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In Staub und Asche

 

 

 

Anne Holt, In Staub und Asche, Piper Verlag 2018, ISBN 978-3-492-05697-7

Der neue Roman von Anne Holt „In Staub und Asche“ schließt direkt an den 2017 auf Deutsch erschienen Roman „Ein kalter Fall“ an, mit dem Holt ihre berühmte, nach einem Unfall im Rollstuhl sitzende Ermittlerin Hanne Wilhelmsen zurück brachte und soll nach Angaben von Insidern die Serie mit dem 10 Band beenden, auch wenn das Ende des Romans das seltsam offen lässt.

 

Es geht in diesem Buch um einen Mord, der möglicherweis ein Selbstmord gewesen ist und einen Selbstmord, der vermutlich ein Mord war. Es sind zwei inoffizielle Fälle, die dem ungewöhnlichen Ermittlerteam Hanne Wilhelmsen und Hendrik Holme da begegnen. Hanne glaubt einfach nicht an den Selbstmord der rechtradikalen Iselin Havorn, die sie selbst im letzten Band überführt hatte und Hendrik ist geradezu besessen davon, die Unschuld von Jonas Abrahamsen zu beweisen, der nie darüber hinweggekommen ist, seine kleine Tochter bei einem tragischen Unfall verloren zu haben und für einen Mord an seiner Frau zu 12 Jahren Haft verurteilt worden zu sein , den er nie begangen hat.

 

Mit großer Hartnäckigkeit  und Leidenschaft arbeiten die beiden Ermittler an diesen Fällen, abseits offizieller Aufträge und auch abseits der herkömmlichen Regeln, die Hanne nicht mehr so wichtig sind. Der Roman ist spannend und durch die Beschäftigung mit den Ideen rechtsradikaler Gruppen hochpolitisch.

 

Haben die beiden „Fälle“ etwas gemeinsam? Mit ihrer aus früheren Fällen bekannten Intuition findet Hanne die Schnittstelle, an der sich der Knoten löst und der verborgene Zusammenhang beider Todesfälle sichtbar wird. Und auch Hendrik erweist sich trotz seiner vielen Tics (Tourette?) wieder als schüchterner aber sehr begabter Ermittler, der unter Einsatz seines eigenen ein Leben retten wird.

 

In beiden Fällen spielt das Buch Hiob aus dem Alten Testament eine Rolle, dem auch der Titel des tiefgründigen Kriminalromans entnommen ist: „Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche“, sagt Hiob, nachdem er unvorstellbares Leid durch Gott erfahren musste. Hanne Wilhelmsen sagt dazu nur: „Shit happens“, während Holme Hiobs Fragen näher gehen. Ich glaube, dass hier Anne Holt eine sie wohl schon lange beschäftigende Frage eruiert und eine Antwort darauf für unmöglich erklärt. Man kann Leid und Unglück nicht erklären und für Gut und  Böse auch nicht immer eine Ursache finden. Man muss sich damit abfinden. Gutem folgen nicht immer Belohnung und Böses wird zu oft nicht bestraft.

 

Für beide Figuren Holts ist es schade, dass sie sie offenbar nun in der literarischen Versenkung verschwinden lassen will.

 

 

 

Was ist der Mensch. Störungen des Gehirns und was sie über die menschliche Natur verraten

 

 

Eric Kandel, Was ist der Mensch. Störungen des Gehirns und was sie über die menschliche Natur verraten, Siedler 2018, ISBN 978-3-8275-0114-1

 

Der mittlerweile 88-jährige Nobelpreisträger für Medizin, Eric Kandel, geht in seinem neuen Buch der großen Frage nach, was der Mensch ist, was ihn in seiner Besonderheit anderen Lebewesen gegenüber ausmacht. Er gibt auf dem neuesten Stand der Forschung einen Überblick über die Erkenntnisse der Psychologie und der Hirnforschung. Er verweist dabei auf den enormen Erkenntniszuwachs der Wissenschaft über das menschliche Gehirn, seiner Funktion und seinen Störungen:

„Über das Gehirn, seine Krankheiten und Störungen haben wir in den letzten hundert Jahren mehr gelernt als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor.“

 

Das Verständnis des menschlichen Gehirns ist für ihn essentiell für das Verständnis des Menschen, besonders derjenigen, die anders sind als wir selbst:

„Je mehr wir über den ungewöhnlichen Geist wissen, desto eher sind wir als einzelne und als Gesellschaft in der Lage, Menschen zu verstehen, die anders denken als wir, und Mitgefühl mit ihnen zu haben. Entsprechend weniger werden wir sie stigmatisieren und ausgrenzen.“

 

Mit viel Empathie für den Menschen erweist sich Kandel in diesem Buch als unterhaltsamer Lehrer, der das Verhalten von Menschen verstehen möchte und es anderen, gerade auch Laien erklären möchte. Er bietet besonders ihnen einen profunden Überblick über sein Fach.

 

Seine besonderen Fähigkeiten als Lehrer beweist er in diesem Buch, das nicht nur erhebliche Erkenntnisgewinn verschafft, zur Menschlichkeit einlädt, sondern dessen Lektüre auch ein ganz besonderes intellektuelles Vergnügen ist.

 

 

 

 

 

 

Boy erased. Autobiographische Erzählung

 

 

 

 

Garrard Conley, Boy erased. Autobiographische Erzählung, Secession 2018,ISBN 98-3-906910-26-0

 

 

Diese autobiographische Erzählung von Garrard Conley, als Sohn eines fundamentalistischen Predigers im Bible Belt in Arkansas aufgewachsen, ist keine leichte Lektüre.

Schon früh spürt er als Junge seine homosexuellen Neigungen, und kämpft vergeblich gegen die Scham, die ihm als einzigen Sohn eines Baptistenpredigers quasi mit der Muttermilch eingeimpft wurde. Er wächst auf in einer starren und rigiden Gesellschaft, vom strengen Glauben an die wörtliche Wahrheit der Bibel bestimmt, eine Gesellschaft, die nicht toleriert oder gar duldet, was nicht ihrer strengen unabänderliche und ewigen Norm entspricht.

 

Im Jahr 2004 beginnt Garrads bewegende Geschichte, als ein Bekannter ihn gegen seinen Willen vor den Augen seiner Eltern als homosexuell outet. Sein Vater fällt aus allen Wolken und fordert von ihm sich einer sogenannten und in gläubigen Kreisen in den USA gängigen Konversionstherapie zu unterziehen. Das ist kirchliches Programm, das ihn in zwölf Schritten „heilen“ soll, sie von unreinen Trieben säubern und, seinen Glauben festigend, aus ihm einen ex-gay machen soll.

 

Soll er sich einem solchen Programm unterziehen oder riskiert er seine Familie und seine Freunde l. aber auch seinen Gott, zu dem er jeden Tag betet, zu verlieren?

 

Garrard Conley spürt in seiner autobiographischen Erzählung  den komplexen Beziehungen von Familie, Glauben und Gemeinschaft nach, Beziehungem wie man sie sich in unseren Kreisen kaum vorstellen kann.  Es entsteht dabei ein Bild von einem Amerika,  das wir in seinen Hintergründen immer mehr beängstigend wahrnehmen, ein Amerika, das Trump hervorgebracht hat.

 

Doch Conley klagt nicht an. Von seiner Lebensgeschichte kann er gar nicht anders als immer auch jene zu verstehen und ihnen zu vergeben, die ihm aus gutem Glauben heraus so viel Schmerz zugefügt haben.

 

Das Buch ist der gelungene(?) Versuch einer Befreiung aus einer religiösen Unterdrückungsgeschichte, ohne die dem Autor wichtige Bindung an Gott und die Bibel aufzugeben. Für manchen Leser ohne  religiöse Sozialisation sicher schwer nachvollziehbar, aber dennoch sehr beeindruckend.

 

 

 

 

Gasolin. Nimmt dir Zeit- und nicht das Leben

 

 

 

 

Ulrich Biene, Gasolin. Nimmt dir Zeit- und nicht das Leben, Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11246-0

 

Von 1954, als das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik Deutschland  zu blühen begann bis in das Jahr 1971, als Gasolin während der Ölkrise von ARAL geschluckt wurde, war das dichte Netz der Gasolin Tankstellen mit ihrer unverwechselbaren Architektur und einen einwandfreien Service Garant dafür, dass die immer zahlreicheren Autos aus deutscher Produktion nicht nur mit damals noch billigem Treibstoff versorgt wurden, sondern stand für einen für damaligen Verhältnisse geradezu modernen Service und etwas, was man später Corporate Identity nannte.

Bestimmt erinnern sich einige noch an den Werbeslogan von Gasolin „Nimm dir Zeit – und nicht das Leben“, der auf vielen LKWs prangte. Kaum jemand wird jedoch wissen, dass die Geschichte dieser Firma bis in die 1920er-Jahre zurückreicht.

Das vorliegende Buch in der Delius Klasing Reihe „Bewegte Zeiten“ zeigt die Gasolin Tankstellen im Spiegel der Zeitgeschichte.

Sein Autor Ulrich Biene hat in akribischer Arbeit zeitgenössische Dokumente und Bilder gesichtet und die Markengeschichte von Gasolin recherchiert. Er informiert in diesem Buch über die Historie der Marke von den Anfängen bis hin zu Relikten, die es heute noch zu entdecken gibt. Abgerundet wird die Firmengeschichte durch zum Teil noch nie veröffentlichtes Bildmaterial.
Zahlreiche Fotos haben mich als 1954 Geborenen zurück in meine Kindheit geführt.
Das informative Buch ist zugleich ein Kapitel deutsche Nachkriegsgeschichte und eine Fundgrube für alle an der Geschichte des Autos Interessierte.

Lügen. Nichts als Lügen

 

 

 

Helen Callaghan, Lügen. Nichts als Lügen, Knaur 2018, ISBN 978-3-426-22671-1

 

Familiendrama und gefährlicher Kult, diese Kurzbeschreibung des neuen Buches von Helen Callaghan im Werbetext des Verlags beschreibt den vorliegenden Roman ziemlich gut. Aber es ist nicht wie behauptet ein Psychothriller. Dazu fehlt ihm der Thrill. Über seine sonstige literarische Qualität ist aber damit noch nichts gesagt.

 

Sophias Mutter Nina hat ihre Tochter, die beruflich als Architektin erfolgreich in London lebt, und der elterlichen Gärtnerei mit angeschlossenem Cafe schon lange entflogen ist, schon oft mit dramatischem Tremolo in der Stimme angerufen. Doch als sie nun ihre Mutter am Telefon „Bitte komm nach Hause, Sophia!“ stammeln hört, spürt sie, dass es dieses Mal ernst ist. Fast panisch hat die Mutter geklungen.

 

Nach einem aus dem Ruder gelaufenen Date mit ihrem Vorgesetzten packt Sophia entgegen ihrem ursprünglichen Entschluss dann doch ihre Sachen und fährt nach Suffolk. Doch dort in der wildromantischen Gärtnerei angekommen, ist es totenstill und nach längerem Suchen präsentiert sich ihr ein Szenario von unendlicher Grausamkeit: die Mutter hängt tot an einem Baum und der Vater liegt niedergestochen und lebensgefährlich verletzt daneben.

Mord mit anschließendem Selbstmord, vermutet die Polizei, doch für Sophia ist das ausgeschlossen. Das passt nicht zu ihren ruhigen Eltern.  Sie beginnt nachzuforschen und findet in der Werkstatt des Vaters sehr gut versteckt, ein eng beschriebenes Tagebuch ihrer Mutter und den Hinweis, dass sie dies als Buch veröffentlichen wollte. Es stellt sich heraus, dass in den sechs Monaten vorher mehrmals in das Haus der Eltern eingebrochen wurde.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Einbrüchen, dem Tod der Mutter und dem im Koma liegenden Vater und dem Inhalt des Tagebuchs, in dem Nina erzählt , wie sie in die Fänge der obskuren Sekte „Morningstar“ unter der Leitung eines Rocksängers namens Aaron Kessler geriet und was sie dort alles erlebt hat.

 

Rowan, der mit seiner Familie einem Haus auf dem Gelände der Gärtnerei lebt und ohne dessen Arbeit der Betrieb schon lange pleite wäre, kann ihr auch nicht viel weiterhelfen.

 

Großen Raum in diesem Buch nehmen die beiden Tagebücher von Sophias Mutter und die Beschreibungen des Lebens in Morningstar ein. Sie sind mit der Rahmenhandlung, in der Sophia versucht herauszufinden, was den Eltern widerfahren ist, nur wenig geglückt verbunden.

 

Helen Callaghan beschreibt gut gelungen das Leben in einer Sekte und die psychischen Abhängigkeiten. Wirkliche Spannung aber will nicht so recht aufkommen, bis zu einem wirklich kaum erwartenden Ende und einer nicht für möglich gehaltene Lösung. Das hat dann doch etwas von einem Thriller.

 

Ansonsten aber ist es ein Roman über die Folgen eines Lebens in einer Sekte und ein  Buch über Menschen, die vom ersten Tag ihres Lebens belogen wurden.

 

Unterhaltsam, aber keine wirklich große Literatur

 

 

 

 

 

Der Apfelsammler

 

 

 

Anja Jonuleit, Der Apfelsammler, DTV 2017, ISBN 978-3-423-21679-1

 

Dieser schöne und unterhaltsame Roman von Anja Jonuleit enthält die Geschichte von Hannah, die sie selbst erzählt. Ihre Beziehung zu ihrem verheirateten Freund ist zu einem Ende gekommen und sie trennt sich von ihm sofort nachdem sie ene Nachricht aus Italien erhalten hat: Ohre Tante Eli ist verstorben und hat ihr ein kleines Steinhaus in Castelnuovo in Umbrien vermacht.

 

Dort reist sie hin und entdeckt beim Aufräumen einen Stapel alter Briefe von Eli. Wenn sie gerade nicht in den Briefen liest, erkundet sie den Ort, der ihrer Tante eine zweite Heimat war.

Als sie zufällig auf ein Grundstück mit seltsam verbrannten Obstbäumen gelangt, wird sie unsanft von dort vertrieben. Dorfbewohner erklären ihr später, dass der schroffe Fremde harmlos und seine Leidenschaft das Züchten alter Obstsorten sei. Aus unerfindlichen Gründen hatte sich Eli einst mit dem »Apfelsammler« angefreundet, und auch Hannah sucht seine Nähe. Ist er der Schlüssel zu Elis Geheimnis?

 

Kapitelweise wechselt Anja Jonuleit die Zeitebenen, in denen sie Hannahs Spurensuche folgt und Eli Leben rekonstruiert.

 

„Der Apfelsammler“  ist ein berührendes Buch, das man nicht aus der Hand legen möchte, bis man alles erfahren hat.

 

 

 

Hundert Gedichte

 

 

 

Rainer Maria Rilke, Hundert Gedichte, Aufbau Verlag 2017, ISBN 978-3-351-03677-5

 

Dieser wunderbare in Leinen gebundene kleine Lyrikband ist eine vom Aufbau-Verlag unter der Herausgeberschaft von Gisela und Ulrich Häussermann veröffentlichte Einladung an den Leser, sich immer wieder mit den Gedichten Rainer Maria Rilkes zu beschäftigen. Der Panther, auf ein sehr bekanntes Gedicht Rilkes hinweisend, ziert den blauen Leinenband auf der Vorderseite.

 

Einhundert Gedichte aus den unterschiedlichen Schaffenszeiten des Poeten haben die beiden Herausgeber ausgesucht und sie in chronologischer Folge abgedruckt. Dies hilft dem Leser, die Entwicklung des Dichters und seines Werkes nachzuverfolgen.

 

Im Mittelpunkt dieser sich gut zum Verschenken geeigneten Sammlung stehen die Gedichte aus Rilkes früher und mittlerer Lebenszeit: Sie laden den Leser ein, mitzuhören auf die Stimmen und hintergründigen Töne im Herbsttag, den geschmeidigen Schritten des Panthers zu folgen, mitzugehen auf den Spuren eines Mädchens, dessen Weg ein frühes Gedicht zeichnet.

 

Ein Gedicht aus dem Jahr 1900/1901, also seiner früheren Schaffenszeit hat mich sehr angesprochen und geht seitdem mit mir durchs späte Leben:

„Der Tod ist groß.

Wir sind die Seinen

lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen,

wagt er zu weinen

mitten in uns.“

 

 

 

 

 

Der Insasse

 

 

Sebastian Fitzek, Der Insasse, Droemer 2ß018, ISBN 978-3-426-28153-6

 

In seinem neuen Psychothriller, der mit seinem Aufbau, seiner Thrillerqualität und seinen tollen Überraschungseffekten seinen Vorgängern in nichts nachsteht, begibt sich Sebastian Fitzek in die geschlossene Welt einer psychiatrischen Anstalt, in der in einem besonderen Hochsicherheitstrakt Täter inhaftiert sind, für die das Gericht eine solche Verwahrung angeordnet hat.

 

Zu ihnen gehört auch Guido Tramitz, ein gefühlloser Mann, der nach etlichen anderen Kindern auch vor einem Jahr den kleinen Max, den Sohn  von Till Berghoff entführt und wohl auch getötet hat. Doch während Tramitz der Polizei zu den Leichen seiner früheren Opfer geführt hat, verweigert er auf Anraten seiner Anwältin, die sich in ihn verliebt hat, jegliche Auskunft.

 

Nachdem Till Berghoffs Ehe gescheitert ist und er durch seine aufbrausende Art auch seinen Job verloren hat, glaubt er keine andere Wahl zu haben, als sich mit Hilfe seines bei der Polizei arbeitenden Schwagers als „Insasse“ in die Klinik einwiesen zu lassen, in der Tramitz sich befindet.

So will er herausfinden, was mit seinem Sohn geschehen ist und wo seine Leiche zu finden ist.
Kaum in der Klinik angekommen, tut sich für Till Berghoff ein Alptraum auf, der den Leser gleich von Anfang an regelrecht gefangen nimmt. In dieser Klinik ist nichts so, wie es sein sollte, Abgründe von Hass, Bosheit und Korruption tun sich auf, die es Till zunächst fast unmöglich machen, an Tramitz heranzukommen. Als er dies endlich geschafft hat, geht das Drama aber erst richtig los.

 

Eine atemberaubende Handlung zwingt den Leser atemlos in seine Couch oder seinen Lesesessel, gerne übersieht er auch Stellen, wo es mit der Logik und der Wahrscheinlichkeit der geschilderten Ereignissen eher hapert. Das geht sich stiegrend so wieter bis zu einem Ende, mit dem, wie immer bei Fitzek, nicht zu rechnen war.

 

Auch seine Danksagung fällt dieses Mal aus dem Rahmen.

 

Ein Thriller, mit zum Teil sehr brutalen Stellen, die mir einige Male sofort auf den Magen geschlagen sind.

 

Mittagsstunde (Hörbuch)

 

 

Dörte Hansen, Mittagsstunde (Hörbuch), Random House Audio 2018, ISBN 978-3-8371-4278-5

 

Dörte Hansens Debüt „Altes Land“ war 2015 ein Riesenerfolg, hielt sich monatelang auf allen Bestsellerlisten und wird bis heute gut verkauft. Nun, drei Jahre später, schon lange erwartet, legt sie einen Nachfolgeroman vor, der das Debüt, das schon sensationell gut war, noch einmal sprachlich und inhaltlich übertrifft.

 

Das Buch erzählt die Geschichte des in der Gegenwartsebene 47- jährigen Ingwer Feddersen, der nach Abitur, Studium der Archäologie und Promotion seit 25 Jahren an der Universität in Kiel als Hochschullehrer arbeitet. Genauso lang schon lebt er in einer Dreier WG zusammen mit Ragnhild und Claudius und schafft es diese ganze Zeit nicht, erwachsen zu werden: „Zwei Männer, eine Frau, nichts Halbes und nichts Ganzes.“

Eigentlich fühlt sich Ingwer in seinem bequemen und einfachen Leben wohl, doch ganz tief innen spürt er, wie unzufrieden und frustriert er ist. Da kommt ihm die Möglichkeit eines Sabbatjahres an der Uni sehr gelegen. Obwohl er nicht damit gerechnet hat, wird es genehmigt und er kehrt in sein Heimatdorf in Nordfriesland zurück, nach Brinkebüll, einem Geestdorf. Er glaubt, er hat dort etwas gutzumachen.

Seine Großeltern leben noch dort und betreiben mehr schlecht als recht noch den alten Dorfkrug. Ingwers Großmutter Ella ist schon hochgradig dement und Sönke, der Großvater hält tapfer die Stellung. Beide haben, genauso wie das gesamte Dorf ihre Hochzeiten hinter sich. Wann, so fragen sich Dörte Hansen und ihre Hauptfigur, wann hat der Wandel des Dorfes begonnen?

 

Und mitten während der Gegenwartshandlung, in der sich Ingwer um seine beiden Großeltern kümmert, wird die Geschichte des Dorfes erzählt. Dörte Hansen macht die Veränderung fest an der Flurbereinigung in den 1970 er Jahren. In dieser Zeit hat sich Merret, Ellas und Sönkes Tochter, in einen Feldvermesser, der im Gasthof untergebracht war, verliebt und wird von ihm schwanger.  Ella und Sönke ziehen Ingwer, Merrets Sohn, mit dem sie selbst nichts anfangen kann groß. Ziemlich verwirrt in ihrem Geist, wird sie ihr Leben lang immer wieder verschwinden und vom drohenden Weltuntergang warnen.

 

Doch auch Ingwer wird nicht in die Fußstapfen seines Großvaters treten. Gefördert vom Dorflehrer Steensen, der über die Jahrzehnte alle Kinder des Dorfes unter seinen Fittichen hat, wird Ingwer ins Gymnasium gehen und dann studieren. Zurück kommt er zu Beginn nur an den Wochenenden, dann aber immer seltener.

 

Nun, zum Sabbatical zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt, beginnt er für sein Leben und seine Familie eine Bilanz zu ziehen. An vieles erinnert er sich selbst, bei manchem hilft die Autorin als auktoriale Erzählerin nach.

 

Und so entfaltet sich eine Geschichte eines alten Bauerndorfs im Wandel der letzten sechs Jahrzehnte. Eine Unzahl von Menschen werden dem Leser vorgestellt, Dorfbewohner und ihre unverwechselbaren und sympathischen Charaktere. Menschen mit Sehnsüchten und noch mehr Geheimnissen, von denen Ella ein großes und lebenslanges besitzt. Im Gegensatz zu den Geheimnissen vieler anderer, die sie als Wirtin über die Jahrzehnte mitbekommen hat, wird ihres niemand anderes jemals erfahren.

 

Dörte Hansen wechselt ständig die Zeitebenen und lässt während des Jahres, in dem Ingwer, die Großeltern pflegend, sein eigenes Leben reflektiert und seine große Sehnsucht nach einer echten Partnerin entdeckt, die Geschichte des Dorfes und seiner vielen Bewohner vorbeiziehen. Im Rezensenten, Jahrgang 1954, evozierte der Roman zahllose eigene Erinnerungen und Bilder an sein mittlerweile auch nicht mehr wiederzuerkennendes Heimatdorf und viele schon vergessen geglaubte Menschen, deren Namen aber meist verborgen blieben. Nicht verborgen blieb jedoch ein Gefühl von leiser Trauer und Verlust auf der einen, aber auch Dankbarkeit auf der anderen Seite.

 

Ingwer Feddersen hat seit Jahrzehnten eine CD in seinem Auto, „Harvest“ von Neill Young, in deren Songs er sich immer wieder verliert. Vielleicht hängt es auch mit dieser auch von mir geliebten LP zusammen, dass dieses Buch und seine Geschichten regelrecht in mich hineingekrochen sind.

 

Ein Roman mit starken und sehr ungewöhnlichen Charakteren, die man lieb gewinnt und die man nicht vergessen kann, wenn man das Buch nach einem wahren Lesemarathon wieder aus der Hand gelegt hat.

Romane wie „Altes Land“ und „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen, oder etwa das so erfolgreiche „Unterleuten“ von Juli Zeh oder das schwer einzuordnende „Das Feld“ von Robert Seethaler reflektieren auf der Ebene der Literatur jenes unklare Verlustgefühl vieler zeitgenössischer Menschen, das in den letzten Jahren meist unbefriedigend unter dem Stichwort „Heimat“ verhandelt wird.

 

Hannelore Hoger hat nach „Altes Land“ auch den neuen Roman von Dörte Hansen auf unnachahmliche Weise eingelesen. Es ist nicht nur ihre Stimme, sondern ihre den Hörern aus unendlich vielen Filmrollen bekannte Persönlichkeit; die sie zur perfekten Regisseurin eines Hörbuchs macht, das erzählt vom Verschwinden der bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und Neubeginn.

 

Ungekürzte Lesung in 11 Std und 31 Minuten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die offene Stadt., Eine Ethik des Bauens und Bewohnens

 

 

 

Richard Sennett, Die offene Stadt., Eine Ethik des Bauens und Bewohnens, Hanser Berlin 2018, ISBN 978-3-446-25859-4

 

Der Zug von Millionen Menschen weltweit vom Land in die immer größer werdenden Städte ist ein seit langer Zeit zu beobachtendes Phänomen, mit dem sich auch Stadtplaner und Politiker hierzulande herumschlagen. Denn dieser Sog hat Folgen, nicht nur für die Stadt selbst mit steigenden Mieten und drohendem Verkehrskollaps, sondern auch für die absterbenden ländlichen Regionen im Vorfeld der Stadt. Hier gegenzusteuern, indem man die ländlichen Regionen unterstützt und fördert, wie das Christian Lindner etwa gestern bei einer Wahlveranstaltung in Darmstadt im Rahmen des hessischen Wahlkampfs forderte, schein ebenso richtig wie wirkungslos.

 

Richard Sennett hat sich als weltbekannter Soziologe sein Leben lang schon Gedanken gemacht über die Stadt und eine angemessene Stadtpolitik. Nun legt er mit „Die offene Stadt“ eine „Ethik des Bauens und Bewohnens“ vor, ein Buch, indem er seine lebenslangen Arbeiten über Stadtpolitik resümiert.

 

Wie kann eine offene Stadt aussehen, die geprägt ist von Vielfalt und Veränderung – und in der Bewohner Fähigkeiten zum Umgang mit Unsicherheiten entwickeln? Richard Sennett zeigt, warum wir eine Urbanistik brauchen, die eine enge Zusammenarbeit von Planern und Bewohnern einschließt und voraussetzt – und dass eine Stadt voller Widersprüche urbanes Erleben nicht einengt, sondern bereichert.

Sennett bietet viele Beispiele für offene Räume in einer Stadt. Der beschreibt etwa Plätze, die unterschiedlichen sozialen Gruppen Raum bieten, wie es sie überall auf der Welt gibt. Der Autor denkt darüber nach, wie Städte im Sinne der Bewohner jenseits von Immobilienspekulation und Gentrifizierung funktionieren können.

 

Die Stadt als ein funktionierender Körper, so stellt sich Sennett eine neue Stadtpolitik vor. Für alle, die sich mit Stadtpolitik beschäftigen oder sich dafür interessieren ist sein neues Buch eine unterhaltsame und sehr lehrreiche Lektüre.

 

Wie man aber dem ungebrochenen Trieb der Menschen vom Land in die Stadt und dem dort drohenden Kollaps einerseits und der Ausdünnung aller sozialen Einrichtungen auf dem Land entgegenwirken könnte, darüber habe ich nichts gefunden in diesem Buch. Aber das war ja auch nicht sein Thema. Ein Thema aber, das bleiben wird, das wurde gestern Abend bei der erwähnten Wahlveranstaltung mehr als deutlich.