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Kind ohne Namen

 

 

 

 

Christoph Poschenrieder, Kind ohne Namen, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257 07000-2

 

In seinem neuen Roman erzählt der in München lebende Schriftsteller Christoph Poschenrieder von einem Dorf, das Angst vor Fremden hat. Seine Hauptperson ist Xenia, eine junge Frau, die nach dem Abitur sofort in die Großstadt flüchtet, um dort ein Studium der Literaturwissenschaft aufzunehmen:

„Mir tun die leid, die nicht auf dem Dorf aufwachsen; und die, die ihr ganzes Leben dort verbringen müssen. Sobald ich konnte, ging ich in die Stadt, weil ich dachte, nur dort finde ich die Welt.“  Doch bald schon tut sie schwer: „Auf einmal musste ich das, was mir immer warm und vertraut in der Hand lag, mit Zangen und Pinzetten anfassen – und das Papier wurde starr und spröde, die Worte darauf bockig und verstockt. Damit hatte ich nicht gerechnet.“

 

Voller Heimweh und ungewollt schwanger kehrt sie in das abgelegene Dorf zurück, wird von ihrer Mutter, die früher die Bürgermeisterin und Lehrerin des Dorfes war, gut aufgenommen und beginnt  in der Dorfkneipe von Georg, der ihr heimlich den Hof macht, zu jobben.

Sie hilft ihrer Mutter, das ehemalige Schulhaus für eine Gruppe von Flüchtlingen unterschiedlichen Alters herzurichten und engagiert sich auch beim Begrüßungsfest für die Flüchtlinge, das aber von den Einheimischen gestört wird. Sie schleudern Beuteln mit Hundekot auf die Tische und Xenias Bruder Josef, ein scharfer Nazi im Dienst des geheimnisvollen Burgherren, lässt Bananen regnen.

Xenia hat Mitleid mit den Flüchtlingen und nähert sich einem Jungen namens Ahmed an: „Einer der Jungs sah mich an, ich nahm seinen Blick und lenkte ihn weiter in Richtung Handyberg, unsichtbar über dem dunklen, stillen Wald. Fremder, der du hier eingehst, lass alle Hoffnung fahren, hätte ich auch sagen können. Er tat mir sofort leid, der Junge. Telefone, das sind die Luftwurzeln, die weit reichen, dorthin, woher sie gekommen sind, diese Leute.“

 

„Kind ohne Namen“ ist nicht so sehr ein Flüchtlingsroman, denn ein Bild eines aussterbenden Dorfes, das sich radikalisiert und ein Porträt einer jungen selbstbewussten und kritischen Frau, die ihren Weg ins Erwachsensein sucht. Poschenrieder nimmt Anleihen bei der Novelle des Schweizer Pfarrers Jeremias Gotthelf „Die schwarze Spinne“ aus dem Jahr 1842, in  der eingebettet in eine idyllisch angelegte Rahmenerzählung alte Sagen zu einer gleichnishaften Erzählung über christlich-humanistische Vorstellungen von Gut und Böse verarbeitet werden.

 

„Kind ohne Namen“ Poschenrieders fünfter Roman, ist ein unterhaltsames Buch, das den Leser ins Nachdenken bringen soll. Dennoch reicht es für mich nicht ganz an seine Vorgänger heran.

 

 

 

 

Die Königin schweigt

 

 

 

 

 

Laura Freudenthaler, Die Königin schweigt, Droschl 2017, ISBN 978-3-99059-001-0

 

In ihrem Debütroman „Traurige Freiheit“  hatte die Österreicherin Laura Freudenthaler im Jahre 2016 überzeugend und sehr einfühlsam das Scheitern, den Absturz und die Einsamkeit einer jungen Frau in ihrem Konflikt zwischen ihrer Beziehung und ihrer Arbeit beschrieben. Sie schilderte damals ihre Hauptfigur drastisch, gleichzeitig aber mit großer Sensibilität, viel sprachlichem Geschick ohne sentimental zu werden.

 

Dieses sprachliche Geschick hat sie auch bei ihrem zweiten Roman unter Beweis gestellt, der unter dem Titel „Die Königin schweigt“ 2017 ebenfalls bei dem kleinen ambitionierten österreichischen Droschl Verlag erschienen ist, und der soeben mit dem Bremer Literaturpreis 2018 ausgezeichnet wurde. Die Jury schreibt dazu:

„Mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises wird Laura Freudenthaler für „Die Königin schweigt“ ausgezeichnet. Ein stiller, konzentrierter Roman, der eine alte Frau, die sich gegen das Erinnern und das Erzählen sperrt, auf ihr von Verlusten bestimmtes Leben zurückblicken lässt. Freudenthaler zeichnet das eindringliche Porträt einer Generation, die ein scheinbar unspektakuläres Dasein führte, in dem sich aber tatsächlich die große Geschichte verbirgt.“

 

 

„Die Königin, die schweigt“  ist Fanny. Eine Frau, die immer aufrecht bleibt, vieles für sich behält und dennoch viele Geschichten kennt. Aus ihrem langen und bewegten Leben erzählt Laura Freudenthaler, und sie tut es so, als hätte sie diese Frau gut gekannt. Sie erinnert sich an die tragischen und die schönen Ereignisse ihres Lebens, an das Leben mit Bruder und Eltern auf dem Bauernhof,  an den Besuch der Wirtschaftsschule, wo sie das einzige Mädchen war.

 

Als der Bruder im Krieg fällt, ist dies das erste Lebensunglück, dem sich in den folgenden Jahrzehnten weitere anschließen werden. Nachdem Fanny nach dem Krieg den in der KPÖ aktiven Schulmeister geheiratet hat und ins Schulmeisterhaus gezogen ist, muss trotz ihrer tatkräftigen Unterstützung der elterliche Hof verkauft werden. Ihr Mann verunglückt tödlich und auch die Eltern sterben. Nachdem Fanny in der Großstadt gezogen ist, doch bald schon wieder in einer kleinen Stadt in der Nähe des Heimatsdorfes seßhaft wird, bleibt ihr nur ihr Sohn Toni, der, ihr im Wesentlichen fremd, schließlich erwachsen wird und sein eigenes Leben lebt.

 

Irgendwann wird Toni seinem Leben ein Ende setzen und seine Tochter Hanna zurücklassen. Doch auch mit ihr kann Fanny nicht wirklich Nähe aufbauen:

„Fanny schaute Hanna an. Noch so eine Vergangenheitsfahrerin. Wie die Enkeltochter, wie Toni auch. Alle wollen sie hingehen, wo irgendwann einmal etwas gewesen war, und begriffen nicht, dass eine Rückkehr unmöglich war.“

 

Erinnerungsfragmente als Momentaufnahmen eines Lebens, das Fanny zu einer unnahbaren und schweigsamen Frau gemacht hat: Laura Freudenthaler zeigt auch in ihrem zweiten Roman  ein feinsinniges Gespür für Stimmungen und Emotionen.

 

Hier wurde ein literarisches Talent ausgezeichnet, von dem wir sicher in den nächsten Jahren noch mehr hören und lesen werden.

 

 

Als flögen wir davon. Über die letzte Wegstrecke

 

 

 

 

Nikolaus Schneider (Hg.) Als flögen wir davon. Über die letzte Wegstrecke, Kreuz Verlag 2017, ISBN 978-3-946905-10-3

 

Nikolaus Schneider war bis 2014 Ratsvorsitzender der EKD. Er trat von diesem Amt zurück, um sich ganz der Pflege seiner schwer an Krebs erkrankten Frau Anne zu widmen. Schon im Jahr 2005 war die gemeinsame Tochter Meike an Krebs gestorben. Seit dieser Zeit beschäftigt sich Nikolaus Schneider mit Fragen des Sterbens, der Sterbehilfe und der spirituellen Vorbereitung auf den eigenen Tod.

 

Obwohl sich durch eine viel längere Lebenserwartung der Tod für die meisten Menschen viele Jahre nach hinten verschoben hat, wird er nach wie vor von den meisten verdrängt. Dennoch kommt niemand wirklich daran vorbei, der Erkenntnis, den Zenit des eigenen Lebens überschritten zu haben, ins Auge zu blicken.

Wer auf ein langes Leben zurückblickt, wird seine/ ihre je eigenen Schlüsse ziehen: Würde ich es noch einmal so machen? Wie gestalte ich den Rest meines Lebens? Bereite ich mich auf den Tod vor oder verdränge ich die Tatsache meiner Sterblichkeit?

 

Nikolaus Schneider, der wie kaum ein anderer in den letzten Jahren auch ganz persönlich vom Sterben gesprochen  und geschrieben hat, hat für das vorliegende Buch insgesamt 18 Weggefährten und Gesprächspartner eingeladen, auf jeweils 10-12 Seiten davon erzählen, wie und wie bewusst sie sich auf „die letzte Wegstrecke“ machen.

 

Dabei schreibt zum Beispiel der von mir sehr geschätzte Fulbert Steffensky: „Was wird nach meinem Tod sein? Ich weiß es nicht, und ich muss es nicht wissen. Aber wenn Gott lebt, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass unsere Tränen umsonst geweint wurden und dass die Opfer ungetröstet bleiben.“

 

Und Bärbel Wartenberg-Potter spricht wie ihre jüngst verstorbene Freundin Luise Schottroff vom “Sterbeglück“, eine Gedichtzeile von Dorothee Sölle zitierend: „Schmerzlos flöge ich in dich, mein immer dunklerer Himmel.“

 

 

Ein ehrliches, ein wahrhaft frommes Buch, das einlädt, sich mit der eigenen letzten Wegstecke auseinanderzusetzen.

Was kann einer schon tun?

 

 

 

 

Peer Martin, Was kann einer schon tun, Oetinger 2017, ISBN 978-3-7891-0867-9

 

Peer Martin ist ein Schriftsteller, der für sein Romandebüt „Sommer unter schwarzen Flügeln“ 2016 den Jugendliteraturpreis erhalten hat. Mittlerweile lebt er mit seiner Frau, seinen drei Kindern und seinem Hund Lola in Quebec in Kanada, wo wohl auch das kleine hier vorliegende verstörende und verunsichernde Buch entstanden ist.

 

In etlichen fiktiven Gesprächen unter anderem mit seinem Hund Lola geht er mit seinen Gesprächspartner der ihn quälenden Frage nach, was, angesichts der vielen ungelösten Probleme in der Welt ein Einzelner schon tun kann.

 

Man hat schon an einzelnen Stellen das Gefühl, dass das alles schon arg konstruiert daherkommt und mit viel Moral gesättigt. Dennoch: man mag vielleicht über die Verzweiflung, die Martin quält lächeln, doch man nimmt ihm ab, dass ihn  diese Fragen wirklich umtreiben, Fragen, die ich jedenfalls sehr oft denke, aber dann verdränge und nicht weiter verfolge, weil sie mir schlechte Laune machen.

 

Ein Buch für junge Menschen, das zum echten Nachdenken und kritischen Bewusstsein einlädt.

Nachtwächter und Türmer damals und heute

 

 

 

 

Ulrich Metzner, Nachtwächter und Türmer damals und heute, Verlag Anton Pustet, ISBN 978-3-7025-0877-7

 

Die seit den 1980 er Jahren immer noch steigende Beliebtheit des Mittelalters und das Entstehen einer entsprechende Szene und unzähligen Events und Märkten hat auch einen neuen Fokus gebracht auf die Nachtwächter und Türmer, die in früheren Zeiten eine wichtige Arbeit verrichteten. „Leben wie im Mittelalter“ ist mittlerweile eine weit verbreitete Freizeitgestaltung, die in manchen Gegenden für den Tourismus eine große Bedeutung hat.  In Eggenburg in Niederösterreich etwa findet die “Zeitreise ins Mittelalter” seit mehr als 20 Jahren statt. Die Waldviertler Stadtgemeinde, Bewohner und Besucher verkleiden sich wie vor Jahrhunderten, rund 300 Künstler und 200 Händler spielen mit. So verwundert nicht, dass hier auch abseits des Events ein Nachtwächter unterwegs ist, der den Gästen auf einsamen und dunklen Wegen die Geheimnisse der Stadt nahebringt

 

Das vorliegende Buch von Ulrich Metzner aus den Verlag Anton Pustet, der schon viele ähnliche kulturgeschichtlich interessante Werke verlegt hat, widmet sich dem Phänomen der Nahtwächter und Türmer in Vergangenheit und Gegenwart in vielen bunten Mosaiksteinen. Die Geschichten sind in kleine, leicht lesbare Häppchen mit zügigen Titeln unterteilt. Es sind nicht nur amüsante Geschichten. Man erfährt viel über Beruf und Pflichten der Nachtwächter. Noch als das Mittelalter längst vorbei war, sollten sie Vermögen und Gesundheit der Bürger schützen, indem sie für Ruhe sorgten, Feuer, Diebstahl und Raub verhinderten und die Stunden „abzublasen und abzurufen“ hatten. Der Autor konnte eine Reihe von Liedern und Sprüchen – wie das bekannte „Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen. unsere Glock‘ hat Zwölf geschlagen“ – zusammentragen. Er stellt die Ausrüstung, die armselige Besoldung und das geringe Ansehen der Wächter vor, obwohl sie Respektspersonen sein sollten. Darstellungen in Kunst und Literatur kommen nicht zu kurz.

 

Eine lange Liste gegenwärtiger Nachtwächter und Türmer (etwa 150) überall in Deutschland und Österreich) ermöglicht es dem Leser, Kontakt aufzunehmen mit einem von ihnen in seiner Nähe und ggf. mit seiner Familie oder eine Gruppe von Freunden und Interessierten einen Ortstermin zu vereinbaren.

Ein aufschlussreiches kulturhistorisches Buch.

Die Entstehung der Arten. Illustrierte Edition

 

 

 

 

Charles Darwin, Die Entstehung der Arten. Illustrierte Edition, Theiss 2017, ISBN 978-3-8062-3585-2

 

Darwins „Entstehung der Arten“ ist nicht bloß irgendein Werk. Mit seinem Erscheinen 1859 löste es eine kopernikanische Wende in den Natur- und Geisteswissenschaften aus, die allein mit der Wende vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild vergleichbar ist.
Was ist die bedeutende Leistung Darwins?
Sie liegt nicht darin, eine Evolutionstheorie entwickelt zu haben – das vor ihm schon anderen (u.a. Lamarck) gelungen. Nein, ihm gelang es, einen Mechanismus anzugeben, mit dem eine Entwicklung von einfachen zu immer komplexeren Arten möglich schien. Diese Möglichkeit begründete er in seinem Werk so gewissenhaft, dass daraus eine wissenschaftliche Hypothese erwuchs, die bis heute die Grundlage der modernen Evolutionstheorie darstellt. Darwins Hebel war die natürliche Zuchtwahl (Selektion), die unter ganz bestimmten Umständen ein besser geeignetes Lebewesen gegenüber einem weniger gut geeigneten Lebewesen vorzieht. Damit löst sich Darwin von der Schöpfungslehre und stellt an die Stelle göttlicher Planung, den blinden Zufall.
Dabei geht Darwin in seiner „ Entstehung der Arten“ nur in einem Nebensatz auf den Menschen ein, der aber auf jene, die sein Buch gelesen haben äußerst erhellend wirkt. So schreibt er gegen Ende seiner Ausführungen: „Licht wird auch fallen auf den Menschen und seine Geschichte.“

So ist Darwins Werk ein Meilenstein der Wissenschaft. Seine Wirkungsgeschichte ist grandios. Darwins Gedankengut beeinflusste nicht nur die moderne Biologie und Anthropologie, sondern findet auch in den Sozial- und Geisteswissenschaft seinen Niederschlag.

 

Die hier vorliegende illustrierte Edition aus dem Theiss Verlag bietet interessierte Menschen die einzigartige Möglichkeit, das Original einmal selbst zu lesen, sic einzulassen auf seine akribische Arbeitsweise, seinen wissenschaftlicher Anspruch und  viele stilistische Feinheiten.

 

Diese Ausgabe hat einem der wichtigsten Bücher der modernen Wissenschaft eine großartige und sehr gut lesbare Generalüberholung verschafft.
 

Maus, Maus, komm heraus

 

 

 

 

 

 

Helga Bansch, Maus, Maus, komm heraus, Tyrolia 2017, ISBN 978-3-7022-3638-0

 

Schon in ihrem letzten Buch „Was macht die Maus?“ hat die österreichische Künstlerin und Kinderbuchautorin Helga Bansch die Figur einer kleinen Maus eingeführt, die kleinen Kindern helfen sollte bei ihrer Sprachentwicklung.

 

Nun hat sie mit ihren ganz typischen Illustrationen, die wir schon von vielen anderen Bilderbüchern von ihr kennen, die sie zum Teil mit anderen Autoren wie etwa Heinz Janisch veröffentlicht hat, die Maus wieder lebendig werden lassen. Sie steckt in vielen verschiedenen Büchern und die Kinder können sie herauslocken, damit sie ihnen  etwas vorliest von Geschichten aus der ganzen Welt.

 

In schönen und lustigen Reimen entführt Helga Bansch mit ihren Bildern die Kinder in ferne und nahe Welten, nach Spitzbergen, in den Dschungel, auf den Rummel und „vielleicht auch noch ein kleines Stück von Freundschaft und vom Glück.“

 

Ein Bilderbuch, das schon kleinen Kindern etwas vermittelt vom Zauber des Lesens und der Bücher und ihrer Geschichten.

 

 

 

 

 

Das schwarze Schaf

 

 

 

 

Italo Calvino, Lena Schall, Das schwarze Schaf, Mixtvision 2017, ISBN 978-3-95854-101-6

 

Der italienische Schriftsteller Italo Calvino (1923-1985) hat diese kleine Geschichte schon vor vielen Jahrzehnten geschrieben. Es geht ihm um die Beantwortung der Frage, wie eigentlich Reichtum und Armut auf die Welt gekommen sind. Er entwickelt dabei eine ganz eigene Theorie.

 

Es war einmal eine Stadt, in der alle Einwohner Diebe waren. Jeder bestahl jeden und so hatte jeder etwas. Doch irgendwann kann ein ehrlicher Mensch in die Stadt und machte dabei nicht mit. So brachte er das bisherige Gleichgewicht durcheinander und das Chaos begann zu regieren.

 

Auf eine komische und satirische Art gelingt es  Calvino die Absurdität des Lebens zu beschreiben. Lena Schall hat dieses philosophische Kleinod mit einer Vielzahl von Techniken und Stilen illustriert und es so auch für Kinder interessant gemacht.

 

Das schöne bei Mixtvision erschienene Bilderbuch ist für Kinder und Erwachsene geeignet.

 

 

Der Weg des Bogens (Hörbuch)

 

 

 

 

Paulo Coelho, Der Weg des Bogens (Hörbuch), Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-80387-7

 

Schon 2003 und dann wieder 2011 ist dieses kleine spirituelle Kleinod von Paulo Coelho auf Spanisch erschienen. Nun legt, parallel zu einem Hörbuch, der Diogenes Verlag in Zürich die erste deutsche Buchausgabe seines vielleicht besten und tiefsten spirituellen Buches vor.

Es ist, eingebettet in eine kleine Geschichte, eine wunderbare und inspirierende Anleitung Coelhos über Ziele, wie man sich ihnen nähert, wie man sie verfolgt und erreicht und wie man sie wieder loslässt um sich dem nächsten zu widmen.  Dabei ist „Der Weg des Bogens“ und das Bogenschießen und seine Elemente ein Sinnbild für das ganze Leben, wie wir es leben und mit Sinn erfüllen. Es geht viel um Haltung, um die Überwindung von Schwierigkeiten, um Standfestigkeit, und den Mut, riskante Entscheidungen zu treffen.

 

Es ist die Geschichte von Tsetsuya, der sich als bester Bogenschütze des Landes in ein abgelegenes Tal zurückgezogen hat und dort eine kleine Tischlerwerkstatt betreibt. Eines Tages bekommt er Besuch von einem anderen erfolgreichen Bogenschützen, der lange gesucht hat, bis er mit Hilfe eines Jungen Tsetsuya gefunden hat. Er will, sich mit ihm messen. Der nimmt die Herausforderung an und düpiert den ehrgeizigen Konkurrenten, der daraufhin abzieht, ohne dass er in die Kunst Tsetsuyas eingeführt worden wäre, wie er sich gewünscht hatte.

 

Stattdessen erklärt der Tischler dem Jungen auf dessen Frage hin auf dem Heimweg den „Weg des Bogens“ Er spricht über die sogenannten Verbündeten, die jeder erfolgreichen Schütze haben müsse, über den Bigen, den Pfeil, das Ziel, die Haltung, wie man den Pfeil hält, wie man den Bogen hält, wie man die Sehen spannt, wie man auf das Ziel blickt. Er spricht über den Augenblick des Abschusses, über die Wiederholung, über den Flug des Pfeils und schließlich über den Schützen selbst.

 

All diese Elemente stehen sinnbildlich für das gesamte Leben und jede einzelne Handlung in jedem einzelnen Leben. Coelho selbst hat dazu gesagt: „Ich habe diesen Text geschrieben, in dem Bogen, Pfeil und Ziel und Schütze Teil des gleichen Systems von Entwicklung und Herausforderung sind.“

Ich halte dieses mir bis heute unbekannte Buch für das beste von Pauli Coelho. Es kann und will immer wieder gelesen oder gehört werden.

 

Sven Görtz hat das Hörbuch gut eingelesen. Er lässt ohne viel eigene Interpretation in seine Stimme zu legen dem Text und seiner vielstimmigen und spirituellen Bedeutung genug Platz.

 

bleiben

 

 

Judith W. Taschler, bleiben (tb), Droemer 2017, ISBN 978-3-426-30479-2

Zwanzig Jahre ist es her, dass sich die Cellistin Juliane und die drei jungen Männer auf einem überfüllten Bahnsteig des italienischen Bahnhofs Roma Termini für kurze Zeit begegneten. Es war eine Begegnung von vier jungen Menschen, die alle an unterschiedlichen Wendepunkten ihres Lebens standen. Juliane war immer noch schwer traumatisiert durch den tödlichen Unfall ihres kleinen Bruders, an dem sie sich die Schuld gab. Paul war frisch geschieden nach einer unglücklichen Ehe, Felix auf der Suche nach der Lebensgeschichte seiner Mutter in Südtirol und Max träumte davon, Maler zu werden.

Die Skizzen, die Max damals auf dem Bahnsteig von der Cello spielenden Juliane machte, bildeten die Grundlage für ein Bild, das zwanzig Jahre später das Leben aller damals Beteiligten gehörig in Unordnung bringen wird.

Juliane hat den älteren Paul geheiratet, der um sie geworben hat und sie mit seinem tiefen Verständnis zu einer Form der inneren Heilung von ihrem Trauma brachte. Sie haben zwei Kinder und Juliane ist mit ihrer Familie und Paul glücklich.

Dennoch beginnt sie mit Felix, zu dem sie sich damals schon hingezogen fühlte, zwanzig Jahre später eine heftige Affäre, nachdem die beiden sich in einer Gemäldeausstellung, in der Julianes Porträt zu sehen ist, zufällig begegnen. Sie verlieben sich ineinander, und treffen sich heimlich über ein halbes Jahr lang.

Juliane ist voller Schuldgefühle, kann aber dennoch nicht von Felix lassen. In wechselnden Abschnitten mit Datumsangabe (von Juni 2015 bis Dezember 2015) erzählen die vier beteiligten Personen jeweils anderen, die lange unbekannt bleiben und mit deren Identität sich der Leser lange herumplagt, die aktuelle und die vergangenen Geschichte. Diese jeweiligen Ich-Erzählungen sind als eine Art Dialog komponiert, der allerdings nur in manchmal gestelzten Rückfragen des Erzählers an seinen stillen Zuhörer als solcher deutlich wird. Mir hat das nicht so gut gefallen, ich habe den Sinn nicht verstanden. Judith Taschler wäre besser bei der reinen Ich-Erzählung ihrer Protagonisten geblieben, zumal die jeweiligen Zuhörer für die ganze Geschichte wenig Bedeutung haben.

Nach einer längeren Reise, von der er sich nicht bei Juliane meldet, bricht Felix den Kontakt zu ihr plötzlich ab. Sie fühlt sich schlecht, verletzt und gedemütigt. Ausgerechnet von Paul, der mehr weiß, als sie annahm, erfährt sie nicht nur den Grund, sondern wieder einmal bedingungslose Annahme und Liebe.

Mit leichter Sprache auf hohem literarischem Niveau hat Judith Taschler einen Roman geschrieben über Liebe und Verrat, Freundschaft und Vertrauen und über den Tod.
Ich habe ihn bis auf die erwähnte kleine Irritation über ein Kompositionsmittel gerne und mit innerer Anspannung gele