Archiv der Kategorie: Allgemein

Frau im Dunkeln

 

 

 

 

 

 

Elena Ferrante, Frau im Dunkeln, Suhrkamp 2019, ISBN 978-3-518-42870-2

 

Nach dem großen Erfolg der „Neapolitanischen Saga“ veröffentlicht der Suhrkamp Verlag nun auch die früheren Romane der von Anfang unter dem Alias Elena Ferrante schreibenden italienischen Schriftstellerin.

 

Ihr 2006 in Italien erschienener Roman „La figlia obscura“ wurde schon 2007 unter dem Titel „Frau im Dunkel“ von DVA einem deutschen Publikum vorgestellt, mit wenig Resonanz. Dies wird nun nach der Saga anders sein, wenn Suhrkamp nach „Lästige Liebe“ auch „Frau im Dunkeln“ präsentiert.

 

Wieder erzählt eine Frau im mittleren Alter aus ihrem Leben. Leda ist 49 Jahre alt, ist geschieden und unterrichtet Englisch an der Universität in Florenz. Ihre schon erwachsenen Töchter leben seit etlicher Zeit beim Vater in Kanada, wo er seit langem arbeitet und lebt.

 

Schon kurz nachdem sie zum Vater und zum Studieren nach Kanada gingen und  sich von der Mutter trennten, spürte diese nicht die erwartete Sehnsucht nach ihren Töchtern, sondern hauptsächlich und vor allem große Erleichterung, etwas Schweres endlich losgeworden zu sein.

 

Die ich-erzählende Leda verbringt ihre Sommerferien in einem süditalienischen Küstenort und freut sich auf Sonne, Meer und viel Erholung mit ihren Büchern.

 

Doch schon bald macht sich am Strand ganz in ihrer Nähe eine aus Neapel (!) stammende Großfamilie breit, mit all den Geräuschen und dem Lärm, den das mit sich bringt. Teil dieser Großfamilie sind eine junge Mutter und deren kleine Tochter. Tagelang nun wird Leda tagsüber am Strand diese beiden beobachten und sich ihre Gedanken dazu machen. Zunächst sind diese wohlwollend, stellenweise sogar fasziniert von der innigen Beziehung zwischen Mutter und Tochter, etwas was Leda, sich immer wieder an ihre Vergangenheit erinnernd, so nicht kannte in ihrer Kindheit und dann in ihrem eigenen Mutterdasein. Nach einigen Tagen jedoch spürt sie, wie ihre Stimmung umschlägt, wie sich eine Mischung aus Neid, Zorn und Enttäuschung Bahn bricht und einem unverständlichen Impuls folgend tut Leda dem kleinen Mädchen und mit ihm der ganzen Familie etwas an. Unbegreiflich für sie selbst und erst recht den Leser, wächst sich ein zunächst wie eine Lappalie aussehender Vorgang zu einer regelrechten Katastrophe aus.

 

Wie ist es dazu gekommen? Die schöne junge Mutter Nina ist für Leda ein Sinnbild für ihre eigene, nie erlebte Mutter. Und deren kleine Tochter Elena, die Nina über alles liebt, ist quasi Ledas Alter Ego. Und die Puppe Elenas, die Leda verschwinden lässt und Tochter und Mutter damit unendlichen Kummer zufügt, ist sozusagen das entscheidende Bindeglied.

Elena Ferrante spielt in ihrem neuen Roman mit dem aus der Psychologie bekannten mehrgenerationalen Konflikt. Überzeugend zeigt sie am Beispiel Ledas, wie negative Verhaltensmuster aus der Vergangenheit sich zwanghaft wiederholen können und dabei das eigene Glücksempfinden verhindern und Beziehungen zerstören.

 

Zirkulär erzählend, den Anfang des Buches als Fortsetzung des Endes beschreibend, lässt Elena Ferrante mit einer unglaublichen emotionalen Kraft ihre Protagonistin die Erlebnisse ihrer Vergangenheit berichten, die die junge Mutter und ihre Tochter in ihr auslösen. Es ist nicht leicht für sie, wie sie am Anfang sagt: „Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind  am schwierigsten zu erzählen.“

 

Und was zu Beginn ihres Urlaubs voller Zuversicht begonnen hat, endet dramatisch: Elena Ferrante beschreibt Leda, die doch so vernünftige scheinende intellektuelle Frau, als eine psychisch zutiefst gestörte Persönlichkeit.

 

Der bewegende, ja erschütternde Roman stellt ohne Rücksichtnahme die Frage, was es eigentlich bedeutet, eine Frau und Mutter zu sein. Mit großer Ehrlichkeit geht Ferrante in die Tiefe und ergründet die widersprüchlichen Gefühle, die eine Mutter an ihre Kinder binden können.

 

Von Leda und ihre literarischen Schöpferin unkommentiert, denkt der Leser/die Leserin lange über den letzten Satz des Buches nach, als Leda sagt: „Ich bin tot, aber es geht mir gut.“
Ein eindringlicher Roman und eine nachdenkliche Parabel über das Leben moderner Frauen.

 

 

 

 

Ida und der fliegende Wal

 

 

Rebecca Gugger, Simon Röthlisberger, Ida und der fliegende Wal, NordSüd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10446-6

 

Ida, die Hauptfigur des vorliegenden wunderschönen Bilderbuchs von Rebecca Gugger mit Illustrationen von Simon Röthlisberger, ist ein kleines rothaariges Mädchen. Wie die meisten Kinder im Kindergartenalter ist sie neugierig und hat unendlich viele Fragen.

 

Und so sitzt sie auf der ersten Doppelseite in ihrem niedlichen Baumhaus mitten im Wald (welches Kind möchte so etwas nicht haben?) und fragt sich, was wohl hinter der Sonne, dem Mond und den Sternen sein mag.

 
Eines Nachts wacht Ida von einem ungewöhnlichen Geräusch auf.  Die Wände ihres kleinen Holzhauses wackeln besorgniserregend. Ein fliegender Wal hat sich in den Bäumen verlaufen und hat die  Bretterwände ihres Baumhauses gerammt.

 

Ida fällt durch die Erschütterung  aus dem Bett. Noch sehr verschlafen, fast im Traum, lässt sich Ida auf die Einladung des Wals zu einer fantastischen Reise ein. Auf dem Rücken des Wals fliegt Ida zu den Sternen.

Ida lernt bei dieser Reise viel ihr bisher Unbekanntes kennen. Doch neben den Reiseerlebnissen sind die Gespräche des Mädchens mit dem Wal das Herzstücks dieses Bilderbuchs, bei denen es um Bekanntes und Fremdes geht. Eine ungleiche, wenn auch tiefe Freundschaft entsteht zwischen den beiden und sie nennt den Wal liebevoll „,mein fliegender Koloss“.

 

Der Flug durch die Wolken führt Ida an den Ort, wo die Erde auf dem Kopf steht. Was ist oben, was ist unten? Was ist verkehrt, was ist normal? Der Wal schlägt vor, dafür einen Perspektivwechsel vorzunehmen, einfach mal selber auf dem Kopf zu stehen, um dies herauszubekommen.

Am Ende der ihrer Reise erklärt der lächelnde Wal Ida, was Freundschaft ist: „Manchmal, da schweigt man zusammen. Manchmal, da verliert man sich aus den Augen. Aber trotzdem ist man nah ‒ die ganze Zeit schon!“

Eine wunderbare und fantasievolle Geschichte über eine ungleiche Freundschaft.

 

Alte Herren

 

 

Franziska Kalch, Alte Herren, minedition 2018, ISBN 978-3-86566-333-7

 

Schon im Jahr 2007 hat Franziska Kalch im Michael Neugebauer Verlag ein Bilderbuch mit dem Titel „Alte Damen“ vorgestellt, das damals ihre Diplomarbeit gewesen ist.

 

Nun hat sie sich an die alten Damen erinnert und ihnen in ihrem neuen Bilderbuch fünf sympathische alte Herren zur Seite gestellt. Auf der Umschlagsseite des liebevollen Bilderbuchs lädt sie ihre kleinen Leser (und auch die großen Vorleser) mit folgenden Worten ein, ihr Bild von alten Männern in Frage zu stellen:

Falls ihr denkt, alte Herren
wären auch nur alte Männer,
dann denkt lieber noch einmal nach.
Denn zwischen alten Männern
und alten Herren da liegen Welten.
Längst schon sitzen alte Herren nicht mehr
nur auf Parkbänken und füttern Tauben.

 

Das Buch ist eine überzeugende Hommage an liebevolle und wohlverdiente Großväter, Pensionäre und unbelehrbare alte Herren.

Wer hat die Haselnuss geklaut. Eine Räubergeschichte

 

 

 

 

Marcus Pfister, Wer hat die Haselnuss geklaut. Eine Räubergeschichte, NordSüd 2019, ISBN 978-3-314-10485-5

 

Der Wald und die angrenzenden Wiesen liegen still und ruhig da, als ein schriller Schrei die Natur und alle Tiere durch Mark und Bein erschrickt:

„Wer kann das bloß gewesen sein!“ schreit das Eichhörnchen unüberhörbar. Seine Nüsse, die es doch so sorgsam versteckt hatte, liegen nicht mehr im ihrem Versteck. Ihm ist sofort klar: jemand hat sie gestohlen. Nur welches der Tiere es war, kann es noch nicht sagen.

Sie verdächtigt den Maulwurf, die Maus, den Hasen, den Hamster und den Fuchs, aber alle, erstaunlich wenig erzürnt über den unerhörten Verdacht, antworten unisono:  „Ich hab die Nüsse nicht geklaut!“

 

Als ihm der Fuchs sagt, es solle schnell verschwinden, zieht das Eichhörnchen deprimiert ab. Doch da entdeckt es etwas:

„Doch halt! Was liegt denn da im Laub?

Drei Nüsse? Was, das war kein Raub?

Das ist jetzt aber etwas peinlich,

denn es ja doch sehr wahrscheinlich,

dass es sie selbst verloren hat – und gar ein andrer Schuld dran hat…“

 

Die verdächtigten Tiere sind ziemlich empört und auch die Entschuldigung des Hörnchens bleibt etwas blass. Doch die Kinder, denen man dieses wunderbare beschwingt erzählte und toll illustrierte Bilderbuch von Marcus Pfister vorliest (ab etwa 3 Jahren) werden das anders sehen.

 

 

 

 

 

Lange Liebe. Vom Glück des Zusammenbleibens

 

 

Antonia Meiners, Lange Liebe. Vom Glück des Zusammenbleibens, Elisabeth Sandmann Verlag 2018, ISBN 978-3-945543-45-0

 

In einer Zeit, in der einmal geschlossene Ehen im Durchschnitt nur etwa 10-15 Jahre halten ,bevor sie wieder geschieden werden, scheinen lebenslange Beziehungen, wie sie in diesem Buch geschildert werden, anachronistisch und überholt.

 

Dennoch könnte den in dem Buch beschriebenen Liebesbeziehungen, die ein Leben gehalten haben, ein Geheimnis, eine Weisheit innewohnen, deren Erkenntnis es heutigen Menschen leichter machen würde, „vom Glück des Zusammenbleibens“ zu kosten.

 

In fünf Kapiteln werden jeweils drei Paare beschrieben, berühmte allesamt:

* Gekrönte Liebe

* An der Seite der Macht

* Gemeinsam im Geiste

* Eins sein in der Profession

* Seelenverwandte

 

Aufregend, schillernd und interessant sind diese durchweg berühmten Menschen. Einige Geschichten von ganz normalen, wenn auch unbekannten Menschen, die ein Leben lang zusammengeblieben sind, hätten mir gefallen. Sie hätten vielleicht auch einige Weisheiten beizutragen gehabt.

 

 

 

Grönland Coast to Coast

 

 

Stefan Glowacz, Grönland Coast to Coast, Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11422-8

 

Stefan Glowcz ist einer von Deutschlands bekanntesteten Bergsteigern und war 2018 wieder unterwegs: Nach seiner erfolgreichen  Erstbegehung des Moby Dick 1994 macht sich Stefan Glowacz ein zweites Mal nach Grönland auf, um die größte Insel der Welt von Küste zu Küste zu erkunden. Sein Ziel und seine Challenge dieses Mal: er will reisen mit einem möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck. Statt großem technischen Equipment verlässt er sich nur auf seine eigene Körperkraft.

 

Das vorliegende Buch mit faszinierenden und einzigartigen Fotografien von Thomas Ulrich, beschreibt eine Reise, die er 2018 zusammen mit seiner Frau Tanja unternommen hat. Zunächst sind sie mit einem Elektroauto von München bis Schottland gefahren und von dort aus mit einem Segelschiff über die Faroerinseln und Island bis an die Küste Grönland bis zum Attasund an Grönlands Westküste gesegelt.

 

Von dort aus nehmen die beiden ihre Leser dann mit auf eine abenteuerliche Reise zu Fuß quer durch Grönland bis zum Scorebysund an der Westküste, von wo sie wieder mit Segelschiff  nach Schottland zurückkehren.

Eigens für seine Tour durch Grönland hat er gemeinsam mit seinem Sponsor BMW eine Karbonschale entwickelt, die Kanu, Pulka und Portaledge ersetzt und auf ein Autodach passt. In diesem faszinierenden Buch kann man verfolgen wie sich diese innovative Entwicklung im Härtetest behauptet.

 

Für Menschen, die Lust haben an ungewöhnlichen Abenteuern.
 

 

 

Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit. Ein Porträt

 

 

Wolfgang Huber, Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit. Ein Porträt, C.H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73137-2

 

Wie kaum ein anderer Theologe des vergangenen Jahrhunderts ist es Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 auf das persönliche Geheiß Adolf Hitlers kurz vor dem Ende des Krieges noch hingerichtet wurde, der weltweit bis in die Gegenwart nicht nur verehrt und bewundert wird, sondern dessen Lebensbeispiel und dessen Theologie auf der ganzen Welt Menschen nach wie vor dazu ermutigt, konsequent zu glauben und zu handeln.

 

Es sind viele gute und auch heute noch lesenswerte Biographien über diesen mutigen Menschen erschienen und man mag sich fragen, warum es noch ein neues dickes Buch über Dietrich Bonhoeffer braucht.

 

Wolfgang Huber, selbst ein herausragender protestantischer Theologe, der sein Leben lang sich nicht gescheut hat, in seinen theologischen Werken und in seiner bischöflichen Praxis Bonhoeffers „Weg zur Freiheit“ und die Grundlagen seiner theologischen Arbeit fortzusetzen und umzusetzen, hat mit seinem neuen Buch einen anderen Weg gewählt. Er nennt seine Annäherung an Dietrich Bonhoeffer auf dem Hintergrund der Probleme und Herausforderungen seiner eigenen, also auch unserer Zeit, ein Porträt.

 

In insgesamt zwölf Kapiteln führt er seine Leser, und unter ihnen gerade die theologischen Laien an das Denken Dietrich Bonhoeffers heran. Nachdem er in den ersten beiden Kapiteln fragt, wer Bonhoeffer war und seine Entwicklung bis zum Abschluss seiner Ausbildung schildert, geht es in den folgenden Kapiteln um zentrale Themen von Bonhoeffers Leben und Theologie:

  • Die Kirche als Vorzeichen vor der Klammer
  • Billige oder teure Gnade
  • Die Bibel im Leben und in der Theologie
  • Christlicher Pazifismus
  • Widerstand mit theologischem Profil
  • Mut zur Schuld
  • Verantwortungsethik
  • Kein Ende der Religion
  • Polyphonie des Lebens
  • Was bleibt

Das Buch, das ganz ohne Anmerkungen auskommt, aber mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis aufwartet, könnte aktueller nicht sein. Denn gerade die protestantische Theologie braucht bei allem politischen und sozialen Engagement ihrer professionellen Vertreter, das Huber über Jahrzehnte in Deutschland anführte, eine tiefgreifende Erneuerung ihrer theologischen Grundlagen.

 

Dazu kann das Buch helfen und Orientierung bieten. Aber gerade für Zeitgenossen, die nicht theologisch gebildet oder „verbildet“ sind, ist das Buch eine wunderbare Einführung in das Denken und Handeln eines Menschen, der mit seinem Beispiel auch vielen heutigen Menschen, die sich mit dem Zustand der Welt nicht abfinden wollen und nicht an ihrem Glauben verzweifeln wollen ermutigt, eine wichtige und hilfreiche Lektüre.

 

 

 

Marktwirtschaft reparieren

 

 

 

Oliver Richters, Andreas Siemoneit, Marktwirtschaft reparieren, Oekom 2019, ISBN 978-3-962380-99-1

 

Dieses Buch denkt die Marktwirtschaft neu und versucht sie damit zu retten. Denn das, zu dem sich die soziale Marktwirtschaft in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, wird ihren eigentlich Sinn nicht mehr gerecht. Ursprünglich als attraktive soziale Utopie gedacht, die Idee und Praxis einer gerechten Wirtschaftsordnung, in der Kooperation ohne zentrale Steuerung möglich ist, hat sie sich in der Wirklichkeit des Kapitalismus verändert. Leistungsgerechtigkeit, die Basis der Marktwirtschaft hat sich zugunsten weniger Privilegierter verzerrt, und der Wachstumszwang im Kapitalismus ist ökologisch verheerend. Immer mehr Menschen begreifen das in den letzten Jahren und erleben es in ihrem eigenen Leben.

Wer etwa sein Einkommen Bodenspekulation oder Rohstoffverbrauch verdankt, bezieht leistungslose Einkommensanteile, und wer so mächtig ist, dass er die Politik zu seinen Gunsten beeinflussen kann, entzieht sich den regulierenden Kräften des Marktes.

 

Da sind nur einige der zahllosen Fehlentwicklungen die die Marktwirtschaft genommen hat und die das Buch  überzeugend benennt und beschreibt. Die Autoren sind überzeugte Marktwirtschaftler. Deshalb propagieren sie angesichts der derzeitigen Schwächen keine andere Wirtschaftsform, sondern sie entwickeln nachvollziehbar und auch für den Laien verständlich Alternativen und formulieren Lösungen für eine gerechte und nachhaltige Marktwirtschaft.

 

Der überzeugende Entwurf einer freiheitlichen, gerechten und nachhaltigen Utopie.

 

 

Der Sandmaler

 

 

 

 

Henning Mankell, Der Sandmaler,tb, DTV 2019, ISBN 978-3-423-21752-1

 

Zwei Jahre nach dem Tod des großen schwedischen Schriftstellers Henning Mankell veröffentlicht sein Hausverlag Zsolnay in Wien sein allererstes in Schweden 1974 schon erschienenes Buch „Der Sandmaler“. In diesem Buch verarbeitet der junge Henning Mankell die Eindrücke, die er auf seiner ersten Afrikareise machte, die ihn 1971 nach Guinea-Bissau führte, das zu diesem Zeitpunkt noch eine portugiesische Kolonie war. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen entstand zwei Jahre später der Roman „Der Sandmaler“, in dem die Themen aller später folgenden Afrikaromane Mankells und sein späteres Engagement mit seinem Theaterprojekt in Maputo schon angelegt sind. Leider haben diese Bücher bei weitem nicht den großen Erfolg gehabt, wie seine Wallander-Romane, aber vielleicht werden sie länger gelesen werden als diese.

 

Konnte man in den beiden letzten Büchern von Henning Mankell „Treibsand“ und „Die schwedischen Gummistiefel“ den sich selbst todkrank wissenden Schriftsteller bei einer einzigartigen literarischen Bilanz seines Lebens und seiner Erfahrungen begleiten, kann der Leser von „Der Sandmaler“ Mankells erste zugegebenermaßen noch etwas unsicheren Schritte als Schriftsteller mitgehen. 23 Jahre war er damals alt und doch schon in der Lage, mittels seiner Hauptfiguren Wesentliches einzufangen von Afrika und dem Kolonialismus, das er dann später auf viel tieferem Niveau und mit immer erfahrener literarischer Kunst beschrieben hat.

 

Elisabeth und Stefan, die sich schon seit einiger Zeit kennen, treffen sich zufällig auf dem Flughafen, weil sie die gleiche Reise nach Westafrika gebucht haben. In einem Land, das ohne Namen bleibt, wollen sie zwei Wochen Urlaub machen und viel im Meer baden. Auch an Bord ist Sven, den Mankell als männlichen Gegenpart zu dem nur auf Genuss und Lustgewinn bedachten voller rassistischer Vorurteile steckenden Stefan zeichnet. Er hat eine ziemlich klare Analyse, kritisiert den Kolonialismus und den Kapitalismus, die die Menschen dort so arm halten.

 

 

Elisabeth, mit der sich Mankell stark identifiziert, bemüht sich, die Menschen, die sie dort trifft, die Bräuche und ihre Lebenseinstellungen wirklich kennenzulernen und zu achten. Sie trifft auf Ndou, einen kleinen Jungen, der ihr seine Dienste anbietet, und mit dem sie so etwas wie eine Freundschaft entwickelt. Auch seiner großen Schwester Yene kommt sie näher, und verachtet sie auch nicht, als sie mitbekommt, dass Sven mit diesem Mädchen, das sich ihm aus Not angeboten hat, sexuellen Verkehr hat.

Aus vielen kleinen Episoden zusammengesetzt, die die einzelnen Personen einzeln oder in wechselnden Konstellationen zusammen erleben, ergibt sich ein  beeindruckend vielfältiges Panorama aus Eindrücken und Erfahrungen. Mankell will schon hier eine Botschaft senden, der er später sein halbes Leben widmen sollte, nämlich Menschen mit anderen kulturellen Wurzeln mit Achtung und Respekt aufgeschlossen zu begegnen.

 

Der  „Sandmaler“, der dem Buch seinen Titel gab, ist ein etwa Zwanzigjähriger junger Mann, auf dessen in den Sand gemaltes Porträt Elisabeth eines Tages trifft. Der junge Mann beobachtet sie, malt dann in Minutenschnelle ein Porträt Elisabeths und schreibt zwei Sätze in den Sand. „Die Zukunft ist ein sozialistisches Afrika“ und  „Der Sozialismus rettet auch euch“.

 

Damals, so denke ich, war auch Henning Mankell noch dieser Meinung. Heute wissen wir, dass dieses Modell Afrika nicht das gebracht hat, was es braucht, und es scheint, als stünde der Kontinent noch immer am Anfang. Wenn Angela Merkel sagt, Afrika wird uns noch jahrzehntelang beschäftigen, dann ist das richtig und das nicht nur wegen der Millionen von Menschen, die aus mangelnder Perspektive diesen Kontinent in Richtung Europa verlassen wollen.

 

„Der Sandmaler“ ist noch längst nicht das literarische Meisterstück, das Mankells spätere Werke auszeichnet. Es zeigt aber die Anfänge eines Schriftstellers, der wie kaum ein anderer sein literarisches unermüdliches Schaffen mit einem nicht weniger engagierten politischen Engagement vor Ort verband.

 

 

 

Endland

 

 

Martin Schäuble, Endland,tb, DTV 2019, ISBN 978-3-423-62698-9

 

Das neue Buch des Schriftstellers Martin Schäuble ist eine hauptsächlich für Jugendliche geschriebene, aber auch für Erwachsene höchst interessante Dystopie, die einem beim Lesen jedoch wegen ihrer Realitätsnähe doch sehr unter die Haut geht.

 

Die Handlung spielt etwa zwei bis drei Jahre in der Zukunft. Eine der AfD sehr ähnliche Partei namens „Die nationale Alternative“ hat mit absoluter Mehrheit die Wahl gewonnen und die Regierung gebildet.

Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt, Flüchtlinge heißen offiziell Invasoren, Deutschland ist aus der EU ausgetreten, hat sich politisch und wirtschaftlich isoliert. Die D-Mark  ist wieder Zahlungsmittel, das Kopftuchverbot wird streng gehandhabt und es gibt neue, national gereinigte Lehrpläne an den Schulen. Genauso wie man es im Programm der AfD lesen kann. Obwohl es bei Houllebecqs „Die Unterwerfung“ die Islamisten sind, die in Frankreich an die Macht kommen, zeichnet Schäuble bis auf ein hoffnungsvolles Ende zunächst ein ähnlich düsteres Bild, in dem mit dem Fall Franco A. die Realität sogar, selbst zu des Autors eigener Überraschung, die Fiktion überholte.

 

Zu den handelnden Personen: Da ist Anton, der gerade seinen Wehrdienst absolviert, politisch stramm rechts eingestellt ist, auf der Linie der „Nationalen Alternative“. Durch seine Homosexualität und die Tatsache, dass sein Partner Noah ein Regierungskritiker ist, ist er erpressbar und kann einen Geheimauftrag, den er bekommt, nicht ablehnen. Eine radikale Splittergruppe der Regierungspartei schickt ihn als angeblichen Flüchtling in ein Flüchtlingslager, damit er dort einen Anschlag verüben soll. Die Begegnung mit den Flüchtlingen dort verändert ihn ganz allmählich, besonders die Begegnung mit der jungen äthiopischen Flüchtlingsfrau Fana, die vor dem Hunger und dem Elend in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen ist und deren Weg von ihrem Leben in Äthiopien bis in das Lager Martin Schäuble sensibel und genau erzählt. Er lässt sie immer abwechselnd mit Anton und Noah zu Wort kommen und erzeugt damit eine ganz besondere Authentizität der drei Personen, ihrem Umgang mit den Verhältnissen und ihrer jeweiligen Veränderung.

 

Das Buch ist gründlich recherchiert. Man spürt, dass Schäuble sich nicht nur in Äthiopien gut auskennt, sondern auch die Politik der Rechten genau studiert hat. Er hat sein Buch jenen 71 Menschen gewidmet, die in Österreich in einem Lastwagen auf der Flucht erstickten. Sie tauchen in seinem Buch auf, überleben dort aber.

 

Ein politischer Thriller für Jugendliche und Erwachsene , wie er aktueller nicht sein könnte.