinkleinesbisschen weniger traurig.“ Vor allen Dingen lernt es, dass auch die anderen Tiere Vorstellungen haben davon, was mit ihnen passiert, wenn sie einmal sterben. Alle vertrauen sie auf ein ihnen ähnliches höheres Wesen.

Als der kleine Fuchs abends nach Hause kommt und seinen Eltern von seinen vielen Gesprächen berichtet, werden sie ganz nachdenklich, denn so wie ihr Kind begreifen sie: der GroßeAllesAllesWasIst behütet nicht nur den verstorbenen Großvater Fuchs, sondern er hat alle lieb. „So wie den kleinen Fuchs. So wie dich.“

Ein von Claudia Burmeister zart und behutsam illustriertes Bilderbuch, dem es meiner Meinung nach hervorragend gelingt, Kinder in ihrer Trauer um einen geliebten Menschen zu unterstützen und ihnen mit religiösen Bildern eine Vorstellung davon zu geben, dass kein einziges Menschenleben verloren ist.

Ich habe gehört, dass es Mitarbeiter in der Hospizhilfe gibt, die mit diesem Buch arbeiten, wenn sie Sterbenden zur Seite stehen auf ihren letzten Weg.