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Spiel mit mir

 

 

 

 

Agnese Baruzzi, Spiel mit mir, minedition 2018, ISBN 978-3-86566-290-3

 

Dieses kleine Bilderbuch von Agnese Baruzzi, lädt kleine Kinder ab etwa zwei Jahren ein, ihre Finger einzusetzen, um die im Buch gezeigten Figuren und ihre gezeichnete Aktionen lebendig werden zu lassen.

Mit ihren Fingern können sie  tanzen, hüpfen, kicken, schaukeln, jonglieren, Fußball spielen und vieles mehr und sogar auf dem Mond landen.
Jede Seite lädt zum aktiven Mitmachen ein und bringt Spaß
für große und kleine Finger. Das Buch eignet sich zum Selberspielen aber auch als eine Art Theateraufführung für kleine Zuschauer.

 

Eine schöne originelle Idee, zeichnerisch schön umgesetzt.

Mein Leben oder Ein Haufen unvollkommener Momente

 

 

 

Peter Bognanni, Mein Leben oder Ein Haufen unvollkommener Momente, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25863-1

 

Sieben Monate lang haben sich Tess, die ich-erzählende Hauptperson des hier vorliegenden Jugendromans von Peter Bognanni, und Jonah gekannt. Alles haben sie miteinander geteilt, Gefühle, Alltagserlebnisse, Sorgen, Ängste und Hoffnungen. Doch wirklich gesehen haben sich die beiden nur beim allerersten Kontakt, als sich Tess sofort in ihn verliebte. Danach haben sie nur noch per Chat, Facebook oder Tweets miteinander kommuniziert, sie haben sich gegenseitig ihre Liebe gestanden und ihr Innerstes offenbart.

 

Doch nun hat sich Jonah das Leben genommen und Tess ist am Boden zerstört. Was hat ihr Jonah vorenthalten? Kannte sie ihn vielleicht doch nicht so gut wie sie dachte? Um ihre Trauer einigermaßen zu bewältigen, schreibt sie ihrem toten Freund weiter Emails.

In all ihrer Trauer und ihrem Schmerz findet Tess bei ihrem Vater, der als Bestatter arbeitet und auch sehr ungewöhnliche Aufträge annimmt, eine Aufgabe, indem sie ihm hilft und zunehmend bei dieser Tätigkeit auch so etwas wie eigenes Profil entwickelt. Sie, die selbst voller Trauer ist, kommt auf diese Weise den Kunden des Vaters sehr nahe, kann sich gut in sie hineinversetzten und hat damit großen Erfolg.

 

Als sie eines Tages auf ihre Mails an Jonah tatsächlich eine Antwort erhält, lernt sie Jonahs Freund Daniel kennen, der selbst an dem Suizid von Jonah zu knabbern hat. Nach der ersten Aufregung über Daniels angeblichen Vertrauensbruch, kommen sich die beiden näher und die Hintergründe von Jonahs Tod werden offenbar.

 

Peter Bognannis Roman ist ein wunderbares Buch über den Tod, über Abschied, Trauer, über Neuanfang und die Kraft der Liebe. Ich habe das Buch gerne gelesen, es hat mich mit seinem Humor unterhalten und mit seiner Tiefe, mit der es das Thema Tod und Abschied behandelt, nachdenklich gemacht.

 

 

Lästige Liebe

 

 

 

 

Elena Ferrante, Lästige Liebe, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42828-3

 

Ihr vierbändiges Epos „Neapolitanische Saga“ hat sie nicht nur in Deutschland mit einem Schlag bekannt gemacht und einen unvergleichliche Hype um die italienische  Schriftstellerin Elena Ferrante ausgelöst. Vom Ferrante-Fieber werbetextete der Suhrkamp-Verlag, der nun beginnend mit ihrem literarischen Debüt aus dem Jahr 1992 wohl alle bisherigen Werke der ungewöhnlichen Autorin verlegen und dem deutschen Publikum zugänglich machen will.

 

Schon bei der Veröffentlichung von „Lästige Liebe“ (L`amore molesto) im Jahr 1992 in Italien hat sich Elena Ferrante dazu entschlossen unter einem Pseudonym zu schreiben und hat das auch nach dem überwältigenden Erfolg der Saga so beibehalten.

 

„Lästige Liebe“ spielt wie die Saga in Neapel. Wer die vier Bände der Saga gelesen hat, entdeckt in dem nun auf Deutsch vorliegenden Debüt Ferrantes schon die Umrisse von Figuren, Schauplätzen und Motiven, die später in der Tetralogie eine Rolle spielen werden. Als „Lästige Liebe“ 1994 in Deutschland erschien, wurde der Roman nicht wahrgenommen und ging hier eher unter, während Elena Ferrante in Italien schon eine breite Resonanz erfuhr und von der Literaturkritik intensiv gewürdigt wurde.

 

Delia, die Hauptperson des Romans, 45 Jahre alt und als Comiczeichnerin arbeitend, kehrt nach dem plötzlichen und unerklärlichen Tod ihrer Mutter nach Neapel zurück, in die ihr verhasste Heimatstadt. Ihre Mutter ist wenige Tage zuvor im Meer ertrunken. War es ein Unfall oder hat sich die Mutter selbst umgebracht? Oder hatte beim Tod der Mutter jemand anderes seine Hände im Spiel?

 

In vielen Rückblenden erinnert sich Delia an ihre Mutter und ihre Kindheit mit einem gewalttätigen Vater. Es geht um viele Geheimnisse und um einen Verrat, als die fünfjährige Delia ihrer Mutter eine Affäre mit einem Geschäftspartner des Vaters angehängt hat.  Doch es steckte etwas ganz anderes dahinter, dunkler Ursprung aller weiteren Verwicklungen, denen die ich-erzählende Delia nun nachspürt. Sie muss dafür tief in ihre Vergangenheit hinabsteigen, ein schmerzhafter Prozess, dessen Psychodynamik Ferrante brillant darstellt. Immer wieder kommen Bilder und Erlebnisse in Rückblenden in Delia hoch, während sie geradezu getrieben versucht, die letzten Stunden ihrer Mutter Amalia, mit der sie mehr verbindet , als sie zunächst zulassen kann, zu rekonstruieren. Warum hat sie wenige Tage vor ihrem Tod so überdreht und verstört geklungen, als sie am Telefon das letzte Mal mit Delia sprach?

 

Und welche Rolle spielt Caserta, ein ehemaliger Freund ihres gewalttätigen Vaters, der plötzlich wieder auftaucht? Offenbar war er der letzte Mensch, der die Mutter lebend gesehen hat. Und während Delia verzweifelt durch die Gassen der Stadt läuft und Erinnerungen entwirrt, die sie lange unterdrückt hatte,  ahnt sie nicht, wie schutzlos sie sein wird gegen das schreckliche Geheimnis ihrer eigenen Kindheit, das in einem schmerzhaften Prozess ans Tageslicht kommen wird, sodass sie am Ende sagen wird: „Amalia war einmal. Ich war Amalia.“

 

„Lästige Liebe“ ist ein starker Roman, der die literarische Kraft der späteren Saga schon in sich trägt.

 

 

 

 

 

LOST. Menschen an den Rändern der Welt

 

 

Markus Mauthe, LOST. Menschen an den Rändern der Welt, Knesebeck 2018, ISBN 978-3 95728-138-8

 

Markus Mauthe ist nicht nur ein bekannter Naturfotograf sondern auch seit langem ein engagierter Umweltaktivist, denn auf seinen Reisen hat er immer wieder erlebt, wie sich unsere, die sog. Westliche Art und Weise zu leben und zu wirtschaften negativ auf Natur und Menschen überall auf der Welt auswirkt. Immer wieder geht es in seinem Arbeiten um den Erhalt von Lebensräume auf unserer Erde.

Für sein neues Projekt reiste der Ausnahmefotograf in die entlegensten Gebiete der Welt und besuchte indigene Volksgruppen, deren Lebensräume durch die rasante Ausbreitung des ressourcenverschwendenden westlichen Lebensstils und wirtschaftliche Interessen auf ganz extreme Weise gefährdet sind.

Das Leben all dieser Menschen, die er in Afrika, in Myanmar, im äußersten Norden Russlands und am Amazonas in Südamerika besucht und fotografiert hat ist bis auf den heutigen Tag stark mit der Natur verbunden. Doch der Einfluss unserer Wirtschaftsweise und der Moderne reicht mittlerweile bis in diese letzten Winkel des Planeten hinein du unterwirft das Leben der indigene Völker einem starken Wandel.

 

In den Fotografien von Mauthe spiegelt sich keine romantische Verklärung, sondern er dokumentiert eine Realität, in der die Menschen unterschiedlichster Kulturen sich der Herausforderung stellen, ihre Lebensweise mit den Einflüssen von außen in Einklang zu bringen.

 

Fotografie auf Augenhöhe werden ergänzt durch fundierte Texte von Florens Eckert, der in ihnen die jeweilige Situation der einzelnen Gruppen dokumentiert und das Hintergrundwissen darüber liefert, wie „die Ränder der Welt“ entstanden sind.

 

Das traurig stimmende Porträt einer verschwindenden Welt.

 

 

 

 

 

Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand

 

 

 

Konstantin Wecker, Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand, Gütersloher Verlagshaus 2018, ISBN 978-3-579-08726-9

 

Konstantin Wecker ist ein Mensch und Künstler, der in seinem Leben alle Höhen und besonders die Tiefen durchlebt hat. Er ist immer wieder aufgestanden, seiner großen Liebe, der „ANNArchie“ treu geblieben und hat sich immer wieder für Frieden und Gerechtigkeit engagiert.

 

In dem vorliegenden Gedichtband gibt er ein überzeugendes Beispiel seiner Auffassung, dass Poesie  -und er versteht sich schon immer als Poet- sich nicht abfindet mit dem Machbaren, sondern immer „auf der Suche nach dem Wunderbaren“ ist, und somit notwendig im Widerstand gegen das Bestehende, gegen Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Gewalt.

Für ihn ist  Widerstehen eine unerlässliche, immer wieder neu aufzufrischende Lebenshaltung, um sich nicht einfach allem zu beugen, was einem als selbstverständlich aufgetischt wird.

Im vorliegenden Büchlein interpretiert er wie in einem langen Prosagedicht, kleinere Gedichten von ihm selbst und anderen.

 

Wecker zeigt sich hier als altersweiser spiritueller Poet, keiner Religion verpflichtet, nur seinem eigenen Menschsein und seiner unendlichen Würde.

 

 

 

 

 

Grenzgänger

 

 

 

Mechthild Borrmann, Grenzgänger, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-28179-6

 

In ihrem 2016 erschienenen Bestsellerroman „Trümmerkind“ schilderte die schon mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnete Mechthild Borrmann in einer Geschichte aus der deutschen Vergangenheit die schmerzliche Suche einer Frau nach der Wahrheit. Eine Frau, die erkennen muss, dass und wie ein Verbrechen auf schicksalhafte Weise mit der Geschichte ihrer Familie verbunden ist. Ich habe diesen sehr gelungenen Roman damals geradezu verschlungen.

 

Entsprechend gespannt war ich auf ihren gerade erschienenen neuen Roman „Grenzgänger“. Wieder siedelt sie den einen Teil der Handlung in den Nachkriegsjahren an und den anderen in das Jahr 1970. Und wieder schafft sie es mit einer ausgefeilten Sprache ihren Leser wie in einem Sog sofort an sich zu binden mit einem Plot, der die Geschichte einer lebenshungrigen Frau erzählt, die trotz einer langen und brutalen Vergangenheit als Heimkind an die Gerechtigkeit glaubt und fast daran zerbricht.

 

Die Familie Schöning, um die es geht, lebt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in einem kleinen Dorf nahe der deutsch-belgischen Grenze. Dort blüht der Kaffeeschmuggel, ohne den viele Menschen dort nicht überleben könnten. Auch die 17- jährige Henni, die nach dem frühen Tod der Mutter die Familie führt und die jüngeren Geschwister versorgt, macht bald dabei mit und kann mit den Erlösen des Schmuggels den totalen Ausfall des Vaters mehr als ausgleichen. Der hatte sich, nachdem er aus der Gefangenschaft heimkehrte, keine Arbeit gesucht, auch zuhause nichts gemacht und -fromm geworden- seine ganze Zeit in der Kirche und bei dem katholischen Priester verbracht, der im Laufe der Handlung noch eine sehr unrühmliche Rolle spielen wird.

 

Als dann aber irgendwann eine Schmugglergruppe erwischt wird, wandern die Erwachsenen ins Gefängnis und Hennis Vater will sie mit der Unterstützung des Priesters in ein Heim geben und die anderen Kinder mit dazu. Doch noch kann Henni das verhindern, indem sie heimlich erst allein und dann auch mit ihren Geschwistern und anderen alte Schmugglerouten durch das tückische Moorgebiet der Hohen Venn nutzt.

 

Lange geht das gut und Henni kann für ihre Geschwister sorgen, doch eines Tages werden sie erwischt und ihre jüngere Schwester wird von einem Zöllner erschossen, der im Dorf wohnt. Henni wird daraufhin, 1951, in eine Besserungsanstalt gesteckt und ihre Geschwister werden vom Vater mit tatkräftiger Unterstützung der Pfarrers in ein kirchliches Kinderheim in Trier gegeben.

 

Der Roman schildert eindrucksvoll und bewegend die Zustände sowohl in der Besserungsanstalt, wo Henni geduldig wartet bis sie volljährig ist, als auch in dem kirchlichen Heim in Trier, in dem ihr Bruder Matthias nach einer wahren Folterbehandlung an Lungenentzündung stirbt.

 

Nachdem Henni nach ihrer Entlassung bei der Familie eines Landtagsabgeordneten als Haushaltshilfe unterkommt, ruht sie nicht, Kontakt mit ihren Geschwistern aufzunehmen. Als sie vom Tod des Bruders erfährt, dreht sie fast durch und sucht verzweifelt nach Gerechtigkeit.

 

Auch als sie schon verheiratet ist, gibt sie die Suche nicht auf. Immer gegen den Willen ihres Vaters, der sich immer noch weigert, sich um seine Kinder zu kümmern.  Als der bei einem Brand seines Hauses ums Leben kommt, wird Henni angeklagt.  Und viele frühere Freunde trauen sich aus der Deckung um ihr zu helfen.

 

Mechthild Borrmann erzählt eine unter die Haut gehenden Geschichte, in der sie Tausende von Opfern gerade kirchlicher Kinderheime in den Jahrzehnten nach dem Krieg so etwas wie Gerechtigkeit erfahren lässt. Man kann es aus heutiger Sicht kaum glauben, welche brutalen und menschenunwürdigen Zustände dort unter dem Deckmantel der Religion herrschten und kleine Menschenkinder für ihr ganzes Leben zerstörten.

 

Ein Roman, der sich liest wie ein Krimi und doch auch ein Teil deutscher Sozialgeschichte erzählt. Auf den nächsten Roman von Mechthild Borrmann darf man gespannt sein.

 

 

 

 

 

Alles fließt. Der Rhein. Eine Reise, Bilder, Geschichten (Hörbuch)

 

 

Elke Heidenreich, Tom Krausz, Alles fließt. Der Rhein. Eine Reise, Bilder, Geschichten (Hörbuch), Random House Audio 2018, ISBN 978-3-8371-4439-0

 

»Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt redet und den niemand studiert, den alle Welt besucht und niemand kennt.“ (Victor Hugo, 1854)

Im Frühsommer 2016 schon haben Tom Schulz und Björn Kuhligk auf einem Schiff den Rhein bereist, seine Landschaften, Städte und Menschen erkundet: Von Düsseldorf, Köln und dem Siebengebirge bis nach Basel. Vorbei an Bonn, Koblenz, der Loreley. Entlang zauberhafter Orte am Mittelrhein wie Bacharach und Bingen. Schließlich nach Mainz, Worms, Mannheim, Speyer und Rüdesheim sowie nach Straßburg und den Kaiserstuhl. Und dann haben sie es unter dem Titel „Rheinfahrt. Ein Fluss, seine Menschen, seine Geschichten“ 2017 bei Orell Füssli in Zürich veröffentlicht. Geleitet hat sie ein Bonmot von Victor Hugo, das sie ihrem Buch damals vorangestellt haben: „Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt redet und den niemand studiert, den alle Welt besucht und niemand kennt.“ (Victor Hugo, 1854)

 

Diese Worte Hugos haben auch Elke Heidenreich und den Fotografen Tom Krausz geleitet haben, als sie, ausgehend von der Frage „Warum ist es am Rhein so schön?“ zu einer Reise aufbrechen, die sie zu Fuß, per Schiff und mit dem Auto eine der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt entlangführt, von der Quelle bis zur Mündung. Sie haben außer ihrem schmalen Gepäck nur etwas Literatur über den Rhein, ihre Notizbücher und den Fotoapparat dabei, denn: wir wollten  selber sehen, riechen, fühlen, hören, nachdenken, erfahren.“

 

Die Antworten, die sie finden, sind Geschichten, Ahnungen und sehr persönliche Eindrücke, manchmal schön, manchmal unbequem und immer faszinierend. Mit ihren Betrachtungen machen Elke Heidenreich und Tom Krausz die Geschichte des über 1200 km langen und sechs Länder durchfließenden Stroms für den Leser sehr lebendig.

 

Für mich persönlich, der ich am Ufer des Rheins auf der Höhe von Mainz geboren bin, mein ganzes Leben in seiner Nähe wohne, ihn auch jetzt nach über sechs Lebensjahrzehnten immer wieder besuche, war dieses Buch natürlich ein ganz besonderes Erlebnis. Die Strecke von der Quelle bis nach Koblenz weckten in mir ganz besondere Erinnerungen, denn sie bin ich im Rahmen von Jugendfreizeiten, die ich in den achtziger Jahren organisierte, mehrmals mit dem Fahrrad gefahren.

 

Die hier vorliegende gekürzte Hörbuchfassung ist von Elke Heidenreich selbst eingelesen worden und ist ein angenehmes Hörerlebnis.

 

 

 

Grossglockner. Hochalpenstrasse.Österreich- 2504 m

 

 

 

Stefan Bogner, Jan Karl Baedeker, Grossglockner. Hochalpenstrasse.Österreich- 2504 m Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11394-8

 

Unter dem Titel „Porsche Drive – 15 Pässe in 4 Tagen“ haben der Fotograf Stefan Bogner und der Autor Jan Karl Baedeker bereits einen eindrucksvollen und erfolgreichen Bildband vorgelegt und die perfekte Route für eine „Mille Miglia der Alpen“ definiert.

Mit ihrem im letzten Jahr erschienenen Buch „Porsche Drive – Stelvio“ hatten die beiden dem Stilfser Joch eine bildgewaltige und einzigartige Hommage bereitet. Kaum ein anderer der unzähligen Alpenpässe wird von Serpentinenliebhabern so verehrt wie das Stilfser Joch. Anfang des 19. Jahrhunderts vom genialen Baumeister Carlo Donegani im Auftrag der österreichischen Krone gebaut, führt die bis heute kühnste und kurvenreichste Straße der Alpen in 48 Kehren hinauf auf 2757 Meter.

 

In ähnlicher Aufmachung und gleichem Aufbau widmen sich die beiden Autoren in dem hier vorliegenden neuen Buch der Grossglockner Hochalpenstrasse, eine erfahrbare Sehenswürdigkeit, Ziel naturromantischer Sehnsüchte, sportlicher Ambitionen und automobiler Vergnügungsfahrten

 

Auf mehr als 300 Seiten, mit spektakulären Luftaufnahmen, Geschichten und Interviews, wird diese Straße erstmals ausführlich dokumentiert und porträtiert, ehe sie am Steuer einiger der schnellsten und sportlichsten Porsche aller Zeiten Kurve um Kurve „erfahren“ wird. Zu Wort kommen im Buch nicht nur Alpenhistoriker und Architekten, sondern auch Porschefahrer, die ihre Leidenschaft für diesen Pass mit den Lesern teilen. Fehlen dürfen bei Baedeker und Bogner auch nicht die Reise-Empfehlungen: In welche Restaurants man auf der Strecke einkehren und wo man am besten übernachten soll, verheimlicht das Buch ebenfalls nicht – und stiftet so zur Nachahmung an.

 

Man  muss aber nicht unbedingt  mit einem Porsche hinauffahren um das einzigartige Erlebnis zu genießen.

 

Pink Floyd. Alle Songs. Die Geschichten hinter den Tracks

 

 

 

 

Philippe Margotin, Pink Floyd. Alle Songs. Die Geschichten hinter den Tracks, Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11410-5

 

Ein schwergewichtiger Band dokumentiert die Geschichte einer Band und ihrer Songs, deren Bedeutung für die Popmusik der letzten 50 Jahre nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Die Rockband wurde 1965 von Roger Waters, Syd Barrett, und Richard Wright gegründet. Die Besetzung wechselte zu David Gilmour, Nick Mason, Waters und Wright. Gemeinsam entwickelten sie einen unverwechselbaren eigenen Stil, geprägt von Psychedelic und Progressive Rock, Blues und Jazz, aber auch klassischer Musik. Ihr Stil setzte sich im Artwork der Plattencover und in der visuellen Gestaltung der Liveshows, die immer gigantischer und aufwendiger wurden, fort.

 

Die beiden Musikjournalisten Philippe Margotin und Jean-Michel Guesdon rollen in ihrem fast 600 Seiten starken hier vorliegenden Kompendium Pink Floyd – Alle Songs. Die Geschichten hinter den Tracks das Werk der Band neu auf:

• alle Alben bis zum 2014 erschienenen The Endless River
• alle Songs in chronologischer Reihenfolge
• Hintergrundinfos zur Entstehungsgeschichte
• Geschichten aus dem Studio und dem Leben der Musiker

 

Für alle Fans von Pink Floyd (die ältesten unter ihnen aus der allerersten Zeit gehen schon auf 80 zu!) ist dieser Band etwas, das ihre (vollständige?) Plattensammlung von Pink Floyd auf das Beste ergänzt.

 

 

Mein Ein und Alles(Hörbuch)

 

 

 

Gabriel Tallent, Mein Ein und Alles(Hörbuch), Random House Audio 2018, ISBN 978-3-8371-4364-5

 

„Mein Ein und Alles“ ist ein Romandebüt, das in den USA eine gespaltene Rezeption erfahren hat, denn in einem solchen Ton wurde so vorher dort noch nie über Gewalt und Kindesmissbrauch geschrieben.

 

Es ist ein Roman voller wunderbarer und sprachlich in einer solchen Form noch nie gelesenen Beschreibungen der nordkalifornischen Natur, die der Autor jahrelang als Guide durchstreift und kennengelernt hat.

 

Der wirklich unter die Haut gehenden Roman erzählt die Befreiungsgeschichte der 14-jährigen Julia Alveston, genannt Turtle, die  seit dem frühen Tod ihrer Mutter allein mit ihrem waffennarrigen Vater Martin zusammenlebt. Sie wächst in einem heruntergekommenen Männerhaushalt auf und teilt die Vorstellung ihres Vaters, dass man mit der Waffe in der Hand jeden Tag um sein Überleben kämpfen muss. Der Vater übt schon von früh auf mit Turtle den Umgang mit Waffen und sie ist auch eine hervorragende Schützin.

 

Doch so sehr sie ihren Vater liebt, so sehr fürchtet sie seine sexuellen Übergriffe und die fast täglichen Vergewaltigungen. In stundenlangen Märschen durch die Natur, wo sie jede Pflanze und jedes Lebewesen genau mit Namen kennt, sucht sie vor diesen Übergriffen Zuflucht.

 

Die Beschreibungen dieses permanenten physischen und psychischen Missbrauchs und wie sie Turtle in eine Hölle sich widersprechender Gefühle stürzen, sind schwer zu ertragen weil sie ähnlich genau und differenziert formuliert sind wie Tallents außergewöhnliche Naturbeschreibungen. Ich nehme an, es waren diese Szenen und die Kritik an dem Waffenfetischismus des Vaters, die das Buch in den USA so umstritten machten.

 

Turtles Schicksal scheint aussichtslos. Auch der in der Nähe wohnende Großvater, der seinen Sohn genau kennt und offenbar ahnt, was sich in dessen Haus abspielt, kann dem Mädchen nicht helfen.

 

Als Turtle in der Schule einen Jungen namens Jacob kennenlernt und in einer langsamen Annäherung erfährt, wodurch sich wahre Freundschaft auszeichnet, findet sie schrittweise den Mut, sich gegen den Vater aufzulehnen. Ihre zuvor enge Welt öffnet sich und viele neue, aber angsterregende Möglichkeiten liegen offen vor ihr.

 

Martin spürt sehr schnell, das seine Tochter sich von ihm absetzt: Mit brutaler Gewalt versucht er Turtle wieder in die Zucht zu nehmen. Er kann und will seine Tochter nicht loslassen. Als er eines Tages ein jüngeres Mädchen mitbringt, die er genauso missbraucht, da fallen Turtle alle Schuppen von den Augen und es beginnt ein langer Kampf um Leben und Tod.

 

Das Buch schildert, mit Wucht und Zartheit gleichermaßen, den Befreiungskampf eines zuvor in der Hölle der väterlichen Macht und Begierde gefangenen Mädchens. Gabriel Tallent tut das als Romandebütant in einer so vorher noch nie gelesenen Sprache, einer Sprache, die einen nicht loslässt, regelrecht überwältigend und trotz aller furchtbaren Gewalt, die beschrieben wird, mit einer zärtlich-poetischen Schönheit. Sie aus dem Amerikanischen zu übersetzen war sicher nicht leicht ist aber Stephan Kleiner hervorragend gelungen.

 

Wer solch einen Erstling vorlegt, dem traut man viel zu. Doch nach einem solchen „Meisterwerk“ (Stephen King) einen Nachfolger zu präsentieren, wird nicht leicht werden. Ich jedenfalls warte gespannt darauf.

 

Die hier bei Random House Audio vorliegende ungekürzte Hörbuchfassung wurde von der Schauspielerin Anna Thalbach eingelesen. Für Tallents gewaltiges Debüt findet sie mit ihrer unverwechselbaren Stimme genau den richtigen Ton zwischen Zerbrechlichkeit und großer Stärke und Kraft. Sie selbst sagt zu dem Werk:

„Er schafft sehr starke und sehr dreidimensionale Bilder und hat sehr klare Figuren.“

 

Ein beeindruckendes Hörbuch, eine beeindruckende Stimme.